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  • Spitzenleistung entsteht im Gehirn

    Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Optimierung unserer Leistungsfähigkeit Inhaltsverzeichnis 1. Leistungsfähigkeit ist ein lebenslanger Prozess 2. Die Entwicklung vom festsitzenden Zellhaufen bis zum veränderbaren Gehirn 3. Mitochondrien – die Kraftwerke der Zellen 4. Sind Psychopillen die Lösung für geistige Höchstleistungen? 5. Ist geistige Leistungsfähigkeit eine Frage des Alters? 6. Ist geistige Leistungsfähigkeit eine Frage der Intelligenz? 7. Wer sich bewegt, kann besser denken 8. Mit der richtigen Ernährung zu geistigen Höchstleistungen 9. Dauerstress schadet unserem Gehirn 10. Während wir schlafen, macht uns unser Gehirn leistungsfähiger 11. Soziale Kontakte als Mittel zur geistigen Leistungsfähigkeit 12. Mit 40 vergreist oder mit 70 agil Spitzenleistung entsteht im Gehirn Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Optimierung unserer Leistungsfähigkeit 1. Leistungsfähigkeit ist ein Lebenslanger Prozess Unser Gehirn ist nicht nur die Schaltzentrale unseres Organismus, sondern auch ein Höchstleistungsorgan mit einer nahezu unbegrenzten Kapazität zur Verar­beitung und Speicherung von Informationen. Dies ermöglichen rund 100 Milliarden Gehirnzellen, die untereinander geschätzte 100 Billionen Verbindungen eingehen. Die Hauptakteure in diesem gigantischen Netzwerk sind die einzelnen Neuronen, also die Ge­hirnzellen, die Signale in Form von elektrochemischen Impul­sen verarbeiten und an andere Neuronen wei­terleiten. An den Synapsen, also den Verbindungsstellen zwi­schen den einzelnen Neuronen werden dabei Signale verstärkt oder abgeschwächt, und wenn im Zellkern der Neuronen ein individueller Schwellenwert, die sog. Reizschwelle überschritten wird, dann wird die Ge­hirnzelle aktiv und feuert, sendet also das Signal an andere Zellen weiter. Durch diese Form der Signalübertragung bilden sich in der Folge mehr oder weniger starke Verbindungen zwischen den Neuronen. In Bezug auf unsere Leis­tungsfähigkeit lassen sich bereits an dieser Stelle fol­gende Aussagen machen: Je mehr Neuronen miteinander verbunden sind, desto mehr Informationen können verarbeitet werden, und je schneller unser Gehirn arbeitet, desto größer ist seine Leistungsfähigkeit. Die Entstehung neuronaler Verbindungen ist aber nicht nur eine Grundvoraussetzung für unsere Leistungsfä­higkeit, sondern vielmehr ein lebenslanger Prozess, der durch verschiedene Aktivitäten unsere Leistungs­fähigkeit erhalten und so­gar noch steigern kann. Dass unser heutiges Gehirn ein Organ ist, das zu fan­tastischen Höchstleistungen fähig ist, haben wir vor allem einer Millionen Jahre andauernden Entwick­lung zu verdanken, und wie wir gleich sehen werden, hätte es auch ganz anders kommen können. ​ 2. Die Entwicklung vom festsitzenden Zellhaufen bis zum veränderbaren Gehirn ​ Prof. Dr. Gerald Hüther zählt zu den bedeutendsten Neurobiologen unserer Zeit und ist Leiter der Zentral­stelle für Neurobiologische Präventionsforschung an der Universität Göttingen. In seinem Buch „Bedienungsanleitung für das mensch­liche Gehirn“ beschreibt er die Entwicklungsstufen und die Einsatzmöglichkeiten des Gehirns sehr eindrucks­voll so: Ein festsitzender Zellhaufen braucht kein Gehirn. Er kann sich weder dorthin bewegen, wo es besser ist, noch kann er sich davonmachen, wenn es brenzlig wird. Für ihn wäre ein Gehirn der reine Luxus. Das Gehirn könnte verkümmern, ohne dass der Zellhaufen es bemerken würde. Ein Beispiel für Gehirnverkümmerung ist der Band­wurm. Dessen Vorfahren waren einmal sehr be­wegli­che Würmer. Sie waren in der Lage, die von den Sin­nesorganen aufgenommenen Signale so zu verar­bei­ten, dass sie zielgerichtet dorthin kriechen konnten, wo keine Gefahr lauerte, wo es etwas zu fressen gab und wo ein begattungsbereiter Partner zu finden war. Einigen dieser Würmer ist es dann später gelungen, einen besonders angenehmen Lebensraum zu finden: den Darm. Dort gab es Nahrung im Überfluss, und es drohten auch keinerlei Gefahren. Die Folge war, dass die Würmer nicht nur ihre Beweg­lichkeit verloren, sondern auch ihr ohnehin nicht sehr groß ausgebildetes Gehirn verschwand, ohne dass sie es bemerkten. So wie den Bandwürmern ist es auch allen anderen Parasiten ergangen. Erst benutzen sie ihr Gehirn be­sonders schlau, um sich ein bequemes Leben zu ma­chen, und wenn sie das endlich geschafft haben, fan­gen sie an zu verblöden. ​ Die erste Einsatzmöglichkeit des Gehirns besteht also darin, sich einen Lebensraum zu erschließen, in dem gar kein Gehirn mehr gebraucht wird. Aber nicht nur das Gehirn als Ganzes kann sich auf- oder abbauen. Auch die einzelnen Areale können sich unabhängig voneinander ganz unterschiedlich entwi­ckeln, je nachdem, wofür man sein Gehirn benutzt und einsetzt. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist der Maulwurf. Seine Vorfahren waren Insekten­fresser. Sie mussten daher einigermaßen gut sehen und springen können. Bei der Jagd nach Insekten be­stand allerdings die Gefahr, von größeren Tieren selbst gefressen zu wer­den. Es war daher durchaus ratsam, sich hin und wie­der einmal einzugraben, und weil es auch unter der Erde genug zu fressen gab, hatten sie schon bald kei­nen Grund mehr, überhaupt wieder nach draußen zu gehen. Sie buddelten Gänge, fingen Re­genwürmer und was es sonst noch alles dort zu fres­sen gab. Sehen konnte man dort unten nichts, aber gut riechen und hören musste man können. Im Laufe der Entwick­lung waren dann irgendwann alle blind, eben wie die Maul­würfe, hatten lange Nasen und so große Grab­schau­feln, dass man damit nicht mehr umherspringen konnte. ​ Die Veränderung des Lebensraums hatte also zur Folge, dass die Sehrinde im Gehirn der Maulwürfe verkümmerte, dafür aber die Bereiche des Gehirns, die für Riechen und Hören zuständig sind, allmählich im­mer besser ausgebaut wurden. Das ist das Schicksal aller Spezialisten. Erst benutzen sie all ihre Sinne und ihr ganzes Gehirn, um eine Ni­sche zu finden, in der es sich einigermaßen komforta­bel leben lässt. Und wenn sie die endlich gefunden haben, passen sich ihr Gehirn und ihr ganzer Körper­bau von Generation zu Generation immer besser an die dort herrschenden Bedingungen an. ​ Die zweite Einsatzmöglichkeit des Gehirns besteht also darin, sich einen Lebensraum zu erschließen, in dem bestimmte Hirnareale besonders gebraucht und auf Kosten anderer Areale stärker entwickelt werden. ​ Eine dritte Möglichkeit, das Gehirn zu nutzen, besteht darin, einen Lebensraum zu erschließen, der so kom­plexe Anforderungen an das Gehirn stellt, dass all seine Fähigkeiten gleichermaßen beansprucht und ausgebaut werden. Diese Einsatzmöglichkeit ist so­wohl die interessanteste als auch die schwierigste, und im Verlauf der Evolution konnten dieses Kunststück auch nur diejenigen vollbringen, denen es nicht gelun­gen war, eine spezielle Nische zu finden, also einen Le­bensraum zu erschließen, in dem es darauf ankam, entweder besonders gut sehen, gut hören, gut riechen, gut laufen, gut klettern, gut schwimmen oder gut flie­gen zu können. Diese Geschöpfe der Evolution, die den Wettbewerb der Einzeldisziplinen verloren hatten und von allem ein bisschen und nichts besonders gut konnten, bekamen als einzige die Chance, die Entwicklung ihres Gehirns für möglichst viele Optionen offen zu halten. Diese Alles-und-doch-nichts-richtig-Könner hatten beim großen Rennen um die besten Überlebenschancen den Startschuss verpasst. Das Feld der Spezialisten war davon gestürmt, und das Rennen war für die zu spät Gekommenen gelaufen. Sie konnten nur noch versuchen, so zu bleiben, wie sie waren, und auszu­harren, bis die anderen sich mit ihrer Strategie veraus­gabt und festgerannt hatten. ​ Und so kam es, wie es kommen musste. Die Spezia­listen waren am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten angelangt. Dafür machten sich die Generalisten, die alles ein bisschen und nichts besonders gut konnten und es mit viel Mühe geschafft hatten, sich in der Welt der Spezialisten zu behaupten, nun erst richtig auf den Weg. Es gab so unglaublich viel zu entdecken, wenn man Ohren, Augen, Nase und Haut gleichermaßen benut­zen und die verschiedensten Sinneswahrnehmungen zu einem vollständigen Bild zusammenfügen konnte. Mit dieser Begabung ließen sich komplexe Verände­rungen der äußeren Welt gleichzeitig auf mehreren Sinnes­ebenen erfassen und für vorausschauende, umsichtige Reaktionen nutzen. Und all das gelang natürlich umso besser, je weniger die im Gehirn angelegten Verschaltungen bereits von Anfang an durch genetische Programme vorbestimmt waren. So entstanden aus den ursprünglich noch streng programmgesteuerten Gehirnen allmählich im­mer offenere, nicht mehr ausschließlich genetisch ge­steuerte Verschaltungen. Endgültige Verschaltun­gen wurden erst später und abhängig von den vorge­funde­nen Nutzungsbedingungen stabilisiert. Aus programmgesteuerten Gehirnen wurden somit zunächst initialgesteuerte und später sogar zeitlebens veränderbare Gehirne. Am Ende dieser Entwicklungsreihe entstand schließlich ein Gehirn, das in der Lage war, seine eigenen Nut­zungsbedingungen festzulegen und sich somit selbst zu strukturieren. Es konnte also selbst entscheiden, was aus ihm werden sollte. ​ Mit einem solchen Gehirn haben sich unsere Vorfahren auf den Weg gemacht, eine Welt zu schaffen, in der sie die Bedingungen für die Benutzung ihres Gehirns nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten konnten. Wie uns dieser kurze Evolutionsexkurs nach Prof. Hüther zeigt, war es bis zu unserem heutigen moder­nen Gehirn ein langer Weg, und wie zu allen Zeiten in der Geschichte der Menschheit ist unser Gehirn immer wieder neuen Herausforderungen ausgesetzt. Her­ausforderungen, die es zu meistern gilt und die schein­bar eine immer größere Leistungsfähigkeit unseres Gehirns erforderlich machen. Wie wir die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns mög­lichst optimal nutzen und einsetzen können, ist eine Frage, die die Wissenschaft schon lange beschäftigt. Auch wenn das menschliche Gehirn noch längst nicht abschließend erforscht ist, so gibt es doch sehr viele Erkenntnisse, die wir nutzen können, um dem zuneh­menden Druck unserer Leistungsgesellschaft gesün­der, erfolgreicher und glücklicher begegnen zu können. ​ 3. Mitochondrien - die Kraftwerke der Zellen Wie wir bereits erfahren haben, ist unser Gehirn ein Höchstleistungsorgan, das in jeder Sekunde unseres Lebens Unmengen von Informationen verarbeitet. Da­mit es hierzu in der Lage ist, benötigt es Energie und zwar rund um die Uhr und ein Leben lang. Aber woher kommt diese Energie? Diese Frage hat die Natur auf hocheffiziente Weise gelöst, indem sie unseren Organismus in die Lage versetzt, die benötigte Energie in eigens dafür ge­schaffenen Kraftwerken selbst zu produzieren. Diese Kraftwerke heißen Mitochondrien und sie kom­men überall dort vor, wo viel Energie benötigt wird. So z.B. in unseren Muskel-, Sinnes- und auch in unseren Gehirnzellen. Mitochondrien sind spezielle Zellorga­nellen, und Organell wiederum ist die Verkleine­rungs­form zu Organ. Umgangssprachlich sind somit Mito­chondrien quasi spezielle „Zellorgänchen“. ​ Diese „Zellorgänchen“ haben es aber im wahrsten Sinne des Wortes in sich, denn in ihnen laufen die entscheidenden Prozesse zur Produktion eines für unsere Leistungsfähigkeit wichtigen Energiemoleküls, des sog. Adenosintriphosphats, kurz ATP ab. Damit unsere körpereigenen Kraftwerke, also die Mito­chondrien gut funktionieren und in ausreichender Menge ATP produzieren, benötigen sie als Rohstoff Glukose und Sauerstoff. Glukose, also Traubenzucker nehmen wir mit unserer Nahrung zu uns und Sauerstoff über die Atmung. Über den Blutkreislauf werden dann Glukose und Sauerstoff zu den Mitochondrien transportiert. Aus diesen beiden Verbindungen entsteht dann dort das Energiemolekül ATP. Im weiteren Prozess werden die ATP-Moleküle durch Enzyme gespalten und die in ihnen enthaltene Energie freigesetzt. ATP wird von den Biochemikern als die Energie des Lebens betrachtet. Es ist das energie­reichste und effizienteste Molekül, das Energie spei­chert und das der Mensch selbst synthetisie­ren kann. Mitochondrien sind also Energiekraftwerke, in denen ATP produziert wird, und einer der führenden Wissen­schaftler in diesem Bereich ist der Biochemiker und ehemalige Präsident des Schweizerischen Wissen­schafts- und Technologierats Gottfried Schatz. Wie stark diese Energiekraftwerke sind, hat er einmal wie folgt beschrieben: ​ „Halte jemandes Hand und fühle ihre Wärme. Gramm für Gramm wandelt sie 10.000 Mal mehr Energie um als die Sonne. Schwer zu glauben? Hier sind die Zah­len: Im Durchschnitt wiegt ein Mensch 70 Kilogramm und verbraucht täglich etwa 12.600 Kilojoule; das ergibt etwa 2 Millijoule pro Gramm und Sekunde, oder 2 Mil­liwatt pro Gramm. Auf der Sonne sind es nur mickrige 0,2 Mikrojoule pro Gramm und Sekunde. Einige Bakterien können sogar bis zu 10 Joule pro Gramm und Sekunde umwandeln und übertreffen die Sonne also um einen Faktor von 50 Millionen. Ich bin warm, weil im Inneren jeder meiner Körperzel­len Dutzende, Hunderte oder sogar Tausende von Mitochondrien die von mir verzehrte Nahrung verbren­nen.“ (1) Wenn es also darum geht, unsere Leistungsfähigkeit zu optimieren, dann ist es von entscheidender Bedeu­tung, dass die hierzu notwendige Energie in Form von ATP jederzeit in ausreichender Menge in den Mito­chondrien unserer Gehirnzellen produziert wird. Was wir aus Sicht der Gehirnforschung dazu beitragen können, um unsere Leistungsfähigkeit auszubauen, und was wir vermeiden sollten, damit wir unsere Leis­tungsfähigkeit nicht abbauen, wollen wir uns im Fol­genden detailliert anschauen. 4. Sind Psychopillen die Lösung für geistige Höchstleistungen? ​ In unserer modernen Welt steht Leistungsfähigkeit hoch im Kurs. Wer geistige Höchstleistungen vollbrin­gen kann, ist auf der ganzen Linie erfolgreicher. Ob im Job, in der Schule oder im privaten Alltag, überall sind geistige Höchstleistungen gefragter denn je. Bereits in der Grundschule geht es darum, einen vor­gegebenen Leistungslevel zu erreichen, denn bereits jetzt fällt die Entscheidung über das spätere Bildungs­niveau und damit über das berufliche Fortkommen. Wer das Ziel nicht erreicht, hat später schlechtere Chancen. Bei der Abiturnote ist dann das Zehntel hinter dem Komma Ausschlag gebend dafür, ob und welchen Stu­dienplatz man ergattern kann, und die Examensnote entscheidet darüber, ob man einen der begehrten Ar­beitsplätze erhält. Und hat man einen der begehrten Arbeitsplätze gefun­den, geht es oft nur noch darum, besser zu sein als andere, damit die berufliche Karriere möglichst schnell und steil verläuft. ​ Was aber passiert, wenn wir es beim Wettkampf um geistige Höchstleistungen übertreiben? Die Folge sind oft negativer Stress, Depressionen, Ängste oder Bur­n-out. Um diese Auswirkungen zu verhindern und um die Leistungsfähigkeit aufrechtzuhalten bzw. noch weiter zu steigern, greifen viele Menschen zur Psychopille. Im Hochleistungssport weiß fast jeder, wie legale oder illegale Mittel die sportlichen Leistungen beeinflussen können, und trotz Dopingtests versuchen immer wieder einige Sportler, durch Pillen oder Spritzen ihre Leistung zu steigern. Aber auch Nicht-Sportler greifen immer häufiger zu Medikamenten, um z.B. bei einer Prüfung besser ab­zuschneiden, bei einem Einstellungsgespräch nicht nervös zu wirken oder um am Arbeitsplatz länger durchhalten zu können. Bei dieser gezielten Beeinflussung der neuronalen Leistung unterscheidet man zwei Arten: Hirndoping und Neuroenhancement. Unter Hirndoping versteht man die zeitlich befris­tete Steigerung der Lern- oder Merkfähigkeit z.B. bei Prüfungssituationen. Neuroenhancement hingegen umschreibt eine dauerhafte und regelmäßige Beeinflussung von neuronalen Prozessen zur Leistungssteigerung. So können z.B. neuromodulierende Wirkstoffe das Händezittern bei einem Chirurgen verhindern oder einen Piloten in Stresssituationen beruhigen. Eine aktuelle Studie der HIS, der Hochschul-Informati­ons-System GmbH vom Januar 2012, bei der die An­gaben von rund 8000 Studenten analysiert wurden, zeigt, wie groß der Anteil der Hirndopenden an deut­schen Hochschulen wirklich ist. 84% der Studenten haben schon einmal davon gehört, dass Substanzen mit dem Ziel der geisti­gen Leistungssteigerung eingenommen werden. 70% der Studierenden kennen selbst niemanden, der entsprechende Mittel nimmt bzw. eingenom­men hat. 88% der Studierenden hat keine eigenen Erfahrun­gen mit dem Hirndoping. 17% jedoch können sich durchaus vorstellen, leis­tungssteigernde Mittel anzuwenden. 12% der Studierenden haben nach eigener Aus­kunft seit Beginn des Studiums eine oder mehrere Sub­stanzen eingenommen, um die Studienanfor­derun­gen besser bewältigen zu können. Mit der Studiendauer – und damit auch dem Alter - wächst der Anteil der Hirndopenden unter den Stu­dierenden. In den Anfangssemestern gehören 3% zu den Hirndopenden. Unter Studierenden ab dem 13. Hochschulsemester fällt dieser Anteil mit 8% mehr als doppelt so hoch aus. Unter Wissenschaftlern aller Altersklassen waren es sogar rund 20%, die regelmäßig zur leistungs­steigernden Pille greifen. 43% der Hirndopenden bekommen entsprechende Präparate über eine ärztliche Verschreibung. Ähnlich bedeutsam ist der Apothekenverkauf. Dar­über beziehen 42% die leistungssteigernden Sub­stanzen. (2) Wie ernst dieses Thema zu nehmen ist, zeigt auch der DAK-Gesundheitsreport 2009. Dort wird berichtet, dass die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Notwendigkeit, also allein zum Zweck der Verbesse­rung der Leistungsfähigkeit und des psychischen Wohlbefindens zugenommen hat. Das Ziel dabei ist eine höhere Belastbarkeit in Stress­situationen, verbunden mit dem Wunsch nach einer besseren Bewältigung der alltäglichen Anforderungen. Eine Befragung unter 3000 Arbeitnehmern im Alter zwischen 20 und 50 ergaben erschreckende Erkennt­nisse: 17% der direkt Befragten nehmen oder haben schon einmal Medikamente zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit eingenommen. Dabei neigen Männer eher zu aufputschenden oder Kon­zentration fördernden Mitteln, und Frauen greifen eher zu beruhigenden Präparaten oder Mitteln ge­gen Ängste und depressive Stimmungen. Rund die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass durch die Einnahme dieser Präparate kein Risiko für die Gesundheit entsteht. Bezogen auf alle Erwerbstätigen, greifen rund 5% von ihnen zu Leistung steigernden und Stimmung aufhellenden Mitteln. Das sind rund zwei Millionen Menschen. 2,2 % aller Erwerbstätigen „dopen“ sogar häufig bis regelmäßig. Das sind rund 800.000 Menschen. In den meisten Fällen lassen sich die Medikamente ohne Rezept aus der Apotheke (über 44 %) oder von Freunden und Kollegen (fast 20 % aller Nen­nungen) beziehen, wobei der Anteil der aus Inter­netapotheken erworbenen Präparate (derzeit ca. 12 %) zu steigen scheint. (3) Um das Gehirn auf Trab zu halten, gibt es eine ganze Reihe von Substanzen. Angefangen von mehr oder weniger harmlosen Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu sog. Brainboostern. Besonders beliebt unter den Brainboostern sind Ritalin zur Steigerung der Konzent­ration und Modafinil, eine Anti-Schlaf-Pille, die auf­putscht und wach hält. Ritalin gehört zu den Stimulanzien, die aufgrund ihres Wirkstoffs auch als Psychodroge bezeichnet werden. Es gehört zu den psychoaktiv steuernden Medikamenten, welche mit der Wirkung von Kokain verglichen werden können. In Deutschland fällt Ritalin unter die Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes, die Beschaffung ohne Verordnung ist illegal. Die Einnahme von Ri­talin verursacht eine Überstimulation der Rezepto­ren im Gehirn, dadurch kommt es zu euphorischen Stimmungen, die Wahrnehmungsfähigkeit von Re­alität nimmt gleichzeitig ab. Konkret bedeutet dies, dass Hungergefühle und Müdigkeit und andere leistungshemmende Emp­findungen einfach ignoriert werden. Gleichzeitig wird die Bereitschaft zu körperlicher Ausdauer er­höht. Bei der Behandlung von hyperaktiven Kindern sind diese Effekte gewünscht, da Ritalin jeden eigenen Impuls für Unruhe und Aktivität unterdrückt und stattdessen die Kinder aufnahmebereit macht für routinemäßige Aufgaben, zu denen der Schulunter­richt oder andere Erziehungsmaßnahmen gehören. ​ Modafinil ist Gehirndoping für die Anwender, die nicht mehr mit Hilfe von Kaffee, Traubenzucker oder einem Müsliriegel wach und aufnahmefähig bleiben kön­nen. Das verschreibungspflichtige Me­dikament er­möglicht effektive Gehirnleistung, die verbunden ist mit hoher Konzentration und gestei­gerter Wahr­nehmung. Informationen können vom Gehirn schneller aufgenommen werden und sind schneller abrufbar. Modafinil hilft bei Narkolepsie, einer sehr seltenen anfallartigen Schlafkrankheit und bei der Be­hand­lung des Schichtarbeiter-Syndroms. Weitere An­wendungsgebiete sind das Schlaf-Apnoe-Syn­drom, AHDS, die manisch-depressive Erkrankung sowie das depressive Erschöpfungssyndrom. Brainbooster wie Ritalin oder Modafinil haben aber auch erhebliche Nebenwirkungen. Inzwischen sind mehr als hundert wissenschaftlich abgesicherte Ne­benwirkungen bekannt, die zum Teil alles andere als harmlos sind. Dazu gehören unter anderem: paranoide Psychosen und Wahnvorstellungen hypomanische und manische Symptome Halluzinationen der Augen und Ohren (mitunter stärker als bei der Droge LSD) extreme Abkapselung Angstzustände Schlaflosigkeit Suchtgefahr psychische Abhängigkeit Nervenzuckungen Verkrampfungen und Aggressivität. Angesichts dieser Nebenwirkungen dürfte spätestens jetzt jedem bewusst sein, dass Psychopillen keine Lösung zur Steigerung unserer Leistungsfähigkeit sind. Aber was sind die Alternativen, und wovon hängt die Fähigkeit zur Leistungssteigerung ab? Ist geistige Leistungsfähigkeit eine Frage des Alters, oder ist sie eine Frage der Intelligenz? Diesen Fragen wollen wir als nächstes nachgehen. ​ 5. Ist geistige Leistungsfähigkeit eine Frage des Alters? Um unser Gehirn leistungsfähig zu halten bzw. seine Leistungsfähigkeit zu optimieren, gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, und im Gegensatz zu den che­mischen Brainboostern sind hier die Nebenwirkun­gen u.a. folgende: Gesundheit Fröhlichkeit Entspanntheit Vitalität und Fitness. In der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ wurde eine Studie veröffentlicht, in der die Unterschiede von Denkleistungen von jünge­ren und älteren Menschen untersucht wurden. Durchgeführt wurde diese Studie von der Psychologin Irene Nagel vom Max-Planck-Institut für Bildungsfor­schung, der Neurowissenschaftlerin Hauke Heekeren von der freien Universität Berlin und dem Altersfor­scher und Leibniz-Preisträger Ulman Lindenberger. Das Ergebnis dieser Studie war beeindruckend und lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: „Zeige mir, ob die Aktivität deines Gehirns mit steigen­den Anforderungen zunimmt, und ich sage dir, wie gut deine Leistungen sind.“ Die Frage, die sich die Wissenschaftler stellten, war: Was bestimmt, ob wir schwierige Aufgaben gut und schnell lösen können – und dies auch noch im Alter? Um dies herauszufinden, untersuchten sie mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), wie sich Gehirnaktivitäten beim Lösen von verschiedenen Aufgaben, die im Schwierigkeitsgrad zunahmen, ver­änderten. Die Probanden für diese Studie bestanden aus 30 jungen Teilnehmern im Alter zwischen 20 und 30 Jah­ren,und aus 30 älteren Teilnehmern,im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. ​ Diese Teilnehmer sollten sich nun im MRT unter­schiedlich schwierige räumliche Muster einprägen und über einen kurzen Zeitraum merken, wodurch das vi­suell-räumliche Arbeitsgedächtnis aktiviert wurde. An­hand der MRT-Bilder konnte das Forschungsteam nun feststellen, welche Hirnareale beim Lösen der Aufga­ben beteiligt waren und wie sich die Hirnaktivität bei den Probanden mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad veränderte. Das Ergebnis war, dass die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses bei allen Probanden unterschied­lich war. Vor allem bei den älteren Probanden gab es große Unterschiede, weil bei manchen die Leistungen stärker nachließen als bei anderen. ​ Im nächsten Schritt ging es nicht mehr um die Unter­schiede zwischen Alt und Jung, sondern um den Ver­gleich zwischen leistungsstarken und leistungsschwa­chen Arbeitsgedächtnissen. Anhand der Richtigkeit von Antworten ermittelten die Wissenschaftler die Leistungen der Teilnehmer. Dann untersuchten sie, wie sich bei der Lösung von Aufga­ben die Gehirnaktivitäten der leistungsstarken Gruppe im Vergleich zur leistungsschwachen Gruppe unter­schie­den. Dabei zeigte sich, dass in der leistungsstar­ken Gruppe die Hirnaktivierung mit steigender Aufga­ben­schwierigkeit zunahm - und zwar unabhängig vom Alter. Die Leiterin der Forschungsgruppe, Irene Nagel, sagte hierzu: ​ „Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen nahe, dass leistungsfähige Gehirne älterer Erwachsener ähnlich funktionieren wie die jüngerer Erwachsener. Die Ähnlichkeiten in den Aktivierungsmustern älterer und jüngerer Erwachsener mit hohen Arbeitsgedächt­nisleistungen geben uns erste Hinweise darauf, wie sich die kognitive Leistungsfähigkeit im Laufe des Er­wachsenenalters erhalten lässt". (4) Und der Neurowissenschaftler und Experte für Alzhei­mer-Erkrankungen, Howard Phyllis, sagte: „Der Verlust der geistigen Fähigkeiten ist keine zwin­gende Begleiterscheinung des Alterns“. Wenn es also keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Alter und geistiger Fähigkeit gibt, was beein­flusst sie dann? Ist sie vielleicht eine Frage der Intelli­genz? ​ 6. Ist geistige Leistungsfähigkeit eine Frage der Intelligenz? ​ Die Intelligenz ist seit mehr als hundert Jahren Ge­genstand der Forschung, die herauszufinden versucht, wie Menschen ihr Gehirn einsetzen, um neue Aufga­ben und Probleme zu lösen, oder wie Menschen in unbekannten Situationen Entscheidungen treffen und handeln. Eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse der Intelli­genzforschung ist, dass Intelligenz keine unveränder­bare Größe ist, von der der eine mehr und der andere weniger in die Wiege gelegt bekommen hat. Vielmehr handelt es sich bei der Frage nach der Intelli­genz um biochemische und physiologische Prozesse, auf die jeder einzelne erheblichen Einfluss nehmen kann. Basierend auf der von dem Neurowissenschaftler Raymond B. Cattell bereits 1963 entwickelten Zwei­komponententheorie, unterscheidet die moderne Intel­ligenzforschung „flüssige“, auch „fluide“ Intel­ligenz genannt, und „kristalline“, auch „kristallisierte“ Intelli­genz genannt. Die „flüssige“ Intelligenz beschreibt unsere geistige Beweglichkeit, also die Fähigkeit, ohne Rückgriff auf Erfahrungen neue Probleme zu erfassen und zu lösen sowie unbekannte Situationen zu meistern und dabei kreativ und logisch zu denken. Sie ist somit stark ab­hängig von der Leistungsfähigkeit unseres Arbeitsge­dächtnisses. Die „kristalline“ Intelligenz hingegen beschreibt die Summe an Erfahrung und Wissen, die sich im Laufe unseres Lebens ansammelt, im Langzeitgedächtnis gespeichert wird und dort abrufbar bereitsteht. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die „flüssige“ Intelligenz ist die Voraussetzung für die Entstehung der „kristallinen“ Intelligenz und entwi­ckelt sich umso besser, je leistungsfähiger unser Ar­beitsgedächtnis ist. Das Arbeitsgedächtnis ist somit der Dreh- und Angelpunkt unserer mentalen Fitness. Dort werden alle eingehenden Sinneswahrnehmungen verar­beitet, mit dem Wissen und den Erfahrungen des Langzeitge­dächtnisses abgeglichen und in Verbin­dung mit unse­rem emotionalen Bewertungszent­rum, dem limbischen System bewertet. Wie wir also sehen, hängt die Leistungsfähigkeit unse­res Gehirns vor allem von dem Zusammenspiel zwi­schen Arbeitsgedächtnis, Langzeitgedächtnis und den emotionalen Bewertungen des limbischen Systems ab. Und je besser wir die Gehirnzellen dieser Areale und somit die Mitochondrien in den Gehirnzellen dieser Areale mit Energie versorgen, desto leistungsfähiger wird unser Gehirn. Lassen Sie uns also nun anschauen, was wir tun kön­nen, um eine optimale Energieversorgung sicherzu­stellen. ​ 7. Wer sich bewegt, kann besser denken Sich sportlich zu betätigen hält nicht nur den Körper fit, sondern fördert auch unsere geistige Leistungsfähig­keit. Das belegen inzwischen zahlreiche Studien und Untersuchungen auf der ganzen Welt. Einer der namhaftesten Wissenschaftler in diesem Bereich ist Prof. Dr. Wildor Hollmann vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Zuge seiner langjährigen Forschungsarbeit entstan­den mehr als 1000 Diplom- und über 200 Promotions­arbeiten. Er selbst schrieb viele Bücher und verfasste rund 800 Publikationen. Eine seiner interessantesten Erkenntnisse ist, dass Denken und Lernen in Verbindung mit körperlicher Bewegung die Bildung neuer Gehirnzellen fördert. Bestehende synaptische Verbindungen werden ge­stärkt, und neue Verbindungen werden geschaffen. Auch konnte er mit Hilfe bildgebender Verfahren nach­weisen, dass einzelne Gehirnregionen während einer sportlichen Betätigung stärker durchblutet werden.Gleichzeitig nimmt die Fließgeschwindigkeit des Blutes zu, und die Anzahl der roten Blutkörperchen steigt. Außerdem produziert der Körper verstärkt Hämoglobin.Hämoglobin ist ein Eiweiß, das sich im Inneren der roten Blutkörperchen bildet. Seine Hauptaufgabe be­steht darin, Sauerstoff im Blut zu transportieren. Dadurch, dass bei Menschen, die sich sportlich betäti­gen, das Blut schneller fließt und der Körper mehr rote Blutkörperchen produziert, wird auch das Gehirn we­sentlich besser mit Sauerstoff versorgt. ​ Menschen, die sich körperlich betätigen, können dop­pelt soviel Sauerstoff verarbeiten wie Menschen ohne sportliche Betätigung. Und da unser Gehirn rund 50% unseres gesamten Sauerstoffbedarfs benötigt, dürfte verständlich sein, dass eine Unterversorgung mit Sau­erstoff unmittelbar zu einer Reduzierung der geistigen Leistungsfähigkeit führt. Eine gute Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff hingegen verbessert unsere geistige Leistungsfähigkeit. Aber wie viel Sport benötigt unser Gehirn, um fit zu sein? Wer jetzt denkt, dass er sich zum Hochleistungs­sportler herantrainieren muss, der irrt. Bereits ein zügiger Spaziergang steigert die Gehirn­durchblutung um 14 %, und Probanden, die Denk­sportaufgaben an einem Computer lösen mussten, während sie auf einem Fahrradergometer moderat vor sich hin strampelten, verbesserten die Kapazität ihres Arbeitsgedächtnisses um rund 20%. Bewegung hält also unser Gehirn fit, und wenn wir es richtig angehen, dann müssen wir dafür noch nicht einmal zusätzliche Zeit investieren. Hierzu ein paar Ideen: Wenn Sie wieder einmal z.B. über eine Strategie oder eine Problemlösung nachdenken, dann tun Sie dies nicht im Sitzen an Ihrem Schreibtisch, sondern gehen Sie dabei durch Ihr Büro. Die nächste Projektbesprechung könnte statt im Meetingraum bei einem gemeinsamen Waldspa­ziergang stattfinden. Und statt dem Kopierer dabei zuzusehen, wie er sich bewegt, könnten Sie selbst während des Ko­piervorgangs ein paar Kniebeugen machen. Wenn Sie selber ein wenig nachdenken, dann werden Ihnen sicher noch viele weitere Ideen einfallen, wie Sie ohne zusätzlichen Zeitaufwand Ihr Gehirn durch Be­wegung fit halten. Ein weiterer sehr positiver Nebeneffekt ist, dass Men­schen, die sich regelmäßig sportlich betätigen, ein stär­keres Selbstwertgefühl haben, seltener unter depressi­ven Verstimmungen leiden, weniger Ängste haben und motivierter sind. ​ 8. Mit der richtigen Ernährung zu geistigen Höchstleistungen ​ Dass eine ausgewogene Ernährung für unsere körper­liche und geistige Gesundheit wichtig ist, ist hinrei­chend bekannt, und wenn Sie bei Amazon nach Bü­chern zum Thema Ernährung suchen, erhalten Sie rund 20.000 Suchergebnisse. Deshalb wollen wir an dieser Stelle auch nicht detail­liert auf das Thema Ernährung eingehen, sondern uns auf die wichtigsten Fakten im Zusammen­hang mit der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns kon­zentrieren. Unser Gehirn macht zwar nur ca. 2% unseres Körper­gewichts aus, aber es verbraucht mehr als 20% unse­rer Energie. Wenn Sie das einmal umrechnen, werden Sie feststellen, dass unser Gehirn etwa das Zehnfache an Energie verbraucht, als ihm gewichtsmäßig zu­stände. Beim Sauerstoffverbrauch sind es sogar rund 50%, die unser Gehirn für sich beansprucht. Die Hauptenergiequelle für unser Gehirn ist Glukose, also Zucker. Zucker als Grundlage für die Energiege­winnung gibt es in zwei Varianten: Einfachzucker, wie er z.B. in Traubenzuckerwür­feln, Süßigkeiten oder zuckerhaltigen Getränken vorkommt. Mehrfachzucker, wie er z.B. in Vollkornprodukten, Obst und Gemüse vorkommt. Nahrungsmittel, die Einfachzucker enthalten, werden schnell verdaut, und der Zucker gelangt somit auch schnell ins Blut und somit ins Gehirn. Jeder kennt den Effekt: wenn man sich nur noch schwer konzentrieren kann, bringt der Griff zur Scho­kolade oder zum Traubenzuckerwürfel das Gehirn rasch wieder auf Trab. Da aber unser Gehirn keine Energievorräte anlegen kann, ist die Wirkung nur kurzfristig, und nach nur 15 bis 20 Minuten erlischt die Wirkung. Außerdem be­kommt unser Körper häufig zu viel Zucker. Aus diesem Grund produziert dann die Bauchspeicheldrüse das Blutzucker senkende Hormon Insulin, welches den überschüssigen Zucker aus dem Blut entfernt und ihn in die Körperzellen transportiert. Das Ergebnis sehen wir dann, wenn wir uns auf die Waage stellen. ​ Nahrungsmittel hingegen, die Mehrfachzucker enthal­ten, werden langsamer verdaut. Unserem Gehirn wird daher die Glukose quasi in Raten zur Verfügung ge­stellt. Die Folge ist, dass die Bauspeicheldrüse weniger Insulin produzieren muss und unser Gehirn über einen langen Zeitraum mit ausreichender Energie versorgt ist. Ebenfalls wichtig für geistige Höchstleistungen ist die Versorgung unseres Gehirns mit Eiweiß. ​ Eiweiß besteht aus vielen unterschiedlichen Baustei­nen, den sog. Aminosäuren. Diese Aminosäuren kön­nen teilweise vom Körper selbst hergestellt werden, teilweise müssen sie aber auch dem Körper durch Nahrung zugeführt werden. Für unser Gehirn sind Aminosäuren deshalb notwendig, weil sie das Roh­material zur Herstellung von Botenstoffen, also Neu­rotransmittern sind. ​ Einer der wichtigsten Botenstoffe hierbei ist Acetylcho­lin, ein Botenstoff, ohne den Lernen und Erinnern nicht möglich wäre. Er schärft unser Gedächtnis und steigert unsere Konzentrationsfähigkeit. Wenn Sie sich also z.B. nicht mehr daran erinnern, wo Sie Ihren Schlüssel hingelegt haben, oder die Kaffee­tasse mit der Blumenvase verwechseln, dann kann die Ursache hierfür ein Acetylcholinmangel sein. Verhindern können Sie dies u.a. durch Nahrungsmittel wie Sojaprodukte, Nüsse oder Getreide. ​ Ein anderes Rohmaterial für die Herstellung von Bo­tenstoffen ist Tyrosin. Diese Aminosäure dient zur Pro­duktion von Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin, den Botenstoffen, die uns wach, aktiv und motiviert halten. Besonders gute Lieferanten dafür sind u.a. Hülsen­früchte, fettarme Milchprodukte und vor allem Fisch. ​ Und damit wir uns bei unseren geistigen Leistungen auch wohl fühlen, entspannt und ruhig sind, benötigt unser Gehirn noch die Botenstoffe Serotonin und Me­latonin. Der Rohstoff hierfür ist die Aminosäure Tryptophan, und die Lieferanten für diesen Rohstoff sind u.a. Hafer­flocken, Walnüsse oder magerer Käse. Wir sehen also, dass auch unsere Ernährung eine große Rolle dabei spielt, wenn wir unser Gehirn zu Höchstleistungen bringen möchten. ​ 9. Dauerstress schadet unserem Gehirn Stress und Hektik gehören zu unserm Alltag, und in Maßen fördern sie sogar unsere Leistungsfähigkeit. Haben wir allerdings zuviel Stress und Hektik, leidet darunter nicht nur unser Körper, sondern auch das Gehirn. Der Ausgangspunkt ist unser vegetatives Nervensys­tem. Es steuert z.B. lebenswichtige Körperfunktionen wie Blutdruck, Herzschlag und den Stoffwechsel. Bei unserem vegetativen Nervensystem können wir das sympathische Nervensystem und das parasym­pathische Nervensystem unterscheiden. Das sympathische Nervensystem hat die Aufgabe, Aktivitäten vorzubereiten und dafür zu sorgen, dass die benötigte Energie zur Verfügung steht. In Stresssituati­onen kommt es dann dazu, dass Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet werden. Ist die Stresssituation bewältigt, kommt das parasym­pathische Nervensystem zum Einsatz. Seine Aufgabe ist es, das körperliche Gleichgewicht wieder herzustel­len. Die Produktion der Stresshormone wird eingestellt, und Blutdruck, Atmung und Herzschlag normalisieren sich. Dieses Wechselspiel zwischen Anspannung und Ent­spannung gehört zu unserem Lebensalltag, und wenn wir es nicht übertreiben, ist das sogar gesund und för­dert unsere geistige Leistungsfähigkeit. Stehen wir aber unter Dauerstress und haben keine Gelegenheit zu regenerieren, so wird unser Körper und auch unser Gehirn mit Stresshormonen überflutet. Die Folge sind nicht nur Schädigungen des Herz-Kreislaufsystems und des vegetativen Nervensystems, sondern auch Schädigungen im Gehirn. Besonders betroffen davon ist der Hippocampus, ein Hirnareal, das bei der Verarbeitung und Speicherung von Informationen eine bedeutende Rolle hat. ​ Eine andauernde Stressbelastung und insbesondere die damit einhergehende erhöhte Cortisolausschüttung können dem Hippocampus dauerhafte Schäden zufü­gen. Schäden, die sich u.a. dadurch äußern, dass Neu­ronen schrumpfen und synaptische Verbindungsstellen schwächer werden. Unter diesen Folgen leidet dann das gesamte neuro­nale Netzwerk unseres Gehirns. Der Abruf von Infor­mationen wird immer schwieriger und langsamer, und die Neubildung von Gehirnzellen wird einge­schränkt oder sogar ganz eingestellt. Im Extremfall kann es zur Zerstörung ganzer Zellverbände kommen. Menschen, die unter chronischer Stressbelastung lei­den, haben daher sehr häufig große Schwierigkeiten bei der Konzentration und der Merkfähigkeit. Die gute Nachricht ist allerdings, dass die Schäden in den meisten Fällen wieder repariert werden können. Beseitigt man die Stresssituation, so ist unser Gehirn sehr wohl in der Lage, geschädigte Strukturen zu repa­rieren oder zerstörte Strukturen wieder herzustellen. 10. Soziale Kontakte als Mittel zur geistigen Leistungsfähigkeit Für unsere geistige Leistungsfähigkeit spielen auch soziale Kontakte eine wichtige Rolle. Wenn wir uns mit Menschen umgeben, die wir mögen, aktiviert dies in unserem Gehirn das Belohnungssystem, und körperei­gene Drogenstoffe, sog. Endorphine werden ausge­schüttet. Diese Endorphine sorgen nicht nur für körper­liches Wohlbefinden, sondern auch dafür, dass wir Informationen besser und schneller verarbeiten kön­nen. Lernen oder arbeiten wir statt alleine in einem Team, das aus Menschen besteht, die wir mögen, werden wir größere Erfolge erzielen, weil der gelernte oder erar­beitete Stoff mit einem positiven Wohlgefühl verknüpft wird und als Gesamteindruck in unserem Gehirn ge­speichert wird. Dadurch können wir Informationen nicht nur besser und schneller verarbeiten, sondern auch nachhaltiger abspeichern und uns so auch besser daran erinnern. ​ Im European Journal of Neuroscience kann man sogar nachlesen, dass gesellige Menschen über deutlich mehr Gehirnzellen in der Großhirn­rinde und im Stammhirn verfügen als Einzelgänger. Und weil beide Gehirn­areale in einer direkten Verbindung zum Beloh­nungs­system stehen, sind gesellige Menschen oft auch die leistungsfähigeren. (5) Die Frage, die sich hierbei stellt, ist jedoch: Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Sind also gesellige Menschen die geistig leistungsfähi­geren Menschen, oder ist es umgekehrt, dass geistig leistungsfähige Menschen eher auch dazu neigen, gesellig zu sein? Dass ersteres zutrifft, also dass gesellige Menschen zu mehr geistiger Leistung fähig sind, konnte erstmals der US-Psychologe Prof. Dr. Oscar Ybarra nachweisen. ​ In einer groß angelegten Studie wurden 3600 Men­schen im Alter zwischen 24 und 96 Jahren gefragt, wie oft sie mit Freunden, Verwandten, Kollegen und Be­kannten Kontakt haben und wie oft sie sich miteinander treffen. Parallel zu dieser Befragung wurde die kognitive Leis­tungsfähigkeit der Teilnehmer mit Hilfe von Fragen der Allgemeinbildung und mit Hilfe von Tests zur Ermittlung der Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses ermittelt. Über alle Altergruppen hinweg war das Ergebnis, dass die geistige Leistungsfähigkeit umso höher war, je intensiver soziale Kontakte gepflegt wurden. Geselligkeit erhöht also die geistige Leistungsfähigkeit und nicht umgekehrt. (6) ​ Bevor Sie aber jetzt losziehen und eine Party nach der anderen besuchen ,sei erwähnt, dass dies vielleicht schön sein mag, aber nicht unbedingt erforderlich ist. Auch der Smalltalk im Fahrstuhl, das kurze Gespräch mit einem netten Kollegen in der Mittagspause oder das Feierabendbierchen mit einem guten Freund sind völlig ausreichend, um die geistige Leistungsfähigkeit zu fördern. ​ 11. Mit 40 vergreist oder mit 70 agil ​ Der deutsche Unternehmer Reinhold Würth, der auch als Schraubenkönig bekannt ist, sagte einmal in ei­nem Beitrag zur Unternehmensführung: „Lebenslang lernen ist ein Stück Selbstverständlichkeit, und doch wird ein aufmerksamer Beobachter feststel­len, dass sich die Menschen seiner Umwelt in zwei Lager aufzuteilen scheinen: Die einen schon mit 40 vergreist, lustlos am Leben vorbei lebend, phlegmatisch, nicht nur körperlich feist und dick, auf dem Weg zur Senilität. Andere im Alter von 70 machen einen wendigen, opti­mistischen, agilen und positiven Eindruck, sind unab­hängig von der Berufslaufbahn aktiv geblieben und beobachten ihre Umwelt aufmerksam und positiv. Analysiert man beide Gruppen, dann zeigt sich, dass die ersten verlernt haben zu lernen, während die an­deren sich analytisches Denken und den Drang zum Leben bewahrt haben.“ 12. Während wir schlafen, macht uns unser Gehirn leistungsfähiger Viele Menschen wünschen sich, dass ein Tag mehr als 24 Stunden hätte, damit sie alles, was ihnen wichtig erscheint, erledigt und geregelt bekommen. Da man aber die 24-Stunden-Frist eines Tages nicht verlängern kann, kürzen sie häufig einfach ihre Schlafzeit. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Das war das Motto des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder. Er starb mit 37 Jahren! Menschen benötigen Schlaf und zwar in ausreichender Form, um die geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten. Ohne Schlaf geht es nicht, und je nach genetischer Veranlagung brauchen Menschen zwischen sechs und zehn Stunden Schlaf. Ratten, die von Biologen konsequent am Schlafen gehindert worden waren, starben an Unterkühlung. Die US-Army testete in den siebziger Jahren, auf wie viel Schlaf Menschen zur Not verzichten könnten. Nachdem die Soldaten ihren Schlummer um mehr als 40 Prozent reduziert hatten, brach ihre Leistung zu­sammen. Im Schlafzentrum der Universität Regensburg wird mit einem Pupillographen die wechselnde Größe der Pu­pille registriert - und damit der Grad der Müdigkeit ge­messen. Interessant dabei waren folgende Ergebnisse: Wer ein paar Nächte hintereinander nur jeweils vier Stunden geschlafen hat, ist so benebelt, als hätte er 0,5 Pro­mille Alkohol im Blut. Und wer eine komplette Nacht ohne Schlaf verbringt, verhält sich wie jemand mit 0,8 Promille Alkohol im Blut. Besonders unser Gehirn ist darauf angewiesen, dass wir ausreichend schlafen, denn während wir schlafen, arbeitet es weiter und erfüllt wichtige Aufga­ben. Auf­zeichnungen und Beobachtungen im Schlaf­labor zei­gen, dass auch im Schlaf verschiedene Areale unseres Gehirns sehr aktiv sind, und in bestimmten Phasen des Schlafens sind die Hirnströme sogar na­hezu identisch mit den Hirnströmen im Wachzustand. ​ Aber was macht da unser Gehirn genau? Nun, neben der Aufrechterhaltung lebenswichtiger Körperfunktio­nen wie Atmung, Blutdruck und Körpertemperatur ist es z.B. damit beschäftigt, die während des Tages auf­genommenen Informationen vom Arbeits- ins Lang­zeitgedächtnis zu transportieren, um sie dort einzu­speichern und zu festigen. Und das tut es, wenn wir schlafen, besonders gut. Gründe dafür sind vor allem folgende: Während wir schlafen, kann unser Gehirn die Infor­mationen besser verarbeiten, weil es nicht gleich­zeitig neue Informationen von der Außenwelt auf­nehmen muss. Während wir schlafen, sind für unser Gehirn freie Assoziationen leichter möglich. Und während wir schlafen, sinkt der Cortisolspie­gel. Die niedrige Produktion des Stresshormons Cortisol ermöglicht es unserem Gehirn u.a., Infor­mationen besser und schneller zu verarbeiten. Eine Hauptaufgabe unseres Gehirns, während wir schlafen, ist also, die tagsüber eingegangenen Infor­ma­tionen vom Arbeitsgedächtnis zum Langzeitge­dächtnis zu transportieren. Aber wie und wann ge­schieht dies? Unser Schlaf ist im Wesentlichen durch zwei Phasen geprägt. Die eine ist die Tiefschlafphase, auch Delta-Schlaf genannt, und die andere Phase ist der Traum­schlaf, auch REM-Schlaf genannt. Lange Zeit glaubte die Wissenschaft, dass vor allem der REM-Schlaf, also der Traumschlaf für die Verar­beitungsprozesse in unserem Gehirn eine wichtige Rolle spielt. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass die Verschiebearbeiten vom Arbeits- ins Langzeitge­dächtnis im Delta-Schlaf, also in der Tiefschlafphase stattfinden. Belegen lässt sich das durch Aufzeichnungen, aus de­nen ersichtlich ist, dass das Gehirn in der Tiefschlaf­phase die gleichen Aktivitätsmuster aufzeigt wie bei einer Lernübung am Tag zuvor. In dieser Phase wer­den also besonders aktiv die am Tag aufgenommenen Informationen, Erfahrungen und Lerninhalte in die län­gerfristige Abspeicherung überführt. Wird dieser Prozess gestört, weil wir entweder zu we­nig oder nicht tief genug schlafen, hat das weitrei­chende Folgen für unsere geistige Leistungsfähigkeit, weil die Einspeicherung von Wissen und Erfahrungen nur schwer oder überhaupt nicht möglich ist. Und wenn wir dann am nächsten Tag an einer Prüfung teilneh­men müssen oder einen wichtigen Vortrag halten sol­len, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es schiefgeht. Wer also geistig fit sein möchte, sollte für ausreichen­den Tiefschlaf sorgen, und weil die Tiefschlafphasen in der ersten Hälfte der Nacht besonders häufig sind, sollte man auch besonders früh schlafen gehen. Dann steht auch dem Erfolg am nächsten Tag nichts im Wege.

  • Charisma - wie gute Führungskräfte Eindruck machen

    Wie die Ausstrahlung auf Menschen wirkt, wie sie motiviert und fasziniert. Inhaltsverzeichnis 1. Was ist Charisma? 2. Ist Charisma messbar? 3. Kann man Charisma neurowissenschaftlich nachweisen? 4. Ist Charisma lernbar? Charisma - wie gute Führungskräfte Eindruck machen Wie die Ausstrahlung auf Menschen wirkt, wie sie motiviert und fasziniert 1. Was ist Charisma? ​ Ob im Sport, in der Musik, in der Politik oder in der Wirtschaft, überall treffen wir immer wieder auf Men­schen, die durch ihr Auftreten eine ganz besondere Wirkung hinterlassen. Sie ziehen Menschen in ihren Bann, beeinflussen ihre Stimmung und schaffen sogar, ihre persönlichen Werte zu verändern. Was aber verleiht Menschen wie z.B. J.F. Kennedy, Steve Jobs oder Michael Jackson diese Wirkung? Auf solche und ähnliche Fragen bekommt man oft fol­gende Antwort: Es ist ihr Charisma! ​ Was aber ist Charisma? Nun, dem griechischen Ur­sprung zufolge kommt Charisma von „charis“, was soviel wie „Gabe“ bedeutet. Ist also Charisma eine ganz bestimmte Gabe, also eine persönliche Eigen­schaft, wodurch Menschen andere Menschen in ihren Bann ziehen können? Nach jahrzehntelanger Forschung sind sich die Wis­senschaftler weltweit weitestgehend einig, dass Cha­risma keine Persönlichkeitseigenschaft ist. Vielmehr ist es so, dass Menschen eine Person dann als charisma­tisch empfinden, wenn sie sich mit dieser Person iden­tifizieren oder wenn sie glauben, dass sie Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit dieser Person haben. Dem­zufolge wird der Grad des Charismas einer Führungs­kraft meist durch Fremdbeschreibung anderer, z.B. durch Mitarbeiter, bestimmt. Charisma ist also etwas, das eher im Kopf des Be­trachters entsteht als aus den Gegebenheiten der Rea­lität. Dies konnte auch die Psychologin Maia Young von der University of California mit ihren Kollegen anhand einer eindrucksvollen Studie belegen. Bei dem Experiment wurden den Teilnehmern unter­schiedliche Informationen darüber gegeben, wie ein Manager mit einem Projekt erfolgreich wurde. Als be­sonders charismatisch und kreativ wurde die Person beurteilt, bei der es keine Informationen dazu gab, wie viele Arbeitsstunden und Mühen hinter dem Erfolg des Projektes steckten. Der Erfolg wurde dann als „visionär“ wahrgenommen und dem Manager wurden besondere Fähig­keiten zugesprochen. ​ 2. Ist Charisma messbar? ​ In den Wirtschaftswissenschaften wurde Charisma lange Zeit als obskure Erscheinung betrachtet. Dies änderte sich erst, als im Jahr 1987 die Wirtschaftswissenschaftler Jay Conger von der University of Southern California in Los Angeles und Rabindra Kanungo von der McGill University in Montreal den Begriff „Charisma“ in einer empirischen Studie anhand konkreter Verhaltensbeschreibungen operationalisiert und mess­bar gemacht haben.(2) Demnach werden Führungskräfte als charismatisch wahrgenommen, wenn sie über folgende fünf Merk­male verfügen: Sie können eine überzeugende Vision vermitteln. Sie erfüllen ihre Vorbildfunktion. Sie inspirieren ihre Mitarbeiter zu besonderen Leis­tungen. Sie entwickeln die persönlichen Stärken und Fähig­keiten ihrer Mitarbeiter weiter. Sie können ihre Mitarbeiter zu eigenständigen, kreativen Problemlösungen anregen. Das Charisma einer Führungskraft lebt also von der Identifikation der Mitarbeiter und hat nur so lange Wir­kung, wie sich die Führungskraft bewährt. Bewährt sich die Führungskraft nicht, verblasst auch das Charisma. ​ 3. Kann man Charisma neurowissenschaftlich nachweisen? Nicht nur Psychologen und Philosophen beschäftigen sich mit der Frage, was Charisma ist. Seit wenigen Jahren interessieren sich auch die Gehirnforscher für diese Frage. Um herauszufinden, was Charisma ist und wie es funk­tioniert, starteten im Jahre 2010 dänische Religions- und Neurowissenschaftler ein spannendes Experiment. (3) Zunächst wurden zwei Probandengruppen von jeweils 18 Personen im Alter von 20 bis 30 Jahren gebildet. Bei der ersten Gruppe handelte es sich um 18 tiefgläu­bige Christen, die der Pfingstbewegung angehören, einer Glaubensgruppe mit weltweit mehreren hundert Millionen Mitgliedern. Diese Menschen glauben u.a. an die heilende Kraft des Gebetes wie auch an Hei­lung durch Handauflegen. Bei der zweiten Gruppe handelte es sich um 18 Chris­ten mit eher weltlich-modernen Anschauungen. Um die Testpersonen besser einschätzen zu können, mussten alle Teilnehmer einen Fragebogen zu Glau­bensfragen ausfüllen. Auf einer Skala von 1 bis 10 mussten sie folgende Thesen zur Selbsteinschätzun­g bewerten: Ich glaube an die Existenz Gottes. Ich glaube an die Heilung durch Gebete. Ich glaube an Personen mit heilenden Fähigkeiten. Ich glaube an den Effekt von Gebeten im Radio oder im Fernsehen. Die 1 auf der Skala stand für „Ich glaube überhaupt nicht“ und die 10 stand für „Ich bin absolut davon über­zeugt“. Das Ergebnis der Auswertung zeigte erwartungsge­mäß große Glaubensunterschiede zwischen den bei­den Gruppen. Während die Gruppe der „Gläubi­gen“ die Glaubensfragen im Durchschnitt mit 8 bis 10 bewerteten, gewichtete die Gruppe der „Weltlichen“ die Fragen im Durchschnitt mit 1 bis 2. Nun konnte das eigentliche Experiment mit Hilfe einer funktionellen Magnetresonanztomografie beginnen. Allen Teilnehmern wurden unter dem Gehirnscanner 18 Gebete vorgespielt, und vor jedem Gebet wurde den Probanden mitgeteilt, ob das jeweilige Gebet von ei­nem „Nichtchristen“, einem „Christen“ oder einem „Christen mit heilenden Fähigkeiten“ gesprochen wurde. Die Probanden glaubten also, dass sie sechs Gebete von einem „Nichtchristen“, sechs Gebete von einem „Christen“ und sechs Gebete von einem „Christen mit heilenden Fähigkeiten“ hörten. In Wirklichkeit handelte es sich aber bei allen drei Sprechern um ganz „normale“ Christen. Nach dem Experiment mussten die Probanden auf einer Skala von 1 bis 10 das wahrge­nommene Charisma des jeweiligen Sprechers bewerten. 1 stand für „kein Charisma“ und 10 stand für „sehr starkes Charisma“. ​ Das Charisma des angeblichen „Nichtchristen“ wurde von der Gruppe der „Gläubigen“ mit durchschnittlich 3,8 und von der Gruppe der „Weltlichen“ mit durchschnitt­lich 3,5 bewertet. Hier war die unterschiedliche Wahrnehmung des Charismas also nicht sehr groß. Bei den Sprechern, bei denen es sich angeblich um einen „Christen“ bzw. einen „Christen mit heilenden Fähigkeiten“ handelte, fiel die Einschätzung hingegen völlig unterschiedlich aus. Diese Sprecher wurden von der Gruppe der „Gläubi­gen“ durchschnittlich mit den Werten 6,5 bzw. 7,8 ein­gestuft, während die Gruppe der „Weltlichen“ diese Sprecher durchschnittlich nur mit 3,8 bzw. 4 bewerte­te. ​ Noch deutlicher wurde der Unterschied, als es um die Frage ging, ob die Probanden während der Gebete die Anwesenheit Gottes spürten. Auch hier musste die persönliche Empfindung auf einer Skala von 1 bis 10 eingetragen werden. 1 bedeutete „keine Anwesenheit“ und 10 bedeutete eine „sehr starke Anwesenheit“. In der Gruppe der „Gläubigen“ wurde bei den Gebeten des vermeintlichen „Nichtchristen“ die Anwesenheit Gottes mit durchschnittlich 4 bewertet. Bei den Gebe­ten des vermeintlichen „Christen“ und des vermeintli­chen „Christen mit heilenden Fähigkeiten“ wurde die Anwesenheit Gottes hingegen mit 7 bzw. 7,2 bewertet. In der Gruppe der „Weltlichen“ wurde die Anwesenheit Gottes bei allen drei Sprechern kaum empfunden. Alle Werte lagen durchschnittlich nur bei 1,1 bis 1,3. Die Ergebnisse aller Tests waren nicht verwunderlich und entsprachen weitestgehend den Erwartungen der Wissenschaftler. Die wirklich spannende Frage war: Was geschah während der Gebete in den Gehirnen der „Gläubigen“ und in den Gehirnen der „Weltlichen“? Hier brachte die Auswertung der funktionellen Bildauf­zeichnungen erstaunliche Ergebnisse. In der Gruppe der „Weltlichen“ gab es bei allen Gebe­ten kaum Unterschiede in den Aktivierungsmustern des Gehirns. Ob ein Gebet von einem „Nichtchristen“, ei­nem „Christen“ oder einem vermeintlichen „Christen mit heilenden Fähigkeiten“ gesprochen wurde, wirkte sich also kaum aus. ​ Anders hingegen in der Gruppe der „Gläubigen“. In dieser Gruppe zeigten die Aufzeichnungen große Akti­vierungsunterschiede vor allem im präfrontalen Kortex, im Gyrus cinguli und im Kleinhirn. Je stärker das Charisma eines Gebetssprechers be­wertet wurde, desto höher war die Deaktivierung in diesen Arealen. Das bedeutet mit anderen Worten: Je stärker jemand eine andere Person als charismatisch empfindet, desto eher werden kritische Kontrollfunktionen des Verstan­des gemindert. Diese Eigenschaft des Gehirns ist evolutionär sinnvoll, weil es z.B. die Überlebenschancen des Einzelnen in der Gesamtgruppe erhöht oder den Erfolg einer Gruppe gegenüber einer anderen Gruppe möglich macht. Andererseits kann diese Eigenschaft unseres Gehirns aber auch fatale Folgen haben und erklärt, warum es möglich ist, dass Menschen einem fanati­schen Anführer blind folgen oder bereit sind, sich selbst zu opfern. Dennoch brauchen wir Idole und Vorbilder, um uns selbst weiterzuentwickeln. Die Kunst besteht letzt- endlich darin, die wahren Absichten eines charismati­schen Menschen früh zu erkennen und zu entschei­den, ob diese für die eigenen Ziele und Wünsche posi­tiv und wünschenswert sind und ob sie im Einklang mit den sozialen Werten und Normen unserer Gesellschaft stehen. ​ 4. Ist Charisma lernbar? ​ Viele Menschen glauben, dass die „Gabe“ des Charisma angeboren sei. Diese Ansicht ist jedoch falsch, denn Cha­risma ist durchaus lernbar. Allerdings ist es auch hier wie bei vielen anderen Dingen, wie z.B. Klavierspielen Lernen. Der eine kann es besser und der andere schlechter, und wenn man fleißig übt, wird es auf jeden Fall immer besser. Die wichtigsten Übungen für ein besseres Charisma sind folgende: ​ Entspannung Wer Angst oder Stress ausstrahlt, wird auf andere Menschen nicht charismatisch wirken. Versuchen Sie also zu entspannen und wirken Sie ruhig und gelassen. ​ Selbstbewusstsein Seien Sie von dem, was Sie tun, überzeugt und gehen Sie damit selbstbewusst um. Ein selbstbewusstes Auf­treten stärkt Ihr Charisma erheblich. ​ Gefühle Untersuchungen haben bestätigt, dass Menschen mit einer charismatischen Ausstrahlung ihre Gefühle stär­ker zeigen als andere Personen. ​ Körpersprache Wie wichtig Körpersprache ist, um überzeugend zu wirken, ist den meisten bewusst. Dennoch wird die Körpersprache oft aus Desinteresse ignoriert. Achten Sie mehr auf Ihre Körpersprache und setzen Sie sie bei Ihrer Kommunikation bewusst ein. ​ Nachdenken Denken Sie über das, was Sie sagen wollen, erst einmal genau nach. Erst wenn Sie sicher sind, dass das, was Sie sagen möchten, interessant, hilfreich oder witzig ist, sprechen Sie es aus. ​ Sprache Achten Sie darauf, dass Ihre Sprache nicht monoton klingt, sondern lebendig und authentisch. Variieren Sie Geschwindigkeit, Tonhöhe und Rhythmus. ​ Blickkontakt Schauen Sie Ihrem Gesprächspartner in die Augen, wenn Sie mit ihm reden. ​ Fester Händedruck Begrüßen Sie Ihren Gesprächspartner mit einem fes­ten, aber nicht zu festen Händedruck. ​ Interesse Zeigen Sie Ihrem Gesprächspartner, dass Sie ernsthaft an dem, was er sagt, interessiert sind. Seien Sie konzentriert und aufmerksam.

  • Die Macht der Gewohnheit

    Ist unser Verhalten von unseren Zielen oder von unseren Gewohnheiten abhängig? Inhaltsverzeichnis 1. Gewohnheiten: Fluch oder Segen? 2. Gewohnheiten verhindern Veränderungspro­zesse 3. Wie man Gewohnheiten ändern kann 4. Wie Gewohnheiten unsere Ziele beeinflussen 5. Gewohnheiten und assoziative Lernprozesse Die Macht der Gewohnheit Ist unser Verhalten von unseren Zielen oder von unseren Gewohnheiten abhängig? 1. Gewohnheiten: Fluch oder Segen? Gewohnheiten sind grundsätzlich etwas sehr Nützli­ches. Sie führen uns sicher durch den Alltag und durch unser Berufsleben. Sie helfen uns bei Entscheidungen und machen es möglich, dass wir komplexe Prozesse wie z.B. Autofahren fast automatisch vollziehen. Andererseits verhindern Gewohnheiten auch viele Dinge. Vor allem dann, wenn es darum geht, schlechte Verhaltensweisen abzulegen oder neue Wege zu gehen. Die Konsequenz ist, dass wir schon einmal die eine oder andere Chance verpassen oder Verbesse­rungen im Keim ersticken. Dies geschieht umso häufi­ger, je weniger wir die Routineregeln unseres Gehirns kennen oder verstehen. Um zu verstehen, wie Gewohnheiten ablaufen, müssen wir zunächst einmal wissen, wie sie entstehen und was sich dabei in unserem Gehirn abspielt. ​ Mit Hilfe der modernen bildgebenden Verfahren lässt sich erkennen, z.B. wenn ein Mensch Autofahren lernt, dass am Anfang der präfrontale Cortex sehr aktiv ist. Der Grund ist, dass dort das Zentrum unseres Be­wusstseins sitzt, und wer gerade mit dem Autofahren beginnt, muss sich sehr stark konzentrieren, jede Ent­scheidung durchdenken und jede Handlung bewusst durchführen. Das beginnt beim Anlegen des Sicher­heitsgurtes und geht bis hin zum Gangeinlegen und Losfahren. Von Fahrstunde zu Fahrstunde werden wir dann besser, was nichts anderes bedeutet, als dass unser Gehirn die für das Autofahren notwendigen neu­ronalen Verbindungen aufbaut und nach und nach immer stärker festigt. Gleichzeitig wandert die Fähig­keit des Autofahrens immer weiter ins Hirninnere, und die Aktivitäten des präfrontalen Cortex, also unseres Bewusstseins werden schwächer, bis sich dann letzt­endlich die Fähigkeit Autofahren als Gewohnheit im limbischen System festsetzt. ​ Der Verkehrswissenschaftler Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen formulierte es ein­mal so: Auf Routinestrecken schalten Autofahrer das Großhirn, also den Verstand, gerne einmal aus. Was sich zunächst als sehr gefährlich anhört, macht aber durchaus Sinn. Dadurch, dass wir das Autofahren automatisieren, also zur Gewohnheit werden lassen, kann unser Gehirn die freigewordenen Kapazitäten besser nutzen und sich auf das Wesentliche konzent­rieren. Das ist auch einer der Gründe, warum Fahran­fänger häufiger in Unfälle verwickelt sind als erfahrene Autofahrer, vorausgesetzt, die Routine führt nicht zu Leichtsinn. Haben wir es erst einmal geschafft, eine Fähigkeit oder eine Tätigkeit zur Gewohnheit werden zu lassen, also sie im limbischen System zu verankern, bleibt sie dort ein Leben lang erhalten. Handelt es sich hierbei um eine schlechte Gewohnheit, ist es sehr schwer, sie wieder rückgängig zu machen oder in positive Ge­wohnheit umzukehren. ​ Probieren Sie einmal folgendes aus: Falten Sie einmal Ihre Hände so, als wenn Sie beten wollten. Wie fühlen Sie sich dabei? Wahrscheinlich fühlen Sie sich gut und entspannt. Jetzt ändern Sie bitte einmal die Position der Daumen. Der Daumen, der oben liegt, kommt nach unten und umgekehrt. Wie fühlen Sie sich jetzt? Wahr­scheinlich haben Sie jetzt ein unangenehmes oder ungewohntes Gefühl. Bis wir uns an eine solche neue Haltung gewöhnen und sie nicht mehr als ungewohnt oder unangenehm empfinden, dauert es ca. zwei Wochen. Bis dahin sen­det unser limbisches System permanent Alarmsignale an unser Bewusstsein, dass irgendetwas nicht stimmt bzw. nicht in Ordnung sei. Dies fand u.a. die US-Psy­chologin Dawna Markova heraus. Wenn eine solche relativ unbedeutende Gewohn­heitsänderung schon zwei Wochen braucht, dann kann man sich leicht vorstellen, warum es so schwierig ist, statt Süßigkeiten lieber Obst zu essen, statt abends ein Bierchen lieber Mineralwasser zu trinken oder statt auf der Coach zu sitzen und fernzusehen, sich sport­lich zu betätigen. Gewohnheiten können also Veränderungsprozesse stark behindern. Dies trifft aber nicht nur bei privaten, sondern auch bei beruflichen Themen zu. ​ 2. Gewohnheiten verhindern Veränderungsprozesse Der Gehirnforscher Prof. Dr. Erst Pöppel von der Uni­versität München hat einmal errechnet, dass wir täglich bis zu 20.000 Entscheidungen treffen.(2) Diese hohe Zahl erscheint auf den ersten Blick unglaublich. Auf den zweiten Blick ist sie jedoch nachvollziehbar: Greife ich jetzt zur Kaffeetasse oder erst etwas später? Ziehe ich erst den linken oder erst den rechten Schuh an? Stecke ich den Haustürschlüssel in meine Jackenta­sche oder stecke ich ihn in meine Hosentasche? Jeder Handlung und jeder Tätigkeit geht eine Ent­scheidung voraus, die wir allerdings überwiegend un­bewusst treffen, eben aus Gewohnheit. Müssten wir jede dieser rund 20.000 Entscheidungen im Einzelnen bewusst durchdenken, wären wir sehr schnell völlig handlungsunfähig. ​ Gewohnheiten haben aber noch einen weiteren Vorteil: Gewohnheiten vermitteln uns ein Gefühl der Sicherheit, denn was wir aus Gewohnheit tun, tun wir in der Regel auch richtig. Und wenn wir etwas richtig machen, ent­steht ein Wohlgefühl, weil unser Gehirn den Botenstoff Dopamin ausschüttet. Dieses Wohlgefühl führt dann zu dem Wunsch nach Wiederholung bzw. Beibehaltung der Vorgehens- oder Handlungsweise. Was auf der einen Seite gut ist, wird aber auf der ande­ren Seite zum großen Problem: Gewohnheiten begren­zen uns in unseren möglichen Handlungen, sie ma­chen uns blind für neue Wege oder sie behindern uns in unserer Flexibilität. ​ Im Büro trinken wir immer aus derselben Kaffeetasse, und wenn diese Tasse bereits von einem Kollegen verwendet wird, reagieren wir schnell gereizt. Verändern sich Arbeitsabläufe, kommt bei vielen schnell Widerstand auf. Warum Dinge an­ders machen, es hat doch so auch immer funktioniert? Sind erst einmal ganze Abteilungen im Das-haben-wir-doch-immer-so-gemacht-Rausch, bleibt kaum Raum für Kreativität und innovative Ideen. Neue Mitarbeiter mit frischen Ideen werden unterdrückt, Vorschläge von externen Beratern werden als unbrauchbar herunter­gespielt. ​ Eine Studie von IBM hat ergeben, dass rund 60% aller Changemangement-Projekte nicht oder nur teilweise erfolgreich umgesetzt werden. Die Hauptursachen hierfür sind innere Einstellungen und Denkweisen der Beteiligten. (3) Um solche Entwicklungen zu verhindern und dafür zu sorgen, dass erst gar keine Routinen, also Gewohn­heiten aufkommen, wechselt z.B. die Deutsche Luft­hansa regelmäßig die Zusammensetzung der Bord­crews. Andere Unternehmen haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass sie ihre Führungskräfte ein so genanntes „Triple-Two-Programm“ durchlaufen lassen. Hierbei muss sich der Führungskräftenachwuchs zunächst in zwei verschiedenen Positionen an zwei verschiedenen Standorten bewähren, bevor er eine echte Chance bekommt. Solche und ähnliche Projekte haben durchaus ihre Berechtigung, denn sie verhindern unerwünschte Rou­tinen und erhöhen die Flexibilität. ​ 3. Wie man Gewohnheiten ändern kann ​ Der Psychologe Prof. Dr. Elliot Aronson lehrte u.a. an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz und beschäf­tigt sich hauptsächlich mit der Frage, wie man bei Menschen Gewohnheiten ändern kann. Dass er auf diese Frage nicht nur theoretische Antworten hat, son­dern auch praktische, konnte er an einer eigenen Er­fahrung belegen. In seiner Zeit als Professor in Santa Cruz beobachtete Aronson, dass seine Studenten ein ziemlich lockeres und ungeschütztes Sexleben führten. Die Angst vor Aids war praktisch nicht vorhanden. Diese Beobach­tung wurde dann durch eine Umfrage bestätigt, wo­nach nur 17% der Studenten geschützten Sex hatten. Aronson war besorgt über diesen Zustand, und so überlegte er, was er tun kann, um dies zu ändern. Im Prinzip gab es ja nur zwei Ansatzpunkte: Entweder bringt er die Studenten dazu, weniger Sex zu haben, oder er bringt die Studenten dazu, Kondome zu benutzen. Er entschied sich, über Lösungen für den zweiten Ansatzpunkt nachzudenken Seine Lösung war einfach und wirkungsvoll zugleich: Er machte die Studenten zu Botschaftern! So ließ er seine Studenten z.B. Videos drehen, die über die Gefahren von Aids aufklärten. Er ließ sie Vor­träge halten und gab ihnen das Gefühl, dass sie durch diese Vorträge Leben retten könnten. Er entwickelte also eine Kampagne, bei der die Studenten eine Bot­schaft verkünden mussten, die sie selber nicht lebten. ​ Rein wissenschaftlich betrachtet, machte Aronson nichts anderes, als dass er bei seinen Studenten eine „kognitive Dissonanz“, also ein schlechtes Gewissen erzeugte. Sechs Monate später, als Aronson seine Proban­den noch einmal interviewen ließ, stellte sich heraus, dass bis zu 70 Prozent der Studenten, die an seiner Kampagne teilnahmen, beim Sex Kondome benutzten. ​ 4. Wie Gewohnheiten unsere Ziele beeinflussen Dass Ziele im Leben etwas sehr Wichtiges sind, dar­über sind sich die meisten Menschen einig. Dass sie dann aber auch der Meinung wären, dass sich ihr Verhalten an den Zielen orientiere, ist jedoch ein Trugschluss. Wa­rum das so ist, können uns inzwischen interessante Studien belegen. Wir setzen uns z.B. das Ziel, fünf Kilogramm abzuneh­men, und beschließen, ab sofort täglich 30 Minuten joggen zu gehen. Oder wir möchten uns gesünder ernähren und beschließen, ab sofort unsere Ernährung umzustellen. Die meisten Menschen denken, dass jetzt die Motivation ihres Verhaltens, also das Joggen oder die gesunde Ernährung, durch ihr Ziel bestimmt sei, abzunehmen oder sich gesünder zu ernähren. Zunächst trifft dies auch zu, aber je länger man dann joggt oder gesunde Nahrung zu sich nimmt, desto un­wichtiger wird das ursprüngliche Ziel. ​ Im Jahre 2010 erforschte ein Team um die Gesund­heitspsychologin Philippa Lally vom University College in London, wie wiederholtes Verhalten nach und nach zu einer Gewohnheit wird. (4) Zunächst mussten sich ca. einhundert Probanden et­was ausdenken, das sie sich gerne zur Gewohnheit machen möchten. Anschließend wurden die Proban­den aufgefordert, dies rund 80 Tage lang zu tun. Um den Verlauf des Experimentes zu kontrollieren, trugen die Probanden täglich in einem Onlineprogramm ein, ob sie ihre Vorsätze eingehalten hatten, und auf einer Skala schätzten sie ein, wie routiniert ihnen ihr neues Verhalten inzwischen erschien. Wie erwartet wurden die zunächst bewusst durchge­führten Handlungen der Probanden immer mehr zur unbewussten Gewohnheit. Reicht aber die regelmäßige Wiederholung aus, um aus bewussten Handlungen dauerhafte Gewohnheiten zu machen? Dieser Frage wollen wir als nächstes nachgehen. ​ 5. Gewohnheiten und assoziative Lernprozesse ​ Die meisten Psychologen gehen davon aus, dass Ge­wohnheiten auch durch assoziative Lernprozesse ent­stehen. Das bedeutet, dass Ereignisse, die räumlich und/oder zeitlich gemeinsam auftreten, durch Wieder­holungen in der Erinnerung verknüpft werden. Tritt dann das räumliche oder zeitliche Ereignis ein, kommt es zur Handlung. Beispiele dafür sind die Zigarette zum Kaffee oder das Stück Kuchen um 15.00 Uhr. Hier sind es also Signale wie Kaffee oder die Uhrzeit, die das verinnerlichte Verhalten dann automatisch auslö­sen. Um diese Annahme zu bestätigen, befragten Wissen­schaftler unter Leitung der Psychologin Wendy Wood von der Duke University Durham in North Carolina Studenten vor und nach dem Umzug in ein neues College über bestimmte Gewohnheiten. Gingen die Studenten an dem neuen College ihren alten Gewohn­heiten weiterhin nach, oder führte die Ortsveränderung dazu, dass sich die alten Gewohnheiten verflüchtigten? (5) Die Vermutung der Wissenschaftler bestätigte sich, denn das neue Umfeld warf die Studenten tatsächlich aus der Bahn, wenn sich die Rahmenbedingungen stark verändert hatten. So hatten z.B. einige Studenten vor dem Umzug die Gewohnheit, an ihrer alten Uni das Fitnessstudio re­gelmäßig und meist zu einer bestimmten Uhrzeit zu besuchen. Fanden sie an der neuen Uni diese Mög­lichkeit nicht in ähnlicher Form vor, war es bald vorbei mit dem regelmäßigen Training. ​ Positive wie auch negative Gewohnheiten entstehen also zunächst durch regelmäßige Wiederholungen. Können sie dann aber nicht dauerhaft im Kontext, also z.B. mit den gleichen räumlichen oder zeitlichen Be­dingungen durchgeführt werden, verblassen sie. Dies bestätigt auch ein Experiment aus dem Jahr 2009, das von einem Forscherteam um den Psycholo­gen David Neal von der Duke University durchgeführt wurde. Auf einer Skala mussten die Probanden angeben, wie stark sie glaubten, dass ihr Verhalten, z.B. Sport Trei­ben, durch ihr Ziel, z.B. fünf Kilo abzunehmen, bestimmt sei. Das Ergebnis war mehr als interessant: Je fester ihre Gewohnheiten waren, desto mehr glaubten die Probanden, dass ihr Ziel sie dazu motiviere. Um zu beweisen, dass dies nicht stimmt, machten die Wissenschaftler folgendes: An Monitoren mussten die Probanden Wörter wie z.B. „Joggen“ oder „Obst“ von Pseudowörtern unterscheiden. Bevor diese Wörter erschienen, blitzten im Millisekundenbereich Begriffe auf, so dass sie von den Probanden gar nicht bewusst wahrgenommen werden konnten. ​ Wäre eine Gewohnheit wie z.B. gesunde Ernährung tatsächlich von dem Ziel, Gewicht zu verlieren, abhän­gig, dann müsste es im Gehirn der Probanden eine deutlich wirksame Ver­knüpfung zwischen Gewohnheit und Ziel geben. Ein unbewusst wahrgenommenes Wort wie z.B. „Ge­wichtsabnahme“ müsste das Erkennen des Wortes „Sport“ beschleunigen. Die Auswertung des Experiments ergab aber etwas völlig anderes: Nur aufblitzende Wörter, die unmittelbar mit Sport zu tun hatten, wie z.B. „Laufschuhe“ oder „Hantel“, führten bei den Probanden dazu, bei dem Wort „Sport“ schneller zu reagieren. Es war also offensichtlich, dass es in den Gehirnen der Probanden zwar eine starke Assoziation zwischen Lauf­schuhen und Sport gab, aber keine Assoziation mit den von ihnen selbst genannten Zielen. Dieses Experiment belegt, wie viele andere auch, dass unsere Gewohnheiten langfristig nichts mit unseren Zielen zu haben.

  • Neurofeedback - mein Gehirn macht, was ich will

    Wir können lernen, die Prozesse in unserem Gehirn aktiv zu beeinflussen. Inhaltsverzeichnis 1. Methoden zur bewussten Wahrnehmung 2. Was ist Biofeedback? 3. Was ist Neurofeedback mit Hilfe eines EEG? 4. Was ist Neurofeedback mit Hilfe einer fMRT? Neurofeedback - mein Gehirn macht, was ich will Wir können lernen, die Prozesse in unserem Gehirn aktiv zu beeinflussen. 1. Methoden zur bewussten Wahrnehmung ​ Viele Krankheiten oder Verhaltensstörungen basieren auf körperlichen oder geistigen Fehlfunktionen, die die Betroffenen selbst nicht bewusst wahrnehmen können. Um solchen Patienten zu helfen, hat die Wissenschaft in der Vergangenheit eine Reihe von Methoden entwi­ckelt, wodurch nicht nur eine Verbesserung des kör­perlichen oder geistigen Zustands erreicht wird, son­dern auch der Einsatz von Medikamenten ganz oder zumindest teilweise eingestellt werden kann und somit schädliche Nebenwirkungen vermieden werden. Die wichtigsten Methoden sind: Biofeedback Neurofeedback mit Hilfe eines EEG Neurofeedback mit Hilfe einer fMRT Wie diese Methoden funktionieren und was sie bewir­ken, wollen wir uns im Folgenden näher an­schauen. ​ ​ 2. Was ist Biofeedback? ​ Unter Biofeedback versteht man eine Methode, bei der biologische Veränderungen z.B. von Blutdruck oder Herzfrequenz, die über die Sinne nicht wahrgenommen werden, mit Hilfe technischer Mittel dem eigenen Be­wusstsein zugänglich gemacht werden können. Biofeedback hat also das Ziel, eine oder mehrere Körperfunktionen durch physiologische Messungen dem Bewusstsein zugänglich zu machen, indem die gemes­senen Werte z.B. akustisch oder optisch aufbereitet und dargestellt werden. Für solche Messungen und Darstellungen kommen eine Reihe biologischer Parameter in Frage. U.a. sind dies: Atemfrequenz Blutdruck Puls Sauerstoffgehalt des Blutes Hauttemperatur Hautwiderstand Aber wie funktioniert das konkret und wie sieht es in der Praxis aus? Eine mögliche Situation könnte fol­gende sein: Der Patient sitzt vor einem Computerbildschirm, und an seinem Finger ist eine Messsonde angebracht. Diese Messsonde misst den Hautleitwert und somit auch indirekt den Grad der Anspannung des autono­men Nervensystems. Gleichzeitig können die Atemkurve oder der Grad der Muskelanspannung an Stirn und Nacken erfasst wer­den. Darüber hinaus könnte z.B. auch ein Pulsampli­tuten-Messgerät an der Schläfenarterie angebracht werden. Die gemessenen Werte werden dann auf dem Com­puterbildschirm etwa durch Diagramme visuell sichtbar gemacht oder auch durch laute und leise bzw. helle oder dunkle Töne akustisch dargestellt. Durch diese Methode ist es also möglich, psychophy­siologische Zusammenhänge nicht nur optisch bzw. akustisch darzustellen, sondern sie vor allem auch dem Patienten bewusst zu machen. ​ Beispielsweise kann verfolgt werden, welche Auswir­kungen Erinnerungen an schöne oder schwierige Situ­ationen auf Atmung, Hautleitwert und Herz-Kreislauf-System haben. Die Rückmeldung führt dazu, dass der Patient sich selbst besser kennen lernt. Oft zeigen die Messwerte, dass Muskeln angespannt sind, der Atem flach geht, die Handflächen schwitzen oder das Herz schnell schlägt, obwohl das dem Patienten nicht bewusst ist. Biofeedback dient also der Schärfung des Bewusstseins für eigene innere Zustände. In einem zweiten Schritt wird nun mit Hilfe von Übun­gen versucht, die Messwerte so zu verändern, dass sie dem Behandlungsziel entsprechen. Solche Ziele kön­nen z.B. eine Reduzierung der Muskelanspannung oder eine gleichmäßige Atmung sein. ​ Letztlich geht es darum, die Einflussnahme auf das vegetative Nervensystem auch ohne Hilfsgerät zu er­lernen und im Alltag anzuwenden, um schwierige Situ­ationen besser meistern zu können. Da die messbaren und ableitbaren Parameter sehr umfangreich sind, gibt es in der Anwendung des Bio­feedbackverfahrens eine Vielzahl von Einsatzmöglich­keiten: Sie reichen von der Schmerztherapie über Herz-Kreis­lauferkrankungen bis hin zu Angststörungen oder De­pressionen. Und selbst bei Krankheiten wie ADHS oder Epilepsie lassen sich mit dieser Methode gute Fort­schritte erzielen. ​ 3. Was ist Neurofeedback mit Hilfe eines EEG Während es beim Biofeedback um eine Rückmeldung von Zustandsänderungen bei biologischen Vorgängen geht, wird durch Neurofeedback mit Hilfe des EEG eine Rückmeldung über die Gehirnstromkurven erreicht. Dabei werden Gehirnstromkurven, also EEG-Wellen, von einem Computer in Echtzeit analysiert, nach ihren Frequenzanteilen zerlegt und auf einem Computerbild­schirm dargestellt. Die Zerlegung in verschiedene Wellenanteile erfolgt z.B. nach den uns bekannten Alpha-, Beta-, Delta oder Gammawellen. Physiologische Vorgänge, die sonst im Verborgenen liegen, können so durch optische Grafiken oder akusti­sche Signale wahrnehmbar gemacht werden und für das Feedbacktraining genutzt werden. Werden dabei erwünschte Schwellen unter- bzw. überschritten, wird diese Gehirnaktivität mittels eines Belohnungsreizes verstärkt. Die Wirkung des Neurofeedback-Trainings ist oft er­staunlich und wird damit erklärt, dass es sich hierbei um unbewusste Lernprozesse handelt, für die keine bewusste Anstrengung erforderlich ist, durch die ein gewünschtes Verhalten gestärkt wird. Ziel ist es daher, durch Heruntertrainieren oder Herauftrainieren be­stimmter Wellenanteile Symptome positiv zu beeinflus­sen. Auch bei dieser Methode sind die Anwendungsberei­che sehr vielseitig. Sie reichen von der Behandlung von Krankheiten wie z.B. Epilepsie, Schlaganfall oder Schlafstörungen über Präventionen wie Stress­bewältigung oder Sozialverhalten bis hin zu so ge­nannten Peak-Performance-Trainings, um durch Men­taltraining Spitzenleistungen im Sport oder Beruf zu fördern. ​ 4. Was ist Neurofeedback mit Hilfe einer fMRT ​ fMRT steht für „funktionelle Magnetresonanztomogra­fie“. Hierbei handelt es sich um ein bildgebendes Ver­fahren, bei dem sichtbar wird, wie stark die Aktivitäten in den unterschiedlichsten Hirnarealen sind. Dies ist möglich, indem der Tomograf misst, in welchen Hirn­regionen sauerstoffreiches Blut zirkuliert. Dort, wo der Sauerstoffanteil im Blut besonders hoch ist, sind auch die Gehirnzellen besonders aktiv. Neurofeedback mit Hilfe einer fMRT ist die modernste Methode, und während früher die Aufzeichnungen des Tomografen oft in mühevoller Arbeit ausgewertet wer­den mussten, verfügen neuere Geräte über eine hoch entwickelte Software, die eine Echtzeitauswertung möglich macht. Und es gibt weitere Vorteile: Nicht nur der Wissen­schaftler im Nebenraum kann die Hirnaktivitäten in Echtzeit verfolgen, auch der Proband selbst erhält im Hirnscanner ein Feedback über die Aktivierungszu­stände seiner Gehirnzellen, indem ihm die Ergebnisse auf einem kleinen Bildschirm im Scanner angezeigt werden. ​ Einer der bekanntesten Neurowissenschaftler auf dem Gebiet des Neurofeedbacks ist Prof. Dr. Niels Birbau­mer von der Universität Tübingen. Bereits im Jahre 2007 konnten er und sein Team eindrucksvoll demonst­rieren, wie Menschen mit nur wenigen Übungen es schaffen, die Aktivitäten in einem zuvor festgelegten Hirnareal zu beeinflussen. (1) Für den Pilotversuch wählten die Forscher ein Areal mit der Bezeichnung „Insula“ aus. Dieses Hirnareal ist u.a. dafür zuständig, die eigenen Emotionen zu erken­nen und zu bewerten. Nach nur drei Durchgängen von jeweils vier Minuten waren alle Probanden in der Lage, willentlich die Akti­vitäten in der Insula zu verändern. Dies gelang z.B. dadurch, dass sich die Probanden an besonders posi­tive oder negative Erlebnisse erinnerten. ​ Zur Zeit laufen weltweit viele Tests und Untersuchungen, um herauszufinden, ob diese neue Technologie auch bei Krankheiten wie ADHS, Schizophrenie, Depressionen und vie­len anderen helfen kann. Auch gibt es Untersuchungen mit dem Ziel, Menschen mit Hilfe dieser neuen Technologie zu mehr hirngerechten Leistungen und erfolgreicheren Lernprozessen im Be­ruf zu verhelfen. Auch wenn die vielen Tests und Versuche erst am Anfang stehen, so zeichnet sich doch der Trend ab, dass diese Technik viele positive Einsatzmöglichkeiten in der Behandlung von Krankheiten, in der Prävention und auch in der Persönlichkeitsentwicklung haben wird.

  • Unser Gehirn denkt in Bildern

    Eine bildhafte Sprache wirkt wie ein Turbo in unserem Gehirn Inhaltsverzeichnis 1. Am Anfang war das Wort 2. Wie entsteht Sprache? 3. Bilder und Fakten 4. Wörtliche und bildliche Sprache 5. Unser Gehirn liebt Geschichten Unser Gehirn denkt in Bildern Eine bildhafte Sprache wirkt wie ein Turbo in unserem Gehirn 1. Am Anfang war das Wort Bereits in der Bibel können wir bei Johannes 1, 1 ff lesen: Am Anfang war das Wort. Sprache ist viel mehr als nur die Aneinanderreihung von Worten oder Lauten. Sprache ist die Grundlage der Kom­munikation, sie ist der Dreh- und Angelpunkt unseres sozi­alen Verhaltens und der zwischenmenschlichen Beziehun­gen. Sprache kann die Welt verändern. Sie kann Menschen moti­vieren oder zerstören. Sie kann Kriege auslösen, aber auch Frieden stiften. Aber wie entsteht Sprache, und welche Mechanismen spie­len sich dabei im Gehirn des Menschen ab. Diese Frage wollen wir im Folgenden einmal näher erör­tern. ​ 2. Wie entsteht Sprache? Bereits in der Antike beschäftigten sich die Gelehrten mit der Frage, wie Sprache entsteht. Der griechische Arzt Gale­nos von Pergamon, der in der Zeit um 129-216 n. Chr. lebte, war wohl einer der ersten Wissenschaftler, der von der Annahme ausging, dass Sprache eine Leistung des Ge­hirns ist. Um seine Vermutung zu bestätigen, durchtrennte er bei einem Patienten die Nervenbahnen, die den Kehlkopf ver­sorgten, was dazu führte, dass dieser Patient anschließend nicht mehr in der Lage war zu sprechen. Da die Nerven­bahnen ihren Ausgangspunkt im Gehirn hatten, stand bereits schon damals für Galenos fest, dass die Fähigkeit zur Laut­äußerung im Gehirn entsteht. Was sich dabei aber im Ein­zelnen abspielt, sollte noch über viele Jahrhunderte ein Geheimnis der Natur bleiben. Erst im 19. Jahrhundert konnte der französische Anth­ropologe und Arzt Paul Broca, Licht ins Dunkle bringen, als es ihm gelang, ein motorisches Sprachzentrum im Bereich des Frontallappens zu lokalisieren. Menschen, die in diesem Bereich des Gehirns eine Verletzung hatten, litten unter massiven Sprachstörungen. Die Schlussfolgerung war, dass in diesem Bereich des Gehirns die Bewegungsvorstellungen angesiedelt sein müssen, wo die Befehle für die Artikulati­onsorgane entstehen. Einige Jahre später sorgte ein anderer Wissenschaftler für großes Aufsehen. Der damals erst 26-jährige deutsche Neu­rologe und Psychiater Carl Wernicke beschrieb 1874 in seiner Dissertation neben dem von Broca entdeckten mo­torischen Areal ein weiteres Areal, in dem Klangbilder ge­speichert werden, wodurch das Verstehen von Sprache möglich ist. Dieses Areal liegt im hinteren, seitlichen Teil des Temporallappens der Großhirnrinde. Wie revolutionär die Entdeckungen von Broca und Werni­cke waren, zeigt sich darin, dass die von ihnen entdeckten Gehirnareale bis heute nach ihnen benannt sind und wir das motorische Areal als Broca-Zentrum und das sen­sorische Areal als Wernicke-Zentrum bezeichnen. Die aber wohl wichtigste Erkenntnis Wernickes war, dass die beiden Areale nur dann ihre Aufgabe erfüllen können, wenn sie in einer interaktiven Wechselwirkung zueinander stehen. ​ Kinder lernen Wörter zunächst durch Nachplappern. Hier kommt zunächst das Broca-Areal, also das motorische Zentrum zum Einsatz, wo es darum geht, zu erkennen, wie man Lippen, Kiefer und Zunge bewegen muss, um den ge­hörten Laut reproduzieren zu können. Diese Bewegungsvorstellungen im Broca-Areal werden dann mit den Klangbildern im Wernicke-Zentrum, also dem sen­sorischen Areal abgeglichen. Auf diese Weise bildet nun das Gehirn eine feste Einheit aus motorischen und sensorischen Komponenten, die es ermöglichen, ein Wort zu erkennen und auszusprechen. Wörter erkennen und aussprechen ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Frage, die noch offen blieb, war: Wo im Gehirn werden den Wörtern Bedeutungen zugeordnet? Wovon ist die Bedeutungszumessung abhängig? Und welche Reaktionen lösen diese beim Zuhörer aus? Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Wie können welche Wirkungen mit Sprache erzielt wer­den? ​ 3. Bilder und Fakten Welche unterschiedlichen Wirkungen die Verwendung von Bildern und Fakten in unserem Sprachgebrauch auf das Verhalten von Menschen haben, ist erstaunlich. Besonders deutlich wird dies bei dem Thema Gesundheit. Ob im Fernsehen, im Radio oder in Zeitschriften, das Thema Gesundheit sichert den Sendern hohe Zuschauer­quoten und den Verlagen große Auflagen. Die Menschen interessieren sich für ihre Gesundheit und somit auch für Informationen, wie sie sie erhalten oder verbessern können. Das Merkwürdige daran ist nur, dass das Wissen rund um Themen wie Ernährung, Bewegung und Entspannung bei den Menschen durch die Medien sehr groß ist, aber nur die wenigsten die erworbenen Kenntnisse auch umsetzen. ​ Aber warum ist das so? Warum verfehlt hier die Sprache anscheinend ihre beabsichtigte Wirkung? Eine Antwort darauf gibt uns der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Ernst Pöppel von der Universität München: „Nur wenn wir das bildhafte oder episodische Gedächtnis erreichen, können wir Menschen zu einer Verhaltensände­rung bewegen. Die bisherige Gesundheitsaufklärung spricht aber nur das Faktengedächtnis an. Oder sie verwendet abschreckende Bilder. Beides funktioniert nicht…“. Um besser verstehen zu können, was Prof. Dr. Pöppel mit dieser Aussage meint, schauen wir uns zunächst einmal kurz an einem Beispiel den Unterschied zwischen dem bildhaften Gedächtnis und dem Faktengedächtnis an. ​ Fragt man Sie nach Ihrem Wissen über Fußball, könnten Sie z.B. antworten, dass es sich hierbei um ein Ballspiel handelt, bei dem zwei Mannschaften, die jeweils aus elf Spielern bestehen, zweimal 45 Minuten gegeneinander spielen und es darum geht, möglichst viele Treffer ins gegnerische Tor zu erzielen und Treffer ins eigene Tor zu vermeiden. Sie könn­ten auch erklären, wann es z.B. einen Eckstoß gibt, wann ein Elfmeter gegeben werden muss, oder wann ein Spieler im Abseits steht. Ihr Wissen besteht also lediglich aus Fakten, die Sie z.B. durch das Lesen von Fachliteratur erhalten. Ihre Antworten über Ihr Fußballwissen würden aber ganz anders aussehen, wenn Sie ein begeisterter Fußballfan sind und sich regelmäßig im Stadion Spiele live anschauen. In diesem Fall würden Ihnen Ihre Erinnerungen Bilder und Eindrücke von der Atmosphäre im Stadion übermitteln. Sie könnten etwas über den Nervenkitzel und die Spannung erzählen, die es bei einem Spiel gibt. Und Sie könnten etwas über die freudigen Gefühle berichten, die entstehen, wenn Ihre Lieblingsmannschaft gewinnt oder über die traurigen Gefühle, wenn Ihre Lieblingsmannschaft verliert. ​ In diesem Fall besteht Ihr Wissen nicht nur aus Fakten, son­dern vielmehr aus Erfahrungen und Erlebnissen, die Sie in Form von emotional bewerteten Bildern abgespeichert haben. Und genau hier liegt auch der Grund, warum in Fernseh­sendungen oder Zeitschriftenartikel die gewünschte Wir­kung der Gesundheitstipps bei den Zuschauern und Lesern nicht erreicht wird: Erst wenn ein Ereignis oder ein Erlebnis uns berührt, gelangt es in das bildhafte Gedächtnis – und nur wenn es dort ankommt, ist eine Verhaltensänderung möglich. Benutzen wir also Sprache, um Fakten zu vermitteln, hat das wenig oder nichts mit uns selbst zu tun, entsprechend ge­ring ist dann auch die Wirkung. Wenn wir also etwas mit Sprache bewirken wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Worte im Gehirn des Zuhörers Bilder erzeugen, die er emotional positiv bewer­tet und abspeichert. Was damit konkret gemeint ist, soll uns folgendes Beispiel vor Augen führen: Bei einem Seminar zum Thema Bewegung könnte man mit vielen Fakten belegen, dass Bewegung das Herz-Kreislaufsys­tem unterstützt, den Stoffwechsel fördert, den Cholesterin­spiegel senkt, die Muskulatur stärkt u.s.w. Wahrscheinlich wurde Ihnen schon beim Hören dieses letz­ten Satzes komisch zu Mute, und eine innere Stimme sagte zu Ihnen: „Ja, ja, weiß ich doch alles – Hör auf, mich zu lang­weilen“. ​ Eine ganz andere Wirkung würde man zum gleichen Thema bei den Teilnehmern erzielen, wenn man sie auffordert, sich einmal daran zu erinnern, wie es war, als man gesund und fit war, wie man sich dabei fühlte, welch tolle Leistungen man damals vollbrachte und wie leicht und einfach einem vieles von der Hand ging. Durch diese sprachliche Botschaft werden nicht Fakten vermittelt, sondern innere positive Bilder reaktiviert bzw. neu geschaffen. Damit erreichen wir bei unseren Zuhörern das bildhafte Gedächtnis, und die Wirkung ist entsprechend groß. ​ Die ganze Sache hat nur zwei Haken: Der erste Haken ist, dass unser bildhaftes Gedächtnis nicht sehr groß ist, und der zweite Haken ist, dass der Zerfall der Bilder sehr stark ist. Dies konnte eine Forschungsgruppe, die aus acht Diploman­den und Doktoranten bestanden, unter der Leitung von Prof. Dr. Pöppel in einem interessanten Experiment bele­gen. Hierbei wurden Probanden aufgefordert, ihre Erinnerungs­bilder schriftlich festzuhalten. Das Erstaunliche dabei war, dass auf das ganze Leben bezogen die Probanden jeweils nur we­nige hundert Bilder zustande brachten. ​ Eine weitere wichtige Erkenntnis dieser Untersuchung war, dass auch der Zerfall der Bilder sehr groß war. Befragte man die Probanden nach Bildern, die sie vom gestrigen Tag in Erinnerung hatten, war die Summe etwa gleich groß wie Summe der Bilder von der gesamten Woche vor dem gest­rigen Tag. Und die Summe der Bilder aus der Woche vor dem gestrigen Tag war so groß wie die Summe der Bilder des ganzen Monats vor der letzten Woche. ​ Halten wir fest: Wenn wir mit unserer Sprache etwas dau­erhaft bewirken wollen, dann dürfen wir nicht nur über Fakten sprechen, sondern vielmehr müssen wir die Sprache dazu nutzen, dass innere Bilder entstehen, die mit positiven Emotionen verknüpft im bildhaften Gedächtnis abgelegt werden. Und um den Zerfall der Bilder zu verhindern, ist es notwen­dig, Themen immer wieder und in regelmäßigen Abständen zu kommunizieren, damit sie reaktiviert werden und somit nicht in Vergessenheit geraten. ​ 4. Wörtliche und bildhafte Sprache ​ Die Verarbeitung von Sprache ist zwar ein interaktiver Prozess der verschiedensten Gehirnareale, jedoch liegt der Schwerpunkt der Verarbeitung in der sprachdominanten linken Gehirnhälfte. Will man die Wirkung der Sprache erhöhen, ist es hilfreich, auch die rechte Gehirnhälfte stärker mit einzubeziehen. Das Ergebnis ist, dass das Gehirn mehr gefordert wird und dass das aktivierte neuronale Netzwerk größer ist, was wie­derum zur Folge hat, dass das Gehörte besser abgespeichert wird und dadurch auch länger in der Erinnerung erhalten bleibt. Wie aber kann man das erreichen? Viele Studien und Unter­suchungen belegen inzwischen, dass hierfür Redewendungen oder Metaphern sich bestens eignen. Der Grund hierfür ist, dass Metaphern, Redewendungen oder auch andere bild­hafte Ausdrücke eine visuell-räumliche Verarbeitung erfor­dern, was hauptsächlich eine Aufgabe der rechten Gehirn­hälfte ist. ​ Wie interaktiv die Prozesse im Gehirn bei einer bildhaften Sprache sind, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2006, die von Sprachpsychologen um Constanze Papagno von der Univer­sitá di Milano-Bicocca durchgeführt wurde. Die Studie konnte belegen, dass sowohl sprachgestörte Personen, also Personen mit einer Schädigung in der linken Gehirnhälfte, als auch Personen mit Schäden in der rechten Gehirnhälfte, die an der Verarbeitung von visuell-räumlichen Informationen beteiligt ist, große Schwierigkeiten mit dem Verstehen von bildhaften Redewendungen hatten. Solche Befunde weisen darauf hin, dass es für unser Gehirn eine besondere Herausforderung darstellt, zwischen wört­lich gemeinten und im übertragenen Sinne gebrauchten Formulierungen zu unterscheiden. Aber genau diese Herausforderung fördert die Gehirnaktivi­tät und somit den erhöhten Wirkungsgrad der Sprache und ist ein Beleg dafür, warum ein Bild mehr sagt als tausend Worte. ​ 5. Unser Gehirn liebt Geschichten ​ Eine der wichtigsten Aufgaben unseres Gehirns ist es, die Signale unserer Sinne zu verarbeiten. Je mehr Sinne wir bei dem, was wir sagen, einbeziehen, desto höher ist die Bereit­schaft unseres Gehirns, diese Informationen zu verarbeiten. Eine bildhafte Sprache mit eindrucksvollen Emotionen, ein­gebunden in eine interessante oder spannende Geschichte, ist für unser Gehirn ein wahres „Festmahl“. Der Gehirnfor­scher Prof. Dr. Manfred Spitzer sagte einmal: „Lernen ohne Emotionen ist kaum vorstellbar“. ​ Neben der emotionalen Komponente spielt aber auch die inhaltliche Komponente eine wichtige Rolle. Inhalte sollten möglichst einfach und klar nachvollziehbar sein, damit unser Gehirn sie gut und schnell verarbeiten kann. Auch hierzu stellen Geschichten ein wunderbares Instrument dar. Was damit gemeint ist, soll uns folgendes Beispiel deutlich machen: Wenn man die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftkrise erläutern möchte, so erscheint dies auf den ersten Blick ein recht kompliziertes Thema zu sein, und Wirtschaftsexperten gelingt es immer wieder, sich stundenlang dazu zu äußern, ohne dass die meisten Zuhörer es verstehen. ​ Eine ganz andere Möglichkeit, die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu umschreiben, ist folgende Geschichte: Bill möchte sich ein Pferd kaufen, um damit den Anfang für den Aufbau seiner geplanten Ranch zu machen. Also geht er zu einem Farmer und kauft bei ihm für 100 Dollar ein Pferd. Er zahlt die Summe sofort und das Pferd sollte am nächsten Tag geliefert werden. Doch es kam anders. Am nächsten Tag rief ihn der Farmer an und teilte ihm mit, dass das Pferd gestorben sei. „Kein Problem“, entgegnete Bill, dann gib mir einfach die 100 Dollar zurück“. Der Farmer aber sagte, dass dies nicht möglich sei, weil er das Geld bereits für Futter ausgegeben hätte. Darauf hin fordert Bill den Farmer auf, ihm das tote Pferd zu liefern. Der Farmer fragte erstaunt: „Was willst du denn mit einem toten Pferd, das ist doch völlig wertlos?“ Bill antwortete: „Ich werde es verlosen, und dass das Pferd tot ist, muss ich ja niemandem sagen“. ​ Ein paar Monate später begegnen sich Bill und der Farmer zufällig und der Farmer sieht, dass Bill einen sehr teuren Anzug und wertvolle Schuhe trägt. „Und“, fragt der Farmer neugierig, „wie ist es mit deiner Verlosung gelaufen?“ Bill grinst: „Sehr gut! Ich habe über 500 Lose zu je 2 Dollar verkauft“. Der Farmer ist verdutzt: „Aber gab es denn keine Reklama­tionen wegen des toten Pferdes?“ Bill grinste erneut: „Doch, der Gewinner hat sich be­schwert, aber dem habe ich dann einfach seine zwei Dollar zurückgegeben.“ ​ Die Geschichte erklärt mit einfachen Worten in einer bild­haften Geschichte die Ursachen der Finanz- und Wirt­schaftskrise. Die Geschichte macht deutlich, wie ein giganti­scher Handel mit wertlosen Papieren dafür gesorgt hat, dass sich einige wenige die Taschen voll gemacht haben und viele andere als Betrogene zurück blieben. Und die Geschichte regt zum Nachdenken über das eigene Handeln an – jedoch nicht in Form von sachlichen oder belehrenden Aussagen, sondern vielmehr als pointiertes Erzählstück. Diese Geschichte ist ein Paradebeispiel dafür, wie unser Gehirn es am liebsten mag: Interessant, bildhaft, einfach und emotional.

  • Gefühle entscheiden über unsere Wahrnehmung (Teil 1 und 2)

    Wie wir die Welt erleben, hängt maßgeblich davon ab, wie wir uns fühlen. Inhaltsverzeichnis 1. Was sind Gefühle und wie entstehen sie? 2. Wer oder was ist „Ich“? 3. Warum können wir nicht objektiv sein? 4. Was ist selektive Wahrnehmung? 5. Wie entsteht bewusste Wahrnehmung? 6. Ist Raumwahrnehmung angeboren oder gelernt? 7. Ist das, was wir sehen, wirklich das, was es ist? 8. Kann uns auch der Tastsinn täuschen? 9. Ist die Zeitwahrnehmung für alle Menschen gleich? Gefühle entscheiden über unsere Wahrnehmung (Teil 1 und 2) Wie wir die Welt erleben, hängt maßgeblich davon ab, wie wir uns fühlen. 1. Was sind Gefühle und wie entstehen sie? ​ Wenn wir über Gefühle sprechen, müssen wir diese zunächst einmal in zwei Gruppen einteilen: Primäre Gefühle Sekundäre Gefühle Primäre Gefühle werden durch äußere Reize unserer Sinne ausgelöst. Dies geschieht dadurch, dass diese Reize in unserem Gehirn die Amygdala als emotiona­les Bewertungssystem erreichen und dadurch ein Kö­perzustand ausgelöst wird, der dem jeweiligen Gefühl zugeordnet ist. Primäre Gefühle sind angeborene Ge­fühle wie z.B. Furcht, Wut oder Freude. Den jeweiligen Körperzustand bei diesen primären Gefühlen bezeich­net man auch als angeborene dispositionelle Reprä­sentation. Sekundäre Gefühle hingegen sind nicht angeboren, sondern entstehen durch Denkprozesse, durch die wiederum Vorstellungsbilder erzeugt werden. Welche Vorstellungsbilder erzeugt werden, ist bei den sekundä­ren Gefühlen abhängig davon, welche emotionalen Erfahrungen aus früheren Erlebnissen in der Amygdala abgespeichert sind. Auch sie lösen einen Körperzu­stand aus, der dem jeweiligen Gefühl zugeordnet ist. Zu den sekundären Gefühlen zählen z.B. Verlegenheit, Eifersucht oder Neid. ​ Bewusst werden uns diese Gefühle aber erst, wenn unser autonomes Nervensystem, also der Teil unseres Nervensystems, über das unser Gehirn weitgehend keine willentliche Kontrolle hat, eine Rückmeldung über den veränderten Körperzustand an unser Gehirn mel­det. Sowohl bei den primären als auch bei den sekundären Gefühlen geht es letztendlich darum, zwischen rational bewussten und nichtrational unbewussten Prozessen zu vermitteln. Was dies konkret bedeutet, macht uns folgendes Beispiel deutlich: Menschen, bei denen bestimmte Hirnschäden im rechts­seitigen präfrontalen Cortex vorliegen, können z.B. primäre, also angeborene Gefühle ganz normal empfin­den. Sekundäre, also durch Denkprozesse aus­gelöste Gefühle hingegen werden bei diesen Men­schen nicht ausgelöst. Die Folge ist, dass diese Men­schen in ihrer Entscheidungsfähigkeit sehr stark be­einträchtigt sind. Fragt man diese Menschen z.B., ob sie morgen in ein Konzert gehen möchten, denken sie hierüber nur rein rational nach: Wenn ich ins Konzert gehe, dann kann ich nicht den Film im Fernsehen anschauen. Außer­dem muss ich auch noch schicke Kleidung für das Konzert anziehen. Andererseits kann ich den Film im Fernsehen auch aufzeichnen und ihn mir später an­schauen. Wenn ich aber ins Konzert gehe, kann ich dabei kein Knabbergepäck essen, beim Film Schauen aber sehr wohl…. Da diese Menschen auf der rein rationalen Ebene eine Entscheidung zu treffen versuchen, gelingt es ihnen meistens nicht. ​ Einer der bekanntesten Neurowissenschaftler auf dem Gebiet der Emotionen ist Antonio Damasio. Er fand u.a. heraus, dass der präfrontale Cortex in einer direk­ten Verbindung mit der Amygdala, also dem emotio­nalen Bewertungszentrum steht. Sind bestimmte Be­reiche des präfrontalen Cortex geschädigt, sind Ent­scheidungen kaum noch möglich. Seine bahnbre­chende Schlussfolgerung daraus war: Für rationale Entscheidungen sind Emotionen uner­lässlich. Wenn also Entscheidungen ohne Emotionen nicht möglich sind und Emotionen wiederum Signale sind, die entweder angeboren sind oder sich in Form von gespeicherten Erfahrungen äußern, wer oder was ist dann „Ich“? 2. Wer oder was ist "Ich"? Das „Ich“ empfinden die meisten Menschen als eine Art Steuerzentrale der eigenen Person. Bis heute ist es der Gehirnforschung allerdings nicht gelun­gen, eine solche Steuerzentrale in unserem Gehirn zu lokali­sieren. Vielmehr scheint es so, dass das „Ich“ als dynami­scher Prozess im Großhirn entsteht. Darüber hinaus gibt es bis heute auch keinen einzigen Beweis dafür, dass dieses „Ich“ den anderen Hirnfunktionen vorgeschaltet ist. Es könnte also durchaus passieren, dass uns die Gehirnfor­schung eines Tages Erkenntnisse liefert, die dazu führen, dass die Aussage „Ich habe ein Gehirn, also bin ich“ in die Aussage: „Erst mein Gehirn erzeugt in mir ein `Ich´ “, umformuliert werden muss. Dass dies der Fall sein kann, legen bereits schon vorhandene Erkenntnisse nahe. Alles, was wir erleben, wird durch neu­ronale Zustände unseres Gehirns repräsentiert. Das bedeu­tet, dass alle Gefühle und Wahrnehmungen über die Welt und uns selbst in Form von neuronalen Aktivitätsmustern in unserem Gehirn abgelegt werden. Diese Gefühle und Wahrnehmungen müssen aber nicht zwangsläufig etwas mit der Realität zu tun haben. ​ Typische Beispiele dafür sind folgende: Menschen, denen z.B. ein Arm amputiert wurde, fühlen sehr häufig Schmerzen in dem Arm, den es gar nicht mehr gibt. Für das Gefühl „Mein Arm“ ist die physische Existenz des Arms also nicht erforderlich. Wir sprechen hier von dem berühmten Phantomschmerz. Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich, dass nämlich Patienten das Gefühl haben, dass ein Arm oder ein Bein gar nicht Teil ihres Körpers ist und als Fremdkörper empfinden. Wie groß die kreative Fähigkeit unseres Gehirns ist, zeigen uns auch unsere Träume. Im Traum können wir uns selbst auch als jemand anderes erleben. Solchen geträumten Figuren kann unser Gehirn dann das „Ich“ jederzeit über­stülpen oder entziehen. Und unser Gehirn ist sogar in der Lage, Dinge zu körperei­genen Bestandteilen des „Ich“ zu machen, ohne dass dies tatsächlich der Fall ist. Bei Blinden zeigt sich das z.B. häufig dadurch, dass sie den Blindenstock zur Orientierung nach einer gewissen Zeit als Bestandteil ihres Körpers empfinden. Bei gelähmten Menschen, die dank der modernen Technik gelernt haben, einen Cursor auf einem Bildschirm mit Ge­dankenkraft zu steuern, empfinden diesen Cursor oftmals ebenfalls als Bestandteil ihres Körpers. Wer oder was das „Ich“ ist, lässt sich nicht eindeutig definie­ren. Worüber sich allerdings die meisten Wissenschaftler einig sind, ist, dass das „Ich“ keine konstante Größe ist, son­dern aus verschiedenen Faktoren besteht bzw entsteht, die sich in ihrer Zusammensetzung und Gewichtung verändern können. ​ 3. Warum können wir nicht objektiv sein? ​ Die zuvor dargestellten Erkenntnisse über unsere Emotio­nen und über unser „Ich“ machen deutlich, dass es keine ein­heitliche, bzw. keine „richtige“ oder „falsche“ Wahrnehmung gibt. Wahrnehmung ist also immer etwas Subjektives und niemals etwas Objektives. Besonders bemerkenswert daran ist, dass wir dazu neigen, emotionale Dinge eher wahrzunehmen als nicht emotionale. Dies konnte in eindrucksvoller Form ein wissenschaftliches Team der Universität Würzburg belegen (1). 30 Versuchspersonen wurden Bildpaare von acht unter­schiedlichen Frauen gezeigt, Das eine Bild zeigte eine Frau mit einem ärgerlichen, ängstlichen, freudigen oder über­raschten Gesichtsausdruck. Das andere Bild zeigte die je­weilige Frau mit einem neutralen Gesichtsausdruck. Beim Anschauen der Bilder blickten die Probanden durch ein Stereoskop, so dass das rechte Auge nur das eine Bild und das linke Auge nur das andere sah. Der Blick durch das Stereoskop war deswegen notwenig, weil unsere Augen normalerweise unabhängig voneinander Dinge sehen, die dann im Gehirn zu einem Gesamtbild ver­schmolzen werden. Der Blick durch das Stereoskop verhin­derte dies, so dass die Probanden in ihrer bewussten Wahrnehmung entweder das eine oder das andere Bild, maximal aber eine Mischform der Bilder sehen konnten. Im Bewusstsein der Probanden tauchte somit immer entweder ein Bild mit einem emotionalen Gesichtsausdruck, ein Bild mit einem neutralen Gesichtsausdruck oder im Einzelfall ein Mischbild auf. Welches der Bilder im Bewusstsein erscheint, lässt sich willentlich nicht beeinflussen. ​ Im nächsten Schritt sollten die Probanden dann verschie­dene Tasten drücken, je nach dem, ob sie ein neutrales oder emotionales Bild wahrnahmen. Wie die Wissenschaftler bereits vermuteten, wechselten die Bilder im Bewusstsein der Probanden nicht gleichmäßig. Vielmehr war es so, dass die emotionalen Bilder viel häufi­ger ins Bewusstsein drangen. Und nicht nur das: Die emoti­onalen Bilder blieben dort auch länger. Ob die gezeigten emotionalen Bilder positive oder negative Emotionen zeig­ten, spielte dabei keine Rolle. ​ Das Fazit dieser Untersuchung ist: Wir sehen die Welt nicht objektiv. Vielmehr ist es so, dass das, was wir sehen, durch die Bedeutung, die wir den Dingen zumessen, beeinflusst wird – und Emotionen haben für Menschen meist eine große Bedeutung. ​ 4. Was ist selektive Wahrnehmung? Wie wir bereits erfahren haben, kommt es bei der Wahr­nehmung im ersten Schritt zu einer Aufnahme von Reizen unserer Sinnesorgane. Diese Signale werden dann im zwei­ten Schritt über das Nervensystem in unser Gehirn gesen­det. Im dritten Schritt entsteht dort nun unter dem Einfluss von Erfahrungen, Emotionen, Überlegungen, Erwartungen und Einstellungen ein aktiv konstruiertes Bild der Welt. Damit unser Gehirn unter der Vielzahl der Sinneseindrücke nicht zusammenbricht, greift es zum Mittel der Selektion. Das bedeutet, dass unser Gehirn nur die Sinnesreize verar­beitet, die innerhalb eines bestimmten Intensitätsbereiches auftreten. Das menschliche Auge kann lediglich Informationen in einem Wellenlängenbereich von etwa 380 nm (Violett) bis 780 nm (Rot) aufnehmen. Bienen sehen zum Beispiel auch kurzwelli­gere Strahlung (Ultraviolett), können dafür aber kein rotes Licht wahrnehmen. Unsere Ohren können Töne nur in einem Höhenbereich von 16 Hz bis 20.000 Hz verarbeiten. Hunde hingegen von 15 Hz bis 50.000 Hz. Wenn es darum geht, bei einer Speise eine Geschmacksver­änderung festzustellen, so muss der Unterschied bei ca. 25% liegen. ​ Um zu entscheiden, ob ein Ton lauter ist als der vorherige, muss die Lautstärke um ca. 9% zunehmen, und um zu ent­scheiden, ob ein Ton höher oder tiefer als der vorherige ist, muss die Tonhöhe um ca. 0,3% abweichen. Wir sehen also, dass unsere Wahrnehmung auch durch die Einschränkungen unserer Sinnesorgane begrenzt ist, und alles, was wir wahrnehmen, nur eine Selektion des tatsäch­lich Vorhandenen ist. ​ 5. Wie entsteht bewusste Wahrnehmung? Das, was wir bewusst wahrnehmen, ist oft nicht nur auf einen Sinn wie z.B. das Auge oder die Ohren begrenzt. Vielmehr ist es meist so, dass das, was wir bewusst wahr­nehmen, eine Mischung von verschiedenen Sinneseindrücken ist. In der Wissenschaft spricht man hierbei von dem so genannten „Bindungsproblem“. Dabei geht es um die Frage, wie unser Gehirn unterschiedliche Sinneseindrücke zu einer einheitlichen Wahrnehmung zusammenfasst. Was damit gemeint ist, erklärt der bekannte Neurowissen­schaftler Prof. Dr. Wolf Singer, der sich seit vielen Jahren mit den Themen Bewusstsein und Wahrnehmung beschäf­tigt, gerne am Beispiel eines bellenden Hundes, den man streichelt. Bei dieser Handlung sind die verschiedensten Areale des Gehirns involviert. Über die Areale des Sehsystems werden Größe, Farbe und Bewegung des Hundes analysiert. Beim Streicheln des Fells verarbeitet der Tastsinn Informati­onen über die Beschaffenheit des Fells. Weil der Hund bellt, ist auch der auditive Cortex mit der Ver­arbeitung der akustischen Signale beschäftigt. Und last but not least muss der Hundestreichler auch noch das Verhalten des Hundes bewerten, denn er könnte ja aggressiv werden, weswegen auch das limbische System aktiv ist, das für die emotionale Verarbeitung zuständig ist. Aus all diesen Eindrücken entsteht dann ein möglicher Ge­samteindruck: Das ist ein Collie mit langem, rotbraunem und sehr weichem Fell, der zwar etwas laut bellt, aber eigentlich harmlos ist. ​ Aber wo in unserem Gehirn entsteht dieser Gesamtein­druck, also die Zusammenführung der Sinneswahrnehmung zu einem Gesamteindruck? Mit dieser Frage beschäftigten sich viele Forscher lange Zeit. Trotz intensivster Suche konnte aber nie ein bestimmter Bereich des Gehirns lokali­siert werden. Vor einigen Jahren kam Prof. Dr. Wolf Singer eine Idee: Was ist, wenn es nicht um die Frage geht, wo etwas im Gehirn stattfindet, sondern wann? Die beim Streicheln des Hundes gewonnenen Sinneseindrücke werden gleichzeitig wahrgenommen. Im Gehirn ist für diese Situation ein ganz spezifisches Mus­ter von neuronalen Verbindungen aktiv und steht in einem zeitlichen Zusammenhang. Rolf Singer sagte dazu: „Die Informationen werden einheit­lich wahrgenommen. Wo? Nirgendwo! Die Aktivität bleibt im Gehirn verteilt. Heute vermuten die meisten Hirnfor­scher: Das System weicht in die Zeit aus als Kodierungs­raum.“ Das alles kann aber nur funktionieren, wenn unser Gehirn für zeitliche Zusammenhänge sehr sensibel ist. Es benötigt also eine Art Präzisionsuhr. Viele Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass sich unser Gehirn diese Präzisi­onsuhr durch rhythmische Schwingungen selbst erschafft. Die Theorie von Wolf Singer: „Sie können sich die synchro­nen Oszillationen wie die Pendelschläge einer Wanduhr vorstellen. Sie liefern den Takt, damit das Gehirn zeitliche Zusammenhänge definieren kann.“ ​ Das alles ist zwar nicht leicht vorstellbar, aber viele For­schungsergebnisse sprechen inzwischen für die Theorie der zeitlichen Korrelation des Bewusstseins. Was passiert, wenn dies nicht funktioniert, konnte die For­schungsgruppe um Wolf Singer an Schizophreniepatienten aufzeigen. Sie zeichneten Hirnaktivitäten von gesunden und von an Schizophrenie erkrankten Menschen auf. Zeigte man den gesunden Menschen Bilder, so konnte eine starke Zunahme von hochfrequenten Schwingungen festge­stellt werden. Bei den schizophrenen Menschen war die Zunahme wesentlich geringer, zeitliche Zusammenhänge herzustellen fiel diesen Menschen sehr schwer. Ein Symptom der Schizophrenie ist, dass die Betroffenen Dinge getrennt wahrnehmen, die eigentlich zusammengehö­ren, was Rückschlüsse auf einen falschen Takt im Gehirn zulässt. Unsere bewusste Wahrnehmung ist also somit keine Frage eines Ortes im Sinne von „Wo im Gehirn?“, sondern vielmehr eine Frage von Zeit, im Sinne von „In welchem zeitlichen Zusammenhang stehen die Wahrnehmungen?“ ​ 6. Ist Raumwahrnehmung angeboren oder gelernt? ​ Unsere Augen sehen die Welt aus unterschiedlichen Positi­onen, da der Abstand zwischen Augen ca. 7 cm beträgt. Darüber hinaus ist unser Raumempfinden aber auch abhän­gig von unserem Tastsinn, dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und unserem Gehör. In der Luft hat Schall eine Geschwindigkeit von ca. 300 m/sek. Im Wasser hingegen ca. 1500 m/sek., wodurch wir unter Wasser Entfernungen oft falsch einschätzen. Wenn wir in einem stehenden Zug sitzen und einen vorbei­fahrenden Zug beobachten, haben wir oft das Gefühl, dass der andere Zug steht und der eigene fährt. Auch ist unsere Wahrnehmung zugleich abhängig davon, ob unsere linke oder rechte Gehirnhälfte dominanter ist. Hierzu machen Sie bitte einmal folgenden Versuch: Strecken Sie Ihren Arm aus und zeigen Sie mit dem Dau­men nah oben. Als nächstes fixieren Sie mit geöffneten Augen einen feststehenden Punkt im Raum. Wenn Sie den Punkt fixiert haben, schauen Sie einmal, was passiert, wenn Sie abwechselnd das linke und das rechte Auge schließen. Hüpft der Daumen beim Schließen des rechten Auges nach rechts, haben Sie Dominanz in der rechten Gehirnhälfte. Springt der Daumen beim Schließen des linken Auges nach links, haben Sie eine Dominanz in der linken Gehirnhälfte. ​ Bestimmte Wahrnehmungsmuster kann man aber auch durch Lernprozesse verändern. Wenn jemand z.B. eine Prismenbrille aufsetzt, besteht die Welt für ihn aus umstür­zenden Häusern, schwankenden Strassen und aus sich qual­lenhaft bewegenden Menschen. Nach wenigen Wochen treten diese Effekte jedoch nicht mehr auf. Das Gehirn hat sich den geänderten Bedingungen angepasst. ​ 7. Ist das, was wir sehen, wirklich das, es es ist? ​ Projizieren Sie in einem absolut dunklen Raum einen Licht­punkt an die Wand und schauen Sie diesen konzentriert an. Nach einer Weile werden Sie das Gefühl haben, dass sich der Punkt bewegt. Eine Ursache hierfür ist, dass Ihre Augen vielleicht müde werden und anfangen zu zittern. Ein anderer Grund hinge­gen ist, dass Ihr Gehirn sich langweilt und aus Reizarmut heraus eigene Reize schafft. ​ 8. Kann uns auch der Tastsinn täuschen? ​ Wahrscheinlich werden Sie es schon erahnen und anneh­men: ja, natür­lich ist der Tastsinn von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Erstaunlich ist jedoch, dass sogar der Tast­sinn bei Ihnen selbst sehr unterschiedliche Ergebnisse her­vorbringen kann. Machen Sie hierzu einmal folgenden Versuch: Stellen Sie auf einen Tisch drei Schalen. In die linke Schale füllen Sie heißes Wasser (aber bitte nicht kochend, sondern nur so heiß, dass es noch erträglich ist). In die rechte Schale füllen Sie kaltes Wasser und in die Schale in der Mitte füllen Sie lau­warmes Wasser. Nun stecken Sie bitte für 30 Sekunden den linken Zeigefin­ger in die linke Schale und den rechten Zeigefinger in die rechte Schale. Nachdem die 30 Sekunden vergangen sind, stecken bitte beide Zeigefinger in die mittlere Schale mit dem lauwarmen Wasser. Fühlen Sie selbst, was nun pas­siert und was Sie wahrnehmen. ​ 9. Ist die Zeitwahrnehmung für alle Menschen gleich? ​ Wie wir den zeitlichen Abstand zwischen einem Ereignis der Vergangenheit und einem Ereignis der Gegenwart ein­schät­zen, ist u.a. von unserer Stimmung, unserer Motiva­tion und unseren Interessen abhängig. ​ Wenn wir etwas interessantes Erleben, haben wir das Ge­fühl, dass eine Stunde Zeit sehr schnell vergeht. Sitzen wir jedoch gelangweilt eine Stunde im Wartezimmer, kommt uns eine Stunde sehr lang vor. ​ Machen wir auch hierzu einen Versuch: Schauen Sie auf Ihre Uhr und warten Sie bis der Sekundenzeiger auf der 12 steht. In diesem Moment legen Sie Uhr beiseite und schauen Sie erst wieder drauf, wenn Sie das Gefühl haben, dass eine Minute herum ist und der Sekundenzeiger erneut die 12 er­reicht haben müsste. Einstein sagte einmal: „Ob für Sie die Zeit schnell oder langsam vergeht, hängt davon ab, ob Sie die Person vor oder hinter der Toilettentür sind“.

  • Warum Menschen lügen und betrügen

    Die Bereitschaft zu lügen oder zu betrügen ist keine Kosten-Nutzen-Abwägung Inhaltsverzeichnis 1. Lügen ist anstrengend 2. Menschen lügen für ein gedeihliches Miteinander 3. Menschen lügen, weil die Wahrheit zu große Kosten/Nachteile? verursacht 4. Menschen lügen, weil sie glauben, dass sie ein Recht auf den Vorteil haben 5. Menschen lügen, weil sie ihre Fähigkeiten falsch einschätzen 6. Menschen lügen, weil die Aussicht auf Erfolg kickt 7. Menschen lügen, weil sie eine Veranlagung dazu haben 8. Lüge und Betrug sind teuer - wie kann man sich schützen? 9. Das Wichtigste in Kürze Warum Menschen lügen und betrügen Die Bereitschaft zu lügen oder zu betrügen ist keine Kosten-Nutzen-Abwägung 1. Lügen ist anstrengend Lügt Ihr Gegenüber oder nicht? Kino-Freunde wissen, was zu tun ist: Ein Lügen-Detektor muss her. In "Meine Braut, ihr Vater und ich" nimmt zum Beispiel Robert DeNiro in der Rolle des pensionierten CIA-Agenten Jack Byrnes seinen künftigen Schwiegersohn aufs Korn. Der Arme muss sich einer peinlichen Befragung unterziehen, während ein altertümliches Ungeheuer von Lügendetektor seine Stressreaktionen misst. Je größer die Lüge, desto größer der Stress und desto mehr schlägt die Nadel aus. So einfach ist das. Auch für den umgekehrten Fall weiß Hollywood Rat: Will man den Lügendetektor überlisten, muss man beim Lügen in eine Reißzwecke treten. Die Schmerzen im Fuß erzeugen eine Art Gegenstress und heben den Lügenstress auf. So haben wir es in "Oceans 13" gelernt. Wir lieben Hollywood für seine Geschichten. Aber ganz so einfach ist es doch nicht. Lügendetektoren messen tatsächlich die Stressreaktionen des Körpers. Beim Lügen schlägt das Herz schneller und die Hände werden feucht - zumindest bei den meisten Menschen. Zudem verändert sich die Zusammensetzung des Wasser-Fett-Films auf der Haut. So weit, so bekannt. ​ Ein Forscher-Team rund um Joshua Greene und Joseph Paxton von der Harvard-Universität Cambridge wollte wissen, was beim Lügen im Kopf eines Menschen passiert. Dazu verführten sie ihre Probanden zum Schwindeln und schauten ihnen per Magnetresonanztomographie beim Lügen zu. In einer Studie sollten Probanden Münzen werfen und das Ergebnis vorhersagen. Dabei hatten sie die Möglichkeit zu schummeln. Sie konnten also angeben, sie hätten richtig geraten, obwohl das gar nicht stimmte. Bei Mitspielern, die immer ehrlich antworteten, konnten keine besonderen Hirnaktivitäten gemessen werden. Die Lage blieb ruhig. Jegliche Reaktionen, die auf einen inneren Zwiespalt oder Kampf hingewiesen hätten, blieben aus. Anders verhielt es sich bei den gelegentlichen Schwindlern: Bei ihnen konnten die Forscher rege Aktivitäten im präfrontalen Cortex feststellen, und zwar während des gesamten Versuchs - auch dann, wenn sie die Wahrheit sagten1. Wie das Gehirn mit Lüge und Wahrheit umgeht, ist noch nicht bis ins letzte Detail erforscht. Viele Erklärungsansätze gehen aber davon aus, dass das Gehirn beim Lügen besondere Leistungen erbringen muss und dass das Lügen deshalb anstrengend ist. Die Alltagserfahrung spricht jedenfalls dafür. Eine neuere Generation von Lügendetektoren nimmt sich zum Beispiel der Handschrift eines Lügners an. Das Gehirn ist beim Lügen so beschäftigt, dass der Lügner unwillkürlich seine Handschrift verändert2. Wieder andere Forscher haben herausgefunden, dass das Lügen der Gesundheit schadet, während die Wahrheitsliebe die Lebenszufriedenheit wie auch eine gute Partnerschaft fördere3. Das Lügen ist für den Lügner anstrengend, und wenn er erwischt wird, bestraft ihn seine Umwelt. Ein archaisches Programm in unseren Gehirnen meldet Ekel, wenn wir eine Lüge als solche erkennen4. Warum um Himmels willen tun sich Menschen dann Lüge und Betrug an? Es gibt viele Gründe zu lügen. Welche dies sind und was uns die Gehirnforschung dazu sagen kann, das wollen wir uns im Folgenden anschauen. 2. Menschen lügen für ein gedeihliches Miteinander Was sagen wir zum Beispiel, wenn uns die beste Freundin einen liebevoll gestrickten, aber ganz und gar scheußlichen Pullover schenkt? Wer hätte nicht schon um Worte gerungen, wenn die Ehefrau oder Freundin ihre neue modische, aber vollkommen unvorteilhafte Hose präsentierte? Und wie geht man mit den allzu lustigen Motto-T-Shirts seines 50-jährigen Lebensgefährten um? Wir greifen zu Notlügen, wenn wir andere nicht verletzen wollen. Daran haben wir richtig lange geübt und sprechen stolz von "sozialer Kompetenz". Wie Eltern zuweilen leidvoll feststellen müssen, können kleine Kinder gar nicht lügen. Sie sagen direkt, was sie denken. Bis sie ihre soziale Kompetenz entwickelt haben, gibt es schon einmal peinliche Situationen - etwa wenn Oma danach fragt, ob denn das Geschenk gefallen hat. Erst im Alter von vier Jahren lernen Kinder, sich in andere hineinzuversetzen, und sie verstehen den Vorteil eines Informationsvorsprungs. Beides sind Voraussetzungen für das Lügen. Bis sie soziale Situationen gut einschätzen und angemessen reagieren können, vergehen nochmals vier bis sechs Jahre5. Dann erst können sich Eltern einigermaßen sicher fühlen. ​ 3. Menschen lügen, weil die Wahrheit zu große Kosten/Nachteile verursacht Eine Gruppe von Lügen sind weniger ein psychologisches als ein ethisches Problem: Sollen zum Beispiel Ärzte zu jedem Zeitpunkt die Wahrheit sagen? Was tun, wenn die Heilungschancen eines Patienten gering sind? Die Konfrontation mit der Wahrheit könnte seine Hoffnung endgültig zerstören und damit die letzte Chance auf eine unwahrscheinliche, aber mögliche Genesung. Auch Politiker können in einen Zwiespalt geraten: Den deutschen Bürgern unvergessen ist ein Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück im Oktober 2008. Die Finanzkrise hatte gerade ihren ersten Höhepunkt erreicht, als die beiden in einer Fernsehansprache versicherten, dass die Einlagen der Sparer auf den Banken sicher seien. Eine Lüge? Wahrscheinlich, aber eine Massenpanik in der Bevölkerung blieb aus. Sie hätte einen Finanzkollaps herbeigeführt. ​ Übertragen in den Alltag von uns allen heißt das: Menschen neigen zum Lügen, wenn sie für ihre Vergehen hohe Strafen fürchten. Etwa ein Kind, das für einen Fehltritt eine Tracht Prügel erwartet, oder ein Ehemann, der keine Lust auf langwierige Diskussionen mit seiner eifersüchtigen Ehefrau hat, wenn er mit einer Kollegin zum Mittagstisch geht. ​ 4. Menschen lügen, weil sie glauben, dass sie ein Recht auf den Vorteil haben ​ Psychologisch interessanter ist die Neigung des Menschen, geltende Moralvorstellungen ein klein wenig nach eigenem Ermessen anzupassen. Um richtig große Vergehen geht es hier natürlich nicht. Wir sind alle ordentliche Menschen und keine Verbrecher. Aber manchmal sind Regeln einfach zu dumm. Dann kann man einfach nicht anders ... man wäre ja blöd .... oder nicht? Wie hätten Sie entschieden? Ein Reisender kommt zu einem Fahrkartenautomaten und stellt fest, dass er sein Ticket für 6,80 Euro nur mit Münzen oder Scheinen bis 10 Euro zahlen kann. Die hat er aber nicht. Den 20-Euro-Schein nimmt der Automat nicht an. Er will zahlen, aber er kann nicht. Darf er dann schwarzfahren? ​ Lüge und Betrug finden einen guten Nährboden, wo Menschen Anforderungen als unrealistisch, unerfüllbar oder als zu hoch empfinden. Ein Cabrio-Fahrer kommt zu seinem Auto zurück und stellt fest, dass es gestohlen worden ist. In seinem Bericht an die Versicherung gibt er an, dass der Wagen abgeschlossen war - was nicht stimmt. Betrug oder Notlüge? Weshalb muss man ein Cabrio eigentlich abschließen? Weshalb darf man auf einer gut ausgebauten Straße nur 80 km/h fahren? Regeln und Gesetze müssen verständlich sein. Fehlt die Einsicht, setzen sich Menschen über Regeln hinweg, denn sie entscheiden selbst, für wie verbindlich sie Gesetze und Regeln halten. ​ Herbstzeit ist Erntezeit. Sie kommen an einer Plantage mit wunderbar reifen Äpfel vorbei. Ein oder zwei Früchte zu stibitzen, ist doch nicht so schlimm, oder? Die Summe macht's. Das ist das Problem. Fragen Sie mal einen Bauern. ​ Psychologisch interessant ist aber ein anderer Aspekt: Zwei Äpfel mitgehen zu lassen ist eine kleine Hürde. Mit zwei Euro in Münzen sieht es anders aus. Geld in Münzen oder Scheinen zu stehlen, überschreitet für viele Menschen eine Grenze. Das tun sie einfach nicht. Andere kleine Dinge lassen sie aber durchaus mitgehen: den Kugelschreiber im Büro, die Cola-Dose, einen Wertbon. Den Gegenwert in Geld nehmen sie weniger wahr. ​ Je abstrakter der Kontext, desto leichter fällt der Betrug. Das ist ein großes Problem, wenn Sie etwa an Steuererklärungen und an Handel mit Finanzpapieren denken. Ihr Arbeitgeber hat ein repräsentatives Bürogebäude erworben. Besonders die Empfangshalle macht etwas her: dicke Teppiche, Marmor, viel Glas und Stahl. Alles ist vom Feinsten. In den anderen Etagen setzt sich der Luxus fort. Für Ihre Geburtstagsfeier nächste Woche brauchen Sie zwei Filzstifte und einen Bogen Briefkarton. Nehmen Sie etwas mit? Zur Schau gestellter Reichtum ist problematisch. Im direkten Vergleich fühlen sich viele Menschen benachteiligt. Sie neigen dazu, sich schadlos zu halten, um die gefühlte Benachteiligung auszugleichen. ​ 5. Menschen lügen, weil sie ihre Fähigkeiten falsch einschätzen Ob Bestechungs-Geld, gefälschter Doktor-Titel oder außereheliche Affäre: Auch große Geister bleiben von Fehltritten nicht verschont. Interessant ist allerdings, was passiert, wenn die Fehltritte ans Tageslicht kommen: Häufig können die Verursacher nichts Verwerfliches an ihrem Handeln finden. Auch wenn alle Beweise dagegen sprechen, halten sie an ihrer Unschuld fest. Das ist doch merkwürdig - glauben diese Leute wirklich, was sie sagen? Auch Wissenschaftler hat die Frage beschäftigt. In einem Test von Dan Ariely sollten Studenten zehn Fragen zur Allgemeinbildung beantworten. Ihre Ergebnisse sollten sie selbst auswählen und zu dem Zweck standen die Lösungen am Fuß des Arbeitsblatts. Natürlich riskierten viele Studenten einen Blick - und attestierten sich selbst im Schnitt neun richtige Antworten. ​ Eine Kontrollgruppe musste die gleichen Fragen beantworten ohne Möglichkeit zu spicken. Im Durchschnitt erzielten sie sechs richtige Antworten. In der zweiten Runde bekamen die Studenten ein neues Papier mit zehn Fragen. Dieses Mal standen die Lösungen jedoch nirgends dabei. Wiederum sollten die Studenten schätzen, wie viel richtige Antworten sie wohl erzielen würden. Die Schummel-Fraktion gestand sich selbst acht richtige Antworten zu, während die Kontroll-Gruppe sechs richtige Antworten schätzte. Die Schummel-Fraktion hatte zwar ihre Erwartungen ein Stück angepasst. Aber sie überschätzen ihre Fähigkeiten dennoch erheblich. Noch deutlicher wurde der Effekt, wenn die Studenten für ihre vorgeblich guten Ergebnisse der ersten Runde gelobt worden waren. Soziale Anerkennung senkt die Fähigkeit zu richtiger Selbsteinschätzung. Auch Geld konnte den Realitätssinn nicht schärfen. In einer Anschlussstudie sollten Studenten erneut die Anzahl richtiger Antworten schätzen. Eine richtige Selbsteinschätzung wurde mit einem Geldbetrag belohnt. Wer die Chance zum Mogeln hatte, überschätzte auch dieses Mal seine Fähigkeiten - obwohl er einen finanziellen Verlust hinnehmen musste. Auf die Mechanismen der Selbsttäuschung kann man sich verlassen. Selbst wenn der Erfolg auf Lüge und Betrug zurückgeht, glauben Menschen an ihre Fähigkeiten. Dabei gilt: Je größer der Erfolg, umso mehr sinkt die Fähigkeit zur kritischen Selbsteinschätzung. Besonders gefährdet sind Menschen, die ohnehin zur Selbstüberschätzung neigen. Erkennbar sind sie zum Beispiel an ihrer Überzeugung, das Schicksal voll und ganz im Griff zu haben. ​ 6. Menschen lügen, weil die Aussicht auf Erfolg kickt Wenn der zu erwartende Erfolg größer ist, als erwischt zu werden, dann lohnt sich die Lüge. Davon jedenfalls gehen ökonomische Verhaltensmodelle aus. Aus psychologischer Sicht sind sie nicht zu halten. Studien im Kontext mit der Finanzwelt deuten auf einen ganz anderen Zusammenhang hin. Forscher hatten sich gefragt, weshalb Menschen unmittelbar nach der Finanzkrise sofort wieder anfingen zu spekulieren - obwohl die Kurse ins Bodenlose gefallen waren und die Risiken unabsehbar. ​ Brian Knutson8 von der kalifornischen Stanford University geht davon aus, dass die Aussicht auf Erfolg ein hohes neuronales Feuerwerk im Gehirn hervorruft. Der reale Besitz kann da nicht mithalten. Versuche hatten gezeigt, dass angesichts der positiven Erwartung die Nervenzellen im Nucleus accumbens stärker aktiviert waren als bei einem tatsächlich erhaltenen Geldbetrag. Der Nucleus accumbens ist Teil des Belohnungssystems. Ähnliches Verhalten konnte in der Insula und im zentral gelegenen Thalamus beobachtet werden. Einzig die Amygdala lässt sich lieber mit Handfestem überzeugen: Sie reagierte stärker auf Besitz als auf die Erwartungen. Knutson geht davon aus, dass die Aussicht auf Reichtum die Angst vor Armut überlagert. ​ 7. Menschen lügen, weil sie eine Veranlagung dazu haben Forscher wollen herausgefunden haben, dass das Gehirn notorischer Lügner Besonderheiten aufweist. Yaling Yang und Adrian Raine9 führten zusammen mit einer Forschergruppe Tests an 49 Freiwilligen durch. Darunter waren 12 krankhafte Lügner. Unter dem Magnetresonanztomographen war zu sehen: Die notorischen Lügner hatten mehr von der sogenannten weißen Substanz in ihren Gehirnen, aber weniger von der grauen. Die weiße Substanz wird überwiegend aus Nervenfasern gebildet, während die graue Substanz wesentlich aus Nervenzellkörpern besteht. Mehr Nervenfasern stehen für eine größere Vernetzung im Gehirn. Notorische Lügner sind deshalb besser in der Lage, das komplizierte Geschäft des Lügens zu bewerkstelligen - so die Forscher: Sie müssen ihre Geschichte fortspinnen, sich in das Gegenüber einfühlen und eigene Gefühle unterdrücken und vieles mehr. Weniger weiße Masse bedeutet zudem weniger Kummer mit der Moral. ​ Andere Wissenschaftler sind gegenüber solchen Aussagen skeptisch. Ihrer Meinung nach gibt es im Gehirn keinen festen Platz für die Moral. „Bei moralischen Entscheidungen ist ein sehr großes, weit verteiltes Netzwerk beteiligt“, sagt zum Beispiel Monika Sommer von der Universität Regensburg. Die Bedeutung von Gehirnentwicklung, Genen und Hormonen erweitert die Komplexität der Fragestellung nochmals erheblich. ​ 8. Lüge und Betrug ist teuer - wie kann man sich schützen? In einem Versuch von Gino und Ariely waren Versuchspersonen aufgefordert, aus dem Gedächtnis die Zehn Gebote aufzuschreiben. Das hat geholfen, sogar bei Atheisten. Etwas praxistauglicher ist die Empfehlung, Menschen einen Ehrenkodex unterschreiben zu lassen. Der Wahrheit mit Sicherheit auf die Spur zu kommen - davon träumen Menschen seit Generationen. Mit Erfindung der Lügendetektoren glaubte man, dem Traum ein Stück näher zu kommen. Aber selbst moderne Maschinen lösen das Versprechen nicht zu hundert Prozent ein. Viele Studien bestätigen, dass beim Lügen Gehirnbereiche wie das anteriore Cingulum und Teile des Frontalhirns besonders aktiviert sind. Aber das Gehirn eines jeden Menschen ist individuell und nur bedingt mit anderen zu vergleichen. Die gemessenen Aktivitäten eignen sich für Tendenzaussagen. Aber niemand weiß, wie das Gehirn einer individuellen Person genau reagiert Verbindliche Aussagen lassen sich so nicht treffen, sagt zum Beispiel der US-Forscher Daniel Langleben von der University of Pennsylvania. In die gleiche Richtung argumentiert Nobuhito Abe von der Harvard Universität in Cambridge: Je nach Situation müssten sich Menschen manchmal anstrengen. Manchmal gilt die Anstrengung dem Impuls, die Wahrheit zu unterdrücken. ​ Ein Team um Daniel Langleben hat dennoch einen Lügendetektor entwickelt, der falsche Aussagen mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 69 Prozent erkennt. Wahre Aussagen kann der Automat mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 84 Prozent identifizieren. Die Frage nach der Zuverlässigkeit von Lügendetektoren ist deshalb wichtig, weil die Ergebnisse der Gehirnforschung inzwischen die Justiz erreicht hat. Die meisten Gerichte erkennen jedoch die Messergebnisse aus dem fMRT mit Hinweis auf die Zuverlässigkeit nicht als Beweismaterial an. Dennoch können Gehirn-Scans Urteile beeinflussen. 2011 wurde in Italien eine Mörderin zu 20 Jahren Haft verurteilt und nicht zu lebenslänglich. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern setzt sich unter dem Eindruck der Messergebnisse eher für eine gezielte Therapie als für eine Bestrafung ein12. Darüber hinaus gibt es bereits US-Firmen wie Cephos oder No Lie MRI, die mit ihren Lügendetektoren untreue Ehemänner oder lügende Mitarbeiter angeblich sicher überführen wollen - eine mehr als heikle Angelegenheit. ​ Die Suche nach der Wahrheit wird vor dem Hintergrund der in der Gehirnforschung bekannten Erinnerungsverfälschung noch problematischer. Menschen glauben, sich an Dinge zu erinnern, ohne dass sie sie tatsächlich erlebt hätten. Das bedeutet: Es kann sein, dass Menschen die Unwahrheit sagen, ohne im eigentlichen Sinne zu lügen - weil ihnen ihr Gedächtnis einen Streich spielt. Wenn die Maschine keine Sicherheit bietet, hilft dann die persönliche Beobachtungsgabe? In der Literatur findet man ganze Listen von Kennzeichen, die den Lügner enttarnen sollen. Vermeiden von Blickkontakt, häufiges Blinzeln, Verschränken der Arme, Kratzen, Zögern oder eine erhöhte Stimmlage würden den Lügner ausweisen, heißt es13. Viele Seminare fußen auf solchen Beobachtungen. Dass aber auch hier Vorsicht angeraten ist, zeigt schon die Tatsache, dass sich viele Tipp-Geber widersprechen. Beispiel: Der Blick wandert beim Lügen nach links oben. Dies sei ein Zeichen für eine Lüge, weil sich der Lügner etwas ausdenken müssen. In einem anderen Ratgeber heißt es: Der abschweifende Blick weise auf Konzentration hin. Eine Lüge stehe im Raum, wenn der Lügner dem Gesprächspartner starr in die Augen schaue. Dies sei nur deshalb möglich, weil er seine Geschichte auswendig gelernt habe14. ​ Caroline Watt von der University of Edinburgh hat die Frage nach den Augen als Verräter der Lüge keine Ruhe gelassen. Sie und ihr Team haben die Augenbewegungen von Probanden beim Lügen untersucht. Das Experiment ging von einer These aus dem NLP - Neurolinguistischen Programmieren aus. Danach lügt ein Mensch, wenn er nach rechts oben blickt. Blickt er nach links oben, sagt er die Wahrheit. 32 Rechtshänder wurden aufgefordert, zu lügen oder die Wahrheit zu sagen. Bei Rechtshändern sollen Lüge und Blick nach rechts oben eng verbunden sein. Mit Hilfe von Videoaufzeichnungen wurden ihre Blicke nach rechts und links oben ausgewertet. Einen Zusammenhang mit dem Wahrheitsgehalt einer Aussage konnte man nicht erkennen15. Die Ergebnisse würden es nahelegen, solche Ansätze aufzugeben16. ​ Auch der Wirtschaftspsychologe und Professor an der Munich Business School Jack Nasher will den Lügner am Verhalten erkennen. Aber seine Beobachtungen sind etwas differenzierter. Menschen sind nicht gut darin, Lügen zu erkennen, sagt er. Aber sie erkennen recht gut, wenn jemand Angst hat. Das ist die Chance: Lügner haben Angst, und sie plagt das Gefühl von Schuld - lautet seine These. Einen guten Lügner überführt man weniger dadurch, dass man ihn durch Widersprüche in seiner Geschichte überführt. Die Geschichte hat er sich gut zurechtgelegt. Aber das Lügen bedeutet Stress, und der Stress drückt sich in plötzlichen Änderungen des Verhaltens aus. Der Lügner spricht plötzlich leiser oder lauter oder wirkt steif. Wichtig sind die Verhaltensänderungen. Sie sollten zur Vorsicht mahnen. ​ 9. Das wichtigste in Kürze ​ Es gibt so viele Gründe zum Lügen, dass es einem um die Wahrheit angst und bange werden kann. Unter den vielen Lügen- und Betrugsmustern ist aus psychologischer Sicht der Selbstbetrug sicher der interessanteste. Menschen wollen sich selbst immer in einem positiven Licht sehen, auch wenn der Fehltritt noch so groß war. Lügen und Betrug verursachen hohe Kosten. Wer der Lüge von vornherein wenig Nahrung geben will, sollte darauf achten: erfüllbare Forderungen aufzustellen den Sinn von Regeln und Anordnungen zu erklären den Wert von Dingen möglichst konkret und bildhaft darzustellen dezent mit Reichtum und Erfolg umzugehen Das ist - zugegeben - eine sehr isolierte Betrachtungsweise. Gerade Unternehmen müssen abwägen, wie wichtig es ihnen zum Beispiel ist, ihren Erfolg öffentlich zu zeigen. Ein gutes Image und die Attraktivität für neue Kunden kann wichtiger sein als der Betrag, der durch gestohlenes Büromaterial verloren geht. Lüge oder Wahrheit? - Die Frage mit völliger Sicherheit zu beantworten, bleibt bis heute ein Traum. Selbst moderne Lügendetektoren stoßen an ihre Grenzen. Die Reaktionen des Gehirns sind zu vielschichtig, als dass wir aktuell hieb- und stichfeste Aussagen treffen könnten. Auch das Mienenspiel eines Gesprächspartners oder dessen Körperhaltung gibt höchstens Hinweise auf Lüge und Betrug, nicht aber hundertprozentige Deutungssicherheit. Da kann man nur sagen: Bleiben Sie aufmerksam. Wenn möglich, lassen Sie Ihren Gesprächspartner unterschreiben, dass er auf der Seite der Guten ist.

  • Die Fähigkeit zur sozialen Selbstkontrolle

    Ein zivilisiertes Miteinander ist nur möglich, weil unser Gehirn Impulse im Zaum halten kann Inhaltsverzeichnis 1. Wie soll der Mensch leben und was bedeutet kluge Lebensführung? 2. Selbstkontrolle: Schlüssel für den persönlichen Erfolg - mit Einschränkung 3. Wann wir der Schokolade widerstehen können und wann nicht? 4. Die Selbstkontrolle stärken 5. Was ist zu viel Selbstkontrolle? 6. Das Wichtigste in Kürze Die Fähigkeit zur sozialen Selbstkontrolle Ein zivilisiertes Miteinander ist nur möglich, weil unser Gehirn Impulse im Zaum halten kann ​ 1. Wie soll der Mensch leben und was bedeutet kluge Lebensführung? So lange es Menschen gibt, suchen sie den Schlüssel für den persönlichen Erfolg. Begriffe wie "Disziplin", "Selbstbeherrschung" und "Selbstkontrolle" sind in solchen Diskussionen immer mit von der Partie. Tatsächlich sind schon von den Philosophen der Antike Sätze überliefert wie: „Das Geheimnis des außerordentlichen Menschen ist in den meisten Fällen nichts als Konsequenz.“ (Gautama Buddha). "Wer andere besiegt, hat Kraft. Wer sich selber besiegt, ist stark." (Lao Tse). "Wer sich selbst beherrscht, der ist der weise Mann." (Euripides). Und sehr pragmatisch: "Hör auf mit dem vielen Essen; dann wirst du angenehmer, billiger und gesünder leben!" (Sokrates). ​ 2. Selbstkontrolle: Schlüssel für den persönlichen Erfolg - mit Einschränkung Über Zeiten und Kulturen hinweg haben Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle immer ein hohes Ansehen genossen. Zu Recht, wie die Ergebnisse der jüngeren Wissenschaft zeigen. Unter der Leitung von Terrie Moffitt wurde im Jahr 2010 eine Langzeitstudie aus den USA veröffentlicht: 1.000 Personen waren vom Tag ihrer Geburt bis ins 32. Jahr begleitet worden. Herauszufinden war, inwieweit sich das spätere Erreichen von Gesundheit, Wohlstand und positiven sozialen Verhältnissen schon am Verhalten im Kleinkindalter ablesen ließ. Und tatsächlich: Wer schon mit drei Jahren zu Disziplin und Verantwortungsbewusstsein neigte, lebte als Erwachsener in günstigeren Verhältnissen als die anderen. Je höher die Disziplinlosigkeit im Kindesalter, desto wahrscheinlicher wurden im späteren Leben Probleme wie etwa Drogenmissbrauch, Übergewicht, Kriminalität und vieles andere mehr.1 ​ Selbstkontrolle ist etwas Positives. Bis hierher werden Sie überwiegend zustimmen. Wie aber finden Sie das? Aus dem Jahr 1886 ist eine Anweisung an Lehrer überliefert. Danach sollten die Lehrer für Disziplin im Klassenzimmer sorgen. Ganz besonderen Wert wurde auf das richtige Sitzen der Kinder gelegt: "Die Gewöhnung der Schüler an die richtige Körperhaltung ist aber nicht bloß ein Gebot der Schulgesundheitspflege, sondern zugleich ein wichtiges Disciplinarmittel; denn es ist gewiss, dass ein Kind, welches angehalten wird, auf seine äußere Haltung zu achten, sich auch innerlich zusammennehmen und Akta der Selbstbeherrschung üben muss." Aus diesen Gründen sollten Schüler folgendes tun: "Die Füße der Schüler müssen mit ihrer ganzen Sohle auf dem Boden oder Fußbrette ruhen. Die Oberschenkel müssen mit dem größten Teil ihrer Länge auf der Bankfläche aufliegen: die Schüler dürfen also nicht auf der Kante der Bank sitzen. Der Oberkörper darf nur sehr wenig nach vorn geneigt und keinesfalls an die Tischkante der Bank angelehnt sein. Der Kopf muss möglichst gerade gehalten werden, so dass das Kinn die Brust nicht berührt. Die Schultern müssen sich in gleichlaufender Richtung mit der Tischkante befinden. Die rechte Schulter darf weder höher noch niederer stehen als die linke. Der linke Vorderarm soll ganz, der rechte wenigstens mit seiner vorderen Hälfte auf der Tischplatte liegen."2 ​ So viel Selbstkontrolle geht eindeutig zu weit. Es gibt Wissenschaftler, die ein Übermaß an Selbstkontrolle mit Depressionen, Zwangserkrankungen, Angst- und Esstörungen3 in Verbindung bringen - so etwa Maja Storch, Psychologin und Projektleiterin an der Universität in Zürich. Aktuelle Entwicklungen geben neuen Anlass für die Diskussion um die Selbstkontrolle. Beobachter machen einen generellen Trend zur Selbstoptimierung aus. Besonders drastisch wird er im Kontext von Frauen und Schönheit deutlich. So gehen Schätzungen davon aus, dass in Deutschland jährlich zwischen 800 Millionen und 1,8 Milliarden Euro für Schönheitseingriffe ausgegeben werden. In den USA soll der Umsatz bei rund 10 Milliarden liegen - und das trotz der Wirtschaftskrise und dem generellen Risiko, das Operationen mit sich bringen.4 ​ Fragen Sie sich doch einmal selbst: Welche Empfindungen bewegen Sie, wenn Sie sich vorstellen, auf einem OP-Tisch zu liegen, wissend, dass gleich jemand an Ihrem Bauch, an Ihrer Brust oder den Augenlidern schneidet? Oder - wenn Ihnen das zu hart ist - haben Sie Lust auf eine Hungerkur? Reine Lustgefühle dürften die Ausnahme sein. Der Schönheits-Druck ist jedoch hoch, besonders für Frauen und Mädchen. Der Bilderflut schöner Frauen können wir uns nicht entziehen. Vor dem Hintergrund dieses Wettbewerbs reicht es nicht mehr aus, durchschnittlich hübsch zu sein. Perfekte Schönheit ist der Auftrag. Und es ist an uns, ihn zu erfüllen. ​ Aus den Casting-Shows wissen wir schließlich, dass wir das alles haben können - wenn wir uns nur genug anstrengen. Inzwischen hungern 12-jährige Mädchen, um ihr Traumgewicht zu erreichen, und 16-jährige liegen auf den Tischen der Schönheitschirurgen. Auch die Arbeitswelt gestattet uns keinen Schlendrian. Wir haben die volle Verantwortung für unseren Erfolg. Im Zeitalter der Wissensgesellschaft gehören Begriffe wie "Selbstmanagement", "Selbstwirksamkeit" oder "Umsetzungskompetenz" zum täglich benutzten Vokabular. Management-Vordenker Peter Drucker sagt sogar: "Wissensarbeiter sind tatsächlich aufgefordert, ihre eigenen Chefs zu sein. Es ist an Ihnen, sich einen Platz zu erobern, zu wissen, wann Sie Ihren Kurs wechseln müssen, und während Ihres Arbeitslebens beschäftigt sowie produktiv zu bleiben. ... Damit Ihnen dies gut gelingt, müssen Sie ein tiefes Verständnis Ihrer selbst entwickeln ... wie Sie lernen, wie Sie mit anderen arbeiten, was Ihre Werte sind, und wo Sie den größten Beitrag leisten können."5 Selbstkontrolle ist also überall gefragt. Nur - was passiert eigentlich, wenn wir uns innerlich an die Zügel nehmen? Wieso können sich einige Menschen gut beherrschen und andere nicht? ​ 3. Wann wir der Schokolade widerstehen können und wann nicht? Die Selbstkontrolle hat viele Gesichter, zwei davon sind offensichtlich: die soziale Selbstkontrolle und der Belohnungsaufschub. ​ Die soziale Selbstkontrolle oder: Big Brother is Watching You Für den Fall, dass Sie in Ihrem Büro ein Problem mit der Kaffeekasse haben, hat das Forscherteam rund um Melissa Bateson von der Universität Newcastle (Großbritannien) einen Tipp für Sie: Hängen Sie ein Poster mit Augen auf. Der Versuch wurde 2006 unternommen. Es zeigte sich, dass dreimal mehr Geld in die Kaffee-Kasse floss, wenn die Kasse von Plakat-Augen bewacht wurden.6 Bestraft werden ist unangenehm. Wenn wir uns beobachtet fühlen oder wenn Sanktionen drohen, verhalten wir uns deshalb sozialer. ​ Ein Versuch von Ernst Fehr und Manfred Spitzer aus dem Jahr 2007 hat das bewiesen. Dabei wurden die Hirnaktivitäten von gesunden Probanden unter zwei Bedingungen gemessen: In der ersten Runde bekam ein Spieler einen Euro und sollte entscheiden, wie viel er seinem Mitspieler davon abgeben will. Im Durchschnitt waren es 20 Cent. In der zweiten Runde sollte der Spieler wiederum etwas abgeben. Dieses Mal konnte der Mitspieler aber Strafpunkte für unfaires Verhalten geben. Der abgegebene Betrag stieg auf 50 Cent. Der abgebende Spieler, also der Spender, musste in der zweiten Runde einen egoistischen Impuls unterdrücken. Das konnte man auch unter dem Magnetresonanztomografen sehen: Die linke wie die rechte Hemisphäre des präfrontalen Cortex zeigten erhöhte Aktivitäten, anders als im ersten Fall.7 ​ Eine andere Spielart der sozialen Selbstkontrolle betrifft den guten Ruf. Daria Knoch und Bastian Schiller8 haben 2009 untersucht, was der präfrontale Cortex leisten muss, um den persönlichen guten Ruf zu schützen. Mit einer niederfrequenten transkraniellen Magnetstimulation (TMS) kann man die Hirnaktivität in präfrontalen Arealen hemmen. Die Forscher hatten Freiwillige gefunden, die sich unter diesen Umständen auf das sogenannte Vertrauensspiel einließen. Auch in diesem Fall bekam der erste Spieler einen Geldbetrag zu Verfügung, von dem er einem zweiten etwas abgeben sollte. Damit der erste einen Anreiz hatte, einen möglichst hohen Betrag abzugeben, wurde der Betrag von einem Spielleiter vervierfacht. Aus zum Beispiel 20 Cent wurden 80 Cent. Der Empfänger musste nun entscheiden, wie viel er zurückgeben wollte: alles? nichts? einen Teil? 15 Runden wurden gespielt und im Durchschnitt floss ein Drittel zurück. Der persönliche Profit wog also schwerer als der gute Ruf. In der zweiten Runde wurde eine neue Bedingung eingeführt: Der Empfänger wusste, dass sein Rückgabe-Verhalten aus früheren Spielrunden dem Geber bekannt war. Wenn er vom Geber einen hohen Betrag haben wollte, musste er sein Verhalten anpassen. Unter dem Gehirnscan konnte man nun unterschiedliche Reaktionsmuster erkennen. Mal wurde das linke, mal das rechte Areal des präfrontalen Cortex gebremst. War das linke Areal gebremst, gaben die Spieler fast die Hälfte ab. War das rechte Areal gebremst, war die Versuchung, das Geld zu behalten, größer. Die Aktivität des rechten präfrontalen Cortex hat also etwas damit zu tun, inwieweit Menschen in der Lage sind, zugunsten ihres guten Rufs ihre Impulse zu kontrollieren. Weitere Versuche haben dies bestätigt. Man kann sagen: Je höher die Grundaktivität auf der rechten Seite, desto höher ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle. ​ Der Belohnungsaufschub Eine ungeschickte Bemerkung aushalten, ohne gleich aus der Haut zu fahren, ist das eine. Einen Eisbecher stehen zu lassen und sich stattdessen für ein Knäckebrot mit Salatblatt zu entscheiden, ist das andere. Wie schafft es das Gehirn, langfristige Ziele gegen kurzfristige Versuchungen und Widrigkeiten zu verteidigen? Professor Manfred Spitzer erklärt das so:9 Eine Gruppe von Probanden durfte drei Stunden nichts essen und wurden dann in den Hirn-Scanner gelegt. Dort mussten sie 50 Nahrungsmittel bewerten - einmal nach "gesund" und einmal nach "schmeckt", jeweils auf einer Skala von 1-5. Für jeden Teilnehmer konnte man schließlich ein Nahrungsmittel identifizieren, das der Teilnehmer mit einer "3" bewertet hatte, sowohl für den Wert "gesund" als auch "schmeckt". Danach sollten die Teilnehmer das mittel-gesunde und mittel-wohlschmeckende Nahrungsmittel wiederum mit den anderen 49 vergleichen und sagen, für was sie sich entschieden hätten. Die Teilnehmer entschieden unterschiedlich. Die einen zogen immer das wohlschmeckendere Nahrungsmittel vor. Die anderen konnten sich auch einmal für das gesunde entscheiden. Unter dem Scan konnte man den Unterschied auch sehen: Wichtig für Bewertungen ist der ventromediale präfrontale Cortex zusammen mit dem orbitofrontalen Cortex. Das ist ein Areal ungefähr zwischen den Augen. Dort sitzen die Neuronen, die auf "gesund" und "schmeckt" reagieren. Beides sind positive Werte. Aber bei den Teilnehmern waren die Werte unterschiedlich ausgeprägt. Ein Teil der Probanden hatte für beide Werte viele Neuronen, also für "schmeckt" wie auch für "gesund". Bei anderen war "gesund" weniger ausgeprägt. Dafür gab es viele reagierende Neuronen für "schmeckt". Im ersten Teil des Versuchs konnten alle Teilnehmer Nahrungsmittel nach Gesundheit und Wohlgeschmack einordnen. Im zweiten Teil des Versuchs zeigte sich aber, dass der Wert "schmeckt" bei manchen Teilnehmern viel stärker ausgeprägt war als "gesund". Diese Teilnehmer entscheiden sich im Zweifel für die Schokolade und lassen den Apfel stehen. ​ Bis hierher ging es um Bewertungen. Für die Entscheidung ist aber noch ein anderes Areal wichtig: der dorsolaterale Cortex. Dieser Teil des Gehirns steht für die langfristigen, persönlichen Ziele. Er sorgt dafür, kurzfristige Impulse zu unterdrücken, so dass der Mensch gemäß langfristiger Ziele handeln kann. Die beiden Gehirnareale stehen miteinander in Kontakt. Das eine Areal kann dem anderen signalisieren: "halte Dich zurück". Das geht in die eine wie in die andere Richtung, und im Gehirn-Scan kann man sehen, welches Areal gerade aktiver ist. Damit der dorsolaterale Cortex das Bewertungs-Areal im Griff behalten kann, muss er fit sein. ​ 4. Die Selbstkontrolle stärken Wie lässt sich die Selbst-Kontrolle stärken? Was kann man tun, um den dorsolateralen Cortex zu stärken? ​ Konzentration10 Wenn Menschen ihre persönlichen Ziele nicht erreichen, könnte es sein, dass zu viel in ihrem Kopf herumspukt. Besser ist es, die Energie zu bündeln, denn die kurzfristige Belohnung siegt, wenn jemand geistig erschöpft ist. Dazu passen Untersuchungen, die belegen, dass Meditation die Selbstkontrolle stärkt. Meditierende sind besser in der Lage, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Sie lassen sich weniger ablenken.11 ​ Alkohol meiden Alkohol senkt die Fähigkeit zur Selbstkontrolle.12 ​ Mit den Ressourcen haushalten Selbstkontrolle kostet Kraft. Wer sich die morgendliche Jogging-Runde schon abringen muss, dem fällt es beim anschließenden Frühstück schwer, auch noch das Nutella-Glas stehen zu lassen. Forscher haben herausgefunden, dass emotional anspruchsvolle Aufgaben einen Kontrollverlust bei nachfolgenden Aufgaben verursachen können.13 ​ An die eigene Kraft glauben Dennoch: Der Glaube versetzt Berge. Das gilt auch für das Gehirn. Wer an die grenzenlose Verfügbarkeit von Willenskraft glaubt, kann mehr Ressourcen abrufen als andere.14 Aber auch das Wertesystem lässt sich beeinflussen. Wer zum Beispiel den Wert "Gesundheit" stärken will, sollte sich mit Gesundheitsthemen befassen. Dann nämlich steigt die Chance, dass sich das Wertesystem im ventromedialen präfrontalen Cortex anpasst - das empfiehlt Professor Manfred Spitzer.15 In vielen Fällen wissen Menschen alles über die Folgen ihrer Gewohnheiten und können ihr Verhalten aber dennoch nicht ändern. In solchen Fällen haben sich kurzfristige, konkrete Handlungsvorsätze als hilfreich erwiesen, etwa: "Wenn mir jemand eine Zigarette anbietet, dann lehne ich ab." Wichtig ist eine Wenn-dann-Formulierung, die eine Verbindung herstellt zwischen der kritischen Situation und dem erwünschten Handeln - so das Ergebnis einer Studie des US-Psychologen Peter Gollwitzer ​ 5. Was ist zu viel Selbstkontrolle? Wann muten wir uns zu viel Selbstkontrolle zu? Die schon eingangs erwähnte Maja Storch17 rät uns, auf unser Bauchgefühl zu hören, genauer: auf die somatischen Marker. Somatische Marker sind Impulse, die wir spontan fühlen, wenn wir uns eine Situation vorstellen. Was fällt Ihnen zu Ihrer Führerscheinprüfung ein? Beklemmung? Angst? Ein Gefühl von Enge? Das sind negative Marker. Genauso gibt es aber positive Marker. Man erkennt sie am Gefühl von Weite und Freude. Vielleicht löst der Gedanke an einen Sommertag am Meer einen solchen Marker bei Ihnen aus. Die somatischen Marker knüpfen direkt an unsere Erfahrungen an. Alles, was wir erlebt haben, ist in unseren Köpfen gespeichert und mit positiven oder negativen Bewertungen verknüpft. Deshalb kann eine identische Situation für die eine Person angenehm sein und für die andere nicht. Es kommt auf die vorherigen Erfahrungen an. Eine Entscheidung für eine Abmagerungskur kann gut und richtig sein ebenso wie die Entscheidung, eine 60-Stunden-Woche auf sich zu nehmen, um die Karriere zu befördern. Es kommt darauf an, dass die Entscheidung in Einklang mit unseren persönlichen Erfahrungen steht und nicht von außen aufgenötigt wird. Auf lange Sicht sollten wir uns im Bereich der positiven Marker bewegen. Dies stellt sicher, dass wir in Einklang mit unseren langfristigen Zielen stehen. ​ 6. Das Wichtigste in Kürze ​ Den sozialen Erfolg lassen wir uns etwas kosten: Die Erwartungen an jeden Einzelnen steigen. Wir beobachten Menschen, die lange Arbeitszeiten auf sich nehmen, viel Sport treiben oder immerzu gesund essen. Ob sie Lust-oder Unlust-Gefühle empfinden, wissen wir nicht. Viele tun's, weil sie gefallen wollen. Dazu müssen sie egoistische Impulse unterdrücken. Wer langfristige Ziele erreichen will, muss ich vor den kurzfristigen Versuchungen und Ablenkungen schützen. Konzentration, Meditation und der Glaube an die eigene Kraft helfen, langfristige Ziel zu erreichen. Günstig ist es außerdem, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen und Erfahrungen zu sammeln, um das eigene Wertesystem zu schulen. Wer sich für eine konkrete Situation fit machen will, sollte Alkohol meiden und seine Ressourcen für die Selbstkontrolle schonen. Beim ersten Mal kann man sich noch gut beherrschen. Das zweite und dritte Mal wird es schon schwieriger. Konkrete Handlungsvorsätze helfen, kritische Situationen zu überbrücken. Selbstkontrolle ist wichtig und hilfreich - aber es gibt auch ein Zuviel. Das Hören auf somatische Marker hilft, fremde von eigenen Zielen zu unterscheiden.

  • Warum ich spüre, was du fühlst

    Was uns unsere Sinne über den emotionalen Zustand anderer Menschen verraten Inhaltsverzeichnis 1. Unsere Sinne erschließen das Zwischenmenschliche 2. Spiegelneuronen - nur ein Teil der Wahrheit 3. Unsere Signalempfänger: Ich höre, rieche, fühle dich 4. Ich fühle, wie Du Dich fühlst 5. Lässt sich Empathie erlernen? Warum ich spüre, was du fühlst Was uns unsere Sinne über den emotionalen Zustand anderer Menschen verraten ​ 1. Unsere Sinne schließen das Zwischenmenschliche Die Augen blinzeln, und die Stirn ist entspannt. Lachfältchen zeigen sich, und die Mundwinkel wie auch die Wangen sind angehoben: Überall auf der Welt deuten Menschen diese Signale als Freude. Schon Mitte der 60er Jahre hat der US-amerikanische Anthropologe und Psychologe Paul Ekman entdeckt, dass sich bestimmte Basisemotionen überall auf der Welt in gleicher Weise zeigen - im Dschungel wie in den großen Metropolen. Zu diesen grundlegenden Emotionen zählen Trauer, Wut, Ekel, Freude und Überraschung. Mit Hilfe unserer Mimik zeigen wir anderen, was wir fühlen, sagt Ekman. Unsere Umwelt versucht an unserer Mimik abzulesen, was die Ursache für unsere Reaktion ist und was wir als nächstes tun werden. Nicht immer liegt sie damit richtig, aber oft. Die Mimik ist eine zentrale Informationsquelle, die uns etwas darüber sagt, wie es dem anderen geht. Aber nicht die einzige. Auch Ohren, Nase und der Tastsinn sind im ständigen Einsatz. Welche Signale wir Menschen mit unseren Sinnen aufnehmen und wie wir sie interpretieren, darum soll es hier gehen. ​ 2. Spiegelneuronen - nur ein Teil der Wahrheit ​ Seit Giaccomo Rizzolati und sein Forscherteam 1995 die Spiegelneuronen entdeckt haben, haben die kleinen grauen Zellen hohe Wellen geschlagen. In der interessierten Öffentlichkeit sind sie Allgemeingut geworden und werden als Erklärung für alles mögliche herangezogen. In dem berühmt gewordenen Versuch mit Affen konnten die Forscher zeigen, dass die Spiegelneuronen immer gleich reagierten, egal ob das Tier eine Handlung selbst ausführte oder die Handlung bei anderen beobachtete. Die Forscher schlossen daraus, dass die Funktion der Spiegelneuronen darin liege, Handlungen eines Gegenübers in Gedanken nachzuvollziehen und so dessen Absichten zu erkennen. Inzwischen sind die Wissenschaftler mit dieser Einschätzung vorsichtig geworden. ​ Die Spiegelneuronen sind bis heute nicht zur Gänze erforscht. Möglicherweise liegt ihre Bedeutung darin, Handlungen eines anderen zu erkennen, um selbst schnell reagieren zu können. Ihre Bedeutung wäre dann, ein Bewegungsmuster zu aktivieren und eine Handlung vorzubereiten. Kai Vogeley vom Zentrum für Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsklinik Köln sagt zum Beispiel: „Möglicherweise reagieren Spiegelneuronen zunächst auf bestimmte Formen von Bewegungen und erkennen diese als solche. Um sie in ihrem sozialen Kontext zu verstehen, braucht es aber zusätzliche Mechanismen." Auch Claus Lamm von der Universität in Wien gibt sich zurückhaltend: „Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass die Spiegelneuronen nicht die ganze Geschichte erzählen.“ ​ 3. Unsere Signalempfänger: Ich höre, rieche, fühle Dich Die Sinne stehen in erster Reihe, wenn es darum geht, Signale aufzunehmen, die uns das Zwischenmenschliche erschließen. Sie sind sozusagen die Vorposten der Empathie. Unsere Augen informieren uns über das Minenspiel und die Körperhaltung unseres Gegenübers. Dies ist uns oft sogar bewusst. Alle anderen Sinne mischen jedoch ebenfalls kräftig mit, oft ohne dass wir es merken. Über die Leistungsfähigkeit unserer Sinne kann man nur staunen. Beispielsweise haben Menschen ein feines Näschen für Angst. Wenn Menschen Angst haben, bricht ihnen der Schweiß aus. Angstschweiß enthält chemische Verbindungen, die unsere Nase als Signal aufnimmt. Die Angst des anderen kann man also nicht nur sehen, sondern auch riechen. Dabei muss der Geruch gar nicht stark oder gar penetrant sein. Er kann unterhalb unserer bewussten Wahrnehmungsschwelle liegen. Belegt hat diesen Zusammenhang ein Forscherteam rund um die Psychologin Professor Bettina Pause von der Universität Düsseldorf. ​ Die Liste ließe sich beliebig verlängern, und jeder von uns wäre in der Lage, eigene Beispiele zu nennen: Der Händedruck von einer warmen, trockenen Hand spricht von Ausgeglichenheit, während eine kalte, feuchte Hand auf Nervosität hindeutet. Eine tiefe Stimme und ein langsames Sprechtempo wirken souverän. Hektisches und schnelles Sprechen steht für Unsicherheit. ​ 4. Ich fühle, wie Du Dich fühlst Unsere fünf Sinne nehmen Signale auf, die uns mal mehr und mal weniger bewusst sind. Die Frage ist nun, wie wir uns die Signale zu eigen machen, denn Empathie steht ja für Mitfühlen. Das Gehirn kennt die unterschiedlichsten Wege. Abschließend lässt sich die Frage gar nicht beantworten, denn das Feld der Emotionserkennung und -verarbeitung ist ungeheuer komplex und längst noch nicht abschließend erforscht. Drei bereits bekannte Wege sollen hier exemplarisch vorgestellt werden: ​ Der chemische Weg: Angst-Geruch löst Empathie aus. Weiter oben war bereits von dem Versuch mit dem Angstschweiß die Rede. In dem Versuch sollten die Probanden an Wattepads riechen, die von Prüfungskandidaten und Sportlern geimpft waren. Gleichzeitig wurden die Reaktionen ihres Gehirns beobachtet. Die Wattepads der Examens- und Angst-Schwitzer aktivierten bei den Probanden Gehirnareale, die darauf spezialisiert sind, die Gefühle anderer widerzuspiegeln. Gleichzeitig stehen diese Areale für die Wahrnehmung von Angst bei anderen Menschen. Die Sportler-Wattepads lösten keine vergleichbaren Reaktionen im Gehirn aus. „Das bedeutet, dass Angst, wenn sie geruchlich wahrgenommen wird, ansteckend wirkt und beim Wahrnehmenden empathisches Miterleben auslöst“, erklärt Bettina Pause. Der aktive Weg: Empathie durch Nachahmen. Ein anderer Weg ist die Imitation. Wenn Menschen in den Gesichtern von anderen lesen, kommt dieser Weg zum Tragen. Wissenschaftler glauben, dass wir die Mimik anderer unwillkürlich nachahmen und so die Gefühle des anderen nachempfinden. Die Forschergruppe rund um Laurie Carr von der Michigan State University hat diesen Zusammenhang untersucht. ​ In einem anderen Versuch wurde der motorische Cortex von Versuchsteilnehmern mit Hilfe von sehr starken Magnetfeldern temporär stillgelegt. Der motorische Cortex steuert die gesamte Muskulatur und damit auch die Mimik. Ab dem Moment, wo die Gesichter der Versuchsteilnehmer gelähmt waren, konnten sie die Emotionen anderer nicht mehr deuten. ​ Die Imagination: Schmerzen zu sehen löst Empathie aus Auch die Insula spielt für das Empfinden von Empathie eine große Rolle. Im allgemeinen kennt man dieses Gehirnareal als Zentrum für das Schmerzempfinden. Die Psychologin Tania Singer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig ist mit einem Versuch bekannt geworden, bei dem sie Probanden leichte, aber unangenehme Stromschläge verabreicht hat. Der Versuch stammt aus dem Jahr 2004. Sie hat mit Paaren gearbeitet, wobei die Frauen im Kernspintomographen lagen, während die Männer daneben saßen. Beide Partner hatten jeweils Elektroden am Finger. Die Frauen im Tomographen konnten die Hände ihrer Männer mit Hilfe eines Spiegels sehen. Sie sahen also, wenn die Hand unter dem Stromstoß zuckte. Nun bekamen die Teilnehmer die besagten Stromstöße. Die Frauen in den Röhren wurden mit einem Signal jeweils darüber informiert, ob sie oder ihr Partner beim nächsten Schlag an der Reihe waren. Untersucht wurden die Hirnreaktionen der Frauen: Ihre Gehirne waren bei jedem Stromstoß in ähnlicher Weise aktiv, egal ob er ihnen galt oder ihrem Partner. Ganz besonders aktiv war dabei die Insula. Die Insula ist in etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze und steht für die Verarbeitung von Reizen wie Geruch, Geschmack oder Schmerz, über Ekel bis hin zu Sättigungsgefühl, Körpertemperatur oder Übelkeit. Das Spektrum ist also wirklich breit. Die Insula steht in Kontakt mit dem limbischen System. Zum limbischen System zählt die Amygdala, die ihrerseits eingehende Signale mit eigenen Erfahrungen abgleicht. Außerdem steht die Insula in engem Kontakt mit dem Thalamus, dem sogenannten "Tor zum Bewusstsein", in dem Signale gesammelt und gefiltert werden. Alle drei Areale zählen zu den gefühlsverarbeitenden Regionen im Gehirn. Die Insula wiederum besteht aus verschiedenen Regionen. Der vordere Teil steht in Zusammenhang mit dem Erkennen der Art des Gefühls. In unserem Beispiel ist es der Schmerz. Der hintere Teil lokalisiert, wo es schmerzt, wie schlimm es schmerzt und wie sich der Schmerz genau anfühlt. ​ Wie bereits erwähnt, glichen sich die Gehrinreaktionen der Versuchsteilnehmerinnen, ganz gleich, ob sie einen eigenen oder fremden Schmerz fühlten. Es gab aber auch Unterschiede: Bei fremden Schmerzen reagierte eher der vordere Teil der Insula. Das bedeutet: Die Insula signalisierte Schmerz, gab aber keine Auskunft über die Art des Schmerzes und den Ort. Die Teilnehmerin konnte also nicht fühlen, dass der rechte Zeigefinder ihres Partners betroffen war. ​ 5. Lässt sich Empathie erlernen? ​ In unserer modernen Arbeitswelt werden soziale Kompetenzen immer mehr zur generellen Voraussetzung für die Beschäftigung eines Mitarbeiters. Die Empathiefähigkeit ist mit Sicherheit ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Karriere. Deshalb ist es für Führungskräfte, Trainer und Berater wichtig zu wissen: Lässt sich Empathie erlernen? ​ Einen Hinweis gibt eine Studie von Simone Bosbach, Wolfgang Prinz und anderen. Demnach können wir nur nachvollziehen, was unserem eigenen Erfahrungsrepertoire entspricht. Nach dieser Studie geht die Empathie auf eine Art Simulation im Gehirn zurück. Das Gehirn greift auf eigene Erfahrungen des Geistes und des Körpers zurück. Ein Weg, die eigene Empathiefähigkeit zu schulen, ist die Meditation. ​ Antoine Lutz von der University of Wisconsin-Madison hat Mönche untersucht, die mit Hilfe von Meditation ihre Empathie und den Perspektivwechsel üben. Während einer Meditation wurden den Mönchen Geräusche vorgespielt, zum Beispiel Babyschreie oder Hilferufe. Gleichzeitig wurden ihre Gehirnreaktionen beobachtet. Eine Gruppe von Meditationsnovizen fungierte als Kontrollgruppe. ​ Bei den meditationsgeübten Mönchen reagierten die für die Empathie wichtigen Gehirnareale stärker als bei den Novizen. Das langjährige Training, so vermutet Lutz, hat die Schaltkreise des Gehirns für Empathie und Perspektivwechsel verändert, so dass sie empfindlicher reagieren. Da das Ziel der Meditation darin bestehe, altruistisches Verhalten zu fördern, lösten vor allem die negativen Geräusche eine stärkere Aktivität aus, weil sie signalisieren, dass jemand Hilfe benötigt. ​ Nicht jeder möchte sich einem langjährigen Training unterziehen. Geht es auch unterhaltsamer? Wissenschaftler hatten die Empathiefähigkeit von Leseratten untersucht. Die These war: Ob Liebesroman oder Krimi - so ein Schmöker schafft die Gelegenheit, sich mit den Figuren des Buches zu identifizieren und so die Fähigkeit zu steigern, sich in andere zu versetzen. ​ Die Forscher Raymond Mar und Keith Oatly fühlten sich in ihrer These bestätigt. ​ Andere Wissenschaftler sind skeptisch. Susanne Leiberg vom Swiss Center of Accective Sciences sagt. „Dass Romane lesen oder auch Filme schauen diese Kompetenz trainiert, kann ich mir gut vorstellen. Aber Empathie würde ich davon trennen, da man dabei das Gefühl der anderen Person mitempfindet.“ ​ Unabhängig davon, welcher These man sich anschließen möchte, die These von Groucho Marx stimmt auf jeden Fall: „Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese."

  • Wie funktioniert Erinnerung?

    Wie wir unser Erinnerungsvermögen erhöhen und weniger vergessen Inhaltsverzeichnis 1. Gedächtnis oder Erinnerung: alles dasselbe? 2. Wie funktioniert das Erinnern? 3. Vom Sinn des Vergessens 4. Was das Gedächtnis fördert oder behindert Wie funktioniert Erinnerung? Wie wir unser Erinnerungsvermögen erhöhen und weniger vergessen ​ 1. Gedächtnis oder Erinnerung: alles dasselbe? Sind das Gedächtnis und die Erinnerung dasselbe? Die Albert-Ludwigs Universität Freiburg beschreibt in ihrem Online-Lehrbuch das Gedächtnis als "Fähigkeit, Informationen zu speichern und wieder abzurufen". Der Brockhaus sieht das auch so. Aber von welcher Art Gedächtnis sprechen wir hier? Das Gedächtnis hat eine zeitliche Dimension. Jeder hat schon einmal etwas vom Kurzzeit- und vom Langzeitgedächtnis gehört. Wenn wir von Lerninhalten, Erlebnissen und Erfahrungen sprechen, ist auf jeden Fall schon einmal das Langzeitgedächtnis gemeint. Das Langzeitgedächtnis seinerseits lässt sich nach inhaltlichen Dimensionen einteilen. Man unterscheidet das prozedurale vom deklarativen Gedächtnis. Das prozedurale Gedächtnis bezieht sich auf Fertigkeiten, die automatisch, ohne Nachdenken eingesetzt werden. Ein typisches Beispiel ist das Fahrradfahren. Im deklarativen Gedächtnis sind Inhalte gespeichert, die sich mit Worten beschreiben lassen. Das deklarative Gedächtnis lässt sich noch einmal unterscheiden: Wenn wir Zahlen, Daten oder Fakten aus dem Gedächtnis abrufen, ist das semantische Gedächtnis aktiv. Erinnerungen aus unserer Lebensgeschichte sind im episodischen oder autobiografischen Gedächtnis gespeichert. ​ Schon beim ersten Überblick wird klar: Das Gedächtnis ist eine äußerst vielschichtige Angelegenheit. Wie die Informationsspeicherung im Einzelnen erfolgt, ist auch noch weitgehend unklar. Dennoch gibt es schon eine ganze Reihe Erkenntnisse darüber, was eine gute Gedächtnisleistung fördert oder unterbindet. Sehen wir also nach, was es zum deklarativen Gedächtnis heute schon zu sagen gibt. Denn dort ist das Gelernte, Erlebte und Erfahrene gespeichert. ​ 2. Wie funktioniert das Erinnern? Im Zeitalter der Technik stellen sich viele Menschen das Gehirn als eine Art Super-Computer mit Riesen-Festplatte vor. Das menschliche Gehirn hat aber seine eigene Arbeitsweise und - im Unterschied zum Computer - eine eingebaute "Löschen"-Funktion. Wie also funktioniert das Einspeichern einer Information, die zu dauerhaftem bewussten Wissen werden soll? Die meisten Modelle gehen heute von einem mehrstufigen Prozess aus: ​ Ultrakurzzeitgedächtnis Das Ultrakurzzeitgedächtnis nimmt die eintreffenden Signale der fünf Sinne für die Dauer von 0,5 bis 2 Sekunden auf. Schon hier siebt das Gedächtnis gründlich nach „wichtig“ und „weniger wichtig“ aus. Was das Ultrakurzzeitgedächtnis als wichtig erachtet, hängt zum Beispiel vom aktuellen Interesse und vom Grad der Aufmerksamkeit ab. ​ Kurzzeitgedächtnis (primäres Gedächtnis) Eine Information bedeutet aus der Sicht des Gehirns die Aktivierung einer Gruppe von Neuronen, die miteinander in Verbindung stehen. Man spricht auch von "Erregungskreisen in Neuronennetzen". Im Arbeitsgedächtnis wird diese vorübergehende Neuronenaktivierung wenige Sekunden bis hin zu einigen Minuten gespeichert. Wenn sie sich dann nicht stabilisiert, wird auch sie gelöscht. Die Informationen des primären Gedächtnisses sind bewusst. Sie können in Worte gefasst und abgerufen werden. Für unseren Fokus Erlebnisse, Lerninhalte und Erfahrungen ist es von besonderer Bedeutung. Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses ist ausgesprochen begrenzt. Im Allgemeinen geht man von 7+/- 2 Informationseinheiten aus, die gleichzeitig verarbeitet werden können. Das Kurzzeitgedächtnis ist also schnell überlastet. ​ Langzeitgedächtnis (sekundäres und tertiäres Gedächtnis) Im Langzeitgedächtnis stabilisiert sich die zuvor aktivierte Neuronengruppe. "Stabilisieren" bedeutet, dass sich die Verbindungen zwischen den Neuronen festigen und gemeinsam feuern, wenn die Information abgerufen wird. Das Langzeitgedächtnis ist ein großer, dauerhafter und langsam arbeitender Speicher. Soll eine Erinnerung abgerufen werden, wird sie zurückgespielt ins Kurzzeitgedächtnis. Letzteres arbeitet schnell und seine Kapazität ist begrenzt. Da kann es schon einmal zu Störungen kommen. Die festen Verbindungen bilden sich dann am besten aus, wenn der Mensch nach der Lernphase eine Ruhephase hat. Schlafen ist ideal. Dann kann das Gehirn ungestört arbeiten. Auch das Langzeitgedächtnis kennt das Vergessen. Dann wird altes Wissen von neuem verdrängt. Schließlich gibt es noch das tertiäre Gedächtnis. Dieser kleine, rasch zugängliche Speicher enthält Wissen, das wir lebenslang nicht vergessen, zum Beispiel wichtige prägende Ereignisse in der Jugend. ​ 3. Vom Sinn des Vergessens ​ Wenn wir darüber sprechen, was ein gutes Gedächtnis fördert, dann liegt die Frage nahe, weshalb das menschliche Gehirn so viel vergisst. Es wäre doch prima, wenn wir uns alles behalten könnten. Ist das Vergessen eine Fehlentwicklung in der Evolution? Natürlich nicht. Das Gehirn vergisst, weil Ballast unflexibel macht - um es einmal ganz einfach zu sagen. Unser Gehirn hat die Aufgabe, uns mit dem auszustatten, was für unsere Zukunft wichtig ist. Dazu konzentriert es sich auf die wichtigen Informationen, es generalisiert und trennt sich von dem, was überflüssig geworden ist. Vergangenes, was nicht mehr gebraucht wird und uns auch emotional wenig bedeutet, verblasst und verschwindet schließlich. Nur so sind wir in der Lage, unseren geistigen Fokus immer wieder auf etwas Neues zu richten und uns an unsere aktuelle Umgebung anzupassen. Die Gesamtheit aller Erinnerungen unseres Lebens wäre ein Ballast, der das Gehirn behindern würde. ​ 4. Was das Gedächtnis fördert oder behindert ​ Weg mit dem Datenmüll Mit dem Nutzen des Vergessens im Hinterkopf bekommen wir eine erste Ahnung, was das Gedächtnis fördert. Plötzlich wird uns klar, weshalb das Lernen auf Vorrat ohne Sinnzusammenhang so schwer ist und weshalb Kinder so große Probleme mit dem Stoff in der Schule haben und stets danach fragen, "wozu das gut sein soll". So lange wir mit den Informationen persönlich nichts zu tun haben und keinen Sinn im Behalten erkennen, sträubt sich unser Gehirn gegen Datenmüll. Es gibt aber noch mehr Faktoren, die die Behaltensleistung beeinflussen. ​ Bedeutung der Emotionen Die schrecklichen Ereignisse um den 11. September haben sich tief in unser Gedächtnis eingegraben. Niemand konnte innerlich unbeteiligt bleiben. Und praktisch jeder kann erzählen, was er gerade getan hat, als er von den Angriffen erstmals gehört hat. Die Tatsache dieser für uns alle lebendigen Erinnerung erzählt uns bereits viel darüber, was unsere Gedächtnisleistung fördert. Die Emotionen spielen nämlich eine wesentliche Rolle. Schon 1996 war man dem Zusammenhang auf der Spur. Der Psychologe Larry Cahill vom Center for Neurobiology and Learning an der University of California in Irvine bat eine Gruppe von Studenten, sich zwölf emotional aufwühlende und zwölf neutrale Filmszenen anzusehen. Währenddessen untersuchte der Forscher die Gehirnreaktionen der Probanden mit einer Positronen-Emissions-Tomographie. Drei Wochen später wurden die Versuchsteilnehmer aufgefordert, die Filmszenen wiederzugeben. Zwei Ergebnisse ließen sich feststellen: Die emotional aufwühlenden Szenen lösten schon während des Versuchs die stärkeren Gehirnreaktionen aus. Je stärker die Gehirnreaktion, desto besser konnten sich die Probanden nach drei Wochen an die Filmszenen erinnern. Im Zentrum der Gehirnaktivitäten stand die Amygdala. Dieser Teil des limbischen Systems ist bekannt dafür, eingehende Reize emotional zu bewerten und Ereignisse mit Emotionen zu verknüpfen. Die Amygdala steht mit dem Hippocampus in enger Verbindung. Dieser wiederum spielt eine große Rolle bei der Überführung von Informationen vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis. Gedächtnis und Emotionen hängen also eng zusammen. ​ Gedächtnisbildung unter Stress Starke Emotionen fördern das Erinnern. Unfallopfer oder Opfer von Verbrechen können ein trauriges Lied davon singen. Oft meiden sie Orte und Situationen, die für sich genommen harmlos sind. Sie erinnern aber diese Personen an ihr schlimmes Erlebnis. Was ist der Hintergrund? Darüber gibt ein Versuch des US-amerikanischen Neurobiologen Robert Malinow von der University of California Auskunft. In Stressituationen schüttet das Gehirn Noradrenalin aus. Bei seinem Versuch mit Mäusen stellte der Forscher fest, dass sich unter dem Einfluss des Noradrenalins GluR1-Rezeptoren an den Nervenzellendigungen (Synapsen) der Neuronen im Hippocampus festsetzten. Das Noradrenalin bindet sich an die Rezeptoren und stärkt die Verbindungen zwischen den Neuronen, und es werden neue Synapsen gebildet. Weiter oben hatten wir die stärkere Verbindung zwischen den Neuronen mit der Einspeicherung in das Langzeitgedächtnis in Verbindung gebracht. Je mehr GluR1-Rezeptoren in einer Zellmembran vorhanden sind, desto besser können die Zellen Signale übertragen und ein bestimmtes Aktivitätsmuster langfristig speichern. ​ Gedächtnisbildung unter dem Eindruck positiver Emotionen Ist Stress also gut für das Lernen? Das gilt nur für eine einmalige Stresssituation. Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld weist nachdrücklich darauf hin, dass dauerhafter negativer Stress Nervenzellen im Hippocampus absterben lässt und auf lange Sicht das Gehirn schädigt. Es gibt sogar Forschungsansätze, die dauerhaften, negativen Stress mit Demenzerkrankungen in Verbindung bringen. Ein Forscherteam rund um Osborne F. X. Almeida vom Max-Planck Institut für Psychiatrie in München hat sich in diesem Kontext einen Namen gemacht. Besser ist es, auf positive Emotionen zu setzen. Auch dann schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, unter anderem das Serotonin und das Dopamin. Die mit positiven Emotionen verbundenen Neurotransmitter stärken die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und fördern so das Gedächtnis. In einer Studie konnte belegt werden, dass sich Dopamin positiv auf das episodische Gedächnis auswirkt. Für die Untersuchung hatte Emrah Düzel vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen einer Gruppe von Versuchsteilnehmern einen dem Dopamin verwandten Stoff verabreicht, anderen ein Placebo. Der Magdeburger Forscher geht davon aus, dass das Dopamin "die neu geformten Nervenschaltungen langfristig stabilisiert.“ ​ Üben und Assoziieren Zu Beginn ist ein Gedächtnisinhalt nichts weiter als eine aktivierte Neuronenkette. Die Ausschüttung von Neurotransmittern kann die Verbindungen und die Struktur stärken - aber auch schlichtes Wiederholen funktioniert. Jeder kennt das aus der Schule. Das Lernen wird leichter, wenn man versucht, das Gelernte mit bereits Bekanntem zu verbinden. Das erleichtert die Verknüpfung. ​ Mnemotechniken Ein anderer Weg sind die sogenannten Mnemotechniken, von denen es eine ganze Vielzahl verschiedenerer Formen gibt. Man könnte sagen, die Mnemotechnik ist die hohe Schule der Eselsbrücke. Im Kern geht es immer darum, isolierte Wissenseinheiten in einen Kontext zu bringen, damit die langfristige Speicherung gelingt. ​ Konzentration Forscher empfehlen, sich nach einer Lerneinheit erst einmal zehn Minuten Pause zu gönnen - ohne dabei gleich einzuschlafen. Dadurch verbessert sich die Gedächtnisleistung. Das haben Michaela Dewar von der University of Edinburgh und ihre Kollegen herausgefunden. Der Trick dabei: Die Ruhepause gibt dem Gehirn die Möglichkeit, sich die Informationen intensiver einzuprägen. Wer sich direkt nach dem Lernen durch Spiele oder Ähnliches ablenkt, verliert sofort und auch auf Dauer einen erheblichen Teil der Informationen. Dieser Passus dürfte gerade Management-Trainer interessieren, die von den Unternehmen immer mehr aufgefordert sind, Lernhäppchen für zwischendurch anzubieten. Lernen braucht Konzentration: Wer zwischen tausend anderen Aufgaben schnell noch einen Lehrbrief liest, hat nicht viel davon. Hier ist der Beweis dazu. ​ Bedeutung des Schlafs 2011 haben Freiburger Forscher um Christoph Nissen Menschen mit dauerhaften Schlafstörungen Menschen mit gesundem Schlafverhalten einander gegenüber gestellt. Beide Gruppen mussten tagsüber prozedurale wie auch deklarative Inhalte lernen. Und tagsüber waren beide Gruppe gleich gut darin. Um die Unterschiede deutlich zu machen, wurden die gesunden Versuchsteilnehmer aufgeteilt. Eine Gruppe musste morgens etwas lernen und wurde abends getestet. Die andere Gruppe lernte abends und durfte danach schlafen. Die Schlaf-Gruppe zeigte in den anschließenden Tests eine deutlich bessere Verfestigung der neuen Gedächtnisspuren. Doch was passiert im Schlaf? Eine Gruppe von Studenten musste Inhalte lernen und durfte dann schlafen. Sie wurden allerdings falsch darüber informiert, was am nächsten Tag wichtig sein würde, und siehe da: Ihre Gedächtnisleistung war schlechter als die der Kontrollgruppe, die zutreffende Informationen über den morgendlichen Abfragestoff hatte. „Das ist möglicherweise die wichtigste Funktion des Schlafes“, kommentiert Susanne Diekelmann von der Uni Tübingen. Sie sagt: „Wir treffen von all dem Input des Tages eine Auswahl: Das Wichtige wird ins Langzeitgedächtnis übertragen, das Unwichtige nicht.“ Weiter oben hatten wir eine Information als eine aktivierte Neuronengruppe beschrieben. Die gleichen Aktivitäten, die beim Lernen sichtbar sind, treten im Schlaf wieder auf. Das Gehirn rekapituliert, was es tagsüber gelernt hat, und speichert es nachts ein. Für das Einspeichern von deklarativem Wissen sind offenbar die Tiefschlafphasen von besonderer Bedeutung. Auch hierzu gibt es einen Versuch, bei dem Probanden etwas lernen mussten. Ein Teil der Gruppe durfte zeitig zu Bett gehen und drei Stunden schlafen. Sie kam deshalb in den Genuss der Tiefschlafphase. Die andere Gruppe musste im Dienst der Wissenschaft bis drei Uhr nachts aufbleiben und durfte erst dann drei Stunden schlafen. Der Versuch von Jan Born von der Uni Lübeck zeigte ein spannendes Ergebnis: Bei den anschließenden Tests schnitten die Frühschläfer in Bezug auf das deklarative Wissen besser ab. Die Spätschläfer hatten bei dem prozeduralen Wissen die besseren Ergebnisse. ​ Tipp am Schluss: gesund leben Ganz zum Schluss haben wir noch einen einfachen Tipp: Leben Sie gesund. Was für den Körper gut ist, fördert auch den Geist. Studien belegen den schädigenden Einfluss von Zigaretten und anderen Drogen auf das Gedächtnis. Sogar das Übergewicht soll das Gedächtnis schmälern. Sport dagegen fördert die Gedächtnisleistung - auch und gerade im Alter. Über eine gesunde Ernährung brauchen wir nicht viel zu sagen. Und ärgern Sie sich nicht, wenn Sie etwas vergessen. "Der Vorteil des schlechten Gedächtnisses ist, dass man dieselben guten Dinge mehrere Male zum erstenmal genießt", hat schon Friedrich Nietzsche gesagt.

  • Wut und Ärger

    Wo sitzt der Schalter für Wut oder Ärger und wer oder was legt den Schalter um? Inhaltsverzeichnis 1. Ist der Mensch böse? 2. Aggression und Angst 3. Aggression und Lust 4. Aggression und Geschlecht 5. Was tun, wenn der Puls kocht? Wut und Ärger Wo sitzt der Schalter für Wut oder Ärger und wer oder was legt den Schalter um? 1. Ist der Mensch böse? Ob Christentum, Islam oder Buddhismus - alle großen Religionen rufen ihre Gläubigen zur Friedfertigkeit auf. Offenbar ist das nötig, denn kein Wesen dieser Welt hat ein derart aggressives Potential wie der Mensch. Woher kommt die Wut? Was sind die Ursachen für aggressives Verhalten? Schon immer haben Menschen nach Antworten gesucht. Die Bibel, zum Beispiel, erzählt die Geschichte von Kain und Abel. Heute diskutieren Mediziner, Philosophen, Soziologen, Psychologen und neuerdings auch Neurowissenschaftler, wie die Aggression zu erklären ist. Ein einheitliches, allgemein akzeptiertes Erklärungsmodell gibt es bisher nicht. Prominente Ansätze sind: ​ Endogene Aggressionstheorien Konrad Lorenz ist einer der Vertreter. Nach dieser These dient die Aggression der Arterhaltung. Ähnlich wie Tiere müssen Menschen ihren Lebensraum verteidigen und ihre Nachkommen schützen. Die Aggression sei so etwas wie ein Instinkt. Kann man von Tieren unmittelbar auf Menschen schließen? Kritiker bezweifeln das und weisen darauf hin, dass der Aggressionstrieb bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte. ​ Psychoanalytische Theorien Sigmund Freud entwickelte die Vorstellung von einem Lebenstrieb und einem Todestrieb, die dem Menschen innewohnen. Unter dem Einfluss der Libido wende sich die Energie des Todestriebs nach außen und wandele sich in Aggressivität. Von heutigen Psychoanalytikern wird diese Idee überwiegend abgelehnt. Sie hat insoweit überlebt, als einige Psychoanalytiker die Aggressivität als eine Antriebsenergie sehen ähnlich wie die Libido. Zu dieser Gruppe zählen Heinz Hartmann, Ernst Kris oder Rudolph M. Loewenstein. ​ Frustrations-Aggressions-Hypothese Schon seit 1939 gibt es die Vorstellung, dass der Aggression stets ein Frustrationserlebnis vorangehe. Die Aggression diene dazu, die Frustrationsquelle zu vernichten. Urheber waren Forscher der Yale University rund um John Dollard. Diese These gibt aber kein geschlossenes Modell für eine allgemeine Erklärung von Aggressionen ab: Wer frustriert wird, muss nicht zwingend aggressiv werden. Humor ist eine alternative Entlastungsstrategie. Außerdem gibt es Aggressivität ohne Frustration: Charismatische Führer aller Zeiten haben es verstanden, Hass auf andere zu wecken und ihre Anhänger für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Im Jahr 2011 ist das Buch "Schmerzgrenze" von Joachim Bauer auf dem Markt erschienen und hat Furore gemacht. Der Universitätsprofessor von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sieht eine Verbindung zwischen Aggression und der Unfähigkeit, Demütigungen zu verbalisieren und auf sie angemessen zu reagieren. Das gelte besonders für Menschen, die Armut, Ausgrenzung, Gewalt und Vernachlässigung erfahren. So plausibel die These klingen mag, es gibt eine ganze Reihe von Kritikern. Der Blogger Sven Fuchs stellt die bestechend einfache Frage, wie denn Osama bin Laden so aggressiv werden konnte, wo er doch aus einer reichen saudischen Unternehmerfamilie stammte. Aggression nach Frustrationserlebnissen - es zeigt sich erneut, dass dieser Ansatz auf wackligen Füßen steht. ​ Lerntheoretische Aggressionsmodelle Aggressives Verhalten wird von Vorbildern erlernt, sagt eine andere These. Menschen schauen sich an, wieweit ihre Vorbilder mit ihrem Verhalten erfolgreich sind, und richten ihr eigenes Handeln danach aus. Gegenmaßnahmen sind in diesem Modell Strafen, denn sie vereiteln den Erfolg, und Angebote, die alternatives nicht-aggressives Verhalten üben. Die Ergebnisse der Neurowissenschaften lassen vermuten, dass es für aggressives Verhalten viele Gründe geben kann. ​ ​ 2. Aggression und Angst Der Angriff aus Angst - das "Angstbeißen" - ist auf jeden Fall eine Spielart der Aggression. Aber wie wird die Angst emotional verarbeitet? Das schauen wir uns einmal an: Auch das Phänomen der Angst hat zahlreiche Erklärungsversuche hervorgebracht. Eine breite Akzeptanz genießt die Theorie von den "präkognitiven Emotionen" von Joseph LeDoux. Der Gehirnforscher vom Center for Neural Science der New York University hatte 1989 dazu einen Aufsatz publiziert. Sein Ausgangspunkt war die Frage, weshalb uns die Angst gelegentlich so fest im Griff hat, wenn wir rational betrachtet gar keinen Grund dazu haben. Nach seiner Theorie wird die Angst auf zwei Wegen verarbeitet. In beiden Fällen ist der Thalamus der Ausgangspunkt. ​ Stellen wir uns vor, eine Person geht abends nach Hause. Es wird schon langsam dunkel. Plötzlich rennt ein großer bellender, gefährlich aussehender Hund auf sie zu. Die visuellen Signale werden blitzschnell über den Thalamus an die Amygdala weitergeleitet. Die Amygdala gleicht das Bild in Millisekunden mit gespeicherten Erinnerungen ab und entscheidet, ob die Situation gefährlich ist oder nicht. Aber halt, nicht so schnell. Was genau ist da passiert? Im Thalamus laufen alle sensorischen Bahnen zusammen: Jedes Signal unserer fünf Sinne passiert den Thalamus. Der Thalamus steht in enger Verbindung mit der Amygdala. Diese ist das emotionale Gedächtnis des Gehirns und spielt eine große Rolle dabei, angstbesetzte Situationen zu lernen und wiederzuerkennen. Läuft ein großes bellendes Untier auf den Menschen zu, gleicht die Amygdala blitzschnell das aktuelle neuronale Muster mit bereits bekannten Mustern ab. LeDoux selbst hat das Wort "quick and dirty" benutzt. Gelegentlich liegt die Amygdala mit ihrer Einschätzung nämlich daneben. Aber hier ist der Fall klar. Der Hund ist gefährlich. Deshalb sendet die Amygdala an den Hypothalamus und an den Hirnstamm. Der Hirnstamm ist Teil des Stammhirns. Er ist das Verbindungsstück zwischen Mittelhirn und verlängertem Rückenmark, also die Verbindung zum Körper. Der Hypothalamus ist vor allem für die unbewussten Körperfunktionen verantwortlich. Zu seinem Aufgabengebiet gehören Körpertemperatur, Hunger und Sättigung, innere Uhr, Energiehaushalt und vieles andere mehr. Er steht in enger Verbindung mit dem vegetativen Nervensystem und kann regulierend auf die Hormonaussschüttung einwirken. Die Hypophyse, also die Hirnanhangdrüse ist eine enge Verbündete des Hypothalamus. Auf sein Signal schüttet sie Hormone aus, die weitere hormonelle Prozesse anschiebt. ​ Dank des Hypothalamus startet der Körper sein Stressprogramm: Herzklopfen, Schweißausbruch, steigender Blutdruck. Das Adrenalin schießt in die Adern. Diese Prozesse laufen in Bruchteilen von Sekunden ab. Unser Spaziergänger ist in Alarmbereitschaft versetzt, bevor er überhaupt einen klaren Gedanken fassen kann. Parallel zur unbewussten Verarbeitung beginnt die bewusste Verarbeitung. Sie dauert länger, dafür werden die Signale gründlicher verarbeitet. Wieder beginnt die Verarbeitung im Thalamus. Er steht in Verbindung mit der Hirnrinde, dem Cortex. Denken, Lernen, Sprechen, das Bewusstsein und das Gedächtnis sind hier angesiedelt. Der Thalamus wird deshalb auch Tor zum Bewusstsein genannt. Innerhalb des Cortex wird vor allem der präfrontale Cortex aktiv. Er fügt die Emotionen mit dem Gesamtbild zusammen, zieht Schlüsse und leitet die beste Reaktion ab. Hier werden die emotionalen Reize in bewusste Gefühle umgewandelt. Auch der Hippocampus ist mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt: Er ist zum Beispiel mit der räumlichen und zeitlichen Orientierung befasst und koordiniert die Gedächtnisinhalte. ​ LeDoux hat als Erster die direkte Verbindung zwischen Thalamus und Mandelkern festgestellt. Das ist sein Verdienst. Unbewusste emotionale Reaktionen sind auf diese Weise erklärbar. Zurück zur Aggression: Je nach persönlicher Dispositon, Erfahrung mit Hunden, Körperkraft und Situation wird der abendliche Spaziergänger seine Entscheidung treffen: Flüchtet er auf den nächsten Baum oder ergreift er den großen Ast, der dort liegt, um sich zu verteidigen? Angst kann in Aggression umschlagen. Was aber wäre, wenn das Gehirn dem Spaziergänger einen Streich gespielt hätte: Der Hund ist schlecht erzogen, aber nicht gefährlich. Nur leider ist unser Passant als Kind einmal gebissen worden. Die schlechten Erinnerungen sind dominant. Wann immer unser Passant einen Hund sieht, befällt ihn panische Angst. Therapeuten behandeln Ängste häufig mit Aufklärung und Konfrontation: Die Patienten müssen sich dem Objekt ihrer Angst stellen und gewöhnen sich nach und nach daran. Die Wirksamkeit konnte im Gehirn-Scan bewiesen werden: Forscher von der Northwestern University Chicago haben mit Patienten gearbeitet, die Angst vor Spinnen haben. Nach der Therapie waren deutlich weniger Aktivitäten im Angstzentrum des Gehirns zu sehen als zuvor. Die Therapie war durchgängig erfolgreich. Allerdings war das Ausmaß des Erfolgs auf lange Sicht bei den Patienten unterschiedlich. Für Aggressivität in Verbindung mit Angst kann Lernen ein erfolgversprechender Ansatz sein. ​ 3. Aggression und Lust ​ Was aber, wenn Gewalt einfach Lust bereitet? Der Professor für Psychologie und Psychiatrie an der University of Chicago, Jean Decety, hat mit verhaltensauffälligen Halbwüchsigen gearbeitet. Die 16-18 Jährigen haben sich Videos angesehen, in denen Menschen Leid angetan wurde. Im funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT) wurden ihre Gehirnreaktionen untersucht. Die Amygdala war jeweils aktiviert wie auch der vordere Striatum, der zum Belohnungszentrum gehört. Jean Decety hat daraus geschlossen, dass die Videos den Jugendlichen Spass gemacht haben. Das Mitgefühl war jeweils unterdrückt. Ein unterdrücktes Mitgefühl heißt aber nicht, dass es überhaupt kein Mitgefühl gibt. Die Frage ist nur, wie die Jugendlichen die eigentlich angemessene Reaktion wieder lernen können. Professor Klaus Mathiak von der Universität Aachen arbeitet ebenfalls an diesem Thema. ​ Er hält Therapien unter Einsatz eines fMRT für ein zwar noch junges, aber aussichtsreiches Verfahren. Im Kern geht es darum, die Gehirne der Patienten beim Konsum von Gewaltszenen zu beobachten. Immer, wenn das Mitgefühl angesichts von Gewaltszenen in unangemessener Weise unterdrückt ist, können die Therapeuten eingreifen und versuchen, den Patienten zu einer anderen Gehirnreaktion zu animieren. Man könnte auch sagen: "Neurofeedback in Echtzeit". Bisherige Tests verliefen vielversprechend. Allerdings ist auch dieses Verfahren kein allgemeines Heilmittel: Bei Soziopathen, zum Beispiel, sind andere Wege nötig. ​ ​ 4. Aggression und Geschlecht Neigen Männer mehr als Frauen zu Gewalt? Immerhin: Die Mehrzahl aller Gefängnisinsassen sind Männer. Im Vergleich zu Frauen morden Männer sehr viel häufiger. "Frauen sind eher reaktiv", sagt der Neuropsychologe Thomas Elbert aus Konstanz. "Werden die Kinder bedroht, schlägt eine Mutter mit allem zurück. Die Lust, jemanden zu überfallen, verspürt sie in der Regel nicht. Männer hingegen finden Gefallen daran, einem Tier nachzujagen und es zu erlegen. ... Sie üben Gewalt um der Gewalt willen aus, empfinden Spaß daran." Niels Birbaumer von der Universität Tübingen will davon gar nichts wissen. „Frauen töten genauso, wenn sie entsprechend erzogen und belohnt werden“, sagt er. Dafür spricht, dass vor einigen Jahren Mädchen mit zunehmender Bereitschaft zur Gewalt in die Schlagzeilen gelangt sind. Anders als früher scheuen sie nicht mehr vor Körperverletzung zurück. Mehrere Zeitungen haben davon berichtet, darunter das Hamburger Abendblatt im Jahr 2006. Zwischen 1993 und 2005 habe sich die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen unter 21 Jahren mehr als verdoppelt, heißt es da. Hier klingt an, dass Gewaltbereitschaft tatsächlich erlernt wird. Oder ist es das Testosteron? Jungs werden schon im Mutterleib mit mehr Testosteron überschwemmt als Mädchen. Testosteron wird mit Imponiergehabe, Kampfverhalten und einem starken männlichen Sexualtrieb in Verbindung gebracht. ​ Doch Vorsicht: Nirao Shah von der University of California hat ein Experiment mit Mäusen durchgeführt. Direkt nach der Geburt ist das Gehirn kleiner männlicher Mäuse voll von Testosteron. Dieses wird aber umgewandelt in Östrogen. Und erst dann werden die jungen Männchen männlich-aggressiv. Den jungen Weibchen wurden nach der Geburt Östrogene gespritzt. Daraufhin wurden sie aggressiv und ihre Gehirne wurden „männlicher“. Die Wirkung von Hormonen ist so komplex, dass man mit einfachen Urteilen vorsichtig sein muss. ​ ​ 5. Was tun, wenn der Puls kocht? ​ Bisher haben wir uns Aggression im Sinne von Gewalt angesehen. Natürlich geht es auch kleiner. Jeder erlebt im Alltag Situationen, wo ihm die Hutschnur reißt. Was kann man denn da tun? ​ Tief durchatmen Alle Experten raten dazu, erst einmal Abstand zu gewinnen. Atmen Sie tief durch! Gehen Sie um den Block"! Handeln Sie bloß nicht impulsiv! Die Emotionsverarbeitung geht ihre eigenen Wege. Wenn der Blutdruck steigt, muss man warten, bis Hippocampus und präfrontaler Cortex das Ruder wieder übernehmen. Das dauert unter Umständen 20 Minuten. Die Gefühle sind richtig Die Gefühle sollten nicht geleugnet oder unterdrückt werden. Wenn die erste Wut verraucht ist, überlegen Sie, was passiert ist: Was sind die Fakten, die auch ein Außenstehender hätte sehen können? Wie ist Ihre Haltung? Wäre eine andere Interpretation der Situation auch möglich? ​ Um ein Gespräch bitten Wenn Sie soweit sind, gehen Sie in ein Gespräch und suchen Sie nach einer Lösung. Der Karriereberater Martin Wehrle macht es noch anders. Er fordert seine Klienten auf, die ärgerliche Situation möglichst zugespitzt zu beschreiben und mächtig zu übertreiben. Das Ergebnis wird oft so grotesk, dass die Klienten selbst lachen müssen. Auch das ist ein Weg. Schon Joachim Ringelnatz hat gesagt: "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt."

  • Zufriedenheit und Glück sind keine Frage des Geldes

    Wie das Gefühl von Zufriedenheit und Glück entsteht und was hierfür wirklich von Bedeutung ist. Inhaltsverzeichnis 1. Was ist Zufriedenheit und was ist Glück? 2. Wodurch entsteht berufliche Zufriedenheit? 3. Zufriedenheit und Gesellschaft 4. Geld wirkt auf unser Gehirn wie eine Droge 5. Die Angst vor Verlusten 6. Sind Glück und Zufriedenheit eine Frage der Umstände? 7. Die sieben Weltwunder Zufriedenheit und Glück sind keine Frage des Geldes Wie das Gefühl von Zufriedenheit und Glück entsteht und was hierfür wirklich von Bedeutung ist. ​ 1. Was ist Zufriedenheit und was ist Glück? Lassen Sie uns zunächst einmal das Gefühl der Zufrieden­heit und das Gefühl des Glücks definieren. Die in der ein­schlägigen Fachliteratur am weitesten verbreitete Definition für Zufriedenheit ist diese: innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen als das, was man hat. Und mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen und Situationen einverstanden zu sein. Zufriedenheit ist somit ein eher dauerhafter und langfristiger emotionaler Zustand. Das Gefühl von Glück hingegen ist meist von kurzer Dauer. Es entsteht, wenn wir z.B. ein Ziel erreicht haben, eine frohe Botschaft erhalten oder eine freudige Überraschung erleben. In diesen Momenten sind wir dann für eine bestimmte Zeitspanne glücklich. Beide emotionalen Zustände hängen aber untrennbar mit­einander zusammen. Würden wir keine Glücksmomente erleben, könnten wir auch nicht auf Dauer zufrieden sein. ​ Aber auch der umgekehrte Mechanismus ist möglich: Je­mand gewinnt im Lotto und erlebt dadurch ein Glücksgefühl. In der Praxis macht ihn dieser Lottogewinn aber nicht zufrie­dener, und die Realität zeigt uns, dass es viele Lottogewin­ner gibt, die der Gewinn am Ende ins Unglück gestürzt hat. Wenn wir uns über Zufriedenheit und Glück unterhalten, stellt sich die Frage, welche Rolle spielt hierbei das liebe Geld. Ist Geld zwingend erforderlich, um den Zustand der Zufrieden­heit zu erlangen, bzw. ist mehr Geld gleichzusetzen mit mehr Zufriedenheit? ​ 2. Wodurch entsteht berufliche Zufriedenheit? ​ Die meisten Menschen erzielen ihr Geldvermögen nicht aus Lottogewinnen oder Erbschaften, sondern durch ihre Ar­beitskraft. Sie gehen Tag für Tag ihrem Beruf nach und sind mit dem, was sie tun, mehr oder weniger zufrieden. Andererseits nimmt im unternehmerischen Wettbewerb die Zufriedenheit von Mitarbeitern und Führungskräften einen immer größeren Stellenwert ein. Zufriedene Mitarbeiter sind motivierter und leistungsfähiger, und ein Unternehmen mit zufriedenen Mitarbeitern findet meist auch die besseren Bewerber. Aber wovon hängt es ab, ob Menschen an ihrem Arbeits­platz zufrieden sind oder nicht? Ist das Maß der Dinge die Höhe des Einkommens? ​ Die europaweit größte Online-Jobbörse „Stepstone“ hat hierzu eine hoch interessante Studie1 durchgeführt, um her­auszufinden, was Menschen an ihrem Arbeitsplatz glücklich und zufrieden macht. Hierzu wurden rund 13.000 Mitarbeiter und ca. 1000 Unternehmer aus sieben europäischen Län­dern befragt. Das Ergebnis, welches im Februar 2013 ver­öffentlicht wurde, ist erschreckend, denn etwa 55% der Be­fragten empfinden an ihrem Arbeitsplatz kein oder nur ein geringes Gefühl der Zufriedenheit. Die Studie zeigte aber auch, worauf es den Menschen wirk­lich ankommt und welche Faktoren für eine hohe Zufrieden­heit notwendig sind. ​ Der wichtigste Faktor für die Befragten ist ein respektvoller Umgang miteinander. Der zweitwichtigste Faktor ist eine interessante Tätigkeit, und der drittwichtigste Faktor ist ein gutes Betriebsklima. Danach folgen eine faire und offene Unternehmensstruktur, Anerkennung für die geleistete Arbeit, sich selbst treu bleiben können, eine gute Work-Life-Balance, die gute Beziehung zu Kollegen und eine gute Arbeitsausstattung. Eine gerechte Vergütung als Voraussetzung für die Zufrie­denheit am Arbeitsplatz stand für die Befragten erst an 10. Stelle. ​ 3. Zufriedenheit und Gesellschaft Dass Geld nicht im Vordergrund steht, wenn es um die Zufriedenheit geht, zeigt auch eine andere Untersuchung. Eine noch junge Forschungsrichtung ist die „ökonomische Glücksforschung“2. Sie kam zu dem alarmierenden Ergebnis, dass in den letzten 50 Jahren bei den Menschen der westli­chen Welt sich das Realeinkommen zwar mehr als verdop­pelt hat, aber kein wesentlicher Zuwachs an Glück oder Zufriedenheit zu verzeichnen ist. ​ In der Vergangenheit gingen die meisten Ökonomen von folgendem Grundsatz aus: „Menschen maximieren ihren Nutzen“. Dieser Nutzen ist i.d.R. umso größer, je höher das Einkommen ist. Mit anderen Worten: In der westlichen Welt werden das Glück und die Zufriedenheit einer Gesellschaft mit ihrer Kaufkraft gleichgesetzt. Dass diese Rechnung nicht aufgeht und materieller Wohlstand alleine keine Grundlage für die Berechnung von Glück oder Zufriedenheit sein kann, hat sich inzwischen auch bei den Wirtschaftsexperten herumgesprochen, und immer mehr Ökonomen suchen nach den Gründen. Bei dieser Suche helfen vor allem die jüngeren wissenschaftli­chen Erkenntnisse. ​ Einer der bekanntesten Wissenschaftler, der sich mit der Frage „Wie kann ich glücklich werden“ auseinandergesetzt hat, ist der amerikanische Kinderpsychologe Martin Selig­man. Zu seinen wichtigsten Erkenntnissen gehört, dass man zwar nicht dauerhaft glücklich sein kann, aber dass man sehr viel selbst dazu beitragen kann, dass Glücksgefühle häufiger und neu entstehen. Bestätigt werden diese Erkenntnisse auch von Gehirnfor­schern, die mit Hilfe moderner wissenschaftlicher Methoden typische Aktivitätsmuster im menschlichen Gehirn nachwei­sen können, wenn jemand Freude, Glück oder Zufriedenheit empfindet. Der amerikanische Neuropsychologe Richard Davidson3 fand z.B. heraus, dass Menschen, deren linke vordere Gehirn­hälfte aktiver ist als die rechte, negative Emotionen besser kontrollieren können. Belegen konnte er dies, indem er Probanden nach deren momentanen Emotionen befragte und dabei die Hirnströme aufzeichnete. Waren die Emotionen positiv, registrierte das EEG stärkere Aktivitäten im linken präfrontalen Cortex. Hat­ten die Probanden eher schlechte Laune, registrierte das EEG stärkere Aktivitäten im rechten präfrontalen Cortex. Er schloss daraus, dass Menschen, deren rechte Gehirnhälfte aktiver ist, auf negative Ereignisse stärker reagieren und daher oft auch pessimistischer und weniger glücklich sind. Menschen, deren linke Gehirnhälfte aktiver ist, sind eher positiver gestimmt und haben auch mehr Selbstvertrauen. Sie nehmen das Leben generell leichter. Bestätigt werden konnte diese Annahme auch mit Hilfe einer modernen Positronen-Emissi­ons-Thomographie. Eine andere interessante Erkenntnis ist, dass die Fähigkeit, zufrieden und glücklich zu sein, teilweise auch angeboren ist. Hierauf deuten Ergebnisse der Zwillingsforschung hin. ​ Der amerikanische Psychologe David Lykken4 befragte rund 1500 erwachsene Zwillingspaare, wie zufrieden sie mit ih­rem Leben waren. Die eineiigen Zwillinge stimmten hierbei mit ihren Antworten wesentlich öfter überein als die zweieii­gen Zwillinge – selbst dann, wenn sie getrennt voneinander aufwuchsen. Lykken vermutet, dass jeder Mensch einen bestimmten durchschnittlichen Glücks-Level hat, der ihm bereits mit in die Wiege gelegt wurde. Es gibt aber noch weitere Faktoren, die dafür verantwortlich sind, ob wir uns glücklich und zufrieden fühlen. Martin Se­ligman5 hat zusammen mit Christopher Peterson von der University of Michigan herausgefunden, dass Menschen besonders glücklich sind, wenn sie anderen etwas Gutes tun, Dankbarkeit zeigen oder zusammen über etwas scher­zen. Peterson sagte hierzu: „Wenn ich etwas für andere tue, habe ich auch selbst ein gutes Gefühl dabei. Wenn man etwas freiwillig für andere tut, geht es einmal nicht nur um die eigenen Interessen, und das wird belohnt. Auf irgendeine geheimnisvolle Weise gibt selbstloses Han­deln dem eigenen Leben mehr Bedeutung. Es scheint also, als wolle die Natur, dass Menschen sich umeinander küm­mern und dadurch glücklicher werden.“ ​ Die Frage ist nur: Was kann eine Gesellschaft tun, damit ihre Bürger glücklicher und zufriedener sind? Der Psychologe und Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kah­neman6 entwickelte die so genannte Tages-Rekonstrukti­onsmethode. Bei dieser Methode müssen Probanden, die sich aus einem repräsentativen Querschnitt von Menschen aus fast allen Ländern der Erde zusammensetzen, über alle ihre Tätigkeiten des Tages ein Tagebuch führen und darin festhalten, wie sie sich dabei fühlen. Die Ergebnisse werden dann in eine Skala von 1 bis 10 übertragen. Eins bedeutet dabei „extrem unzufrieden“ und zehn bedeutet „extrem zu­frieden“. Die Auswertung dieser so genannten „World Database of Happiness“7 brachte erstaunliche Ergebnisse hervor. Auf der Skala von 1 bis 10 war die Lebenszufriedenheit der Schweizer im letzten Jahrzehnt am höchsten und betrug 8,1. Fast genauso glücklich sind die Dänen, sie erreichten einen Wert von 8,0. Die geringste Lebenszufriedenheit ha­ben die Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten wie z.B. Russland oder die Ukraine. Sie erreichten lediglich 4,2 bzw. 3,7 Punkte auf der Skala. Aber was macht nun die Schweizer so glücklich und zufrie­den? Für die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen eines Landes sind sechs Punkte entscheidend: ​ das Vertrauen der Menschen untereinander der Anteil von Menschen, die sich in gemeinnützigen und anderen Organisationen organisieren die Scheidungsrate die Arbeitslosenquote die empfundene Qualität der Regierung und der Gesundheitsstatus. Bei all diesen Kriterien können die Schweizer kräftig punk­ten. Was aber ist mit dem Einkommen, und welche Rolle spielt es bei der Zufriedenheit der Menschen? Auch hierauf geben die Wissenschaftler eine Antwort. Geld macht nur bis zu einer bestimmten Summe glücklich. Die Menschen in wohlhabenden Gesellschaften sind zwar glücklicher als Menschen in armen Gesellschaften - doch einmal ange­kommen in der Mittelschicht, steigert jeder weitere Euro das persönliche Glücksgefühl kaum noch. In diesem Zusammenhang gibt es noch einen weiteren Faktor, der den Glückwert mindert – die Gewöhnung. Von den positiven Glücksgefühlen einer Einkommenssteigerung ist nach kurzer Zeit nicht mehr viel übrig. Wollte man über das Einkommen eine permanente Zufriedenheit erreichen, müsste es auch permanent steigen. Steigt es nicht, empfin­den die Menschen dies meist als Rückschritt. Das Streben nach mehr Einkommen, das uns aber nicht zufriedener macht, hat in unserer Gesellschaft nahezu Suchtcharakter. ​ Völlig anders ist es bei Glücksgefühlen, die wir aus der Ge­meinschaft mit anderen Menschen ziehen. Familie, Freunde und sogar die Qualität unserer Arbeit erzeugen in uns Glücksgefühle, die nicht dem Mechanismus der Gewöhnung unterliegen. Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer schreibt in seinem Buch „Braintertainment“ dazu: „Glück rührt von unseren Erfahrungen her, vor allem von Erfahrun­gen mit anderen Menschen.“ Den größten Einfluss auf unser Glück haben die Familien­verhältnisse. Verheiratete Menschen sind im Schnitt glückli­cher als unverheiratete Menschen. Paare, die in der Gegend wohnen bleiben, in der sie aufge­wachsen sind, lassen sich weniger häufig scheiden als mo­bile Paare. Sie haben ein stabileres Netzwerk von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern und können so Krisen besser überstehen. Ein weiterer wichtiger Faktor für Glück und Zufriedenheit ist eine befriedigende und sichere berufliche Tätigkeit. Verliert man seine Arbeit, wird dies von den meisten Menschen als besonders schlimmes Unglück empfunden. Nicht nur das Geld wird weniger, auch das Selbstwertgefühl wird zerstört, und die sozialen Beziehungen gehen verloren. ​ Hieraus können wir folgendes Fazit ziehen: Das Streben nach möglichst viel Geld und Statussymbolen macht uns nicht glücklich und zufrieden. Die wichtigsten und tragenden Säulen unseres Glücks und unserer Zufriedenheit sind vor allem zwischenmenschliche Beziehungen und Aufgaben, in denen wir einen Sinn sehen und Genugtuung erfahren. Wenn das alles so ist, dann stellt sich die Frage: Warum nimmt das Thema Geld in unserer Gesellschaft dennoch eine so starke Position ein? ​ 4. Geld wirkt auf unser Gehirn wie eine Droge ​ Was geschieht eigentlich in den Gehirnen der Menschen, wenn sie Geld bekommen oder Geld ausgeben? Für die Antworten auf diese Frage interessieren sich nicht nur Öko­nomen, sondern auch Psychologen und Neurologen. Fest steht auf jeden Fall: Die Vorstellung vom Homo oeco­nomicus, der seine Entscheidungen nach Kosten und Nut­zen rational abwägt, ist überholt. Kommt erst einmal der schnöde Mammon ins Spiel, ist es vorbei mit Vernunft und Logik. Die für das rationale Denken zuständigen Areale wie z.B. der präfrontale Cortex treten in den Hintergrund, und Areale, die für unsere Emotionen und unsere Triebsteuerung zuständig sind, übernehmen das Ruder. ​ Einer der namhaftesten Wissenschaftler, der sich mit dem Gebiet der Neuroökonomie beschäftigt, ist Peter Brossaerts8 von der Polytechnischen Universität Lusanne. Er sagt: „Um die Börse zu durchforsten, benutzen Menschen dieselbe neuronale Maschinerie, die sie früher benutzt haben, um in der Steppe nach Nahrung zu suchen.“ Konkret bedeutet dies folgendes: Die Aussicht darauf, bei der Jagd Beute machen zu können, aktiviert in unserem Gehirn den Nucleus accumbens, ein wichtiges Areal unse­res Belohnungssystems. Dies führt zu einer verstärkten Konzentration des Botenstoffs Dopamin, der in uns das Gefühl der Vorfreude auslöst und uns motiviert, auf die Jagd zu gehen. ​ Wenn es ums Geld geht, sind die Mechanismen sehr ähnlich. Es ist vor allem die Aussicht auf einen monetären Gewinn, die das Belohnungszentrum anregt. Je höher die Summe, die auf dem Spiel steht, umso aktiver sind dort die Nerven­zellen. Offenbar ist die Gier aufs Geld stärker in unserem Gehirn einprogrammiert als das Geld selbst. Und je mehr es zu holen gibt, desto größer ist bei vielen Menschen die Gier. Hat man dann mit dieser Strategie Erfolg, entsteht ein Ge­fühl des Glücks und der Zufriedenheit. Diese Gefühle sind angenehme Gefühle und lösen dadurch ein Bedürfnis nach Wiederholung aus. Das Spiel beginnt von vorne. Die Gier nach Geld ist also durchaus vergleichbar mit der Wirkung von Drogen. Nur so lässt sich erklären, warum Goldsucher Kopf und Kragen riskieren, um an das ersehnte Edelmetall zu kommen, Aktienanleger und Börsenspeku­lanten unkalkulierbare Risiken eingehen oder die Hausfrau sich gierig auf den Wühltisch stürzt, um die günstigsten Teile zu ergattern. Alles ist letztendlich ein Spiel der Gefühle. ​ Die Sozialpsychologin Jennifer Lerner9 von der Harvard Uni­versität sagt: „Menschen verhalten sich in Geld-Dingen irrational.“ Dass dies zutrifft, konnte sie mit einem einfachen, aber sehr beeindruckenden Versuch belegen. In ihrem Experiment ließ sie einen Teil ihrer Probanden einen traurigen Film anschauen. Der andere Teil der Pro­banden bekam keinen Film zu sehen. Im Anschluss sollten alle Probanden einen Preis nennen, den sie bereit waren, für eine Flasche Wasser zu zahlen. Die Probanden, die zuvor den Film sahen, waren teilweise bereit, das Vierfache dessen zu zahlen, wie die Probanden, die den Film nicht gesehen hatten. Ähnliche Effekte erleben wir auch im alltäglichen Leben. Wenn die Immobilienpreise steigen, nehmen Menschen vermehrt Kredite auf und kaufen Häuser oder Wohnungen. Steigen die Automobilpreise, kaufen viele noch schnell ein neues Auto. Man könnte ja eine Chance verpassen, wenn die Preise weiter steigen. Das gute Gefühl, eine Chance genutzt zu haben, überlagert dann oft die Tatsache, dass man sich das neue Auto oder die Raten für die Hypo­thek gar nicht leisten kann. Das Streben nach Glück und Zufriedenheit durch materielle Ziele und die damit verbundenen biochemischen Prozesse im Gehirn führen daher nicht selten dazu, dass sich Men­schen ins Unglück stürzen. Um es einmal ganz salopp zu formulieren: Habgier und Ungeduld sind seit Pest und Cholera einige der größten Be­drohungen für den Menschen. ​ Auf die Frage: „Wie funktioniert das Gehirn von Menschen, die viel Zeit darauf verwenden, ihr Vermögen zu vermehren – etwa an der Börse?“, sagte der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther: „…Sie haben etwas gefunden, das ihnen bedeutsam ist, was ich grundsätzlich positiv sehe. Denn was wir bedeutsam finden, aktiviert die emotionalen Zentren im Gehirn. Gelingt es, dieses bedeutsame Gut zu bekommen — für Anleger sind es maximale Renditen —, werden Bo­tenstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die Glücksgefühle erzeu­gen. Gleichzeitig werden dabei aber auch all jene Nerven­netzwerke gefestigt und verstärkt, die Anleger für die Geld­vermehrung aktivieren. Aus diesen Nervenwegen im Hirn können aber leicht Autobahnen werden, von denen ein Bör­sianer dann kaum noch herunterkommt. Wenn das Denken nur noch von dem Bedürfnis nach Geldvermehrung be­stimmt wird, ist man ein Abhängiger. Geld ist — wie Macht oder Drogen — häufig eine Ersatzbefriedigung für ungestillte Bedürfnisse. Für Bedürfnisse nach Verbundenheit und in­takten sozialen Beziehungen einerseits und nach persönli­cher Entfaltung, Autonomie und Freiheit andererseits. Diese Grundbedürfnisse sind in jedem Menschen angelegt.“ ​ ​ 5. Die Angst vor Verlusten Die Gier nach Geld und anderen materiellen Zielen lässt sich aber auch noch durch ein anderes Phänomen begrün­den – nämlich durch die Angst vor Verlust. Der Wirtschaftswissenschaftler Terrance Odean10 von der University of California in Berkeley konnte belegen, dass viele Menschen das Vermeiden von Verlust oft mehr moti­viert als die Aussicht auf mögliche Gewinne. Hierzu studierte er die Handelsaufzeichnungen eines großen Brokerhauses von 1987 bis 1993 und kam zu dem überraschenden Ergeb­nis, dass private Anleger gewinnbringende Wertpapiere eher bereit sind zu verkaufen als Wertpapiere mit Verlustaus­sichten. Dieses zunächst irrational wirkende Verhalten lässt sich heute mit modernen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen erklären. Ein Wissenschaftler, der sich sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich finanzielle Verluste im Gehirn auswirken, ist Christian Elger11 vom Universitätsklinikum in Bonn. Er sagt dazu folgendes: „Der Verlust von Geld oder von wertvollen Gegenständen aktiviert die sogenannte Insel­region. Das ist äußerst unangenehm. Diese Struktur wird auch dann aktiviert, wenn wir Schmerz wahrnehmen. Das versucht man natürlich zu vermeiden.“ ​ Aber das ist noch nicht alles. Der Hirnforscher Benedetto De Martino12 vom University College of London konnte belegen, dass auch die Amygdala, also unser emotionales Bewer­tungssystem, eine wichtige Funktion hierbei hat. Er stellte fest, dass Patienten mit einer Amygdala-Läsion keine oder nur sehr geringe Verlustängste zeigten. Die Aufgabe der Amygdala, eine drohende Gefahr einzu­schätzen und dadurch in uns das Gefühl der Angst auszulö­sen, ist sicherlich sehr nützlich, wenn wir ein Raubtier erbli­cken. Wenn es aber darum geht, finanzielle Gefahren zu bewerten, kann Angst durchaus auch schon mal kontraproduktiv sein und zu Fehlentscheidungen führen. In einer solchen Situation ist es ratsam abzuwarten, bis sich die Amygdala wieder „beruhigt“ hat und wir den Verstand wieder nutzen und einsetzen können. Wie leicht uns diese Zusammenhänge zu Fehleinschätzun­gen verleiten können, zeigt auch die Tatsache, dass viele Menschen mehr Angst vor einem Terroranschlag haben als vor einem Autounfall. Ängste vor relativ unwahrscheinlichen Ereignissen zählen zu den häufigsten Ursachen, die uns unserer Zufriedenheit und unseres Glücks berauben. ​ ​ 6. Sind Glück und Zufriedenheit eine Frage der Umstände? Ein ganz anderer Aspekt, warum viele Menschen keine Zufriedenheit oder kein Glück finden, ist, dass sie die Um­stände für ihre Unzufriedenheit oder ihr persönliches Un­glück verantwortlich machen. Das Gefühl der Zufriedenheit ist in erster Linie ein Gefühl der subjektiven Betrachtung. Das bedeutet, dass es auf den Blickwinkel ankommt, ob wir uns zufrieden oder unzufrieden fühlen. Ein unbekannter Autor sagte einmal: „Zwei Gefangene sa­hen durch das Gitter in die Ferne, der eine sah nur Schmutz, der andere die Sterne“. Dieses Zitat zeigt, dass es durchaus möglich sein kann, dass sich zwei Menschen in der gleichen Situation befinden, der eine aber dabei zufrieden und der andere unzufrieden ist. Bei vielen Menschen nimmt der Grad der Unzufrieden­heit dann auch noch zu, wenn sie feststellen, dass sie an den vermeintlich schlechten Umständen nichts ändern kön­nen. Wenn das tatsächlich so ist, dann hilft nur eins: Kann ich die Umstände nicht ändern, dann muss ich meine Ein­stellung ändern! Leichter gesagt als getan, werden Sie jetzt bestimmt den­ken. Ja, das stimmt. Aber auch hier können uns interessante Erkenntnisse der Gehirnforschung helfen, leichter damit umzugehen. ​ Auf unser Gehirn wirken täglich unendlich viele Sinnesein­drücke ein, wodurch wir uns ein Bild der Wirklichkeit schaf­fen. Diese Wirklichkeit ist aber immer eine subjektive Wirk­lichkeit, weil unser Gehirn immer nur einen kleinen Teil der Sinneseindrücke, die auf uns wirken, verarbeitet. Erschwerend kommt hinzu, dass dieser kleine Teil, den unser Gehirn verarbeitet, nicht zufällig ist. Was wir wahrneh­men, wird sehr stark von unserer Überzeugung, unseren bisherigen Erfahrungen, Einstellungen und Interessen be­einflusst. Darüber hinaus werden Reize, die starke Gefühle auslösen, schneller und intensiver verarbeitet als Informatio­nen, an denen man nicht emotional beteiligt ist. Wer diesen Mechanismus ändern will, muss sein Gehirn überlisten, wenn er seine Einstellung ändern will. Aber wie soll das gehen? Nun, machen Sie sich einmal einzelne Situationen, mit denen Sie unzufrieden sind, aktiv bewusst. Wenn Sie z.B. mit Ihrem Chef unzufrieden sind, denken Sie einmal bewusst darüber nach, was genau die Gründe dafür sind. Ober denken Sie einmal darüber nach, warum ihr Chef so ist, wie er ist. Vielleicht finden Sie dann Gründe, die für Ihren Vorgesetzten sprechen und die Sie akzeptieren können. Oder wenn Sie z.B. im Supermarkt mit vollem Einkaufswa­gen in einer langen Warteschlange stehen und es nicht vorwärts geht, dann denken Sie einmal darüber nach, wie viele Menschen es auf der Erde gibt, die nichts zu essen haben und wie glücklich und zufrieden diese Menschen wären, wenn sie in einer solchen Warteschlange stehen dürften. ​ Was mit diesen Beispielen gemeint ist, ist zu erkennen, dass man sich nicht von seinen spontanen Gefühlen verführen lassen sollte. Betrachten Sie die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln. Schaffen Sie dadurch neue Sinneseindrücke und entwickeln Sie andere Bilder der Wirklichkeit. Mark Aurel sagte einmal: „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.“ ​ ​ 7. Die sieben Weltwunder ​ Für Zufriedenheit und Glück gibt es viele Ursachen und Voraussetzungen. Einige davon haben wir uns heute ge­meinsam angeschaut, und ich hoffe, dass Sie für Ihre persönliche Zufriedenheit ein paar interessante Aspekte finden konnten. Was das, was wir uns heute angeschaut haben, auf den Punkt bringt, ist folgende Geschichte, die ich vor ein paar Tagen im Internet entdeckt habe: Die Kinder einer Schulklasse wurden gebeten, in ihr Schul­heft zu schreiben, was für sie die sieben Weltwunder sind. Als die Lehrerin am Nachmittag zuhause die Schulhefte durchsah, fand sie überall Antworten wie diese: Die Pyramiden von Gizeh, das Taj Mahal, der Grand Ca­nyon, der Panamakanal, das Empire State Building, der St. Peters Dom im Vatikan oder die Chinesische Mauer. Als sie jedoch das letzte Heft aufschlug, fand Sie folgende Antworten: Meine Eltern Meine Geschwister Meine Freunde Die Fähigkeit zu lieben Die Fähigkeit zu lachen Die Fähigkeit zu fühlen und Das Leben Diese alltäglichen Dinge, die wir als selbstverständlich be­trachten und oft gar nicht realisieren, sind wirklich wunder­bar. Die kostbarsten Sachen im Leben sind jene, die wir nicht kaufen können. Vielleicht drucken Sie sich diese Geschichte aus und ste­cken sie in Ihre Brief- oder Handtasche. Und wenn Sie wie­der einmal unzufrieden mit sich oder der Welt sind, dann lesen Sie einfach diese Geschichte.

  • Die subjektive Wahrnehmung macht uns einzigartig

    Die Anatomie unseres Gehirns bestimmt, wie wir uns selbst und unsere Umwelt sehen. Inhaltsverzeichnis 1. Was ist Wahrnehmung? 2. Wie entsteht Wahrnehmung? 3. Was sind Wahrnehmungsstörungen? 4. Formen der Wahrnehmung 5. Die Grenzen der bewussten Wahrnehmung 6. Die unbewusste Wahrnehmung 7. Wer suchet, der findet 8. Unser Gehirn ist sehr empfindlich 9. Wahrnehmung ist viel mehr, als wir wahrnehmen Die subjektive Wahrnehmung macht uns einzigartig Die Anatomie unseres Gehirns bestimmt, wie wir uns selbst und unsere Umwelt sehen. ​ ​ 1. Was ist Wahrnehmung? Wenn wir über Wahrnehmung sprechen, dann ist dies aus wissenschaftlicher Sicht zunächst einmal nichts anderes als das Ergebnis unserer Sinneseindrücke aus der Umwelt und unserem Körperinneren. Ob diese Definition noch immer zutrifft oder ob wir den Begriff der Wahrnehmung neu defi­nieren müssen, werden wir heute erfahren. Wie wir etwas wahrnehmen, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Der Grund dafür ist, dass wir die Sinnesein­drücke aus der Umwelt oder unserem Körperinneren bewusst oder unbewusst filtern und dann zu einem subjektiven Ge­samteindruck zusammenführen. Was wir bzw. unser Gehirn herausfiltert, hängt u.a. davon ab, was bereits an Erfahrun­gen oder Erlebnissen abgespei­chert ist. Auch unsere innere Einstellung und äußere Bedin­gungen spielen hierbei eine große Rolle bis hin zu unseren persönlichen Werten und Normen. ​ Dieser Filtervorgang kann aber auch durch die gezielte Steuerung unserer Aufmerksamkeit oder durch Wahrneh­mungsstrategien beeinflusst oder verändert werden. Die Welt, wie wir sie sehen, ist also immer nur ein Teil der Wirklichkeit, und jeder Mensch sieht andere Teile der Wirk­lichkeit. Diese Tatsache macht jeden Menschen zu einem einmaligen und unverwechselbaren Individuum. ​ ​ 2. Wie entsteht Wahrnehmung? Wahrnehmung ist sehr subjektiv. Dennoch: der Prozess der Wahrnehmung verläuft nach einem fest vorgegebenen Schema. Am Anfang dieses Prozesses steht ein Reiz. Dieser Reiz wird von dem dafür zuständigen Sinnesorgan aufgenommen und über die Nervenbahnen an unser Gehirn weitergeleitet. Im Gehirn angekommen, erfolgt zunächst einmal eine Glo­balauswertung. Es entsteht ein Gesamteindruck. Wir sehen z.B. einen Wald, aber noch keinen einzelnen konkreten Baum. Im nächsten Schritt der Wahrnehmung werden dann auch Details realisiert, die der Globalauswertung verborgen geblieben sind. Wir schauen z.B. genauer hin und entde­cken Feinheiten und Einzelheiten. Im letzten Schritt der Wahrnehmung beginnt die eigentliche Informationsverarbeitung. Die Informationen werden mit Erinnerungen und Erfahrungen verglichen, sie werden be­wertet und beurteilt, und es werden Zusammenhänge herge­stellt. Auch werden scheinbar wichtige von unwichtigen Details getrennt und der Wahrnehmung hinzugefügt oder entzogen. Am Ende steht dann ein Wahrnehmungsergebnis, das eine bestimmte Reaktion z.B. in Form eines Gefühls oder einer Handlung auslöst. Um diesen Prozess noch etwas verständlicher zu machen, schauen wir uns hierzu folgendes Beispiel an: Jemand betritt einen Raum und sieht einen Kamin, in dem ein Feuer brennt. Dieses Kaminfeuer übermittelt Strahlung, Schall und chemische Stoffe. Er sieht die Flammen lodern, spürt die Wärme, hört, wie das Holz knistert, und nimmt den Geruch des verbrennenden Holzes wahr. Der Gesamtein­druck für das Kaminfeuer ist geschaffen. Danach beobachtet er aufmerksam das Lodern einer einzel­nen Flamme, konzentriert sich auf die knisternden Geräu­sche, die durch das Holz entstehen, und realisiert dadurch unterschiedlichste Details. Nun beginnt er die Eindrücke mit seinen Erfahrungen ab­zugleichen, er bewertet die Temperatur des Feuers und blendet weitere Details ein oder aus. Er verknüpft seine Wahrnehmung mit Erinnerungen, z.B. mit „Januar 1998“ und „Lisa“ und denkt an diese Zeit zurück. Das alles wird im Gesamtergebnis als sehr angenehm be­wertet, und seine Reaktion ist, dass er sich vor den Kamin setzt und sich an dem Spiel des Feuers erfreut. Dieser hier beispielhaft beschriebene Ablauf ist eine von unendlich vielen Varianten, die möglich sind. Wahrnehmung ist eben sehr individuell und subjektiv. ​ ​ 3. Was sind Wahrnehmungsstörungen? Neben der Tatsache, dass Wahrnehmungsergebnisse sehr individuell und subjektiv sind, gibt es noch einen anderen Aspekt. Dieser Aspekt ist die Wahrnehmungsstörung. Was aber verstehen wir unter Wahrnehmungsstörungen? Zu Wahrnehmungsstörungen kommt es, wenn bei der Reiz­aufnahme, der Reizweiterleitung oder der Reizverarbeitung Fehler auftreten, die z.B. durch biologische oder soziale Faktoren verursacht werden. Das Ergebnis ist dann, dass bei dem Betroffenen eine an­gemessene Reaktion ausbleibt – er verhält sich nicht er­wartungsgemäß. Umgangssprach­lich beschreiben wir das dann oft mit: Er hat sich unange­messen verhalten! Die meisten Wahrnehmungsstörungen zeichnen sich aber nicht nur durch das konkrete unangemessene Verhalten aus, son­dern werden oft begleitet von allgemein schlechter Konzentrationsfä­higkeit, Aufmerksamkeitsproblemen oder einer Hyperaktivi­tät. ​ Nicht zu verwechseln sind Wahrnehmungsstörungen mit Wahrnehmungsveränderungen. Wahrnehmungsverände­rungen entstehen z.B. durch Drogen oder Alkohol. Auch können Meditation oder autogenes Trai­ning unsere Wahr­nehmung verändern. Eine besonders intensive Form der Wahrnehmungsveränderung erfahren sehr häufig blinde Menschen, bei denen sich durch den Wegfall der Sehfähig­keit die Hörfähigkeit enorm steigert. Wahrnehmung ist also ein sehr komplexes Thema. Sie ist individuell und subjektiv. Sie spiegelt immer nur einen Teil der Wirklichkeit wider, aber nie die ganze. Und: Wahrneh­mungen können gestört sein oder verändert werden. ​ ​ 4. Formen der Wahrnehmung Wahrnehmung ist das Ergebnis unserer Sinneseindrücke aus der Umwelt und unserem Körperinneren. So definiert es die Wissenschaft in Kurzform. Aber welche Formen der Wahrnehmung gibt es genau? Das wollen wir uns im Fol­genden einmal näher anschauen. Als erstes ist hierbei die visuelle Wahrnehmung zu nen­nen. Durch Reize, die über unsere Augen aufgenommen werden, können wir Farben, Helligkeit, Kontraste, Formen, Größen und auch Räumlichkeiten erkennen. An zweiter Stelle steht die auditive Wahrnehmung. Sie wird auch oft als akustische Wahrnehmung bezeichnet und ent­steht über die Reizaufnahme in unseren Ohren. Wir er­ken­nen Geräusche, Töne, Wörter, Laute, Klänge und Rhyth­men. Aber auch das Einschätzen von Entfernungen läuft teilweise über unsere auditive Wahrnehmung. Als nächstes ist die gustatorische Wahrnehmung zu nen­nen. Gemeint ist hiermit unser Geschmackssinn. Über die Ge­schmacksknospen unserer Zunge werden Reize verar­beit, die uns Differenzierungen in süß, sauer, bitter, salzig oder herzhaft ermöglichen. Neben dem Geschmack spielt bei der Wahrnehmung auch der Geruch eine wichtige Rolle. Wir sprechen hier von der olfaktorischen Wahrnehmung. Über unsere Nase werden hierbei Reize verarbeitet, die uns unterschiedlichste Duft­noten erkennen lassen. Das größte Organ des Menschen ist die Haut. Über die Haut realisieren wir Berührungen, Härtegrade, Temperatur und Druck. Diese Form der Wahrnehmung bezeichnet man als taktile Wahrnehmung. ​ Eine besonders interessante Form der Wahrnehmung ist die kinästhetische Wahrnehmung. Hierbei geht es um die Reiz­aufnahme über Muskeln, Sehnen und Gelenke. In seiner Wirkung gerne unterschätzt ist die vestibuläre Wahrnehmung. Sie hat ihren Ursprung im Ohr, zählt aber nicht zu der auditiven Wahrnehmung. Vielmehr handelt es sich bei dieser Form der Wahrnehmung um unseren Gleich­gewichtssinn, wodurch Lageänderungen und Bewegungs­koordinaten ermittelt werden. Als letzte Form der Wahrnehmung gibt es dann noch die trigeminale Wahrnehmung. Hierunter versteht man die Reiz­verarbeitung über den Gesichtsnerv, den sogenannten Ner­vus trigeminus. Dieser Nerv vermittelt Hautempfindun­gen der Gesichtsregion und ist auch an der Duftwahrneh­mung beteiligt. Seine genaue Funktion ist noch nicht er­forscht, aber es wird angenommen, dass er Eigenschaften wie bren­nend, scharf, prickelnd, beißend, stechend oder kühlend wahrnimmt. ​ ​ 5. Die Grenzen der bewussten Wahrnehmung Obwohl wir Menschen mit einer Vielzahl von Sinnen aus­gestattet sind und unser Gehirn über fantastische Fähigkei­ten verfügt, passiert es dennoch sehr häufig, dass wir Situa­tionen oder Ereignisse nicht oder falsch wahrnehmen. Eine Ursache hierfür ist unsere Konzentrationsfähigkeit. Unser Gehirn kann nur eine begrenzte Anzahl von Informa­tionen verarbeiten. Es muss daher im Vorfeld anscheinend Wichtiges von anscheinend Unwichtigem trennen und sich auf die vermeintlich wichtigen Faktoren konzentrieren. Diese Fähigkeit ist zwar einerseits sehr hilfreich, andererseits führt sie häufig zu einem Tunnelblick. ​ Professor Daniel Simons1 von der Universität in Illinois entwi­ckelte hierzu ein interessantes Experiment. Einer sei­ner Studenten sprach auf der Strasse Passanten an und fragte sie nach dem Weg. Während der Passant nun inten­siv mit der Wegbeschreibung beschäftigt war, trugen zwei weitere Stundenten eine Tür zwischen dem Passanten und dem Stunden hindurch. In dieser kurzen Zeit wurde dann der Student, der nach dem Weg fragte, gegen einen anderen ausgetauscht. Die Hälfte aller Passanten, mit denen man dieses Experi­ment durchführte, bemerkte den Austausch der Studenten nicht und erklärte weiterhin den Weg. Und das, obwohl sich die Studenten sowohl in ihrem Aussehen als auch durch ihre Stimme stark unterschieden. Sogar die Tatsache, dass der erste Student eine rote Jacke und der zweite eine grüne trug, führte nicht dazu, dass die Passanten den Austausch wahr­nahmen. ​ Auch unsere Aufmerksamkeit spielt uns manchmal einen Streich. Zeigt man Personen auf einem Blatt Papier oder auf einem Bildschirm das Wort „Rot“, welches aber in grün ge­schrieben ist, und fragt sie dann danach, in welcher Farbe das Wort geschrieben sei, geben die meisten als Antwort rot an. Dies geschieht umso häufiger, je weniger Zeit man den Personen für eine Antwort gibt. Ein anderes Phänomen, das unsere Wahrnehmung beein­flusst, ist unsere Erwartungshaltung. Zachary Estes2, der an der Universität in Warwick forscht, fand heraus, dass allein das Wort „Vogel“ schon ausreicht, dass Menschen automa­tisch nach oben schauen. Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und unsere Er­wartungshaltung sind also für das, was wir bewusst wahr­nehmen, sehr wesentliche Faktoren. ​ ​ 6. Die unbewusste Wahrnehmung Besonders spannend wird es, wenn wir in dem bewussten Wahrnehmungsprozess unbewusste Elemente hinzufügen. Der schwedische Psychologe Arne Öhmann3 vom Karo­linska-Institut in Stockholm machte hierzu einen besonders spektakulären Versuch: Er bildete zwei Gruppen von Männern und zeigte ihnen auf einem Bildschirm Bilder von hübschen Frauen. Anschlie­ßend sollten die Männer eine Bewertung darüber ab­geben, wie attraktiv sie die Frauen fanden. Das Ergebnis war erstaun­lich: Die Männer aus der ersten Gruppe fanden die Frauen durchweg weniger attraktiv als die Männer aus der zweiten Gruppe. Aber was war der Grund? Der Grund lag darin, dass die Männer in der ersten Gruppe für wenige Millise­kunden Bilder von Insekten, Spinnen und Schlangen einge­blendet bekamen, bevor sie die Bilder der Frauen zu sehen bekamen. ​ Unbewusste Wahrnehmung funktioniert aber auch ohne Manipulation. Der Grund ist, dass unser Gehirn unbewusste Vorhersagen trifft. Wenn wir z.B. auf dem Tisch ein Glas Rotwein sehen, berechnet unser Gehirn unbewusst den zu erwartenden Geschmack. Es kann auch passieren, dass unser Gehirn Geräusche verarbeitet, obwohl es gar nichts zu hören gibt. In dem Fachblatt „Nature Neuroscience“ hat der wohl bekannteste Emotionsforscher Antonio Damasio4 eine hoch interessante Studie veröffentlicht. In dieser Studie zeigt er, dass der Teil unseres Gehirns, der für die Verarbeitung von Geräuschen zuständig ist, auch dann aktiv ist, wenn es gar nichts zu hören gibt. Um dies zu belegen, machte Damasio folgendes: Er zeigte acht Testpersonen kurze Stummfilme, in denen z.B. ein krähender Hahn, einen bellenden Hund oder eine zerbre­chende Vase zu sehen waren. Parallel dazu zeichnete er die Aktivitäten im Hörzentrum der Probanden auf. Das überra­schende Ergebnis war: Das Hörzentrum war bei allen Test­personen aktiv, obwohl kein einziges Geräusch zu hören war. Die Muster der verschiedenen Geräusche waren sogar so unterschiedlich und eindeutig, dass die Wissenschaftler allein an Hand der Hirnsignale sehen konnten, ob die Test­person ein Tier, ein Instrument oder eine zerbrechende Vase wahrgenommen hatte. Unser Gehirn braucht also ein schlüssiges Bild der Welt und wie sie funktioniert. Fehlt etwas, wird es ergänzt. Passt etwas nicht, wird es passend gemacht. Geht beides nicht, dann wird es ignoriert. ​ John Dylan-Haynes5 vom Bernstein Center for Computatio­nal Neurosciences in Berlin erklärt dies mit einem einfachen Beispiel: „Wenn jemand ganz kurz das Licht ausschaltet, dann merken wir das natürlich. Aber wenn wir blinzeln, dann merken wir nicht, dass die Wahrnehmung kurz ausgeschal­tet ist. Weil das Gehirn selbst den Befehl zum Blinzeln gibt, kann es auch den kurzen Ausfall des Blickfeldes vorhersa­gen – und ignorieren. Das Bewusstsein wird einfach umgan­gen.“ Und weiter sagt Haynes: „Ähnliches gilt für jede Augenbe­wegung. Schließen Sie einmal ein Auge und bewegen Sie dann Ihren anderen Augapfel mit einem Finger hoch und runter. Es sieht aus, als würde die Welt sich auf und ab bewegen. Jetzt schauen Sie einmal nach oben und wieder nach unten. Obwohl auf der Netzhaut dasselbe geschieht, fühlt es sich im zweiten Fall nicht so an, als würde sich die Welt bewegen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Das Gehirn schickt nicht nur den Befehl, sich zu bewegen, an die Augen, es schickt auch eine Kopie an die Wahrnehmungs­zentren. Das Gehirn weiß also, dass es eine Bewegung zu erwarten hat, und unterdrückt die Wahrnehmung dieser Be­wegung. Das tut es bei jeder Bewegung, bei jedem Schritt, bei jedem Handgriff. Deshalb ist es auch nicht möglich, sich selbst zu kitzeln. Das Gehirn ist sich selbst immer einen Schritt voraus.“ ​ Dass unser Gehirn tatsächlich immer einen Schritt voraus ist, zeigt auch eine Studie, die vom Max-Planck-Institut in Frankfurt veröffentlicht wurde. In dieser Studie6 konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass unser Gehirn vor allem dann besonders aktiv ist, wenn es einen Sehreiz nicht vor­hersehen kann. Hierzu zeigten die Wissenschaftler den Probanden auf ei­nem Bildschirm einen Balken, der sich bewegte. Interessant war hierbei folgendes Ergebnis: Immer dann, wenn sich der Balken nicht in die zu erwartende Richtung bewegte, waren besonders starke Signale in dem Bereich des Gehirns zu verzeichnen, in dem die visuellen Reize verarbeitet werden. ​ Der Direktor des Max-Planck-Instituts in Frankfurt, Wolf Singer sagte dazu: „Wir schließen daraus, dass das Gehirn nicht einfach nur auf Signale aus den Sinnenorganen wartet. Stattdessen versucht es aktiv, mögliche Sinneseindrücke vorherzusagen. Treffen die Vorhersagen zu, kann das Ge­hirn die tatsächlich eintreffenden Informationen besonders effektiv verarbeiten.“ Unser Gehirn macht aber nicht nur permanent Vorhersagen über Ereignisse in der Außenwelt, sondern auch über den eigenen Körper. Patienten, die an Schizophrenie erkrankt sind, leiden häufig unter dem so genannten „Beeinflussungswahn“. Diese Men­schen haben das Gefühl, dass sie keinen Einfluss auf ihre Gliedmaßen haben und ihre Bewegungen von fremden Mächten gesteuert werden. ​ Wissenschaftler sehen den Grund dafür darin, dass die Ankündigung des Bewegungsbefehls nicht im Gehirn der Betroffenen ankommt. Diese Menschen nehmen ihre Bewe­gungen so wahr, wie wenn bei einem gesunden Menschen ein anderer dessen Bewegungen durchführen würde. Für diese These spricht auch eine Entdeckung, die von dem Neuropsychologen Chris Frith7 vom University College in London gemacht wurde. Er fand heraus, dass schizophrene Menschen sich auch selbst kitzeln können. Versuchen Sie das mal bei sich selbst. Es wird nicht funktionieren. Unsere bisherige Vorstellung, dass Wahrnehmung lediglich das Ergebnis unserer Sinneseindrücke aus der Umwelt und unserem Körperinneren ist, muss überdacht werden. Was Wahrnehmung vielmehr zu sein scheint, beschreibt Chris Frith sehr anschaulich in seinem Buch „Wie unser Gehirn die Welt erschafft“ und bringt es auf eine einfache Formel: „Was wir wahrnehmen, ist ein Fantasiebild, das sich mit der Rea­lität deckt“. Was Wahrnehmung letztendlich auch immer ist, eins steht fest: Misstrauen gegenüber unserem Gehirn ist auf jeden Fall angebracht. ​ ​ 7. Wer suchet, der findet ​ Wie komplex die Mechanismen in unserem Gehirn bei den Prozessen der Wahrnehmung sind, zeigt sich besonders, wenn wir etwas suchen. Wenn wir z.B. in einer Menschen­menge nach unserem Partner Ausschau halten oder wenn wir zu Hause unseren Autoschlüssel verlegt haben und nach ihm suchen, dann läuft unser Gehirn zu Höchstleistungen auf. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf den zu findenden Gegenstand oder die zu findende Person. Was dabei in unserem Gehirn geschieht, war bisher weitgehend unbe­kannt. Um dieses Rätsel zu lüften, machten Tolga Cukur8 und sein Team von der University of California in Berkeley ein span­nendes Experiment. ​ Bekannt war den Wissenschaftlern bereits, dass es in unse­rem Gehirn ein sehr geordnetes Archivierungssystem gibt. So können wir z.B. sehr unterschiedlich aussehende Perso­nen als „Mensch“ identifizieren. Sehen wir einen Apfel oder eine Banane, werden diese von uns als „Obst“ erkannt. Das, was wir wahrnehmen, wird also in unserem Gehirn in Objekt­kategorien eingeteilt, und davon gibt es mehrere Tausend. Für jede einzelne Kategorie gibt es bestimmte Gruppen von Neuronen, die immer dann aktiv werden, wenn ein ihnen zugeordnetes Objekt in unser Blickfeld gerät. Was die Forscher herausfinden wollten, war folgendes: Was passiert, wenn wir ganz gezielt nach einem Gegenstand oder einer Person suchen, und wie verhalten sich dann die Neuronengruppen? ​ Um das herauszufinden, ließen die Wissenschaftler fünf Probanden jeweils eine Stunde lang Filme anschauen. Die Objekte, die in diesen Filmen zu sehen waren, gehörten insgesamt 935 verschiedenen Objektkategorien an, für die bestimmte Neuronengruppen zuständig waren. Während die Forscher die Hirnaktivitäten der Probanden aufzeichneten, sollten diese sich die Filme einfach nur pas­siv anschauen. In einem zweiten Durchgang sollten die Probanden beim Erscheinen bestimmter Objekte, wie z.B. Mensch oder Auto, eine Taste drücken. ​ Die Auswertung der Ergebnisse ergab, dass sich bei den verschiedenen Aufgabenstellungen rund 50.000 Messpunkte in den Gehirnen der Probanden veränderten. Bei der Suche nach einer bestimmten Objektkategorie ver­schob sich die gesamte Aufgabenstellung der Nervenzellen. Gruppen, die normalerweise für Objekte wie Gebäude, Werkzeuge oder Maschinen zuständig sind, wurden nun vorübergehend auf Autos angesetzt. Und Nervengruppen, die normalerweise für Tiere oder Pflanzen zuständig sind, reagierten nun auf Menschen. Cucur sagte dazu: „Die Er­gebnisse zeigen, dass unser Gehirn viel dynamischer ist als bisher gedacht.“ ​ ​ 8. Unser Gehirn ist sehr empfindlich So dynamisch und leistungsfähig unser Gehirn auf der einen Seite auch sein mag, so anfällig und zerbrechlich ist es auf der anderen Seite. Werden nur winzige Teile des Gehirns beschädigt oder zerstört, entsteht oft eine völlig neue Wahr­nehmung. Ein Beispiel hierfür ist das so genannte „Räumli­che Neglect“9, ein neurologisches Syndrom, das oft nach einem Schlagan­fall auftritt. Menschen, die bisher ein völlig normales Leben geführt ha­ben, verhalten sich plötzlich anders. Sie interessieren sich nur noch für eine Seite im Raum, rasieren oder schminken nur noch eine Seite ihres Gesichts oder essen nur noch einen Teil ihres Tellers auf. Der andere Teil eines Raums, ihres Gesichts oder des Tellers wird von ihnen nicht mehr wahr­genommen. Erstaunlich daran ist, dass die Betroffenen selbst nicht merken, dass ihnen ein Teil der Welt fehlt. ​ Ein anderes Beispiel ist ein Fall, der als wissenschaftliche Sensation gilt. Der Münchner Neurologe Josef Zihl10 berich­tete 1983 von einer 43-jährigen Frau, die nach einer Gefäß­verengung im Gehirn keine bewegten Objekte mehr wahr­nehmen konnte. Wenn sie sich eine Tasse Tee einschenkte, erschien ihr der Strahl aus der Kanne als fest gefrorene Masse. Auch konnte sie nicht einschätzen, wann die Tasse voll war, und goss immer weiter, bis die Tasse überlief. Sie war nicht mehr in der Lage, Objekte in Bewegung zu realisieren. Das Überqueren einer Strasse war für sie lebensgefährlich, da sie auch keine Bewegungsrichtungen oder Geschwindig­keitsunterschiede wahrnehmen konnte. Stillstehende Ob­jekte hingegen bereiteten ihr keinerlei Schwierigkeiten. Die­ser Fall ist weltweit einzigartig und wurde bisher kein zweites Mal diagnostiziert. Die Ursache dafür liegt darin, dass bei dieser Frau be­stimmte Hirnareale im Scheitellappen, die für das Bewe­gungs-Sehen zuständig sind, auf beiden Seiten völlig zerstört waren. ​ ​ 9. Wahrnehmung ist viel mehr, als wir wahrnehmen ​ Wie komplex das Thema Wahrnehmung ist, haben wir uns heute an Hand vieler Studien, Experimente und wissen­schaftlichen Erkenntnissen angeschaut. Dennoch gibt es viele weitere Aspekte, und wir dürfen gespannt darauf sein, was uns die Zukunft an neuen Erkenntnissen noch bringen wird. Vor allem der Aspekt der Erwartungshaltung ist für unsere Wahrnehmung ein entscheidender Faktor. Diesen Faktor sollten wir besonders im Auge behalten, denn er kann uns in vielen Bereichen unseres Lebens bei der Wahrnehmung behilflich sein. Was damit gemeint ist, soll uns folgende Geschichte be­wusst machen: Vor den Toren einer großen Stadt saß jeden Tag von früh bis spät ein alter Mann, und jeder, der in die Stadt hinein wollte, kam an ihm vorbei. Eines Tages kam ein Fremder und sprach den alten Mann an: „Alter Mann, ich bin neu in der Stadt. Sag mir, wie sind hier die Menschen?“ Der alte Mann fragte zurück: „Wie waren denn die Menschen in der Stadt, wo du herkommst?“ „Nun“, sagte der Fremde „die Menschen waren alle sehr freundlich, nett und hilfsbereit.“ Darauf sagte der alte Mann: „Genauso sind die Menschen hier auch.“ Ein paar Tage später kam ein anderer Fremder vor die Tore der Stadt. Auch er sprach den alten Mann an und fragte: „Alter Mann, ich bin neu in der Stadt. Sag mir, wie sind hier die Menschen?“ Der alte Mann fragte zurück: „Wie waren denn die Menschen in der Stadt, wo du herkommst?“ „Nun“, sagte der Fremde „die Menschen waren alle sehr unfreund­lich, kaum höflich und wenig hilfsbereit“ Darauf sagte der alte Mann: „Genauso sind die Menschen hier auch.“

  • Nehmen und Geben - wie stark ist unser Egoismus?

    Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Inhaltsverzeichnis 1. Wie viel Egoismus braucht der Mensch? 2. Ist der Mensch von Natur aus egoistisch? 3. Je kleiner die Kinder, desto größer der Egoismus 4. Hohes Einfühlungsvermögen mindert egoistisches Verhalten 5. Der Fall Phineas Gage 6. Das „Trolley-Problem“ 7. Das limbische System als Ursache für Egoismus 8. Hormone als Ursache für Egoismus 9. Gene als Ursache für Egoismus Nehmen und Geben - wie stark ist unser Egoismus? Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. ​ 1. Wie viel Egoismus braucht der Mensch? In vielen Situationen unseres Lebens treffen wir auf Men­schen, die sich aus unserer Sicht egoistisch verhalten. An der Supermarktkasse drängelt sich jemand vor, im Zug schiebt sich jemand durch die Menge zu einem freien Sitz­platz, oder auf dem Gehsteig geht jemand nicht zur Seite, so dass die Frau mit dem Kinderwagen ausweichen muss. Egoistische Menschen treffen wir immer und überall, und ihr gemeinsames Lebensmotto scheint zu sein: Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht. Aber: Ist es denn falsch, wenn man an sich selbst als erstes denkt? Die Antwort auf diese Frage lautet wie so oft: Es kommt drauf an. ​ Eine gewisse Portion Egoismus ist durchaus angebracht, denn der Sinn für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche ist eine wichtige Voraussetzung für unser seelisches Wohlbe­finden, und er ist Voraussetzung für ein soziales Miteinander. Erst dadurch werden Rücksichtnahme, Toleranz oder ge­genseitiges Verständnis überhaupt erst möglich. In be­stimmten Grenzen ist also Egoismus durchaus notwendig, damit wir die Bedürfnisse anderer Menschen in unser eige­nes Handeln einbeziehen können. Was aber ist, wenn diese Grenzen überschritten werden und das eigene Handeln zum Nachteil bei anderen führt oder sogar mit Erniedrigung und Abwertung verbunden ist? Dass ein solches Verhalten nicht geduldet werden kann, darüber dürften wir uns alle einig sein. Die Schwierigkeit besteht jedoch meistens darin, dass der Egoist sein überzogenes egoistisches Verhalten gar nicht bemerkt. Für ihn ist die Welt in Ordnung. Allenfalls räumt er ein, dass er es ja nicht per­sönlich oder böse gemeint habe. ​ Es stellt sich also die Frage: Was führt dazu, dass sich Men­schen überzogen egoistisch verhalten, was sind die Ursa­chen und was geschieht hierbei im Gehirn? Auf diese und ähnliche Fragen kann uns die Gehirnfor­schung inzwischen hochinteressante Antworten geben, und viele bisherige Annahmen müssen neu überdacht werden. ​ ​ 2. Ist der Mensch von Natur aus egoistisch? Die Evolutionsbiologie geht davon aus, dass Egoismus eine überlebensnotwendige Eigenschaft von Lebewesen ist. Notwendig deshalb, damit man sich gegen Konkurrenten behaupten kann, um sein eigenes Erbgut zu vermehren. Dies trifft nicht nur auf Menschen zu, sondern auch auf Tiere und Pflanzen. Löwen teilen z.B. nicht freiwillig ihre Beute, und ein Baum kümmert sich wenig darum, dass er mit seinen Ästen und Blättern anderen Pflanzen das Licht und somit deren Lebensgrundlage entzieht. Sogar unsere Organe verhalten sich egoistisch. Allen Orga­nen voran unser Gehirn. Mit rund 20% verbraucht unser Gehirn von allen Organen die meiste Energie. Und damit unser Gehirn immer gut versorgt ist, wendet es ein Verfah­ren an, das man als „Brain-Pull“ bezeichnet. Bei diesem Verfahren zwingt unser Gehirn den Körper, immer ausrei­chend Energie in Form von Glukose, also Traubenzucker zu liefern. ​ Was dabei genau geschieht, wollen wir uns einmal näher anschauen: Im ersten Schritt geben die Astrozyten, das sind die Versorgungszellen in unserem Gehirn, eine Art „Bestel­lung“ auf. Diese Bestellung führt dazu, dass Zellen des Hy­pothalamus Befehle an das sympathische Nervensystem senden, so dass Muskel- und Fettgewebe von der Glukose-Versorgung abgeschnitten werden. Das Gehirn bekommt alles. Bei Untersuchungen an Hungernden konnte man nachwei­sen, dass alle Körperorgane bei Auszehrung bis zu 40% ihres Gewichts verlieren. Das Gehirn hingegen verliert nicht an Gewicht und arbeitet auf Hochtouren weiter. Egoismus scheint also in der Tat eine evolutionsbedingte Veranlagung des Menschen zu sein. Andererseits zeigt uns die Geschichte der menschlichen Entwicklung, dass Men­schen immer in Horden gelebt haben und alleine gar nicht überlebensfähig gewesen werden. Wie aber passt das zu­sammen? Forscher gehen davon aus, dass wir unter bestimmten Be­dingungen vom Egoismus absehen. Eine dieser Bedingun­gen ist, dass wir in einer engen Beziehung zu einem oder mehreren Menschen stehen. Die stärkste Form der Bezie­hung ist die Mutter-Kind-Beziehung. Mütter bzw. Eltern gehen oft bis an den Rand ihrer Möglichkeiten, um ihre Kinder zu schützen. Aber selbst hierin steckt Egoismus, denn wenn Eltern Ihre Kinder beschützen, optimieren sie die Überlebenschance ihrer Gene, die ja auch die Kinder in sich tragen. Dies erscheint logisch, aber wie ist es mit Beziehungen zu anderen Menschen, die nicht unsere Gene in sich tragen? Hier müsste demnach eigentlich Egoismus pur herrschen. Hier kommt die zweite Bedingung zum tragen, unter der Menschen nach der Evolutionstheorie bereit sind, ihren Egoismus zurückzustecken. Diese Bedingung ist, dass man etwas von der Beziehung zu anderen Menschen hat, dass also beide Seiten einen Vorteil haben. In der Wirtschaft sprechen wir dann von der so genannten Win-Win-Situation. ​ Wenn Eltern ihren Egoismus zurückstellen und bereit sind, alles für ihre Kinder zu tun, um das Überleben ihres Erbguts zu sichern, und auch sonst Menschen ihre egoistischen Triebe unterdrücken, wenn sie durch eine Beziehung einen Vorteil haben, dann stellt sich folgende Frage: Wie kann es sein, dass Menschen auch dann andere Men­schen unterstützen oder ihnen helfen, wenn sie in keiner engen verwandtschaftlichen Beziehung zu ihnen stehen und auch sonst durch ihr Verhalten keinen eigenen Vorteil haben? Jedes Jahr spenden Menschen weltweit Milliarden für hun­gernde oder in Not geratene Menschen. Menschen betäti­gen sich in sozialen Diensten oder üben ehrenamtlich ge­meinnützige Tätigkeiten aus. Das alles tun Menschen – aber warum? Und in der Tat, neuere Forschungsergebnisse be­legen, dass die bisherigen Egoismus-Theorien nicht mehr haltbar sind. Sie können zwar nicht widerlegen, dass die Natur grundsätzlich egoistisch orientiert ist, aber sie bewei­sen, dass Egoismus im klassischen Sinne ein Auslaufmodell ist – zumindest, wenn es sich um Menschen handelt. Sicher wird es auch in Zukunft immer Menschen geben, die durch puren Egoismus geprägt sind und Vorteile nutzen, auch wenn sie zum Nachteil anderer sind – zukunftsfähig werden sie aber nach Meinung vieler Wissenschaftler nicht mehr sein. ​ Den Grund dafür sehen Wissenschaftler darin, dass Men­schen der Neuzeit über eine genetische Veranlagung zur Kooperation und Eigennützigkeit verfügen. Für diese Theo­rie spricht ein Versuch1, der am Max-Planck-Institut für evo­lutionäre Anthropologie in Leipzig durchgeführt wurde. Bei diesem Versuch ließen die Wissenschaftler Kleinkinder im Alter von 18 Monaten einem wildfremden Mann dabei zuschauen, wie dieser mit einem Arm voll Bücher vergeblich versuchte, einen Schrank zu öffnen. Nachdem die Kleinkin­der erkannt hatten, dass der Mann es alleine nicht schafft, tappten sie zum Schrank und öffneten die Tür. ​ ​ 3. Je kleiner die Kinder, desto größer der Egoismus ​ Auch wenn es den Anschein hat, dass uns ein gewisses altruistisches Verhalten in die Wiege gelegt wurde, so stellt sich dennoch die Frage, warum sich kleine Kinder oft sehr egoistisch und unfair verhalten, wenn es z.B. ums Teilen geht. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben herausgefunden, dass Kinder sehr früh ein Gefühl für Fairness entwickeln. Um aber auch entsprechend handeln zu können, fehlt es kleinen Kindern lange an den neuronalen Voraussetzungen. Das Geben und Nehmen von Eigentum ist in jeder Gesell­schaft ein grundlegendes Thema und führt nicht selten zu Konflikten, wenn nicht gar zu Kriegen. Wie aber entwickelt sich das Verständnis für gerechtes Teilen in unserem Ge­hirn? ​ Um das herauszufinden, führten die Forscher Nikolaus Steinbeis, Boris Bernhardt und Tanja Singer mit insgesamt 174 Schulkindern im Alter zwischen sechs und dreizehn Jahren interessante Experimente2 auf Basis der so ge­nannten Spieltheorie durch. Bei der Spieltheorie handelt es sich um ein Verfahren, mit dessen Hilfe man herauszufinden versucht, wie sich Menschen beim Teilen verhalten. Im ersten Durchlauf spielten die Forscher mit den Kindern das so genannte Diktatorspiel. Jedes Kind bekam Poker­chips, die sie später gegen Geschenke, die ihrem Alter ent­sprachen, eintauschen konnten. Bevor sie dies durften, sollten sie aber einem anderen Kind einen Teil der Poker­chips abgeben. Im nächsten Durchlauf spielten die Forscher mit den Kindern das so genannte Ultimatumspiel. Wie im ersten Durchgang sollten die Kinder auch hier von ihren Pokerchips an andere Kinder etwas abgeben. Der Unterschied bestand jedoch darin, dass im Gegensatz zum ersten Spiel jetzt das neh­mende Kind die angebotenen Pokerchips ablehnen konnte, wenn es das Angebot als unfair empfand. Passierte dies, gingen beide Kinder leer aus. ​ Die Forscher interessierte, ob die Kinder fairer miteinander umgehen, wenn das nehmende Kind ein Angebot ablehnen konnte, und ob das jeweilige Verhalten abhängig ist von Alter und Gehirnentwicklung der Kinder. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen der Forscher: Die älteren Kinder passten beim Ultimatumspiel ihr Verhalten an und machten fairere Angebote. Die jüngeren Kinder hingegen zeigten kaum Ver­haltensunterschiede bei den beiden Spielen. Sowohl beim Diktatorspiel als auch beim Ultimatumspiel verhielten sie sich stark egoistisch. ​ Ein weiteres Experiment erwies, dass das Verhal­ten der Kinder nichts mit einem fehlenden Verständnis für Fairness oder Gerechtigkeit zu tun hatte. Vielmehr zeigte sich ein Zusammenhang zwischen strategischem Handeln und der Fähigkeit zur Impulskontrolle. Hierzu spielten 28 Kinder das Diktatorspiel und das Ultimatumspiel erneut. Diesmal aber lagen sie in einem Magnetresonanzto­mografen, und ihre Gehirnaktivität wurde aufgezeichnet. Das Ergebnis war hochinteressant: Je älter die Kinder wa­ren, desto stärker waren die Aktivitäten im lateralen präfrontalen Cortex, wo u.a. die Fähigkeit zur Verhaltens­kontrolle angesiedelt ist. Darüber hinaus konnte nachgewie­sen werden, dass die Stärke in diesem Areal auch unmittel­bar mit dem Grad des strategischen Verhaltens und der Fähigkeit zur Impulskontrolle zusammenhing. Wenn also kleine Kinder nicht fair teilen können, selbst dann nicht, wenn es strategisch klug wäre, ist dies daher nicht auf ein mangelndes Verständnis zurückzuführen. Vielmehr liegt es daran, dass sich der präfrontale Cortex erst relativ spät entwickelt und erst dann eine Impulskontrolle möglich ist. ​ ​ 4. Hohes Einfühlungsvermögen mindert egoistisches Verhalten Dass Kinder nicht fair teilen können, weil ihr präfrontaler Cortex noch nicht voll entwickelt ist, ist nachvollziehbar. Aber warum gibt es auch Erwachsene, die sich mit Fairness und Gerechtigkeit schwer tun? Mit dieser Frage beschäftigten sich u.a. Forscher von der Universität in Zürich. ​Sie wollten herausfinden, ob es neuro­biologische Ursachen dafür gibt, warum sich Menschen egoistisch oder altruistisch verhalten. Für ihre Untersuchung forderten sie Probanden auf, Geldbeträge zwischen sich und einem anonymen Spielpartner aufzuteilen. Die Probanden hatten also die Möglichkeit, auf einen Teil „ihres“ Geldes zu verzichten und ihn einem anderen uneigennützig zukommen zu lassen. ​ Bei diesem Spiel stellten die Wissenschaftler große Unter­schiede fest. Manche Probanden gaben überhaupt nichts von ihrem Geld ab, andere hingegen waren sehr großzügig. Die Frage war nun: warum gibt es solche Unterschiede? In früheren Studien konnte nachgewiesen werden, dass es eine bestimmte Hirnregion gibt, in der die Fähigkeit für Einfüh­lungsvermögen verankert ist. Dieses Areal befindet sich in der Übergangsregion zwischen dem Scheitel- und dem Schläfenlappen. Die Forscher vermuteten, dass Altruismus und Einfühlungsvermögen eng miteinander verbunden sind. Die Annahme war also, dass jemand, der über in hohes Maß an Einfühlungsvermögen verfügt, also sich gut in die Ge­fühle und Gedanken anderer hinein- versetzen kann, auch eher altruistisch, also ohne eigenen Vorteil handelt. ​ Tatsächlich zeigten sich während des „Geldteilungsspiels“ Unterschiede in der Übergangsregion zwischen dem Schei­tel- und dem Schläfenlappen. Bei den egoistischen Proban­den wurde dieses Areal bereits aktiv, wenn sie sich nur wenig altruistisch verhielten. Bei den stark altruistisch ver­anlagten Probanden wurde dieses Areal erst dann beson­ders aktiv, wenn sie an die Grenzen ihrer Bereitschaft ge­langten, eine bestimmte Geldmenge abzugeben. Trotz dieser Ergebnisse sollte man daraus aber nicht den Schluss ziehen, dass egoistisches bzw. altruistisches Han­deln nur auf das Hirnareal zwischen Scheitel- und Schlä­fenlappen zurückzuführen ist. Auch andere Hirnregionen spielen für das Verhalten von Menschen eine große Rolle. ​ ​ 5. Der Fall Phineas Gage Der berühmt gewordene Fall von Phineas Gage ist einer der ersten und beeindruckendsten Fälle, durch den wissen­schaftlich belegt werden konnte, dass Schäden im frontalen Hirnbereich in direktem Zusammenhang mit den morali­schen Einstellungen einer Person zusammenhängen. Es war am 13. September 1848. Als der damals 25-jährige Bahnarbeiter Phines Gage zur Arbeit ging, konnte er nicht erahnen, welches Schicksal ihn erwartete. Gage arbeitete am Bau eines Schienstrangs für die Rutland and Burlington Railroad in Vermont. Seine Aufgabe bestand darin, in Felsen, die gesprengt werden sollten, Löcher zu bohren, diese mit Schießpulver zu füllen und anschließend mit Sand zu verstopfen. Für diese Aufgabe verwendete er eine ein Meter lange und rund zwölf Pfund schwere Eisen­stange. Gegen 16.30 Uhr rammte Gage das Eisen in ein Bohrloch, das noch nicht mit Sand verschlossen war und löste dadurch einen Funken aus, der das Pulver zur Explo­sion brachte. Das Eisen wurde Gage aus der Hand gerissen, drang unter­halb seines linken Auges in seinen Kopf ein, durchschlug dabei den linken Frontallappen, trat neben der Scheitellinie wieder aus und flog noch etwa 20 Meter weiter. Trotz schwerster Verletzungen verlor Gage nicht das Be­wusstsein. Nachdem man ihn in einen Gasthof gebracht und einen Arzt gerufen hatte, begrüßte er diesen mit den Wor­ten: „Doktor, hier gibt es für Sie reichlich zu tun“. ​ Ein zweiter Arzt, der hinzu gerufen wurde, stellte fest, dass bei Gage Gehirnmasse vom Volumen einer halben Teetasse verloren gegangen war. Dennoch erholte sich Gage von seinem Unfall, und außer dem Verlust des linken Auges gab es keinerlei Ausfälle der Sinneswahrnehmungen. Auch Sprache und Körperfunktio­nen waren nicht beeinträchtigt. Was sich jedoch veränderte, war seine Psyche. Vor dem Unfall galt Gage als zuverlässig und verantwortungsbewusst. Nach dem Unfall verhielt er sich jedoch sehr launenhaft, respektlos und zeigte wenig Achtung gegenüber seinen Kollegen. Der Fall Phineas Gage zeigte auf, dass, wenn bestimmte Areale des Stirnhirns nicht mehr intakt sind, sich das Verhal­ten von Menschen stark verändern kann. ​ ​ 6. Das "Trolley-Problem" Besonders in den letzen Jahren forschen Neurowissen­schaftler verstärkt nach den Wurzeln der Moral im menschli­chen Gehirn. Hierbei greifen sie gerne auf ethische Dilem­mata zurück. Eines der bekanntesten Experimente in die­sem Bereich ist ein Gedankenexperiment, das als „Trolley-Problem“4 bekannt wurde und erstmals von der britischen Philosophin Philippa Food beschrieben wurde. Bei diesem Dilemma geht es um eine Straßenbahn (englisch „Trolley“), die im Begriff ist, fünf Menschen zu überfahren. Dies kann jedoch verhindert werden, wenn man eine Weiche stellt und die Bahn auf ein anderes Gleis umlenkt. Das Problem dabei ist jedoch, dass sich auch auf diesem Gleis eine Person befindet. Die Frage aller Fragen ist daher: Ist es moralisch vertretbar, das Leben eines Menschen zu opfern, um das Leben von fünf Menschen zu retten? In verschiede­nen Studien konnte gezeigt werden, dass die meisten Men­schen sich für das „kleinere Übel“ entscheiden. Sie wären durchaus bereit, die Weiche zu stellen und die Bahn umzu­leiten. ​ Anders sieht es in einer Variante dieses Gedankenspiels aus, die von der US-amerikanischen Philosophin Judith Jarvis Thomson entwickelt wurde. In Ihrer Variante des „Trolley-Problems“ geht es nicht darum, eine Weiche zu stellen, sondern einen dicken Mann von einer Brücke zu stoßen, der die Bahn aufhält und somit das Leben der fünf anderen Menschen rettet. In dieser Situation sind nur noch wenige Menschen bereit zu handeln. Der renommierte Kognitionswissenschaftler Joshua Green von der Harvard University brachte Probanden in genau diese beiden vertrackten Situationen und machte dabei erstaunliche Entdeckungen. Der kleine, aber feine Unter­schied zwischen den Spielvarianten besteht seiner Meinung darin, dass eine wesentlich größere emotionale Belastung darin besteht, wenn man einen Menschen mit eigenen Hän­den von der Brücke stößt, als wenn man einen Hebel um­legt, der die Bahn auf ein anderes Gleis bringt. Bestätigt wurde diese Annahme mit Hilfe einer funktionellen Magnetresonanztomografie. Bei der „Dicker-Mann-Variante“ zeigte sich bei den Probanden eine verstärkte Aktivität in bestimmten Regionen der Hirnrinde, insbesondere im medi­alen präfrontalen Cortex. In dieser Region unseres Gehirns werden u.a. Informationen verarbeitet, die mit der Regulation unserer Emotionen und der Abschätzung von sozialen Situ­ationen zu tun haben. In anderen Hirnregionen, die vor allem mit der Verarbeitung von rationalem Verhalten zu tun haben wie z.B. dem dorsolateralen präfrontalen Cortex hielt sich die Aktivität hingegen in Grenzen. ​ Zusammenfassend kann man sagen, dass in solchen Situa­tionen die meisten Menschen nicht dazu neigen, die Überlebenschancen der Mehrheit rational zu Lasten eines einzelnen zu kalkulieren. Vielmehr entscheiden die Gefühle darüber, einen Mitmenschen nicht zu opfern. Die Bereitschaft, einen Einzelnen zum Wohle einer Mehrheit zu opfern, hängt also maßgeblich von dem Ergebnis des Wettkampfs zwischen dem medialen präfrontalen Cortex und dem dorsolateralen präfrontalen Cortex ab. ​ ​ 7. Das limbische System als Ursache für Egoismus Auch das limbische System ist beteiligt, wenn es um egoisti­sches Verhalten geht. Insbesondere die Amygdala, die für unser emotionales Erleben sehr wichtig ist, wird immer dann besonders aktiv, wenn moralische Emotionen im Spiel sind. Insbesondere wenn es darum geht, eine Vorhersage darüber zu treffen, ob ein bestimmtes Verhalten einem anderen Menschen schadet oder wenn uns eine moralische Aufgabe emotional berührt, ist die Amygdala sehr aktiv. Ein moralisches oder ethisches Zentrum gibt es in unserem Gehirn jedoch nicht. Vielmehr ist es ein weit verteiltes Netz­werk, an dem sowohl cortikale Areale als auch Strukturen des limbi­schen Systems beteiligt sind. ​ Diese Tatsache verwundert die meisten Wissenschaftler nicht. Ethische oder moralische Entscheidungen sind hoch­komplexe Angelegenheiten, bei denen Emotionen, soziale Regeln, Werte, Handlungsalternativen u.v.m. berücksichtigt und durchgespielt werden müssen. Das alles erfordert einen sehr interaktiven Prozess zwischen vielen Arealen unseres Gehirns. ​ ​ 8. Hormone als Ursache für Egoismus Auch Hormone haben Einfluss darauf, wie stark unser egois­tisches Verhalten ausgeprägt ist. Der Botenstoff Oxytocin, der auch gerne als Kuschelhormon bezeichnet wird, stärkt das Vertrauen in Menschen, fördert das Einfühlungsvermögen und unterstützt das Bindungsge­fühl. Ein anderer Botenstoff ist Serotonin. Ein Botenstoff, dem Eigenschaften wie Gelassenheit, Ruhe oder Entspan­nung zugeschrieben werden kann. Menschen mit einem hohen Serotoninspiegel lehnen ein schädliches Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen stärker ab als Menschen mit einem niedrigen Serotoninspiegel. ​ Diese Annahme belegt u.a. eine Untersuchung, die Forscher unter der Leitung von Molly Crockett5 an der University of Cambridge durchführten. Sie stellten fest, dass Hirnstruktu­ren wie der ventromediale präfrontale Cortex als auch die Amygdala im limbischen System serotonergen Input erhal­ten und dadurch die emotionale Abneigung, anderen zu schaden, gefördert wird. ​ ​ 9. Gene als Ursache für Egoismus ​ Auch unsere Gene haben einen großen Einfluss, wenn es um egoistisches Verhalten geht. Dies belegen u.a. unter­schiedlichste Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien. Was aber genau die Ursache in unseren Genen ist, war bisher noch nicht bekannt. Ergebnisse einer Studie, die Wissenschaftler der Universität in Bonn6 durchgeführt ha­ben, zeigen, dass eine winzige Änderung in einer bestimmten Erbanlage auf unser egoistisches Verhalten einwirkt. ​ In einem Experiment hatten die Wissenschaftler 100 Pro­banden zu einem Merkfähigkeitstest aufgefordert. Die Auf­gabe bestand darin, sich Zahlenfolgen einzuprägen und anschließend möglichst korrekt wiederzugeben. Hierfür bekamen die Probanden eine Belohnung in Höhe von fünf Euro. Diese Belohnung konnten sie nun entweder behalten oder einen beliebigen Teil für einen wohltätigen Zweck spenden. ​ Die Probanden glaubten, dass ihre Spende anonym sei. Die Wissenschaftler wussten aber ganz genau, ob bzw. wie viel jeder einzelne Proband spendete. Außerdem hatten die Wissenschaftler vor dem Experiment von jedem Probanden einen Wangenabstrich genommen, so dass sie hieraus DNA für eine genetische Analyse entnehmen konnten. Besonders interessierten sich die Forscher hierbei für das so genannte COMT-Gen, welches die Bauanleitung für ein Enzym ent­hält, das bestimmte Botenstoffe wie z.B. Dopamin im Ge­hirn inaktiviert. Bei diesem Gen gibt es zwei Varianten: COMT-Val und COMT-Met. Die beiden Varianten unterscheiden sich nur durch einen einzigen Baustein. Bei Menschen mit der COMT-Val-Vari­ante arbeitet das zugehörige Enzym bis zu viermal effekti­ver. Bei diesen Menschen wird somit wesentlich mehr Do­pamin im Gehirn inaktiviert als bei Menschen mit der COMT-Met-Variante. Als die Wissenschaftler dann die Genanalyse mit der Spen­denbereitschaft der Probanden verglich, stellten sie fest, dass Probanden mit dem COMT-Val-Gen durchschnittlich doppelt so viel spendeten wie die Probanden mit der COMT-Met-Variante. ​ Zum Thema Egoismus gibt es noch eine Reihe weiterer Aspekte, die wir heute nicht angesprochen haben. Dennoch: Egoismus ist eine sehr individuelle Thematik und so vielseitig wie die Menschen selbst. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute einige für Sie wichtigen Aspekte kennen gelernt haben und, dass Sie zukünftig egoistische Menschen besser einschätzen können.

  • Essen Sie sich schlau

    Welchen Einfluss hat unsere Ernährung auf unsere geistige Leistungsfähigkeit? Inhaltsverzeichnis 1. Warum braucht unser Gehirn Nährstoffe und Flüssigkeit? 2. Kaffee, Redbull und Süßigkeiten geben mir den Kick. 3. Was braucht mein Gehirn zusätzlich, um fit zu bleiben? 4. Kann man Intelligenz und Weisheit mit Löffeln essen? 5. Wodurch erreicht mein Gehirn Höchstleistung? 6. Gibt es eine natürliche Methode, wie ich mich ohne Stress und Verzicht richtig ernähren kann? 7. Kann man Weisheit mit der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel essen? Was kann Brainfood? Essen Sie sich schlau Welchen Einfluss hat unsere Ernährung auf unsere geistige Leistungsfähigkeit? ​ 1. Warum braucht unser Gehirn Nährstoffe und Flüssigkeit? Unser Gehirn besteht aus mehreren Milliarden Nervenzellen, den sogenannten Neuronen. Neben den Genen und den Umweltfaktoren wird unsere Gehirnleistung durch die Art und Weise unserer Ernährung beeinflusst. Ein ausgewachsenes Gehirn wiegt ca. 1400 g(1) und es verbraucht am Tag ca. 12 -20%(1) des gesamten kalorischen Grundumsatzes. Die geistige Aufnahmekapazität ist bei einem gesunden Gehirn nahezu unvorstellbar, ebenso wie die 5,8 Mill. km langen Nervenbahnen, die unser Denkorgan ausmachen. Umgerechnet befindet sich also die unfassbare Strecke des 145 fachen Erdumfangs(1) in Form von Nervenleitungen in unserem Oberstübchen! ​ Ebenso wie der Motor eines Autos benötigen die Hirnstrukturen bestimmte Nährstoffe und Flüssigkeit, um ihre kognitiven Fähigkeiten voll entfalten zu können. Der Nahrungs- und Flüssigkeitsbedarf hängt dabei auch in starkem Maße von der jeweiligen Lebensphase und der Qualität und Quantität der Hirnbeanspruchung ab. Das Gehirn besteht zu Dreivierteln aus Wasser. Daher macht sich eine Minderversorgung mit Flüssigkeit rasch in einem konzentrativen Leistungsabfall bemerkbar. Im Kindes- und Jugendalter ist der Bedarf an Proteinen besonders hoch. Er ist nicht nur aufgrund des körperlichen Wachstums erhöht, sondern auch aufgrund der intensiven Reifungs- und Entwicklungsprozesse des Denkorgans. In der AVON Longitudinal Study of Parents and Children an der University of Bristol (England)(2) stellten Wissenschaftler fest, dass insbesondere für die Intelligenzentwicklung Neugeborener und Kleinkinder eine gesunde Ernährung von immenser Bedeutung ist. Wurden Kinder bis zum Alter von drei Jahren hauptsächlich mit verarbeiteten fett- und zuckerreichen Nahrungsmitteln ernährt, so wirkte sich das äußerst negativ auf die spätere Intelligenzentwicklung aus. Frischkost steigerte den IQ; minderwertige Nahrung verschlechterte die Testergebnisse signifikant. An der noch laufenden Studie, die bereits seit 1992 durchgeführt wird, nahmen bisher 14000 Kinder teil. ​ ​ 2. Kaffee, Redbull und Süßigkeiten geben mir den Kick. ​ Jede Nervenzelle ist über Abzweigungen (Dendriten) mit ca. 10.000 anderen Nervenzellen verbunden. Neuronen und Dendriten bestehen aus Fett bzw. Lipiden. Zwischen den Dendriten befinden sich Spalten, die von Neurotransmitter (Botenstoffen) passiert werden bzw. sich füllen und entleeren. So werden Informationen weiter gegeben Nahrungsmittel können die Ausschüttung oder Hemmung von Botenstoffen beeinflussen. Kaffee kann z.B. die Ausschüttung des Neurotransmitters Adrenalin erhöhen und der Genuss von Schokolade die des „Wohlfühlhormons“ Serotonin. ​ Ist mein Gehirn damit ausreichend versorgt, um fit zu bleiben? Das hört sich aufs erste gut an, allerdings ist die positive Wirkung nur kurz. Beide Substanzen - der Kaffee und die Inhaltsstoffe der Schokolade führen kurzfristig zur „Überflutung“ mit Adrenalin und dem Wohlfühlhormon Serotonin. Diese Überflutung bewirkt, dass der Körper seine eigene endogene Transmitterproduktion senkt. Bei erhöhtem Konsum gewöhnt sich das Gehirn an diese Überversorgung, und die gewünschten Effekte der Steigerung der Konzentration bzw. des Wohlbefindens treten in der Folge nur noch bei sehr hohem Konsum beider Stoffe auf. Die negativen Begleiterscheinungen sind erhöhte Müdigkeit, bedingt durch die Koffeingewöhnung, und Gewichtszunahme durch zu viel Schokolade. ​ ​ 3. Was braucht mein Gehirn zusätzlich, um fit zu bleiben? ​ Während Kaffee oder Schokolade bzw. Zucker unsere Hirnleistung nur kurz puschen und ein Mangel an Antioxidantien, wie z.B. Obst, Gemüse und Fisch oder Flüssigkeitsmangel sogar schädigend auf die Zellmembranen der Gehirnzellen wirken, gibt es auch Nahrungsmittel, welche unseren „Hirnmotor“ pflegen und leistungsfähig halten. Sie sorgen sozusagen dafür, dass wichtige Teile unserer Kommandozentrale immer wieder neu gereinigt, von „Schmutzstoffen“, den sogenannten „Oxidantien“ befreit werden, die aufgrund von Stress oder Giftstoffen wie z.B. Zigaretten entstanden sind. Das bedeutet nicht, dass diese „antioxidativ“ wirkenden Nährstoffe und Vitamine, die in Obst und Gemüse enthalten sind, den übermäßigen Konsum von Genussgiften oder Transfetten zu 100%ig neutralisieren. Außerdem wirken sie nur im Verbund mit der Aufnahme komplexer Kohlenhydrate wie z.B. Vollkornprodukten, einer ausreichenden Wasserzufuhr sowie genügend körperlicher Bewegung in Verbindung mit einer ungestörten Regeneration durch guten Schlaf. ​ ​ 4. Kann man Intelligenz und Weisheit mit Löffeln essen? „Nein“, sagt dazu Prof. Barbara Plecko, Präsidentin der Gesellschaft für Neuropädiatrie. Allerdings könne die richtige Ernährung einen wichtigen Beitrag für einen gut funktionierenden Hirnstoffwechsel leisten. Diese Überzeugung ist bei Medizinern, Ernährungsberatern und Verbraucherschützern unbestritten. Unternehmen und Bildungseinrichtungen bemühen sich daher immer mehr, ihren Mitarbeitern und Schülern ein Bewusstsein für die positive Wirkung einer ausgewogenen Ernährung zu vermitteln. So hat z.B. die Fachhochschule Kufstein (Österreich) jüngst ihren ersten Brain Food Day(3) veranstaltet. Die wichtigsten Grundregeln werden von Sarah Neubauer, der Teamleiterin Gesunde Ernährung wie folgt zusammengefasst: Zwei bis drei Liter Wasser, ungesüßte Saftschorle oder Tee gegen Müdigkeit! Vollkornbrot, Haferflocken, Müsli, Kartoffeln und Reis oder Obst für eine bessere Konzentration über einen längeren Zeitraum! Omega-3-Fettsäuren im Fisch sorgen ebenso für Power und lassen die Nervenzellen besser regenerieren, ebenso wie Nüsse und Trockenfrüchte! Eiweiße in Meeresfrüchten und magerem Fleisch wirken direkt oder in umgebauter Form auf die bessere Funktion der Neurotransmitter. ​ Auch die darin enthaltenen Spurenelemente, Mineralstoffe und Vitamine optimieren die Signalübertragung und damit die Denk- und Merkleistung. Die Zwischenmahlzeit darf jedoch nicht zu groß sein, sonst wird der Magen zu stark belastet und das Gehirn zu wenig durchblutet. Vor der Prüfung oder in Stresssituationen können die Banane oder ein Smoothie u.a. durch den hohen Magnesiumgehalt die Nerven stärken! ​ ​ 5. Wodurch erreicht mein Gehirn Höchstleistung? Im Gegensatz zu den übrigen Organen wie z.B. der Leber und den Muskeln kann das Gehirn keine Energie speichern und muss regelmässig neu versorgt werden. Wer daher sein Gehirn morgens zu Höchstleistungen bringen will, sollte vermehrt auf komplexe Kohlenhydrate wie z.B. Müsli oder Vollkornbrot setzen. Weißbrot und stark gezuckerte Getränke reichen nicht aus, da der Blutzuckerspiegel nur kurz hochgepuscht wird und rasch durch das ausgeschüttete Insulin wieder in den Keller geht und damit Müdigkeit auslöst. Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang auch stellt, ist folgende: Ist mein Kalorienbedarf erhöht bei hochkonzentrierter Denkarbeit? Ja, aber man sollte seinen Vertrag im Fitness-Studio auf keinen Fall kündigen! Beim Sitzen verbrennt der menschliche Körper 1kcal/min., beim Spazierengehen 4 kcal/min., beim Joggen 6 bis 7 und beim intensiven Sport 10 und mehr kcal/min. Dagegen verbraucht das Gehirn selbst bei hochkonzentrierter Denkarbeit nicht mehr als 1,5 kcal/min. Kopfarbeit, Schachspielen oder Prüfungsstress können tatsächlich hungrig machen; vor allem die Lust auf Süßes (Glukose) nimmt zu! Ein Schoko- oder Müsliriegel oder Obst ist bei anstrengender Kopfarbeit daher unverzichtbar, ebenso wie regelmässige Flüssigkeitszufuhr! Zum Abnehmen ist Denkarbeit mit Blick auf die verbrauchten Kalorien daher nicht geeignet; Ausdauer- und Krafttraining sind in dieser Hinsicht wesentlich gezielter und effizienter! ​ Eine weitere Frage ist: Kann ich meine Konzentration über den ganzen Tag hochhalten? Zumindest kann man die Voraussetzung für eine gleichbleibende Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung schaffen, indem man kleinere Portionen - fünf oder mehr - über den Tag verteilt, z.B. Obst, Joghurt oder Vollkornprodukte zu sich nimmt und dabei ausreichend trinkt. Auch mal ein Kaffee/Espresso oder ein Schokoriegel als kleine Zugabe sind erlaubt! So verbraucht der Körper nicht soviel Energie für die Verdauung, und die Konzentration bleibt hoch. Kleine Zwischenmahlzeiten in Form von Müsliriegeln, Joghurts, Obst und Gemüse oder auch mal einem Stück Kuchen oder Schokolade sind notwendig, um leistungsfähig zu bleiben. ​ Bleibt noch eine Frage zu klären: Warum ist es so schwierig, diese Regeln einzuhalten? Unser Essverhalten wird sehr stark durch unser Erbgut, unsere Umwelt und vor allem auch durch unsere Gefühle geprägt! Unser Gehirn entscheidet also sehr häufig im Verborgenen. Wir verspüren plötzlich Lust auf ein Stück Fleisch, ein Croissant oder etwas Süßes. Unsere Vorfahren mussten ständig Angst haben zu verhungern. Nahrung war knapp, und nur wer in der Lage war, sich schnell mit neuer Energie zu versorgen und auch Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen (Fett), überlebte und konnte seine Gene der nächsten Generation weitergeben. So erklärt sich die instinktive Vorliebe für süße und fettige Speisen! Im Gegensatz zu früher bewegt sich der heutige Mensch jedoch durchschnittlich nicht mehr als 1 bis 2 km pro Tag aus eigener Kraft, häufig noch viel weniger. Noch vor ca. 150 Jahren waren es 15 km täglich. ​ ​ 6. Gibt es eine natürliche Methode, wie ich mich ohne Stress und Verzicht richtig ernähren kann? ​ Das Gehirn als zentrales Steuerungsorgan ist für den Körper von größter Bedeutung für die Energiezuteilung und die Regelung des Energiehaushaltes. Gerät z.B. das seelische Gleichgewicht aufgrund von Stress und nervaler Überbelastung aus dem Gleichgewicht und besteht keine Möglichkeit Stresshormone, wie z.B. Adrenalin und Cortisol durch Bewegung herunterzuregulieren, kann das Gehirn eine Nähstoffunterversorgung signalisieren ohne dass das der Fall ist. Regelmäßige Bewegung und Sport hilft dabei die körpereigene Appetitzentrale wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der Mediziner Prof. Daniel König von der Universität Freiburg(4) erklärt die regulierenden Effekte des Sports durch die adrenerge Stimulation sowie die damit einhergehende Downregulation des Insulinspiegels. Aber auch die verminderte Durchblutung der Verdauungsorgane und allgemein die Blutumverteilung zugunsten der Arbeitsmuskulatur spielen eine Rolle. Zudem wird die körpereigene somatische Intelligenz(5) trainiert und sensibilisiert, so dass genau die Nahrungsmittel und Mineralien in der Regenerationsphase aufgenommen werden, die durch das Training verbraucht wurden. Marathonläufer haben einen gesteigerten Appetit auf Kohlenhydrate (Nudeln, Reis etc.) Kraftsportler verspüren plötzlich mehr Lust auf Fisch oder Fleischgerichte. Zudem schützt regelmässiges Ausdauertraining kombiniert mit Kräftigungsübungen bereits schon ab einer Dauer von ca. 30 min täglich und einer Intensität von 50 bis 60% der Maximalbelastung effektiv vor dem drohenden JoJo-Effekt bei abnehmwilligen Teilnehmern. ​ ​ 7. Kann man Weisheit mit der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel essen? Was kann Brainfood? Weder Intelligenz noch Weisheit kann man mit Löffeln essen! Man kann aber die Leistungsfähigkeit seines Gehirns durch die richtige Auswahl seiner Nahrungsmittel positiv beeinflussen. Brainfood hebt die Konzentration, Stimmung und kann allgemein die Funktionen der Hirnstrukturen verbessern. Brainfood enthält Vorstufen von Neurotransmittern, wobei ca. 60 bis heute bekannt sind, zu den bekanntesten gehören die Endorphine oder die biogenen Eiweissbausteine, wie z.B. Dopamin und Acetylcholin). Endorphine heben die Laune und sind „Überlebenshelfer“ bei starken Schmerzen. Acytycholin(6) hilft beim Lernen, ermöglicht schnelle Denkprozesse und unterstützt das Logische Denken. Acetylcholin kommt von allen Neurotransmittern im Gehirn am häufigsten vor; es ist in Soja, Hefe, Nüssen, Eigelb Fisch oder Brokkoli enthalten. Wer viel Kaffee trinkt, braucht mehr Cholin!.

  • Wie entsteht unser Bewusstsein?

    Wie unser Bewusstsein entsteht und welche Auswirkungen es auf unser Handeln hat. Inhaltsverzeichnis 1. Die Suche nach der ultimativen Grenze menschlicher Erkenntnis 2. Erklärungsansätze für unser Bewusstsein 3. Das Superprojekt zur Entschlüsselung des Gehirns (HBP) 4. Die Quantenphysik als Brückenschlag zwischen den klassischen Naturwissenschaften und der Philosophie 5. Welche Auswirkungen hat die Quantenphysik auf unser Weltbild und damit auf unsere Vorstellung vom Bewusstsein? 6. Die halbtote Katze 7. Kann die Nahtodforschung Licht in das Dunkel über die Entstehung des „Mysteriums Bewusstsein“ bringen? Wie entsteht unser Bewusstsein? Wie unser Bewusstsein entsteht und welche Auswirkungen es auf unser Handeln hat. ​ 1. Die Suche nach der ultimativen Grenze menschlicher Erkenntnis ​ Generationen von Wissenschaftlern, Philosophen sowie führende Vertreter sämtlicher Weltreligionen beißen sich immer wieder die Zähne aus bei/an der Frage, „wie der Geist ins Gehirn gelangt“ Selbst der schnellste und modernste Computer ist nicht in der Lage, derart effizient und energiesparend auch nur annähernd solch komplexe Denkoperationen zu vollziehen wie das menschliche Gehirn. Philosophen beschäftigen sich bereits seit mehr als 2000 Jahren mit der Rätselhaftigkeit des Bewusstseins: Bewusstseinszustände besitzen einen Erlebnisgehalt, und sie können aus empirischen Sachverhalten gedankliche Schlüsse ziehen, die wahr oder falsch sein können. Kaum ein anderes Thema ist in den unterschiedlichen Wissenschaften so umstritten, wie die Frage nach unserem Bewusstsein. Schauen wir uns daher die verschiedenen Erklärungsansätze etwas genauer an. ​ 2. Erklärungsansätze für unser Bewusstsein Philosophisch – religiöse Erklärungsansätze Weil kognitiv-emotionale Prozesse bislang mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht eindeutig erklärbar sind, gibt es eine nie endende philosophisch-religiöse Diskussion über das Phänomen des „Bewusstseins“. Der „Dualismus“ unterteilt die menschliche Daseinsform in Körper und Geist. Der Philosoph Spinoza(1) beschreibt das Phänomen des Bewusstseins im unmittelbaren Kontext als „intuitiv“ und im objektiv-rationalen Kontext mit dem Begriff des Intellekts. Schlussendlich gelingt es aus der philosophisch-religiösen Perspektive nur deskriptiv, sich dem Begriff des Bewusstseins zu nähern. Es ist halt immer auch ein Stück Glaube und Lebensanschauung, wie Gehirnprozesse und deren sichtbares Verhalten dargestellt und erklärt werden. Medizinisch-psychologische Ansätze Um die Vorgänge im Gehirn erforschen zu können, bedarf es vieler Einzelwissenschaften, weil es eine große Menge beschreibbarer Phänomene gibt, die sich wechselseitig bedingen. In der Medizin z.B. wird das Bewusstsein mit dem Grad der Aufmerksamkeit bzw. Eintrübung der Aufmerksamkeit gleichgesetzt. Auch Reflexe werden zum Bewusstsein gezählt. Die Psychologie beschreibt, wie Reize bestimmte Verhaltensweisen auslösen. Sinnesreize wirken in ganz spezifischer Form auf die Sinnesorgane, die wiederum die empfangenen Impulse über Nervenbahnen ans Gehirn weiterleiten, wo die ankommenden Einzelimpulse zu ganz bestimmten Bildern und Eindrücken verarbeitet werden. Die Arbeitsweise dieser unglaublich komplexen Be- und Verarbeitungsprozesse ist noch weitestgehend unbekannt. In der Psychologie wird grundsätzlich in bewusste und unbewusste Geisteszustände unterschieden. Eine typische Frage der Psychologie lautet: Was nimmt eine Person wahr, wenn sie z.B. gleichzeitig zwei sich widersprechende Botschaften erhält - auf der bewussten und auf der unbewussten Ebene? Was sagt die Neurowissenschaft zu dem noch ungelösten „Bewusstseinsproblem?“ Die noch sehr, sehr junge Forschungsdisziplin der Neurowissenschaften will das Bewusstsein mithilfe mathematisch-naturwissenschaftlicher Methoden erklären. Prof. Christof Koch(3), einer der weltweit renommiertesten Hirnforscher ist sich sicher, dass das „Bewusstsein aus den neuronalen Merkmalen des Gehirns erwächst“. Er forscht am California Institute of Technology (Caltech). Für ihn entstehen Gedanken und Gefühle aufgrund physikalischer Prozesse zwischen den Nervenzellen. Neuronales Substrat, das sich kausal selbst organisiert, sorgt für phänomenale Zustände, die sich in Aufmerksamkeit und Bewusstsein ausdrücken. ​ ​ 3. Das Superprojekt zur Entschlüsselung des Gehirns (HBP) ​ Das Human Brain Project (HBP)(4), initiiert von der Europäischen Kommission, soll das gesamte Wissen über das menschliche Gehirn zusammenfassen und Computer-simulationen erstellen. Es folgt damit zu 100% dem mathematisch - naturwissenschaftlichen Ansatz. Das HBP wird koordiniert von Henry Markram(4), einem Neurowissenschaftler an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Markram studierte in den 1980er Jahren in Kapstadt Medizin und wollte Psychiater werden. Während des Studiums erkennt er, dass psychiatrische Erkrankungen „katalogisiert“ werden. Dieser „Katalog“ beschreibt die Symptome weshalb der Patient erkrankt ist, liefert jedoch keine naturwissenschaftlich begründbaren Ursachen. Markram interessiert sich vielmehr für die Funktionsweise des Gehirns. Er beschließt daher, sich intensiv der Grundlagenforschung zu widmen. Als Leiter des HBP koordiniert er heute das einzigartige Hirnforschungsprojekt, an dem 80 europäische und internationale Forschungseinrichtungen beteiligt sind. Das Projekt ist auf zehn Jahre angelegt und wird mit 1,19 Mill. Euro subventioniert. ​ Das Bewusstsein soll durch Hirnmodelle und deren auf physikalische Prozesse basierenden Funktionsweisen erforscht werden. Geistig-seelische Vorgänge, vor allem Funktionsbeeinträchtigungen und Erkrankungen sollen verstehbar werden. Darüber hinaus ist die Entwicklung neuer Computer- und Robotertechnologien das erklärte Ziel des HBP. Es gibt 460 Erkrankungen des Gehirns - von Alzheimer bis Parkinson, die bis heute wissenschaftlich nicht ausreichend erforscht sind. Das neue „künstliche Gehirn“(4) soll sämtliche neuronale Aktivitäten darstellen - Gedanken und Gefühle, die aufgrund kleinster elektronischer Entladungen wie Blitze simuliert werden. ​ Kritik am Human Brain Project kommt von Thomas Metzinger, (der) Philosoph an der Universität Mainz(5) und Kenner der Neurowissenschaften nennt den Projektleiter Markram besessen und gewitzt genug, um das einzigartige Vorhaben durchzusetzen. „Das Problem des Bewusstseins bildet heute – vielleicht zusammen mit der Frage nach der Entstehung des Universums – die äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis“, so Metzinger weiter. Professor Christof Koch vom California Institute of Technology (Caltech) fasst dennoch das derzeitige Paradigma der Neurowissenschaften wie folgt zusammen: “Bewusstsein erwächst aus den neuronalen Merkmalen des Gehirns!“(3) Allerdings hält auch Koch das Blue-Brain-Simulations-Project nicht für den Königsweg. Er vertritt die Überzeugung, dass feinste Elektroden im Gehirn Signale kleiner Neuronengruppen messen müssten. Aus ethischen Gründen „verböten“ sich solche invasiven Verfahren jedoch beim Menschen. Die Ergebnisse aus invasiven Tierversuchen bei Affen oder Mäusen stünden zurzeit noch aus. Dass insbesondere der Großhirnrinde, dem Neocortex, bei der Dechiffrierung geistig-seelischer Vorgänge eine entscheidende Bedeutung zukommt, bestreitet heute kein Neurowissenschaftler mehr. ​ Im Jahre 1981 bekamen die beiden Neurobiologen David Hubel und Torsten Wiesel(5) für den Nachweis der „neocortikalen Säulen“ in der Großhirnrinde den Nobelpreis. „Ca. 2,5 Mio. solcher baumartig verzweigter Säulen finden sich im Neokortex. In einer einzigen Säule befinden sich 10000 Nervenzellen, wovon jede dieser Nervenzelle mit bis zu 15000 anderen kommuniziert. Die Gesprächspartner können dabei in unmittelbarer Nähe als auch in weit entfernten Hirnregionen liegen“, erklärt der deutsche Hirnforscher Wolf Singer.(7) „Dieses ergebe eine astronomische Komplexität, vergleichbar mit der des Universums“. Im Manifest der Gehirnforschung war zu lesen: „Jede beantwortete Frage bzgl. der Regeln, nach denen das Gehirn arbeitet und die Welt abbildet, bringt eine Vielzahl neuer Rätsel mit sich, so dass die Neurowissenschaft demütig bekennt, dass man sich trotz allen Aufwands gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern befände“.(8) ​ ​ 4. Die Quantenphysik als Brückenschlag zwischen den klassischen Naturwissenschaften und der Philosophie ​ Seit mehr als 100 Jahren halten quantenphysikalische Phänomene Einzug in fast alle Lebensbereiche. Die Quantenphysik ist die Grundlage der Mikroelektronik, der Nanotechnik oder von Lasern. Max Planck(9), der Vater der Quantenphysik, führte mit seinem Wirkungsquantum kleinste Energiepakete in die Physik ein. Mit der daraus resultierenden Berechnung konnte erstmals die Beobachtung der Wärmestrahlung exakt beschrieben werden. Einstein(10), der Vater der „Relativitätstheorie“, oder Heisenberg(11) mit der „Theorie der Unschärferelation“ waren neben Planck die wichtigsten Quantenphysiker. Alle drei „Jahrhundertwissenschaftler“ trugen dazu bei, dass die Quantenphysik nicht nur weitreichende Bedeutung für die Entwicklung zahlreicher bio-, medizin- oder haushaltstechnischer Neuheiten und Geräte hat, sondern auch drastische Auswirkungen auf unser Weltbild. Einsteins Relativitätstheorie veränderte die Idee von Raum und Zeit, und die Quantentheorie wandelte den Begriff der Materie; Materie hat die gleichen Eigenschaften wie Strahlung oder Licht und kann daher in Teilchen oder Wellen vorliegen. Und der Zufall entscheidet. Beide Zustände können auch an zwei oder mehreren Orten gleichzeitig sein. Dieses Phänomen nennt man Nichtlokalität. 1982 gelang einem Wissenschaftlerteam unter Leitung von Alain Aspect(12) “der endgültige Nachweis der Nichtlokalität, die eine Beeinflussung oder Kommunikation ohne Austausch von Signalen in der Raumzeit, ohne zeitliche Verzögerung bedeutet“. ​ ​ 5. Welche Auswirkungen hat die Quantenphysik auf unser Weltbild und damit auf unsere Vorstellung vom Bewusstsein? Das große Rätsel des Bewusstseins ist die Frage, woher kommt, was in unserem Gehirn als Bewusstsein auftaucht. Zweifellos steht es im Zusammenhang mit unserem Gehirn. Aber wie wird z.B. eine rote Rose, das Abendrot oder die Discomusik zu dem, was wir erkennen? Welche Umwandlungs- und Decodierungsprozesse machen die Welt zu dem, was wir wahrnehmen? Das Quantenphänomen der „Nichtlokalität“ ist außerhalb der Raumzeit angesiedelt - seine Ergebnisse jedoch werden innerhalb der Raumzeit lokalisiert, erklärt der Physiker Henry Stapp(13) an dem Beispiel der Photonen, die von Versuchsvorrichtungen einzeln losgeschickt werden und am Ziel entweder in Teilchen oder Wellenform gemessen werden. Das Photon erscheint immer gerade dort, wo es gemessen wird. Sei es als Teilchen oder als Welle. Aber wie kann das Photonenteilchen wissen, was von ihm erwartet wird? Der Physiker John Wheeler(14) deutet dieses Phänomen so, dass der Mensch prinzipiell Einfluss auf das Ergebnis nimmt. Die Forderung der Objektivität, die die Schulwissenschaft stets voraussetzt, kann also nie konsequent eingelöst werden. Es gibt immer Einflüsse. Weshalb einzelne Elektronen und vor allem wie diese Teilchen in Verbindung stehen und kommunizieren, gehört zu einem der größten Rätsel der Quantenphysik. Mit den Gesetzmäßigkeiten der Newtonschen Physik jedenfalls sind diese Zusammenhänge nicht erklärbar. Die offizielle Schulmeinung besagt, dass alles aus Atomen besteht. Besteht unser Bewusstsein ebenfalls nur aus Atomen? Wer oder was beeinflusst den Zustand der kleinsten Teilchen? Ist es eine nicht-materielle Kraft, die Atome und Elektronen lenkt und damit auch unser Bewusstsein ein- und ausschaltet? ​ 6. Die halbtote Katze Im Jahre 1935 demonstrierte der Physiker Erwin Schrödinger(15) am Beispiel der sogenannten „halbtoten Katze“ die Mathematik der Quantenphysik. Das weltberühmte Experiment zeigte das Paradoxon, das nur in der Quantenphysik möglich ist: Eine Katze wird in eine Kammer gesperrt, in der sich ein radioaktives Atom und ein Geigerzähler befinden. Das radioaktive Atom wird mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von 50% zerfallen und der Geigerzähler ausschlagen. Das Ticken des Geigerzählers löst einen Hammerschlag aus, der wiederum ein Glasfläschchen zertrümmert - Gift tritt aus und tötet die Katze. Die Wahrscheinlichkeit dieser Vorgänge liegt bei 50%. Also überlebt die Katze mit einer 50% Wahrscheinlichkeit oder verstirbt mit einer gleichgroßen Wahrscheinlichkeit. Die Quantenphysik jedoch berechnet den Zustand der Katze nach einer Stunde in halblebendig und halbtot. Beide Zustände können parallel auftreten. Hans Peter Dürr(16), ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts und Träger des Alternativen Nobelpreises, nennt dieses Phänomen „geronnene Potentialität“. Ob die Katze nun tot oder lebendig ist, entscheidet einzig und allein die Position des Beobachters, nämlich wir. ​ ​ 7. Nahtodforschung und Bewusstsein Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel(17) hat in einer Aufsehen erregenden prospektiven Studie 344 Patienten, die nach einem Herzstillstand reanimiert wurden, über ihr Erlebtes, ihre Gedanken und Gefühle befragt. Allerdings konnten nur 18%, d.h. 61 der 344 wiederbelebten Herzpatienten über Nahtoderlebnisse berichten. Bei diesen Patienten, die innerhalb eines Zeitraumes von bis zu zehn Minuten nach dem Herzstillstand wiederbelebt wurden, war die Hirnaktivität erloschen, d.h. das Elektroenzephalogramm war komplett flach. Obwohl es keinerlei messbare Gehirnfunktion mehr gab, verfügten 18% über ein volles Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen. In ihrer Beschreibung des Nahtoderlebnisses schilderten alle 61 Patienten übereinstimmende Wahrnehmungen: Alle sahen ihren Körper von oben aus der Deckenperspektive auf dem OP-Tisch liegen. Alle beschrieben, wie sie durch einen hellen Tunnel, von einer wunderschönen Musik begleitet, unendlich schnell einem hellen Licht entgegen eilten. Eindrücke und Erinnerungen, selbst lange Vergessenes raste dabei durch ihr Bewusstsein. Bei den Interviews wurde auch nach Gegenständen in dem OP-Saal gefragt, die ein liegender Patient niemals sehen kann, die nur aus der Vogelperspektive erkennbar sind. Kurioserweise wurden diese Gegenstände und deren Form und Beschaffenheit exakt wiedergegeben. ​ In bemerkenswerter Übereinstimmung erzählten die reanimierten Nahtoderfahrenen über Begegnungen mit längst verstorbenen Verwandten und Freunden in einem undefinierbaren geistigen Austausch ohne Raum noch Zeit, jederzeit angst- und sorgenfrei in vollkommenem Gefühl von Geborgenheit. Nach diesem Erlebnis brauchten sie längere Zeit, um mit dem Erlebten umgehen zu können. Viele Patienten änderten in der Folge grundlegend ihre Auffassung vom Tod als Ende aller Dinge. Damit schwand auch die Angst vor dem Sterben bzw. dem, was danach kommt. Van Lommel sieht sich durch diese Studie mit der Tatsache konfrontiert(18)“, ...dass unser Bewusstsein nicht das Produkt unseres Gehirns ist. Es ist möglich, dass man sein Bewusstsein haben kann, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert. Das materielle Gehirn könnte wie eine Art Empfänger arbeiten, das Informationen wahrnimmt und diese weitergibt.“ ​ Fazit: Van Lommels Studie ist eine wissenschaftliche Studie(17), die allerdings auf subjektiven Schilderungen von Menschen mit Nahtoderlebnissen basiert. Die Folgerungen aus dieser Studie sind spekulativ. Die EEG-Kurve war abgeflacht - das bedeutet, dass zumindest mit dieser Meßmethode keine Gehirnaktivität mehr nachweisbar war. Folgt daraus zwingend - rein wissenschaftlich gesehen - der Schluss, dass damit die Existenz übersinnlicher Phänomene im Zusammenhang mit der Entstehung unseres Bewusstseins bewiesen ist? Die Erörterung aller bisherigen Erklärungsansätze über die Entstehung unseres Bewusstseins mithilfe sämtlicher wissenschaftlicher und parawissenschaftlicher, religiöser und philosophischer Theorien zeigt doch vielmehr, dass es der Menschheit bis zum heutigen Tage nicht gelungen ist, an die ultimative Grenze der Erkenntnis vorzudringen. Es bleibt dabei wie schon seit Tausenden von Jahren: immer dann, wenn Phänomene und Zusammenhänge nicht erklärbar sind, tritt der Glaube an die Stelle von gesichertem Wissen. ​ Die Frage, „woher der Mensch kommt und wohin er geht?“ bleibt nach wie vor so aktuell wie eh und je. Die Antwort darauf, ob es auch ein Bewusstsein außerhalb unseres Körpers bzw. Gehirns gibt - bekommen wir alle ganz persönlich - spätestens dann, wenn unser irdisches Dasein beendet ist. Bis dahin bleiben Glaube und Hoffnung integraler Bestandteil des menschlichen Lebens. Und das hat mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit auch sehr viele positive Seiten.

  • Verhalten beginnt im Gehirn

    Warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten. Inhaltsverzeichnis 1. Wie viel Steinzeitmensch steckt heute noch in uns? 2. Wo helfen uns unsere Instinkte in der modernen Welt und wo nicht? 3. Welche angeborene Verhaltensweise ist am wichtigsten für das Überleben? 4. Mit dem Großhirn kam das Denken. 5. Kann das menschliche Verhalten alleine durch die zugrundeliegenden Denkprozesse erklärt werden? 6. Evolutionäre Vorteile durch die Entwicklung zum „Homo sapiens“ 7. Lernfähigkeit überlagert Instinkt- und Triebverhalten 8. Philosophisch-anthropologische Erklärungsansätze 9. Was sagt die moderne Neurowissenschaft? Verhalten beginnt im Gehirn Warum wir uns verhalten, wie wir uns verhalten. ​ 1. Wie viel Steinzeitmensch steckt heute noch in uns? Unsere Instinkte, die in hohem Maße auch heute noch unser Verhalten beeinflussen und steuern, sind in Zeiten entstanden, in denen chronischer Nahrungsmangel herrschte und es täglich um Leben und Tod ging, um das eigene Überleben zu sichern und dafür zu sorgen, dass die eigene Art erhalten blieb, d.h. das eigene Erbgut weitergegeben wurde. Die Gier auf Fettiges und Süßes war lebensnotwendig. Ein starker Körperbau, ausgezeichnete Jagd- und Sammlerfähigkeiten sowie der Kampf um die besten Gene bestimmten den Alltag unseres Urahns, des Australopithecus, der in den Savannen Ostafrikas unterwegs war. Aber was nützen uns heute noch angesichts der panepidemischen Verbreitung von Fettsucht und Bewegungsmangel sowie einer Bevölkerungsexplosion diese archaischen Instinkte? ​ „Unsere Instinkte sind in hohem Maße altmodisch“, ist sich der britische Forscher Prof. Robert Winston(1) sicher. Auch zukünftig sind die sogenannten „Erbkoordinaten oder fixed Action Patterns“ notwendig, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Allerdings stehen diese Urinstinkte in einem Dauerkonflikt mit unserem seit Jahrtausenden wachsenden Denkvermögen. Bereits vor, während und nach der Geburt leisten die Instinkte auch heute wertvolle Dienste: Sie bestimmen den Zeitpunkt der Geburt, sie sorgen dafür, dass das Neugeborene sich lautstark bemerkbar macht, um seine Milch zu bekommen. Sie sorgen dafür, dass das Kleinkind so rasch wie niemals mehr in seinem Leben Neues lernt, seine Umwelt von früh bis spät erkundet und einen immensen Bewegungsdrang entwickelt. ​ ​ 2. Wo helfen uns unsere Instinkte in der modernen Welt und wo nicht? ​ Auch wenn wir uns heute nicht mehr gegen Säbelzahntiger oder Mammut zur Wehr setzen müssen, so existieren seit Jahrmillionen exakt die gleichen körpereigenen Belohnungssysteme, wenn wir einen Kampf siegreich beenden. Der Neurotransmitter Dopamin setzt im Gehirn Endorphine frei, die Schmerzen blockieren und uns großartig fühlen lassen! Als „Ersatzkampf“ dient heutzutage der Sport. Bei Gefahr oder in angstbesetzten Situationen laufen auf hormoneller Ebene exakt dieselben Programme ab wie in grauer Urzeit: Der sogenannte Flight-or-Fight-Instinkt mobilisiert sämtliche Energiespeicher. Es werden vermehrt die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, der Puls beschleunigt sich, und der Mensch konzentriert alle Energien auf das Kämpfen oder Fliehen. In unserer modernen technisierten Welt ist beides oft nicht möglich, so dass die aufgestaute „Kampfenergie“ nicht abgebaut werden kann. Der Dauerstress kann dann zu den sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ wie z.B. Herzinfarkt, Burnout oder Depression führen. ​ ​ 3. Welche angeborene Verhaltensweise ist am wichtigsten für das Überleben? ​ Ohne Fortpflanzung würde jede Spezies aussterben! Der Fortpflanzungsinstinkt ist wohl der wichtigste und am stärksten entwickelte Trieb. Dieser Instinkt ist bei Frauen wie bei Männer gleichermaßen vorhanden - allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Das Aufsehen erregende Beischlaf-Befragungsexperiment der Florida State University(1), bei dem Schauspieler bzw. Schauspielerinnen auf der Straße Männer und Frauen fragten, ob sie Lust hätten, mit ihm/ihr spontan Sex zu haben, beweist eindrucksvoll, wie stark auch heute noch evolutionsbedingte Verhaltensmuster unser Leben bestimmen: Während 75% der befragten Männer spontan bereit waren, Sex mit einer wildfremden Frau zu haben, waren es bei den Frauen 0 Prozent, also keine einzige, die bereit gewesen wäre! Die Frau muss evolutionsbedingt viel wählerischer bei der Auswahl ihrer Partner sein als der Mann. Sex kann für sie immer eine Schwangerschaft zur Folge haben und sie schutzbedürftig machen. Welchen Schutz könnte der potentielle Vater ihr bieten? Welche materielle Sicherheit würde er für den Nachwuchs garantieren? ​ ​ 4. Mit dem Großhirn kam das Denken Die eingangs beschriebenen Instinkte sind im Stammhirn lokalisiert. Dort werden sämtliche lebensnotwendigen Grundfunktionen des Lebens gesteuert, eben u.a. auch die Instinkte. Aber was unterscheidet das menschliche Verhalten von dem eines Tieres? Im Laufe der Evolution der Säugetiere und damit auch der des Menschen bildete sich das Großhirn. Es steuert alle bewussten Verhaltensweisen wie z.B. das Sprechen, das geplante Handeln oder das Ich-Selbstbewusstsein. Der Philosoph Rene Descartes(2) brachte es mit seinem berühmten Satz: „Ich denke, also bin ich“, auf den Punkt. ​ Säugetiere wie z.B. Affen, Hunde, Affen oder Katzen besitzen zwar auch ein Großhirn - im gewissen Sinne denken diese Tiere auch und sind lernfähig in einem konditionierten Lernen. Im Gegensatz dazu ist der Mensch allerdings in der Lage, sehr komplex zu denken, sich seiner selbst bewusst zu sein (Ich-Bewusstsein), und er weiß, dass sein Verhalten Folgen haben kann. Je größer das Großhirn, umso ausgeprägter scheint das Denkvermögen. Das komplexe Denken macht also den Menschen aus. ​ ​ 5. Kann das menschliche Verhalten alleine durch die zugrundeliegenden Denkprozesse erklärt werden? Wie bereits ausgeführt, spielen auch die Instinkte eine wichtige Rolle. Weder die Anwesenheit der Instinkte noch des Denkens reicht aus, um das Verhaltensrätsel vollständig zu lösen. Instinkte sind angeboren, der Verstand ist durch Lernen und Erfahrung einem permanenten Entwicklungsprozess unterworfen. Ausschlaggebend für das äußerlich sichtbare Verhalten ist jedoch die „Zustimmung“ des limbischen Systems, Sitz des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses(3). Das limbische System bewertet alles, was wir tun, nach gut, lustvoll bzw. nach schlecht, schmerzvoll usw. Der Verstand entscheidet also nur im Zusammenspiel von Affekten und Emotionen, wie wir uns verhalten. Affekte und Emotionen wiederum sind beeinflusst durch Instinkte und unser Erfahrungswissen. Die Grundstrukturen der Persönlichkeit und der Charakter des Menschen sind sehr früh festgelegt.“(3) Genetische, vorgeburtlich bedingte Charakterzüge im Zusammenspiel mit prägungsartigen Vorgängen in den ersten drei bis fünf Lebensjahren bestimmen bereits zu mehr als 50% die Persönlichkeitsmerkmale im Erwachsenenalter. Starke positive oder negative emotionale Erlebnisse können jedoch erheblich zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen und damit unser Verhalten ändern.(3) Je jünger der Mensch, umso größer ist die Plastizität (Formbarkeit) seines Gehirns. Im Gegensatz zu früheren Lehrmeinungen bleibt das Gehirn jedoch – in Abhängigkeit von seiner seelischen und geistigen Beanspruchung sowie sonstiger Lebensführung plastisch bis ins hohe Alter und damit lernfähig. ​ ​ 6. Evolutionäre Vorteile durch die Entwicklung zum „Homo sapiens“ Was im evolutionären Sinne der Entwicklung dient, wird beibehalten und gefördert. Die Hirnentwicklung muss also erheblich zur Existenzsicherung des Homo sapiens, also des „weisen/wissenden“ Menschen beigetragen haben. Instinkte alleine reichten nicht aus. Denkprozesse im komplexen Zusammenspiel mit Emotionen sind also ein entscheidender Selektionsvorteil. Vor etwa 120.000 Jahren begann der evolutionäre Siegeszug des Homo sapiens. Die Einführung des Ackerbaus, die Zähmung wilder Tiere sowie die Nutzbarmachung der Natur bzw. physikalischer Vorgänge (Feuer, Wasser) wurden zu einem entscheidenden Evolutionsvorteil gegenüber anderen Hominiden.(4) ​ In seiner beeindruckenden Evolutionsdoku zeigt der Regisseur Malaterre(4), wie sich der Homo sapiens über die ganze Welt ausbreitete und die anderen Menschentypen verdrängte. Es gibt keine andere Art, die so variabel auf sich ändernde klimatische Verhältnisse reagierte und durch seine außergewöhnliche Anpassungsleistung allen Gefahren trotzte. In der Auseinandersetzung mit den oftmals lebensbedrohlichen urzeitlichen Anforderungen nahmen die Denkleistung und das Abstraktionsvermögen immer mehr zu. Die Entwicklung sprachlicher Kommunikation stärkte soziale Verhaltensweisen wie Empathie, Treue oder Loyalität. Erst durch Sprache konnten religiöse Symbole dargestellt werden und solch abstrakte Phänomene wie Glaube und Hoffnung Eingang in die Stammesgeschichte des Menschen finden. ​ ​ 7. Lernfähigkeit überlagert Instinkt- und Triebverhalten Per definitionem bedeutet „Lernen – Verhaltensänderung durch die gemachten Erfahrungen“.(5) Reichten die Instinkte noch aus, um dem menschlichen Organismus z.B. Hunger, Durst, Gefahr oder Beute zu signalisieren, so bedurfte es in komplexen Situationen wie z.B. dem Aufbau einer Feuerstelle oder etwa auf der gemeinsamen Jagd einer planenden Herangehensweise, die kognitive Kompetenzen erforderte. Auf diese Weise gelang es unseren Vorfahren immer besser, die Welt zu erkunden und das soziale Leben zu organisieren. Der denkende Mensch ist in der Lage, auch ohne spezifischen Auslösereiz zu planen und zu handeln. Sigmund Freud spricht vom „Probehandeln mit vermindertem Aufwand“(6). „Insbesondere im Ruhezustand des Gehirns werden jene Regionen höchst aktiv, die Vergangenes analysieren und Zukünftiges planen“(7), sagt Ulrich Ott, Meditationsforscher am Bender Institute of Neuroimaging in Gießen. ​ ​ 8. Philosophisch-anthropologische Erklärungsansätze Auch ohne den heutigen neurobiologischen Kenntnisstand, dass der Verstand und das Bewusstsein in der Großhirnrinde lokalisiert sind, postulierten Generationen von Geisteswissenschaftlern und Philosophen den Menschen als „Krone der Schöpfung“, eben wegen seiner Befähigung zu Rationalität und Vernunft. Allen voran Immanuel Kant mit seinem weltberühmten Ausspruch: “Habe Mut, bediene dich deines Verstandes!“(8) Bis in die Gegenwart gibt es eine Fülle philosophisch-anthropologischer Denkrichtungen, die die Einmaligkeit des Menschen aufgrund seines bewussten Seins immer wieder in den Mittelpunkt stellen. ​ Die philosophische Anthropologie bedient sich zahlreicher Einzelwissenschaften (u.a. auch der Kultur- und Religionswissenschaften, der Psychologie oder der Biologie). Sie geht im wesentlichen der Frage nach, „was der Mensch sei und welche metaphysische Stelle und Lage er innerhalb des Seins, der Welt und Gott einnehme“(9). Die Realität des irdischen Zusammenlebens und damit des menschlichen Verhaltens spricht jedoch eine ganz andere Sprache als die von Philosophen und Humanisten stets geforderte Vision einer von Menschenwürde und Einsicht geprägten Gesellschaft. Bewusstsein sollte der Königsweg zu einer friedfertigen und menschlichen Welt sein, der befreien sollte von der Brutalität animalischer Instinkte. Ganz das Gegenteil ist der Fall - es hat den Anschein, als ob gerade das Bewusstsein und die verstandesbasierte Intelligenz nur der Spielball für die niederen Triebe unseres Verhaltens sind. Macht, Ruhmsucht, Gier, Neid, Missgunst und Aggressivität gehören in der modernen Zivilisation zum Alltag. ​ ​ 9. Was sagt die moderne Neurowissenschaft? ​ Allen voran - glaubt der renommierte Neurowissenschaftler und Philosoph Prof. Gerhard Roth in seinem bemerkenswerten Werk „Denken. Fühlen. Handeln“(10) die Vorstellung entzaubern zu können, dass die Großhirnrinde tatsächlich Herr im eigenen Hause sei. Vielmehr würden häufig niedere Motive unser Verhalten bestimmen und unserem Bewusstsein - lokalisiert in der Grosshirnrinde - ein ums andere Mal ein Schnippchen schlagen. Wir schreiben uns selbst rationale und sozial erwünschte Verhaltensweisen zu, die bei näherer Betrachtung dem limbischen System entspringen. Das Bewusstsein könne nicht mehr als die entscheidende Grundlage unseres Verhaltens und Handelns angesehen werden. Vielmehr gäben Emotionen und Affekte den Rahmen vor, in dem menschliches Handeln stattfindet. Rein hirnphysiologisch sieht Roth diesen Sachverhalt untermauert durch einen Blick auf die neuronalen Verbindungen, die zur Großhirnrinde hin- bzw. wegführen: ​ Die reinkommenden Verknüpfungen übertreffen die wegführenden um das Hunderttausend- bis Millionenfache!(10) Also gelange ständig ein Vielfaches von un- bzw. unterbewussten Bedeutungsinhalten in unser Bewusstsein und steuere unser Verhalten, ohne dass wir uns dieser Einflussnahme bewusst wären. In seinem Resumee bezeichnet Roth den Menschen als „aggressiv, verlogen und vor allem bedauernswert ängstlich“. Entspricht dieses Resumee, das das ratio-zentristische Weltbild attackiert, der Wahrheit? Gibt es überhaupt die Wahrheit über das menschliche Verhalten? Dieses sehr pessimistisch anmutende „neue Weltbild“ bleibt nicht ohne Gegenwind - zumal Roth in einem weiteren Werk „Freiheit, Schuld, Verantwortung“(15), das er gemeinsam mit dem Philosophen Michael Pauen verfasst hat, einräumen muss, dass „neuroanatomische oder -physiologische Defizite als alleinige Ursache für gewalttätiges Verhalten nicht ausreichen“. Ganz im Gegenteil, gerade schwierige politische bzw. gesamtgesellschaftliche Situationen haben immer wieder „gute“ Persönlichkeiten mit besonderer Zivilcourage wie z.B. Mahatma Gandhi, die Geschwister Scholl, den Dalai Lama oder Nelson Mandela hervorgebracht. ​ Die unermüdliche Arbeit von Menschenrechtsinstitutionen wie z.B. der UN-Flüchtlingshilfe oder gemeinnützige Katastrophen- oder Umweltschutzorganisationen beweist, zu welch altruistischen Leistungen der Mensch fähig ist. Eine Vielzahl von Wissenschaften, sämtliche Religionen wie auch die Philosophie beschäftigen sich seit je her mit der Frage, „warum der Mensch sich verhält, wie er sich verhält“. Waren es bis in die jüngste Vergangenheit eher geisteswissenschaftliche Theoriekonzepte oder religiöse Glaubensrichtungen, die versuchten, das Rätsel des menschlichen Verhaltens zu lösen, so erlauben uns moderne bildgebende Verfahren der Neurobiologie, nach und nach die zugrundeliegenden neurophysiologischen Mechanismen unseres Verhaltens zu entschlüsseln. Insofern trägt die moderne Neurowissenschaft zwar einige neue anatomisch-physiologische Aspekte zur ewig aktuellen Diskussion über das „Gute und Böse“ bei, gibt aber noch keine endgültigen Antworten. Bis zur endgültigen – vielleicht aber auch nie endenden - Klärung der Frage „Warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten“ sollten wir uns im Zweifelsfalle stets an J. W. von Goethes Empfehlung(15) orientieren: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“ (aus „Das Göttliche“)

  • Tatort Gehirn

    Auf den Spuren des Verbrechens – wieweit bin ich verantwortlich für mein Handeln? Inhaltsverzeichnis 1. Verbrechen ist sehr vielseitig 2. Der Ursprung menschlicher Gewalt 3. Gewalt, Mord und Totschlag als Gruppenphänomen 4. Ist die Lust am Töten genetisch bedingt? 5. Neuroanatomische Erklärungsansätze beim Gewaltverbrecher 6. Gewalttäter – schuldig oder nicht schuldig? 7. Ist der „freie Wille“ nur eine Illusion? 8. Wie kann es Freiheit geben, wenn alles durch Naturgesetze vorgegeben ist? 9. Schuldig oder nicht schuldig? 10. Wie entsteht Kriminalität und warum ist Kriminalität so weit verbreitet? 11. Welchen Einfluss haben die Medien bei der Entstehung krimineller Handlungen? 12. Welchen Nutzen haben diese Theorien für die Praxis? 13. Wie funktioniert die moderne Verbrechensbekämpfung? 14. Wie schütze ich mich selbst vor Gewalt und Verbrechen? Tatort Gehirn Auf den Spuren des Verbrechens – wieweit bin ich verantwortlich für mein Handeln? 1. Verbrechen ist vielseitig ​ Das Kriminalitätsbild reicht vom Fahren ohne Führerschein bis hin zum Mord. Daher kann es auch nicht die „eine“ Ursache für kriminelles Verhalten geben. Straftaten und Verbrechen können von Kindern und Jugendlichen, aber auch von über 80-Jährigen begangen werden. Die Kriminalitätsforschung folgt daher einem multifaktoriellen Erklärungsansatz, um dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. 2. Der Ursprung menschlicher Gewalt Foltern, vergewaltigen, morden - wo liegt der Ursprung menschlicher Gewalt? Warum führt der Mensch Kriege? Kriege bestimmen seit Urzeiten die Menschheitsgeschichte. Historisch belegt ist die unglaubliche Zahl von 14.400 Kriegen!(1) 3,5 Milliarden Menschen sind dabei getötet worden.(1) Bei 100 Milliarden Menschen, die bisher auf der Welt gelebt haben, ist also jeder dreißigste Erdbewohner durch Krieg ums Leben gekommen! Nicht berücksichtigt ist dabei die Zahl der Mord- und Totschlagsdelikte. Hinsichtlich der kontinentalen Verteilung der Tötungsdelikte im Verhältnis zur Bewohnerzahl liegt Afrika ganz vorne. Dort leben zwar nur 15 % aller Erdbewohner – dort werden jedoch 36% aller Morde begangen. Auf den weiteren Plätzen folgen die Kontinente Amerika, Asien und Europa. Ozeanien hat die geringste Mordrate – dort sind die Menschen anscheinend am friedfertigsten. Vom hohen Stellenwert von Gewalt und Krieg zeugen auch historische Überlieferungen oder eigens zu diesem Zweck errichtete Kultstätten. ​ Das Kolosseum in Rom z.B. ist erbaut worden, um das Abschlachten von Menschen als Unterhaltungsspektakel zu inszenieren. Die Christenverfolgungen, das langsame Zu-Tode-Foltern der Opfer in der Frühneuzeit, die Hexenverbrennungen im Mittelalter bis hin zu den sogenannten „ethnischen Säuberungen“ auf dem Balkan oder das grausame Gemetzel in Ruanda erschüttern uns bis in die Gegenwart. Das systematische Töten und Foltern von Menschen scheint sich wie ein roter Faden durch alle Zeiten und Kulturen zu ziehen. Die beschriebenen Gewaltphänomene lassen sich nicht als Taten einzelner Sadisten oder Psychopathen erklären. Sie sind vielmehr Ausdruck von fehlgeleiteten Ideologien und dienen der Machtdemonstration. ​ 3. Gewalt, Mord und Totschlag als Gruppenphänomen ​ Der renommierte Sozialpsychologie Professor Harald Welzer² vom kulturwissenschaftlichen Institut der Uni Essen beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema „Gruppengewalt“. Er untersuchte Kriegsverbrechen und beschrieb, wie das massenhafte Töten innerhalb weniger Wochen quasi als „Handwerk“ erlernt wurde. Das Morden wird im Krieg oft so erledigt wie eine x-beliebige andere Routinetätigkeit. Professor Welzer erklärt den Begriff der Gruppengewalt wie folgt: „Das Wesentliche ist eine Orientierung auf eine Wir-Gruppe, das heißt es gibt ein Kollektiv, zu dem ich auch gehören möchte, und es gibt die Gruppe, die aus verschiedenen Gründen nicht dasselbe Lebensrecht hat und eine Bedrohung darstellt, so dass es sinnvoll ist, die zu töten. Der zweite Punkt ist der: Täter sind in der Lage, ihrem Tun zumindest nachträglich einen Sinn beizumessen, eine Begründung dafür zu finden, weshalb sie etwas tun mussten, was ihnen in einer anderen Situation widerstreben würde. Es widerstrebt ihnen übrigens auch beim Töten selbst, aber sie finden Begründungen dafür, dass sie dieses Widerstreben überwinden können und dann töten“.(2) ​ Also werden Massentötungen ganz entscheidend beeinflusst durch begünstigende Rahmenbedingungen. Das herrschende Regime ändert den Alltag der Menschen - es vollzieht sich ein Wertewandel. Durch eine „gehirnwäschenartige“ Propaganda werden Andersdenkende diskriminiert. Der Mensch kann demnach zur Gewaltanwendung gegen seine Mitmenschen erzogen werden. Ganz aktuell liefert das totalitäre Herrschaftsregime unter Kim Jong Il in Nordkorea ein eindrucksvolles Beispiel, wie Normen und Moral sich wandeln können. Zur Machterhaltung wird Gewalt von der Regierung monopolisiert. Die Folterung und Ermordung von „Abweichlern und Regimekritikern“ wird per Gesetz legitimiert. Ideologische Gehirnwäsche in Kombination mit einem repressiven Regierungsstil ist also in der Lage, innerhalb kürzester Zeit einen Rechtsstaat zu zerstören. Jan-Philipp Reemtsma(2) - selbst einst prominentes Opfer einer Gewalttat, der sogenannten „Reemtsma – Entführung“ und derzeitiger Honorarprofessor an der Uni Hamburg, analysiert in bemerkenswerter Weise das Thema „Gewalt“. ​ In einem Interview zu seinem Buch „Vertrauen und Gewalt“(2) fasst er die Ursachen kollektiver Gewaltanwendung bis hin zum Massenmord wie folgt zusammen: “Man kann nur feststellen – das ist ein Prozess des Umlernens, also man ist gewöhnt an einen gewaltarmen Alltag, und dann ändert sich das Regime und dann ist Gewalt massiv anwesend und die Leute gewöhnen sich rasch daran.“(2) Angehörige eines totalitär-diktatorisch geprägten Regimes mutieren also unter gewissen Umständen zu Massenmördern. Das Morden und Foltern wird dann genauso alltäglich wie die Essensausgabe oder der Gang zum Friseur. Gewaltanwendung bis hin zum Töten ist nur so lange ein Tabu, wie es kein Feindbild gibt. Sobald ein ideologisch geprägtes Feindbild sich ausbreitet, kann aus dem Kontrahenten rasch ein „Barbar, ein Ungläubiger oder ein Untermensch“ werden. Die kollektive Gehirnwäsche schaltet die Tötungshemmung aus. ​ 4. Ist die Lust am Töten genetisch bedingt? ​ Das christliche Gebot „Du sollst nicht töten“ formuliert ein Tabu. Sämtliche Weltreligionen ächten das Umbringen von Menschen. Und doch wird überall getötet. Wer sich mit dem Thema des Tötens beschäftigt, muss zwangsläufig die Frage nach den zugrundeliegenden Emotionen stellen. Bereits ein Blick auf die Literaturgeschichte oder ein Blick auf Film und Fernsehen reicht, um zu verstehen, welch große Faszination von Mord und Totschlag ausgeht. Was wären Kriminalromane, Theaterstücke, TV- oder Kinofilme ohne Mord- und Gewalt? ​ Christoph Wulf(3), Professor für Erziehungswissenschaften und Anthropologie an der Freien Universität Berlin beschäftigt sich im Rahmen des Forschungsprojekts „Languages of Emotion“(4) mit den psychologischen Ursprüngen der Gewalt. Wulf skizziert die Fragestellung wie folgt: „Im Zentrum unserer Forschungen steht die Frage, welche Bedeutungen haben Emotionen und wie kann man Emotionen erforschen; wobei es uns vor allem um die Verbindung zwischen naturwissenschaftlicher - vor allem der Gehirnforschung und der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung geht. Und Teil dieser menschlichen Emotion, zu der prinzipiell alle fähig sind, ist nun mal Gewalt“.(3) Es muss also auch in der menschlichen Natur begründet sein, so aggressiv werden zu können, dass Mord und Totschlag möglich sind. Da dieses Phänomen so alt ist wie die Menschheit selbst, muss es evolutionäre Wurzeln haben. Irgendwann in der Entwicklungsgeschichte muss Aggressivität zu einem Selektionsvorteil herangereift sein. Die Wurzeln von Gewalt und Aggression scheinen in der menschlichen Frühgeschichte begründet zu sein. Um dieser These Gewicht zu verleihen, vergleichen Verhaltensforscher Menschen mit ihren nächsten Verwandten, den Menschenaffen. ​ Richard Wrangham(5), Professor für Anthropologie und Biologie an der renommierten Harvard Universität ist ebenfalls überzeugt, dass die menschliche Aggressions- und Gewaltbereitschaft in der Frühgeschichte entstanden ist. Nämlich zu dem Zeitpunkt, als unsere Vorfahren begannen, sich von Fleisch zu ernähren. Schimpansen mit ihren scharfen Eckzähnen und den kräftigen Muskeln sind gefährliche Tiere. Sie ernähren sich von Fleisch und Pflanzen. Die Bonobos, ebenfalls bekannt als Menschenaffenart, ernähren sich ausschließlich von Pflanzen. Schimpansen sind gewalttätig - die Bonobos extrem friedlich. Fleischfresser werden in der Biologie gemeinhin als Raubtiere bezeichnet. Wrangham beobachtete, dass unterschiedliche Schimpansengruppen normalerweise einen respektablen Abstand voneinander halten. Wenn sie jedoch auf eine zahlenmäßig deutlich unterlegene Gruppe bzw. ein einzelnes Tier treffen, greifen sie an. Diese Chance zum risikolosen Töten wird sofort ausgenutzt. Wrangham bringt es auf den Punkt: “Die Formel ist ganz einfach: wenn du ohne Risiko töten kannst, dann lohnt sich das. Ich glaube, die Dinge, die wir bei den Schimpansen beobachten, könnten so ähnlich auch in der menschlichen Frühgeschichte vorgefallen sein. So könnte die Evolution in der menschlichen Psychologie ein Fundament für komplizierte Formen des Krieges gelegt haben.“(6) Die Gewaltbereitschaft ist also genetisch angelegt. Es kommt auf die Umstände an, ob es Krieg oder Frieden gibt. Die Umwelt entscheidet in großem Umfang mit, ob sich bestimmte Verhaltenspotentiale - in diesem Fall Aggressivität durchsetzen. ​ 5. Neuroanatomische Erklärungsansätze beim Gewaltverbrechen Wie bereits erläutert, spielen der Gruppendruck und das Wir-Gefühl in Kombination mit einem veränderten gesellschaftspolitischen Klima z.B. einer Diktatur eine wichtige Rolle. Die geänderte Ideologie kann also zum Phänomen der Gewalt gegen Andersdenkende führen. In diesem Milieu können dann evolutionär angelegte aggressive Emotionen zum Ausbruch kommen. Was aber ist, wenn das „Wir-sind-stark-in-der-Gruppe“- Gefühl und auch staatliche Repressionen fehlen? Wie können Gewaltverbrechen auch unter diesen Bedingungen erklärt werden? Hinsichtlich der Gewaltanwendung durch Einzeltäter sind hirnorganische Anomalien in Verbindung mit negativen psychosozialen Einflüssen die größten Risikofaktoren. Dabei spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle: Männer neigen eher zu physischer Gewalt als Frauen. Frauen äußern Aggressionen eher indirekt, z.B. durch das Spinnen von Intrigen. ​ Mittels moderner bildgebender Verfahren, liefert die Neurowissenschaft anhand von Hirnstromveränderungen oder geschrumpfter Hirnregionen den Nachweis: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Tat und der schwächer arbeitenden Großhirnrinde.(7) Der weltweit angesehene neurowissenschaftliche Pionier und inzwischen auch von „Bild der Wissenschaft“ als „Star der Gewaltforschung“ betitelte Professor Adriane Raine von der Universität of Pennsylvania ist überzeugt, dass viele Gewalttäter unter einem Hirndefizit leiden. Raine räumt zwar ein, dass viele Mörder auch durch ungünstige Kindheitserlebnisse geprägt sind, allerdings reichen diese Erklärungsmuster alleine nicht aus. Raines' aufsehenerregende sogenannte „Mörderstudie“, bei der 41 Tätergehirne mittels PET untersucht wurden, ergab, dass vor allem der präfrontale Cortex sich als kleiner darstellte als bei unbescholtenen Vergleichspersonen, Drogenabhängigen oder psychisch Kranken.(7) Bei den „Tätergehirnen war der präfrontale Cortex um durchschnittlich 11% schwächer. Diese 11% geringere Gehirnmasse entspricht ca. der Menge eines Esslöffels. Raine sieht in dieser Hirnregion eine Art „Notbremse“. “Sie lässt uns zweimal denken, bevor wir etwas tun“.(7) ​ Auch der weltbekannte Neurowissenschaftler Antonio Damasio(7) von der Universität von Iowa hält die Tatsache des verkleinerten präfrontalen Cortex für sehr wichtig, denn so Damasio: „Dadurch wird die Hypothese bestätigt, dass Schäden im präfrontalen Cortex zu einer antisozialen Persönlichkeit führen können.“ Dass abnormes Aggressionsverhalten mit einer Anomalie bestimmter Hirnregionen einhergeht, bezweifelt in der aktuellen Neurowissenschaft niemand mehr. Wie diese Veränderungen jedoch zustande kommen, ob z.B. durch genetische Defekte, früherworbene Abweichungen in der Hirnentwicklung, vor- oder nachgeburtliche Traumata, Vergiftungen oder andere Umwelteinflüsse – darüber herrscht noch wenig Klarheit. Auch die Frage, ob es eindeutige quantitative und qualitative Zusammenhänge zwischen Volumenveränderungen einzelner Hirnareale und dem Ausprägungsgrad gewalttätiger Handlungen gibt, ist noch weitgehend offen. So sieht Boris Schiffer(8), Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Duisburg-Essen in seiner Studie aus dem Jahre 2011(9) ebenfalls einen engen Zusammenhang zwischen dem Hang zur Gewalt, Drogenmissbrauch und einer veränderten Verteilung der sogenannten grauen Substanz. Schiffer und seine Kollegen untersuchten insgesamt 51 männliche Gehirne. Die Probanden wurden in vier unterschiedliche Gruppen eingeteilt: ​ Gruppe 1: 12 Gewalttäter Gruppe 2: 12 Gewalttäter und Suchtkranke Gruppe 3: 13 Suchtkranke und Drogenabhängige Gruppe 4: 14 unauffällige Probanden ​ Als Ergebnis dieser Studie, in der mittels kernspintomographischer Aufnahmen charakteristische hirnorganische Unterschiede ermittelt wurden, fasst Schiffer zusammen: “Die entscheidende Aussage ist die, dass eine früh erworbene Gewaltneigung, insbesondere die für instrumentelle Gewaltanwendung, nicht wie bisher angenommen mit Volumenminderungen in präfrontalen Hirnarealen assoziiert ist, sondern mit Vergrößerungen in Arealen des mesolimbischen Belohnungssystems sowie Volumenminderungen im Inselkortex.“(9) Fortgesetzter Alkohol- und Drogenmissbrauch führe jedoch zu einer Verminderung präfrontaler Hirnareale, die dann vermutlich nicht mehr normal funktionieren und damit die Fähigkeit zur Verhaltenskontrolle – bzw. Verhaltenssteuerung beeinträchtigen. Und weiter sagt Schiffer: „Das hat zur Folge, dass Hemmungsmechanismen nicht mehr richtig funktionieren und es vermehrt zu impulsiven Formen des gewalttätigen Verhaltens kommen kann“(9). ​ 6. Gewalttäter - schuldig oder nicht schuldig? ​ Das geltende Strafrecht ist ein Schuldstrafrecht. Es basiert auf der Annahme, dass der Täter sich für das Unrecht entschieden hat. Führende Neurowissenschaftler hingegen - allen voran Prof. Roth(12), Verhaltensbiologe und renommierter Experte auf dem Gebiet der Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen bezweifeln die Fähigkeit des Menschen zu freien Willensentscheidungen. Laut Roth haben neurowissenschaftliche Untersuchungen bei straffällig gewordenen Gewalttätern gezeigt, dass nahezu bei allen Tätern Risikofaktoren für ihr delinquentes Verhalten nachweisbar sind. Dabei würde keiner der Faktoren einzeln für sich genommen ausschlaggebend sein, sondern stets zwei oder mehr Risikofaktoren in Kombination, damit es zur Tatausübung käme.(12) Zu den Risikofaktoren zählen im Einzelnen: Geschlecht, Alter, Genetik, Hirnschädigungen, Störungen im Neurotransmitter- sowie Hormonhaushalt, Traumatisierungen, elterliche Vernachlässigung, eigene Gewalterfahrungen, kognitive und emotionale Defizite.(12) ​ Auch das nach seinem Entdecker benannte Libet-Experiment(13) aus dem Jahre 1979 zeigte, dass menschliche Entscheidungen bereits durch elektrische Reizmuster getroffen wurden, noch bevor der Proband bewusst reagierte. Der amerikanische Neuroforscher Benjamin Libet, der an der University of California forschte, wurde durch ein Experiment weltbekannt. In diesem Experiment sollte der betreffende Proband auf ein Signal hin eine Hand heben - mal spontan und mal nach Zeitplan. Noch bevor er diese Handlung ausgeführt hatte, war bereits 500 Millisekunden zuvor eine entsprechende Hirnaktivität - das sogenannte Bereitschaftpotential – nachweisbar. Als Nachweisparameter wurden Hirnströme und Muskelbewegungen gemessen. Das Aufsehen in der Fachwelt war groß.(13) Ist unser freier Wille nur eine Fiktion? Entscheiden vielmehr unbewusste Prozesse in unserem Gehirn darüber, wie wir uns verhalten? ​ Wolf Singer, einer der führenden Neurowissenschaftler und seines Zeichens Direktor der Abteilung Neurophysiologie am Max-Planck-Institut in München ist überzeugt, dass das menschliche Verhalten auf der Verschaltung der Neuronen basiert.¹ Singer hat die Gabe, komplizierte neurowissenschaftliche Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Dadurch klingen seine Thesen provokant. Für ihn ist die „Willensfreiheit ein Mythos“. Er sagt: „Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen.“(14) Für Singer ist das menschliche Gehirn trotzdem nicht so einfach strukturiert wie z.B. ein Uhrwerk, das immer gleich abläuft. ​ „Kleinste Einflüsse können die Entscheidungsprozesse komplett verändern. Der Mensch handelt unerwartet - das wird dann als kreatives oder impulsives Verhalten bezeichnet. Wenn jemand dann z.B. zum Gewalttäter wird, sind es seine neuronalen Erregungsmuster, die ihn dazu zwingen. Der Täter kann dann fast nicht anders reagieren als z.B. zuzuschlagen. Diese Tat wird dem Täter zugerechnet. Inwieweit aber ist er wirklich zur Verantwortung zu ziehen? Darüber sollte in unserem Rechtssystem gerade auch im Hinblick auf unbewusste Motive nachgedacht werden.“(14) Ist der „freie Wille“ also nur eine Illusion? ​ 7. Ist der "freie Wille" nur eine Illusion? ​ Wenn ja, würde dies unser Menschenbild tief erschüttern. Moralische Wertbegriffe wie Schuld, Verantwortung oder Eigenständigkeit wären im engeren Sinne nicht mehr umsetzbar. Der Sinn der Erziehung junger Menschen zu mündigen Bürgern wäre ebenso anzuzweifeln wie die juristischen Begriffe der Volljährigkeit und Strafmündigkeit. Aber gerade das Bewusstsein mit der Möglichkeit, zwischen richtig oder falsch bzw. gut oder böse zu entscheiden, trennt den Menschen vom Tier. Der Mensch hat Einsicht in sein Handeln, d.h. er ist lernfähig und kann sein Verhalten ändern. Diese Lern- und Einsichtsfähigkeit gibt ihm die Möglichkeit, sich verantwortlich für sein Handeln zu fühlen. ​ Folgt man stringent der Argumentation einigen Vertretern der Neurowissenschaften, so ist der Mensch nur eine Verkettung von Synapsen, gesteuert von Hormonen und Genen. Aber handelt der Mensch wirklich so „ferngesteuert“ eingefangen in der „conditio robotics“ als ein seiner Seele beraubtes Wesen?(15) Die Antwort: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner neuroanatomischen bzw. -physiologischen Bestandteile und Prozesse. Beide Denkansätze, der rein naturwissenschaftliche wie auch der psychologisch-philosophisch orientierte müssen kein Gegensatzpaar darstellen. Vielmehr können beide Auffassungen miteinander verbunden werden. Zu diesem Ergebnis zumindest ist der österreichische Quantenphysiker Prof. Hans Briegel vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformatik an der Universität Innsbruck gekommen. ​ 8. Wie kann es Freiheit geben, wenn alles durch Naturgesetze vorgegeben ist? Prof. Briegel sieht in einem rein deterministischen Weltbild, das ausschließlich auf vorher bestimmte Naturgesetze basiert, keinen Spielraum für den Begriff der Freiheit. Allerdings gäbe es auch in der Quantenphysik eine ganze Reihe von indeterministischen Prozessen, also Prozesse, nach denen ein Geschehen nicht (oder nicht nur) durch kausale Faktoren bestimmt wird. Prof. Briegel erläutert sein 2011 entwickeltes Modell zum Verständnis der menschlichen Entscheidungsfreiheit wie folgt: “Unser Modell beschreibt künstliche Agenten mit einer bestimmten Form von Gedächtnis, bei dem Erfahrungen als ein Netzwerk von sogenannten Clips abgespeichert werden. Dieses dient dem Agenten als eine Art Simulationsplattform, auf der verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Dabei werden auch Zufallsprozesse eingesetzt. So kann das Gehirn selbst neue Optionen erzeugen.“(16) Denkprozesse als Probehandlung. Dieses Modell erlaubt und fördert kreative Prozesse. Gemachte Erfahrungen erleichtern dabei das „Spiel mit den möglichen Handlungsalternativen“. ​ Prof. Briegel sagt dazu ergänzend: „Wer mehr Erfahrung hat, tut sich vermutlich leichter, einfach weil der Variationsraum größer ist.“ Dieses Modell schließt den Faktor Zufall mit ein. Und die Akzeptanz des Zufallsbegriffs ist Voraussetzung für Entscheidungsfreiheit. Anders als ein Computer, der ja nur festgelegten Programmen folgen kann, ist der „Agent“ frei darin, neue Handlungsalternativen aufgrund seines Erfahrungsreservoirs zu simulieren. Briegel spricht in seinem Modell vom Begriff des „Agenten“, weil das Modell auch für künstliche Intelligenzen gültig sein soll.(16) ​ Der abstrakte Begriff des „Agenten“ kann - übertragen auf das menschliche Gehirn - mit dem eigenverantwortlich handelnden Menschen gleichgesetzt werden. Prof. Briegels' Modell schlägt also eine Brücke zu den scheinbar unvereinbaren Gegensatzpaaren des Naturalistischen Determinismus innerhalb der Neurowissenschaften auf der einen Seite sowie den Denkansätzen des Indeterminismus der Philosophie und der Psychologie auf der anderen Seite. So könnte die moderne Hirnforschung ebenso von den Klarstellungen der Philosophie wie die Philosophen von den Erkenntnissen der Neurowissenschaften profitieren. ​ 9. Schuldig oder nicht schuldig? ​ Diese Frage bleibt also weiterhin nur individuell zu beantworten. In einem indeterministischen Weltbild, das seit je her die Grundlage für unsere Gesellschaft bildet, stößt die Willensfreiheit an ihre Grenzen. Die Freiheit der eigenverantwortlichen Willensentscheidung hat dort ihre Grenze, wo der Einzelne infolge geistig-seelischer Störungen die allgemeinen Normen nicht mehr erfüllen kann. Beim geistig gesunden Menschen wird bei der Frage nach dem richtigen Handeln und damit auch der Schuldfrage gerne auf Immanuel Kant² verwiesen. Kants „kategorischer Imperativ“ ² hat bis heute nichts von seiner Aussagekraft eingebüßt - im Gegenteil: er ist aktueller denn je. Kant mahnt uns Menschen wie folgt: “Handle stets so, dass die Maxime deines freien Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“.(19) ​ Die moderne Neurowissenschaft kann allerdings einen wertvollen Beitrag dazu leisten, im Einzelfall festzustellen, inwieweit ein Gewalttäter Verantwortung für sein Handeln tragen muss; ob er sich strafbar gemacht hat oder nicht. Durch moderne bildgebende Verfahren erweitert die Hirnforschung in entscheidender Weise die Möglichkeiten einer qualifizierten Begutachtung. Im Zusammenspiel mit der Psychologie, der Medizin und der Philosophie hilft sie die Frage nach der Schuld bzw. der Unschuld zu beantworten. Die moderne Hirnforschung versetzt uns in die Lage, die Verantwortlichkeit unseres Handelns ein Stück weit objektiver klären zu können. Die genauen Ursachen für richtiges oder falsches Verhalten im Sinne von strafbarem Verhalten entstehen in einem komplexen Bedingungsgefüge. Gene und Umweltfaktoren beeinflussen sich dabei stets wechselseitig. Ab wann der Mensch nicht in der Lage ist, aus freiem Willen zu handeln, und ab wann er nicht mehr verantwortlich für sein Handeln ist - das bleibt die spannende Frage. Zum Glück sind Gewaltstraftaten nicht die Regel. In den allermeisten Fällen verhalten sich Menschen friedfertig. Ungeschriebene Gesetze, die teils angeborene, teils anerzogene „Gesetze“ des sozialen Miteinanders sind, reichen aus, um friedlich in einer Gemeinschaft zu leben. ​ 10. Wie entsteht Kriminalität und warum ist Kriminalität so weit verbreitet? ​ Viel verbreiteter als die beschriebenen Extremformen krimineller Energie sind z.B. Diebstahl, Betrug oder Einbruch. Diese Formen des strafbaren Verhaltens werden als Alltagskriminalität bezeichnet. Wirft man einen Blick auf die offizielle „Polizeiliche Statistik 2012“, so fällt auf, dass in Deutschland die Diebstähle mit 2,3 Mio. Fällen dominieren.(20) Betrugsdelikte mit ca. 1 Mio. Fällen folgen auf Platz zwei und leichte Körperverletzung mit ca. 400.000 Straftaten auf Platz drei.(20) Auffällig ist die rasant wachsende Zahl der Internetkriminalität und dass Dreiviertel aller Straftaten von Männern verübt werden. Die Tatsache, dass es viele unterschiedliche Straftaten gibt und auch die Anlässe äußerst vielfältiger Natur sind, lässt vermuten, dass es keine einzelne Ursache für kriminelle Handlungen gibt. ​ Was genau unter „kriminellem Verhalten“ zu verstehen ist, ist zudem von Staat zu Staat anders definiert. Während z.B. in einigen Ländern wie den Niederlanden oder auch einigen Bundesstaaten der USA der Verkauf der Droge Marihuana in bestimmten Mengen legal ist, macht sich in den meisten Ländern dieser Welt derjenige strafbar, der mit Marihuana handelt. Ebenso verhält es sich mit der Prostitution. Es kommt also auf die herrschende Rechtsordnung und das kulturell verankerte Rechtsempfinden an. Wie aber entsteht kriminelles Handeln? Die Anfänge der Kriminologie, der Lehre über die Ursachen des Verbrechens, gehen zurück auf den italienischen Arzt und Psychiater Cesare Lombroso(21),der in der Zeit von 1835 bis 1909 lebte. Lombroso gilt als „Vater der Kriminologie“. Er vermutete Zeit seines Lebens biologische Ursachen. Die körperliche Veranlagung für Mord, Totschlag, Diebstahl oder Betrug stand für ihn im Mittelpunkt. ​ War es eher die Schädelform? Zusammengewachsene Augenbrauen? Oder waren es etwa Tätowierungen, die auf eine verbrecherische Veranlagung hindeuteten? Diesen und vielen ähnlichen äußerlichen Merkmalen schenkte der Psychiater besondere Beachtung. Mal waren die Ohrläppchen auffällig – mal die Fingernägel.(21) Im Laufe der Jahrzehnte gab es immer wieder neue Ansätze, Verbrechen biologisch erklären zu wollen. Auch wenn Lombrosos' Theorien im Einzelnen späteren wissenschaftlichen Überprüfungen nicht standgehalten haben, so ist sein Ansatz bis heute aktuell. Die heutigen neurowissenschaftlichen Methoden erlauben es, krankhafte Veränderungen des Gehirns oder neurochemische Auffälligkeiten nachzuweisen. Der Historiker Peter Becker vom Wiener Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie äußert sich daher überzeugt zum hohen Stellenwert der Neurowissenschaften. In einem Interview des österreichischen Wissenschaftssenders science.ORF.at sagt Becker ²: “In den USA arbeiten Richter bereits mit Neurowissenschaftlern zusammen, um mögliche biologische Ursachen für das Vergehen von Verbrechen zu finden. Die Neurowissenschaften wollen neue Einblicke geben, was jemanden dazu veranlasst, eine Gewalttat zu begehen.“(21) Allerdings führen geistige und psychische Erkrankungen nicht zwangsläufig zu Kriminalität. Sie begünstigen kriminelle Handlungen. Die meisten Straftaten gehen auf das Konto so genannter normaler Menschen und hierfür gibt es eine Reihe von Erklärungstheorien: ​ Die Entwicklungstheorie Ca. ein Viertel aller Straftäter sind Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende. In dieser Altersklasse bis 21 Jahre überwiegen leichte Delikte wie Ladendiebstahl, Schwarzfahren, Sachbeschädigungen, Drogenmissbrauch oder leichte Körperverletzung. Diese hohe Anzahl leichterer Straftaten bei jungen Menschen kann nicht primär mit Besonderheiten erklärt werden. Vielmehr sind diese „Jugendsünden“ im Regelfall als Ausdruck einer Identitätssuche zu werten. Kinder und Jugendliche müssen Grenzen austesten. Dieses Austesten verläuft nicht immer harmonisch. Riskantes Verhalten dient dazu, seine eigenen Grenzen kennen zu lernen oder Mutproben zu bestehen, um Anerkennung zu finden. Die Gesellschaft und das gesamte soziale Umfeld tragen mit Verantwortung dafür, dass Jugendliche den rechten Weg finden. Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson(22) beschäftigte sich ein Leben lang mit den menschlichen Entwicklungsstufen. Er wurde weltbekannt durch sein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung(22). ​ Erikson beschreibt das Risiko für Jugendliche, auf die „schiefe Bahn“ zu geraten, wie folgt: “Wenn die Gesellschaft der Einfachheit halber einen jungen Menschen kurzweg als Verbrecher behandelt, dann kann es wohl geschehen, dass der betreffende junge Mensch, der wegen seiner sozialen Grenzsituation sowieso schon nahe daran sein mag, ein negative Identität zu wählen, jetzt seine ganze Energie daransetzt, eben das zu werden, was die lieblose und furchtsame Gesellschaft von ihm erwartet.“(23) Im Sinne einer self-fullfilling-prophecy können die sozialen Verhältnisse also dazu beitragen, dass aus einer Einzeltat eine kriminelle Karriere erwächst. ​ Die Sozialisationstheorie Wenn Straftaten sich bei Kindern und Jugendlichen häufen, sind oft Sozialisationsdefizite zu beobachten. Dann fehlten im Regelfall dauerhafte Bezugspersonen in der Kindheit. Urvertrauen zu anderen Menschen konnte nie aufgebaut werden. Die Gewissensbildung, also das Erlernen von Recht und Unrecht, konnte sich nie entwickeln. Auch falsche Erziehungsmethoden wie Überbehütung und Verwöhnung, Inkonsequenz; Hartherzigkeit oder Verwahrlosung können Fehlentwicklungen bedingen, die kriminelles Verhalten fördern. Eine gelingende Sozialisation kann auch durch äußeren Druck gefährdet sein, z.B. durch Dauerarbeitslosigkeit oder Scheidung der Eltern oder Armut generell. ​ Die Lern- und Aggressionstheorie Kriminalität kann schlicht und ergreifend auch erlernt werden. Vater, Mutter, Bruder oder Schwester oder Freunde machen vor, wie man stiehlt. Auf diese Weise lernt der Jugendliche, dass Kriminalität sich lohnt. Oft wird Gewaltanwendung auch als probates Durchsetzungsmittel für eigene Interessen von Bezugspersonen vorgelebt. Täter, die in ihrer Kindheit Opfer waren, neigen im Erwachsenenalter ebenfalls dazu, selbst in die Rolle des Gewalttäters zu schlüpfen. Kriminalität wird quasi auch eingeübt durch „Vorbilder“. Wenn es allgemein zum Alltag gehört zu stehlen oder jemanden zu erpressen, wie es in vielen Armutsregionen der Fall ist, gehört kriminelles Verhalten zum Überleben dazu. Im Zusammenhang mit der Lerntheorie wird auch häufig die „Aggressionstheorie“ genannt. Es ist jedoch strittig, ob es sich bei der „Aggressionstheorie“ um eine eigenständige Theorie handelt. Aggressives Rollenverhalten folgt im Regelfall schließlich auch entsprechenden Vorbildern und ist daher erlernt. ​ Die Etikettierungstheorie Der Ansatz der Etikettierungstheorie geht nicht primär vom abweichenden Verhalten des Täters aus. Vielmehr wird das Handeln erst dadurch als kriminell bezeichnet, dass es per Gesetz oder Justiz als kriminell definiert wird. Beispiele für diese Etikettierung oder oft auch mit der englischen Übersetzung als „labeling approach“(24) umschriebene Theorie sind z.B. sexuelle Verhaltensweisen, die als gesetzeswidrig angesehen werden. Homosexualität wird bis heute in vielen Staaten strafrechtlich verfolgt. In fundamentalistisch geprägten Gesellschaften wird der Ehebruch durch die Ehefrau immer noch mit dem Tod bestraft. Die Gesellschaft „etikettiert“ bzw. „ächtet“ bestimmte Verhaltensweisen, um die vorherrschende Ordnung zu erhalten. Abweichler werden ausgegrenzt und aufs härteste verfolgt und bestraft. 11. Welchen Einfluss haben die Medien bei der Entstehung krimineller Handlungen? ​ Baut das Miterleben von Gewalt und Kriminalität Aggressionen eher ab, sozusagen als Ventil oder werden die Nutzer der Medien eher aggressiver? Durch das fiktive Miterleben von Gewalt könnte die negative Energie abgebaut werden. Die Medien, sei es das Fernsehen, Kino oder das Computerkriegsspiel schaffen ein stellvertretendes Gewalterlebnis. Im Sinne einer inneren Reinigung könnte das eigene aggressive Potential sich verkleinern. Die Gewaltwirkungsforschung stellt zu dieser Theorie jedoch fest, dass bislang niemand friedfertiger und konfliktfähiger geworden sei durch den Medienkonsum.(26) Vielmehr geht die Gewaltwirkungsforschung davon aus, dass mediale Gewaltdarstellungen stimulierend wirken können. Ob diese Stimulation jedoch grundsätzlich gewaltbereiter macht, ohne eine entsprechende angelegte Gewaltneigung - diese Frage ist nicht zu beantworten. Sportübertragungen oder Erotikfilme können Aggressionen auch positiv beeinflussen. (32) Es hängt also auch vom Inhalt des Dargebotenen ab, inwieweit Medien kriminelles Verhalten fördern oder präventiv wirken. Eine andere Frage, mit der sich die Gewaltwirkungsforschung beschäftigt, ist: Stumpft der Mensch ab durch Gewalt in den Medien? Alltagserfahrungen von z.B. Eltern, Lehrern oder Erziehern lassen den Schluss zu, dass Kinder und Jugendliche sich in gewisser Weise an mediale Gewalt gewöhnen. Es kommt jedoch sehr auf die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen an, ob der dauerhafte Gewaltkonsum tatsächlich auch zu negativen Verhaltensänderungen führt. Schaut man auf die sich in den vergangenen Jahren immer mehr häufenden Amokläufe von Jugendlichen, so findet man stets ein ganzes Faktorenbündel vor. Meist bildet der Amoklauf den Schlusspunkt einer jahrelangen Fehlentwicklung, die gekennzeichnet ist durch Kränkungen, Vernachlässigung, Mobbing oder anderen Frustrationserlebnissen. Der Konsum medialer Gewaltvorbilder ist eher eine Begleiterscheinung und kann den Jugendlichen unter ungünstigen Bedingungen bestärken in seinem Vorhaben. Als alleinige Ursachenerklärung reicht die Konfrontation mit Gewalt im Fernsehen bzw. Computerspielen nicht aus. ​ 12. Welchen Nutzen haben diese Theorien in der Praxis ​ Verbrechen sollen nicht abgewartet werden, sondern verhindert werden. Insofern setzen alle vorgestellten Theorien - mit Ausnahme der „Etikettierungstheorie“ - bei den Ursachen an; sie sollen den Wissensstand über den Ursprung krimineller Verhaltensweisen verbessern. Darauf aufbauend sollen entsprechend effiziente Strategien und Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung entwickelt werden: Es ist besser, soziale Kompetenzen im Kindergarten und der Schule zu erlernen, als später Gewalttäter zu therapieren. Es ist besser, Familien, die durch Scheidung, Arbeitslosigkeit oder Krankheit in soziale Not geraten sind, in der Lebensführung und Erziehung zu unterstützen als abzuwarten, bis Jugendliche in die Kriminalität abrutschen. ​ Die Grundidee der Kriminalitätsprävention ist nicht neu. Gleichgültig, ob man auf nationale oder internationale Projekte und Initiativen moderner Verbrechensvorbeugung schaut - immer wieder wird der bedeutende italienische Strafrechtsreformer Cesare Beccaria(27) zitiert. Der studierte Rechtswissenschaftler und -philosoph Beccaria schuf mit seinem Lebenswerk die Grundlage für Reformen des Strafrechts in ganz Europa. Beccaria lehnte die Todesstrafe ab. Sein vom Geist der Aufklärung geprägtes Gedankengut fand zunächst jedoch nicht überall Zustimmung. Immerhin so namhafte Denker wie Kant, Goethe, Hegel oder Fichte sprachen sich seinerzeit für die Todesstrafe und damit gegen den Strafrechtsreformer aus. ​ Trotzdem setzte sich Beccarias' Grundsatz „Verbrechen besser vorzubeugen als später bestrafen zu müssen“ ebenso durch wie die Idee „Gesetzesbrecher angemessen zu behandeln - die Strafe sollte niemals in Tyrannei ausarten“ (33). Beccaria wollte damit verhindern, dass Gesetzesbrecher willkürlich bestraft werden konnten. Der Staat solle nur das Strafmaß verhängen, das erforderlich sei, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.(28) ​ 13. Wie funktioniert die moderne Verbrechensbekämpfung? ​ Auch nach 250 Jahren gelten Beccarias' Thesen als beispielhaft in der modernen Verbrechensbekämpfung. Auf der europaweit angesehenen, nach dem Begründer der modernen Kriminologie benannten „Beccaria-Konferenz“³ wurden 2005 in Hannover die Kernpunkte einer effektiven Kriminalitätsvorbeugung festgelegt. International renommierte Kriminalitätsforscher hatten sich in diesem Forum zum Ziel gesetzt, der „Vision einer besseren Qualität in der Kriminalprävention“(29) ein Stück näher zu kommen. Wissenschaftler und Praktiker diskutierten innerhalb dieses Forums u.a. die folgenden Kernpunkte: Was hilft wirklich? Welche Kenntnisse über Risikofaktoren benötigen wir? Ist die Wirkung der Präventionsprojekte nachweisbar? Wie kann die Wissenschaft praxisnah und regional helfen? Stellvertretend für alle Konferenzteilnehmer und wohl wissend, dass Kriminalität stets multifaktoriell bedingt ist, erläuterte der renommierte Rechtswissenschaftler Prof. Paul Ekblom(30) von der University of Arts in London sein „Five Is - Good Practice“ - Konzept zur Kriminalitätsreduzierung. Nach Ekblom sollte dieses Modellkonzept die folgenden methodischen Vorgehensweisen beinhalten. Jedes der fünf „Is“ steht für eine Vorgehensweise: Intelligenter Umgang mit Informationen über Risiken, Ursachen, Folgen von Kriminalitätsproblematiken. Intervenieren - überall dort, wo Ursachen und Risiken ersichtlich sind. Schutzfaktoren stärken. Implementation neuer wissenschaftlich fundierter Verfahrensweisen in die Praxis. Insertion: Einbindung von Agenturen und Medien in der Aufklärungsarbeit. Impact and process- evaluation. 14. Wie schütze ich mich selbst vor Gewalt und Verbrechen? ​ In der Kriminalprävention werden drei Ebenen unterschieden: Die Primärprävention Die Sekundärprävention und Die Tertiärprävention. In jeder einzelnen Ebene wird noch einmal differenziert zwischen Täter, Situation und Opfer. Primärpräventive Maßnahmen zielen darauf ab, universell und allgemein alle Ursachen für mögliche Verbrechen zu beseitigen. IIn Bezug auf den Täter können das z.B. Drogenpräventions-Kampagnen und Sport-gegen-Gewalt-Kampagnen sein. ​ Situationsbezogene Prävention kann darin bestehen z.B. in der Städteplanung Slums zu sanieren oder den Verkauf von Waffen zu kontrollieren. Ein Beispiel für eine opferbezogene Maßnahme kann „Sexuelle Aufklärungsarbeit“ in der Schule oder das Angebot von Selbstverteidigungskursen sein.(32) Sekundärpräventive Maßnahmen schließen alle Verfahrens- und Verhaltensweisen ein, die ganz konkret und gezielt Verbrechen verhindern sollen. In Sachen „Drogenprävention“ sind das z.B. Suchtberatungsstellen, bei Diebstahlvorbeugung z.B. Alarmanlagen oder Wegfahrsperren, und beim Opferschutz könnte der Einsatz von schusssicheren Westen sinnvoll sein.(32) Die letzte Ebene – die sogenannte Tertiärprävention(32) umfasst alle Maßnahmen, nachdem die Straftat begangen wurde. Im Bereich der täterbezogenen Tertiärprävention könnte das die Verhängung der Strafe sein. Im Bereich der situationsbezogenen Prävention die Beschlagnahmung des Diebesguts und im Rahmen der opferbezogenen Prävention die Einrichtung eines Notrufs für vergewaltigte Frauen. ​ Fazit: Die vielschichtigen Ursachen von Gewalt und Kriminalität erfordern einen multifaktoriellen Forschungsansatz, dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Bereits seit der Aufklärung setzt sich immer mehr der Gedanke durch, dass Verbrechen und Gewalt bereits im Vorfeld im Sinne einer Prävention verhindert werden müssen. Die Kriminalitätsprävention ist und bleibt daher die beste Art, Verbrechen zu bekämpfen - nämlich dadurch, dass Verbrechen erst gar nicht begangen werden! Die moderne Hirnforschung gewinnt dabei immer mehr an Bedeutung. Sie hilft bei der Beantwortung der Frage, ob ein Täter verantwortlich, also schuldig - oder nicht verantwortlich und damit nicht schuldig für seine Tat ist. Bei allen Taten, den guten wie den schlechten, die ein Mensch begehen kann, sollte stets der von dem großen Dichter Bernhard Shaw(33) formulierte Grundsatzgedanke bedacht werden: “Eines der traurigsten Dinge im Leben ist, dass ein tüchtiger Mensch viele gute Taten tun muss, um zu beweisen, dass er tüchtig ist, aber nur einen Fehler zu begehen braucht, um zu beweisen, dass er nichts taugt!“

  • Das Gehirn braucht Vorbilder

    Warum Eltern, Lehrer und Vorgesetzte so eine enorme Bedeutung für die Entwicklung des menschlichen Gehirns haben. Inhaltsverzeichnis 1. Gibt es in der Gegenwart überhaupt noch „echte Vorbilder“? 2. Die Rolle der Eltern und anderer enger Bezugspersonen 3. Warum der Sport so häufig als Vorbild herhalten muss 4. Mit welchen Mitteln versuchen uns unsere Chefs vorbildhaftes Verhalten zu vermitteln? 5. Können Vorbilder unsere Gehirnentwicklung beeinflussen? Wie spüren wir die Wirkung? 6. Kleine Zellen – große Gefühle: Die Spiegelneuronen 7. Wie können Eltern, Lehrer und Vorgesetzte sich das „Spiegelneuronen-Resonanzsystem“ zunutze machen? 8. Gehirnentwicklung durch gelingende Beziehungen – das Social Brain 9. Wie kann ich selbst zu einem Vorbild werden? Das Gehirn braucht Vorbilder Warum Eltern, Lehrer und Vorgesetzte so eine enorme Bedeutung für die Entwicklung des menschlichen Gehirns haben. ​ 1. Gibt es in der Gegenwart überhaupt noch "echte Vorbilder"? ​ Manager und Banker fälschen Bilanzen, damit sie höhere Bonuszahlungen erhalten. Präsidenten und Politiker treten reihenweise zurück wegen ihrer Affären, Priester vergehen sich an ihren Schutzbefohlenen, Ärzte und Apotheker betrügen Krankenkassen. Kapitäne stellen sich nicht ihrer Verantwortung und verlassen als erste das sinkende Schiff, und Sportprofis fahren im Suff Luxusschlitten zu Bruch. ​ An diese oder ähnliche Schlagzeilen haben wir uns längst gewöhnt. Die Liste des Fehlverhaltens der sogenannten gesellschaftlichen Elite ließe sich beliebig fortsetzen. Die Frage, ob es überhaupt noch Menschen gibt, die bereit sind, öffentlich als Vorbild Verantwortung zu übernehmen, ist also mehr als berechtigt. Längst jagt ein Skandal den nächsten. Es scheint stets nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die Medien das Fehlverhalten einzelner Verantwortungsträger oder ganzer Berufsgruppen aufdecken. Gibt es tatsächlich keine allgemeingültigen tugendhaften Verhaltensweisen mehr, die als Leitbild dienen? Oder ist der Blick der Öffentlichkeit geschärft, weil wir heutzutage aufgrund neuer medialer Technologien nahezu gläsern geworden sind? Wahrscheinlich trifft beides zu - in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels, die das Menschenbild in Frage stellen, geraten tradierte Wertvorstellungen ins Wanken. Positive wie negative Verhaltensweisen finden nicht mehr wie früher durch das geschriebene Wort gefiltert Verbreitung, sondern werden durch die neuen Medien quasi in Echtzeit live unters Volk gebracht. So bleibt kein noch so kleiner Versprecher eines Politikers oder keine peinliche Geste eines Prominenten unentdeckt. Big Brother lässt grüßen! Wie wichtig jedoch allgemeingültige Normen und Vorbilder für die Entstehung und erfolgreiche Entwicklung neuer gesellschaftlicher Gefüge und letztlich auch für den Einzelnen sind, zeigt z.B. die Gründungshistorie der USA. ​ Bereits im Jahre 1775 verfasste Thomas Paine1, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika und bis heute Zitatengeber für den amerikanischen Präsidenten Barack Obama, einen vielbeachteten Aufsatz mit dem Titel „Common sense“. In seinem Essay forderte er u.a. die Abschaffung der Sklaverei und die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien durch die Einführung eines demokratischen Regierungssystems. Als Grundlage für diesen neuen Staatenverbund setzte sich der einflussreiche Paine für die Etablierung allgemeingültiger Menschenrechte und moralischer Werte ein. „Common Sense“ errang in dem damaligen Amerika einen überwältigenden Erfolg Aufgrund von Thomas Paines Initiative wurde die neue Nation „Vereinigte Staaten von Amerika“ genannt. Die Idee war, eine neue gerechtere Gesellschaftsordnung zu schaffen, die durch Werte wie Freiheit, Solidarität, Chancengleichheit und den Willen zu ehrlicher und harter Arbeit geprägt sein sollte. Diese sogenannten Werte des „American Dream“ dienen bis heute als vorbildhaft in der westlichen Welt. Die Definition allgemeingültiger moralisch-ethischer Werte mit Vorbildcharakter zur Schaffung einer gerechteren Gesellschaftsform ist also kein neuer Ansatz, sondern einer mit Tradition. ​ Die vielfältigen täglichen Verstöße gegen die „Common sense“ -Idee eines vorbildlichen sozialen und gesellschaftlichen Verhaltens zeigen, dass es andere im Menschen selbst angelegte Faktoren geben muss, die menschliches Verhalten positiv wie negativ beeinflussen. Wenn schon wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, qualifiziert durch angesehene Berufe oder besondere Leistungen, oft menschlich so wenig als Vorbild für Kinder und Jugendliche taugen - woran sonst können sich Heranwachsende orientieren? ​ 2. Die Rolle der Eltern und anderer enger Bezugspersonen ​ Die wichtigsten Theorien über die Funktion von Vorbildern basieren auf Sigmund Freud2, dem weltbekannten Wiener Seelenforscher und Begründer der Psychoanalyse. Laut Freud handelt es sich bei der Vorbildsuche um einen psychodynamischen Prozess, bei dem das eigene „Ich“ an ein ideales „Vorbild-Ich“ angeglichen werden soll. Diesen Angleichungsprozess nennt Freud „Identifikation“. Das „Kindheits-Ich“ ahmt Verhaltensweisen der Eltern oder anderer enger Bezugspersonen nach. Es identifiziert sich selbst über „fremdes Verhalten“. Kleine Kinder versuchen mittels Identifikation mit ihren Eltern innerpsychische Konflikte, z.B. die Frage, was richtig oder falsch ist, zu lösen. Sie versetzen sich quasi in die Rolle der Bezugsperson. Dafür braucht es Empathie. Erst später, wenn Heranwachsende ihre eigenen Verhaltensweisen reflektieren können, wird das Verhalten der Bezugspersonen kritisch hinterfragt. Anstelle der Eltern treten dann alternative Vorbilder. Die Identifikation mit diesen „Jugend-Idolen“ läuft meist unterbewusst ab. Eigenschaften werden nicht eins zu eins übernommen, sondern situationsabhängig „aufgerufen“ - je nach dem, was gerade angesagt ist. Die Wahl eines oder mehrerer Vorbilder hängt in dieser Phase eng mit dem sozialen Umfeld des Jugendlichen zusammen. ​ Versuchen Erwachsene, den Kindern bzw. Jugendlichen bestimmte Personen oder sich selbst „schmackhaft“ zu machen, erreichen sie im Regelfall genau das Gegenteil. Bei Eltern, die stolz auf ihre „saubere und ordentliche“ Wohnung sind, „vergessen“ Kinder dann gerne mal, ihr Zimmer aufzuräumen oder sich zu waschen. Bei Lehrern, die mit ihrer „Pünktlichkeit“ angeben, „verpassen“ Schüler gerne mal den Bus und erscheinen zu spät zum Unterricht. An welchen Vorbildern Kinder und Jugendliche sich orientieren – dieses Thema kann nicht einfach gelehrt oder unterrichtet werden. Vielmehr ist es ein immanenter Prozess. Vorbildliches Verhalten wird subtil wahrgenommen. Kinder und Jugendliche verfügen über ein feines Gespür für Authentizität. Sie erwarten zwar keine perfekten oder fehlerlosen Bezugspersonen, aber sie orientieren sich an Menschen, die lösungsorientiert mit den Unwägbarkeiten des Lebens umgehen. Zuweilen bietet der Alltag eben die ganze Palette an Chaos und Missgeschick. Junge Menschen brauchen lebenstaugliche Beispiele dafür, wie Schwierigkeiten gemeistert werden können, anschauliche Bewältigungsmuster und Verhaltensweisen, die sie selbst auf ihre Situation anwenden können. Ihre eigenen Grenzen noch nicht kennend, dienen ihnen Eltern und Lehrer als „Sparringspartner“ und gleichfalls als Blaupause bei dem Ringen um die beste Lösung. ​ Eltern, Lehrer, Trainer und Vorgesetzte erfüllen dann am besten ihre Vorbildfunktion, wenn sie sich selbst an die Grundsätze halten, die sie von den ihnen anvertrauten Kindern, Schülern oder Mitarbeitern erwarten. Bereits der bedeutende Philosoph und Staatsmann Seneca3 hatte in der Antike diesen Zusammenhang erkannt und wie folgt auf den Punkt gebracht: “Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und wirksam durch Beispiele.“ Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind die wichtigsten Voraussetzungen für nachahmenswertes Verhalten. ​ 3. Warum der Sport sich so häufig als Vorbild herhalten muss Die oft zitierte Orientierungslosigkeit und Werteverschiebung innerhalb der heranwachsenden Generation führt zu einer intensiven Sehnsucht nach echten Idolen. Im Sport wird demonstriert, wie harte Arbeit, Leistung und Erfolg anerkannt und belohnt werden. Die Regeln sind transparent - das Fairplayprinzip gilt gleichermaßen für Sieger wie Verlierer. Die klare Zielorientierung und messbare Ergebnisse wirken sehr motivierend. Nirgends liegen Glück und Unglück durch Sieg oder Niederlage so eng beieinander wie beim sportlichen Wettkampf. Mancher unerwartete Sieg oder Rekord wirkt wie ein „kleines Wunder“ – wir sind überrascht und entzückt zugleich vom unwahrscheinlichen Ausgang des Events. Keiner konnte sich 1954 vorstellen, dass Deutschland Fußballweltmeister wird, Niemand hat 1985 damit gerechnet, dass ein 17-jähriger Nobody namens Boris Becker das Tennisfinale von Wimbledon für sich entscheiden könnte. Jeder Motorsportexperte hielt es 1993 für völlig ausgeschlossen, dass der 23-jährige Nachwuchsrennfahrer Michael Schuhmacher einmal zum erfolgreichsten Formel-1 Pilot aller Zeiten aufsteigen würde. Welchen Nutzen haben diese Superstars für unseren Alltag? ​ Die modernen Medien ermöglichen uns hautnah mitzuerleben, wie unser Sportheld Rückschläge wegsteckt, Verletzungen und Schmerzen überwindet und willensstark Siege erringt. Wir identifizieren uns mit unserem „Helden“ oder unserem Lieblingsteam. Wir fiebern mit, trauern bei Niederlagen und bejubeln Siege. Wir beobachten genau die Verhaltensweisen unserer Sportidole, bewundern ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Der schier unbeugsame Wille, selbst in schwierigsten Situationen die richtige Entscheidung zu treffen und sich im Kampf um den Sieg durchzusetzen, fesselt uns. Gerade diese außergewöhnlichen Charaktereigenschaften sind es, weshalb wir unsere Idole lieben. Und immer dann, wenn wir selbst neue Herausforderungen und Aufgaben zu bewältigen haben, hilft uns der Gedanke an unser Idol weiter. ​ Wie hätte unser Vorbild reagiert? Hätte der beste Basketballer aller Zeiten Michael „Air“ Jordan jemals aufgegeben? Mit welchen Mitteln würde er sich motivieren? Unser „Held“ gibt niemals auf, unser Vorbild betrügt nicht, unser Idealbild eines Sportlers trainiert härter als die Konkurrenz und bleibt stets bescheiden. Die Identifikation mit diesen fast schon übermenschlichen Charaktereigenschaften stärkt uns. Wir haben den Eindruck, dass der Prozess der Identifikation uns selbst zu einem besseren Menschen macht. Und dieser Eindruck täuscht nicht. Sportidole können dazu dienen, sich bestimmte Charakterzüge wie etwa Optimismus, Durchsetzungsstärke oder Mut abzuschauen. Sie zeigen uns, wie sportliche Wertvorstellungen auch in anderen Lebensbereichen wie Beruf oder Familie sehr hilfreich sein können. Unsere Persönlichkeit und zuvorderst unser Gehirn als oberste Steuerzentrale wird geprägt durch die Identifikation mit herausragenden Persönlichkeiten. Was im Leben möglich erscheint, das haben unsere Vorbilder bereits erreicht. Und selbst wenn wir niemals so genial rechnen können, wie z.B. ein Albert Einstein es vermochte, oder niemals so außergewöhnlich malen können wie Picasso, so hilft uns ein Blick auf deren Lebenswerk weiter - als inspirative Quelle, unsere eigenen verborgenen Talente zu entdecken und weiterzuentwickeln! ​ 4. Mit welchen Mitteln versuchen uns unsere Chefs vorbildhaftes Verhalten zu vermitteln? ​ Die Grundidee der sportlichen Leistungsoptimierung und des Erreichens eines großen Ziels ist nahezu eins zu eins übertragbar auf ökonomische Ziele. Auch in Wirtschaftsunternehmen herrscht das Leistungsprinzip. Bessere Leistung = mehr Umsatz, lautet die Formel Der Sport ist zu einem Massenphänomen geworden. Sein Sieg- oder Niederlage-Schema ist für jedermann verständlich. Mit dem gesteigerten Interesse an Sportikonen, die zum Teil über einen weltweiten Bekanntheitsgrad verfügen, hat sich der Werbewert von TV-Übertragungen im Spitzensport in einen dreistelligen Millionenbereich hineinkatapultiert. Mit dem Titel der besten Vereinsmannschaft Europas im Gepäck lässt es sich beim FC Bayern München z.B. eben viel leichter mit Wirtschaftsunternehmen über Sponsorengelder verhandeln als ohne. Der Titel des Champions League Siegers steht für Durchsetzungsstärke, Teamgeist und Erfolgsorientierung; allesamt Tugenden, die in Gesellschaft und Wirtschaft ein hohes Ansehen genießen. ​ Der Phantasie der Marketingabteilungen, wie „Sporthelden“ mittels Werbeslogans ins rechte Licht gesetzt werden können, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Der Verkauf von Merchandisingartikeln und Sportbekleidung lässt sich am besten durch erfolgreiche Sportler ankurbeln – „The Winner takes it all!“ Die gesellschaftliche Vorbildfunktion des Sports wirkt sich also direkt auf erhöhte Umsätze aus. Welchen Nutzen ziehen Chefs noch aus den Tugenden des Sports? Mitarbeiter orientieren sich grundsätzlich an ihren Vorgesetzten des Unternehmens, Sportprofis an den Vorgaben ihrer Trainer. Ob Chefs bzw. Trainer es wollen oder nicht, sie befinden sich stets auf dem Präsentierteller. Im Guten wie im Schlechten prägen ihre Verhaltensweisen die Unternehmenskultur. Fehlen Vorbilder, kommt es über kurz oder lang zur Desorientierung und Demotivation. ​ Um erfolgreich zu sein, braucht jedes Team und jedes Unternehmen verbindliche Verhaltensregeln. „Wie der Herr, so das Gescherr“ oder „der Fisch stinkt zuerst am Kopf“, das sind Volksweisheiten, die jeder kennt. Sie beschreiben den Zusammenhang zwischen mangelnder Führungskompetenz und den Problemen, die sich daraus in der Belegschaft ergeben. Trotzdem kann kein Chef oder Coach in allen Verhaltensbereichen als Vorbild herhalten. Zu groß sind inzwischen die Erwartungen und teilweise gegensätzlichen Anforderungen an Führungspersönlichkeiten. Sie sollen gleichzeitig empathisch im Umgang mit dem anvertrauten Personal, knallhart in der Erreichung der Zielvorgaben und darüber hinaus auch noch eloquent im Umgang mit den Medien sein. Jeder Mensch kann in seinem Bereich ein Stück weit als Vorbild gelten! Selbst die Toilettenfrau im Hotel, die ihren Job mit Anstand, Würde und Freude macht, kann ein Vorbild sein. Authentizität und die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Kommunikation sind Schlüsselqualifikationen, die vorrangig von Mitarbeitern eingefordert werden. Erfolgreiche Mitarbeiter oder ehemalige Spitzensportler befördert man häufig aufgrund ihrer guten Leistungen auf den Chefsessel. Dort scheitern sie dann oft, weil sie mit der neuen Rolle überfordert sind. Viele nach oben strebende Jungmanager glauben, dass Führungskräfte oder Chefs einen höheren Stellenwert haben als einfache Angestellte oder Arbeiter. Der Aufstieg auf der Karriereleiter ist dann leider oft mit einem Abstieg auf der Leiter der sozialen Kompetenz verbunden. Der Machtzuwachs befördert leider eben auch die Schattenseiten eines Menschen zu Tage. Bereits Abraham Lincoln4, dem 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, war dieses Phänomen bestens bekannt. Sein berühmtes damaliges Wort gilt heute mehr denn je: “Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ ​ Insbesondere die Wettbewerbsorientierung des Sports wird in nahezu allen Unternehmen als Instrument der Motivationsförderung herangezogen: Incentivreisen und Events sollen das Wir-Gefühl stärken. Abteilungswettbewerbe, Umsatzranglisten oder Bonuszahlungen sollen als Motivationsanreiz dienen. Und die öffentliche Auszeichnung herausragender Mitarbeiter soll die Geehrten hervorheben und allen anderen signalisieren, was möglich ist. Vorbildliche Führungskräfte oder Coaches sollen den Mitarbeitern Wege aufzeigen, ihr Potential zu optimieren. Der ehemalige Nationalspieler und Weltmeister Jürgen Klinsmann versprach bei seinem Dienstantritt beim FC Bayern München, dass er es als seine vorrangige Aufgabe ansehe, „jeden Spieler jeden Tag ein Stück weit besser zu machen“. Eine Aufgabe, der sich auch jeder Chef gegenüber seinen Mitarbeitern stellen sollte. ​ 5. Können Vorbilder unsere Gehirnentwicklung beeinflussen? ​ Die große Bedeutung von Vorbildern ist unstrittig. In der Tierbiologie sind es Prägungsvorgänge, die von der Elterngeneration vorgelebt, artgerechte und „vorbildhafte“ Verhaltensweisen bei den Jungtieren anbahnen und durch Wiederholung verfestigen. In der menschlichen Verhaltenspsychologie ist es das „Lernen am Modell“. Die Identifikation mit nachahmenswerten Verhaltensweisen prägt uns. Sicher haben Vorbilder einen großen Einfluss auf die Entwicklung unser Gehirn. Unser Gehirn existiert jedoch nicht im luftleeren Raum. Es ist zweifellos das wichtigste Organ des menschlichen Organismus. Vorbilder und soziale Bindungen oder innere physiologische Einflüsse wie eine ausreichende Durchblutung bzw. Sauerstoffversorgung sind nur einige Beispiele, wie komplex die Faktoren sein können, die die Hirnentwicklung beeinflussen. ​ Das Gehirn selbst kann nicht fühlen. Es bedarf peripherer Messfühler, so genannter „somatischer Marker“, die über Emotionen wie Freude, Trauer oder Wut Feedback geben. Körperwahrnehmungen vermitteln uns ein Gefühl für richtige oder falsche Entscheidungen. Noch bevor der Verstand die Situation analysiert hat, stellt sich in Bruchteilen von Sekunden unser Bauchgefühl ein. Uns schwillt der Kamm, wenn wir wütend sind. Wir gehen mit breiter Brust in einen Wettkampf, und uns rutscht das Herz in die Hose vor Aufregung – solche oder ähnliche Metaphern drücken anschaulich unsere Empfindungen aus. Der somatische, d.h. körperlich spürbare Entscheidungsprozess ist evolutionär gesehen der älteste. Notwendigerweise läuft er unvermittelt und automatisch ab. In Urzeiten mussten unsere Vorfahren in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob sie einem Feind oder Freund gegenüberstanden. Die Zeit zum Reflektieren und Abwägen war nicht gegeben. Wer zögerte und noch erst nachdenken wollte, lief im wahrsten Sinne des Wortes Gefahr, gefressen zu werden. „Fight or flight“, war die beste Überlebensstrategie. Noch heute springt im zivilisierten Menschen dieses System unterbewusst bei extremem Stress ein. Wenn die Stresshormone Adrenalin und Cortisol unser Gehirn z.B. bei Todesangst überfluten, gilt das urzeitliche Überlebensprinzip. ​ Auch in weniger bedrohlichen Situationen werden Erfahrungen, die im Großhirnbereich abgespeichert sind, durch körperliche Empfindungen bzw. „Marker“ aktiviert. Der weltbekannte Hirnforscher und Direktor des Department of Neurology an der Universität von Iowa (USA) Antonio Damasio5 hat für diesen psychophysischen Vorgang den Begriff des „somatischen Marker“ geprägt. Damasio wies wissenschaftlich nach, dass rationale Entscheidungen stets aufgrund körperlicher Empfindungen zustande kommen. Gefühlsneutrale Erinnerungen verblassen schnell – gefühlsintensive Erfahrungen hingegen hinterlassen nicht nur im Gehirn, sondern auch rein körperlich einen bleibenden Eindruck.Diese psychosomatischen Zusammenhänge verdeutlichen, dass es „die“ Hirnforschung, die sich ausschließlich mit der Anatomie oder Physiologie unseres Gehirns beschäftigt, als isolierte Wissenschaft eigentlich gar nicht gibt. Die Erforschung des Gehirns ist stets eine gemeinschaftliche Aufgabe, die nur durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Biologen und Biochemikern, Medizinern, Psychologen, Philosophen oder Physikern sinnvoll angegangen werden kann. Die rasante Entwicklung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse basiert in erster Linie auf der verbesserten Technik bildgebender Verfahren wie z.B. des fMRT, der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie, oder des EEG, der Elektro- Enzephalografie. ​ Durch die moderne Hirnforschung sind wir in der Lage, dem Gehirn quasi bei der Arbeit zuzuschauen; allerdings gelingt es uns „nur“, einen Blick auf die zugrunde liegenden Stoffwechselprozesse zu werfen. Für die Inhalte von Denkprozessen gibt es bislang keine apparativen Messverfahren. Gedankliche und emotionale Vorgänge prägen allerdings durch elektrisch und biochemisch vermittelte Impulse die Hirnentwicklung. Die konkrete Fragestellung zum Thema, wie Vorbilder auf unser Gehirn Einfluss nehmen, müsste also heißen: Welche neurobiologischen Effekte haben Vorbilder für unsere Persönlichkeitsentwicklung? Bei der Beantwortung dieser Frage muss das körperliche Empfinden mit eingeschlossen werden, weil die Art und Weise, wie Gedanken und Gefühle wahrgenommen werden, erheblich mit zur Prägung unseres Gehirns beiträgt. Ein Vorbild besitzt Tugenden, die wir nicht oder nicht in dem gewünschten Ausmaß an uns selbst feststellen können. So entsteht die Sehnsucht, den Status oder eine Charaktereigenschaft unseres Idols zu erreichen. ​ Das Gefühl des Motiviertseins, endlich ein langersehntes Ziel zu erlangen, wird u.a. begleitet durch eine erhöhte Freisetzung des Neurotransmitters Dopamin. Einer der weltweit führenden neurowissenschaftlichen Kapazitäten auf dem Gebiet der Gehirnrehabilitation Prof. Ian Robertson6 vom Dubliner Trinity College beschreibt in seinem Buch „Macht - Wie Erfolge uns verändern“ den Einfluss von mächtigen Vorbildern auf unsere Hirnchemie. Machtgefühle steigern ebenfalls den Testosteronspiegel. Machthungrige Menschen haben dadurch eine stärker ausgeprägte Libido. Der Hirnforscher Robertson sieht seine These aufgrund zahlreicher Studien bestätigt: “Macht ist ein Aphrodisiakum, manchmal verlieren Politiker sogar die Kontrolle.“ Erfolgs- und Machtgefühle aktivieren demnach das hirneigene Belohnungsnetzwerk. Dopamin wird in hohen Mengen ausgeschüttet. Schon die Identifikation mit einem mächtigen Menschen reicht aus, um sich selbst größer und stärker zu fühlen - dank Dopamin. Dopamin ist das zentrale Neurohormon, das als so angenehm empfunden wird, dass die meisten Menschen immer mehr davon wollen. Wenn wir spüren, wie bedeutsam ein Ereignis oder eine Begegnung für uns ist, fließt Dopamin. Der renommierte Ulmer Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer7 spricht in diesem Zusammenhang vom „Dopa-mean“ (engl.: to mean = bedeuten). Ein witziges Wortspiel, das gut als “Eselsbrücke“ dabei helfen kann, die „bedeutsame“ Funktion dieses Hormons zu veranschaulichen. Für den bekannten Freiburger Medizinprofessor und Psychotherapeuten Joachim Bauer8 „sorgt Dopamin für Konzentration und mentale Energie und ist das Hormon mit dem stärksten Belohnungseffekt.“ ​ Ist die Begegnung mit unserem Idol zufriedenstellend verlaufen, d.h. wurde unserer Vorfreude und Erwartungshaltung entsprochen, stellt sich ein euphorisches Gefühl ein. Unser Gehirn schickt ausgehend vom limbischen System - dem Gefühlszentrum - zusätzlich Endorphine, d.h. körpereigenen Opiate von Nervenzelle zu Nervenzelle. Schmerzen, Kälte, Hunger oder andere unangenehme Empfindungen scheinen wie weggeblasen. Diese opiatähnlichen Hormone werden bei extremem Stress, Lust oder auch bei starker körperlicher Anstrengung ausgeschüttet. Das Zusammentreffen mit einem Superstar oder mit dem höchsten kirchlichen Würdenträger hat schon so manchen Fan euphorisiert und ihn aller Mißempfindungen entledigt. Dieser positive Stress lässt neue Nervenzellen sprießen. Der Inhaber des Lehrstuhls für Psychologische Physiologie an der Universität Bielefeld Professor Markowitsch9 vergleicht dieses Wachstum mit neuen Verästelungen an Bäumen. Bäume wachsen und gedeihen durch Dünger. Nervenzellen und neue synaptische Verschaltungen werden durch positive Emotionen und Anerkennung in ihrem Wachstum gefördert. Für Markowitsch wirken positive Gefühle zweifach: „Alles, was Balsam für Körper und Seele ist, tut auch unserem Gehirn gut.“ Das Belohnungssystem ist in Gang gesetzt. Das Besondere am dopaminergen System ist, dass es langsamer reift als die anderen Transmitterbahnen. Es braucht nahezu 20 Jahre, bis es sich komplett ausgebildet hat. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Jugendliche vielfältige Aktivitäten und Talente ausprobieren müssen, bevor ihr körpereigenes Belohnungssystem individuell auf entsprechende „Lieblingsbeschäftigungen“ neuronal gebahnt ist. ​ Da die Reifung des dopamingesteuerten Belohnungssystems grundsätzlich wertfrei ist, können auch weniger erwünschte Verhaltensweisen wie das Rauchen, Drogenkonsum, übermäßiger Alkoholgenuss als Vorbild dienen und der eigenen Suchtkarriere den Weg ebnen. Gerade in diesem Punkt ist es wichtig, dass Prominenten - insbesondere den sogenannten „Superstars“ - ihre außerordentliche Verantwortung gegenüber ihren heranwachsenden Fans bewusst ist. Wenn Paris Hilton z.B. dem Zigarettenkonsum öffentlich abschwört und dafür ganz auf die heilende Wirkung eines exotischen Mineralwassers setzt, erreicht ihre Botschaft Millionen ihrer Fans. Der Verzicht auf Zigaretten und der Genuss des gesunden Wässerchens macht plötzlich allen Spaß und schafft Nähe zum Idol. Zudem werden diejenigen weiblichen Teenager, die sowieso schon immer etwas für ihre Gesundheit und Fitness tun wollten, in ihrem Vorhaben gestärkt, endlich damit anzufangen. Bei diesem Bespiel sind Gefühl und Verstand kongruent - Ziel und Motiv der Handlung stimmen überein. Damit besteht eine große Chance, dass dieses vorbildhafte Verhalten zu einem erfolgreichen Trend wird. ​ Ein weiterer sehr gut untersuchter Neurotransmitter ist das Acetylcholin. Acetylcholin ist ein Multitalent. Es ist an Lernprozessen beteiligt, hilft bei der Speicherung von Informationen ebenso wie es vegetative Funktionen steuert. Ein Mangel an Acetylcholin kann auf eine Alzheimersche Erkrankung hinweisen. Diesen Zusammenhang haben Neurowissenschaftler der Universität Köln und des Forschungszentrums in Jülich im Jahre 2009 nachgewiesen¹¹. Das Risiko, an Demenz zu erkranken, wird erhöht durch exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum sowie einen ungesunden Lebenswandel insgesamt. Viele Musikidole aus in den 1960 und -70er Jahren waren für ihren ausschweifenden Lebenswandel bekannt. Sex, Drugs and Rock’n Roll war das Motto. Es ist leicht nachvollziehbar, dass solch exzessives Vorbildverhalten auch einen starken Einfluss auf eine ganze Generation Heranwachsender hatte. Damit können Vorbilder mehr oder minder direkt auf die Entwicklung Millionen von Teenagergehirnen einwirken. ​ Inwieweit es jedoch zu degenerativen Veränderungen der Hirnzellen in späteren Lebensjahren kommt, lässt sich neurowissenschaftlich noch nicht belegen. Günstig wird sich dieses Vorbildverhalten sicher nicht auf die Modulation neuer Synapsen ausgewirkt haben. Altersbedingt pflegen die Rolling Stones, allen voran Mick Jagger inzwischen einen ruhigeren Lebensstil. Es bleibt zu hoffen, dass die „Jugendsünden“ für sie und ihre Fans zumindest gehirntechnisch keine bleibenden Schäden verursacht haben. Last but not least sorgt das serotonerge Botenmolekülsystem mit seinem „Stimmungshormon“ Serotonin für gute Stimmung und Hirnzellenwachstum. Serotonin ist auch außerhalb des Gehirns z.B. in den Magen-Darmwänden reichlich vorhanden. Es ist auch als „Glückshormon“ bekannt. Serotonin stabilisiert unsere Psyche, wirkt kommunikationsfördernd und verbessert in ausgewogener Konzentration das Sozialverhalten. Positive soziale Kontakte wiederum erhöhen den Serotoninspiegel in bestimmten Hirnregionen. Ebenso wie das Bindungshormon Oxytocin, das vermehrt bei erwünschtem Körperkontakt und dem Gefühl der Geborgenheit ausgeschüttet wird, können religiöse oder sportliche Gemeinschaftserlebnisse durch ihren positiven Einfluss stressreduzierend wirken und für Ausgeglichenheit und Seelenfrieden sorgen. Dieser kleine Exkurs in die Welt der Neurotransmitter verdeutlicht, welchen Einfluss Vorbilder oder Idole auf die Biochemie unseres Gehirns haben können. ​ 6. Kleine Zellen - große Gefühle: Die Spiegelneuronen Ob wir einen Menschen sympathisch finden oder uns gar in ihn verlieben - das entscheidet sich in Bruchteilen von Sekunden. Es sind unbewusste Erfahrungen, die schneller als der Verstand Empfindungen auslösen. Oft reicht bereits ein Gedanke, ein kurzer Moment einer beliebigen Sinneswahrnehmung, und wir erkennen die Lösung für ein jahrelanges Problem. Der äußere Reiz ist dabei nur der Auslöser für ein inneres Bild. Wir empfinden solche genialen Momente als Gedankenblitz, als Bauchgefühl oder inneres Wissen. Woher sie kommen, wissen wir nicht. Wenn wir dann gefragt werden, weshalb wir unsere Entscheidung so und nicht anders getroffen haben, sagen wir, dass es Intuition war. Eine Mutter spürt ohne Nachzudenken, wenn ihr Baby Kummer hat. Das Kind wiederum „liest“ in dem Gesicht seiner Mutter jedes Gefühl ab und reagiert darauf unbewusst. Es spiegelt das Verhalten der Mutter. Prof. Joachim Bauer10 erklärt dieses Phänomen wie folgt: „Intuition ist eine biologische Resonanz, die in uns entsteht, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken und ohne dass wir das kontrollieren können. Wir haben Spiegelnervenzellen, die in uns eine Resonanz auslösen.“ ​ Diese sogenannten Spiegelneuronen wurden zufällig vom italienischen Hirnforscher und Neurologen Prof. Giacomo Rizzolatti, der an der Universität in Parma lehrt, 199611 entdeckt. Eigentlich sollten bei einem Tierexperiment lediglich die Hirnaktivitäten Nüsse essender Menschenaffen aufgezeichnet werden. Bei der Hirnstrommessung mittels einer im Affengehirn angebrachten Elektrode reagierten entsprechende Neuronen jedoch nicht nur beim Eigenverzehr der Nüsse, sondern auch beim Beobachten von Artgenossen, wenn diese eine Nuss verspeisten. Die Nervenzellen, die identisch reagierten bei der Eigen - wie der Fremdhandlung, nannte Rizzolatti „Spiegelneuronen“. ​ Bald ließen sich diese Zellen auch beim Menschen nachweisen. Indem sie quasi das Verhalten des Gegenübers spiegeln, entsteht die Fähigkeit, sich in den anderen Menschen hineinzuversetzen, also „Empathie“ zu empfinden. Wir nehmen fremde Empfindungen wahr, als wenn es unsere eigenen wären, damit entsteht Bindung. Wir spüren Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Spiegelneuronen sind also ein intuitives Resonanzsystem, das den Menschen zu einem sozialen Wesen macht. Die Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung dieser genetisch angelegten Intuitionskompetenz bedarf jedoch des Trainings. Wird dieses Resonanzsystem wenig oder gar nicht genutzt, bildet es sich zurück. Der Mensch verliert seine soziale Kompetenz. Wie bei anderen Organen gilt auch hier die Regel: „Use it or lose it!“ Empathie, Intuition, Sympathie – das sind alles spontane Empfindungen aus dem Bauch heraus: Warum kommt es dennoch so häufig zu Missverständnissen? Ist unsere Intuition zuweilen täuschungsanfällig? ​ Unser Resonanzsystem kann nur darauf reagieren, was es kennt. Es erfasst Signale und Gesten nach gewohntem Muster. Geschulte Redner und Verkäufer machen sich diese Täuschungsanfälligkeit zunutze. Freundliche Gesten und eine expressive Sprache können fast bis zur Perfektion eingeübt werden. Auf den Zuhörer wirken diese Gesten dann authentisch - sie erzeugen die vom Redner gewollte Stimmung. Geschickte Politiker mobilisieren und instrumentalisieren auf diese Weise ihre Anhängerschaft für ihre Ziele. Sie spielen in der Öffentlichkeit zuweilen das ideale Vorbild. Erst in Zeitlupe oder aufgrund gezielter psychologischer Schulung gelingt es, diesen „vorgetäuschten“ Gefühlen auf die Schliche zu kommen. Als der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton immer und immer wieder in der damaligen Sexaffaire mit Monica Lewinsky seine Unschuld beteuerte, machten seine Gesten misstrauisch. Psychiater, die später Clintons‘ Verhalten analysierten, beobachteten, dass der Präsident während seiner öffentlichen Presserklärung 26-mal seine Nase mit den Fingern berührte. Nicht nur im Märchen gibt es vom Lügen lange Nasen: ​ Die Psychiater Alan Hirsch und Charles Wolf von der „Smell and Taste Foundation“12 an der Universität Chicago fanden in Studien heraus, dass der Blutfluss sich beim Lügen in der Nase hormonell bedingt erhöht. Die Nase schwillt an. Dieser Stressreaktion gaben die beiden Forscher den Namen „Pinoccio-Effekt“. Worte und Rhetorik können durch Training schauspielerisch perfektioniert werden – 10.000 mögliche Veränderungen des Gesichtsausdrucks und anderer unbewusster Bewegungen hingegen sind nicht vollends kontrollierbar. ​ 7. Wie können Eltern, Lehrer und Vorgesetzte sich das "Spiegelneuronen-Resonanzsystem" zunutze machen? ​ „Es macht keinen Sinn, Kinder zu erziehen, sie machen uns eh alles nach“, diese humoristisch klingende Aussage wird dem deutschen Kabarettisten und Komiker Karl Valentin13 zugeschrieben. Die moderne Hirnforschung liefert mehr als 60 Jahre nach Valentins Tod den wissenschaftlichen Beweis für die Richtigkeit dieses Zitats. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass der Mensch unterschiedliche Reifeprozesse durchläuft. Bereits im Mutterleib nimmt das Gehirn regen Anteil an allen Reizen, die von außen einwirken. Jede Emotion der Mutter wird unbewusst registriert und imitiert. Durch die modernen bildgebenden Verfahren der Gegenwart sind die Neurowissenschaften erstmals in die Lage versetzt, diese Entwicklungsprozesse morphologisch-strukturell darzustellen und nachzuweisen. Über den Körper vermittelt, bilden sich sogenannte neuronale Netzwerke, die ein Spiegelbild dessen sind, was vom Ungeborenen erlebt wird. Es werden nach und nach typische Erregungsmuster gebahnt, die sich durch Reizwiederholung verfestigen. Diese Erregungsmuster hinterlassen individuelle strukturell verankerte Spuren im Gehirn. ​ Die Persönlichkeitsentwicklung basiert zunächst auf einfachen Wahrnehmungserfahrungen, die sich mehr und mehr herausdifferenzieren. Zunächst sind es Mutter und Vater, die in Beziehung zum Neugeborenen durch ihre Fürsorge dazu beitragen, dass sich ganz bestimmte Antwort- und Reaktionsmuster bei ihrem Sprössling herausbilden. Später, wenn der heranwachsende Mensch mit immer mehr anderen Menschen Beziehungen knüpft, können leicht Konflikte entstehen. Das Imitationslernen ist die Grundlage für die Weitergabe von Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsmustern von einer Generation zur nächsten. Die neurophysiologische Grundlage dieser Identitätsbildung basiert auf dem Resonanzprinzip der Spiegelneuronen. Die gute Qualität einer Beziehung zwischen Eltern und Kind, zwischen Lehrer und Schüler oder Mitarbeiter und Chef ist also geradezu der Katalysator für die Neubildung neuronaler Netzwerke. Die Fähigkeit, vorbildhafte Verhaltensweisen einfach zu imitieren, ist die Basis von Kultur. ​ Wir brauchen im Gegensatz zum Tier nicht Millionen von Jahre, um uns an geänderte Lebensbedingungen anzupassen, sondern ahmen überlebenstechnisch wertvolle Verhaltensweisen einfach von Generation zu Generation nach. Sämtliche Erfindungen und kulturell-technische Neuerungen gründen auf diesem Prinzip. Für den weltweit renommierten Neurologen und Hirnforscher Prof. Vilayanur Ramachandran14 von der University of California ist das Spiegelneuronensystem das System, das den Menschen erst zum Menschen gemacht hat. Ramachandran ist bekannt für seine besondere Begabung, komplizierte neurowissenschaftliche Zusammenhänge in beeindruckender Weise zu veranschaulichen. So nennt er die Spiegelneuronen auch „Dalai-Lama-Neuronen“, weil der Mensch nur durch ihre Existenz in der Lage ist, die Barriere zwischen dir und mir aufzulösen.Die gesamte fernöstliche Mystik und Glaubenslehre bis hin zur Erleuchtung basiert auf der höheren Erkenntnis, dass der Mensch sich nicht grundsätzlich von anderen Menschen unterscheidet. Religion, Ethik, Kultur, Moral – alle diese Phänomene gründen auf der Existenz des Spiegelneuronensystems. ​ 8. Gehirnentwicklung durch gelingende Beziehungen - das Social Brain Der bekannte und viel zitierte Neurologe und Hirnforscher Prof. Hüther15 von der Universität Göttingen definiert das Gehirn als Beziehungsorgan. In einem wissenschaftlichen Aufsatz im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung stellt Prof. Hüther fest: “Zum Zeitpunkt der Geburt hat das menschliche Gehirn zwar schon wichtige pränatale Erfahrungen verankert, aber es ist insgesamt noch unfertig. Diejenige Hirnregion, die sich am langsamsten herausbildet, ist der präfrontale Cortex. Er ist in besonderem Maße durch das soziale Umfeld formbar.“ irnregion, die sich am langsamsten ausbildet. Thomas Fuchs16, der angesehene Medizinprofessor und Neurowissenschaftler am Lehrstuhl für Psychiatrie und Philosophie von der Universität Heidelberg schlägt in die gleiche Kerbe. Für Fuchs erlangt das Gehirn erst durch seine Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen zu seiner großen Bedeutung. Prof. Fuchs führt weiter aus: „Das Gehirn ist der Mediator, der uns den Zugang zur Welt ermöglicht, der Transformator, der Wahrnehmungen und Bewegungen miteinander verknüpft.“ ​ Zentral sei „nicht nur der Austausch mit seiner natürlichen Umwelt, sondern vor allem die Interaktion mit anderen Menschen.“ Die Aneignungsfähigkeit des Gehirns basiert auf seiner einzigartigen Plastizität. Wenn ein Kind beispielsweise mittels seines Lehrers, den es sehr mag, eine neue Sprache erlernt, werden in seinem Gehirn Korrelate der Wortbedeutungen funktionell und morphologisch eingeschrieben. Es sind nicht die intellektuellen Lerninhalte, die dafür sorgen, dass sich das Gehirn morphologisch und strukturell weiterentwickelt, sondern die emotionalen Rahmenbedingungen - in diesem Fall die Begeisterung für den Lehrer, die über den Lernerfolg entscheiden. „Der Funke springt nur über, wenn man selbst brennt“, ist ein altbewährter Motivationsgrundsatz, den jeder kennt. Die persönliche Begeisterung des Lehrers ist die Voraussetzung dafür, dass Schüler sich für ein neues Thema begeistern können. Möchten Eltern, Lehrer oder Vorgesetzte also sicherstellen, dass sie als Vorbilder akzeptiert werden, müssen sie Beziehungsarbeit leisten. ​ Prof. Hüther17 ergänzt dazu: „Die wichtigsten Erfahrungen, die einen heranwachsenden Menschen prägen und die in Form komplexer neuronaler Verknüpfungen und synaptischer Verschaltungen in seinem Gehirn verankert werden, sind solche, die in lebendigen Beziehungen mit anderen Menschen gemacht werden.“ Erst wenn Menschen sich sozial akzeptiert fühlen oder, wie in dem Beispiel beschrieben, Kinder Zuwendung und Begeisterung spüren, entsteht die Motivation, das Vorbild anzuerkennen. Das jugendliche Gehirn sucht nach nachahmenswerten Verhaltensweisen. Auf der biochemischen Ebene fließt verstärkt Dopamin. Steigern sich das Wohlbefinden und die Lebensfreude durch die Aufmerksamkeit, die unser Vorbild uns schenkt, so werden Opiode freigesetzt. Der in Gang gesetzte Prozess der Vertrauensbildung manifestiert sich wiederum auf molekularer Ebene durch die erhöhte Freisetzung des Bindungshormons Oxytocin. Schüler gehen nicht wegen des Unterrichtsstoffs in die Schule, sondern wegen ihrer Freunde. Schule macht dann Spaß, wenn die Beziehungsebenen störungsfrei funktionieren. Gute soziale Kontakte sind die Voraussetzung für jedwede Art der erfolgreichen Kommunikation und damit für eine gesunde Hirnentwicklung. Intakte Beziehungen werden von allen Beteiligten als Belohnung wahrgenommen. Damit das so bleibt, müssen vor allem Menschen mit Vorbildfunktion darauf achten, dass ihr Verhalten weiterhin nachahmenswert bleibt. Eltern müssen Zuwendung und Aufmerksamkeit zeigen, Lehrer Fachkompetenz und Empathie unter Beweis stellen und Vorgesetzte authentisch und selbstkritisch handeln. Werden zu viele oder falsche Anreize dargeboten, kommt es rasch zu einem Abnutzungseffekt. ​ Der bekannte Bremer Verhaltensforscher Prof. Gerhard Roth von der Universität in Bremen18 empfiehlt daher, Belohnungen nicht zur Regel zu machen. Neurobiologisch begründet er seinen Rat wie folgt: “Kann ich fest mit der Belohnung rechnen, so wirkt sie kaum.“ Vornehmlich im Nucleus accumbens - das ist ein Teil des Gefühlszentrum oder limbischen Systems - gibt es Nervenzellen, die genau in dieser Weise reagieren, d.h. bei unerwarteter Belohnung feuern sie stark. “Wenn ich um die Belohnung bangen muss, wird sie attraktiver.“ Die Anstrengungsbereitschaft wächst. Der Mensch verstärkt seine Bemühungen, wenn die positive Konsequenz einem nicht direkt in den Schoß fällt. Lob, Anerkennung und Glaubwürdigkeit sind die Verhaltensweisen, die als Verhaltensverstärker am ehesten das menschliche Belohnungssystem ansprechen. Erst durch Glaubwürdigkeit erlangen die Führungsinstrumente Lob und Tadel ihren hohen Stellenwert. Die höchste Bedeutung erlangt vorbildhaftes Verhalten für die Persönlichkeitsentwicklung, wenn Heranwachsende bzw. Mitarbeiter - angeregt durch das glaubwürdige Vorbild - ihren eigenen Weg finden. ​ Auf diese Weise belohnt sich das Gehirn selbst. Die Erkenntnis, seinen Traumberuf entdeckt zu haben oder sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen zu können, führt zu einem sich selbst belohnenden Reiz-Reaktionsmechanismus. Charismatische Vorbilder aus der Weltgeschichte wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, der Dalai Lama oder Mutter Theresa fesselten ihre Anhänger durch ein Maximum an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Sie waren durch und durch intrinsisch motiviert. ​ Neurobiologisch wirken solch charismatische Persönlichkeiten nicht nur auf unser Gefühlszentrum, sondern auch auf das menschliche „Sinnzentrum“, das sich im Frontalhirn befindet. Dort hinterlassen kulturell, humanitär oder religiös geprägte Wertevorstellungen Eindrücke in der Hirnrindenstruktur. Wenn der Betreffende sein Engagement über einen langen Zeitraum intensiviert, vergrößern sich auch die neuronalen Repräsentationsareale dieser Verhaltensweisen. Zweifellos bestimmen Emotionen unser Denken. Oft schaden uns impulsgesteuerte Emotionen jedoch mehr als dass sie uns nutzen. Ob diese Emotionen jedoch generell Oberwasser gewinnen, hängt in starkem Maße davon ab, wie das Zentrum der Emotion, das limbische System und hier insbesondere die Amygdala mit anderen übergeordneten Hirnzentren kommuniziert. ​ Dr. Thorsten Kienast19, Chefarzt der Psychiatrie im Schön-Klinikum in Hamburg-Eilbek erforschte jahrelang am renommierten Berliner Charite-Universitätsklinikum die neurobiologischen Grundlagen der Emotion. Sein Fazit lautet: “Wir haben herausgefunden, dass die Amygdala umso stärker reagiert, je mehr Dopamin vorhanden ist.“ Vorbildhafte Persönlichkeiten, z.B. wie Mutter Theresa es war, so ist Prof. Roth20 überzeugt, können ihre spontanen Impulse zugunsten von Mitgefühl und Geduld sehr gut im Griff behalten. Die Regionen der Vernunft waren aufgrund ihres jahrzehntelangen Trainings so ausgeprägt, dass sie sich auch durch negative Gefühle nicht von ihrer Berufung abbringen ließen. Mutter Teresa motivierte sich durch die Vorstellung, einmal heilig gesprochen zu werden. Ihre Belohnung erfolgt nicht extrinsisch, sondern in hohem Maße intrinsisch. Die Überzeugung, später einmal als Vorbild verehrt zu werden und dadurch viel Gutes zu bewirken, war gereift in ihrer frontalen Hirnrinde. Ihre weitsichtige Überzeugung bezwang ihr kurzfristiges limbisches Verlangen nach sofortiger Belohnung. ​ 9. Wie kann ich selbst zu einem Vorbild werden? ​ Albert Einstein ist selbst nach seinem Tod eines der größten Vorbilder aller Zeiten. Zum einen wegen seines mathematisch-naturwissenschaftlichen Genies und zum andern wegen seiner unbeugsamen Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland. Einstein schaffte es immer wieder, seine Zuhörer durch seine ebenso scharfzüngigen wie scharfsinnigen Zitate zu begeistern. Auf die Frage eines Reporters, wie gute Erziehung auszusehen hat, antwortete Einstein: “Es gibt keine andere Erziehung, als Vorbild zu sein, wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.“ ​ Damit hatte das Jahrhundertgenie genau den Kern getroffen und zugleich die Lacher auf seiner Seite. Denn egal, wie man es drehen und wenden mag: Jeder Mensch ist irgendwann in seinem Leben ein Vorbild, und sei es ein negatives. Einstein bewies mit seinen humorvollen und selbstironischen Zitaten auch, dass er sich nicht immer bitter ernst nahm. Trotz aller Genialität strahlte er Gelassenheit aus. Er verstand es, mit menschlichen Schwächen umzugehen. Diese bemerkenswerte Eigenschaft, mit Abstand auf sich und seinen Ruhm schauen zu können, machte ihn zu einem ganz besonderen Vorbild. In der Antike war die Gelassenheit der Stoiker die Grundlage zur Selbstfindung. Die stoische Ruhe schützt vor unreflektierten Affekthandlungen. Im Christentum wird Gelassenheit mit Gottergebenheit gleichgesetzt. Im Buddhismus ist die Gelassenheit ein zentraler Begriff der Geistesschulung. Sie ist die Voraussetzung für Liebe, Mitgefühl und des Eins-Seins mit der Welt. ​ Wirft man einen Blick auf die heutige Coaching- und Beraterszene, so findet sich die Thematik der inneren Ruhe und Gelassenheit auch auf nahezu jeder Seminaragenda für Führungskräfte. Warum ist Gelassenheit und Besonnenheit so zentral für mein eigenes Vorbildverhalten? Was Generationen von menschlichen Vorbildern bereits seit den Zeiten von Konfuzius, Platon, Aristoteles über Goethe bis hin in die Gegenwart rein intuitiv beschrieben haben, nämlich dass Gelassenheit der Schlüssel zu seelisch-geistigem Wachstum ist, beweist die Neurowissenschaft mittlerweile eindrucksvoll. Veränderte Gemütszustände beispielsweise lassen sich in der Hirnstruktur von Meditierenden auf molekularer Ebene sichtbar machen. Es gibt mikroanatomische Veränderungen in den Gehirnen derjenigen Menschen, die regelmäßig Ruhe und Gelassenheit trainieren. ​ Der Neurotransmitter GABA ist bei Yogaschülern z.B. erhöht. Dieser Überträgerstoff ist einer von etwa 100 inzwischen bekannten Neurotransmittern und sorgt gemeinsam mit den entsprechend spezialisierten Neuronen für Ruhe und Ausgeglichenheit. Das GABA-System ist das effektivste körpereigene Antistress-System. Mehr als 2000 Yogastudien weltweit zeigen inzwischen, dass der Informationsaustausch zwischen den unterschiedlichen Hirnregionen besser funktioniert als bei der Kontrollgruppe ohne Meditationstraining. Entsprechende Nervenfasern waren dichter gepackt und weniger stark von Alterungsprozessen betroffen. Gelassenheit durch Meditation ist kein Allheilmittel gegen alle Übel dieser Zeit - sie kann den Menschen jedoch entscheidend auf der Suche nach seiner Bestimmung unterstützen. Sie ermöglicht uns den Blick nach innen, wo unsere wahren Talente liegen. Dieser erste Schritt schafft die Voraussetzung, selbst zu einem Vorbild zu werden. Gelingt es darüber hinaus, sein eigenes Handeln stets am höchsten Kriterium - dem Kriterium der Humanität - zu orientieren, so kann man kaum verhindern, selbst zu einem Vorbild zu werden, und zwar zu einem positiven.

  • Die Kraft der Visionen

    Wie Visionen unser Gehirn und unser Leben verändern Inhaltsverzeichnis 1. Der Ursprung visionärer Fähigkeiten 2. Ist Dopamin die Zauberdroge, aus der Visionen gemacht werden? 3. Wie müssen wir denken, damit Körper und Seele gesund bleiben? 4. Die Krise als Auslöser für Entwicklung und Wachstum 5. Kopf oder Bauch – wo entstehen die besten Visionen? 6. Neue Gedanken erschaffen ein neues Gehirn 7. Wie kann auch ich mein kreatives Potential verbessern? Die Kraft der Visionen Wie Visionen unser Gehirn und unser Leben verändern ​ 1. Der Ursprung visionärer Fähigkeiten „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, sondern erzähle ihnen von der Sehnsucht und Schönheit des weiten Meeres“, beschreibt der weltberühmte französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery[1] die Methode, wie Menschen am besten zu begeistern sind. Der Erfinder der Micky Maus-Figur Walt Disney[2] bringt die Kraft einer Visionauf den Punkt: „ If you can dream it, you can do it! Und der Vater der Apollo- Mondrakete Wernher von Braun[3] drückt denselben Sachverhalt so aus: “Alles, von dem sich der Mensch eine Vorstellung machen kann, ist machbar.“ ​ Diese Beispiele verdeutlichen, dass Zukunft stets im Kopf entsteht. Sie muss vorgedacht werden. Denken als kostenfreies Probehandeln. Ohne eine bedeutende Frage, ohne ein großes Ziel vor Augen könnte nie eine Vision entstehen. Der Glaube an das Schöne, Wichtige und Große ist der Stoff, aus dem wir Zukunft gestalten. Die größte Frage, die die Menschheit sich je gestellt hat, ist die Frage nach dem Beginn von allem: Woher kommt das Universum? An dieser Stelle enden naturwissenschaftliche Erklärungsansätze. Spätestens hier sind wir auf unseren Glauben angewiesen, den Glauben an eine höhere Kraft, die den Anstoß zur Entstehung des Universums und unserer Welt gegeben hat. Allein dieser Glauben an das Gute, Herrliche und unendlich Starke dieser Kraft – genannt das „Göttliche“ befeuert seit Urzeiten die Phantasie des Menschen. Die Ausbildung des Großhirns versetzt den Menschen in die Lage, sich seiner selbst und seiner weltlichen Existenz bewusst zu sein. Er ist das einzige Lebewesen, das sein Dasein in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einteilen kann. Da die Vergangenheit nicht veränderbar ist, die Gegenwart von Fakten bestimmt ist, konzentriert sich alle visionäre Energie auf die (Erforschung der) Zukunft. Gerade weil der Mensch seine eigene Begrenztheit erlebt und sich bewusst darüber ist, dass sein irdisches Dasein endlich ist, beschäftigt er sich intensiv mit dem Jenseits. ​ Insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein zentrales Thema sämtlicher Kulturen und Weltreligionen. Die Zeugnisse der ältesten (heute bekannten) Hochkulturen wie die der Sumerer im Mittelmeerraum oder die der Mayas in Mittelamerika vor mehr als 3000 Jahren beweisen, dass der Mensch spirituelle Gedanken seit jeher in Bildern ausdrückte. Gedanken in Visionen – also zu Bildern – verarbeitet, prägen sich ein. Das Prinzip dieser Informationsweitergabe ist bis in die Gegenwart identisch geblieben: Beginnend mit den Höhlenmalereien verwendeten sämtliche Kulturen bildhafte Darstellungen und Symbole. Mit der Erfindung des Buchdrucks konnten seit dem 16. Jhrdt. Geschichten und Sachverhalte effizienter unters Volk gebracht werden; und schließlich sorgt in der Gegenwart moderne Computertechnik für aktuellste Informationsverbreitung in Echtzeit. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte! Redensarten, weltbekannte Zitate oder Weisheiten berühmter Persönlichkeiten entfalten ihre Wirkung stets durch eine metaphorische Sprache. Wir gebrauchen häufig Redensarten, die abstrakte Gefühle visuell ausdrücken wie z.B. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Es war der schönste Augenblick meines Lebens.“ Die große Bedeutung der Vision für die menschliche Entwicklung hat der englische Theologe und weltbekannte Schriftsteller Jonathan Swift[4] einmal so formuliert: „Vision ist die Kunst, unsichtbare Dinge sichtbar zu machen.“ ​ Welch enorm hohe Bedeutung visuelle Wahrnehmung für die menschliche Hirnentwicklung hat, zeigt die weitverbreitete Durchsetzung unserer Sprache mit Begriffen, die Wortsilben wie z.B. -bild,- blick -sicht oder-sehn enthalten. Alles Wortbausteine, die visuelle Wahrnehmungen ausdrücken und damit kognitiv-emotionales Erleben beschreiben. Die folgenden Sätze veranschaulichen diese Sprachmuster: „Ich sehe ein, dass ich beim Anblick meiner bildungsfernen Schüler wenig Sehnsucht verspüre, weitere Klassenarbeiten zu sichten. Bereits der erste Überblick ergab ein Bild, das bei späterer Durchsicht der Arbeiten absehbar war: Nur zusätzliche augenblicklich und umsichtig in den Bildungskanon aufgenommene Fortbildungsangebote haben Aussicht, meinen derzeitigen Blickwinkel zu verbessern.“ Jedes dritte in diesem kurzen Text verwendete Wort stammt semantisch gesehen von einem Begriff ab, der einen visuellen Vorgang oder Zustand beschreibt. ​ ​ 2. Ist Dopamin die Zauberdroge, aus der Visionen gemacht werden? Mehr als alles andere löst die positive Erwartungshaltung die verstärkte Freisetzung des „Vorfreude-Hormons“ Dopamin aus. Dieses Hormon wiederum lässt neue Nervenzellen sprießen, die uns Lust machen auf das zukünftige Ziel - gleichgültig ob es sich nun um einen bevorstehenden Urlaub, einen neuen Partner oder eine andere Belohnung handelt. Dopamin aktiviert verschiedene Bereiche des Mittel- und Großhirns. Alle beteiligten Hirnareale bilden zusammen das sogenannte Belohnungssystem. Einer der weltweit führenden Dopamin-Experten Prof. Wolfram Schultz[1] - Neurowissenschaftler an der renommierten University of Cambridge hat in Konditionierungsexperimenten mit Menschenaffen herausgefunden, dass nicht die Belohnung selbst nach einer absolvierten Übung – in diesem Fall eine Banane – für eine erhöhte Dopaminausschüttung sorgt, sondern der Zeitraum, kurz bevor die Affen ihre Banane als Belohnung bekamen. ​ Hatten sich die Affen nach einigen Übungsversuchen an die Belohnung gewöhnt, stellte das Gehirn seine erhöhte Dopaminausschüttung komplett ein. Erst als die erwartete Belohnung durch die Gabe von zwei und mehr Bananen übertroffen wurde, reagierte das Affengehirn wieder mit erhöhter Dopaminproduktion. Auf den Menschen übertragen bedeutet das, dass Emotionen der freudigen Erwartung stets von hohen Dopmaninschüben begleitet werden. ​ Wie groß die Bedeutung der Vorfreude tatsächlich ist, hat der holländische Tourismusforscher Dr. Jeroen Nawijn[2] am Glückszustand von 1530 Urlaubsreisenden in den acht Wochen vor der geplanten Reise untersucht. Verglichen mit Nichturlaubern waren die Urlauber vor allem vor der Reise zufriedener und glücklicher. Der an der Universität Breda forschende Nawijn fand in seiner Studie heraus, dass die Dopaminausschüttung vor allem vor den Ferien hoch ist - am Urlaubsort angekommen, lässt sie nach. Sein Fazit: Damit der Urlaub nicht zu einer vorhersehbaren Enttäuschung wird, braucht der Mensch, sobald er angekommen, ist immer wieder neue Ziele, um die Momente der Vorfreude zu erhalten. Vorfreude fördert also in besonderem Maße die Dopaminfreisetzung. Reicht alleine die Ankurbelung dieses „Neugierhormons“ aus, um neue Ideen für die Zukunft zu entwickeln oder gar selbst zum Genie zu werden? Genies sind ebenso wenig ein Zufallsprodukt wie die Fähigkeit, visionär denken zu können. Seit Jahrhunderten wird darüber gestritten, ob es der Natur, der Kultur oder eher der göttlichen Eingebung zu verdanken ist, dass Visionen die Welt verändern. Aktuelle wissenschaftliche Beiträge aus unterschiedlichen Fachgebieten und allen voran die modernen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften zeigen, dass geniale Ideen und Gedanken nicht vom Himmel fallen. ​ Der weltweit wohl renommierteste Kreativitätsforscher Prof. Mihaly Csikszentmihalyi[3] hat nahezu sein ganzes Forscherleben damit zugebracht, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, was besonders kreative und visionäre Menschen auszeichnet. Der an der University of Chicago lehrende Prof. Csikszentmihalyi hat dabei in zahlreichen Studien und persönlichen Befragungen tausender visionär begabter Menschen drei Voraussetzungen ermittelt, die Kreativität fördernd wirken: ​ Es muss einen Bereich geben, in dem man sich besonders gut auskennt. Das gesellschaftliche Umfeld muss die neue Idee anerkennen und positiv beurteilen Man muss selbst von seiner visionären Idee überzeugt sein. Seine Analyse ergab darüber hinaus, dass ausgeprägte Kreativität und geniale Geistesblitze sehr häufig geradezu gegensätzliche Charaktermerkmale mit sich bringen. Menschen dieser Kategorie sind z.B. verspielt und diszipliniert zugleich. Sie verhalten sich smart und doch oft naiv. Realistisches und imaginäres Denken vereinen sie; sie fragen sich „warum eigentlich nicht?“, wenn sie eine neue Erfahrung machen können. Visionär begabte Menschen geben sich also nicht nur ihren Dopmaninschüben hin und warten ab, sondern werden aktiv. Ihr im präfrontalen Cortex angesiedelter Verstand ist dabei mindestens genauso aktiv wie ihre emotionale Leidenschaft. Die Fähigkeit zu Selbstkritik und Zweifel ist ihnen wichtig, um offen zu bleiben für neue Entwicklungen oder Korrekturen. Insofern vereinigen erfolgreiche Visionäre auf beeindruckende Weise nahezu gegensätzliche charakterliche Eigenschaften. Diese Vielseitigkeit lässt sie neue Zusammenhänge erkennen, die schließlich z.B. solch bahnbrechende Erfindungen wie das Telefon, die Glühbirne oder das Internet hervorbringen. Wie gelingt es dem menschlichen Gehirn, sich immer wieder neu zu begeistern? ​ Was die Alltagserfahrung seit jeher lehrte - nämlich dass unerwartete Ereignisse besser im Gedächtnis bleiben, hat der Neuroforscher und Privatdozent Dr. Nicolai Axmacher von der Universität Bonn[4] gemeinsam mit seinem Forscherteam untersucht. Mithilfe bereits zuvor eingesetzter Elektroden wurde den Gehirnen von acht Epilepsie- und sechs Depressionspatienten bei der Arbeit zugeschaut. Die aus therapeutischen Gründen implantierten Elektroden konnten jeweils dann eine erhöhte Aktivierung des Gedächtniszentrums, d.h. des Hippocampus feststellen, wenn unerwartete Bilder gezeigt wurden. Die höhere Aktivität im Hippocampus wurde initiiert durch dopaminerge Zellen im Nucleus accumbens - einem Teil des limbischen Systems. Diese Neurohormone wiederum wirken wie eine Art Rückkopplungsmechanismus auf den Hippocampus, so dass das Neuerlebte einen stärkeren Eindruck im Gedächtniszentrum hinterlässt. Neue Ereignisse aktivieren auf diese Weise das Belohnungssystem. Dieses selbst erzeugte Glücksgefühl sorgt dafür, dass kreative Menschen ihre Ideen auch in schwierigen Situationen weiterverfolgen. Die intrinsische Belohnung wirkt gleich zweifach: Zum einen wird das Neugelernte besser gespeichert, und zum anderen macht diese positive Erfahrung Lust darauf, noch mehr zu lernen oder zu erforschen. Ein Mechanismus, der, sofern er immer wieder aktiviert wird - bis ins hohe Alter die Freude am Lernen erhalten kann. ​ Geniale Geistesblitze stimulieren also die Ausschüttung körpereigener Drogen. Die Entwicklung und Umsetzung einer eigenen Lebensidee ist sinnstiftend und fühlt sich sehr gut an. In manchen Fällen können Forscher, Erfinder und Entdecker sich geradezu an ihren eigenen Phantasien oder Projekten berauschen. Forschende Workaholics vergessen alles um sich herum - Essen und Trinken werden zur Nebensache. Die euphorisierende Wirkung, endlich seinem langgehegten Forschungsziel einen wesentlichen Schritt näher gekommen zu sein, lässt alle Mühen, Schmerzen und Entbehrungen vergessen. Damit das Belohnungssystem in voller Funktion tätig werden kann, müssen jedoch mehrere Hirnregionen miteinander agieren. Sämtliche Strukturen des limbo-cortikalen System wie beispielsweise die Amygdala, der Nucleus accumbens und der eher rational ausgerichtete präfrontale Cortex sorgen dafür, dass lustbringende Verhaltensweisen verstärkt werden. Die handlungsbegleitenden Emotionen entscheiden in hohem Maße darüber, welche Werte und Normen verinnerlicht werden. Es sind aber nicht nur die großen phantastischen Ideen, die unsere Hirnchemie positiv beeinflussen. Auch die vielen kleinen Dinge des Alltags, denen wir Aufmerksamkeit schenken, wirken sich hirnphysiologisch vorteilhaft aus. ​ Der bekannte deutsche Neurobiologe und Mediziner Professor Tobias Esch[5] von der Hochschule in Coburg hat während seines einjährigen Forschungsaufenthalts an der Harvard Medical School in den USA nachgewiesen, inwieweit „Glück“ trainierbar ist. An der Studie nahmen 147 Mitarbeiter eines Versicherungsunternehmens teil, die sieben Wochen lang täglich per E-Mail Glücksaufgaben gesendet bekamen. Diese Aufgaben dauerten 10 bis 15 Minuten und leiteten dazu an, sich täglich glücksfördernden Verhaltensweisen zu widmen, wie z.B. Sport zu treiben, seinen Freunden kleine Geschenke zu machen, Bekannten von den eigenen Wünschen zu erzählen oder etwa ein Glückstagebuch zu führen. Am Ende der Studie wurden alle Teilnehmer danach befragt, wieweit ihre eigene Grundstimmung sich verändert habe. Das Ergebnis war beeindruckend. Die psychischen Effekte der Trainingsteilnehmer waren eindeutig: Gegenüber der nicht trainierten Kontrollgruppe waren sie glücklicher, zufriedener, erholter und achtsamer. Glücks- und Zufriedenheitsgefühle wirken also wie ein Psychopharmakon - und nicht nur das: Glücksgefühle wirken auf den ganzen Körper. Sie stärken das Immunsystem und steigern die Widerstandskraft sämtlicher Organsysteme. ​ Zu diesem Ergebnis ist auch Prof. Ruut Veenhoven[6] aus den Niederlanden gekommen. Die von ihm angelegte mittlerweile größte Datenbank zum Thema “Glück“ befindet sich an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Dort analysiert und archiviert der international angesehene Soziologieprofessor Veenhoven seit 1984 sämtliche Studien und wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit „Glück“ befassen. Diese „World Database of Happiness“, auf Deutsch „Welt-Glücks-Datenbank“, umfasst mittlerweile mehr als 14000 Studien. Prof. Veenhoven hat in allen diesen Studien immer wieder dieselben Beobachtungen gemacht: Der Vergleich von Forschungsergebnissen aus mittlerweile ca. 150 Ländern dieser Erde zeigt, dass die größte Quelle für Lebensglück im menschlichen Gehirn steckt. Leider vielfach auch das Gegenteil! Positives Denken in Kombination mit einem als sinnvoll empfundenen Dasein verlängert rein statistisch gesehen die Lebenserwartung um sieben Jahre! Kein anderes Organ des menschlichen Organismus hat demnach so einen enormen Einfluss auf unser Lebensschicksal wie unser Gehirn! Prof. Esch[7] hebt in seinem 2011 erschienenen Werk „Die Neurobiologie des Glücks“ ebenfalls die außerordentliche Bedeutung unseres Charakters für das eigene Lebensglück hervor. Die Fähigkeit, „glücklich zu sein“, sei zu 50% angeboren, zu 10 % von den äußeren Umständen abhängig und zu ca. 40 % aktiv durch den Menschen selbst beeinflussbar. ​ ​ 3. Wie müssen wir denken, damit unser Gehirn und unser Körper gesund bleiben? Der Traum von der ewigen Gesundheit ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Jugend wird mit Gesundheit gleichgesetzt - das Alter mit Krankheit und Gebrechlichkeit. Unzählige Ratgeber mit Tipps für einen gesunden Geist in einem gesunden Körper überfluten die Medienlandschaft. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war die Bereitschaft, für die Erhaltung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit dermaßen viel Geld und Mühen zu investieren, so groß wie heute. Der bereits zitierte Neurobiologe Esch beschreibt darüber hinaus sehr anschaulich, wie das eigene Denken dazu beiträgt, dass z.B. endogen ausgeschüttetes Morphium die Empfindsamkeit unserer Nerven herabsetzt. Zudem kann die Kraft der eigenen Vorstellungen das Herz-Kreislaufsystem stärken und bewirken, dass vermehrt das Bindungshormon Oxytocin gebildet wird. ​ Partnerschaftsfähigkeit und soziale Kompetenz verbessern sich. Erlernte Denkprogramme können in großem Maße positive Vorstellungen visualisieren. Regelmäßig eingeübt, schützen diese geistig-seelischen Imaginationen wirksam gegen eine Fülle von Erkrankungen. Das Risiko, an Herzkreislaufleiden, Bronchitis, Asthma, Allergien oder Burnout zu erkranken, wird entscheidend reduziert. Das Angstzentrum in der Amygdala kann sich alleine kraft positiver Visionen verkleinern. Das Mitgefühl - ansässig im Bereich des insulären Cortex - wird verstärkt aktiviert, was zu dessen Wachstum beiträgt. Die Kraft der Gedanken formt also die Struktur und Funktion der aktivierten Areale in unserem Gehirn. Das Gehirn belohnt sich selbst und damit den ganzen Körper durch die Ausschüttung entsprechender Neurohormone. Der Macht des positiven Denkens kommt dabei ein besonders großer Stellenwert zu. Die Bezeichnungen für derlei Gedankenkräfte sind vielfältig und tief verwurzelt in sämtlichen Kulturkreisen. Selbst seriöse Mediziner entdecken alte Praktiken als „neues Wundermittel“ zur Vorbeugung und Heilung von Krankheiten. ​ Bereits 1996 hat der weltberühmte amerikanische Kardiologe und Nobelpreisträger Bernard Lown[1] vom „Wundermittel Wort“ gesprochen. In seinem damaligen Bestseller „Die verlorene Kunst des Heilens“ setzt Prof. Lown sich vor allem für die Sprechende Medizin ein. Um zu heilen, ist die Kunst des Zuhörens und Redens wichtig. Für Lown ist das gesprochene Wort eines Arztes sogar das entscheidende Therapeutikum. So stellt der Nobelpreisträger fest: “Worte sind das mächtigste Werkzeug, über das ein Arzt verfügt. Worte können allerdings - wie ein zweischneidiges Schwert - sowohl tief verletzen als auch heilen“. Worte erzeugen Vorstellungen, die den weiteren Verlauf von Krankheiten entscheidend beeinflussen können. Die Wirkprinzipien von Placebo-Behandlungen sind längst fester Bestandteil der modernen Medizin. Viele Menschen werden deshalb zum Patienten, weil sie negativ denken. Wer kennt diese oder ähnliche Gedanken nicht: “Das schaffe ich nie! Bis übermorgen muss ich noch vier Aufträge erledigen, zwischendurch noch einkaufen, zum Arzt, zur Post und das Auto aus der Werkstatt holen. Das ist viel zu viel.“ ​ Kreisen unsere Gedanken ständig nur um Unerledigtes, Zeit- und Existenzdruck, so kann uns dieses Verhalten regelrecht krank machen. Der Stresshormonpegel - allen voran das Cortisol - bleibt chronisch erhöht. Entspannung und Erholung gelingen nicht mehr. Wir werden anfällig für Infektionen, die Muskeln verspannen sich, Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen können die Folge sein. Wenn dann der Arzt keine andere Ursache für unsere Beschwerden findet als Stress, lautet die Diagnose häufig: vegetative Dystonie oder psychosomatische Erkrankung. Unangenehme Gedanken, die nicht mehr kontrollierbar sind, können uns krank machen. ​ Das Gegenteil ist jedoch auch der Fall: Positive Gedanken sowie feste innere Überzeugungen können im Extremfall nicht nur vor Krankheit schützen, sie können sogar den Tod besiegen. Das jedenfalls behauptet einer der renommiertesten Psychiater Frankreichs - mithin ein Star seiner Zunft – der Bestsellerautor Prof. Boris Cyrulnik.[2] Der von Krieg und Verfolgung gepeinigte und schließlich nach Frankreich übersiedelte heutige Neurologe und Psychiatrieprofessor ist Inhaber des Lehrstuhls für Ethologie an der Universität von Toulon. Ethologie ist die Lehre von den biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens. Cyrulnik gilt als Begründer der Resilienzforschung. Sein Schicksal ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Mensch an einer geradezu unmenschlichen Lebenssituation wachsen kann. Dazu bedarf es nicht nur positiver Visionen - diese positiven Visionen müssen darüber hinaus die Entwicklung außergewöhnlicher mentaler und sozialer Fähigkeiten hervorrufen. Cyrulniks Familie wurde 1944 deportiert, die Eltern getötet und der erst sechsjährige kleine Boris überlebte mit viel Glück die Kriegswirren. In aussichtsloser Lage träumte der heranwachsende Cyrulnik damals dennoch von einer Karriere als Mediziner. Völlig mittel- und identitätslos gelang es ihm, sich nach dem Krieg durchzuschlagen und mit fremder Hilfe ein neues Leben aufzubauen. Er beschreibt in seinem 2013 erschienenen Bestseller „Rette Dich, das Leben ruft“, wie er trotz widrigster Umstände und eigentlich völlig chancenlos seinen Verfolgern entkam und den Traum vom Medizinstudium wahr machte. In seiner Biografie skizziert Cyrulnik das Phänomen der „Resilienz“ als eine besondere Form der Widerstandskraft, traumatische Erfahrungen zu überwinden. Der Resilienzbegriff wurde erstmals durch diesen (weltbekannten) französischen Arzt und Psychiater definiert und wissenschaftlich untermauert. ​ Inzwischen ist die Resilienzforschung längst weltweit in Medizin und Psychologie etabliert. Die zentrale These der Resilienz besagt, dass die Überzeugung, sein Schicksal selbst bestimmen zu können, gleichgültig wie schlimm die äußere Lage auch sei, die Psyche immun macht vor Traumatisierungen. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit bewahrt vor seelischem Leid. Sein überaus großes Selbstbewusstsein bezog Cyrulnik damals aus der Tatsache, dass er dem sicheren Tod entkommen war. Diese existentielle Überlebenserfahrung gab ihm die Kraft, an seine Träume zu glauben und niemals zu verzweifeln. Seine Sicht der Dinge war eigentlich komplett unrealistisch, aber genau diese unwahrscheinliche Zukunftsvision sollte sich als eine Art Lebensversicherung erweisen. Cyrulniks Grundsatz lautete: „Bewahre Dir stets einen Traum mehr, als die Realität zerstören kann.“ Diese alte indianische Weisheit unbekannter Herkunft war, wie der französische Psychiater später einräumte, eine positive Selbsttäuschung, die dafür gesorgt hatte, dass er überlebte. Als Kind sah er sich allein deshalb als Sieger an, weil ihm das Schicksal im Gegensatz zu den vielen anderen deportierten Menschen eine zweite Chance gegeben hatte. ​ Inzwischen sind die zentralen Schutzfaktoren, die dafür verantwortlich sind, dass Menschen trotz ungünstiger Lebensumstände und hoher psychischer Belastungen gesund bleiben, gut erforscht. Die bekannteste und größte Studie zur Resilienz stammt von der amerikanischen Psychologieprofessorin Emmy Werner[3]. Die ehemalige Professorin der University of Nebraska begleitete die Lebensschicksale von 698 Kindern ab dem Jahr 1955 vierzig Jahre lang bis 1995. Durch diese Längsschnittstudie auf der Hawaiinsel Kauai erlangte Werner weltweite Bekanntheit. Trotz schwieriger Lebensumstände wie Geburtskomplikationen, Unfriede im Elternhaus, Armut, Scheidung oder psychischer Erkrankungen der Eltern gelang es mehr als einem Drittel dieser Kinder, sich zu selbstbewussten, kompetenten und fürsorglichen Erwachsenen zu entwickeln. Dabei unterschieden sich die Schutzfaktoren von den Kindern, die sich positiv entwickelt hatten, von denen, die sich schwerer taten, sowohl innerlich als auch äußerlich. Die Analyse der bislang größten Resilienzstudie ergab, dass resiliente Menschen trotz negativer Einflüsse ihren Optimismus nie verlieren. Im geistig-seelischen Bereich verfügen diese Menschen über eine Vielzahl grundlegender Glaubenssätze, Überzeugungen und Verhaltensstrategien, die ihnen ein hohes Maß an Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen. Die äußeren Schutzfaktoren zeigen eine gute soziale Vernetzung in Familie, Schule oder Gemeinde. Zudem existiert eine stabile Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson. Eine gute Schulbildung und eine sinnerfüllte Lebens- und Arbeitskultur sind ebenfalls signifikant für diese widerstandsfähigen Menschen. ​ ​ 4. Die Krise als Auslöser für Entwicklung und Wachstum Vom Leistungssport kennen wir den Grundsatz, dass ein Muskel umso mehr gestärkt wird, je besser wir ihn trainieren. Die Sportmedizin nennt diesen trainingsbedingten Leistungszuwachs „Superkompensation“, was soviel bedeutet wie Mehrausgleich. Struktur und Funktion des beanspruchten Muskels passen sich an die höheren Anforderungen an. Dabei gilt die trainingswissenschaftliche Regel, dass ein zu geringer Reiz keinen Zuwachs bringt, ein zu hoher Reiz schädigt und ein Reiz mittlerer Intensität idealerweise den gewünschten Erfolg bringt, d.h. die Leistungsfähigkeit steigert. Der Blick auf sämtliche Studien der Resilienz- und Glücksforschung der letzten Jahrzehnte bringt Erstaunliches hervor: Im Gegensatz zu der langgehegten Lehrmeinung, dass das Gehirn über eine mehr oder weniger festgefügte Struktur verfügt, die die geistig-seelischen Fähigkeiten limitieren - erweist sich die neuronale Plastizität als wesentlich größer, als in der Vergangenheit angenommen. ​ Die modernen bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften schauen dem Gehirn quasi bei der Arbeit zu. Ähnlich wie ein Muskel scheinen mentale Fähigkeiten bis ins hohe Alter trainierbar zu sein. Während das Muskeltraining mit Gewichten stattfindet, wird das Gehirn durch Lernprozesse trainiert. Die Krise ist der Reiz, der auf den Organismus einwirkt und eine entsprechende Reaktion hervorruft. Während beim sportlichen Training eine gewisse Schwelle der Ermüdung ausgelöst werden muss, damit es zur Superkompensation kommt, lösen krisenhafte Ereignisse psychische Reaktionen wie z.B. Ärger, Zorn, Wut, Verzweiflung bis hin zur Depression aus. Auf die höhere Beanspruchung reagiert die Psyche ebenfalls wie bei einem körperliche Reiz mit einer erhöhten Energiefreisetzung. Hält der Stressreiz unvermindert an, weil es zu keiner entscheidenden Besserung der Situation kommt, können sich Verzweiflung und Depression einstellen. ​ Beim Muskel ist es die komplette Ermüdung - im psychischen Bereich sind es Depression oder Burnout, die sich nach Dauerstress einstellen. In beiden Fällen war die Belastung zu groß. Die Kunst für den Sportler wie auch für den durch Extremstress belasteten Menschen besteht darin, entsprechende Strategien zu entwickeln, diesen Überbelastungen vorzubeugen bzw. frühzeitig zu erkennen, wann Situationen geändert werden müssen. Daraus ergeben sich neue auszutestende Verhaltensweisen. Diese familiären oder beruflichen Testmöglichkeiten tragen ebenso dazu bei wie die Überprüfung von Glaubenssätzen und die damit verbundene Änderung der Lebenseinstellung, dass die Situation sich stabilisiert. Diese Anpassungsvorgänge haben prozesshaften Charakter. Beim ausgepowerten Sportler müssen die Trainings- und Regenerationsintervalle unter Umständen angepasst werden. Bei psychischen Beeinträchtigungen sollte sowohl der Stressumfang reduziert werden, als auch eine Neujustierung des bisherigen Blickwinkels stattfinden. Dazu bedarf es wie beim sportlichen Training häufig auch der Unterstützung durch einen erfahrenen Coach; bei verhaltensmodifizierenden Maßnahmen der Hilfe eines Therapeuten. Das Grundprinzip dieser Idee ist, dass die Änderung gedanklicher Glaubenssätze zur Stärkung, Reifung und damit zur stabileren Gesundheit beiträgt. ​ Bereits der antike griechische Philosoph Epiktet[1] behandelte in seiner Lehre Fragen, die sich mit der inneren Freiheit des Menschen beschäftigen. Sein weltberühmtes Zitat zur inneren Autonomie bildet bis heute die Basis für psychotherapeutische Behandlungsansätze: “Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinung über die Dinge“. Die moderne Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von der „Opferrolle“, die psychisches Leiden verlängern bzw. verstärken kann. Somit besteht das vorrangige therapeutische Ziel bei seelischen Erkrankungen oft darin, die traumabedingte Opferrolle abzulegen und die eigene Handlungsfreiheit neu bzw. wieder zu entdecken. Wer nicht handelt, der wird behandelt! Unerfreuliche Ereignisse sind Teil des Lebens und müssen mehr oder minder akzeptiert werden. Dass man sich mit negativen Gedanken oder Visionen selbst zum Opfer macht, ist vielen Menschen gar nicht klar. Den Preis, den man für diese Opferrolle erhält, ist jedoch nur ein Trostpreis. Man bekommt vielleicht Zuwendung und Zuspruch, aber man ändert nichts. Die Ohnmacht bleibt und meist auch ein Gefühl der Minderwertigkeit. Glücklich werden kann nur derjenige, der sein Schicksal in die eigene Hand nimmt. Er entwickelt ein Bewusstsein für Selbstwirksamkeit und kann wieder seines eigenes Glückes Schmied werden. ​ Er bestimmt durch seine geänderte Einstellung, wieweit er noch leiden will oder selbst Verantwortung für seine Gefühle und Gedanken übernimmt. Der Begründer der psychologischen Forschung in den USA und späterer Professor für Psychologie und Philosophie an der Harvard Universität William James[2]hielt nicht technische oder politische Innovationen für die Realisierung zukunftsweisender Visionen grundlegend, sondern die Änderung der menschlichen Geisteshaltung. Seine Auffassung zu diesem Thema aus dem 19. Jahrhundert ist heute aktueller denn je: “Die größte Revolution unserer Zeit dürfte die Entdeckung gewesen sein, dass die Menschen durch die Änderung der Geisteshaltung die äußeren Umstände ihres Lebens ändern können“. ​ ​ 5. Kopf oder Bauch - wo entstehen die besten Visionen? „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, dieses weltberühmte Zitat von einem der größten Wissenschaftler und Visionär aller Zeiten, dem Nobelpreisträger für Physik Albert Einstein[1] bringt es auf den Punkt: Wirkliche Innovation kann nur durch Intuition entstehen. Wer bei der Amtsübernahme des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl 1982 behauptet hätte, dass noch während dessen Amtszeit West- und Ostdeutschland wiedervereinigtwürden, wäre nicht als Visionär, sondern als weltfremder Spinner bezeichnet worden. ​ Wer dem genialen Pionier und Marketinggenie Steve Jobs Anfang der 1980ziger Jahre glaubte, dass in nicht allzu ferner Zukunft jeder Mensch einen Personal Computer erwerben könne, wurde ebenso wie Jobs selbst mitleidig belächelt. Steve Jobs revolutionierte in den folgenden Jahrzehnten nicht nur die Computerwelt, sondern schuf mit seinem Unternehmen „Apple“ zeitweise das erfolgreichste Unternehmen der Welt. Sein Werbeslogan „Think different“ wurde zum Synonym für visionäres Unternehmertum. Diese beiden Beispiele und unzählige andere unwahrscheinliche Zukunftsvisionen verdeutlichen, wie wenig logisches Denken bei der Vorhersage zukünftiger Ereignisse hilft. ​ Der renommierte deutsche Psychologieprofessor Gerd Gigerenzer[2] vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hält wenig davon, zukünftige Entwicklungen aufgrund von bisherigen Erfahrungen vorauszuberechnen. Anhand der von ihm benannten „Truthahnillusion“ beschreibt er anschaulich, dass die Kenntnis bisheriger Abläufe oder Ereignisse wenig hilfreich ist, eine zutreffende Aussage über die Zukunft zu machen. Grigerenzer erzählt die Geschichte vom Truthahn, der tagtäglich von seinem Halter gefüttert wird. Der Truthahn hat überhaupt keinen Grund zur Annahme, dass ihm eines Tages von diesem Halter Leid zugefügt werden könnte. Rein rechnerisch sinkt sogar Tag für Tag die Wahrscheinlichkeit, dass ihm etwas Schlimmes widerfährt - bis zu dem Tag, wenn Thanksgiving vor der Tür steht! Intuition ist gefühltes Wissen. Dieses Beispiel zeigt, dass manchmal rein logisches Denken fehl am Platz ist. ​ Wenn für die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen zu wenig Informationen - manchmal aber auch zu viele widersprüchliche Fakten vorhanden sind, sollte der Bauch entscheiden. Manchmal ist es besser, aufgrund weniger Kriterien eine Entscheidung zu treffen als zu versuchen, sämtliche Unwägbarkeiten, die man eh nie alle komplett voraussagen kann, berücksichtigen zu wollen. Eigentlich beruhen diese Entscheidungen nicht ausschließlich auf diffusen Empfindungen, sondern sie folgen einer Faustregel, die in den allermeisten Fällen auch zutrifft. In einer Entscheidungssituation suchen wir nach immer mehr Fakten, um möglichst wenig Fehler zu machen. Trotzdem erreichen wir niemals 100%ige Sicherheit. Die positive Vision des Gelingens, die auch mal den Mut hat, bestimmte Risiken zu ignorieren, hat im Regelfall eine größere Erfolgschance als das ständige Analysieren und Diskutieren jedweder Eventualität. Paralyse durch zu viel Analyse hat schon so manches vielversprechende Projekt bereits scheitern lassen, noch bevor es begonnen wurde! Weniger ist manchmal mehr! ​ Auch aus dem Bauch heraus getroffene Entscheidungen bedürfen des Kopfes. Der Intellekt speichert und sichtet alle für den Entscheidungsprozess relevanten Informationen. Der Bauch interagiert mit vielen Hirnarealen. Neueste Forschungsansätze beschäftigen sich mit dem Einfluss gastrointestinaler Stoffwechselprozesse auf die Hirnfunktion. Es gibt stichhaltige Hinweise, dass kognitive sowie emotionale Hirnleistungen in starkem Maße mit der Magen-Darmfunktion verbunden sind. Entsprechende Studien sind entweder in Vorbereitung oder noch nicht abgeschlossen. Sie scheinen einen wissenschaftlichen Ansatz für altbewährte Metaphern zu liefern, warum wir uns häufig von der inneren Stimme, dem Bauchgefühl oder den sechsten Sinn leiten lassen. ​ Visionen basieren im Regelfall auf ungestörten Denkprozessen einzelner Menschen. Diese sogenannten Vordenker brauchen aber auch Resonanz. So manch eine geniale Idee setzte sich nur deshalb nicht durch, weil sie zu früh kam. Der größte Visionär aller Zeiten, Leonardo da Vinci, erdachte und konstruierte auf Papier bereits im 15. Jahrhundert ein Fahrradmodell, wie eserst später im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Die Vision eines einzelnen Menschen muss also auch als eine solche von vielen anderen Menschen erkannt werden, damit sie die Kraft hat, sich flächendeckend durchzusetzen. ​ Die neuen Medien rund ums Internet ermöglichen so rasch wie noch nie die Interaktion zwischen den Schöpfern innovativer Produkte und Prozesse und deren Anwendern. Große Gruppen können quasi in Echtzeit in die Weiterentwicklung eines Produktes oder einer Dienstleistung miteinbezogen werden, selbst Kritik oder Anregungen beitragen. Der Kunde ist oft der beste Unternehmensberater, wenn es darum geht, Innovationen auf ihre Markttauglichkeit hin zu prüfen. Jan Landwehr[3], seines Zeichens renommierter Fachmann und Professor für Produktmarketing und Kommunikation an der Frankfurter Goethe-Universität erläutert den Umsetzungsprozess von Innovationen wie folgt: “Die kreative Idee entsteht im Individuum selbst, der Schwarm ist der Filter und Katalysator. Die Intelligenz der Masse - auch Schwarmintelligenz genannt - führt nicht zur Kreativität, sie ist lediglich eine spezielle Organisationsform und nicht per se innovativ.“ Visionäres Denken braucht also beides: Bauch und Gehirn! ​ Kreatives, d.h. offenes Denken und ziel- und faktenorientiertes, d.h. rationales Denken. Träume können nur dann real werden, wenn sie an einen konkreten Zeitrahmen gebunden sind. Visionäres Denken verliert das große Ziel nicht aus den Augen. Visionäres Denken begreift Umwege und Schwierigkeiten jedoch nicht als Zeitverschwendung, sondern als Lernprozess, die eigene Wahrnehmung für neue Zusammenhänge zu schulen. ​ ​ 6. Neue Gedanken schaffen ein neues Gehirn ​ „Was Fritzchen nicht gelernt hat, lernt Fritz nimmermehr“- das war ein über viele Generationen gültiger pädagogischer Lehrsatz. Die Lern- und Entwicklungstheorien sämtlicher namhafter Pädagogik – oder Psychologielehrstühle weltweit waren sich einig: Nach Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter war das Gehirn funktionell und strukturell ausgereift. ​ Wachstums- und Veränderungsprozesse waren - wenn überhaupt - nur marginal möglich. Die Anzahl und Art und Weise der Nervenzellenverdrahtungen hatte ihren Höhepunkt erreicht; und, wenn überhaupt, so könnten die Nervenzellen sich nur noch degenerativ aufgrund des fortschreitenden Alters verändern. Intelligenz, Emotionalität und Sozialverhalten seien nach Abschluss der genannten Entwicklungsprozesse determiniert. Seit der Zeit der Aufklärung im 17. Jahrhundert galt der Dualismus von Körper und Geist als getrennt voneinander. Materie bringt Materie hervor und Geistig-Seelisches schafft Immaterielles. Phänomene wie die Telepathie oder Telekinese wurden als unwissenschaftlich in die Esoterikecke gerückt. Einzig der Buddhismus beschäftigte sich seit Jahrhunderten mit der Transformation des Gehirns durch meditatives Denken. ​ Galt selbst auch in den Neurowissenschaften noch bis vor einigen Jahren der Grundsatz, dass die biochemischen Prozesse des Gehirns das Denken hervorbringen, so zeigen immer mehr Studien der modernen Hirnforschung, dass diese Kausalkette auch umkehrbar ist: Das Denken formt das Gehirn. Einer der weltweit beeindruckendsten Studien, wie positive Gedanken neuronale Systeme verändern können, stammt von dem Hirnforscher Prof. Richard Davidson von der University of Wisconsin[1]. ​ Davidson wurde im Jahre 2006 vom TIME-Magazin in den erlauchten Kreis der hundert wichtigsten Persönlichkeiten gewählt, die weltweit auf ihrem Gebiet herausragende Leistungen erzielt hatten. In seiner Studie hat er mit Hilfe des Dalai Lama buddhistische Meditationsmeister verschiedenen Tests unterzogen, bei denen durch langjährige Meditation EEG-Muster in den betreffenden Hirnregionen gemessen wurden. Alle Probanden verfügten mindestens über 15000-55000 Stunden meditativer Praxis. Die Testergebnisse zeigten eindeutig, dass die Hirnregionen, die für positive Gefühle sowie empathisch-altruistisches Handeln verantwortlich sind, in einem vorher nie beobachteten Ausmaß aktiviert worden waren. Geistige Prozesse wirkten in höchstem Maße modulierend. Das Gehirn war, etwas vereinfacht ausgedrückt, so plastisch wie Knetmasse. Für unser westliches Weltbild sind diese neuen neurowissenschaftlich basierten Beweise revolutionär. ​ Der Buddhismus lehrt diese Zusammenhänge eigentlich schon seit mehr als 2500 Jahren. Unser Selbst und unser Charakter sind also per se nichts Statisches und kein stabiler Zustand. Vielmehr zeigen immer mehr Studienergebnisse, dass unsere Gedanken Schöpfer der Realität sind -im Positiven wie im Negativen. ​ Positive Gedanken verändern langfristig z.B. die Konzentrations- und Merkfähigkeit im präfrontalen Cortex. Meditation senkt die Aktivität unserer Angstzentrale, der Amygdala. Gleichzeitig verringert sich die Ausschüttung der Stresshormone, die im Übermaß die Neuronenneubildung einschränkt und verhindert, dass neue Nervenzellen störungsfrei miteinander kommunizieren. Selbst Depressionen mit bereits bestehenden funktionellen Beeinträchtigungen wie z.B. der eingeschränkten Aktivität unseres Belohnungszentrums im Nucleus accumbens, einem Teil des mesolimbischen Systems, bessern sich durch kognitive Verhaltenstherapie. Ähnlich wie bei einer Skipiste, auf derein bereits eingefahrener Pfad immer wieder von neuen Skifahrern genutzt wird, selbst wenn andere Abfahrtsstrecken möglich wären, verlaufen Denk- und Verhaltensweisen in alten eingefahrenen Bahnen. Eine neue Skipiste müsste erst neu erschaffen, erprobt und eingefahren werden, bis auch dort die Abläufe reibungslos funktionieren. Je mehr alte Pfade im Gehirn emotional eingebrannt sind, umso schwieriger ist es, neue Sichtweisen zu etablieren. Die Macht der Gewohnheit ist wohl jedem bekannt. Das Positive ist, dass auch das Finden neuer Denkpfade trainierbar ist. Neurowissenschaftliche Studien zur besonderen Beschaffenheit kreativer Gehirne haben ergeben, dass kreative Menschen über eine schwächer ausgeprägte Filterfunktion in ihrem Denkorgan verfügen. ​ Die Psychologieprofessorin Shelley Carson[2] von der Harvard University in den USA hat die Hirnfunktionen von besonders kreativen Menschen mit denen weniger kreativer verglichen. Der wissenschaftliche Versuch, bei dem die Ablenkbarkeit beider Probandengruppen durch akustische Reize bei der Lösung von konzentrativen Aufgaben getestet wurde, ergab, dass kreative Menschen sich wesentlich leichter ablenken lassen. Sie sind sensibler in der Wahrnehmung von Sinnesreizen und damit auch origineller im Erfinden neuer Assoziationen. Wichtiges von Unwichtigem können sie daher oft nicht so gut voneinander trennen. Der Preis für besonders kreatives Denken besteht wohl darin, dass zuweilen auch etwas „verrückt“ erscheinende Assoziationen entstehen können. Verrückt im Sinne von ungewöhnlich. ​ ​ 7. Wie kann auch ich mein kreatives Potential verbessern? ​ Wissen ist begrenzt - Phantasie unendlich. Die Ratgeber in den Medien zum Thema „Hirntuning“ sind schier grenzenlos. Sie reichen von rein gesundheitlichen Empfehlungen bis hin zu Themen wie Schlaf und Entspannung, Ernährungsrezepte, sportliche Brainfit-Angebote, Psychopillen oder elektrischen Hirnstimulation. Eine besondere Form des Hirntunings bieten meditative Techniken, die vor allem die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit verbessern. Entweder man trainiert grundsätzlich seine Entspannungsfähigkeit, um seine kreativen Ressourcen freizulegen - denn nur ein relaxtes Gehirn ist frei in seinem Denken - oder man ist per se begeistert vom eigenen Tun. Aber auch in diesem Fall bedarf es außerordentlicher Konzentration, um sein Gehirn wachsen zu lassen. ​ Schaut man sich die Lebensläufe besonders kreativer Visionäre wie z.B. Steve Jobs, Bill Gates aus der Gegenwart oder künstlerische Genies früherer Tage wie Picasso, Dali oder Musiker wie Beethoven oder Mozart an, so fallen bei allen der enorme Fleiß und die außergewöhnliche Hingabe auf. Nicht das Talent war ausschlaggebend für den Erfolg einer visionären Idee, sondern die Beharrlichkeit. Damit ein Mensch über einen längeren Zeitraum seine Idee weiterverfolgt und sich trotz möglicher Rückschläge nicht entmutigen lässt, braucht er Begeisterung und Enthusiasmus. Diese Begeisterung aktiviert die emotionalen Zentren, allen voran das Limbische System. Die dort lokalisierten Nervenzellen reichen mit ihren Fortsätzen in alle anderen Bereiche des Gehirns. Im Zustand der Euphorie werden an den Enden dieser Nervenzellen neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. ​ Diese Botenstoffe veranlassen nachgeschaltete Neuronenverbände, spezifische Eiweiße herzustellen. Die sich auf diese Weise neuverknüpfenden und stabilisierenden Nervenzellverbände bilden genau das „Werkzeug“, das wir zur Bewältigung neuer Aufgaben brauchen. Das Gehirn wächst also quasi an seinen Aufgaben. Die Inspiration gibt den Startschuss zur „Transpiration“. Und die Transpiration, sprich geistige Aktivität, schafft zusätzliche neuronale Verschaltungen und synaptische Netzwerke, die wiederum neue Bilder und Visionen kreieren. Die Resultate dieser schöpferischen Prozesse ergeben viel mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Dieses Phänomen wird Emergenz genannt. Erstmals in der Physik beschrieben, ist der Begriff der Emergenz[1] inzwischen auch etabliert in vielen anderen Wissenschaften, wie z.B. der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und seit einigen Jahren auch immer mehr Bestandteil der neurowissenschaftlichen Forschung: Das Gehirn ist in der Lage, aufgrund seiner besonderen Struktur und des Zusammenspiels unterschiedlicher Systeme stets auch Neues zu schaffen - genannt Kreativität. Diese besondere Eigenschaft ist naturwissenschaftlich aus den einzelnen Teilen des Gehirns nicht erklärbar. Wir können die Entstehung und Beobachtung emergenter Prozesse, die in unserem Gehirn ablaufen, beschreiben und fördern. In Gänze erklären oder voraussehen kann man sie nicht. Die Entstehung neuer Visionen und Kreationen ist also ein unendlicher Prozess. ​ Ob ein Mensch aufgrund seiner Vision und Idee als Genie anerkannt wird, entscheidet sich immer erst später. Niemand hat den Unterschied zwischen einem Spinner und einem genialen Visionär treffender beschrieben als der weltberühmte Schriftsteller Mark Twain: “Jemand mit einer neuen Idee gilt solange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat“.

  • Die Zukunft des Lernens

    Aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse über menschliche Lernprozesse Inhaltsverzeichnis 1. Lernen und Bildung - die wichtigsten Ressourcen moderner Gesellschaften 2. So lernten wir früher - so lernen wir heute 3. Das Geheimnis des lebenslangen Lernens 4. Wird „Big Data“ irgendwann menschliche Lernprozesse überflüssig machen? 5. Welchen Beitrag leistet die Neurowissenschaft für das „gehirngerechte Lernen“? 6. Wie kann ich meine eigene Lernfähigkeit bzw. die meines Kindes verbessern Die Zukunft des Lernens Aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse über menschliche Lernprozesse ​ 1. Lernen und Bildung - die wichtigsten Ressourcen moderner Gesellschaften „Non vitae, sed scholae discimus - nicht für das Leben, für die Schule lernen wir“, tadelte bereits vor 2000 Jahren der berühmte antike römische Philosoph und Politiker Seneca1 das damalige Schulsystem. Dieser ironische Ausspruch wurde in der Folge umgedeutet: „Non scholae, sed vitae discimus“ ist längst zum geflügelten Wort unzähliger Lehrergenerationen geworden. Die Bedeutung von Lernen, Aus- und Weiterbildung ist allgemein anerkannt. Der Aufstieg und Fall von Gesellschaftssystemen, Völkern bzw. Kulturen wird entscheidend durch den Grad an Bildung sowie der kollektiven Lernfähigkeit bestimmt. Lernen und Bildung sind wichtigste Ressourcen im weltweiten Kampf der Kulturen um Macht, Wohlstand und Gesundheit. Die Anzahl hochdekorierter Nobelpreisträger, die Qualität neuer technischer Entwicklungen oder das gute Abschneiden bei PISA -Studien haben eine enorme Bedeutung für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. ​ Eine im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung im Jahre 2010 vom renommierten Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlichte Studie berechnet den volkswirtschaftlichen Schaden, der durch unzureichende Bildung entsteht. Darin zeigt der Leiter des Bereichs Humankapital und Innovation dieses Instituts und gleichzeitiger Inhaber des Lehrstuhls für Bildungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München Prof. Ludger Wößmann2 den Zusammenhang zwischen mangelhafter Bildung und volkswirtschaftlichem Schaden auf. Etwa 20 % der heute 15jährigen Schüler befindet sich im Bereich der Grundrechenarten sowie der Lesekompetenz auf dem Niveau eines Grundschülers in der 4. Klasse. Dieses ernüchternde Ergebnis zeigte die PISA-Studie aus dem Jahre 2006. In einigen Bundesländern wie z.B. Sachsen, Thüringen oder Bayern gab es wesentlich bessere Ergebnisse, dort gab es nur ca.10-12% sogenannter Risikoschüler. In Nordrhein-Westfalen oder Bremen jedoch lag der prozentuale Anteil der schwachen Schüler bei 25% bis 29%. Die schwachen PISA-Ergebnisse führen im Regelfall zu Problemen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz sowie im weiteren Berufsleben generell. Unter den Erwerbspersonen ohne abgeschlossene Berufsausbildung liegt die Arbeitslosenquote bei ca. 20%. Unzureichende Bildung bedeutet nicht nur für den Einzelnen, dass seine Kaufkraft eingeschränkt ist, sondern auch, dass das Innovationspotential einer Volkswirtschaft leidet - das Wachstumspotential eingeschränkt ist. ​ Der Münchner Ökonomieprofessor Wößmann kommt in seiner bemerkenswerten Studie „Was uns unzureichende Bildung kostet“ zu der beeindruckenden Summe von durchschnittlich 34.000 €, die jedem einzelnen dieser Risikoschüler während seines weiteren Lebens entgeht. Und zwar nicht, weil diese Schüler über keinen höheren Bildungsabschluss verfügen, sondern weil sie sich im Alter von 15 Jahren noch auf Grundschulniveau befinden! Es lohnt sich also, wenigstens die Mindestanforderungen in Form eines Haupt- oder Realschulabschlusses irgendwann während der Schullaufbahn zu erreichen. Jedes Jahr investieren Unternehmen und Arbeitgeber Milliarden Euros in die Personalentwicklung. Eltern sparen vielerorts jeden Cent, um die Ausbildung ihrer Kinder sicherzustellen; nicht selten werden Ausbildungsprogramme oder der Besuch von qualifizierten Lerninstituten oder Privatunis durch Bankkredite ermöglicht. In vielen Fällen spielt nicht das Können bzw. die Begabung eines Schülers für den Lernerfolg die größte Rolle, sondern seine Herkunft. Mithilfe staatlicher Förderprogramme oder Stipendien versucht der Staat mehr Chancengleichheit für sozial benachteiligte Schüler zu schaffen. Die Forderung nach besserer Bildung ist nicht neu und wenn das Lernen bereits seit jeher so eine enorme Bedeutung für die Existenz und Weiterentwicklung des Menschen hatte, wie werden wir dann zukünftig lernen? Wird der Mensch mit der rasanten Weiterentwicklung digitaler Informationstechniken mithalten können? Inwieweit werden sich die evolutionsbiologisch bewährten Hirnstrukturen an die immer größer und schneller werdende „Datenautobahn“ anpassen können? ​ 2. So lernten wir früher - so lernen wir heute Das schulische Lernen, wie wir es heute kennen, war nicht immer selbstverständlich. Erst mit Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Trotzdem ging zunächst auch im Kindes- und Jugendalter die Arbeit vor. Die meisten Menschen lebten damals vom Ackerbau bzw. der Landwirtschaft. In den Monaten Oktober bis April, wenn auf den Feldern nichts zu tun war, durften Kinder zur Schule gehen. Vor ca. 100 Jahren hatte sich die allgemeine Schulpflicht weitestgehend durchgesetzt. Schuleschwänzen war verpönt - Schüler, die schwänzten, bekamen eine bestimmte Anzahl von Stockschlägen auf Hände und Rücken. Zum Glück ist die Prügelstrafe längst abgeschafft. ​ Die Notengebung, wie wir sie heute kennen, war erst ab 1918 für alle Schulformen verpflichtend. Der ehemaligen Volks- bzw. heutigen Grundschule fällt damit eine wichtige Selektionsfunktion zu. Bereits nach dem 4. Schuljahr werden entscheidende lebensbiographische Weichen gestellt: Die Schüler sollen bereits früh an die Leistungsorientierung unserer Gesellschaft herangeführt werden. Wer nach der Grundschule aufs Gymnasium geht, strebt im Regelfall einen akademischen Beruf an, Haupt- und Realschüler einen Ausbildungsberuf. Das bis heute gültige Notenspektrum von 1 - 6 - sehr gut bis ungenügend - dient als Selektionskriterium für den sozialen Aufstieg. Noten dienen als Kontrollsystem für erbrachte Leistungen, sollen disziplinieren und motivieren. ​ Die Suche nach besser differenzierenden und lernfördernden Beurteilungssystemen ist seit Jahren in vollem Gange. Es scheint bislang - trotz aller berechtigter Kritik - noch keine Alternative zu geben. Die Lernkultur der Gegenwart wird jedoch immer mehr geprägt durch neue neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Die modernen Methoden der Neurowissenschaften wie z.B. EEGs oder bildgebende Verfahren ermöglichen die Sicht auf die zugrundeliegenden neurophysiologischen Prozesse des Lernens. Während früher im wahrsten Sinne des Wortes vom „Pauken“ oder „Eintrichtern“ gesprochen wurde, ist es heute möglich, Lernmechanismen neurobiologisch zu begründen. Jeder Lernvorgang verändert das Gehirn in seiner Struktur. Die Effektivität unterschiedlicher lernpädagogischer Ansätze kann mittels modernster Methoden des Hirnscannings beurteilt werden. Es ist erstaunlich, dass viele etablierte didaktische Modelle und Lernkonzepte durch die aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht in Frage gestellt, sondern bestätigt werden. Gleichgütig, ob es sich dabei z.B. um den Ansatz der Montessorischulen handelt, der darin besteht, dass der Schüler die Lerninhalte und Ziele selbst entdeckt, oder der Waldorfpädagogik, die den ganzheitlichen Ansatz in den Vordergrund stellt. Das menschliche Gehirn lernt bei beiden Methoden „hirngerecht“. ​ Was bedeutet hirngerechtes Lernen und wie gelangt das Wissen der Welt in unser Gehirn? Zahllose Forscher und Wissenschaftler beschäftigen sich mit dieser Frage. Es ist möglich, dem Gehirn beim Lernen zuzuschauen. Diese Methode - funktionelles Neuroimaging genannt - ermöglicht den Blick ins Gehirn, ohne die Schädeldecke öffnen zu müssen. Für den bekannten deutschen Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer4 von der Universitätsklinik in Ulm ist unser Denkorgan geradezu optimiert für Lernprozesse. Spitzer untermauert seine Überzeugung mit der folgenden Feststellung: “Es kann nichts besser und tut nichts lieber“ als ständig zu lernen - vorausgesetzt man geht richtig mit ihm um.“ Das Gehirn ist das mit Abstand komplexeste Organ des menschlichen Körpers. Es verfügt über ca. 100 Milliarden Nervenzellen, die jeweils mit bis zu 15.000 anderen Neuronen verbunden sind. Lernprozesse basieren stets auf komplexen Integrationsleistungen einzelner Nervenzellen. Wie und wofür ein Mensch sein Gehirn nutzt, ist entscheidend dafür, welche Verschaltungen zwischen den Milliarden Neuronen gebahnt bzw. verstärkt werden. Um diese neuronale Prägung in Gang zu bringen, brauchen insbesondere Kinder und Jugendliche eine Vielzahl eigener Erfahrungen. Sie brauchen während des Lernens jedoch auch Orientierungshilfen und Leitbilder. ​ Hirnforscher haben nachgewiesen, dass funktionierende Beziehungen zu Eltern, Lehrern oder anderen Bezugspersonen entscheidend zum Lernerfolg beitragen. Vertrauen und Anerkennung sind Dünger für gehirngerechtes Lernen! Für einen weiteren profilierten deutschen Hirnforscher, Prof. Hüther von der Universität Göttingen spielt die emotionale Sicherheit beim Lernen eine herausragende Rolle. Der Neurowissenschaftler Hüther5 verwendet in diesem Zusammenhang gerne die Metapher der „Wurzel“. In seinem Buch „Kinder brauchen Wurzeln“ beschreibt er anschaulich, wie eine stabile und liebevolle Eltern-Kindbeziehung die kindliche Hirnentwicklung fördert. Der Begriff der „Wurzel“ in Verbindung mit einer gelingenden Erziehung erlangte bereits zu Lebzeiten des großen Dichters Johann Wolfgang von Goethe Weltruhm. Goethe ermahnte bereits vor mehr als 200 Jahren mit seinem bis heute zur Allgemeinbildung gehörenden Sinnspruch die Eltern, „ihren Kindern Wurzeln und Flügel“ zu geben. Da es zu jener Zeit noch keine allgemeine Schulpflicht gab, war es den Eltern überlassen, ihre Kinder im Lernen und Denken zu unterrichten. Nichts anderes meint dieser Satz: ​ Die Wurzeln stehen für die grundsätzlichen Kenntnisse und Verhaltensweisen, die ein junger Mensch braucht, um sich später selbständig in der Gesellschaft behaupten zu können. Die Flügelmetapher zielt auf die Befähigung der Kinder zu freiem Denken. Bereits diese wenigen Beispiele für das Lernen früher und heute verdeutlichen, dass bestimmte pädagogische Prinzipien zeitlos sind. Diese Prinzipien beinhalten, dass Lernprozesse immer auch Beziehungsarbeit voraussetzen Lernen am besten durch eigene Erfahrungen gelingt Lernen Orientierung und Ordnung braucht. Anhand von Beispielen leitet das Gehirn allgemeine Regeln ab. Auf diese Weise entstehen neuronale Landkarten - das Gehirn gewinnt an Struktur. Eigene Erfahrungen durch Beispiele machen Schüler am besten, wenn sie ihre Erkenntnisse multisensual, d.h. mit Kopf, Hand und Herz erwerben. Auch dieser Grundsatz ist nicht neu. Bereits die Anthroposophen – basierend auf Rudolf Steiner- etablierten diesen ganzheitlichen Ansatz – bekannt als Waldorf-Pädagogik. Die moderne Hirnforschung liefert mithilfe bildgebender Verfahren den neurobiologischen Nachweis, dass die bewährten Methoden entsprechende Bahnungs- und Strukturierungsprozesse auslösen. Gefestigt wird das einmal Gelernte durch wiederholte Anwendung in unterschiedlichen Kontexten. Neues Wissen bzw. neue Denkprozesse bleiben am besten haften, wenn Zusammenhänge selbst erarbeitet werden; wenn sich dem Lernenden Sinn erschließt und der neue „Stoff“ an Bekanntes anknüpft. Die frühere Lehrerrolle als reiner „Stoffvermittler“ hat längst ausdient. Der Lehrer von heute ist Berater und Moderator. Der Lehrer der Vergangenheit suchte Fehler - heute geht es darum, Talente und Interessen zu entdecken. Der moderne Lehrer befindet sich immer mehr in der Rolle des „Schatzsuchers.“ „Lernschätze“ in Form von Interessen, Neigungen oder Begabungen müssen jedoch nicht nur entdeckt werden. Sie müssen auch auf eine lernfreundliche Umgebung treffen. ​ Der führende Schulpsychologe Dänemarks Prof. Hans Henrik Koop6 von der Universität in Aarhus betont in einem aktuellen Interview in der Psychologie HEUTE- Ausgabe vom November 2014, wie wichtig die Rahmenbedingungen für den Lernerfolg sind: “Es ist wie mit den Ginsterbüschen: Du sorgst für gute Rahmenbedingungen - dann wachsen und blühen sie wie von selbst.“ In seinem Statement führt Prof. Koop, der zugleich auch Berater des dänischen Bildungsministeriums ist, weiter aus: “Gute Noten sind nichts wert, wenn es niemanden gibt, der sich mit dir freut. In unserem Wir-lernen-für-die Klassenarbeit-Paradigma geht der Blick auf menschliche Beziehungen sehr leicht verloren.“ Freude am Lernen ist also das A und O! Nicht die bloßen Ergebnisse sind beim Lernen entscheidend, sondern der Prozess. Schaut man sich Kinder in der Mittagspause auf dem Schulhof an, wie sie Fußballspielen; immer und immer wieder, obwohl sie mindestens die Hälfte ihrer Spiele verlieren, dann fällt auf, dass es ihnen gar nicht so sehr um die Ergebnisse geht, sondern um das Match selbst. Der Spielprozess steht im Vordergrund - nicht das Resultat. Das Paradoxe an diesem Beispiel ist, dass gerade dann die Ergebnisse und das Können immer besser werden, wenn genau das nicht beabsichtigt wird. Alleine das selbstvergessene Flowerlebnis, das Kinder oder Menschen allgemein bei Aktivitäten wahrnehmen, die sie begeistern, trägt entscheidend zum Erfolg bei. Wie können Schüler bzw. Lernende in diesen Zustand versetzt werden? Inwieweit ist die dafür zuständig? ​ Diese und ähnliche Fragen bestimmen den ewigen „Streit“ der Bildungswissenschaftler, welches denn die wichtigsten Einflussgrößen für den Lernerfolg seien. Konservative Bildungsforscher favoritisieren den Frontalunterricht - Reformpädagogen eher offene Unterrichtskonzepte. Ebenso wird seit Jahrzehnten darüber gestritten, ob das dreigliedrige Schulsystem leistungsfähiger ist als z.B. ein integratives Bildungssystem mit einem höheren Gesamt-schüleranteil. Alle diese aufwendigen Dispute über Struktur und Methoden scheinen völlig zweitrangig zu sein, wenn man einen Blick auf die Ergebnisse der größten Schul- und Unterrichtsstudie aller Zeiten wirft - der sogenannten „Haettie-Studie“7. ​ John Haettie, seines Zeichens Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität von Melbourne ist der neue Stern am Himmel der Bildungsfachwelt. Prof. Hattie ist Forschungsleiter der größten jemals durchgeführten Studie zum Thema: „Was macht erfolgreiches Lernen aus“. In seinem Buch „Visible Learning“, zu Deutsch „Lernprozesse sichtbar machen“, fasst Hattie die Ergebnisse aus über 50.000 Einzelstudien, die sein Team und er über einen Zeitraum von 15 Jahren analysiert haben, zusammen. Diese „Metaanalyse“ ist ein Meilenstein der internationalen Bildungsforschung. Hattie hat insgesamt 138 verschiedene Einflussgrößen definiert, die für den Erfolg bzw. Misserfolg von Lernprozessen verantwortlich sein können. Insgesamt sind weltweit Daten von mehr als 250 Millionen Schüler bei diesem gigantischen Projekt mit eingeflossen. Hattie berücksichtigte dabei sämtliche Lebensbereiche des Schülers. Er teilte die einzelnen Kriterien in 6 Kategorien ein: Das Selbstbild des Schülers Das Elternhaus Die Schule Das Curriculum Die Lehrperson Der Unterricht Fazit der Studie ist, dass es weniger die äußeren Strukturen sind, die über den Lernerfolg entscheiden, wie z.B. die Frage nach der Klassengröße oder des Schulsystems generell. Es kommt viel mehr auf das Selbstbild des Schülers sowie dessen Beziehung zum Lehrer an. Hattie hat in einem komplizierten mathematischen Verfahren die Gewichtung der jeweiligen Einflussgrößen berechnet. Er fand heraus, dass eine positive Lernorientierung den größten Effekt auf den Lernerfolg hat. Ein Schüler, der gerne lernt und sein eigenes Leistungsniveau positiv beurteilt, ist sozusagen die halbe Miete. Daneben steht die Unterrichtsgestaltung und das damit zusammenhängende Lehrerverhalten ganz oben auf der Rangliste. Lehrer, die selbst begeistert sind von ihrem Fach; Lehrer, die ihren Unterricht klar strukturieren, indem sie es schaffen, ihren Schülern das Lernziel transparent zu machen, und schließlich Lehrer, die Fortschritte aus Sicht des Schülers vermitteln können, befinden sich bei diesem Ranking ganz weit vorne. Vergleicht man daraufhin die Gewichtung der Bildungsinvestitionen in die unterschiedlichen Bereiche von Schule und Lernen, so fällt auf, dass die Lehreraus- und Weiterbildung stiefmütterlich behandelt wird. Wenn denn der Lehrer solch einen hohen Stellenwert für gelingende Lernprozesse hat, so sollte die ständige Weiterqualifizierung sowie Hilfestellung in der Gestaltung von Unterricht zur Chefsache des Bildungsministers gemacht werden. Die empirischen Ergebnisse der Hattie-Studie jedenfalls sprechen eine deutliche Sprache! 3. Das Geheimnis des lebenslangen Lernens ​ Waren es in den 1950er Jahren noch psychologische Verfahren, die in die Lernpädagogik Einzug hielten, so sind es heute immer stärker nichtinvasive neuro-wissenschaftliche Methoden, die zum Erkenntnisfortschritt beitragen. Bedingt durch das mittelmäßige Abschneiden in den diversen PISA- Studien, wird der Ruf nach neuen Unterrichtsmethoden immer größer. So ist es kein Zufall, dass die baden-württembergische Landesregierung seit Jahren das Transfer Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm finanziert. Das ZNL wurde gegründet von dem renommierten Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer. Prof. Spitzer, der gleichzeitig die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm leitet, hat sich gemeinsam mit seinem Team zum Ziel gesetzt, bildungsrelevante Erkenntnisse der Neurowissenschaften von der Theorie in die Praxis zu übertragen. Dabei beschäftigt sich Spitzer nicht nur mit Grundlagenforschung oder schulbezogenen Lernprozessen, sondern auch schwerpunktmäßig mit der Weiterbildung berufstätiger Menschen. Das ZNL arbeitet daher u.a. eng mit Unternehmen und Organisationen zusammen, die sich mit Personalentwicklung beschäftigen. Anlässlich der Heidelberger Fachtagung für Talent Management, Learning und Knowledge der TTS GmbH - dem europäischen Marktführer für Personalentwicklung und -weiterbildung in der IT-Branche - hielt Prof. Spitzer8 im Jahre 2011 einen bemerkenswerten Vortrag. Spitzer erläuterte in seinen damaligen Keynote –Ausführungen sehr plastisch, welchen Einfluss das Lernen auf unser Gehirn hat. Es ging um die Frage, ob bzw. wie sich Lernprozesse im Laufe des Lebens verändern. Lernt „Hänschen wirklich leichter als Hans oder lernt Hans vielleicht nur anders?“ ​ Die Synapsen verändern sich im Laufe des Lebens: Zehnjährige lernen schneller als 17-Jährige. Im Kindergarten oder der Kita ist die Lernkurve noch am steilsten. Später in der Schule oder im Beruf senkt sich die Lernkurve. Für Prof. Spitzer ist das jedoch kein Grund, weniger in die Weiterbildung bzw. Personalentwicklung erwachsener Mitarbeiter zu investieren. Ganz im Gegenteil! Es kommt allerdings ganz auf den Einzelfall an. Ein erwachsener Mensch lernt nur anders. Wenn Hans verstanden hat zu lernen, wie er sich beispielsweise eine neue Sprache aneignet, so wird er auch die 3. oder 4. Fremdsprache schneller beherrschen. Das wesentlich jüngere Hänschen, das bisher noch über keine Erfahrung mit Fremdsprachen verfügt, wird dieser neuen Herausforderung kaum gewachsen sein. Spitzer wörtlich: „Das Gehirn ist kein normaler, sondern ein paradoxer Schuhkarton. Je mehr drin ist, desto mehr passt noch rein.“ Es gilt also der alte Bibelspruch: „Wer hat, dem wird gegeben.“ ​ Noch bis vor wenigen Jahren gingen Forscher davon aus, dass die Lernfähigkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Aktuelle neurowissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass unser Gehirn ständig lernfähig bleibt – vorausgesetzt, wir trainieren es. Unser Gehirn ist plastisch - es wächst mit seinen Aufgaben. Beim Lernen ändern sich die Verbindungen zwischen den Nervenzellen - es entstehen sogenannte neuronale Netzwerke. Je häufiger bestimmte Lerninhalte mittels Beispiele wiederholt werden, umso stärker verfestigt sich das Neuerlernte. Aus den Beispielen wiederum leitet das Gehirn wie von selbst allgemeine Regeln ab. Es entstehen Zusammenhänge. Schaut man mittels Hirnscanner während dieser Lernprozesse in unser Denkorgan, entdeckt man neue „Trampelpfade“: Neugebildete Synapsen, Neuronen und Neurotransmitter, die eine Spur im Gehirn hinterlassen. Sind diese Spuren jedoch einmal über Jahre angelegt, so fällt es sehr schwer, diese in neuen Situationen zu verlassen. Schlechte Gewohnheiten wie etwa ungesunde Verhaltensweisen oder emotionale Überreaktionen sind tief verankert, und es erfordert Einsicht und eine Menge Disziplin, neue Wege zu finden. Daher ist es immer leichter, schlechte Gewohnheiten erst gar nicht einzuüben. Der Aufwand, diese „alten Trampelpfade“ wieder verlassen zu wollen, wird ungleich höher ausfallen, als von Anfang an erkanntes Fehlverhalten zu vermeiden. ​ Der renommierte Hirnforscher Spitzer(9) fasst diese Zusammenhänge wie folgt zusammen: “Bereits seit dem Jahre 2003 wissen wir, dass es sich auf diesen Trampelpfaden besonders gut läuft. Eine Spur wird nicht genommen, weil es die beste Problemlösung darstellt, sondern weil sie schon vorhanden ist.“ Aus neurowissenschaftlicher Sicht bedeutet hirngerechtes Lernen also von Anfang an, das Richtige einzuüben z.B. die richtigen Regeln oder Lösungswege zu trainieren. Die möglichen späteren Korrekturen sind zu aufwendig! Wenn man sich mit den Ursprüngen gehirngerechten Lernens im Zusammenhang mit der Personalentwicklung in Deutschland beschäftigt, stößt man immer wieder auf die bekannte Psychologin und Journalistin Vera Birkenbihl10. Bis zu ihrem Tod im Jahre 2011 galt Birkenbihl als einzige weibliche Vertreterin in der Gilde renommierter Motivations-trainer. Vera Birkenbihl führte bereits im Jahre 1973 den Begriff des „gehirngerechten Lernens“ ein. Für die Pionierin des hirngerechten Lernens ist eine Information nur dann hirngerecht, „wenn sie uns etwas über das Wesen dessen, worüber wir reden, verrät“. Wie das Wort „Wesen“ bereits impliziert, muss die Information für den Zuhörer „wesen(tlich)“sein. ​ Die moderne Neurowissenschaft hat dieses Prinzip der Trennung des Wesentlichen vom Unwesentlichen in den vergangenen Jahren aufgegriffen und mittels Hirnscans die besondere Bedeutung des Botenstoffs „Dopamin“ herausgestellt. Dopamin wird immer dann verstärkt freigesetzt, wenn Lerninhalte subjektiv bedeutsam sind - wenn die Neugier geweckt wird. Die Glücksgefühle auslösende körpereigene Droge Dopamin verbessert die Weiterleitung elektrischer Signale und die Neubildung und Verschaltung neuer Synapsen. Die verstärkte Freisetzung des Neurotransmitters Dopamin kündigt stets ein wichtiges Erlebnis an. Manfred Spitzer unterstreicht in seinem Statement aus dem Jahre 2004 die wesentliche Beteiligung der Gefühle12: “ Aus heutiger Sicht sind Emotionen nicht mehr die Widersacher des Verstandes, sondern dessen Helfer.“ Für diese These erhält Spitzer von einem der weltweit führenden Neuroforscher Prof. Antonio Damasio13 aus Portugal prominenten Beistand. Damasio, der an der University of Southern California das Brain and Creativity Institute leitet, betont: “Offenbar ist vernünftiges Lernen und Denken ohne den Einfluss der Emotionen nicht möglich.“ ​ Das Zentrum unserer Emotionen, genannt „das Limbische System“, bewertet sämtliche Informationen und Situationen vorab. In Abhängigkeit von der „gefühlten Relevanz“, wie bedeutsam oder unbedeutend, vor- oder nachteilhaft oder lustvoll – oder schmerzhaft eine Information bzw. Situation ist, entscheiden sich die dopaminergen Neuronen unseres Limbischen Systems, ob sie den Impuls weitergeben oder nicht. Nur wenn neue Informationen uns emotional berühren und wir sie für bedeutsam halten, werden sie dauerhaft gespeichert. Die neurowissenschaftlich belegten Fakten zum lebenslangen gehirngerechten Lernen basieren zusammengefasst auf den folgenden Erkenntnissen: Das Gehirn ist kein „Schuhkarton“, der irgendwann voll ist, sondern eher eine Art Generator, der aus neuen Informationen selbständig neue Bedeutungen generieren kann. Es arbeitet nach dem Emergenz-Prinzip, was soviel bedeutet, dass es sich aus sich selbst heraus weiterentwickelt. ​ Lernen ohne emotionale Beteiligung ist so gut wie unmöglich. Neugier, Vorfreude oder auch eine leichte Anspannung fördern die Aufmerksamkeit und erhöhen die Chance, dass das Neuerlernte in Form von neuangelegten neuronalen Verknüpfungen abgespeichert wird. Neues muss wesentlich und bedeutsam sein. Dann wird entsprechend mehr des neuronalen Düngers „Dopamin“ freigesetzt. Das Gehirn ist ein „Beziehungsorgan“14. Dementsprechend spielt die Beziehung zur Lehrperson oder Coach eine wichtige Rolle. Eine freundliche und anerkennende Atmosphäre führt zu besseren Lernergebnissen. Je früher Kenntnisse, z.B. Fremdsprachen oder mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen erworben werden, umso leichter lernt später der erwachsene Mensch. Neues Wissen basiert stets auch auf Vorwissen. Neuangelegte neuronale Wissens- oder Erfahrungspfade müssen immer wieder insbesondere auch in neuen Zusammenhängen abgerufen und angewendet werden. Je vielfältiger der Gebrauch ist, umso tiefer sind Lerninhalte in neuronalen Netzwerken verhaftet. Jedes Gehirn ist ein „Unikat“. Neuerlerntes kann daher in seiner Bedeutung völlig unterschiedlich bewertet werden. Was für den einen Schüler z.B. ein erfolgreiches Ergebnis darstellt, z.B. ein „Befriedigend“ als Note in einem Sprachtest, kann von dem anderen Schüler als Niederlage empfunden werden, weil er zuvor stets nur gute oder sehr gute Resultate erzielt hat. ​ 4. Wird Big Data irgendwann menschliche Lernprozesse überflüssig machen? ​ Das Informationszeitalter hat längst das industrielle Zeitalter abgelöst. In wenigen Jahrzehnten hat die Menschheit gleich mehrere noch andauernde nicht zuvor absehbare technische Entwicklungssprünge erlebt. Jede einzelne technologische Neuerung wie z.B. die Einführung des „Personal Computers“, die weltweite Verbreitung des Internets, die mobile Kommunikation oder die totale Vernetzung sämtlicher sozialer Lebensbereiche ist für sich so bedeutend wie die Erfindung des Buchdrucks. Es scheint fast so, als wenn die Erfassung, Speicherung und Auswertung unvorstellbarer Datenmengen auch zukünftig grenzenlos weitergeht. Die zunächst neutral erscheinenden riesigen Datenvolumina werden nicht absichtslos zusammengetragen. Sie folgen in der Regel ökonomischen, gesellschaftspolitischen oder wissenschaftlichen Zielsetzungen. Alleine die Generierung neuer Daten ist für sich genommen neben der Arbeitskraft, den Rohstoffen und dem Kapital mittlerweile zu einem eigenen wirtschaftlichen Produktionsfaktor geworden. Macht diese riesige Informationsflut, auch „Big Data“ genannt, menschliche Lern- und Denkprozesse irgendwann überflüssig? Wie verändert sich das menschliche Gehirn durch dieses „zweite ausgesourcte Gehirn?“ ​ Ziel des Big Data-Prinzips ist es, den Zufall berechenbar zu machen. Wirtschaftsunternehmen und Banken bedienen sich längst hochkomplizierter Algorithmen, um z.B. die Bonität von Geschäftspartnern oder Kunden berechnen zu lassen. Big Data - Analysen werden längst im Katastrophenschutz z.B. zwecks Berechnung von Unwetterwahrscheinlichkeiten oder für militärische Zwecke eingesetzt: Mögliche Feindangriffe werden simuliert - ja sogar Weltkriegsszenarien können virtuell aufbereitet werden. Ebenso spielen Big Data-Vorhersagen eine wichtige Rolle für die Prognose von Krankheitsepidemien und deren Bekämpfung. Die Kehrseite dieses kaum mehr aufzuhaltenden „Daten-Tsunamis“ mit seinem sich in „Echtzeit“ verbreitenden Informationsfluss ist seine hohe Störanfälligkeit. Wer Einblick in Big-Data-Systeme hat, hat Macht. Nicht zuletzt die aktuellen Beispiele des us-amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden oder des australischen Wikileaks Gründers Julian Assange zeigen, wie empfindlich ganze Staaten reagieren, wenn vertrauliche Daten veröffentlicht werden. „Wissen ist Macht“ - dieses alte Sprichwort ist aktueller denn je. Nicht nur unser Alltag verändert sich durch die Omnipräsenz neuer Informationen und Daten. Digital-TV, Internet, PC, Handy oder Smartphone verändern unser Denken und damit unsere Gehirne. ​ Einer der führenden deutschen Neurobiologen Prof. Gerald Hüther15 sieht vor allem die Konzentrations- und Lernfähigkeit durch den zu häufigen Gebrauch digitaler Medien beeinträchtigt. Hüther warnt daher: “Dass man das Wichtige nicht mehr vom Unwichtigen auseinanderhalten kann, das ist das Merkmal der digitalen Medien.“ Der Hirnforscher fügt hinzu: „Besonders eine der wichtigsten Kommandozentralen, der frontale Cortex ist gefährdet. Das ist der Bereich im Hirn, wo Netzwerke liegen, mit deren Hilfe wir uns in andere Menschen hineinversetzen können, Handlungen planen, wo wir auch lernen, Frustrationen auszuhalten, unsere Impulse, die wir haben, kontrollieren. Diejenigen jungen Leute, die intensiv in virtuellen Welten unterwegs sind, haben Probleme, diesen Frontalkortex aufzubauen und zu verschalten.“ Doch welche Alternativen gibt es? Die ständige Weiterentwicklung moderner digitaler Medien ist nicht aufzuhalten. Im Gegenteil, digitales Wissen und rasche Informationsweitergabe sind entscheidende Faktoren im Kampf um wirtschaftlichen Erfolg. Wie bei allen bisherigen technologischen Neuerungen der Menschheitsgeschichte kommt es immer auf den richtigen Umgang an. ​ Gerade dort, wo junge Menschen eigentlich fit gemacht werden sollen für die Zukunft - nämlich in der Schule, hinkt der digitale Fortschritt allerdings oft hinterher. Nur in wenigen Schulen gehören Tablets mit individuellem Stundenplan oder digitale Schulbücher zum Standard. Aus gutem Grund ist in den in meisten Schulen der Gebrauch von Smartphones oder Handys untersagt. Dabei ist der Siegeszug digitaler Medien überhaupt nicht mehr aufzuhalten. In einem Buch lesen Schüler einmal pro Woche. Vier Stunden täglich verbringen die meisten Jugendlichen durchschnittlich vor TV, Spielekonsole, Smartphone oder Computer. Es gibt vielerorts noch Schulbücher, die in ihrer neuesten Auflage inhaltlich so weit hinterherhinken, dass die darin enthaltenen Aufgabenstellungen mit einem Cassettenrekorder geführt werden soll! Was ist zu tun? Es mangelt nicht nur an zeitgemäßen digitalen Medien. Es fehlt vor allem auch an versiertem Lehrpersonal, an Lehrern, die nicht nur im Umgang mit Buch, Overheadprojektor oder Kopierer kompetent sind, sondern auch das Fach Medienpädagogik unterrichten können. Zukünftige Berufe werden immer stärker Informationskompetenz erfordern: Die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Die Kritik an einer ausufernden und nicht strukturierten Nutzung digitaler Medien seitens so namhafter Hirnforscher wie Manfred Spitzer oder Gerald Hüther steht daher nicht im Widerspruch zum virtuellen Zeitgeist, sondern unterstützt den verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Technologien. Wie jede technische Neuerung nicht nur Vorteile mit sich bringt, gibt es auch immer Risiken, die es zu minimieren gilt. Das Internet zu verstehen und verantwortungsvoll für Schüler nutzbar zu machen - das ist eine der herausragenden Aufgaben, der sich Lehrer oder besser gesagt Unterrichtscoaches stellen müssen. ​ Es geht darum, Schule und Lernen an die neuen Anforderungen des postindustriellen Zeitalters - auch „Informationszeitalter“ genannt, anzupassen. Das derzeitige Schulsystem in Europa und der gesamten westlichen Welt folgt immer noch den Interessen einer industrialisierten Gesellschaft. Es sollen konforme Ergebnisse produziert werden. Kinder werden in gleichaltrigen Gruppen unterrichtet. Ab dem vierten Schuljahr werden Kinder in spätere Akademiker bzw. Nichtakademiker aufgeteilt. Auftretende Lernschwierigkeiten wie z.B. die angeblich epidemieartige Verbreitung des Aufmerksamkeits-defizitssyndroms (ADHS) werden mit Tabletten therapiert. Es sollte besser hinterfragt werden, ob unser derzeitiges Schulsystem noch zu den Anforderungen einer digitalisierten Arbeitswelt passt. Dazu könnte auch der Ansatz eines kindgerechten Umgangs mit Smartphone und Co. gehören. Lerneinheiten, das bedeutet leider immer noch Stillsitz-Einheiten sollten stattdessen viel stärker als bisher rhythmisiert werden. Bereits nach 10 bis 15 Minuten lässt bei Grundschülern beispielsweise die Konzentrationsspanne nach. Kurze Bewegungspausen, zwei bis dreimal stündlich eingeflochten, sind allemal sinnvoller als der großflächige Einsatz von Ritalin. ​ Wer sich mit der Zukunft des Lernens beschäftigt, stößt immer wieder auf den Namen des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson16. Ken Robinson war lange Jahre Kunstprofessor an der University of Warwick, bevor er zum international beachteten Bildungsberater zahlreicher Länderregierungen in Europa und Asien avancierte. Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn erläuterte der renommierte Bildungsforscher Robinson im Jahre 2013 sehr anschaulich und unterhaltsam, wie ein neues zeitgemäßes Bildungsmodell aussehen könnte. In dem auf englischer Sprache dargebotenen Plädoyer für ein innovatives Bildungssystem, überschrieben mit dem Titel „Lernen völlig neu denken“, illustriert Robinson plastisch, warum unser derzeitiges Bildungssystem nicht mehr zeitgemäß ist. Kinder würden mit Rezepten aus der Vergangenheit auf die Welt von morgen vorbereitet. Die heutige Umwelt erzeuge ein hohes Maß an Reizüberflutung, so dass der schulische Lernstoff mit den immer schneller wechselnden Anforderungen des Informationszeitalters nicht mehr Schritt halten könne. Ähnlich wie die moderne neurowissenschaftliche Forschung gehirngerechte Lernkonzepte fordert, ist der britische Bildungsforscher davon überzeugt, dass die alte Schule als Wissensvermittlungsinstitution ausgedient habe. Es gehe vielmehr darum - wie bereits führende Hirnforscher wie Spitzer, Roth oder Hüther es seit langem anmahnen - ein ausgewogenes Verhältnis zwischen digitalen und realen Alltagsbeschäftigungen zu schaffen. Zudem müsse der Stellenwert musischer, künstlerischer sowie bewegungsorientierter Fächer als Ausgleich erhöht werden. Für den Neuroforscher Hüther bedeutet zukunftsorientiertes Lernen, dass der Schüler sich gleichermaßen gut in analogen wie digitalen Lebensbereichen weiterentwickelt. Hüther(17) zieht daher aus neurowissenschaftlicher Sicht folgendes Fazit: „Und deshalb ist es wichtig, das wir unseren Kindern einfach deutlich machen; dass es für eine Zukunftsfähigkeit großartig ist, wenn man die modernen Medien nutzen kann, aber es ist gleichermaßen wichtig, dass man mit anderen Menschen Konflikte lösen kann, dass man seinen eignen Körper beherrscht. Und wenn das alles gleichgewichtig passiert, sind diese modernen Medien ein wunderbares Instrument.“ 5. Welchen Beitrag leistet die Neurowissenschaft für das gehirngerechte Lernen? Die Vorstellung, dass Lernprozesse nach den Prinzipien des Nürnberger Trichters ablaufen, d.h. dass der Lehrer nahezu jeden Lerninhalt an jeden Schüler vermitteln kann, ist längst überholt. Das Gehirn ist kein reiner Datenspeicher, der nur gefüllt werden muss. Input zieht noch lange keinen entsprechenden Output nach sich. Die moderne Lernpsychologie wurde im 20. Jahrhundert. maßgeblich beeinflusst durch den österreichischen Verhaltensforscher und Zoologen Konrad Lorenz18. In seinem weltberühmten Zitat über das Phänomen des Lernens bringt der Nobelpreisträger Lorenz die gesamte Komplexität dieses gehirngesteuerten Phänomens auf den Punkt: “Gesagt heißt nicht gehört. Gehört heißt nicht immer verstanden. Verstanden heißt nicht angewendet. Und angewendet heißt nicht beibehalten.“ ​ Lernprozesse sind immer auch Denkprozesse. Gelernt wird nur das, was subjektiv wichtig erscheint. Der Mensch beschäftigt sich mit Erinnerungen und Vorstellungen. Am Ende dieses Prozesses zieht er aus den gemachten Erfahrungen und deren Analyse Schlussfolgerungen. Es ist ein ständiger Auf- und Abbau von Nervenzellen und deren Kontaktstellen, den Synapsen. Hirnforscher können heutzutage beobachten, wie Neuerlerntes den Aufbau neuronaler Informationsnetze anregt, bestehend aus Nervenzellen sowie Synapsen mit sprießenden Fortsätzen im Gehirn. Neurobiologen(19) des Max-Planck-Instituts in München konnten jetzt nachweisen, wie das Gehirn aus sich selbst heraus neue neuronale Verdrahtungen initiiert. Bei Schädigungen entsprechender Sinnesorgane z.B. des Auges oder des Hörsinns, lernt das Gehirn eigenständig, andere Zellformationen, z.B. die des gesunden Auges kompensatorisch zur Reizverarbeitung einzusetzen. ​ Im konkreten Fall markierten die Münchner Neuroforscher die auf diese Weise aktivierten Nervenzellen mit Fluoreszenzfarbstoffen und konnten quasi dabei zusehen, wie die durch die Augenschädigung „arbeitslos“ gewordenen Nervenzellen mit Informationen der Neuronen des noch intakten Auges versorgt wurden. Das Gehirn lernt also von selbst, mit Einschränkungen und Defiziten umzugehen, indem andere Neuronen, die ursprünglich gar nicht für das geschädigte Sinnesorgan zuständig waren, deren Aufgaben übernehmen. Wenn dann das vormals verletzte Sinnesorgan, in diesem Fall das Auge wieder gesundet ist, bleibt die neu geschaffene Nervenzellbahn trotzdem weiterhin bestehen. Das Gehirn ist in der Lage, Ersatzverknüpfungen und Fortsätze auf „Vorrat“ zu produzieren. Es handelt sich um einen ähnlichen Prozess wie der der Superkompensation im Sport. Hartes sportliches Training führt zu einer Übermüdung und teilweise auch zur Zerstörung von Muskelzellen. Der Körper antwortet auf diesen Reiz mit einer Überproduktion, einem sogenannten Mehrausgleich an Muskelzellen. Ebenso reagiert das Gehirn: Die neu gewachsenen und neu organisierten Nervenzellen werden auf Vorrat produziert, damit das Gehirn beim nächsten Schadensfall schneller gegensteuern kann. ​ Bislang ging es immer um die Frage, was hirnphysiologisch passiert, wenn wir lernen. Manchmal kann es aber auch äußerst wichtig sein, dass das Gehirn nicht alle Informationen behält, die Eingang finden in unser Denkorgan. Nicht jede Kleinigkeit, nicht jedes unbedeutende Detail wird von unserem Gehirn gespeichert. Das Gehirn selektiert von selbst, was wichtig ist und was nicht. Man kann sich das Verteilen von Informationen im Gehirn als eine Art Korbsystem vorstellen. Im ersten Korb findet sich zunächst einmal alles. Dieser Korb könnte mit Sekundengedächtnis überschrieben werden. Was nicht auf Anhieb für bedeutsam und wichtig angesehen wird, erzeugt keine neuronale Spur und bleibt nicht im Gedächtnis. Langweiliger Unterrichtsstoff ist das beste Beispiel dafür, weshalb Lerninhalte nicht behalten werden. Im zweiten Korb wird alles das behalten, was noch für einige Stunden oder Tage wichtig für uns ist, genannt Kurzzeitgedächtnis. Und schließlich lagert unser Gehirn alle die Informationen im Langzeitgedächtnis, die für unser Leben eine hohe Bedeutung haben. Wir könnten unser Leben niemals planvoll und strukturiert gestalten, wenn wir zu jeder Zeit und in jeder Situation ständig über alles Nebensächliche nachdenken müssten. Das Vergessen von Unwichtigem oder emotional belastenden Informationen ist somit lebens- bzw. überlebenswichtig für unsere geistig-seelische Gesundheit. ​ Die modernen Neurowissenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis gehirneigener Lernprozesse. Alles das, was in der Pädagogik und der Psychologie bislang als Gesetzmäßigkeit zum Thema „Lernen“ erforscht und angewendet wurde, konnte auf physiologischer Ebene mittels moderner Messmethodik, z.B. der Magnetresonanztomographie (fMRT) neuro-wissenschaftlich verifiziert werden. Prof. Spitzer20 fasst den derzeitigen Erkenntnisstand zum Thema Lernen wie folgt zusammen: “Lernen ist nun, neurobiologisch betrachtet, nichts anderes als die Änderung der Stärke einer synaptischen Verbindung. Dies geschieht gebrauchs- und erfahrungsabhängig.“ Sowohl die konstruktivistischen Ansätze der Pädagogik als auch die der Neurobiologie besagen, dass, was sich der Mensch aneignet, stets eine selbst konstruierte Welt bzw. ein Abbild von der Welt ist. Dieser Prozess wird als „Lernen“ bezeichnet. Gehirngerechtes Lernen bedeutet stets, dass Lernen mit Herz und Verstand abläuft. Gehirngerechtes Lernen bedeutet auch immer, dass die emotionale Bewertung der neuen Informationen als entsprechend bedeutsam angesehen wird. Gehirngerechtes Lernen braucht Struktur. Nur so lassen sich neue Inhalte sinnvoll mit bereits bestehenden „Wissensgittern“ verbinden. ​ 6. Wie kann ich meine eigene und die Lernfähigkeit meines Kindes verbessern? ​ Seit es den modernen Menschen gibt, gilt die besondere Lernfähigkeit des Menschen als entscheidendes Selektionskriterium. Neuroanatomisch ist es das ausgeprägte Großhirn, das ihn besser als jedes andere Lebewesen auf der Welt zum Lernen befähigt. Befähigt zum Erkenntnisgewinn und zur Konstruktion einer eigenen individuellen Wirklichkeit ist die Spezies „Mensch“ immer weniger auf angeborene Instinkte angewiesen. Der Zugewinn bzw. der tatsächlich erreichte Intelligenzgrad kann jedoch immens schwanken. Unstrittig ist, dass Geist und Intellekt zu einem Großteil vererbt werden. Zwillingsstudien zeigen, dass ca. 50 % der Intelligenzleistung vererbt sind. Allerdings ist diese Unterscheidung eher theoretischer Natur. Menschen mit einem „höheren Startkapital“, d.h. einer guten genetischen Ausstattung für das Merkmal Intelligenz leben im Regelfall auch in besseren, d.h. lernfördernden Bedingungen. ​ Damit ist die Trennung zwischen anlage- bzw. umweltbedingter Intelligenz eher theoretisch. Wer hat, dem wird also, wie so oft im Leben, auch in diesem Fall noch mehr gegeben. Es gibt allerdings eine ganze Reihe empirischer Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Umwelt und Intelligenzentwicklung beschäftigen. In dem in psychologischen Fachkreisen hoch angesehenen us-amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Perspektives on Psychological Science“ wurde im Jahre 2013 eine META Studie zum Thema „Intelligenzförderung“ veröffentlicht. Über mehrere Jahre trugen Wissenschaftler der New York University unter der Leitung des Psychologen und Intelligenzforschers John Protzko21 Daten von 20.000 Kindern zusammen. In dieser sogenannten „Database of Raising Intelligence“ versuchten der Psychologe Protzko und sein Team Antworten auf die Frage zu bekommen: Was macht Kinder intelligenter – und was nicht? Als Fazit dieser Meta-Datenanalyse ermittelten die Wissenschaftler drei Faktoren, die mit Abstand am häufigsten mit einer positiven Intelligenzentwicklung in Zusammenhang gebracht wurden: Die Gabe von Nahrungsmitteln, die Omega -3-Fettsäuren enthalten, z.B. Fisch. Bildungs- und Übungsprogramme bereits im Vorschulalter. Regelmäßiges Vorlesen durch die Eltern oder andere Bezugspersonen, solange die Kinder noch nicht selbst lesen können. Generell scheint also der Lern- bzw. Intelligenzzuwachs um so signifikanter auszufallen, je eher mit dem interaktiven Lesen begonnen wurde. Bei sogenannten Problemschülern, d.h. bei Kindern mit ungünstigen sprachlichen Voraussetzungen haben sich insbesondere zwei Methoden als effizient erwiesen: Zum einen die Methode der lernbegleitenden Diagnostik, bei der jedem Schüler regelmäßig und individuell Feedback gegeben wird über seinen Lernfortschritt, und zum anderen, die Methode der „kognitiven Strukturierung“. Bei dieser Methode weist die Lehrkraft immer wieder auf die wesentlichen Lerninhalte hin. So wird der Schüler immer wieder ermuntert, auf das Wesentliche zu achten. Beide Methoden wurden wissenschaftlich verifiziert anhand einer aktuellen Meta-Studie des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogikforschung (DIPF) in Zusammenarbeit mit der Goethe Universität in Frankfurt(22). ​ Anlässlich dieses Forschungsauftrages wurden zunächst 50 Grundschullehrkräfte in den entsprechenden Methoden der individuellen Lernförderung fortgebildet. Anschließend wurden Grundschüler mit geringer Sprachkompetenz in zwei Unterrichtsgruppen eingeteilt. Die eine Gruppe wurde regulär unterrichtet - die andere Gruppe individuell unter Einsatz der lernbegleitenden Diagnostik sowie der kognitiven Strukturierung. Das Forscherteam unter der Studienleitung von Dr. Jasmin Decristan kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass sprachlich schwächere Schüler mittels Einsatz der genannten individuellen Förderung signifikant besser Deutsch lernen als im regulären Unterricht. Das erzielte Studienergebnis stützt den neurowissenschaftlichen Ansatz des „gehirngerechten Lernens“. Die lernbegleitende Diagnostik, d.h. das regelmäßige Feedback sowie entsprechende Korrekturen vermitteln Erfolgserlebnisse. Erfolgserlebnisse führen zur vermehrten Ausschüttung hirneigener Belohnungshormone wie z.B. der Endorphine. Die Methode der kognitiven Strukturierung wiederum hilft dem Kind, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es lernt das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Diese Erfahrung fördert insbesondere die Freisetzung des „Bedeutungshormons“ Dopamin. Gleichzeitig sorgt der erhöhte Dopaminspiegel für Vorfreude und Neugier auf den nächsten Lernschritt. Auf diese Weise erlebt das Kind den Lernprozess als etwas sehr Motivierendes. ​ Neben diesen speziellen Methoden der Lernförderung besteht wissenschaftsübergreifend Einigkeit darüber, dass das Gehirn nur dann leistungsfähig bleibt, wenn der „Gehirnbesitzer“ es fit und gesund erhält. Deshalb empfehlen Mediziner als wichtige Allgemeinregeln für erfolgreiches Lernen ausreichend viel Schlaf – ca. 6 - 8 Stunden, viel Bewegung an der frischen Luft sowie eine ausgewogene Ernährung mit einem hohen Obst- und Gemüseanteil. Ernährungsstudien haben darüber hinaus gezeigt, dass die Aufnahme mehrkettiger Kohlenhydrate wie z.B. in Müsliriegeln und Vollkornprodukten die Konzentrationsfähigkeit steigert. Bei allen Bemühungen, sich Bildung und Wissen anzueignen, sollte man jedoch stets bedenken, dass gelerntes Wissen nur in Verbindung mit den richtigen Denkprozessen zum Erfolg führt. Denken ist Probehandeln zum Nulltarif. ​ Der englische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer(23) beschrieb die herausragende Bedeutung von Bildung für die Gesellschaft einmal mit den folgendem Zitat: „Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln“. Daher ist jeder Cent, der in die Bildung fließt, eine Investition in die Handlungsfähigkeit einer Gesellschaft. In Sachen Bildung zu sparen kann auf die Dauer sehr kostspielig werden. Der unvergessene charismatische 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika John F. Kennedy hatte diesen Zusammenhang ebenfalls erkannt. Sein damaliges Statement aus den 1960er Jahren ist heute aktueller denn je: “Es gibt nur eins, was auf die Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung!“

  • Die Kunst des Lehrens - Neurobiologische Didaktik

    Praktische Ansatzpunkte für die optimale Vorbereitung und Durchführung wirkungsvoller Präsentationen, Vorträge, Schulungen und Seminare aus Sicht der Gehirnforschung. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort - Die Kunst des Lehrens 2. Das Phänomen Aufmerksamkeit 3. Praktisch umsetzbare Schlussfolgerungen zur Aufmerksamkeit 4. Gedächtnis und Erinnerung 5. Wie wir die Informationen zur Gedächtnisbildung für die Didaktik von Seminaren, Vorträgen, Schulungen und Präsentationen einsetzen können 6. Die circadiane Rhythmik 7. Welchen praktischen Nutzen können wir aus der circadianen Rhytmik ziehen? 8. Zusammenfassung Die Kunst des Lehrens - Neurobiologische Didaktik Praktische Ansatzpunkte für die optimale Vorbereitung und Durchführung wirkungsvoller Präsentationen, Vorträge, Schulungen und Seminare aus Sicht der Gehirnforschung. ​ 1. Vorwort Die Erforschung der Lernprozesse und der Gedächtnisbildung liefert zahlreiche praktische Ansatzpunkte für die optimale Vorbereitung und Durchführung wirkungsvoller Präsentationen, Vorträge, Schulungen und Seminare. In der Rolle des Zuhörers hat fast jeder schon einmal die unerfreuliche Erfahrung gemacht, dass bei einem Seminar oder einem Vortrag der Funke nicht überspringt, dass das Interesse erlahmt, die Konzentration nachlässt, dass man den Gedankengängen des Vortragenden nicht folgen und seine Zusammenhänge nicht nachvollziehen kann, und dass man sich bereits kurz nach der Veranstaltung nur noch an Weniges erinnern kann. Und in der Rolle des Vortragenden haben ebenfalls viele Menschen derartige Erfahrungen sammeln müssen – auch wenn es natürlich schwerfällt, dies zuzugeben. Wenn ein solches Missgeschick geschieht, liegt es in den meisten Fällen an den unzureichenden didaktischen Fähigkeiten des Vortragenden. ​ Didaktik ist eine bereits einige Jahrhunderte alte Wissenschaft, die sich mit allen Aspekten des Lehrens beschäftigt. Lehren und Lernen sind untrennbar miteinander verknüpft und bedingen sich gegenseitig. Daher ist es nur konsequent, wenn man die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Lern- und Gedächtnisforschung nutzt, um eine möglichst funktionierende und erfolgreiche Didaktik zu entwickeln. Gute Didaktik ist letztlich angewandte Neurowissenschaft. ​ 2. Das Phänomen Aufmerksamkeit ​ Die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft – und natürlich auch die des Vortragenden – ist eines der wichtigsten Kriterien, wenn es darum geht, Inhalte zu vermitteln. Jeder kennt diesen Begriff und jeder verbindet mit diesem Begriff eine ganz bestimmte Bedeutung. Allerdings verhält es sich mit dem Wort Aufmerksamkeit ähnlich wie mit dem Begriff Liebe – jeder kennt ihn, jeder verbindet etwas damit, aber eindeutig definieren lässt er sich nicht. Im Großen und Ganzen bedeutet der Terminus Aufmerksamkeit die Konzentrierung der Bewusstseinsressourcen auf ein ausgewähltes Ziel. Dabei werden bewusste und unbewusste, emotionale und kognitive Prozesse miteinander kombiniert. Manche Reize ziehen nahezu von selbst die Aufmerksamkeit auf sich, wie beispielsweise ein lauter Knall, ein Lichtblitz, schnelle Bewegungen oder grelle Farben. ​ Bei anderen Situationen dagegen muss man sich sehr anstrengen. Besonders dann, wenn der zu beachtende Stimulus ein geringes Reizspektrum aufweist, also beispielsweise nur schwarz-weiß und statisch ist, und wenn zudem der Stimulus emotional negativ bewertet wird, wie beispielsweise bei einer mathematischen Textaufgabe, muss ein hoher Aufwand betrieben werden, um seine Aufmerksamkeit auf das Zielobjekt oder die Zielsituation konzentrieren zu können. Ein Buch zu lesen ist daher deutlich anstrengender als einen Film zu schauen. Das Phänomen Aufmerksamkeit wurde in den letzten Jahren intensiv erforscht – nicht zuletzt, weil Störungen der Aufmerksamkeit bei verschiedenen Erkrankungen wie Depression, ADHS und der Alzheimer-Demenz auftreten. ​ Aufmerksamkeit ist das Resultat einer Vielzahl verschiedener, synchron und koordiniert ablaufender Prozesse, an denen verschiedene Hirnareale beteiligt sind(1). Voraussetzung dafür, dass Aufmerksamkeit überhaupt entstehen kann, ist ein gewisser neuronaler Grunderregungszustand, auch arousal genannt, der von der Formatio reticularis aus gesteuert wird. Eine seiner Hauptkomponenten ist der Locus coeruleus im Mittelhirn, von dem Projektionen in verschiedene Cortexareale, in das Kleinhirn, in Strukturen des limbischen Systems und in das Rückenmark führen. Diese Neuronen regulieren sowohl das allgemeine Grundniveau der Erregung als auch die kurzfristigen, episodischen Veränderungen des Erregungszustands. Der Locus coeruleus ist also so etwas wie der Hauptgenerator, der die an der Entstehung von Aufmerksamkeit beteiligten Hirnstrukturen aktiviert und die Intensität der Aktivierung der aktuellen Situation anpasst. ​ Die Kapazität der Aufmerksamkeit und ganz allgemein des Bewusstseins ist stark limitiert. Unser Gehirn ist grundsätzlich nicht in der Lage, sich bewusst auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren zu können. Multitasking ist daher eine Illusion! Aus Sicht eines Vortragenden erscheint es daher als besonders ungünstig, dass jeder Mensch die größte Aufmerksamkeit meist den eigenen Gedanken und Emotionen widmet. Soll man sich auf ein bestimmtes Ziel konzentrieren und einer ganz bestimmten Sache seine Aufmerksamkeit schenken, müssen also alle anderen, für diese Sache irrelevanten oder weniger wichtigen Reize ausgeblendet werden. Diese spezielle und wichtige Form der Aufmerksamkeit wird als selektive oder fokussierte Aufmerksamkeit bezeichnet. Für die Entstehung dieser Aufmerksamkeit hat man zwei sich einander ergänzende Mechanismen identifiziert: das frontoparietale und das cingulo-operculare Netzwerk(2). Das cingulo-operculare Netzwerk besteht aus dem Operculum, dem dorsalen anterioren cingulären Cortex und dem Thalamus. Dieses Netzwerk arbeitet im Hintergrund und hält über die gesamte Dauer des Prozesses, beispielsweise einer Autofahrt, die Aufmerksamkeit aufrecht und blendet andere potentielle Aufmerksamkeitsziele aus. ​ Das frontoparietale Netzwerk setzt sich aus mehreren Arealen des dorsalen frontoparietalen Cortex zusammen und arbeitet diskontinuierlich, punktuell, sporadisch – wie gesagt: bewusste Aufmerksamkeit ist sehr anstrengend, und wenn sie nur sporadisch eingesetzt wird, kann viel Energie gespart werden. Das frontoparietale Netzwerk setzt den Startpunkt der Aufmerksamkeit und es reguliert während des Prozesses den oder die Wechsel der Aufmerksamkeit von einem zu einem anderen Objekt, wenn also zum Beispiel plötzlich ein anderer Wagen vor den eigenen einschert. Die selektive Hemmung von Sinneseindrücken beginnt zwar häufig auf der Ebene der vorbewussten Prozesse, aber spätestens dann, wenn sich ein anderer Autofahrer direkt vor den eigenen Wagen drängelt, sollte sich das Bewusstsein zuschalten. Der mediale frontale Cortex und der benachbarte insuläre Cortex sind die Orte, an denen das Ziel der Aufmerksamkeit erkannt und bewusst gemacht wird, und der Frontallappen ist der Ort, an dem bewusste Entscheidungsprozesse stattfinden, wie beispielsweise schnell auf das Bremspedal zu treten. Aufmerksamkeit wird mit Bewusstsein in Zusammenhang gebracht, und wird ja auch ebenso empfunden. Es ist daher umso erstaunlicher, wie viele un- und vorbewusste Prozesse an der Entstehung von Aufmerksamkeit beteiligt sind. ​ Neben den bisher genannten Strukturen sind auch bestimmte Basalganglien, also tief im Endhirn liegende Bereiche, ebenfalls an vorbewussten Prozessen beteiligt. Sie interagieren mit dem anterioren cingulären Cortex und fungieren als Assistent für den Frontallappen, in dem, wie eben erwähnt, bewusste Entscheidungen gefällt werden. Ebenfalls tief im Endhirn liegt das basale Vorderhirn. Es enthält zahlreiche Kerne, deren Neuronen in nahezu alle Areale des Cortex ziehen. Das basale Vorderhirn beeinflusst die Verarbeitung sensorischer Eingänge und stellt die Hauptkomponente der sogenannten anhaltenden Aufmerksamkeit oder sustained attention dar, durch die die rechten präfrontalen und parietalen Cortexareale aktiviert werden (3). ​ Die anhaltende Aufmerksamkeit ist ein durch Wissen angetriebener Mechanismus, der den sensorischen Input verarbeitet, der Wichtiges von Unwichtigem unterscheidet und der entscheidet, wie darauf zu reagieren ist. Was bedeuten diese neurobiologischen Informationen über das Phänomen Aufmerksamkeit nun für die Didaktik von Seminaren, Vorträgen, Präsentationen und Schulungen? Betrachten wir die für diesen Zusammenhang relevanten Erkenntnisse und ziehen daraus praktisch umsetzbare Schlussfolgerungen: ​ 3. Praktisch umsetzbare Schlussfolgerungen zur Aufmerksamkeit ​ Die Aufmerksamkeit wird mit Vorliebe auf sich selbst gelenkt. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Verknüpfen Sie die zu vermittelnden Inhalte mit Ihren Zuhörern, mit deren Interessen, mit deren aktueller Lebenssituation, mit deren aktuellen Problemen und dem Wunsch nach Problemlösungen. Ihr Ziel als Vortragender sollte sein, dass sich jeder Ihrer Zuhörer direkt angesprochen fühlt und das Thema des Vortrags direkt mit sich und seiner Situation verknüpfen kann. Wenn dann die Zuhörer die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken, lenken sie die Aufmerksamkeit indirekt auch auf das anstehende Vortragsthema. Die Kapazität der Aufmerksamkeit ist stark limitiert. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Weniger ist häufig mehr. ​ Gehen Sie daher sparsam mit Informationen um. Präsentationsprogramme verführen dazu, viel zu viele Slides zu verwenden. Besonders solche, die viel Text enthalten, strapazieren das Konzentrationsvermögen derart, dass die Aufmerksamkeit sofort wieder abnimmt. Bei jedem! Und Texte gehören grundsätzlich nicht in die Kategorie von Reizen, die spontan und ohne jedes Zutun die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und an sich binden. An der Entstehung und Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit sind viele un- und vorbewusste Prozesse beteiligt. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Scheuen Sie sich nicht, die unbewussten Prozesse bewusst zu manipulieren – Werbeagenturen sind darin sogar sehr erfolgreich. Erregen Sie Aufmerksamkeit; je ausgefallener die verwendeten Mittel sind, desto aufmerksamer werden Ihre Zuhörer sein. Selbst bei einer Präsentation vor einer Versammlung von Vorstandsmitgliedern gibt es zahlreiche Möglichkeiten – Humor ist eine davon. Die anhaltende Aufmerksamkeit ist ein durch Wissen gelenkter Mechanismus. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Machen Sie deutliche Unterschiede zwischen weniger wichtigen und sehr wichtigen Informationen und lassen Sie Ihren Zuhörern zwischendurch Zeit. Pausen zu machen erfordern Mut, aber bewusste Prozesse brauchen Zeit. Ihre Zuhörer können unmöglich alle präsentierten Informationen speichern. Wenn Sie ihnen aber Zeit geben, die sehr wichtigen Informationen kurz zu überdenken und zu verstehen, können die Informationen leichter behalten werden. Ein Vortrag, von dem man als Zuhörer viel in Erinnerung behalten kann, wird in aller Regel als ein gelungener Vortrag bewertet. Für die Selektion der Aufmerksamkeit stehen sage und schreibe vier verschiedene Systeme zur Verfügung: die Basalganglien, das frontoparietale und das cingulo-operculare Netzwerk sowie das basale Vorderhirn. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Es liegt an Ihnen als Vortragender dafür zu sorgen, dass Ihre Inhalte und Informationen diesen Selektionsmechanismen nicht zum Opfer fallen. Gestalten Sie das Ziel der Aufmerksamkeit so aus, dass es attraktiv, kurzweilig, überraschend und belebend wird. Je größer die Anziehungskraft des Zielobjekts ist, desto weniger Anstrengung kostet es die Zuhörer, ihre Aufmerksamkeit auf dieses Ziel zu lenken. Sie selbst fungieren als Vermittler zwischen Ihren Zuhörern und den zu vermittelnden Informationen; daher stehen Sie ebenfalls im Focus der Aufmerksamkeit – und zu Beginn des Vortrags sogar noch viel intensiver als das eigentliche Ziel der Aufmerksamkeit, nämlich der Vortragsinhalt. Machen Sie daher nicht nur das Thema attraktiv, sondern machen Sie auch sich selbst attraktiv. An der Erzeugung von Aufmerksamkeit sind über die Beteiligung des limbischen Systems viele emotionale Prozesse beteiligt. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Nutzen Sie diesen Mechanismus für sich aus. Schaffen Sie eine angenehme Atmosphäre, trauen Sie sich zu lächeln, schauen Sie die Menschen vor sich an, stehen Sie gerade. Minimalisten, die der Meinung sind, Zahlen, Fakten und Daten würden schon für sich allein sprechen, irren sehr. Slides dürfen dekorativ aussehen. Aber nicht überladen, denn sonst treten die erschreckend effizienten Selektionsmechanismen in Aktion. Wenn Sie die Möglichkeit haben sollten, auf die Ausgestaltung des Raumes Einfluss zu nehmen, sollten Sie dies tun. Die positive Wirkung des Duftes nach frischem Kaffee und fröhlich bunt bedruckter Servietten wird immer wieder unterschätzt. Die negative Wirkung angeschlagenen Porzellans und zerschlissener Stuhlbezüge allerdings ebenfalls. ​ 4. Gedächtnis und Erinnerung Die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft ist die Grundvoraussetzung für das Gelingen eines Vortrags oder einer Präsentation. Ebenso wichtig ist jedoch auch die Bereitschaft und die Fähigkeit des Auditoriums, sich das gesehene und gehörte merken zu wollen und merken zu können. Daher werden wir uns im Folgenden mit der Gedächtnisbildung befassen. Einfach formuliert ist mit dem Begriff Gedächtnis die Fähigkeit gemeint, Informationen codieren, speichern und wieder abrufen zu können. Grundsätzlich ist Gedächtnis weder ein einheitlicher Prozess noch befindet es sich an einem definierten Ort. Gedächtnis besteht aus mehreren Funktionseinheiten, an denen unterschiedliche Hirnstrukturen beteiligt sind. Man unterscheidet das bewusste, deklarative Gedächtnis, das für die Speicherung von Fakten und Ereignissen zuständig ist, und das unbewusste, nicht-deklarative oder prozedurale Gedächtnis, das für das Erlernen von Fähigkeiten und Gewohnheiten verantwortlich ist (4). ​ Für unseren Themenzusammenhang, also für die Durchführung von Seminaren, Vorträgen etc., ist das deklarative Gedächtnis von Bedeutung. Hierbei werden zunächst sensorische Informationen in einen sensorischen Speicher überführt, wo sie, je nach Sinnesmodalität für 0,5 bis 2 Sekunden verbleiben. Sie werden selektiert und in ein Arbeits- oder Kurzzeitgedächtnis übertragen, in dem eine nur begrenzte Anzahl von Informationen für ungefähr 20 Sekunden gehalten werden und modifiziert werden können. Das Arbeitsgedächtnis kann auch auf das Langzeitgedächtnis zugreifen und gespeicherte Informationen in das Bewusstsein heben. Zur Zeit existieren verschiedene Modellvorstellungen über die Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses, und die Informationen der unterschiedlichen Sinnesorgane scheinen unterschiedlich verarbeitet zu werden (5). Wichtige Hirnstrukturen für die Funktionsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses sind der dorsolaterale präfrontale Cortex, der anteriore cinguläre Cortex und der Cortex des Schläfenlappens. Nach erneuter Selektion können dann im Verlauf eines länger andauernden Prozesses die Inhalte in das Langzeitgedächtnis transferiert werden, das in der Lage ist, diese Informationen über Jahre oder Jahrzehnte zu speichern. Dieser Prozess wird auch als Konsolidierung bezeichnet und er enthält physiologisch nachweisbare, anhaltende und stabile Veränderungen im neuronalen System. Daher ist ein Umlernen bekannter Gedächtnisinhalte letztlich schwieriger und aufwändiger als ein Neulernen bisher unbekannter Inhalte. Viele dieser gedächtnisrelevanten kognitiven Prozesse sind bei bestimmten Erkrankungen gestört. So treten beispielsweise bei depressiven Patienten häufig Störungen des deklarativen Gedächtnisses auf (6). Auch wenn Aufmerksamkeit und Gedächtnisbildung zwei völlig verschiedene Prozesse sind, so teilen sie doch zahlreiche Gemeinsamkeiten: die Limitierung der Kapazitäten, das Vorhandensein von Selektionsprozessen, und die Koordination von bewussten und unbewussten sowie von emotionalen und kognitiven Prozessen. Die Kapazität des Gedächtnisses, besonders des Arbeitsgedächtnisses, ist stark limitiert und daher spielen bei der Gedächtnisbildung Selektionsprozesse eine große Rolle. Außerdem sind kognitive Prozesse wie Denken und Lernen für das Gehirn enorm anstrengende und energieverbrauchende Prozesse. Daher versucht das Gehirn – so seltsam das auch klingen mag – derartige Prozesse möglichst zu vermeiden. Machen Sie sich daher bewusst, aber lassen Sie sich davon auch nicht entmutigen, dass Sie als Vortragender gegen die Abwehrmechanismen zahlreicher Gehirne arbeiten müssen. ​ Die Schwierigkeiten, auf die man bei der Wissens- und Informationsvermittlung stößt, basieren nicht auf einer grundsätzlichen Unwilligkeit der Zuhörer, sondern auf einem angeborenen Schutzmechanismus der Gehirne. Tröstlicherweise gibt es jedoch auf die Frage, „wie kriege ich das bloß in die Köpfe der Leute?“ tatsächlich einige Antworten. Garantien allerdings gibt es nicht. Aber es gibt Möglichkeiten! Im Folgenden werden wir uns einige Hirnbereiche, die an der Entstehung des deklarativen Gedächtnisses, also an der Speicherung von Fakten und Ereignissen beteiligt sind, etwas genauer ansehen. Wenn man versteht, für welche Prozesse diese Strukturen verantwortlich sind, und wie diese Prozesse ablaufen, kann man diese Erkenntnisse nutzen, um Lernprozesse und die Gedächtnisbildung zu forcieren und zu erleichtern. ​ Ebenso hilfreich ist natürlich auch, zu wissen, was grundsätzlich nicht funktioniert, weil es die entsprechenden Hirnstrukturen nicht zulassen oder nicht leisten können. Mit unserem Gehirn verhält es sich nämlich nicht anders als mit unserem Smartphone: Erst wenn man weiß wie es funktioniert und was es kann, kann man es optimal nutzen. Das Gehirn ist jedoch dem Smartphone weit überlegen, denn es zeichnet sich unter anderem durch die Fähigkeit aus, Unmengen von Daten parallel verarbeiten zu können. Wenn wir uns nun gleich mit einzelnen Hirnstrukturen und den durch sie ausgeführten Prozessen beschäftigen werden, darf man nicht vergessen, dass diese Komponenten miteinander interagieren, dass zahlreiche Prozesse koordiniert und synchron ablaufen, und dass einzelne Hirnareale gleichzeitig mehrere Funktionen haben. Unser Gehirn ist eben doch kein Smartphone. ​ Wie bereits erwähnt gibt es im Gehirn keinen klar abgegrenzten, definierten Ort, an dem sich das Gedächtnis befindet. Gedächtnis ist das Resultat zahlreicher kooperierender Strukturen und die Liste dieser Strukturen ist noch lange nicht vollständig. Bei Durchsicht der aktuellen Fachliteratur könnte man sich hin und wieder die Frage stellen, welche Hirnbereiche nicht an der Gedächtnisbildung beteiligt sind. Bezugnehmend auf unser Thema werden wir uns im Folgenden mit vier Bereichen beschäftigen: mit bestimmten Arealen der Großhirnrinde, mit der Amygdala, dem Hippocampus und mit einigen Basalganglien. Beginnen wir mit letztgenannten – den Basalganglien. Unser Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis kann nur wenige Informationen pro Zeiteinheit aufbewahren. Die entscheidende Determinante für die Kapazität des individuellen Arbeitsgedächtnisses ist daher die Fähigkeit zu verhindern, dass das Gedächtnis mit irrelevanten Informationen überflutet wird. Basalganglien, u.a. der Globus pallidus und das Striatum, übernehmen dabei eine Torwächterfunktion für das Gedächtnis und selektieren Informationen aus (7). Als Basalganglien werden verschiedene subcorticale Strukturen des Telencephalons, also des Großhirns bezeichnet. Sie erhalten Eingänge aus vielen Cortexarealen und fassen die eingehenden Daten zusammen. In ihrer Gesamtheit stellen sie das wichtigste System zur Vorbereitung und Kontrolle des eigenen Verhaltens dar. Sie sind Bestandteil zweier Funktionskreise: sie gehören einerseits zu einem Verband von Hirnzentren, die für eine geplante und bewusste Steuerung zuständig sind, andererseits sind sie auch Bestandteil eines Verbands, der für die motivationale und emotionale Verhaltenssteuerung verantwortlich ist. ​ Der dritte und für unser Thema besonders wichtige Wirkungsbereich ist, wie erwähnt, die Selektion von Informationen, ehe diese das Arbeitsgedächtnis erreichen. Somit übernehmen die Basalganglien auch eine wichtige Funktion bei Lernprozessen und bei der Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses (8). Erstaunlicherweise ist bei diesem Prozess eine Lateralisierung zu beobachten: So ist vorzugsweise das linke Putamen, eine Komponente des Corpus striatum, an der Blockierung des Informationsflusses involviert, und der rechte parietale Cortex ist an der Regulierung der Gedächtnisladung, also der Anzahl der sich zu merkenden Informationseinheiten, beteiligt (9). In Bezug auf den Speicherinhalt des Kurzzeitgedächtnisses arbeiten Basalganglien und bestimmte Cortexareale offenbar eng zusammen, und zwar nicht nur, was die Quantität der Inhalte angeht, sondern auch was die Qualität betrifft. Der rechte parietale Cortex organisiert die Menge, und der präfrontale Cortex organisiert die Auswahl der Informationen. Der präfrontale Cortex markiert nämlich die wichtigen Informationen, die nicht durch die Aktivität der Basalganglien gelöscht werden sollen. ​ Einer nahezu automatisierten Selektion von Informationen kann also gezielt entgegengearbeitet werden – in Bruchteilen von Sekunden. Bleiben wir zunächst auf der Ebene der Großhirnrinde und schauen uns weitere Areale an, die an der Entstehung von Gedächtnis beteiligt sind. Da Informationen immer über die Sinnesorgane eingehen, sind natürlich die sensorischen Cortexareale unweigerlich mit der Gedächtnisbildung sensorischer Informationen verknüpft. Von dort werden die Signale weiter an die rhinalen Cortexareale weitergeleitet. Wenn man von unten auf das Hirn sieht, liegen die rhinalen Cortices auf den inneren Seitenstreifen der Schläfenlappen. Man unterscheidet einen perirhinalen und einen entorhinalen Cortex. Beide spielen eine entscheidende Rolle bei verschiedenen Aspekten des Lernens und der Gedächtnisbildung. Hier wird auch der Bekanntheitsgrad der Sinneseindrücke codiert. Die Areale erhalten zahlreiche Eingänge von sensorischen Cortexarealen und stellen eine Art Interface zwischen dem Neocortex mit seinen sensorischen Arealen und dem Hippocampus dar. Letzterer ist der Ort der Gedächtnisspeicherung und er befindet sich im Temporallappen, also in enger Nachbarschaft zu den rhinalen Cortices. ​ Allerdings zählt der Hippocampus selbst nicht zur Großhirnrinde. Der perirhinale Cortex erhält direkte Informationen von den sensorischen Rindengebieten und spielt eine Schlüsselrolle wenn es darum geht, etwas über ein Objekt zu lernen, sich Wissen über ein Objekt anzueignen, es zu erkennen und es abstrahieren zu können (10). Der zweite Teilbereich, der entorhinale Cortex, verläuft entlang des Hippocampus, auf den er die Informationen, die er vom perirhinalen Cortex erhalten hat, übertragen kann. Und vom Hippocampus aus können die Informationen auf zahlreiche Regionen des Neocortex, besonders auf kognitiv-assoziative Areale, übertragen werden. Der Informationsfluss nimmt also folgenden Verlauf (11): von den sensorischen Cortexarealen zum perirhinalen Cortex im Temporallappen, von dort zum benachbarten entorhinalen Cortex, von dort zum innenliegenden Hippocampus, der als Langzeitspeicher fungiert, und von dort wieder zu verschiedenen Cortexarealen, in denen die gespeicherten Informationen auf vielfältige Weise genutzt werden können. Dieser Weg ist keine Einbahnstraße, sondern die beteiligten Hirnstrukturen kommunizieren in beide Richtungen miteinander. Andernfalls ließe sich ja eine aktuelle Erfahrung auch gar nicht mit einer vergangenen Erfahrung vergleichen und Erinnerungen könnten nicht Bestandteil aktueller Entscheidungen und Verhaltensänderungen sein. ​ Dieses System hat jedoch einen Haken: Der Informationsfluss vom perirhinalen zum entorhinalen Cortex wird im Normalzustand massiv blockiert; die rhinalen Cortices stellen also eine Art Flaschenhals für den Informationstransfer vom sensorischen Cortex in den Hippocampus dar (12). Sozusagen kurz vor dem Ziel werden Informationen davon abgehalten, das Gedächtnis zu erreichen. Erst selektieren die Basalganglien, dann der rhinale Cortex. Das Gehirn scheint sich große Mühe zu geben, sich möglichst wenig merken zu müssen. Erhalten diese Informationen jedoch eine emotionale Bedeutung, öffnet sich die Schleuse und die Signale erreichen den Hippocampus. Dass Menschen von emotional aufgeladenen Ereignissen normalerweise eindringlichere Erinnerungen formen als von banalen Ereignissen, ist eine Erfahrung, die jeder kennt. ​ Ein extremes Beispiel dafür ist, dass sich fast jeder daran erinnern kann, was er am 11. September 2001 gemacht hat, aber kaum jemand weiß noch, was er am 11. September 2002 erlebt hat. Vor wenigen Jahren hat man nun die neurophysiologische Erklärung für dieses Phänomen gefunden: es ist die Tätigkeit der Amygdala (11). Diese Struktur liegt am vorderen inneren Ende des Temporallappens und grenzt unmittelbar an das Striatum, einem Basalganglion, das uns bereits in Zusammenhang mit der Informationsselektion begegnet ist. Die Amygdala ist an der Regulation vegetativer Funktion beteiligt, aber auch an der Verarbeitung von Informationen mit einer emotionalen Komponente. Genauer gesagt ist es der basolaterale Anteil der Amygdala, der zahlreiche Verbindungen zu den rhinalen Cortices besitzt. Bei positiven oder negativen Emotionen, die eine Erfahrung begleiten, feuern die Neurone der basolateralen Amygdala und heben die Hemmung zwischen dem perirhinalen und entorhinalen Cortex auf, so dass nun deren Neurone feuern und somit Informationen in Richtung Hippocampus leiten können (12). ​ Da den Neurologen inzwischen verschiedene Methoden zur Verfügung stehen, um bei arbeitenden Gehirnen bestimmte Parameter nahezu in Echtzeit messen zu können, konnte im Rahmen von Gedächtnistests nachgewiesen werden, dass sich Probanden an die Inhalte am exaktesten erinnern konnten, bei denen während des Lernprozesses die Aktivität der Amygdala am stärksten war. Aus bisher völlig ungeklärten Gründen ist bei Frauen die linke und bei Männern die rechte Amygdala aktiv. Für beide Geschlechter gilt jedoch: Je größer die emotionale Beteiligung während des Lernprozesses, desto besser ist das Gedächtnis für diese Inhalte. Interessanterweise sind die Signale der Amygdala dann besonders stark, wenn die emotionalen Ereignisse eine Überraschungskomponente aufweisen. Auch der Hippocampus ist sensibel für Unerwartetes, so sensibel, dass man ihn sogar als Neuigkeiten-Detektor bezeichnen könnte (13). Seine Aktivität erreicht Maximalwerte, wenn der aktuelle sensorische Input nicht mit der aus der gespeicherten Erfahrung abgeleiteten Erwartung übereinstimmt. Grundsätzlich ist der Hippocampus weit mehr als nur eine Ablage für Erinnerungen (14): ​ Er ist die entscheidende Struktur für die Ausbildung der verschiedenen Gedächtnistypen wie beispielsweise des episodischen oder des räumlichen Gedächtnisses; er ist in Kooperation mit anderen Hirnstrukturen an der Ausführung emotionaler Verhaltensweisen beteiligt, und er weist eine Besonderheit auf. Abhängig von Lernprozessen können im Hippocampus neue Nervenzellen entstehen. Das Dogma, nach dem nach der Geburt keine neuen Neuronen mehr gebildet werden können, ist ungültig geworden. Wie bereits vorher kurz erklärt sind an der Konsolidierung Umbauprozesse beteiligt; die Entstehung neuer Neuronen und somit neuer Verbindungsmöglichkeiten ist eine dieser Baumaßnahmen. Bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen wie Depression, Alzheimer und Parkinson Erkrankung ist die Neubildung und daher auch ein Teilbereich der Gedächtnisbildung gestört (14). Verweilen kurz beim Thema Gedächtnis. Das deklarative Gedächtnis für Fakten und Ereignisse liegt, wie bereits besprochen, im mittleren Temporallappen. ​ Um mit dem dort gespeicherten Wissen arbeiten zu können, bedarf es jedoch einer weiteren Hirnstruktur. Der präfrontale Cortex greift auf diese Erinnerungen zurück und verknüpft sie mit erlernten Verhaltens- und Handlungsregeln. Die Erinnerungen werden durch die Aktivität dieses Hirnareals bewusst und können in der aktuellen Situation flexibel genutzt werden. Der präfrontale Cortex ist entscheidend an der Überwachung, der Organisation und der Nutzung von Gedächtnisinhalten beteiligt (4). Zusätzlich werden Areale des präfrontalen Cortex aktiv, wenn es darum geht, Ungewissheiten und Unsicherheiten aufzulösen (15). Mehrdeutigkeit oder Unsicherheit in der Interpretation duldet unser Gehirn nicht. Es ist für eine Entscheidungsfindung unabdingbar, dass unser Gehirn allen Informationen eine bestimmte Bedeutung zuweisen kann, damit der Organismus adäquat auf jeden Reiz reagieren kann. Dass die Region, die Mehrdeutigkeiten auflöst, auch die Region ist, die Gedächtnis bewusst macht, liegt auf der Hand: Aktuelles wird mit Gespeichertem verglichen, um die aktuelle Situation möglichst schnell eindeutig bewerten zu können. ​ 5. Wie wir die Informationen zur Gedächtnisbildung für die Didaktik von Seminaren, Vorträgen, Schulungen und Präsentationen einsetzenkönnen Wie kann man nun diese Vielzahl an Informationen zur Gedächtnisbildung für die Didaktik von Seminaren, Vorträgen, Schulungen und Präsentationen einsetzen? Betrachten wir wieder die relevanten Erkenntnisse und entwickeln daraus praktische Gebrauchsanleitungen. Die Aufnahmekapazität des Arbeitsgedächtnisses ist sehr begrenzt. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Wie schon beim Phänomen der Aufmerksamkeit gilt auch für das Phänomen der Gedächtnisbildung: Weniger ist mehr. Ihre Zuhörer werden sich an mehr Slides erinnern, wenn nur wenige gezeigt werden. Bei einer zu großen Menge, präsentiert in einer zu engen Taktung, bleiben am Ende tatsächlich weniger in Erinnerung – und zwar in absoluten, nicht in relativen Zahlen! ​ Die Basalganglien filtern automatisch irrelevante Informationen aus, es sei denn der präfrontale Cortex markiert diese Informationen als wichtig. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Unterstützen Sie die Arbeit der präfrontalen Cortices Ihrer Zuhörer, indem Sie es ihnen leicht machen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Machen Sie deutliche Unterschiede – auch wenn einem als Vortragender natürlich alles, was man sagen möchte, als sehr wichtig erscheint. Selektiert wird wegen des begrenzten Speicherplatzes des Arbeitsgedächtnisses auf jeden Fall. Wenn Sie nun alle Informationen als gleichwichtig behandeln, dann werden die Basalganglien Ihrer Zuhörer die Selektion vornehmen, und zwar nach individuellen Kriterien, die mit Sicherheit nicht immer mit Ihren Bewertungsmaßstäben übereinstimmen! Ein Umlernen bekannter Gedächtnisinhalte ist aufwändiger und schwieriger als das Neulernen bisher unbekannter Inhalte. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: ​Formulieren Sie klar und unzweideutig das, worauf es Ihnen ankommt. Erklären Sie Ihr Thema nachvollziehbar und beantworten Sie möglichst zügig die aufkommenden Fragen aus dem Auditorium. Einmal falsch abgespeicherte Informationen lassen sich nachträglich nicht so einfach wegradieren und überschreiben, daher müssen direkt von Anfang an die Informationen korrekt präsentiert werden. Der Informationsfluss zum Arbeitsgedächtnis ist stark reduziert, es sei denn, emotionale Komponenten öffnen die Schleuse zum Gedächtnis. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Dieser Mechanismus ist Ihre Chance. In diesem Zusammenhang gilt exakt dasselbe, was für das Thema Aufmerksamkeit gilt: Schaffen Sie eine angenehme und freundliche Atmosphäre, suchen Sie Blickkontakt, beantworten Sie freundlich jede Frage, erstellen Sie ansprechende Slides und so weiter. Wer der Meinung ist, Zahlen, Fakten und Daten würden schon für sich allein sprechen, irrt gewaltig. Reine Zahlen, Fakten und Daten werden kaum den Weg ins Langzeitgedächtnis finden. Der präfrontale Cortex ist gleichermaßen für die Organisation und die Nutzung des Gedächtnisses wie auch für die Auflösung von Mehrdeutigkeiten verantwortlich. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Der präfrontale Cortex vergleicht Aktuelles mit Gespeichertem, und falls dabei eine Situation, ein Reiz, eine Information nicht eindeutig zuzuordnen und einzusortieren ist, macht diese Hirnregion aus einer Mehrdeutigkeit eine Eindeutigkeit. ​ Dieser Mechanismus arbeitet schnell und ist sehr effektiv, da er, kaum merklich, tagtäglich in unzähligen Situationen aktiv werden muss. Allerdings greift dieser Mechanismus auch dann ein, wenn es um das Verstehen abstrakter Inhalte, wenn es um komplexe kognitive Prozesse geht. Vereinfacht formuliert könnte man behaupten: Was der Mensch nicht versteht, erklärt er sich selbst. Für Sie als Vortragende oder Vortragender bedeutet das, dass Sie die Inhalte, die Sie vermitteln möchten, erstens in einen allgemeinen bekannten Kontext setzten, und zweitens möglichst klar und nachvollziehbar formulieren sollten. ​ Der bekannte Kontext gibt dabei eine Interpretationsrichtung vor, und die exakte Beschreibung des Inhalts wird den Interpretationsspielraum möglichst klein halten. Außerdem wird es sich als sehr hilfreich erweisen, wenn Sie die Fragen Ihres Auditoriums nicht gesammelt am Ende Ihres Vortrags beantworten, sondern nach Möglichkeit im Augenblick ihres Auftretens. Bleibt eine Unsicherheit zu lange bestehen, setzt der interne Interpretationsprozess ein und formt bereits eine Lösung, noch ehe die Frage formuliert und beantwortet werden konnte. Es ist für Sie bedeutend schwieriger, eine möglicherweise falsche oder unerwünschte Interpretation nachträglich in die von Ihnen gewünschte Richtung umzulenken, als für einen kurzen Moment Ihren Vortrag zu unterbrechen, um eine akute Frage zu beantworten. Vor Abschluss einer Entscheidungsfindung kann man in die Gedächtnisbildung eingreifen, danach wird es, wie bereits erwähnt, sehr schwierig. ​ 6. Die circadiane Rhythmik Die meisten biologischen Funktionen unterliegen einer circadianen Rhythmik, das bedeutet, sie weisen zyklische Intensitätsschwankungen auf, die sich in einem ungefähr 24stündigen Rhythmus wiederholen. Der Schlaf-Wach-Rhythmus, die Körpertemperatur, der Blutdruck, die Herzfrequenz, die Konzentration bestimmter Hormone im Blut (wie Melatonin, Insulin, Cortisol und Wachstumshormone), der Leberstoffwechsel, die Nierenfunktion, Verdauungsprozesse, ja sogar die Aktivität bestimmter Gene unterliegen einem Tag-Nacht-Rhythmus. Entscheidend für unser vorliegendes Thema ist die Erkenntnis, dass auch verschiedene Leistungen des Gehirns wie die Aufmerksamkeit, das Konzentrationsvermögen, die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, die Stabilisierung des Langzeitgedächtnisses und die verschiedenen Exekutivfunktionen, also die für die Bewältigung komplexer Aufgaben benötigen kognitiven Prozesse, dieser Rhythmik unterworfen sind. Etliche der Hirnstrukturen, die an der Entstehung von Aufmerksamkeit und von Gedächtnis beteiligt sind, werden von Neuronen des Thalamus, besonders des paraventrikulären Nucleus des Thalamus, kontaktiert. Das bedeutet, dass der Thalamus den Grad der Aufmerksamkeit und der Gedächtnisbildung beeinflussen kann. Der für unser Thema interessante Aspekt dieser Interaktion ist, dass die Aktivität des Thalamus wiederum durch das Tageslicht gesteuert wird. ​ Lichtsignale der Netzhaut werden nicht nur über die Sehnerven in Richtung des visuellen Cortex geschickt, sondern sie gelangen auch über eigene Nervenbahnen zu den sogenannten suprachiasmatischen Nuclei (SCN), zwei paarig angelegte Gruppen aus ungefähr 10.000 Neuronen, die direkt über der Sehnervkreuzung im vorderen ventralen Hypothalamus liegen. Diese Strukturen sind bei allen Säugetieren die Haupttaktgeber für die circadiane Rhythmik aller Strukturen und Organe. Die SCN projizieren, wie erwähnt, in verschiedene Areale des Thalamus, der wiederum Signale zur Amygdala, zum präfrontalen und frontalen Cortex sowie zum Hippocampus und zu weiteren Hirnarealen schickt (16). Diese Kaskade, über die letztlich Informationen über die aktuelle Lichtmenge vermittelt wird, kann den circadianen Rhythmus eines Organismus verschieben. Helligkeit in den Abendstunden verschiebt die Rhythmik nach hinten, Helligkeit in den frühen Morgenstunden verschiebt sie nach vorn. ​ Ebenso können Arbeitszeiten und andere soziale Aktivitäten sowie der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme, körperliche Übungen und Schlafphasen über die SCN die Rhythmik verschieben – social jet lag wird eine durch soziale Faktoren verursachte Phasenverschiebung genannt. Die SCN regulieren nicht nur thalamische Strukturen, sondern auch das ventrale tegmentale Areal, eine zu den Basalganglien zählende Struktur des Mittelhirns. Über diese Verbindung werden bestimmte Verhaltensweisen wie der allgemeine Erregungszustand und die Motivation an die circadiane Rhythmik angepasst. Einerseits fungieren also die suprachiasmatischen Nuclei als eine Art Wachmacher für das Gehirn, andererseits jedoch ermöglichen sie den für die Gedächtnisbildung unabdingbaren Schlaf (4). Während der Phasen des sogenannten slow-wave-sleeps kann man koordinierte Aktivitäten des Hippocampus und des Neocortex beobachten, was darauf hindeutet, dass in diesen Phasen aktuelle Erinnerungen in das deklarative Langzeitgedächtnis überspielt und konsolidiert werden.Im Hippocampus werden außerdem bestimmte Gene, deren Produkte für die Stabilisierung und Speicherung von Erinnerungen notwendig sind, ebenfalls circadian abgelesen. Die REM-Phasen des Schlafs hingegen sind wichtig für die Bildung des prozeduralen Gedächtnisses. ​ Wie eng und wichtig die Koppelung zwischen der tageszeitlichen Rhythmik und den kognitiven Funktionen ist, erkennt man besonders deutlich, wenn sie nicht mehr richtig funktioniert. Bei Patienten, die an einer unipolaren Depression leiden, ist der circadiane Rhythmus entgleist und gleichzeitig treten Störungen des deklarativen Gedächtnisses, der Exekutivfunktionen und der mentalen Flexibilität auf (6). Durch medikamentöse Therapien kann der Tagesrhythmus der Patienten wieder normalisiert werden, was im Idealfall dazu führt, dass sowohl die Symptome einer Depression verschwinden als auch die kognitiven Leistungen wieder vollkommen hergestellt werden können. ​ 7. Welchen praktischen Nutzen können wir aus der circadianen Rhytmik ziehen? Auch aus diesem Thema können relevante Tipps für Ihre Präsentation oder Ihren Vortrag abgeleitet werden. Die circadiane Rhythmik wird durch die Lichtmenge gesteuert. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Fehlendes Licht macht müde, auch das Gehirn. Sorgen Sie dafür, dass der Raum, in dem Ihr Vortrag stattfinden soll, ausreichend beleuchtet ist. Wenn der Raum für eine Präsentation abgedunkelt werden muss, schalten Sie möglichst sofort nach Beendigung Ihres Vortrags das Licht wieder ein. Das kognitive Leistungsvermögen unterliegt einer circadianen Rhythmik. Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Wichtige Veranstaltungen sollten weder in die frühen Morgenstunden noch in die späten Abendstunden gelegt werden. Genetisch bedingt gibt es die Frühaufsteher und die Nachteulen tatsächlich, daher muss ein Kompromiss gefunden werden. Die Vormittagsstunden und der frühe Nachmittag eignen sich am besten, wenn die Aufmerksamkeit und die geistigen Fähigkeiten Ihrer Zuhörer besonders gefordert werden. Schlafphasen sind enorm wichtig für die Gedächtnisbildung. ​ Für die Vortragspraxis ergibt sich aus dieser Erkenntnis folgendes: Dieses Faktum ist sehr wichtig für Sie selbst. Da jeder Vortragende sein Thema, die Inhalte und die Reihenfolge sehr gut kennen sollte, brauchen Sie ein gut funktionierendes Gedächtnis. Sorgen Sie also besonders vor wichtigen Terminen für ein ausreichendes Schlafpensum. ​ 8. Zusammenfassung ​ Wie das Herz, die Lunge und der Verdauungstrakt hat sich auch das Gehirn in erster Linie als ein Überlebensorgan entwickelt, nicht als Erkenntnisorgan. Bewusste, kognitive Prozesse wie Konzentrieren, Lernen, Nachdenken und Erinnern sind sehr energieaufwändige und anstrengende Prozesse, die das Gehirn aus Gründen des Selbstschutzes zu vermeiden sucht. Auch wenn unser Gehirn ein Weltmeister der Parallelverarbeitung ist, so kann es bewusste Prozesse nur einzeln und nur nacheinander bearbeiten. Alle Prozesse, die mit kognitiven Leistungen zusammenhängen, besitzen sehr starke Selektionsmechanismen und basieren funktionell auf einer großen Anzahl von vor- und unbewussten sowie durch Emotionen beeinflussten Mechanismen. ​ Als Vortragender arbeitet man also gegen zahlreiche angeborene neuronale Prozesse an, durch die sich die Gehirne der Zuhörer davor schützen, das zu tun, was man als Vortragender jedoch erwartet: aufmerksam zuzuhören und zuzusehen, nachzudenken, zu behalten und die Informationen umzusetzen. Es gibt jedoch nicht nur Mechanismen, die das Gehirn davor bewahren, etwas zu tun, es gibt auch Mechanismen, die das Gehirn gezielt in die Lage versetzen, etwas zu tun. Diese Mechanismen fallen verblüffender Weise nahezu vollständig in die Kategorie der vor- und unbewussten Prozesse und in die Kategorie der emotionalen Prozesse. Das Wie eines Vortrags öffnet die Bahnen zu Aufmerksamkeit und Gedächtnis viel effektiver als das Was! So bleibt ein inhaltlich intellektuell logisch perfekter Vortrag vollständig ohne Wirkung, wenn er keine emotionalen Komponenten enthält. Und machen Sie sich bewusst, dass Sie selbst Teil Ihres Vortrags sind. Die Werbungsindustrie hat erkannt, dass man den Warenumsatz deutlich steigern kann, wenn die Waren durch sympathische Menschen präsentiert werden. Seien Sie mutig und preisen Sie Ihre Ware an, nämlich Ihren Vortrag, Ihre Präsentation, Ihr Seminar, Ihre Vorlesung, Ihr Thema!

  • Innere Stärke und Gelassenheit durch Achtsamkeit

    Wie uns neurowissenschaftliche Daten und Fakten helfen, durch Achtsamkeit unsere Lebensqualität in vielen Bereichen zu verbessern. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Achtsamkeit ist ein geistiger Zustand 3. Achtsamkeitsmeditationen 4. Das Wirkungsspektrum der Achtsamkeit 5. Aufmerksamkeitsregulation 6. Körperbewusstsein 7. Emotionsregulation 8. Selbstwahrnehmung 9. Neurologische Veränderungen durch Achtsamkeitstraining 10. Verbesserung von Autoregulationsprozessen 11. Achtsamkeit im Alltag 12. Zusammenfassung Innere Stärke und Gelassenheit durch Achtsamkeit Wie uns neurowissenschaftliche Daten und Fakten helfen, durch Achtsamkeit unsere Lebensqualität in vielen Bereichen zu verbessern. ​ 1. Vorwort ​ Besonders Stresssituationen verleiten dazu, in automatisierte Verhaltensschemata zu verfallen; man kann sich nicht mehr konzentrieren und keine klaren Gedanken fassen. Man reagiert, statt zu agieren. Man löst das Problem nicht, sondern man verändert es nur. Man wird unsicher, obwohl Selbstvertrauen wesentlich hilfreicher wäre. Achtsamkeit ist ein geistiger Zustand, der in solchen Situationen sehr hilfreich ist. Man kann Achtsamkeit erlernen, und die neurobiologische Forschung liefert immer genauere Belege und Erklärungsmodelle für die durch Achtsamkeit hervorgerufenen Wirkungen. Im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit verweilen die Gedanken nur noch selten dort, wo sich auch der Körper auf-hält. An das Hier und Jetzt können nur wenige denken und sich selbst im Hier und Jetzt zu spüren und wahrzunehmen gelingt noch weniger Menschen. Statt agieren zu können muss man ständig reagieren und den meisten gelingt es nur für kurze Zeit, sich auf ein Objekt zu konzentrieren. Denken und Fühlen werden einem Autopiloten überlassen, einem etablierten System, das zwar zu funktionieren scheint, uns aber daran hindert, den Augenblick bewusst wahrnehmen zu können, ehe eine Situation bewertet und eine Entscheidung gefällt wird. Die Konsequenzen eines solchen Automatismus sind vielfältig und wiegen unterschiedlich schwer. ​ Wenn wir am Ende einer Buchseite angekommen sind und uns auffällt, dass wir den Inhalt dieser Seite gar nicht richtig gelesen haben und daher auch nicht wissen, was auf dieser Seite steht, ist dies zwar lästig, aber nicht dramatisch. Gefährlicher ist es, wenn wir unseren Wagen nach der Heimfahrt in die Tiefgarage stellen und uns auffällt, dass wir uns an die letzten paar hundert Meter nicht richtig erinnern können, da wir sie nicht bewusst wahrgenommen haben. Das ist der Grund dafür, dass überdurchschnittlich viele Unfälle auf dem Weg von der Arbeit nach Hause geschehen. ​ Noch dramatischer fällt die Wirkung des Autopiloten aus, wenn Ängste, Nöte und Sorgen unkontrolliert so lange in unseren grüblerischen Gedanken kreisen, bis sich daraus eine Depression entwickelt. Unachtsamkeit kann psychische Beschwerden und Erkrankungen hervorrufen. Der Begriff Achtsamkeit bezeichnet die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit bewusst auf den Augenblick lenken und halten zu können, ohne dabei die eigenen Wahrnehmungen zu bewerten. Auf diese Weise können gekoppelte und automatisierte Prozesse entkoppelt, neu betrachtet, neu bewertet und neu justiert werden. ​ Wenn also der Autopilot eine Situation automatisch bewertet und mit einer auf diese Bewertung zugeschnittenen automatischen Entscheidung oder Reaktion antwortet, so kann mittels der Fähigkeit zur Achtsamkeit dem Autopiloten die Kontrolle über diese Reaktionskette entzogen werden und wir können uns über die einzelnen Komponenten dieser Kaskade bewusst werden und sie selbst lenken. Achtsamkeit kann man trainieren, und darin geübte Menschen finden zu innerer Ruhe, Stärke und Gelassenheit. Denn Achtsamkeitstraining verbessert die Fähigkeit sowohl zur Aufmerksamkeits- als auch zur Emotionsregulation. Erst seit einigen Jahren beginnt man zu entdecken, welche Veränderungen im Gehirn während des Trainings stattfinden, und man beginnt auf Grund dieser Befunde auch zu verstehen, wie sowohl Achtsamkeitstraining als auch die Fähigkeit zur Achtsamkeit im Gehirn funktionieren. ​ 2. Achtsamkeit ist ein geistiger Zustand Der Begriff Achtsamkeit entstammt dem Buddhismus. In einigen der wichtigsten Schriften dieser Religion, der Sati­patthana Sutra und der Anapanasati Sutra, erläutert der historische Buddha die Auswirkungen der Achtsamkeit, ihre Rolle bei der Erlangung von Weisheit sowie die Kultivierung der Achtsamkeit. In der westlichen Welt hat der Begriff verschiedene Defini­tionen erfahren. Die in der Fachliteratur am häufigsten verwendete Besch­reibung stammt von amerikanischen Biologen und Mediziner Jon Kabat-Zinn (1). Er bezeichnet Achtsamkeit als einen Zustand, der entsteht, wenn die Aufmerksamkeit bewusst und vollkommen auf das Hier und Jetzt, auf den gegenwärtigen Moment gerichtet wird, ohne die dabei gemachten Erfahrungen zu bewerten oder emotional darauf zu reagieren. ​ Eine andere Beschreibung ist das handlungsorientierte, operationale Modell von Scott Bishop und seinen kana­dischen Mitarbeitern (2). Sie schlagen ein Zwei-Komponen­ten-Modell vor, bestehend aus der Selbstregulation der Aufmerksamkeit und als zweite Komponente die innere Haltung, mit der man den durch die Aufmerksamkeit ge­machten Erfahrungen begegnet. Da die erste Beschreibung ein Erklärungskonzept und die zweite ein Wirkungskonzept darstellt, ergänzen sich diese Ansätze eher als dass sie sich widersprechen.Neben diesen beiden existieren noch einige andere Er­klärungsmodelle, unter anderem eines, das einen kulturhis­torischen Schwerpunkt setzt. Für unser Thema reicht jedoch die erstgenannte Definition von Kabat-Zinn vollkommen aus – zudem es das von Neu­ropsychologen bevorzugte Modell ist. Achtsamkeit ist demnach ein geistiger Zustand, bei dem die Aufmerksamkeit auf den Moment konzentriert ist, ohne die dabei entstehenden Erfahrungen zu bewerten. Psychologen haben errechnet, dass wir fast die Hälfte unse­rer Wachzeit mit unseren Gedanken unwillentlich abschweifen, unsere Konzentration also nicht lange auf ein Objekt fokussieren können. Diese Unkonzentriertheit kann weitreichende Konsequenzen haben: Unser Leistungsvermögen sinkt beträchtlich. Besonders, wenn schnelle Entscheidungen gefällt und fol­genreiche Handlungen durchgeführt werden sollen, kann diese Unfähigkeit sehr gefährliche Folgen haben. Unkonzentriertheit kann auch zum Gefühl der Überforderung und zu psychischem Dauerstress führen – typische Reaktio­nen darauf, dass man den Überblick verloren hat und die Aufgaben und Anforderungen nicht mehr entsprechend ihrer Dringlichkeit und Wichtigkeit einschätzen und sortieren kann. Man beginnt, übermäßig über seine Ängste und Sorgen zu grübeln – von Medizinern als Ruminieren bezeichnet. Und wer sich aus diesem gedanklichen Sog nicht mehr selbst befreien kann, wer sein aus diesem Dilemma entstandenes Minderwertigkeitsgefühl nicht aus eigener Kraft wieder zu einem positiven Selbstwertgefühl aufbauen kann, der läuft Gefahr, eine Depression zu entwickeln. ​ Achtsamkeit, die Fähigkeit, seine Wahrnehmungen vorurteilsfrei auf den Augenblick zu lenken, hat intensive Auswir­kungen auf zwei grundlegende Prozesse unseres Bewusstseins, nämlich auf die Aufmerksamkeit und auf die Bewusstheit. Daher dürfen Achtsamkeit und Aufmerk­samkeit, auch wenn beide geistige Zustände darstellen, nicht miteinander verwechselt werden. Auch wenn der Begriff samt Beschreibung und Wirkungser­klärung seinen Ursprung in einer fernöstlichen Religion hat, so ist Achtsamkeit dennoch kein religiöses Konzept. Auch die Methode, mittels derer Achtsamkeit für den Alltag trai­niert werden kann, ist unabhängig von jeglicher Religion. Bei dieser Trainingsmethode handelt es sich um bestimmte Meditationsübungen. Im Verlauf der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass sich die trainingsbasierte Stärkung der Auf­merksamkeit bei vielen Menschen, besonders solchen mit psychologischen und psychosomatischen Problemen und Erkrankungen, als sehr hilfreich erweist. ​ 3. Achtsamkeitsmeditationen Meditationen werden seit Jahrhunderten in verschiedenen Kulturen praktiziert, als Weg zur Bewusstseinserweiterung, zur Heilung oder zur Selbsterkenntnis. Als Definition für den Begriff Meditation bietet sich eine Bes­chreibung an, die mehrere verschiedene Ansätze in sich vereint: Der Begriff Meditation bezieht sich auf eine Ansam­mlung von Selbstregulations-Praktiken, die das Training von Aufmerksamkeit (im englischen: attention) und von Gewahr­sein (im englischen: awareness) in den Mittelpunkt rücken, um mentale Prozesse unter größere willentliche Kontrolle zu bringen und dabei generelles geistiges Wohlbefinden und geistige Entwicklung sowie spezifische Fähigkeiten wie Ruhe, Klarheit und Konzentration zu fördern (3). Entscheidend für unseren Themenzusammenhang ist, dass Meditationspraktiken als Form mentalen Trainings zu verstehen sind, die Auswirkungen auf kognitive und emotio­nale Fertigkeiten haben. ​ In jüngster Zeit wurden entsprechende neurobiologische Nachweise dafür erbracht, dass sich derartige Veränderun­gen auch als Veränderungen von Hirnfunktionen und Hirns­trukturen manifestieren. Meditation und Neurobiologie erweisen sich als zwei Seiten einer Medaille. Daher überrascht es nicht, dass auch der Dalai Lama sein deutliches Interesse an Neurowissenschaften bekundet hat. Seit den 1950er Jahren werden Meditationen und ihre Wir­kungen wissenschaftlich untersucht. Allerdings weisen die frühen empirischen Untersuchungen häufig fachliche Mängel auf. Heutzutage sind die Untersuchungsmethoden und Forschungsdesigns exakter und seriöser, auch wenn noch immer viele Fragen unbeantwortet sind. Sicher ist jedenfalls, dass Meditationen nachweislich verschiedene psychische, neurobiologische und stoffwechselphysiologische Prozesse in Gang setzten können. Daher werden bestimmte Meditationsübungen auch von Medizinern zu therapeutischen Zwecken eingesetzt, um bestimmte psychische und psychosomatische Erkrankungen zu heilen bzw. deren Heilungsprozess zu unterstützten. Der Sinn von Meditationsübungen liegt nämlich nicht im Selbstzweck, sondern darin, ihre nachhaltigen Wirkungen im Lebensalltag zu entfalten. Bereits der Religionsbegründer Buddha Siddharta Gautama, der vermutlich von 563 bis 483 vor unserer Zeitrechnung lebte, empfahl bestimmte Medita­tionen zur Stärkung der Achtsamkeit, und diese damit ver­bundenen Fähigkeiten dann in den Lebensalltag zu integrie­ren. ​ Das erste wissenschaftsbasierte Meditationsprogramm zur Stärkung der Achtsamkeit entwickelte Jon Kabat-Zinn Ende der 1970er Jahre. Die Ergebnisse eigener Meditations­forschungen kombinierte er mit Elementen der Kognitionst­herapie und kreierte daraus ein achtwöchiges Anti-Stress-Programm namens Mindfulness-Based Stress Reduction, kurz MBSR, oder auf deutsch: achtsamkeitsbasierte Stress­bewältigung. Sein Ziel war nicht, die Zahl der Stressfaktoren zu verrin­gern, sondern den Umgang mit den Stressfaktoren, die Wahrnehmung der Stressfaktoren so zu verändern, dass sie ihre negativen Wirkungen verlieren. Es geht nämlich bei dem Thema Achtsamkeit grundsätzlich nicht darum, etwas zu beseitigen, sondern zunächst darum, Dinge und Situationen so zu akzeptieren, wie sie sind. Inzwischen gibt es zahlreiche weitere Psychotherapiekon­zepte, die auf bestimmte Erkrankungsformen zugeschnitten sind, so zum Beipiel die Mindfulness-Based Cognitive The­rapy oder MBCT, durch die ein Rückfall in die Depression verhindert werden soll, die Dialectical Behaviour Therapy, kurz DBT, die bei Borderline-Störungen eingesetzt wird, und achtsamkeitsbasierte Ansätze zur Behandlung von Drogen-, Nikotin- und anderen Abhängigkeiten. Seit einigen Jahren sind Achtsamkeitsmeditationen recht populär geworden und werden von zahlreichen Therapeuten angeboten. Bei der MBSR und verwandten Konzepten wer­den Gruppen- und täglich zu absolvierende Einzelübungen miteinander kombiniert. Hier sind vier typischen Basisübungen zum täglichen Achtsamkeitstraining; wichtig ist bei allen Übungen, nichts zu verdrängen, sondern zuzulassen, wahrzunehmen und dabei nichts zu bewerten. ​ 1. Der Body-Scan Man legt sich rücklings auf eine bequeme Decke, die Augen geschlossen, die Arme neben den Körper und die Beine bequem ausgestreckt. Der Aufmerksamkeitsfocus wandert nun sukzessiv durch den Körper, angefangen bei den Füßen, erst der rechte, dann der linke. ​ Wie fühlt sich das an? Kann ich überhaupt mein Knie spüren? Passiert da gerade etwas in meinem Magen? Zuckt gerade ein Muskel in meiner linken Hand? Kann ich fühlen, wie warm mein rechtes Ohr ist? ​ Diese tägliche Übung verhilft dazu, das Gefühl für den eige­nen Körper zu entwickeln und zu stärken. Dadurch, dass die meisten Menschen einen – sozusagen – immobilisierten Beruf haben, sich also während ihrer Arbeit kaum bewegen, verliert man das Empfinden für den eigenen Organismus. Der Body-Scan verhilft nach und nach zu einer intensiven Körperwahrnehmung. Man fühlt sich wieder im eigenen Körper zu Hause, man lernt, seinem Körper wieder zu ver­trauen. Allerdings wird man gerade zu Beginn des Meditationstrai­nings auch merken, wie schwer es ist, seine Gedanken nicht abschweifen zu lassen. ​ 2. Alltagshandlungen Unser Alltag besteht zu einem überragenden Teil aus Routi­nehandlungen wie Trinken, Essen, Laufen, Fahren, Bügeln, Zähneputzen, Hinsetzen, Aufstehen, Lesen, Einkaufen, Duschen, Anziehen, Schuhe binden, Jacke aufhängen, Türen öffnen und so weiter. Wählen Sie sich bewusst eine dieser Handlungsabläufe aus, zum Beispiel ein Glas Wasser trinken. Führen Sie jeden einzelnen Schritt langsam aus und kon­zentrieren Sie sich auf Ihre Wahrnehmungen. Wie schwer ist das Glas? Wie weit öffne ich meinen Mund? Wie kalt ist das Wasser? Wie schmeckt das Wasser? Diese Übung, die detaillierte Beobachtung alltäglicher Situa­tionen, führt zu einer deutlich intensiveren Wahrnehmung all dessen, was wir auf Grund von Gewohnheitsmustern gar nicht mehr oder kaum noch bewusst wahrnehmen. Missgeschicke und Unglücke passieren einem nur selten bei neuen Handlungsabläufen, sondern fast immer bei automa­tisierten Abfolgen. Diese Übung ist übrigens Bestandteil der klassischen Schauspielausbildung, denn ein Schauspieler muss ganz genau wissen, was er auf der Bühne oder vor der Kamera tut. Außerdem muss ein Schauspieler, ehe er in der Lage ist, überzeugend eine andere Person zu spielen, erst einmal genau wissen, was er selbst für eine Person ist. ​ 3. Minuten-Achtsamkeit Diese Übung ist vergleichbar mit der vorherigen, nur dass es hier nicht um eine spezielle Handlungsabfolge geht, sondern um eine beliebige Situation. In der ersten Phase soll drei Mal am Tag für jeweils eine Minute die Gesamtsituation und die eigene Person bewusst wahrgenommen werden.In einer späteren Phase soll man für jeweils drei Minuten am Vor- und am Nachmittag besonders achtsam sein. ​ 4. Sitz- oder Atemmeditation Diese Übung sollte 10 bis 15 Minuten dauern. Setzen Sie sich aufrecht und legen Sie Ihre Hände locker auf die Oberschenkel. Wenn Sie das Gefühl haben, sicher und stabil zu sitzen, schließen Sie die Augen. Konzentrieren Sie sich nun auf Ihren Atem. Folgen Sie ihm durch den Körper. Spüren Sie, wie sich der Brustkorb hebt und senkt. Spüren Sie, wie die Luft durch Ihre Nase und den Rachen strömt. Konzentrieren Sie sich auf eine beliebige Körperstelle und stellen sich vor, durch diese Stelle auszuatmen. Richten Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese Kör­perstelle. Nun konzentrieren Sie sich wieder auf Ihren Atem und die Bewegungen Ihres Oberkörpers. Stellen Sie sich nun Ihren Geist als einen blauen, hellen, offenen Himmel vor und Ihre Gedanken und Empfindungen als vorüberziehende Wolken. Konzentrieren Sie sich erneut nur auf Ihren Atem und achten Sie nun auf die sich verändernden Geräusche, Gerüche und den Luftzug. Öffnen Sie die Augen wieder. ​ 4. Das Wirkungsspektrum der Achtsamkeit ​ Die eben beschriebenen und ähnliche Übungen verhelfen zu einer konkreteren Wahrnehmung und zu einem präziseren Körperbewusstsein und Körperempfinden. Achtsamkeitsmeditationen verschieben die geistige Pers­pektive auf das eigene Ich, so dass man in der Lage ist, seine Gedanken und Gefühle mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Es fällt leichter, mit Stress, Ängsten und negativen Gefühlen wie Trübsinn oder Minderwertigkeit umzugehen. Besonders durch die Erforschung von Therapiewirkungen bei verschie­denen Patientengruppen konnten erstaunliche Wirk­samkeitserfolge nachgewiesen werden. Paul Grossman und seine inzwischen verstorbene Frau Ulrike Kesper-Grossman haben auf diesem Gebiet Pionie­rarbeit geleistet und haben 2011 das Europäische Zentrum für Achtsamkeit in Freiburg begründet. Eines der wichtigsten Resultate ihrer Forschung ist, dass die durch Achtsamkeitstraining verstärkte Eigenwahrnehmung auch die Selbstwirksamkeit steigert (4). Damit ist gemeint, dass die Stärke der eigenen Überze­ugung, das Leben selbst beeinflussen zu können, zunimmt, und gleichzeitig der Eindruck, nur Opfer unveränderbarer Umstände zu sein, deutlich abnimmt. Achtsamkeit stärkt also das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl.Shauna Shapiro und ihre Kollegen prägten 2006 den Begriff reperceiving, Neu-Wahrnehmen, als eine Wirkungsweise der Achtsamkeit (5). Ihrer Ansicht nach wird es durch den Prozess der Achtsamkeit möglich, sich von der Identifikation mit Gedan­ken und Emotionen zu lösen. Damit wird es dem Betroffenen möglich, distanziert und reflektiert mit einer Situation umzugehen, anstatt reflexhaft darauf zu reagieren. Und als Resultate können dann größere Objektivität und Klarheit entstehen. ​ Spätestens seit dem Jahr 2004 werden nicht nur psychische sondern auch neurologische Wirkungen der Achtsamkeits­meditationen ergründet. In diesem Jahr erschien nämlich eine Arbeit über eine spektakuläre Untersuchung einiger tibetischer Meditieren­der, deren EEGs während der Meditation eine außer­gewöhnlich hohe Amplitude und Synchronisierung im Gamma-Frequenzbereich aufwiesen (6). Inzwischen liegen zahlreiche Daten vor, die belegen, dass Meditation sowohl bestimmte Funktionen als auch be-stimmte Strukturen des Gehirns verändern. Die deutschen Neuropsychologen Britta Hölzel und Ulrich Ott stellten 2011 ein Klassifikationsschema für die verschie­denen Wirkmechanismen der Achtsamkeit auf, das inzwischen von der Forschergemeinde anerkannt ist und auf seine Tragfähigkeit hin überprüft wurde. Nach diesem System wirkt Achtsamkeit auf die Regulation der Aufmerksamkeit, auf das Körperbewusstsein, die Emo­tionsregulation und auf die Selbstwahrnehmung. Dieses Klassifikationssystem kann auch verstanden werden als eine vierstufige Pyramide, die man mit zunehmender Meditationspraxis durchläuft. Je länger man trainiert, desto mehr Fähigkeiten erlangt man. Nachfolgend werden sowohl die psychischen als auch die neurologischen Aspekte dieser vier Wirkungsbereiche bes­chrieben. ​ 5. Aufmerksamkeitsregulation ​ Wie bereits erwähnt muss man deutlich zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit unterscheiden. Achtsamkeit entsteht durch den bewussten und gezielten Einsatz von Aufmerksamkeit. Durch Achtsamkeitstraining kann die Aufmerksamkeit so­wohl leichter fokussiert als auch bewusst ausgeweitet wer­den. Die Fähigkeit zur Achtsamkeit erleichtert es, die Aufmerk­samkeit auf ein Objekt zu konzentrieren und zu halten und man bemerkt schneller, wann die Gedanken abzudriften drohen. Einfach formuliert: Wenn ich mich besser konzentrieren kann, bin ich schneller fertig. Oder anders formuliert: Wenn meine Gedanken ständig von einem Thema zum nächsten springen, mache ich unnötig viele Fehler. Außerdem lernt man, mit Störungen effektiver umzugehen, indem man sie entweder gezielt ausblendet oder aber bewusst annimmt und darauf eingeht. ​ Wird man durch ein klingelndes Telefon während der Arbeit gestört, kann man sich einfach nur darüber ärgern, wodurch die begonnene Arbeit allerdings besonders nachhaltig un­terbrochen wird, oder aber man konzentriert sich kurz auf dieses Telefon und fällt ganz bewusst die schnelle Entscheidung, den Anruf zu ignorieren und weiter zu ar­beiten oder aber ihn anzunehmen und die Arbeit zu unter­brechen. Unschlüssigkeit ist nämlich häufig das Resultat von Unkon­zentriertheit; man kann sich nicht für das ein oder andere entscheiden, weil man sich weder auf das eine noch auf das andere konzentrieren kann. Umgekehrt kann der Konzentrationsfocus auch bewusst geöffnet und geweitet werden, zum Beispiel, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht oder wenn ein Tunnelblick die Übersicht verhindert. Die Verkehrssituation auf einer unübersichtlichen Kreuzung kann man unmöglich einschätzen, indem man sich lediglich auf den Wagen vor sich konzentriert. Die Stimmung einer Konferenz, in der gerade mehrere Para­llelgespräche laufen, kann man unmöglich einschätzen, wenn man sich auf nur einen Gesprächspartner konzentriert. Es gibt eben verschiedene Situationen im Privat- wie im Berufsleben, in denen man seinen Konzentrationsfocus weit öffnen muss, um diese Situation verstehen und angemessen darauf reagieren zu können. Eine verbesserte, gestärkte Aufmerksamkeit führt außerdem zu einer Stärkung des Arbeits- und des deklarativen Gedächtnisses sowie zu einer Verbesserung des Lernvermögens. Arbeitsgedächtnis ist ein anderer Begriff für Kurzzeit­gedächtnis, und das deklarative Gedächtnis ist der Teil des Langzeitgedächtnisses, der konkretes, in Worte fassbares Wissen enthält, wie zum Beispiel: Der Stellvertreter von Frau Müller heißt Herr Meier. Dass eine Verbesserung der Aufmerksamkeit, be­ziehungsweise der Konzentrationsfähigkeit, die Lern- und Gedächtnisleistung verbessern kann, ist leicht nachvollzieh­bar. ​ Kann man sich auf ein konkretes Thema oder eine konkrete Situation konzentrieren, werden die entsprechenden Inhalte nicht mit anderen Inhalten durchmischt. Das Verständnis wird erleichtert, Zusammenhänge leichter und schneller erkannt, und das Gefühl des Verstandenha­bens beschleunigt und erleichtert die Abspeicherung im Gedächtnis. Und je konkreter der abgespeicherte Inhalt ist, desto leichter findet das Gedächtnis ihn wieder. Durch vergleichende Untersuchungen von Meditationserfah­renen und nicht Meditierenden konnten deutliche Un­terschiede in der Aktivität bestimmter Hirnareale nachgewie­sen werden: An der Regulierung der Aufmerksamkeit sind der präfrontale Cortex und der anteriore cinguläre Cortex beteiligt, und eine Verbesserung der Gedächtnisleistung ist verknüpft mit einer erhöhten Aktivität des Hippocampus. Also: Ein Wirkungsbereich der Achtsamkeit betrifft die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit. Achtsamkeitstraining verbes­sert die Regulation der Konzentrationsfähigkeit und hat somit auch Einfluss auf das Lern- und Erin­nerungsvermögen. ​ 6. Körperbewusstsein ​ Achtsamkeitsmeditationen verstärken die Fähigkeit sowohl zur Interozeption als auch zur Exterozeption. Mit diesen beiden Begriffen ist die Sensibilität gemeint, die entweder nach innen oder nach außen gerichtet ist. Mens­chen, die regelmäßig entsprechende Meditationsübungen machen, wie zum Beispiel die body-scan Meditation, erleben das angenehme Grundgefühl, Eins mit ihrem Körper zu sein. Die innere Landkarte wird differenzierter, das Gefühl für Körperhaltung, Bewegung, Mimik und Gestik verbessert sich und innere Signale können intensiver wahrgenommen und exakter interpretiert und zugeordnet werden. Auf das Körperbewusstsein zugeschnittene Achtsamkeits­meditationen verursachen funktionelle und strukturelle Veränderungen im somatosensorischen Cortex sowie in der Insula. ​ Auch der cinguläre Cortex ist in Prozesse der Körperwahr­nehmung involviert, denn hier werden bestimmte Aspekte der aktuellen Erfahrungen und Fehlermeldungen, also Abweichungen vom Soll-Zustand, herausgefiltert, so dass diese schnell erkannt werden können. Die Verbesserung der Interozeption unterstützt wiederum die Fähigkeit zur Empathie, zur Intuition, zu dem, was man passenderweise auch als Bauchgefühl bezeichnet. Achtsamkeit verstärkt nicht nur das Gefühl für den eigenen Organismus, sondern erleichtert es auch, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. An derartigen Prozessen sind die klassischen Spiegelneuro­nengebiete wie beispielsweise der präfrontale Cortex betei­ligt sowie bestimmte Areale des Temporallappens und der tempoparietalen Verbindung. ​ Der letztgenannte Bereich liegt an der Übergangsstelle zwischen temporalem und parietalem Lappen. Ihm wird die Funktion zugeschrieben, sich in andere hineinversetzen zu können. Die Aktivität dieser Areale ist bei Meditationserfah­renen signifikant erhöht, was bedeutet, dass bei diesen Menschen eine Verstärkung der Interozeption zu einer verstärkten Exterozeption geführt hat. Also: Ein weiterer Wirkungsbereich der Achtsamkeit betrifft sowohl die Sensibilität für den eigenen Organismus als auch, in Form von Empathie, die Sensibilität für andere Menschen. ​ 7. Emotionsregulation Die neuronale Hauptzentrale für Emotionen ist das limbische System. In der modernen Neurobiologie wird dieses System in drei strukturell und funktionell unterschiedliche Ebenen unterteilt. Die untere limbische Ebene, die mit der Hirnanhangsdrüse in Zusammenhang steht, steuert lebenswichtige Körperfunk­tionen und angeborene Verhaltensweisen. Die mittlere Ebene hat mit unbewusster Emotionsentstehung und Emotionskontrolle zu tun, sowie mit unbewusster Ver­haltensbewertung. Die obere limbische Ebene ist die Ebene der bewussten Gefühle und besteht aus limbischen Arealen der Großhirn­rinde. Dazu zählen der insuläre Cortex und verschiedene Bereiche des cingulären Cortex. Außerdem gehört der orbitofrontale Cortex zu diesem Sys­tem, da dieses Areal der Ort der emotionalen und motivatio­nalen Aspekte der Verhaltensplanung darstellt, insbeson­dere in Hinblick auf die Einschätzung der Konsequenzen der geplanten Handlung. Die obere limbische Ebene stellt daher eine Brückenverbin­dung zwischen den Komponenten der unbewussten Psyche und den Komponenten der bewussten Kognition dar. Diese dem Bewusstsein zugängliche Brückenverbindung kann durch Training und Anwendung von Achtsamkeit ges­tärkt werden, was sich unter anderem in einer deutlich ver­besserten Selbstregulation bemerkbar macht, der Fähigkeit, Emotionen und besonders die Stressempfindung modulieren zu können. Achtsamkeitstraining führt einerseits zu einer schrittweisen Desensibilisierung gegenüber negativen Gefühlen und Af­fekten und andererseits erweitert sie Fähigkeiten wie Mit­gefühl, Gelassenheit und Offenheit. Des Weiteren werden Aktivitäten von Hirnarealen moduliert, die daran beteiligt sind, die Wichtigkeit von Inhalten zu be­werten, beziehungsweise die Wichtigkeiten zu relativieren. So wird die Aktivität der Amygdala, die eine wichtige Rolle bei der Angstentstehung hat, unterdrückt, während die Akti­vitäten des Hippocampus, der tempoparietalen Verbindung und des posterioren cingulären Cortex gesteigert werden. Durch die Veränderung der Emotionsregulation mittels Achtsamkeitstraining können gezielt automatisierte Bewer­tungsmuster und eingefahrene Verhaltensweisen verändert werden, so dass man in der Lage ist, neue Verhaltenswei­sen zu kreieren. Übertragen auf das Alltagsleben bedeutet das: Zu den stärksten Kräften, die uns daran hindern, bestimmte Dinge zu tun und bestimmte Ziele zu erreichen, gehören negative Emotionen wie Angst, Wut, Abneigung, Stress und Unsi­cherheit. Häufig besteht eine unbewusste Koppelung zwischen ge­wissen Situation und negativen Emotionen, zum Beispiel: Vorträge halten konnte ich noch nie. Mit dem Kollegen XY bin ich noch nie klar gekommen. Unter Zeitdruck kann ich einfach nicht arbeiten. Ab zwanzig Emails im Eingangsordner kriege ich immer Stress. Diesen Text verstehe ich niemals. Und vieles mehr. Wenn man lernt, derartige Koppelungen zu erkennen und aufzubrechen, kann man wesentlich leichter seine Verhal­tensmuster ändern. Also: Der dritte Wirkungsbereich der Achtsamkeit betrifft die Fähigkeit, die eigenen, besonders die negativen Emotionen bewusst regulieren zu können. Die Stressresistenz kann deutlich gesteigert werden. ​ 8. Selbstwahrnehmung ​​ Mit dem Begriff Selbstwahrnehmung ist nicht, wie beim Körperbewusstsein, ein rein physisches Empfinden des eigenen Organismus gemeint, sondern, als eine Kompo­nente des Selbstbewusstseins, die gesamtheitliche physis­che und psychische Wahrnehmung der eigenen Person. Das Selbstbild definieren Psychologen als die Summe aller Selbstwahrnehmungen, die durch Informationen anderer über sich ergänzt werden. Das Selbstbild ist also ein psychologisches Konstrukt, das ein Mensch von sich selbst herstellt. Eine Verstärkung der Achtsamkeit kann zu einer verfeiner­ten Selbstwahrnehmung führen. Das bedeutet, dass man deutlicher unterscheiden kann zwischen dem Selbstbild und der aktuellen Selbstwahr­nehmung. Anders formuliert hilft Achtsamkeit, genauer unterscheiden zu können zwischen dem Menschen, der ich tatsächlich bin, und dem Menschen, der ich glaube oder hoffe zu sein. Das, was sich hier sehr abstrakt anhört, fällt tatsächlich in den Bereich der psychologischen Feinmechanik. Es kann gegebenenfalls ein sehr großer Unterschied bes­tehen zwischen dem, was ein Mensch tatsächlich ist und dem, was ein Mensch glaubt zu sein. Driften diese beiden Perspektiven zu weit auseinander, können pathologische Zustände entstehen, wie beis­pielsweise bei Bulimiepatienten. So gibt es auch Schmerzpatienten, die nicht mehr zwischen sich und dem Schmerz unterscheiden können. ​ Aber auch im Alltag kann eine unpassende Selbstwahr­nehmung zu Problemen führen, nämlich wenn diese mit der Fremdwahrnehmung, also der Art, wie andere Menschen einen sehen, nicht in Einklang steht. Achtsamkeitsübungen verstärken die Fähigkeit zu einer inneren psychologischen Flexibilität und vergrößern den Freiraum der Verhaltenskontrolle. Da Selbstwahrnehmung eine Komponente des Selbst-bewusstseins ist, ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch dieses gestärkt wird. Die Selbstwirksamkeit, die innere Überzeugung, etwas nicht nur zu wollen, sondern auch zu können, wird intensiviert. Wer deutlich zwischen Sein und Schein, zwischen Ist und Soll unterscheiden kann, dem offenbaren sich Verände­rungs- und Handlungsmöglichkeiten, wo vorher keine waren. Also: Der vierte Wirkungsbereich der Achtsamkeit betrifft die Fähigkeit, besser unterscheiden zu können zwischen dem Menschen, der ich bin, und dem Menschen, der ich glaube oder hoffe zu sein. ​ 9. Neurologische Veränderungen durch Achtsamkeitstraining Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie, kurz fMRT, wurden zahlreiche Untersuchungen an verschiedenen Pro­banden gemacht. Es wurden sehr erfahrene Meditierende, außerdem Novizen, also Meditationsanfänger, und, als Testgruppe, nicht-Medi­tierende miteinander verglichen. Außerdem gibt es Studien, in denen die EEGs dieser drei Gruppen miteinander verglichen wurden, und Studien, in denen mittels Voxel-basierter Morphometrie die Dichte ein­zelner Hirnregionen gemessen wurde. Die Anzahl derartiger Studien, in denen nach durch Achtsamkeitsmeditationen verursachten funktionellen und strukturellen Veränderungen des Gehirns gesucht werden, wächst seit einigen Jahren beständig. Ohne an dieser Stelle allzu tief auf die Neuroanatomie des Gehirns einzugehen konnte in ausnahmslos allen Studien gezeigt werden, dass deutliche Unterschiede zwischen diesen drei Gruppen zu finden waren (8). ​ Hirnareale der Sinnesverarbeitung, der Planung, der Gedächtnisbildung, der Emotionssteuerung und der Aufmer­ksamkeitsregulation waren, abhängig von der Art der Medi­tationsübung, bei den Erfahrenen deutlich aktiver als bei den Novizen. Sogar in der Dichte der grauen Substanz konnten Unterschiede gemessen werden. Die Areale, die während der Achtsamkeits-Meditation akti­viert sind, sind bei den Erfahrenen dichter als bei den nicht-Meditierenden. Diese Bereiche liegen in der rechten anterioren Insula, im linken inferioren Temporallappen, im rechten Hippocampus und im medialen orbitofrontalen Cortex. Darüber hinaus versuchen Forscher, auch auf molekularer Ebene Effekte nachzuweisen, die durch Meditationsübungen hervorgerufen werden. So wurden Unterschiede im Dopaminhaushalt entdeckt. Bei Meditierenden war der Plasmalevel deutlich erhöht (9). ​ Da die Hirnstrukturen, deren Aktivität durch den Neuro­transmitter Dopamin gesteuert werden, an Motivation und an zielgerichtetem Verhalten beteiligt sind, passt diese Entdeckung sehr gut in das Gesamtbild. Auch die Konzentration von Enzymen, die an der Produktion und der Freisetzung von Noradrenalin und Adrenalin betei­ligt sind, hatte sich bei den Meditierenden verändert. Beide Neurotransmitter stehen mit Stressmodulation und mit der Stressphysiologie in Zusammenhang. Der Noradrenalin-Plasmalevel war bei Meditierenden deutlich erniedrigt. Auch der Serotoninspiegel scheint durch Achtsamkeitsme­ditationen beeinflusst, nämlich leicht erhöht zu werden. Serotonin beeinflusst verschiedene psychische Funktionen wie Emotionen, Gedächtnis, Appetit, Schlaf und die Tempe­raturregulation. Die Konzentration an Melatonin, dem Hormon der Epiphyse, das den Tag-Nacht-Rhythmus reguliert, wird erhöht und die Konzentration des Entzündungsparameters Cortisol wird reduziert. Zusätzlich wurden Nachweise für eine positive Beeinflus­sung bestimmter Komponenten des Immunsystems erbracht. Diesem breiten Studienspektrum zufolge können Achtsamkeitsmeditationen Stress auf mentaler, neurolo­gischer, physiologischer und molekularer Ebene entgegen­wirken. ​ Neben der Stressbewältigung wurden auch für einen weite­ren Effekt neurologische Korrelationen nachgewiesen, und zwar solche, die auch bei der Glücksforschung eine entscheidende Rolle spielen. Glück, Gelassenheit und Zufriedenheit sind sehr basale Gefühle mit einem sehr weiten und tiefen Wirkungsspek­trum. Allerdings ist es sehr schwierig, das Glücksgefühl wissenschaftlich zu untersuchen. Gefühle kann man nicht objektiv analysieren. Von außen kann man weder die Qualität noch die Intensität eines Gefühls bestimmen. Man muss sich daher auf die Selbs­tauskünfte der Probanden verlassen. Intensiv Meditierende behaupten, ein tiefes intensives Glücksgefühl zu verspüren, nicht nur während, sondern auch nach der Meditation. EEG-Aufzeichnungen der Glücklichen zeigten eine deutliche Asymmetrie in den beiden vorderen Hirnbereichen. Die Intensität des linken anterioren Cortex war höher als die des rechten, im rechten Cortex nahm sie sogar etwas ab. Diese Asymmetrie in den beiden Hirnhälften korreliert sehr deutlich mit der Intensität des Glücksgefühls und ist nicht nur während, sondern auch nach der Meditation nachweisbar. Das bedeutet, dass sich durch Meditation die Funktionalität des präfrontalen Cortex nachhaltig verändert hat. ​ 2004 fand eine Konferenz im indischen Dharamsala statt, bei der es zu einem Gespräch zwischen dem auf Achtsamkeitsmeditation spezialisierten US-amerikanischen Neuropsychologen Richard Davidson und dem Dalai Lama kam. Richard berichtete dem Dalai Lama, dass auf Grund dieses neurologischen Nachweises „Meditierende nach ihrem mentalen Training mit der Zeit optimistischer und zufriedener werden, selbst wenn sie gerade nicht meditieren. Wer sich in Achtsamkeitsmeditation übt, der wird immer glücklicher.“(10) Glück und Zufriedenheit sind also erlernbar. Glück korreliert nicht nur mit einer asymmetrischen Hirnakti­vität, sondern auch mit einem erhöhten Antikörper-Titer. Bei glücklichen Menschen ist die Immunfunktion des Orga­nismus gesteigert. Zwar bleibt noch zu klären, wie dieser Effekt zustande ko­mmt, aber diese Entdeckung ist ein sehr überzeugendes Beispiel, dass Körper und Geist interagieren und zusam­men gehören! ​ 10. Verbesserung von Autoregulationsprozessen ​ Unter dem Begriff Autoregulation versteht man die Fähigkeit, bestimmte Prozesse willentlich und gezielt verändern zu können. Wie bereits beschrieben können durch Achtsamkeit die mit Aufmerksamkeit und die mit Emotionen verbundenen Pro­zesse bewusst modifiziert werden. Besonders wichtig ist die Fähigkeit zur Selbstregulation bei Prozessabfolgen, die häufig automatisiert, also sozusagen fremdreguliert ablaufen wie bei der Aktivierung der Stress-achse, einer physiologischen Kettenreaktion, die durch eine intensive Stressempfindung ausgelöst wird. Kürzlich wurde eine beeindruckend groß angelegte Studie veröffentlicht (11): In einer dreimonatigen Langzeitstudie mit insgesamt 148 Probanden wurde in Form von Selbs­tauskünften das Wirkungsspektrum von Achtsamkeitsmedi­tationen untersucht. Es handelt sich bei dieser Studie um die – bezüglich Zei­traum und Probanden – bisher größte Untersuchung, die zu diesem Themenkomplex je gemacht worden ist. Über drei Monate führten die Probanden regelmäßig sowohl die body-scan- als auch die Atem-Meditation durch. Die Probanden sollten regelmäßig einen bestimmten Frage­bogen ausfüllen, der die Wirksamkeit der Meditationen überprüfen sollte. Er enthielt acht Kategorien, zu denen konkrete Aussagen gemacht werden sollten wie beis­pielsweise diese: Zur Kategorie Beobachtung: Ich bemerke Verände­rungen in meiner Atmung, wenn sie sich die Atmung verlangsamt oder beschleunigt. Zur Kategorie Nicht-Ablenkung: Ich lasse mich durch ein unbehagliches Gefühl nicht ablenken. Zur Kategorie Aufmerksamkeitsregulation: Ich bin in der Lage, meine Aufmerksamkeit vom Nachdenken und Tagträumen wieder zurückführen auf die Wah­rnehmung meines Körpers. Zur Kategorie Gefühlsempfinden: Ich bemerke, wie sich mein Körper verändert, wenn ich wütend bin. Zur Kategorie Selbstregulation: Wenn ich mich über­fordert fühle kann ich in mir selbst einen ruhi­gen Ort finden. Zur Kategorie Auf-den-Körper-hören: Ich horche nach Informationen, die mir mein Körper über meinen Gefühlszustand sagt. Signifikante Veränderungen wurden in den Bereichen Selbstregulation, Aufmerksamkeitsregulation und auf-den-Körper-hören erzielt, also Bereiche der emotional-motivatio­nalen Zustandsveränderungen. Diese Veränderungen wurden unabhängig vom Alter und Geschlecht der Probanden dokumentiert. Die Teilnehmer berichteten von einer zunehmenden Deckungsgleichheit zwischen körperlichen und emotionalen Zuständen und entwickelten ein ständig wachsendes Ver­trauen in ihren eigenen Körper und zu sich selbst. Die Forschungsleiter interpretierten die gesammelten Daten letztlich als eine zunehmende Fähigkeit zur Selbstregulation, besonders in Hinblick auf die Regulierung von Stressoren. Die Meditationsübungen verhalfen den Studienteilnehmern demnach, bestimmte kognitive und emotionale Prozesse deutlich besser unter die eigene Kontrolle zu bringen. Berichte aus dem Bereich der Angstforschung kommen, wenn auch die therapeutischen Ansätze zum Teil andere sind, zu einem vergleichbaren Resultat. Auch bei Angsterkrankungen sind bestimmte Regelkreise entgleist und haben sich verselbständigt. Verhilft man den Patienten dazu, die dahinterliegenden Mechanismen wieder selbst regulieren zu können, verbes­sert sich die Symptomatik der Erkrankungen deutlich. Bildlich gesprochen geht es darum, wieder Herr im eigenen Hause zu sein. Genau das bedeutet Autoregulation. ​ ​ 11. Achtsamkeit im Alltag Achtsamkeit ist ein übergeordneter geistiger Zustand, der durch die Anwendung nicht bewertender, gezielter Aufmerk­samkeit erzeugt wird. Eben dadurch, dass es sich bei die­sem Bewusstseinszustand um einen übergeordneten Zus­tand handelt, werden durch ihn zahlreiche andere, unter­geordnete Zustände beeinflusst. Weder der Begriff Achtsamkeit noch die damit gemeinte Erlebnisqualität und erst recht nicht das dazugehörige Trai­ningssystem der verschiedenen Meditationsübungen fügt sich leicht in unser Weltbild oder in unsere Lebenswirkli­chkeit ein – östliche Philosophie trifft auf westlichen Prag­matismus. Betrachtet man jedoch das Wirkungsspektrum der Achtsamkeit, findet man sich selbst und seine Alltagswirkli­chkeit schnell wieder: Es geht um Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen, es geht um das Körpergefühl, um Intuition und Empathie, es geht darum, seine Gefühle besser in den Griff zu bekommen anstatt sich von ihnen lenken zu lassen, und es geht darum, sich so zu erkennen und zu akzeptieren wie man ist. Schaut man etwas genauer hin und ist ehrlich zu sich selbst, muss man sich eingestehen, dass die meisten unserer ta­gtäglichen Probleme und erst recht die größeren Probleme genau mit diesen Eigenschaften zu tun haben. Genauer formuliert müsste man sagen: Unsere Probleme haben etwas mit einem Mangel an diesen Eigenschaften zu tun. ​ Auch wenn man sich nicht zu täglichem Meditieren überre­den oder überzeugen lassen will oder kann, so kann man dennoch der Achtsamkeit und den damit verbundenen ver­besserten Eigenschaften und Fähigkeiten näher kommen als man es jetzt ist. Der Grundgedanke dieses Konzepts ist ja, konzentriert zu beobachten ohne zu werten. Allein schon dadurch werden etablierte Mechanismen entkoppelt und schaffen Freiraum für Neues, für neue Ver­haltensweisen und neue Gedankenstrukturen. ​ Wie häufig nehmen wir bestimmte Dinge gar nicht erst rich­tig wahr? Wie häufig reagieren wir gedankenlos und automatisch auf bestimmte Situationen? Wie häufig lassen wir uns aus der Ruhe bringen? Und wie häufig haben wir das mulmige Gefühl, einer Au­fgabe vielleicht doch nicht ganz gewachsen zu sein? Und das Schwierigste: Stellen wir uns so dar, wie wir sind, oder versuchen wir so zu sein, wie wir sein wollen? Beschönigen wir unser Selbstbild und belügen wir uns selbst? ​ Um an die positiven und hilfreichen Resultate der Acht-samkeit gelangen zu können, kommt man nicht darum herum, an sich arbeiten zu müssen. Es gibt zahlreiche Therapeuten und therapeutische Praxen, die Achtsamkeitsmeditationen anbieten. Doch wer sich nicht auf ein derart langwieriges Prozedere einlassen möchte, das in der Tat einen großen Einfluss auf die Tagesroutinen hat, dem bleiben dennoch verschiedene Möglichkeiten. Allerdings sind auch diese nicht ohne ein gewisses Maß an Disziplin umzusetzen. Es geht einfach darum, hin und wie­der ganz bewusst zu beobachten. Nicht reagieren, sondern beobachten. Bremsen Sie sich vor spontanen Reaktionen. Diese sind in aller Regel automatisiert, also unreflektiert. Beobachten Sie, aber bewerten Sie nicht. Denken Sie nicht in Kategorien wie das-ist-gut oder das-ist-schlecht. Einfach nur zur Kenntnis nehmen. Das Tempo drosseln und sich Zeit nehmen. Derartige beobachtende Pausen kann man grundsätzlich in vielen Situationen einlegen, und man sollte sie unbedingt dort einlegen, wo die Gefahr besonders groß ist, Fehlen­tscheidungen zu fällen, Vorurteilen zu erliegen oder zu emotional zu reagieren. Wenn es einem gelingt, ganz bewusst derartige beobach­tende Pausen einzulegen, wird man mit der Zeit zwei Dinge immer deutlicher feststellen können: Zum einen, dass man wesentlich ruhiger und gelassener wird, dass man auf Gedanken und Ideen kommt, die man vorher nicht hatte; dass man zu Erkenntnissen gelangen kann, zu denen man vorher nicht kommen konnte; und auch, dass man sich anders verhalten kann, als man es vorher tat, dass man sich teilweise sogar anders verhalten möchte als vorher. Zum anderen wird man feststellen, wie häufig man vorher unreflektiert und automatisiert reagiert hat, wie häufig man Opfer der eigenen Routinen und Automatismen gewesen ist, durch die man seine Probleme nicht gelöst hat, sondern die in Wirklichkeit die Ursache zahlreicher Probleme waren. Bis die Achtsamkeitsübungen jedoch ihre Spuren im Gehirn hinterlassen und somit die Resultate der Übungen leichter zugreifbar und alltagstauglich werden, dauert es – wie bei allen anderen Lernprozessen auch. ​ ​ 12. Zusammenfassung Achtsamkeit ist ein Zustand, der entsteht, wenn die Aufmer­ksamkeit bewusst und vollkommen auf das Hier und Jetzt, auf den gegenwärtigen Moment gerichtet wird, ohne die dabei gemachten Erfahrungen zu bewerten oder emotional darauf zu reagieren. Die traditionelle Trainingsmethodik für die Stärkung der Achtsamkeit ist die Meditation. Meditationen sind mentale Übungen, mit dem Ziel, kognitive und emotionale Prozesse unter eine stärkere Eigenkontrolle zu bringen und dabei Wohlbefinden, Ruhe und Konzentration zu fördern. Durch verschiedene Achtsamkeitsmeditationen wird gelernt, seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Objekte und Situatio­nen zu richten, und dabei lediglich wertneutral zu beobach­ten. Das Ziel der Achtsamkeitsübungen liegt zunächst darin, nicht die Dinge und Situationen selbst, sondern die Wahr­nehmung der Dinge und Situationen zu verändern. Aus der Veränderung der Wahrnehmung ergeben sich dann Möglichkeiten, sein Denken und Handeln zu verändern und somit schließlich direkten Einfluss auf sich und die Welt nehmen zu können. Achtsamkeit weist ein breites Wirkungsspektrum auf, das mit zunehmender Meditationspraxis erweitert und vertieft wird: Achtsamkeitstraining verbessert die Regulation der Konzentrationsfähigkeit und hat somit auch Einfluss auf das Lern- und Erinnerungsvermögen. Achtsamkeitstraining verbessert die Sensibilität für den eigenen Organismus und das Vertrauen in den eigenen Körper; in Form von Empathie verbessert sie auch die Sensibilität für andere Menschen. Achtsamkeitstraining verbessert die Fähigkeit, die ei­genen, besonders die negativen Emotionen bewusst regulieren zu können. Sowohl die Stressresistenz als auch das Glücksgefühl können deutlich gesteigert werden. Achtsamkeitstraining verbessert die Fähigkeit, zwischen dem Menschen, der ich bin und dem Menschen, der ich glaube oder hoffe zu sein, un­terscheiden zu können. Es liegen zahlreiche Studien vor, die nachweisen, dass achtsamkeitsbasierte Übungen strukturelle und funktionelle Veränderungen des Gehirns verursachen. Außerdem wurden verschiedene physiologische Verände­rungen identifiziert, die durch Meditationen verursacht wer­den. So kann das Stressempfinden durch Achtsamkeitsmeditati­onen auf mentaler, neurologischer, physiologischer und molekularer Ebene deutlich gedrosselt werden.

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    Neue Ergebnisse der Hirnforschung liefern Erklärungen dafür, wie und warum ein erfolgreiches Marketingkonzept funktionieren und wie eine Kundenbindung gelingen kann. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Was in den Köpfen passiert: die Untersuchungsmethoden 3. Die Rolle des Belohnungssystems: Wird ein Kauf als Gewinn oder als Verlust empfunden? 4. Die Beeinflussung von Kunden: Der Placebo-Effekt 5. Mehr als nur ein Produkt: die Macht der Marken 6. Beruhigung durch Beratung: Das beratende Verkaufsgespräch 7. Blindes Vertrauen: Der Framing-Effekt 8. Zusammenfassung Neuromarketing Neue Ergebnisse der Hirnforschung liefern Erklärungen dafür, wie und warum ein erfolgreiches Marketingkonzept funktionieren und wie eine Kundenbindung gelingen kann. 1. Vorwort ​ Seit Jahrzehnten zielen die klassischen Methoden der Marktforschung darauf ab, das Verhalten von Kunden sowie die Wirkung von Werbekampagnen beschreiben, erklären und vorhersehen zu können. Die Laufrichtung und -Geschwindigkeit der Kunden, ihre Blickrichtung und -Dauer werden beobachtet, um das Warensortiment in Discountern entsprechend zu platzieren. Es werden die Verkaufszahlen nach neuen Werbekampagnen ermittelt, um den Erfolg neuer Strategien bestimmen zu können. Es wird mit Farben, Gerüchen, Texten und Musik experimentiert, und ihre Wirkung auf das Kaufverhalten untersucht. Diese und ähnliche Methoden führen jedoch lediglich zu Ergebnissen, die das Verhalten der Kunden beschreiben, nicht jedoch erklären können. ​ Um den Erfolg eines neuen Produktes oder einer neuen Kampagne vorhersehen und somit gezielter planen zu können, reichen Beschreibungen jedoch nicht aus. Man benötigt Erklärungen für die Verhaltensmuster der Konsumenten. Um diese zu erhalten, wurden ungezählte Kundenbefragungen durchgeführt – mittels Fragebogen, Telefoninterviews, Einzel- und Gruppengesprächen. Doch die auf Selbstauskünften basierenden Daten haben einen großen Nachteil: sie sind nicht zuverlässig. Denn einerseits unterliegt das menschliche Verhalten einer großen Anzahl verschiedener unbewusster Prozesse auf die die Befragten keinen bewussten Zugriff haben, und andererseits sind die freiwilligen Angaben, die die Testpersonen über sich selbst machen, abhängig von dem Selbstbild dieser Personen. ​ Wer sich für nicht manipulierbar hält, wird wohl kaum zugeben, dass er sich durch einen Werbespot zu einem Kauf hat verleiten lassen. Oder dass er auf Grund der geschickten Warenplatzierung mehr gekauft hat, als er sich vorgenommen hatte. Oder dass er einen hohen Preis gezahlt hat, obwohl dieser deutlich über seinen Vorstellungen lag. Es ist also sehr schwierig in Erfahrung zu bringen, was in den Köpfen der Konsumenten tatsächlich vor sich geht. Und genau hier setzt eine neue Strategie an, das Neuromarketing, eine Kombination aus Hirnforschung und Marktforschung. ​ 2. Was in den Köpfen passiert: die Untersuchungsmethode ​ Wer während der Super Bowl Übertragung im US-amerikanischen Fernsehen Werbung schalten möchte, zahlt 85.000 Dollar – pro gesendeter Sekunde! Wie die Washington Post im Februar 2007 berichtete, untersuchten der Neurologe Josh Freedman und seine Kollegen von der University of California Los Angeles zehn Probanden, die sich diese teuren Super-Bowl-Werbeclips ansahen(1). Sie verwendeten dabei die funktionelle Magnetresonanztomographie, kurz fMRI, ein bildgebendes Verfahren, durch das indirekt auf die neuronale Aktivität verschiedener Hirnbereiche geschlossen werden kann. Während eines Clips von General Motors, eines von Honda und während des Clips einer Versicherungsgesellschaft stellten die Neurologen bei allen Probanden eine starke Aktivität der Amygdala fest, einer Hirnregion, die als Angstdetektor fungiert. Die Forscher waren über diese unerwarteten Daten zunächst derart irritiert, dass sie vorsichtshalber noch einmal ihre Gerätschaften überprüften. Doch die erneuten Messungen führten zu denselben Resultaten, nämlich zu einer erhöhten Aktivität der Amygdala. Diese drei Werbespots hatten also bei den Versuchsteilnehmern ein ungutes Gefühl, Unsicherheit und Angst erzeugt, das absolute Gegenteil dessen, was die Unternehmen mit ihrer äußerst teuer bezahlten Werbung erreichen wollten. Ohne diese Untersuchungsmethode hätte man eine derartige Information vermutlich niemals erhalten, denn die Probanden hätten sich dazu wohl kaum entsprechend äußern wollen oder äußern können. ​ Um zu erfahren, was in den Köpfen der Kunden vor sich geht, werden besonders drei Methoden angewendet(2, 3): die Elektroencephalographie (kurz EEG), die Magnetencephalographie (kurz MEG) und die bereits erwähnte funktionelle Magnetresonanztomographie (kurz fMRI). Alle drei Methoden sind bildgebende und nicht-invasive Verfahren, was bedeutet, dass die Messungen in Form von Kurven oder Pixeln aufgezeichnet werden, und dass die Testperson vollkommen unversehrt bleibt. Jede dieser Methoden hat ihre Vor- und Nachteile. Wenn Neurone ein Signal transportieren, entsteht ein Stromfluss. Mittels EEG können die elektrischen Ströme der Gehirnoberfläche gemessen und aufgezeichnet werden. Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie eine sehr hohe zeitliche Auflösung erzielen kann, nämlich 10.000 Signale pro Sekunde. Der Nachteil ist, dass die räumliche Auflösung sehr gering ist, und dass die Messungen nicht die Ströme der tiefer gelegenen Hirnbereiche erfassen können. Mittels EEG wurde beispielsweise erkannt, dass Alphawellen im linken Frontallappen mit positiven Gefühlen korrelieren, während ihr Auftreten im rechten Frontallappen auf negative Gefühle hinweisen. ​ Eine ebenfalls sehr gute zeitliche Auflösung liefert die MEG, die außerdem eine deutlich höhere räumliche Auflösung bietet als die EEG. Die Magnetencephalographie misst Veränderungen der Magnetfelder auf der Großhirnrinde. Wenn Neurone Signale leiten, entsteht ein elektrischer Strom, und wo ein elektrischer Strom fließt, entsteht auch ein Magnetfeld. Allerdings ist dieses Verfahren wesentlich teurer als eine EEG, und es kann ebenfalls nicht in die tieferen Hirnbereiche vordringen. Die Magnetresonanztomographie jedoch kann das gesamte Gehirn erfassen. Dafür wird das Hirn zunächst virtuell in kleine ein bis drei Kubikmillimeter große Würfel zergliedert, die man als Voxel bezeichnet, ein Kunstwort, zusammengesetzt aus den beiden Begriffen Volumen und Pixel. ​ Der Magnetresonanztomograph ermittelt nun in jedem Voxel die Veränderung der Sauerstoffkonzentration. Da aktive Nervenzellen einen höheren Sauerstoffverbrauch haben als ruhende Neurone, kann über derartige Veränderungen auf die Aktivität der Neurone geschlossen werden. Die gemessenen Signale nennt man BOLD-Signale, ein Akronym für Blood Oxygen Level Dependant-Signal. Ein Computerprogramm übersetzt dann das für jedes Voxel gemessene Signal entsprechend seiner Stärke in ein farbiges Quadrat um. Auf diese Weise entstehen die inzwischen sehr populären bunten Hirnbilder. Allerdings hat diese Methode auch einen Nachteil: Die zeitliche Auflösung ist im Gegensatz zu EEG und MEG verhältnismäßig gering, da die Erfassung eines Signals einige Sekunden dauert. ​ Vor einigen Jahren wurde die funktionelle MRT, kurz fMRT, entwickelt. Während die Probanden in der Magnetröhre liegen, können sie über einen Monitor Filme oder Bilder sehen, und sie können per Knopfdruck ein Ja oder ein Nein signalisieren. Auf diese Weise kann während bestimmter Eindrücke, Erlebnisse oder Entscheidungen der Probanden direkt in ihre Gehirne geschaut werden. Die fMRT ist das zur Zeit am häufigsten genutzte Untersuchungsverfahren – nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Hirnbilder, die es erzeugt. Diese drei Methoden stehen also zur Verfügung, wenn es darum geht herauszufinden, was in den Köpfen von Kunden und Konsumenten geschieht, wenn sie mit Produkten oder Werbung konfrontiert werden. ​ Es gibt inzwischen einige Agenturen, die sich auf Neuromarketing-Studien spezialisiert haben, unter anderem Neuroco und Neurosense in England, BrightHouse Neurostrategies and NeuroInsights in den USA, PHD Media in Canada, SalesBrain in Frankreich und Neuro Insights in Australien. Wer eine Studie mit zehn Probanden in Auftrag gibt, braucht jedoch ein großes Budget: 50.000 US-Dollar oder mehr wird für eine Studie berechnet. Da jedoch nicht nur Wirtschaftskonzerne sondern auch Hirnforscher ein großes Interesse daran haben, die neuropsychologischen Prozesse von Kunden zu ergründen, liegen bereits zahlreiche Untersuchungsergebnisse vor. ​ 3. Die Rolle des Belohnungssystems: Wird ein Kauf als Gewinn oder Verlust empfunden? ​ Brian Knutson, Psychologe und Neurowissenschaftler an der Stanford University in Kalifornien, konnte als Erster nachweisen, dass unsere Kaufentscheidungen auf verschiedenen, deutlich erkennbaren Prozessen im Gehirn basieren(4). Überall auf der Welt, ob auf einem Basar, in einem Möbelgeschäft oder im Internet, verhalten sich Kunden auf die gleiche Weise: Sie prüfen die typischen Charakteristika eines Produkts, ermitteln den Preis des Produkts und entscheiden dann, ob sie es kaufen oder nicht kaufen. Bei diesem Entscheidungsprozess stehen, wie moderne, auf Verhaltensforschung basierende Wirtschaftstheorien postulieren, zwei Gefühle im Wettkampf miteinander, nämlich auf der einen Seite die Freude am Erwerb des Produkts und auf der anderen Seite der Schmerz des Bezahlens. Und um potenzielle Kunden zu einem Kauf zu bewegen, kann man entweder den Schmerz reduzieren oder die Belohnung erhöhen. Marken gelingt letzteres. Knutson und seine Mitarbeiter wollten wissen, welche Hirnareale an diesen drei Prozessen – der Begutachtung der Ware, der Information über den Preis und zuletzt die Kaufentscheidung – beteiligt sind, und in welcher Reihenfolge diese Hirnbereiche aktiv werden. Dafür mussten sich die Probanden in eine fMRT-Röhre legen und sich mehrere Bilderfolgen anschauen. Zunächst sahen sie ein Produkt, dann sahen sie zu diesem Produkt den Preis, und im letzten Bild wurden am unteren Bildrand zwei Felder für Kaufen bzw. für Nicht-Kaufen eingeblendet, auf die die Probanden mit dem Drücken eines rechten oder linken Knopfes reagieren sollten. Allerdings wechselten die Positionen für diese Entscheidungsfelder in zufälliger Reihenfolge. Bei einem Produkt war das Feld für Kaufen auf der linken Seite, beim nächsten Produkt auf der rechten etc. ​ Bevor wir auf die Resultate dieser Untersuchung eingehen, betrachten wir zunächst die neuronalen Strukturen der limbischen Systeme und der Belohnungssysteme(5). Einige der Komponenten gehören funktionell zu mehreren Schaltkreisen. Das limbische System ist u.a. für unbewusste und bewusste Gefühle und für Motivationen zuständig. Es hat die wichtige Aufgabe, Ereignisse und Handlungen danach zu beurteilen, ob sie positive oder negative Folgen haben werden. ​ Man unterscheidet drei Ebenen: Die untere limbische Ebene ist für die Steuerung überlebenswichtiger Prozesse und angeborener Verhaltensweisen zuständig und kann für unseren Themenzusammenhang vernachlässigt werden. Die mittlere limbische Ebene ist die wichtigste Etage der Psyche. Sie steuert die unbewusste Entstehung von Emotionen und die unbewusste Bewertung von Handlungen und Ereignissen. Die zugehörigen neuronalen Strukturen liegen im Telencephalon, im Diencephalon und im Mesencephalon. Im einzelnen sind dies der Hippocampus, der Thalamus, das Septum, die Amygdala und eine Reihe von Basalganglien. Besonders letztere spielen für unseren Themenzusammenhang eine wichtige Rolle. Die obere limbische Ebene ist die Ebene bewusster Gefühle und Motive und sie besteht aus verschiedenen Bereichen des Neocortex. Es sind der orbitofrontale, der ventromediale, der anteriore cinguläre und der insuläre Cortex. ​ Betrachten wir nun die Systeme, die für Bewertungen und Belohnungen zuständig sind. Das eigentliche Belohnungssystem ist mit der Erfahrung von Lust und Befriedigung verknüpft und verwendet als Neurotransmitter endogene Opiate. Der Nucleus accumbens und das ventrale Pallidum, beides Basalganglien der mittleren limbischen Ebene, erzeugen zunächst eine unbewusste Belohnungserfahrung, die dann im orbitofrontalen, im ventromedialen und im insulären Cortex zu einem bewussten Lust- und Befriedigungsgefühl umgesetzt werden. Diese drei Cortexbereiche sind Bestandteile der oberen limbischen Ebene. ​ Das zweite System, das Belohnungserwartungssystem, arbeitet mit Dopamin als Neurotransmitter und generiert aus positiven und negativen Erfahrungen bestimmte Erwartungshaltungen. Zu diesem System gehören drei Basalganglien der mittleren limbischen Ebene, nämlich der Nucleus accumbens des Telencephalons sowie die Substantia nigra und das ventrale tegmentale Areal, die beide im Mesencephalon liegen. ​ Kommen wir nun zurück zu dem Experiment von Knutson und seinen Mitarbeitern. Die Auswertung zahlreicher Untersuchungen ergab, dass an verschiedenen psychischen und rationalen Prozessen wie Erwartungshaltung und Kaufentscheidung tatsächlich auch verschiedene neuronale Schaltkreise beteiligt sind. Die positive Erwartung, einen Vorteil erlangen zu können, aktiviert den Nucleus accumbens, der sowohl zum Belohnungs- als auch zum Belohnungserwartungssystem gehört. Wird dieser erwartete Vorteil erlangt, das Produkt also zu einem als sehr günstig empfundenen Preis gekauft, wird der mediale präfrontale Cortex aktiv. Hier wird das bewusste Befriedigungsgefühl generiert. Der insuläre Cortex, ein Teil des Belohnungssystems, wird aktiviert, wenn der angezeigte Preis als überhöht empfunden wird und die negative Erwartung eines Verlusts entsteht. Der in diesem Versuchsablauf letzte Prozess der Versuchsteilnehmer, nämlich der Entscheidungsprozess für oder gegen den Kauf, setzt sich zusammen aus dem Abwägen aller Vor- und Nachteile. Hierbei sind neben verschiedenen Cortexarealen auch die Amygdala beteiligt, also Gebiete, die einerseits an bewussten kognitiven als auch an unbewussten emotionalen Prozessen beteiligt sind. Wie groß die Rolle des Belohnungssystems bei einer Kaufentscheidung ist, zeigt auch eine andere Studie, bei der Männern Bilder von attraktiven Sportwagen und von deutlich weniger erstrebenswerten Wagen gezeigt wurden(6). Beim Anblick der Sportwagen, die von den Probanden eindeutig als Prestigeobjekt interpretiert wurden, stieg die Aktivität in den Komponenten des Belohnungserwartungssystems und des Belohnungssystems. ​ Bei einem weiteren Test, bei dem Männern und Frauen unterschiedliche Bilder bevorzugter und nicht-bevorzugter Getränke präsentiert wurden, zeigte sich ein ähnliches Aktivierungsmuster: Das ventrale Striatum und der Nucleus accumbens, die beide zu den Basalganglien gehören, der orbitofrontale, der anteriore cinguläre Cortex sowie der mediale präfrontale Cortex waren verstärkt aktiv. Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die Marktforschung? Die wichtigste Aussage ist wohl, dass eine Kaufentscheidung offenbar grundsätzlich nicht allein vom Preis des Produkts abhängt, sondern dass die Kunden immer das Produkt in Relation zum Preis bewerten. Die Menschen zeigen spontane emotionale Reaktionen auf einen zu erwartenden Gewinn oder Verlust, noch bevor eine Kaufentscheidung gefallen ist. Es kommt also immer erst eine emotionale, erst dann eine rationale Beurteilung. Ziel der Hersteller von Produkten muss daher sein, dass beim potenziellen Kunden beim Kauf des Produktes das Gefühl für den Gewinn größer sein muss, als das Gefühl für den Verlust. Wie sehr der Kauf eines Produkts das Belohnungssystem aktiviert, also, wie glücklich der Kauf die Kunden macht, hängt stark von der Bedeutung ab, die die Kunden diesem Produkt zuweisen. Diesen zuletzt genannten Punkt – also der Zusammenhang zwischen der Einstellung zu einem Produkt und der Bewertung dieses Produkts – werden wir im folgenden Kapitel genauer betrachten. ​ 4. Die Beeinflussung von Kunden: Der Placebo-Effekt ​ Die Einstellungen und Erwartungen, die durch Erfahrungen des täglichen Lebens entstanden sind, beeinflussen häufig auf unbewusste Weise die Beurteilung und Bewertung von Produkten und Dienstleistungen. Auf diese Weise werden bestimmten Produkten manchmal voreilig, unbewusst und ungeprüft Werte und Wirkungen zugeschrieben, die diese Produkte gar nicht haben, die aus der Analyse der Produkte auch gar nicht erklärbar sind. Eine Wirkung ohne Wirkstoff – wie bei einem Placebo. ​ Häufig haben Kunden eine unbewusste Vorstellung von dem Verhältnis der Qualität eines Produkts zu seinem Preis. Dass man Kunden über diese Einstellung manipulieren kann, konnte in mehreren Experimenten nachgewiesen werden(7). Bei einer Versuchsreihe sollten Probanden die Wirkung von Energydrinks bewerten, indem sie Vermutungen darüber äußern sollten, wie intensiv sie die Leistungssteigerung durch Genuss dieses Getränks einstufen würden. Dieser Test wurde mit einer Gruppe Sportlern und einer Gruppe Studenten durchgeführt. Die Gruppen wurden geteilt, einer Teilgruppe wurde der reguläre Preis dieses Energydrinks mitgeteilt, der anderen Teilgruppe wurde ebenfalls der Normalpreis genannt, zusätzlich aber noch die Information, dass dieses Getränk nun jedoch deutlich günstiger sei, da es in großen Mengen in einem Discounter gekauft worden sei. Sportler in einem Fitnesscenter sollten nach Genuss des Getränks und nach Absolvieren ihrer Trainingseinheiten auf einer Skala einschätzen, wie hoch sie ihre Leistungssteigerung empfanden. Bei der Untersuchung mit Studenten sollten diese angeben, wie viele Puzzle sie wohl in einer vorgegebenen Zeit schaffen würden. In allen Fällen gaben die Probanden, die das angeblich teurere Produkt getrunken hatten, eine deutlich höhere Leistungssteigerung an als die Parallelgruppe. Die Probanden, die das günstigere Getränk hatten, gaben eine deutlich geringere Leistungssteigerung an. ​ Eine andere Untersuchung beschäftigte sich mit der empfundenen Qualität eines Weins(8). Zwei Gruppen erhielten exakt denselben Wein zur Verkostung, aber ihnen wurde jeweils ein anderer Preis für diesen Wein genannt. Die Teilnehmer der Gruppe mit dem vermeintlich teuren Wein gaben an, dass das Geschmackserlebnis besonders herausragend war – im Gegensatz zu den Teilnehmern mit dem vermeintlich billigen Wein. Auch im fMRT konnte dieser Effekt nachgewiesen werden, da bei den Teilnehmern mit dem angeblich teuren Wein das BOLD-Signal im medialen orbitofrontalen Cortex besonders stark ausfiel. Diese Cortexregion ist sowohl Teil der oberen limbischen Ebene als auch Bestandteil des Belohnungssystems. Die Teilnehmer gaben die Genuss-Steigerung also nicht nur mündlich an, sondern die Aktivität ihrer Gehirne belegte dies ebenfalls. ​ Eine Untersuchung, die sehr großes Aufsehen erregte, zielt auf denselben Zusammenhang von Einstellung und Wahrnehmungsqualität ab. Es ging um den Vergleich von Coca Cola® und Pepsi® (9). Die Teilnehmer, die zuvor nach ihren Lieblingsmarken befragt wurden, wurden in verschiedenen Versuchsanordnungen darauf hin getestet, wie sie auf die beiden Marken reagieren. Bei der Blindverkostung war ein leichter Trend hin zu Pepsi zu erkennen. Die Probanden waren also nicht wirklich in der Lage, ihre bevorzugte Marke eindeutig zu erkennen. Trugen die Gläser die entsprechenden Markennnamen, schmeckte den bekennenden Cola-Trinkern immer das Getränk besser, das in einem Cola-Glas war, selbst dann, wenn es Pepsi enthielt. In einer zweiten Versuchsrunde wurden die Probanden in eine fMRT-Röhre gelegt. Sie bekamen einen Schlauch in den Mund, durch den dann Pepsi oder Cola geleitet wurde – allerdings kohlensäurefrei. Auf einem Bildschirm wurde den Probanden mitgeteilt, wann nun Flüssigkeit in ihren Mund geführt wird. Bei einer Testfolge wurde dies lediglich durch das Aufblinken eines farbigen Kreises angezeigt. Die Teilnehmer wussten also nicht, welche der beiden Marken sie nun schmecken würden. In diesen Fällen war bei den Probanden der ventromediale präfrontale Cortex (kurz VMPFC) immer dann besonders aktiv, wenn ihnen die Flüssigkeit gut schmeckte – unabhängig von der Marke, die sie ja nicht wussten. Dieses Cortexareal ist immer dann beteiligt, wenn es um begehrende Aspekte des Belohnungsverhaltens geht und um die Entscheidungsfindung hinsichtlich Belohnung oder Bestrafung. Wurde der farbige Punkt ausgewechselt durch das Markenlogo von Cola oder Pepsi, wurden auf einmal ganz andere Hirnbereich aktiv: der dorsolaterale präfrontale Cortex (kurz DLPFC), der an verschiedenen Aspekten der kognitiven Kontrolle beteiligt ist, der Hippocampus, der Organisator des Gedächtnisses, und Abschnitte des Mittelhirns, in denen sich Komponenten des Belohnungserwartungssystem befinden. Beim Erscheinen des Cola-Logos war der Effekt wesentlich stärker als beim Pepsi-Logo. Es sind also zwei vollkommen separate neuronale Systeme an der Generierung von Vorlieben beteiligt. Wird die Entscheidung allein aufgrund sensorischer Informationen gefällt, ist der VMPFC beteiligt, wird die Entscheidung aufgrund eines bekannten Markennamens gefällt, sind der DLPFC, der Hippocampus und das Mittelhirn involviert, Areale, die gespeicherte soziokulturelle Informationen in die Entscheidungsfindung mit einbeziehen. Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die Marktforschung? Die Beurteilung und Bewertung eines Produkts wird beeinflusst durch zahlreiche unbewusste, soziokulturelle Faktoren. Die auf der reinen Sensorik basierenden Entscheidungsprozesse werden von anderen Hirnbereichen bearbeitet als die auf soziokulturellen Informationen basierenden Entscheidungen. Das soziokulturelle Verarbeitungssystem kann genutzt werden, um Kunden gezielt beeinflussen zu können, vorausgesetzt, man kennt diese unbewussten Bewertungskriterien. Eine Möglichkeit der Beeinflussung ist, dem Produkt eine ganz bestimmte soziokulturelle Bedeutung zu verleihen, wodurch das Produkt selbst einen Symbolcharakter bekommt. ​Diesen zuletzt genannten Punkt, den man auch umschreiben kann als die Erschaffung einer Marke oder eines Brands, werden wir im folgenden Kapitel genauer betrachten. ​ 5. Mehr als nur ein Produkt: Die Macht der Marken ​ Nicht die Hersteller erschaffen eine Marke, sondern die Kunden erschaffen sie, denn sie verhalten sich bei bestimmten Produkten anders als bei vergleichbaren Produkten der Mitbewerber. Porsche, Prada, Rolex und co. sind Namen für Produkte, zu denen es viele Alternativen gibt. Aber die Kunden geben Porsche, Prada, Rolex und co. eine bestimmte Bedeutung, die zum Teil weit über das reine Produkt hinausgehen. Eine derart intensive Bedeutungszuweisung erfahren die Konkurrenzprodukte nicht. Diese Unterscheidung macht eine Marke aus, und auf Grund dieser Unterscheidung bekommen Markennamen eine Macht. Firmen können diesen Prozess jedoch forcieren, indem sie durch eine geschickte Werbekampagne ihren Produkten bestimmte Attribute zuschreiben, die letztlich mit den Produkten selbst nichts zu tun haben, wie beispielsweise Urlaubsgefühl, Coolness, Abenteuer, Entspannung oder hoher sozialer Status. Der Großteil der Forschungsliteratur, die sich mit dem Phänomen Marke beschäftigen, ist traditionell psychologischer Natur. Es gibt inzwischen verwirrend viele Erklärungs- und Beschreibungsansätze, die das soziale Phänomen der Marke beschreiben. ​ Bernd Herbert Schmitt, Professor für internationale Wirtschaft an der Columbia University in New York, ist es gelungen, diese vielen Ansätze zu einem übersichtlichen Schema zusammenzufassen(10). Sein Konsumentenmodell enthält drei Ebenen, die die verschiedenen Grundeinstellungen der Kunden widerspiegeln: eine Objekt-zentrierte Einstellung, eine Selbst-zentrierte Einstellung und eine soziale Einstellung. Die Beziehung zu einer Marke setzt sich aus einer unterschiedlich gewichteten Kombination dieser drei Einstellungen zusammen. Des Weiteren charakterisiert er fünf verschiedene Hauptprozesse, durch die sich die Entwicklung der Beziehung zu einer Marke beschreiben lassen. In jedem dieser Hauptprozesse finden sich die bereits genannten drei Einstellungsebenen wieder. Er bezeichnet diese Hauptprozesse als Identifying (Prozesse, durch die eine Marke identifiziert wird), Experiencing (Prozesse, in denen Erfahrungen mit dem Artikel gemacht werden), Integrating (Prozesse, in denen der Kunde ein Markenkonzept erstellt und es mit dem Selbstkonzept verknüpft), Signifying (Prozesse, durch die eine Marke zum Identifikationssymbol wird) und zuletzt Connecting (Prozesse, durch die eine starke Bindung zur Marke aufgebaut wird). Auch zu diesem Themenkomplex gibt es nun die ersten neurobiologischen Untersuchungsdaten, durch die psychologische Prozesse mit neurologischen Prozessen verknüpft werden können. Dafür wurden Probanden in einen fMRT gelegt und ihnen per Bildschirm verschiedene Artikel und Logos gezeigt(11). Die Freiwilligen sahen in zufälliger Reihenfolge Markenprodukte, zu denen die Probanden eine besondere Beziehung haben, und no-name-Produkte oder Waren anderer Marken. Beim Erscheinen der bevorzugten Markenartikel wiesen das Striatum, zu dem der am Belohnungs- und Belohnungserwartungssystem beteiligte Nucleus accumbens gehört, und der für die kognitive Kontrolle zuständige dorsolaterale präfrontale Cortex eine deutlich erhöhte Aktivität. Dass bestimmte Luxus-Markenartikel genutzt werden, um den eigenen sozialen Status zu dokumentieren, und um sich von anderen sozialen Gruppen zu distanzieren, ist seit langem bekannt. Nun wurde auch das neuronale Korrelat zu diesem Verhaltensmuster entdeckt: Beim Anblick der Logos von Luxus-Marken stieg die Aktivität im anterioren medialen präfrontalen Cortex der Probanden. Diese Region ist involviert an ichbezogenen Wahrnehmungen. ​ Mit dem Thema Marken als Kultursymbol beschäftigt sich eine weitere Studie, in der verschiedene Bedeutungszuweisungen, die die Probanden gegenüber Marken äußerten, abgeglichen wurden mit fMRI-Untersuchungen(12). Marken können definiert werden als komplexe kulturelle Symbole, die verschiedene Bedeutungen und Images haben können. Da es jedem Menschen sehr schwer fällt, diffuse, komplexe Ansichten, Meinungen und Bewertungen deutlich und nachvollziehbar in Worte zu fassen, wurde Mitte der 1950er Jahre eine Untersuchungsmethode mit dem Namen Semantisches Differential entwickelt. Das Prinzip ist sehr einfach: Die Probanden erhalten nacheinander zahlreiche Wortpaare, die aus gegenteiligen Adjektiven bestehen wie beispielsweise gesund-krank, stark-schwach oder männlich-weiblich, und müssen sich für jeweils einen Begriff entscheiden, der ihrer Meinung nach zu einem bestimmten Produkt passt. Auf diese Weise gelingt es, detaillierte, kontextbezogene Informationen über die Einstellungen und Assoziationen von Kunden zu einem Produkt zu erhalten. Bei dieser Studie wurden die Einstellungen zu frei erhältlichen pharmazeutischen Markenprodukten untersucht, wobei sich die Forschergruppe hauptsächlich auf zwei Gruppen von Attributen konzentrierte: eine Gruppe wurde betitelt mit soziale Kompetenz, die andere Gruppe wurde zusammengefasst unter dem Begriff Stärke – gemeint war damit Wirkungsstärke. Nachdem die Probanden zunächst den sprachlichen Test mit dem Semantischen Differential gemacht hatten, und die Forscher dadurch Informationen über die Einstellungen der Probanden zu bestimmten Markenprodukten erhalten hatten, wurde in einer zweiten Untersuchung im fMRT nach Aktivitätsmustern in den Gehirnen der Probanden gesucht, die mit diesen Einstellungen korrelierten. Dafür betrachteten die Testpersonen auf einem Bildschirm Produkte, die im ersten Test im Bereich Stärke entweder sehr hoch oder sehr niedrig bewertet wurden, und Produkte, die zuvor positiv mit sozialer Kompetenz verknüpft worden sind. Es zeigte sich, dass der Anblick von Produktmarken, denen eine hohe soziale Kompetenz zugesprochen worden war, die Aktivität des medialen präfrontalen Cortex erhöhte. Dieses Areal ist involviert an Prozessen der sozialen Wahrnehmung und wird ebenfalls aktiv, wenn Belohnungen eintreten. Marken, die mit dem Attribut Stärke assoziiert wurden, lösten einen völlig anderen Prozess aus. Beim Anblick dieser Marken sank die Aktivität des superioren frontalen Gyrus. An welchen konkreten Prozessen diese Struktur beteiligt ist, ist noch unzureichend geklärt, aber man vermutet, dass dieser Gyrus mit dem Arbeitsgedächtnis gekoppelt ist. Das würde bedeuten, dass beim Anblick einer Marke, der man eine große Wirksamkeit zuschreibt, die Aktivität des Arbeitsgedächtnisses reduziert. Oder in anderen Worten: Wer vertraut, braucht nicht mehr ständig aufzupassen. ​ Mit diesem Thema, dem Vertrauen in eine Marke, beschäftigt sich eine soziologische Studie, die die Bedeutung sozialer Medien für die Markenbindung untersuchte(13). Sie kam zu dem Resultat, dass Markenunternehmen, die in den sozialen Medien vertreten sind und den Kontakt zu ihren Fans halten, verstärken und unterstützen, die Bindung der Kunden zur Marke und die Stabilität der Marken-Community positiv beeinflussen. Dadurch wächst das Vertrauen in diese Marke und führt zu einer anhaltenden Markenbindung. Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die Marktforschung? Die wirtschaftliche Macht von Marken entsteht dadurch, dass Kunden diesen Produkten bestimmte positive Attribute zuordnen, die den Produkten selbst nicht zu entnehmen sind. Bei einer engen Markenbindung werden Hirnareale aktiviert, die neben Arealen des Belohnungssystems und der kognitiven Kontrolle auch Bereiche für ichbezogene Wahrnehmungen oder für soziale Wahrnehmung aktivieren, je nach Einstellung des Kunden. Aus neurologischer Sicht hat eine Marke nur dann einen wirtschaftlichen Erfolg, wenn es gelingt, deutlich mehr Hirnareale zu aktivieren als lediglich diejenigen, die am Erkennen des Produkts beteiligt sind. Psychologische und neurologische Daten belegen, dass das Ziel der Firmen sein sollte, über das Image der Produkte eine persönliche Bindung zum Kunden aufzubauen. Wie wichtig und wie sinnvoll es ist, den Kontakt zu seinen Kunden nicht nur virtuell sondern auch real aufzubauen zeigt das folgende Kapitel, in dem es darum geht, ein Produkt zu verkaufen. ​ 6. Beruhigung durch Beratung: das beratende Verkaufsgespräch ​ Negative Gefühle, welcher Art auch immer, die ein potenzieller Kunde einem Produkt, einem Geschäft oder einem Firmennamen gegenüber entwickelt, stellen für den Verkäufer dieses Produkts eines der größten Hindernisse dar. Aus diesem Grund investieren zahlreiche Unternehmen sowohl viel Zeit als auch viel Geld, um in den Verkaufsräumen ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Kunden möglichst wohl fühlen.​ Neben solchen äußeren Faktoren bestimmen jedoch auch soziale Faktoren den Grad des Wohlgefühls. ​ Eine Möglichkeit, über soziale Kontakte eine entspannte Kundenbindung herzustellen, ist das beratende Verkaufsgespräch. Wirtschaftsforscher unterteilen den typischen Beratungsverkauf in 5 Phasen: In der ersten Phase stellt der Verkäufer eine Verbindung zum Kunden her. In der zweiten Phase geht es darum, die Wünsche und Bedürfnisse des Kunden zu erfahren, auf die im dritten Schritt verbindlich eingegangen wird. Es folgt in der vierten Phase der Geschäftsabschluss und endet mit Phase fünf, in der vom Verkäufer eine nachhaltige Kundenbeziehung aufgebaut werden sollte. ​ Eine skandinavische Forschergruppe wollte nun wissen, was in den Gehirnen von Kunden geschieht, die sich in einem solchen Beratungsgespräch befinden(14). Dafür produzierten sie einen Film, in dem sich die Testperson mit dem virtuellen Kunden des Films identifizieren sollte und konnte. Diesen Film sahen nun verschiedene Probanden, während sie in einem Magnetresonanztomographen lagen. Während die Testpersonen in die Rolle der Kunden schlüpften und auf dem Bildschirm einen Beratungsverkauf erlebten, beobachteten die Neurologen, dass in verschiedenen Phasen des Verkaufsgesprächs verschiedene Hirnareale der Probanden aktiv wurden. ​ In allen fünf Verkaufsphasen war der dorsolaterale präfrontale Cortex der Testpersonen aktiv. Diese Bereiche liegen links und rechts im vorderen, oberen Teil der Großhirnrinde und sind an der Regulierung, Planung und Organisation geistiger Funktionen und an Prozessen des Arbeitsgedächtnisses beteiligt. Erkennen die Probanden eine ihnen gut bekannte Marke, erhöht sich die Aktivität der beiden Areale, ebenso wenn die Kunden im Film dazu tendieren, das gewählte Produkt zu kaufen. Eine besonders wichtige Entdeckung war die dauerhafte Aktivität der beiden inferioren frontalen Gyri, die von oben direkt an die Schläfenlappen angrenzen. So wie die Amygdala als Angstdetektor fungiert, so arbeiten diese Gyri als Sicherheitsdetektoren. Die Aktivität der Areale nahm jedoch in der vierten Phase des Beratungsgesprächs ab, der Phase, in der der Geschäftsabschluss getätigt wird. Auch die beiden Hippocampi, die Gedächtnisorganisatoren, wiesen Aktivitätsveränderungen auf. In der Phase drei, während der Verkäufer auf die Wünsche und Bedürfnisse des Kunden eingeht, ließ die Aktivität nach, die jedoch während der anderen Phasen gleich hoch war. ​ Die wichtigsten Erkenntnisse, die man aus diesen Daten gewinnen kann, sind, dass ein Beratungsgespräch, also die Tatsache, dass sich ein Verkäufer um einen Kunden intensiv kümmert, das Sicherheits- und Wohlgefühl des Kunden deutlich stärkt. Dass in der Phase, in der der Verkäufer intensiv auf die Wünsche des Kunden eingeht, die Aktivität der Hippocampi nachlässt, unterstreicht diesen Beruhigungseffekt. Denn ein aktives Gedächtnis bedeutet Kontrolle, und eine Reduktion der Kontrolle bedeutet Vertrauen. Des Weiteren zeigt diese Untersuchung, dass der Geschäftsabschluss für den Kunden eine sensible Phase der Unsicherheit darstellt. Dass die Hirnbereiche, die an der Organisation geistiger Prozesse beteiligt sind, permanent aktiv sind, ist nicht weiter verwunderlich, zeigt jedoch, dass der Kauf eines Produkts keine rein emotionale Angelegenheit ist. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil eines Beratungsverkaufs ist die Tatsache, dass ein geschulter Verkäufer in der Lage ist, die verwirrende und beunruhigende Vielfalt des Warenangebots geschickt auf ein kleines, überschaubares Sortiment zu reduzieren, das auf die Wünsche des Kunden zugeschnitten ist. Denn inzwischen ist gut untersucht, dass es die Qual der Wahl tatsächlich gibt, und dass die Größe der Auswahlmöglichkeiten negativ korreliert mit dem Wohlbefinden und der Entscheidungsfreudigkeit der Kunden(15). Psychologen interpretieren diesen seltsamen Sachverhalt damit, dass Menschen auf Verluste viel stärker reagieren als auf Gewinne, und dass die Präsentation einer zu großen Vielfalt bei bestimmten Menschen letztlich das Gefühl eines Verlusts erzeugt, nämlich des Verlusts der übrigen Möglichkeiten. Das Gefühl, nicht alles haben zu können, wiegt schwerer als das Glücksgefühl, doch zumindest etwas haben zu können. Eine anders gewichtete Interpretation lautet, dass es den meisten Menschen viel zu anstrengend ist, sich mit allen angebotenen Alternativen befassen zu müssen, um dann eine sinnvolle Entscheidung treffen zu können. Ob man nun die eine oder die andere Erklärung favorisiert, es ändert nichts an der Tatsache, dass ein Übermaß an Vielfalt die Menschen nicht glücklicher, sondern unzufriedener macht. ​ Welche Auswirkungen fehlender persönlicher Kundenkontakt hat, spüren Amazon und andere Internetunternehmen seit einiger Zeit sehr deutlich, denn sie werden mit einer noch nie dagewesenen Flut von Rücksendungen konfrontiert. Deutlicher kann man Unverbindlichkeit kaum ausdrücken. Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die Marktforschung? Auch wenn über die Reduzierung von Personalkosten der Gewinn kurzfristig erhöht werden kann, können geschulte Verkäuferinnen und Verkäufer eine Kundenbindung aufbauen, die andernfalls nicht entstehen könnte. Eine auf Vertrauen basierende Kundenbindung ist eine der stabilsten Verkaufsbeziehungen und somit ein Garant zumindest für eine gewisse Regelmäßigkeit der Umsätze. Das Vertrauensgefühl der Kunden kann zusätzlich dadurch gestärkt werden, dass gut geschultes Verkaufspersonal in der Lage ist, die beunruhigende Vielfalt des Angebots auf eine überschaubare Anzahl von Alternativen zu reduzieren und somit eine Kaufentscheidung zu erleichtern. Eine Entscheidungsfindung oder Beurteilung ist ein sehr komplexer Prozess, an dem bewusste und unbewusste, kognitive und emotionale Prozesse ineinander greifen. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit einer interessanten Schwachstelle. ​ 7. Blindes Vertrauen: Der Framing-Effekt ​ Der mediale präfrontale Cortex ist an einer Vielzahl von Prozessen beteiligt, unter anderem auch an der Zusammenführung verschiedener Informationen für eine Entscheidungsfindung. Man unterscheidet explizite, entscheidungsrelevante Informationen und implizite, nicht aktuell entscheidungsrelevante Informationen. Zu den expliziten Informationen zählen situationsabhängige Fakten, die im Arbeitsgedächtnis vorliegen sowie Wissensfragmente des episodischen Langzeitgedächtnisses. Derartige Informationen werden genutzt, wenn es um einen formalen Ansatz einer Entscheidungsfindung geht. Zu den impliziten Informationen gehören bewusste und unbewusste Erfahrungen mit ähnlichen Situationen, Gefühle, Einstellungen, sensorische Informationen und körperliche Signale. Eine für unseren Themenzusammenhang sehr interessante Entdeckung ist, dass man die Integration solcher impliziten Informationen in den Prozess der Entscheidungsfindung manipulieren kann. Dieser Effekt wird als Framing-Effekt bezeichnet. ​ Der Neurologe Michael Deppe, Professor an der Universität Münster, konnte nachweisen, dass es auch zu diesem psychologischen Effekt ein neuronales Korrelat gibt(16). Der Versuchsaufbau war sehr einfach. Den im fMRT liegenden Probanden wurden auf einem Bildschirm unterschiedliche Bilder gezeigt, auf denen jeweils eine fiktive Schlagzeile zusammen mit dem Logo einer bekannten Zeitung zu sehen war. Verschiedene Schlagzeilen wurden mit verschiedenen Logos kombiniert. Die Probanden sollten nun den Wahrheitsgehalt der Aussagen bewerten, indem sie entweder auf einen Knopf für wahr oder einen anderen Knopf für nicht-wahr drücken sollten. Das wenig überraschende Resultat war, dass den erfundenen Überschriften mehr Glauben geschenkt wurde, wenn man die Zeitung, dessen Logo gleichzeitig eingeblendet war, für eine seriöse Zeitung hielt, und umgekehrt hielt man die Inhalte für unglaubwürdig, wenn man die Zeitung für unglaubwürdig hielt. Da die Texte völlig frei erfunden waren, konnten die Probanden den Wahrheitsgehalt nicht allein auf der Basis rationaler, expliziter Informationen bestimmen. Es entstand eine Unsicherheit in der Entscheidungsfindung, in die dann die impliziten Informationen einfließen konnten. ​ Die Neurologen fanden deutliche individuelle Unterschiede im Bewertungsverhalten der Probanden. Bei denjenigen, deren Urteil einen deutlichen Framing-Effekt aufwies, war die Aktivität des ventromedialen präfrontalen Cortex deutlich erhöht. Dieses Areal, über das bereits in Zusammenhang mit dem Placebo-Effekt gesprochen wurde, ist an der Selbstreflektion, am Belohnungsverhalten und an der Integration von Emotionen in den Entscheidungsprozess beteiligt. Dass man also bestimmte Entscheidungen allein auf Grund bestimmter, diffuser Grundeinstellungen fällt, wurde durch diese Studie erstmals auf eine neuronale Grundlage gestellt, dass nämlich dann, wenn Gefühle in einen Entscheidungsprozess mit einbezogen werden, der ventromediale präfrontale Cortex aktiviert wird. Und genau dies geschieht bei dem Framing-Effekt. Was sich bereits in dieser Studie abzeichnete wurde durch eine weitere Studie bekräftigt(17), nämlich dass es große individuelle Unterschiede in der Beeinflussbarkeit gibt. Nicht alle Menschen lassen sich gleichermaßen manipulieren, nicht alle Menschen sind mit der gleichen Intensität treue Markenanhänger, und nicht alle Menschen lassen sich auf die gleiche Weise zufrieden stellen. Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die Marktforschung? Die für Kunden eventuell beunruhigende Erkenntnis ist, dass Entscheidungen, auch Kaufentscheidungen, manchmal einem starken emotionalen Einfluss unterliegen. Die für Markenproduzenten beruhigende Erkenntnis ist, dass ein grundlegendes Vertrauen in eine Marke generalisiert auf eine Vielzahl von Produkten dieser Marke übertragen werden kann. Dieser durch den Framing-Effekt hervorgerufene Vertrauensvorschuss kann zu einem weiteren Effekt führen, den man als winner-take-all-Effekt bezeichnet. Etabliere ein Produkt unter einer Markenbezeichnung und erweitere dann das Sortiment. Nivea ist ein gutes Beispiel dafür. Eine Garantie für den Manipulationseffekt gibt es nicht. Menschen weisen ein zu großes Variationsspektrum bezüglich ihrer Eigenschaften auf, als dass sie alle auf die gleiche Weise reagieren. 8. Zusammenfassung ​ Über viele Jahrzehnte war die Erforschung des Kundenverhaltens Aufgabe von Psychologen und Soziologen. Erst seit kurzer Zeit können Hirnforscher nun aufzeigen, was wirklich in den Köpfen der Kunden passiert. Von besonderem Interesse sind die Bereiche, die zum Belohnungs- und zum Belohnungserwartungssystem gehören. Sie alle sind gleichzeitig auch Bestandteile von limbischen Systemen, die an der Generierung, Steuerung und Bewusstwerdung von Gefühlen beteiligt sind. Insbesondere sind dies der Nucleus accumbens, der Globus pallidus, die Substantia nigra und das ventrale tegmentale Areale, die alle zu den Basalganglien gehören, sowie die limbischen Cortexareale, nämlich der orbitofrontale, der ventromediale und der insuläre Cortex. All diese Komponenten sind beim Prozess einer Kaufentscheidung involviert, was bedeutet, dass der Wunsch, ein Produkt erwerben zu wollen und besonders der Erwerb eines Produkts selbst tatsächlich das Resultat einer inneren Gewinn-Verlust-Rechnung darstellt, eine Aufrechnung der zu erwartenden Belohnung durch den Erwerb gegen den zu erwartenden Schmerz durch die Bezahlung. Der Schmerz der Bezahlung reduziert sich von selbst, wenn der Kunde den Eindruck bekommt, einen mindestens adäquaten Gegenwert zu erhalten. Die Einschätzung des Gegenwerts jedoch erfolgt nicht immer nach rationalen Argumenten und Maßstäben. ​ Der Placebo-Effekt beschreibt, wie leicht sich die Bewertungsmaßstäbe manipulieren lassen. Denn man kann durch eine einfache Behauptung über den Wert eines Produkts den Kunden derart manipulieren, dass er daraufhin das Produkt anders wahrnimmt. Auf neuronaler Ebene wird dieser Prozess generiert durch die erhöhte Aktivität im orbitofrontalen und ventromedialen Cortex, Regionen, die zum Belohnungssystem gehören, die an der Integration von Emotionen in Entscheidungsprozesse beteiligt sind und die die Empfindung eines bewussten Befriedigungsgefühls anzeigen. Der ventromediale Cortex war auch bei einem weiteren Effekt aktiv, dem Framing-Effekt. Auch hierbei fließen unbewusste emotionale Informationen in die Entscheidungsfindung mit ein. Beim Framing-Effekt wird im Prinzip ein bisher unbekanntes Bild auf Grund des bereits bekannten Rahmens bewertet. ​ Auch die Wirkungen, die Markennamen, Markenprodukte und Markenlogos auf manche Kunden haben, wurden neurologisch untersucht. Wieder waren Komponenten der Belohnungssysteme aktiv, aber auch präfrontale Cortexareale, die für die Integration verschiedener Informationen wie die Selbstwahrnehmung und die soziale Wahrnehmung zuständig sind. Mit Hilfe dieser Bereiche werden Informationen zusammengeführt, um die eigene Person und die Stellung in der sozialen Gemeinschaft miteinander vergleichen und abgleichen zu können. Bei der Untersuchung virtueller Verkaufsgespräche wurde die wichtige Entdeckung gemacht, dass die inferioren frontalen Gyri bei den Kunden aktiv waren, Hirnbereiche, die ein Gefühl der Sicherheit und Beruhigung anzeigen. Insgesamt haben sich soziale Kontakte, sowohl die realen als auch die über soziale Netzwerke, als ein stabilisierendes Element erwiesen, durch das das Produktvertrauen und die Kundenbindung gestärkt werden können.

  • Erfolgreiche Führungsstrategien

    Wie wirken und was bewirken erfolgreiche Führungsstrategien? Die Hirnforschung liefert nicht nur Erklärungen, sondern auch wirkungsvolle Ratschläge. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2 Das Rahmenkonzept: Müssen, Können, Wollen und Dürfen 3. Der Status quo: Wirkungslose Strategien 4. Hilfestellung: Informationen zur Kognition 5 Hilfestellung: Informationen zur Emotion 6. Hilfestellung: Informationen zur Interaktion von Kognition und Emotion 7. Erfolgreiche Führungsstrategien Erfolgreiche Führungsstrategien Wie wirken und was bewirken erfolgreiche Führungsstrategien? Die Hirnforschung liefert nicht nur Erklärungen, sondern auch wirkungsvolle Ratschläge. 1. Vorwort Jahrzehntelang wurde die Diskussion über die Entwicklung und Bewertung von Führungsstrategien ausschließlich von Soziologen und Psychologen geführt. Nun nimmt auch die Hirnforschung an dieser Debatte teil und bringt qualitativ neuartige Argumente in den Diskurs. Neuropsychologische Erkenntnisse können belegen, warum manche Konzepte funktionieren, andere nicht, und welche Aspekte unbedingt beachtet werden sollten. Theoretisch betrachtet und völlig unabhängig von der Art des Unternehmens besteht der berufliche Alltag eines jeden Mitarbeiters darin, die ihm gestellten Aufgaben zu erfüllen und die ihm gesetzten Ziele zu erreichen. Und die Funktion eines Vorgesetzten besteht darin, dafür so sorgen, dass seine Mitarbeiter diese Aufgaben möglichst effektiv und effizient erfüllen und dass sie die Ziele möglichst schnell erreichen. Dieses Grundkonzept gilt durch alle hierarchischen Ebenen hindurch, bis hin zur Ebene der Konzernleitung. Allerdings erfüllen die personalverantwortlichen Vorgesetzten diese Funktionen nicht gleichermaßen gut, und die Mitarbeiter reagieren auf das Verhalten ihres Vorgesetzten nicht auf die gleiche Weise. Es ist daher leicht nachvollziehbar, dass große Anstrengungen unternommen werden, dieses spezielle soziale System zu analysieren und zu optimieren. ​ Seit den 1950er Jahren wird die Interaktion zwischen Vorgesetztem und Mitarbeitern von Soziologen, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern systematisch untersucht, und aus den Untersuchungsergebnissen wurden seitdem zahlreiche verschiedene Führungsstrategien entwickelt. Sie alle haben ihre Vorzüge und Nachteile, doch eine perfekt funktionierende Strategie konnte bis jetzt nicht hervorgebracht werden. Die Hirnforschung ist nun die erste Naturwissenschaft, die sich an der Erforschung dieser Interaktionen beteiligt, und die mit neuartigen Argumenten an der Diskussion um die wirkungsvollste Führungsstrategie teilnimmt. Mit ihren Erkenntnissen ermöglicht die Neuropsychologie erstmals eine rein pragmatische, von zeitgenössischen Ansichten und Strömungen unabhängige Sichtweise auf die Problematik. ​ ​ 2. Das Rahmenkonzept: Müssen, Können, Wollen und Dürfen ​​ ​Diese vier Modalverben stellen die Rahmenbedingungen einer jeden Interaktion zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter dar, unabhängig davon, auf welcher Ebene des Firmenorganigramms man sich befindet. Wie man bald erkennen wird, ist die genannte Reihenfolge dieser vier möglichen Zustände nicht zufällig gewählt. Nur in sehr seltenen Ausnahmefällen hat ein Arbeitnehmer die Freiheit, die Aufgaben und Ziele selbst bestimmten zu dürfen. Im Regelfall werden sie von anderen, letztlich von der Firmenleitung und den Mitgliedern des Vorstands festgelegt und entlang des Firmenorganigramms weitergeleitet. Ohne an der Diskussion, Auswahl und Formulierung beteiligt zu sein, müssen Mitarbeiter also bestimmte Dinge tun. Dafür erhalten sie ihr Gehalt. An diesem Punkt hat eine Führungskraft, beispielsweise ein Abteilungsleiter, keine Einflussmöglichkeiten, trägt aber die Verantwortung für die Umsetzung der beschlossenen Zielsetzungen. ​ Die erfolgreiche Umsetzung dessen, was getan werden muss, erfordert natürlich bestimmte Fähigkeiten der Mitarbeiter. Das Qualifikationsprofil ist das maßgebliche Kriterium, wenn es darum geht, einen Mitarbeiter für ein Projekt auszuwählen oder einen neuen Mitarbeiter einzustellen. Was man tun muss, muss man auch tun können. In dieser Situation hat ein Vorgesetzter zwar eine Einflussmöglichkeit, jedoch nur eine indirekte, denn er kann an dieser Stelle nicht direkt auf die Qualität des Arbeitsresultats einwirken, sondern nur indirekt über die Auswahl des Mitarbeiters, der die vermutlich beste Qualifikation vorweist. Dass man Aufgaben nur dann ganz besonders gut erfüllt, wenn man sie auch gerne absolviert, ist nicht nur eine Binsenweisheit, sondern auch eine Erfahrung, die jeder sowohl aus dem Berufs- als auch aus dem Privatleben kennt. ​ Die klassische Motivationsforschung hat zu diesem Themenkomplex verschiedene, teilweise auch widersprüchliche Theorien entwickelt. Ist ein Vorgesetzter für die Motivation seiner Mitarbeiter zuständig, oder ist es Aufgabe eines jeden Mitarbeiters, sich selbst zu motivieren? Macht es Sinn, zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation zu unterscheiden, und wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine Führungskraft? Sicher ist, dass ein Chef einen großen Einfluss auf die Arbeitswilligkeit seiner Belegschaft ausüben kann. Allerdings trägt er auch eine entsprechend große Verantwortung. ​ Die vierte Rahmenbedingung betrifft das Dürfen. Ein Vorgesetzter hat die Möglichkeit, seinen Angestellten einen konkreten Handlungsfreiraum und eine gewisse Entscheidungsfreiheit einzuräumen. Er kann ihnen ein bestimmtes Maß an Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit übertragen, wodurch den Kollegen die Möglichkeit gegeben wird, eigenständig entscheiden und handeln zu dürfen. In solchen Situationen trägt ein Vorgesetzter eine besonders große Verantwortung, während er gleichzeitig seine eigene Einflussnahme zurücknimmt. Da die meisten Führungskräfte in der nächsthöheren Hierarchieebene die Rolle von Mitarbeitern einnehmen, erscheint es sinnvoll, diese vier Zustände aus beiden Blickwinkeln zu betrachten. Im Folgenden werden zunächst etablierte Strategien beschrieben und ihre Schwachstellen definiert. Anschließend werden die neurobiologischen Konzepte vorgestellt, mittels derer wirkungsvolle Strategien entwickelt werden können, und abschließend werden diese Erkenntnisse in das hier beschriebene Rahmenkonzept eingebettet. ​ ​ 3. Der Status quo: Wirkungslose Strategien ​ Hauptsächlich zwei Gewichte lasten auf den Führungsebenen der Unternehmen: Das eine Gewicht ist die zunehmende Anzahl der juristischen Anforderungen wie beispielsweise ISO-Normen, Normbasierte Standards und die vielfältigen Compliance-Varianten, und das andere Gewicht ist die nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzsituation. ​ Als Reaktion auf diese belastenden Bedingungen kam es bei zahlreichen Konzernen zu Veränderungen von Strukturen, Regeln und Umgangsformen, die letztlich zum Ziel haben, dass die Mitarbeiter auf korrekte Weise mehr Gewinn für das Unternehmen erwirtschaften. Die verschiedenen Veränderungen weisen einen gemeinsamen Ansatz auf: die konsequente Umsetzung eines de-emotionalisierten Pragmatismus, also die Umsetzung eines von Emotionalität befreiten, sachlichen und lösungsorientierten Ansatzes. Allein der Austausch des Begriffs „Personalwesen“ durch den Terminus „Human Resources“ ist bezeichnend für das gesamte Spektrum der vermeintlichen Korrekturmaßnahmen und angeblichen Anpassungen an die veränderten Rahmenbedingungen. Dies äußert sich bei vielen Unternehmen unter anderem darin, dass ein sehr engmaschiges Regelwerk vorgegeben wird, durch das der Handlungs- und Entscheidungsfreiraum der Mitarbeiter stark eingeschränkt und somit leichter kontrollierbar wird. Zielvorgaben werden immer seltener mit den Mitarbeitern zusammen diskutiert und erarbeitet, sondern sie werden, sachlich exakt formuliert, den Mitarbeitern in vielen Fällen lediglich vorgelegt. Häufig wird auch gleichzeitig die Strategie und Methode vorgegeben, durch die diese Zielvorgaben erreicht werden sollen. ​ Die Umgangsformen, besonders die im digitalen Schriftverkehr, haben sich verändert – sie scheinen rauer und unpersönlicher geworden zu sein, was sich unter anderem auch an Formulierungen wie „fyi“ für „for your information“ oder „mfg" für „Mit freundlichen Grüßen" erkennen lässt. Kaum jemand scheint seine Emails noch einmal Korrektur zu lesen, eher er sie versendet. Da Druck und Kontrolle allein nicht zum Erfolg führen, werden verschiedene Versuche unternommen, die Mitarbeiter zu motivieren. Teambuilding events sollen das Zusammengehörigkeitsgefühl der Abteilungen stärken, Incentives sollen die Leistungsbereitschaft erhöhen. Und in regelmäßigen Abständen finden Mitarbeitergespräche statt, in denen Zwischenbilanzen gezogen werden.Trotz aller Bemühungen geht die Rechnung nur in den seltensten Fällen auf. ​ Obwohl scheinbar alle reguliert, kontrolliert und motiviert werden, obwohl Denkstrukturen, Entscheidungsprozesse und Problemlösungsstrategien vorgegeben sind, fühlen sich die Mitarbeiter unsicher, unwohl, überlastet und demotiviert, und die erwarteten Gewinnzunahmen werden nicht erreicht. Warum? Aus neurobiologischer Sicht können drei typische Fehlerquellen identifiziert werden: Die Arbeitsweise des kognitiven Systems wird falsch eingeschätzt. Aus diesem Grund funktioniert die Kommunikation häufig nicht, und anstelle eines gegenseitigen Verständnisses entstehen Missverständnisse. Ein Exkurs in den neurobiologischen Konstruktivismus wird Erklärungen und Lösungsansätze liefern. Die Arbeitsweise des Emotionssystems wird falsch eingeschätzt. Motivation funktioniert nicht wie eine Knopfdruckmechanik. Außerdem werden wichtige Prozesse völlig außer Acht gelassen: das moralische Gerechtigkeitsempfinden und das Autonomiebedürfnis. Eine genauere Betrachtung der Funktionsweise verschiedener Hirnareale wird Erklärungen und Lösungsansätze liefern. Die Sinnhaftigkeit der konsequenten Vermeidung von Emotionalität und der Betonung klarer Sachlichkeit wird falsch bewertet. Denn alle kognitiven Prozesse werden begleitet von emotionalen Prozessen und beide Prozesse sind strukturell und funktionell untrennbar miteinander verbunden. Auch hier wird die Beschäftigung mit bestimmten Hirnstrukturen und -prozessen Erklärungen und Lösungsansätze liefern. Mit diesen drei Punkten werden wir uns im Folgenden auseinandersetzen. Die neurowissenschaftlichen Informationen liefern Hilfestellungen für die Formulierung wirksamer Führungsstrategien. ​ ​​ 4. Hilfestellung: Information zur Kognition ​ Kognition ist eine sehr unscharfe Kategorie, die nach gängiger Definition sowohl Prozesse enthält, die an Wissen und Denken beteiligt sind als auch Fähigkeiten beinhaltet wie Aufmerksamkeit, Vorstellungen, Sprache, Lernen, Gedächtnis und Wahrnehmungen. ​ a) Der neurobiologische Konstruktivismus Es geht an dieser Stelle zunächst nicht um die Funktionen einzelner Hirnareale, sondern um das grundlegende Funktionsprinzip unseres Nervensystems und unseres Gehirns. In den Axonen und Dendriten der Nervenzellen werden nämlich grundsätzlich keine Qualitäten wie beispielsweise hell, süß, heiß oder laut, sondern ausschließlich identische Quantitäten in Form von Aktionspotenzialen transportiert. Paul Watzlawick, einer der berühmtesten Vertreter des Konstruktivismus, formuliert dies so: „In den Erregungszuständen einer Nervenzelle ist nicht die physikalische Natur der Erregungsursache codiert. Codiert wird lediglich die Intensität dieser Erregungsursache, also ein wieviel, aber nicht ein was“ (1). Diese Tatsache wird als Prinzip der undifferenzierten Codierung bezeichnet. Verschiedene Rezeptoren sind in der Lage, ganz bestimmte chemophysikalische Gegebenheiten in Aktionspotenziale umzuwandeln und diese Potenziale auf Neuronen zu übertragen. Sobald dies geschehen ist und ein Neuron das Signal innerhalb des Körpers weiterleitet und auf andere Neuronen überträgt, ist die auslösende Reizqualität unwiederbringlich verloren. ​ Alle Nervenzellen leiten lediglich unterschiedliche Quantitäten von Aktionspotenzialen. Da wir aber unsere Welt in unterschiedlichen Qualitäten wahrnehmen, ist die logische Schlussfolgerung, dass unser Gehirn aus den ankommenden Quantitäten irgendwie Qualitäten konstruiert – daher die Bezeichnung Neurobiologischer Konstruktivismus. Das Resultat dieser Konstruktionen muss nicht „korrekt“ sein im Sinne einer perfekten Abbildung des Originals. Das Resultat der Konstruktion muss lediglich zu einer Reaktion führen, die der auslösenden Situation angemessen ist. Vergessen wir nicht, dass all die beteiligten Strukturen samt ihrer Leistungen im Laufe der Evolution entstanden sind und daher zahlreichen Selektionskriterien ausgesetzt waren und es noch immer sind. ​ Das Gehirn eines Affen, der von einem Baum zum nächsten springt, muss in der Lage sein, ein passendes Bild des Baumes zu konstruieren, zu dem er springt. Würde das Gehirn das Affen ein nicht passendes Bild konstruieren, hätte dies tödliche Konsequenzen und dieser Affen wäre nicht mehr Teil der Evolutionskette – sie würde nämlich bei ihm Enden. Wie genau das Gehirn es schafft, aus Quantitäten Qualitäten zu konstruieren, ist noch immer ein großes Mysterium. Sicher ist aber, dass der Zielort der Neuronen das entscheidende Kriterium für eine definierte Qualität der Wahrnehmung darstellt. Dieser Zusammenhang wird als Ortsprinzip bezeichnet. So werden beispielsweise alle Nervensignale, die den visuellen Cortex erreichen, immer und ausschließlich in visuelle Wahrnehmungen übersetzt. ​ Ob Licht auf die Netzhaut fällt und die Sinneszellen aktiviert, ob ein Schlag aufs Auge die Sinneszellen auf inadäquate Weise reizt, oder ob der visuelle Cortex mittels transkranieller Magnetstimulation direkt gereizt wird, immer werden die ankommenden Signale in Lichtreize übersetzt. Das Prinzip der ortsabhängigen Qualitätskonstruktion gilt übrigens nicht nur für alle Sinneswahrnehmungen, sondern auch – und hier ziehen wir den Bogen wieder zurück zu unserem Thema – für alle kognitiven und limbischen Funktionen. ​ b) Erklären und Verstehen Dass die von den Sinnesorganen ausgehenden und – über verschiedene Umwege – in bestimmten Cortexarealen ankommenden Signale zu qualitativ unterschiedlichen Wahrnehmungen konstruiert werden, ist lediglich der erste Schritt. ​ Der zweite ist, dass diesen Wahrnehmungen konkrete Bedeutungen und Sinn zugeschrieben werden. Dem ersten Konstruktionsprozess folgt also ein zweiter, denn sowohl Erklären als auch Verstehen sind Resultate individueller Konstruktionsprozesse. Humberto Maturana, ein weiterer sehr berühmter Konstruktivist, schrieb zum Thema Erklären: „Wichtig ist, dass Aussagen, um als Erklärungen gelten zu dürfen, [...] auch akzeptiert werden müssen. [...] Erklärungen sind also von einem Zuhörer akzeptierte Aussagen über Erzeugungsmechanismen. [...] Erklärungen an sich gibt es demnach nicht“ (2). ​ Und zwei Mitbegründer des Konstruktivismus formulieren: „Erklärungen sind semantische Verbindungen von Beschreibungen. [...] Sie haben aber weder mit Kausalität noch mit Logik zu tun.“ (3) Und zum Thema Bedeutung schreiben sie: „Der Hörer und nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Bemerkung.“ (3) ​ Grundsätzlich sind alle Sinneswahrnehmungen mehrdeutig. Man spricht in diesem Zusammenhang von Ambiguität. Der Prozess des Verstehens beinhaltet, dass eine der vielen möglichen Bedeutungen bevorzugt wird. Verstehen ist demnach die Auflösung von Mehrdeutigkeit. Ein entscheidender Aspekt ist die Erkenntnis, dass unser Gehirn keine Zufallsmuster akzeptiert. Mehrdeutiges wird immer als Eindeutiges interpretiert. ​ Ein weiterer Prozess ist die Ordnungsbildung von Gedächtnisinhalten. Unabhängig von der Art ihrer Entstehung werden Gedächtnisinhalte durch autonome Prozesse sortiert und umstrukturiert. Wahrnehmen und Verstehen sind also Resultate einer Reihe von mehreren Prozessen, die größtenteils automatisch und unbewusst ablaufen. Nicht nur das Nervensystem ist ein autonomes, von anderen Nervensystemen isoliertes System, sondern auch das kognitive System ist ein autonomes System. Beide Systeme sind selbstreferentielle Systeme, das heißt, jedes Nervensystem arbeitet ausschließlich mit „seinen eigenen“ Aktionspotenzialen, und jedes Kognitionssystem arbeitet ausschließlich mit „seinen eigenen“ Gedanken. Diese funktionelle Geschlossenheit ist die theoretische Grundlage für die erwähnten Zitate. Ob eine Äußerung einen nachvollziehbaren, verständlichen Sinn ergibt und ob eine Äußerung als eine Erklärung verstanden wird, wird immer und ausschließlich in dem empfangenden Gehirn entschieden und niemals in dem sendenden Gehirn. ​ c) Kommunikation Der Begriff Kommunikation entstammt dem lateinischen communicare; das Verb bedeutet: gemeinsam machen, teilen, besprechen. Die Wortbedeutung enthält also eine starke soziale Komponente. ​ Eine für unseren Themenzusammenhang passende Definition von Kommunikation lautet: „Unter Kommunikation verstehen wir das gegenseitige Auslösen von koordinierten Verhaltensweisen unter den Mitgliedern einer sozialen Einheit“ (4). Kommunikation verursacht gegenseitige Veränderungen – in den kognitiven Systemen und im Verhalten der Kommunikationsteilnehmer. Für uns Menschen ist Sprache eine sehr wichtige Kommunikationsmethode. Aber gerade Sprache ist sehr mehrdeutig. Ob ein Missverständnis vorliegt, zeigt sich in den meisten Fällen erst in den Verhaltensweisen, die auf diesem Missverständnis basieren. ​ Für ein koordiniertes gemeinsames Handeln scheint es daher sehr ratsam, sich intensiv auszutauschen, um die subjektiven Wahrnehmungen einander anzugleichen. Die Frage „Hast du mich verstanden?“ kann natürlich mit „Ja“ beantwortet werden. Aber ob die antwortende Person tatsächlich etwas so verstanden hat, wie die fragende Person es gemeint hat, lässt sich allein auf Grund dieser Antwort nicht erschließen. Je intensiver Gedanken ausgetauscht werden, desto besser können ihre Inhalte abgeglichen und zu gemeinsamen Gedanken werden. ​ Was geschehen kann, wenn sich jemand vollständig seinen eigenen Gedanken hingibt und sich ohne Abgleich mit anderen Menschen bestimmte Dinge selbst erklärt, beschreibt der Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut Paul Watzlawick in seiner humorvollen Kurzgeschichte „Die Geschichte mit dem Hammer“ (5): Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie doch Ihren Hammer, Sie Rüpel!“ ​ Im Berufsalltag werden bestimmte Formulierungen besonders häufig verwendet: Der als Vorwurf formulierte Satz „Aber das wurde doch kommuniziert!“ und der als Verteidigung formulierte Satz „Aber so wurde das nicht kommuniziert!“ machen also in Anbetracht der hier beschriebenen neuropsychologischen Mechanismen gar keinen Sinn – auch ohne dass wir uns nun darüber ausgetauscht haben. ​ ​ 5. Hilfestellung: Information zur Emotion ​​ Emotion ist, wie auch Kognition, eine unscharfe, umstrittene Kategorie, die üblicherweise wertende Prozesse enthält wie Handlungstendenzen, Aufmerksamkeit, Gestik und Mimik sowie subjektive Empfindungen, die ausgelöst werden durch externe oder interne Stimuli. Emotionen werden häufig als Zustände wie Ärger, Ekel, Angst, Freude und Trauer beschrieben. Motivation, ein weiterer wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang, beschreibt innere Zustände, die durch Verstärker hervorgerufen werden. Sie helfen, die Intensität und die Orientierung – Annäherung oder Vermeidung – des Verhaltens zu organisieren. ​ a) Die Ebenen des limbischen Systems Das Emotionssystem ist ein evolutionär sehr altes neuronales Verrechnungssystem, das in der Lage ist, Situationen schnell zu bewerten und mit einem adäquaten Verhalten auf diese Situation zu reagieren. Dieses System ermöglicht also einen Überlebensvorteil. Eine für unser Thema wichtige Erkenntnis der Gehirnforschung ist, dass Gefühle im Moment ihres Entstehens grundsätzlich nicht beeinflussbar sind (6). ​ Bewusste und unbewusste Emotionen haben ihren Sitz im limbischen System, das für Neurobiologen auch den Ort des Psychischen darstellt. Das System wird in drei Subsysteme gegliedert (7): Die untere limbische Ebene enthält Teilbereiche des Mittel- und des Zwischenhirns und steuert unsere wichtigsten Körperfunktionen und angeborenen Verhaltensweisen. ​ Die mittlere limbische Ebene besteht aus Komponenten des Zwischen- und des Großhirns und beeinflusst die unbewusste Entstehung und Kontrolle von Emotionen. Hier werden auch Verhaltensweisen unbewusst bewertet und emotionale Konditionierungen gesteuert. Die obere limbische Ebene setzt sich aus verschiedenen Cortexarealen zusammen, die bewusste Gefühle und Motive generieren. Interessanterweise unterscheidet sich der limbische Cortex in seinem morphologischen Aufbau von den anderen Cortexarealen: der limbische Allocortex ist dreischichtig, der Isocortex ist sechsschichtig. Auf dieser oberen limbischen Ebene wirken Erziehung und Sozialisation ein. Die verschiedenen Hirnbereiche und somit auch ihre Funktionen sind auf bestimmte Art und Weise miteinander verbunden. Aufgrund dieses genetisch festgelegten Verknüpfungsplans ist die Entstehung, Bewertung und Verarbeitung von Emotionen bei allen Menschen grundsätzlich gleich. In Zusammenhang mit dem Thema Führungsstrategien sind zwei Erkenntnisse von besonderer Bedeutung: Zum einen, dass die meisten neuronalen Komponenten des limbischen Systems mit unbewussten Emotionen in Zusammenhang stehen, und zum anderen, dass man aufgrund des festgelegten Verknüpfungsmusters der Hirnbereiche nur einen sehr eingeschränkten willentlichen Zugriff auf die unbewussten Mechanismen hat. ​ Das limbische System entstand im Laufe der Evolution als Überlebenssystem, indem es Situationen schnell bewertet und schnell darauf reagiert – und zwar deutlich schneller als unser kognitives System. Wir erschrecken uns, noch ehe wir wissen, worüber wir uns erschrecken. Wir finden jemanden auf Anhieb sympathisch oder unsympathisch, ohne im Detail zu wissen warum. Jemand sagt uns einen Satz, und in Bruchteilen von Sekunden sind wir wütend über das Gehörte. Wir brauchen allerdings ein Vielfaches dieser Zeit, um die ausgelöste Wirkung in Worten zu erklären. Unser Leben ist angefüllt mit emotionalen Entscheidungen, Urteilen und Reaktionen. ​ b) Motivationstheorien In nahezu jedem Seminar zum Thema Personalführung nimmt der Punkt Motivation eine besonders große Stellung ein. Es gibt zahlreiche verschiedene Theorien zur Motivation, von denen sich bis jetzt keine als die einzig richtige oder als die beste durchsetzen konnte. Das liegt unter anderem auch daran, dass es weder eine Übereinstimmung darin gibt, wie Motivation definiert noch wie sie gemessen werden soll. In den letzten Jahren wurden etliche neurowissenschaftlichen Studien zur Motivation veröffentlicht, die dazu beitragen, die Tragfähigkeit und Wirkung der verschiedenen Theorien nach naturwissenschaftlichen Maßstäben überprüfen zu können. Nachfolgend werden drei Theorien besprochen, deren Aussagen neurobiologisch fundiert werden konnten. ​ Abraham Maslow veröffentlichte 1954 seine Need Theory (8). Er stellte eine Hierarchie von fünf Grundbedürfnissen auf: physiologische Bedürfnisse, Bedürfnis nach Sicherheit, Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Zuneigung (soziale Bedürfnisse), Bedürfnis nach Selbstwertgefühl, Selbstachtung und Achtung durch andere, und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Das Bedürfnis, das in einem bestimmten Moment in dieser Hierarchieliste am weitesten oben steht und das am wenigsten befriedigt ist, gilt für diesen Moment als das wichtigste und am dringendsten zu befriedigende Bedürfnis. Untersuchungen des neuronalen Belohnungssystems hat zahlreiche Parallelen zu Maslow´s Theorie offenbart. ​ Hinsichtlich des Strebens nach Belohnung unterscheiden Neurowissenschaftler zwischen Wollen (wanting) und Mögen (liking). Das Wollen fällt in die Kategorie der Motivation und die an diesem System beteiligten Neuronennetzwerke im ventralen Striatum arbeiten hauptsächlich mit Dopamin als Neurotransmitter. Das Mögen fällt in die Genusskategorie, deren Neuronen im Nucleus accumbens liegen und hauptsächlich durch Opioide moduliert werden (9). Maslow´s Need Theory steht in Einklang mit dem motivierenden Wanting-System des Gehirns. ​ Mehrere fMRT Untersuchungen haben zudem ergeben, dass viele der von Maslow kategorisierten Bedürfnisse funktionell sehr eng mit dem dopaminergen Belohnungserwartungs- oder auch Motivationssystem des Gehirns korrelieren. Das bedeutet demnach, dass Menschen tatsächlich verschiedene Grundbedürfnisse haben, zu denen auch soziale und psychologische Bedürfnisse gehören. Das Streben nach Befriedigung dieser Bedürfnisse ist eng gekoppelt an die Aktivität des Belohnungserwartungssystems. Berufsbezogene Anforderungen, die auf derartige Grundbedürfnisse keine Rücksicht nehmen, werden daher ganz bestimmt nicht dazu beitragen, dass die Motivation und Arbeitsleistung der Mitarbeiter das gewünschte Niveau erreichen werden. ​ Eine weitere Theorie zur Motivation ist die Gerechtigkeits-Theorie (Equity Theory) des Sozialpsychologen John Stacey Adams, nach der Menschen sich untereinander vergleichen und nach fairen Belohnungen streben (10). Das Gefühl von Unfairness führt zu einem Ungleichgewicht, das der Betroffene mittels unterschiedlicher Reaktionen auszugleichen sucht. Wenn dieses soziale Ungleichgewicht als besonders groß empfunden wird, entstehen Neid, Missgunst und Schadenfreude, die letztlich in einer Zunahme der beruflichen Unzufriedenheit und in einer Abnahme der Arbeitsmotivation münden können. Diese Ungerechtigkeits-Aversion ist unter anderem auch bei Kapuzineraffen beobachtet worden, was darauf schließen lässt, dass dieser psychische Mechanismus evolutiv sehr alt ist. ​ In den letzten Jahren wurden mittels fMRT-Untersuchungen die neuronalen Korrelate zu diesen emotionalen Prozessen entdeckt. So korreliert die schmerzhafte Empfindung Neid mit einer erhöhten Aktivität des anterioren cingulären Cortex, und die wie eine Belohnung wirkende Schadenfreude korreliert mit einer erhöhten Aktivität des ventrialen Striatums, das mit dem Belohnungssystem verbunden ist (11). Letzteres wird auch dann verstärkt aktiv, wenn eine soziale Ungerechtigkeit dadurch ausgeglichen wird, dass eine Belohnung unter zwei ungerecht behandelten „Kollegen“ geteilt wird. Die Wahrnehmung von sozialer Gerechtigkeit ist also eine fundamentale Notwendigkeit für ein ausgeglichenes Arbeitsklima und für die Aufrechterhaltung von Motivation und Arbeitsleistung. ​ Die dritte Motivationstheorie, deren Aussagen neurobiologisch untermauert werden konnten, ist die Erwartungstheorie des kanadischen Wirtschaftspsychologen Victor Harold Vroom. 1964 präsentierte er ein Erklärungsmodell, nach dem Menschen bestimmte Leistungen nur dann gerne erbringen, wenn sie das damit verbundene Ziel oder Ergebnis für erstrebenswert halten. Vroom unterscheidet zwei Ergebnis-Stufen: die Handlungsergebnisse (beispielsweise eine Beförderung) als erste Stufe und die Handlungsfolgen (beispielsweise Erhöhung der Reputation) als zweite Stufe. Anhand der Untersuchung von Patienten konnte aufgeklärt werden, dass der orbitofrontale Cortex eine wesentliche Rolle bei der Bildung einer adäquaten Erwartungshaltung hat (12). Diese Erwartung wird dann mit dem tatsächlich eintretenden Ergebnis verglichen und das Resultat des Vergleichs wird als Informationsspeicher für zukünftige Prognosen genutzt. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, entsteht eine Frustration, die in Abhängigkeit der Höhe der Erwartung auch in subtil aggressive Verhaltensweisen münden kann (13). In Zusammenhang mit Führungsstrategien ist daher zu beachten, dass es nicht ratsam erscheint, die Mitarbeiter daran zu hindern, die sich selbst gesetzten Ziele zu erreichen, und dass in Aussicht gestellte Belohnungen, in welcher Form auch immer, nicht ohne triftige Gründe verweigert werden sollten. ​ Auffallend bei den neurobiologisch fundierten Ansätzen ist, dass die in Motivationsseminaren so häufig erwähnten Begriffe „intrinsische Motivation“ und „extrinsische Motivation“ nicht auftauchen. Aus neurobiologischer Sicht existiert diese Unterscheidung nicht. Motivation entsteht im limbischen System eines jeden Gehirns – oder aber sie entsteht nicht. Es gibt lediglich ein motivierendes oder ein demotivierendes Umfeld. Und Kollegen und Vorgesetzte sind Teil dieses Umfelds! ​ c) Neurosoziologische Aspekte Nahezu jede Firmenstruktur, jede berufliche Kooperation ist hierarchisch organisiert. Reine Demokratien scheinen eine Illusion zu sein. Diese Rollenverteilung von führen und folgen, von „Leader“ und „Follower“, ist evolutionsbiologisch sehr alt. Viele sozial lebende Spezies zeigen dieses Verhalten. Anthropologen gehen davon aus, dass die Übernahme einer Führungsrolle eine Reaktion darauf ist, gemeinsam handeln zu müssen (14). Beobachtungen verschiedener Kulturvölker haben zu der Erkenntnis geführt, dass Führen und Folgen ursprünglich keine starren Verhaltensweisen waren, sondern flexible Strategien; die Leader mussten die Art ihrer Führung der jeweiligen Situation anpassen können. Machtmissbrauch führt zu Unsicherheit unter der Gefolgschaft. Solange der „Leader“ für vertrauenswürdig gehalten wird, erzeugt er in der Gruppe das Gefühl von Sicherheit, eines der Grundbedürfnisse der Menschen. Auch die altruistischen sozialen Eigenschaften des Teilens und Helfens scheinen eine sehr alte Geschichte zu haben (15). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass derartige Eigenschaften in nahezu jeder Kultur höher geschätzt werden als egoistische Verhaltensweisen. Wie kommt es, dass Menschen über alle Kulturkreise hinweg dieselben sozialen Verhaltensmuster bevorzugen und sich gut dabei fühlen, wenn sie kooperieren, teilen und einander helfen? Ein Zitat des Mediziners und Psychotherapeuten Joachim Bauer fasst diesen Sachverhalt zusammen: „Wir sind – aus neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen“ (16). ​ Und die neurobiologische Sicht führt uns erneut zum Motivationssystem unseres Gehirns. Dieses dopaminerge System, das von einigen Autoren auch als Belohnungserwartungssystem bezeichnet wird, liegt im Mittelhirn und besteht aus dem ventralen tegmentalen Areal, der umgebenden Substantia nigra und dem Nucleus accumbens. Diese Komponenten, die Kontakt zu zahlreichen anderen Regionen des Gehirns haben, generieren das, was man Motivation, Wollen oder „Wanting“ nennt. ​ Inzwischen wurden durch zahlreiche Feldstudien und fMRT-Untersuchungen bestätigt, dass Sozialverhalten tatsächlich ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist, dessen Ausübung über die Aktivierung des Belohnungssystems (das nicht zu verwechseln ist mit dem Belohnungserwartungssystem) ein „gutes Gefühl“ vermittelt. Aus diesem Grund haben einige Hirnforscher den inzwischen weit verbreiteten Begriff „social brain“ geprägt (17). Unser soziales Gehirn strebt danach, die verschiedensten Varianten zwischenmenschlicher Anerkennung und Zuneigung sowohl zu geben als auch zu finden.In Bezug auf Führungsstrategien bedeutet dieser neurobiologischer Sachverhalt unter anderem, dass die Förderung von Kooperation wesentlich sinnvoller ist als die Forcierung von Konkurrenzdenken, dass die Schaffung eines Wir-Gefühls für ein ausgezeichnetes Arbeitsklima sorgt, und dass sich ein Vorgesetzter keinen Gefallen damit tut, sich zu bemühen, der beste Freund seiner Mitarbeiter zu sein. 6. Hilfestellung: Information zur Interaktion von Kognition und Emotion Bei zahlreichen Unternehmen hat man den Eindruck, dass das Denken und Handeln der Mitarbeiter ebenso in Exeltabellen gefasst werden wie die rein wirtschaftlichen Kalkulationsdaten. Maximale Kontrolle als Garant für minimale Verluste und maximalen Gewinn. Emotionen jeder Art scheinen für viele Entscheidungsträger ein unkalkulierbarer Faktor zu sein, der möglichst aus der Rechnung gestrichen werden sollte – ZDF: Zahlen, Daten, Fakten. ​ In den letzten Jahren hat sich ein erstaunlich großes Interesse an der Erforschung des Wechselspiels zwischen Kognition und Emotion entwickelt. Inzwischen ist man sich darin einig, dass die traditionelle Vorstellung eines kognitiven Gehirns und eines emotionalen Gehirns aufgegeben werden muss (18). Emotionale Stimuli, Zustände und Merkmale sind in der Lage, Prozesse der Informationsverarbeitung, die selektive Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die kognitive Kontrolle stark zu beeinflussen. Umgekehrt tragen das Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeit an der willentlichen Emotionsregulation bei. Emotional aufgeladene Reize wirken deutlich aufsehenerregender als neutrale Reize. Besonders furchteinflößende Reize gelangen sehr schnell in das Arbeitsgedächtnis und blockieren Mechanismen der selektiven Aufmerksamkeit und weiterer zielgerichteter kognitiver Prozesse (19). Besonders Angst ist ein Gefühl, das kognitive Prozesse intensiv stören kann. Angst lähmt. Aber auch andere ablenkende Emotionen wie beispielsweise intensive Freude und Verliebtheit unterbrechen kognitive Kontrollfähigkeiten und Prozesse des Arbeitsgedächtnisses. Liebe macht blind. Besonders Stress hat einen sehr negativen Einfluss auf die Effektivität des Arbeitsgedächtnisses. Stress verändert außerdem den Catecholamin-Haushalt im präfrontalen Cortex derart, dass es zu strukturellen und funktionellen Beeinträchtigungen kommt. Stimmungen, also vorübergehende emotionale Zustände, können ähnlich gefärbte Gedanken und Handlungen fördern (20). Ist man in einer ganz bestimmten Stimmung, fallen einem eher die zu dieser Stimmung passenden Reize auf, und verschiedene Reize werden auch vor dem Hintergrund dieser Stimmung interpretiert. Jeder hat mal eine „rosarote Brille“ auf. ​ Es gibt also zahlreiche Hinweise darauf, dass emotionale Prozesse einen großen Einfluss auf kognitive Prozesse haben können. Umgekehrt können auch kognitive Prozesse unsere Emotionen verändern. Unsere grundsätzliche Emotionsregulation findet über zwei Strategien statt: mit Hilfe von impliziten Mechanismen, die unabsichtlich, scheinbar mühelos und nahezu unbewusst ablaufen, und mit Hilfe von expliziten Strategien, die willentlich gesteuert werden und eines gewissen Maßes an anstrengender Kontrolle bedürfen. Angstvermeidungsstrategien zählen zur letztgenannten Kategorie. Wenn man weiß, dass man Angst vor Spinnen hat, vermeidet man, Spinnen anzusehen, um das Gefühl der Angst zu vermeiden. Auch die umgebende Situation, besonders das aktuelle soziokulturelle Umfeld, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, ob und wie intensiv man in einem bestimmten Augenblick seine Emotionen reguliert. Angesichts eines abstoßenden Reizes kann man versuchen, sich abzulenken, um diesem Reiz auszuweichen, oder aber es herrscht ein Gruppendruck vor, der einen dazu veranlasst, sich „zusammenzureißen“ (21). ​ Nicht zuletzt beeinflusst auch der Inhalt unseres Arbeitsgedächtnisses, also unsere aktuellen Gedanken, unsere aktuellen Gefühle. Denk an was Schönes! Dann geht´s Dir auch schnell wieder besser. Der dorsolaterale präfrontale Cortex gilt als eine wichtige Zentrale für Denk- und andere höhere kognitive Prozesse. Inzwischen liegen deutliche Hinweise dafür vor, dass dieses Areal auch eine Schlüsselrolle in der Emotionskontrolle und im Motivationsverhalten einnimmt. Unter anderem schützt er das Arbeitsgedächtnis vor emotionalen Ablenkungen. Der rechte dorsolaterale präfrontale Cortex ist für moralische Entscheidungsfindungen offenbar unverzichtbar, wie kürzlich entdeckt wurde (22). Hier werden emotionale Informationen, die für eine moralische Entscheidung nötig sind, prozessiert. Emotionale und kognitive Prozesse werden auch in einer weiteren Region, im mittleren cingulären Cortex, integriert, und zwar besonders in Konfliktsituationen. ​ Eine dritte Hirnregion ist die anteriore Insula. Auch hier finden, wie fMRT-Studien ergeben haben, integrative Prozesse statt. Dass kognitive und emotionale Prozesse aufeinander einwirken und sich gegenseitig beeinflussen, scheint aus evolutionsbiologischer Sicht eine logische Konsequenz (23). Das emotionale System, das Schaltkreise um die Amygdala und das ventrale Striatum enthält, ist durch unsere phylogenetische Geschichte genetisch programmiert. Das kognitive System, das unter anderem frontoparietale Netzwerke enthält, wird von unserer ontogenetischen Geschichte programmiert. Beide informationsverarbeitenden Netzwerke müssen zwangsläufig kooperieren, da sie unterschiedliche Inhalte enthalten und verarbeiten. So sind der präfrontale Cortex und die Amygdala über ein komplexes Netzwerk miteinander verbunden, in das auch andere corticale Regionen und der Thalamus miteinbezogen sind. Es ist daher völlig sinnlos, wenn Entscheidungsträger versuchen, jegliche Emotionalität zu reduzieren und Rationalität zum Maß aller Dinge zu machen. Denn Emotionalität wird von unserem Gehirn ständig generiert und verarbeitet, und andererseits trennt unser Gehirn die beiden informationsverarbeitenden Systeme nicht, sondern im Gegenteil, es verbindet sie. ​ Zusammenfassende Übersicht: ​ 1. Kognition: Jede Sinneswahrnehmung ist das Resultat neurobiologischer Konstruktionsprozesse. Unterschiedliche Qualitäten werden aus gleichartigen Quantitäten konstruiert. Auch Verstehen basiert auf individuellen Konstruktionsprozessen. Was eine Erklärung ist, was Sinn macht, was verstanden wird, bestimmt ausschließlich der Hörer, niemals der Sprecher. Kommunikation ist ein sozialer Prozess, durch den gemeinsame Wirklichkeiten, Denkstrukturen und Handlungskonzepte geschaffen werden. 2. Emotion: Das limbische System ist ein ständig und schnell arbeitendes Bewertungssystem, das größtenteils unbewusste Prozesse beinhaltet. Motivation ist, etwas zu Wollen. Zu den allgemeinen Grundbedürfnissen zählen das Erreichen erstrebenswerter Ziele sowie viele soziale Wünsche wie Gruppenzugehörigkeit, Selbstwertgefühl und Gerechtigkeit. Führen und Folgen ist ein evolutionsbiologisch sehr altes Überlebenskonzept. Unser „social brain“ initiiert kooperative Verhaltensweisen, die Machtmissbrauch nicht dulden. 3. Interaktion Emotionen beeinflussen kognitive Prozesse. Angst und Stress beeinträchtigen die kognitive Kontrollfähigkeit und Stimmungen „färben“ Denkprozesse. Kognitive Prozesse beeinflussen Emotionen. Reize, die negative Gefühle auslösen, werden bewusst gemieden. Aktuelle Gedanken „färben“ aktuelle Stimmungen. ​ 7. Erfolgreiche Führungsstrategien ​​ Abschließend werden nun aus den neurobiologischen Daten Strategien entwickelt, die in die vier anfangs beschriebenen Grundsituationen Müssen, Können, Wollen und Dürfen eingepasst werden. Da jeder Vorgesetzte in der nächsthöheren Hierarchieebene die Position eines Mitarbeiters einnimmt, werden die Strategien aus beiden Blickwinkeln formuliert. ​ 1. Strategien für das „Müssen“ Rolle des Vorgesetzten: Machen Sie erst sich und dann Ihren Mitarbeitern deutlich, was undiskutierbar vorgegeben ist, und was modifiziert werden darf. Vergewissern Sie sich, dass Ihre Mitarbeiter die Unterscheidungskriterien nachvollziehen können. Fragen Sie nach! Begründen und erklären Sie die unveränderbaren Vorgaben. Allerdings nicht in Form eines Monologs, sondern in Form eines Gesprächs. Nur dann erfahren Sie, ob Ihre Formulierungen so verstanden wurden, wie Sie es beabsichtigt haben. Was Ihren Mitarbeitern nicht „richtig“ erklärt wird, erklären sie sich selbst. Und mit einer beeindruckenden Zielsicherheit wird dann fast immer eine vollkommen andere Erklärung gefunden. Seien Sie sich über Ihre eigene Einstellung zur Sinnhaftigkeit der Vorgaben im Klaren. Stehen Sie hinter den Forderungen oder nicht? Falls nicht, ergeben sich für Sie mehrere Möglichkeiten: Haben Sie den Freiraum, diese Vorgaben eigenständig zu verändern? Falls nicht, versuchen Sie, Ihren Vorgesetzten von einer Änderung zu überzeugen. Falls auch dies nicht gelingt, müssen Sie Ihre Einstellung zu den Forderungen ändern. Sie können von Ihren Mitarbeitern nichts erwarten, was Sie nicht selbst in der Lage sind zu leisten. Vorgesetzte höherer Ebenen kennen häufig das tägliche Arbeitsumfeld ihrer Untergebenen nicht, was sie aber nicht daran hindert, mittels Strategievorgaben regulierend in diese Abläufe einzugreifen. Derartige Interventionen haben zur Folge, dass Mitarbeiter sich bevormundet und fremdbestimmt fühlen. Vermeiden Sie daher sowohl eine Koppelung als auch eine Vermischung des Was und des Wie. Lassen Sie so weit wie möglich zu, dass Ihre Mitarbeiter die zu ihnen und zur Situation passenden Mittel und Wege zur Zielerreichung selbst wählen dürfen. Rolle des Mitarbeiters: Erkundigen Sie sich über das, was konkret von Ihnen gefordert und erwartet wird und informieren Sie sich über den Variationsspielraum der Vorgaben: Was muss? Was sollte? Was kann? Seien Sie sich über Ihre eigene Einstellung zur Sinnhaftigkeit der Vorgaben im Klaren. Stehen Sie hinter den Forderungen oder nicht? Falls nicht, ergeben sich für Sie zwei Möglichkeiten: Versuchen Sie, Ihren Vorgesetzten von einer Änderung zu überzeugen, oder ändern Sie Ihre Einstellung zu den Forderungen. Besprechen Sie mit Ihrem Abteilungsleiter, wie Sie diese Ziele zu erreichen gedenken. Falls Ihnen jedoch zusammen mit dem Ziel gleichzeitig auch die Strategie vorgegeben wird, bedenken Sie beides separat. Ein noch so erstrebenswertes Ziel kann nicht erreicht werden, wenn man die Methodik ablehnt. Lassen Sie sich erklären, warum diese Vorgehensweise von Ihnen erwartet wird. Können Sie sich weder mit dem vorgegebenen Was noch mit dem Wie anfreunden, und können Sie diese Einstellung genau begründen und sinnvollere Alternativen erklären, gibt es noch die mutige Variante des „charmanten Ungehorsams“. 2. Strategien für das „Können“ Rolle des Vorgesetzten: Fähigkeiten lassen sich nicht an Aussagen, sondern nur an Handlungen bewerten. Beobachten Sie daher die Tätigkeiten Ihrer Mitarbeiter, bis Sie ihre Kompetenzen sicher einschätzen können. Da eine Beförderung in den meisten Fällen auch gleichzeitig ein Wechsel von Kompetenzbereichen bedeutet, darf keineswegs davon ausgegangen werden, dass der zu befördernde Mitarbeiter in seinem neuen Arbeitsbereich ebenso gut sein wird wie er in seinem alten Bereich war. Achten Sie darauf, ob ihre Mitarbeiter die Grenzen ihrer Fähigkeiten erkennen, und wie sie auf das eigene Nicht-Können reagieren. Derartige Beobachtungen lassen wichtige Rückschlüsse auf das Selbstbild ihrer Mitarbeiter zu, besonders in Hinblick auf die Selbsteinschätzung und auf die Fähigkeit zur Emotionsregulation. Ermöglichen Sie Kooperationen unter Ihren Mitarbeitern. Gegenseitige Hilfestellungen stärken das Gruppengefühl und somit das Leistungsniveau Ihrer Abteilung. Erwarten oder erbitten Mitarbeiter Ihre Unterstützung, fällen Sie die notwendigen Entscheidungen schnell. Jemand, der lange auf eine Entscheidung warten muss, beginnt zwangsläufig, die Kompetenzen des Vorgesetzten in Frage zu stellen. Und: keine Kompetenz – kein Respekt! Reagieren Sie auf Schwächen und Fehler. Es ist zwar wichtig, das Selbstwertgefühl eines Mitarbeiters zu achten, aber ebenso wichtig ist es, die Ursachen nicht erbrachter Leistung zu identifizieren. Manchmal erfordern derartige Gespräche Mut. Seien Sie mutig genug, notfalls personelle Umbesetzungen vorzunehmen. Bedenken Sie aber auch, dass Unterforderung denselben Effekt haben kann wie Überforderung. Rolle des Mitarbeiters: Seien Sie bei der Beurteilung Ihrer Kompetenzen sehr selbstkritisch. Geben Sie ehrlich an, was Sie können und wobei Sie Hilfe benötigen. Falls Bedarf besteht, scheuen Sie sich nicht, nach Weiterbildungsangeboten zu fragen. Beobachten Sie Ihre Kollegen, um ihnen gegebenenfalls Ihre Hilfe anzubieten. Versuchen Sie, Probleme zunächst innerhalb des Kollegiums zu lösen, ehe Sie Ihren Vorgesetzten kontaktieren. Man muss nicht jeden Fehler sofort jedem gegenüber zugeben – man muss sich jedoch jeden Fehler selbst eingestehen können. Verdrängen Sie Fehler nicht, lernen Sie daraus! Sollten Sie feststellen oder darauf angesprochen werden, dass Ihr Leistungsniveau zu niedrig und Ihre Fehlerrate zu hoch ist, kann dies an Über- oder an Unterforderung liegen, oder aber daran, dass Sie einfach die falsche Person an der falschen Stelle sind. Seien Sie mutig genug, die für Sie richtigen Konsequenzen zu ziehen! 3. Strategien für das „Wollen“ Rolle des Vorgesetzten: Ehe Sie sich Gedanken über die Motivation Ihrer Mitarbeiter machen, sollten Sie sich Klarheit über Ihre eigene Motivation schaffen. Kaum etwas ist ansteckender als Unlust, Desinteresse und Gleichgültigkeit. Man kann nicht etwas wollen, das man nicht versteht. Erklären Sie Ihren Mitarbeitern daher genau, um was es geht. Und begründen Sie, warum dies ein erstrebenswertes Ziel ist. Unterschätzen Sie aber niemals die Kraft der Intuition: Ihre Mitarbeiter merken sofort, ob ihr Vorgesetzter lediglich einen Text zitiert, oder ob er selbst von dem überzeugt ist, was er gerade sagt! Jährliche Personalgespräche sind häufig eine Farce, da sie keine Gespräche sind. Kaum etwas wirkt so demotivierend wie das Gefühl, bevormundet und nicht ernst genommen zu werden. Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern, hören Sie Ihnen zu, zeigen Sie Respekt, und fordern Sie Begründungen und Erklärungen ein. Motivation kann man nicht auf Knopfdruck hervorbringen. Der Wunsch, etwas zu wollen, entsteht in jedem selbst. Motivation kann man jedoch forcieren, indem man Menschen dazu bringt, von sich aus das zu wollen, was andere von ihnen erwarten. Dafür sollten Sie als Vorgesetzter folgende Aspekte beachten: Ziele müssen erreichbar sein, aber nicht zu leicht. Belohnungen welcher Art auch immer müssen sozial gerecht sein. Setzen Sie Lob, aber auch Tadel ein. Sie haben ein Gesicht, Sie können also auch Lächeln! Schaffen Sie ein größtmögliches Maß an Transparenz, denn Ehrlichkeit schafft Vertrauen. Begleiten Sie, aber kontrollieren Sie nicht. Schaffen Sie ein kooperatives Wir-Gefühl, aber seien Sie nicht Kumpel, seien Sie Chef. Rolle des Mitarbeiters: Wenn Sie unzufrieden oder lustlos sind, suchen Sie nach den Ursachen. Niemand außer Ihnen selbst kann die Gründe dafür finden. Sie werden vielleicht darüber überrascht sein, vieviele der demotivierenden Faktoren verändert werden können. Vorausgesetzt, Sie sprechen darüber! Seien Sie sich darüber im Klaren, dass es hin und wieder Dinge gibt, die einfach gemacht werden müssen – wie auch außerhalb des Berufslebens. Wer putzt schon gerne Fenster?! Seien Sie mutig genug, den Versuch zu unternehmen, Dinge zu verändern. Begründen Sie möglichst genau, was sie wollen und was sie nicht wollen. Tauschen Sie sich mit Ihren Kollegen aus. Auch wenn man häufig gegenteiliges hört und liest: Ihr Chef ist nicht für Ihre Motivation zuständig – die entsteht nämlich in Ihrem eigenen Kopf, und da hat Ihr Chef nichts verloren! Ihr Chef ist jedoch dafür zuständig, ein demotivierendes Umfeld zu verhindern. Den Rest müssen Sie machen! 4. Strategien für das „Dürfen“ Rolle des Vorgesetzten: Selbständig handeln und entscheiden zu dürfen wird von den meisten Menschen als ein stark motivierendes Privileg empfunden. Setzen Sie Ihren Mitarbeitern daher soviele Regeln vor wie nötig, und übertragen Sie ihnen soviel Eigenverantwortung wie möglich. Lassen Sie Fehler zu. Aus eigenen Erfahrungen lernt jeder am besten. Fehler lassen sich nicht immer vermeiden, aber man kann und muss immer aus ihnen lernen. Beobachten Sie, ob die gewährten Freiräume missbraucht werden und greifen Sie ein, wenn Sie den Eindruck haben, dass einer Ihrer Mitarbeiter Freiheit mit Willkürlichkeit verwechselt. Stellen Sie sicher, dass Ihre Mitarbeiter verstehen, dass Freiheit letztlich ein Synonym für Eigenverantwortlichkeit ist, nicht für Beliebigkeit. Freiheit bedeutet, sich freiwillig an etwas zu binden. Die Voraussetzung dafür ist ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein. Wählen Sie sorgfältig aus, wem Sie dieses Privileg erteilen, und wem Sie es wieder entziehen müssen. Rolle des Mitarbeiters: Den Wunsch, frei entscheiden und handeln zu dürfen, hat jeder. Man muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass sich dieser Wunsch nicht in allen Lebenslagen und auch nicht in allen Dimensionsgrößen erfüllen lässt. Vergessen Sie nicht: Auch Ihr Chef kann nicht völlig frei handeln und entscheiden! Versuchen Sie daher, mit Ihrem Vorgesetzten einen Kompromiss zu erarbeiten. Begründen Sie, warum Sie der Ansicht sind, mehr Freiheiten zu brauchen. Wenn ein Vorgesetzter einem Mitarbeiter einen Handlungsspielraum einräumt, ist dies ein Vertrauensbeweis an den betreffenden Mitarbeiter. Beweisen Sie also Ihrem Vorgesetzten, dass Sie dieses Vertrauen verdienen. Sind Sie tatsächlich so zuverlässig wie Sie glauben zu sein? Sind Sie tatsächlich so kompetent wie Sie glauben zu sein? Seien Sie mutig genug, sich bei Ihrem Vorgesetzten für mehr Freiheiten einzusetzen. Fordern Sie die Begründungen für seine Entscheidungen ein – sowohl bei positivem als auch bei negativem Ausgang. Sie sollten in Erfahrung bringen, was andere Ihnen zutrauen, und warum sie dies tun. Das Bild, das man von sich selbst hat, ist nämlich niemals völlig deckungsgleich mit dem Bild, das andere von einem haben. „Chef-sein“ ist eine Position, „Führen“ ist eine Aufgabe! Die wichtigsten Hilfsmittel sind Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit, Respekt und, nicht zuletzt, Intelligenz und Mut. Setzen Sie diese Mittel mit Bedacht ein, denn sie haben eine große Wirkung – eine soziale!

  • Kommunikation - chaotisch oder kompetent

    Die Neurobiologie erklärt nicht nur, warum dieser soziale Prozess in der Praxis scheitert, sondern sie beschreibt auch, wie erfolgreiche Kommunikation gelingen kann. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Was bedeutet „Kommunikation“? 3. Das allgemeine Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver 4. Die Konstruktion von Sinn, Bedeutung und Verstehen 5. Sprache und Texte als Kommunikationsmittel 6. Einander Verstehen mittels Spiegelneuronen und Phasensynchronisation 7. Der Präfrontalcortex und die triadische soziale Interaktion 8. Wie das Arbeitsgedächtnis funktioniert 9. Wie Emotionen das Gedächtnis beeinflussen 10. Gedächtnisinhalte werden verändert 11. Zusammenfassung Kommunikation - chaotisch oder kompetent Die Neurobiologie erklärt nicht nur, warum dieser soziale Prozess in der Praxis scheitert, sondern sie beschreibt auch, wie erfolgreiche Kommunikation gelingen kann. ​ 1. Vorwort ​ Dieser von allen ständig angewandte, soziale Prozess gelingt in Alltagssituationen in aller Regel recht zufriedenstellend. In beruflichen, besonders in kritischen Situationen jedoch misslingt er in überraschend vielen Fällen. Beachtet man die zugrunde liegenden neuropsychologischen Mechanismen, kann Kommunikation auch in den schwierigsten Situationen gelingen. Kommunikation ist für jeden einzelnen Menschen und für das Zusammenleben einer Gruppe von Menschen unverzichtbar, denn Kommunikation stabilisiert eine Gemeinschaft, hilft Probleme darzustellen, Lösungen zu finden, Emotionen und Ideen mitzuteilen, Konflikte aufzulösen, Überzeugungen aufzubauen oder zu korrigieren und vieles andere mehr. ​ Seit vielen Jahrzehnten werden verschiedene Aspekte der Kommunikation aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Blickwinkeln erforscht, und man stellt fest, dass es sich dabei um einen überraschend komplexen Prozess handelt. Man kann zwar einzelne Abläufe und Vorgänge untersuchen, aber erst das Zusammenspiel aller Komponenten ergibt das, was wir Kommunikation nennen. Aus diesem Grund wird im Folgenden zunächst über verschiedenartige wissenschaftliche Forschungsresultate berichtet, und erst am Ende werden die vielen losen Enden zusammengeknüpft und aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen praktische Handlungsvorschläge abgeleitet. ​ 2. Was bedeutet "Kommunikation"? ​​ ​Kommunikation und kommunizieren zählen vermutlich zu den Begriffen, die am häufigsten sowohl missverstanden als auch missbraucht werden. Jeder hört und benutzt diese Worte, und die meisten glauben auch genau zu wissen, was diese Termini bedeuten. Doch meinen nicht alle Dasselbe, und häufig genug meinen sie auch etwas völlig Falsches. So entsteht bereits auf der rein begrifflichen Ebene ein nicht unerhebliches Konfliktpotential, das zwangsläufig zu Fehlschlägen und Missverständnissen führt. ​ Der Ursprung des Begriffs Kommunikation liegt im lateinischen Wort communicare, was soviel bedeutet wie gemeinsam machen, mitteilen. Grundsätzlich ist Kommunikation also der soziale Prozess des einander Mitteilens. Mitteilen enthält zwei deutlich voneinander zu unterscheidende Aspekte, nämlich Inhalt und Form, also das Was? und das Wie? Dadurch, dass man sich einander etwas mitteilt, werden auf beiden Seiten geistige – und somit auch neurophysiologische – Prozesse verändert. Der Erfolg einer Kommunikation lässt sich daran bemessen, wie gut man einander verstanden hat, also wie ähnlich die geistigen und neurophysiologischen Prozesse bei den Kommunikationsteilnehmern verlaufen. Und genau an dieser Stelle scheitern viele Ereignisse, die man dann fälschlicher Weise mit Sätzen wie diesem kommentiert: Aber das wurde doch kommuniziert! Eine solche Einstellung basiert auf einer falschen Vorstellung davon, was Kommunikation tatsächlich ist. Die Hauptquelle dieser Fehlinterpretation ist in einem Erklärungsmodell zu finden, das zwar weit verbreitet, aber nicht korrekt ist. Dieses Modell wollen wir uns im folgenden Kapitel genauer anschauen. ​ 3. Das allgemeine Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver ​ Die Vorstellung davon, wie Kommunikation funktioniert, wird in der Öffentlichkeit und in den Medien noch immer sehr stark von einem Modell geprägt, das in den 1940er Jahren entwickelt wurde: dem allgemeinen Kommunikationsmodell von Claude Shannon und Warren Weaver(1). Dieses Modell wurde jedoch schon kurz nach seiner Veröffentlichung missverstanden und fehlinterpretiert. Es ist nämlich kein psychologisches Modell für einen Informationsaustausch, sondern es ist die Darstellung einer mathematisch-technischen Theorie zur Signalübertragung. Da die Darstellung von Shannon und Weaver jedoch sehr dazu verleitet, sich den Prozess der Kommunikation ebenso vorzustellen wie einen technischen Signaltransport, wurden die technischen Begrifflichkeiten und letztlich das gesamte Modell zur Metapher für geistig-psychologische Abläufe: Bei Kommunikationsprozessen werden Informationen über einen Kanal von einem Sender auf einen Empfänger übertragen, und anschließend verfügen beide über dieselben Informationen. In diesem Zusammenhang werden auch häufig die Begriffe codieren und decodieren verwendet; gemeint ist damit, dass der Sender seine Nachricht zunächst codiert, eher er sie versendet, und dass der Empfänger die erhaltene Nachricht erst decodieren muss, ehe er ihren Inhalt verstehen kann. Dieses mechanistische Kommunikationsmodell mag noch so verlockend sein, es ist aber weder aus neurobiologischer noch aus kognitionspsychologischer Sicht in irgendeiner Weise haltbar, denn es enthält mehrere Fehler und Schwachstellen. ​ Ein gravierender Fehler liegt in der Annahme, dass die beiden Gehirne des Senders und des Empfängers über einen wie auch immer gearteten Kanal miteinander verbunden sind, durch den man Informationen leiten kann. Gehirne sind jedoch autonom arbeitende Systeme, die ausschließlich interne Signale in Form von Aktionspotentialen miteinander verrechnen. Sie haben keinen direkten Kontakt nach außen, sondern sie erhalten lediglich Nervenimpulse, die von Sinnesorganen, von verschiedenen Rezeptorzellen und von anderen Neuronen produziert werden. ​ Das mechanistische Modell ignoriert bestimmte soziologische und psychologische Faktoren, die einen großen Einfluss auf Kommunikationsprozesse haben(2): Sender und Empfänger sind keine Maschinen, sondern sie denken und fühlen, sie haben unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen. Kommunikation ist kein gerichteter, sondern ein interaktiver Prozess, an dem sowohl der Sender als auch der Empfänger gleichermaßen teilnehmen. Neben der inhaltlichen Ebene hat jede Kommunikation auch eine Ebene der Beziehung; die Art der Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern kann den Verlauf und den Erfolg einer Kommunikation stark beeinflussen. ​ Eine weitere Fehlerquelle liegt in der ungenauen Abgrenzung und der unklaren Definition bestimmter Begriffe. Nach diesem Kommunikationsmodell wird eine Nachricht in bestimmte Signale encodiert, die Signale werden weitergeleitet, am Ziel wieder in eine Nachricht decodiert und als letzter Teilprozess wird der Inhalt der Nachricht verstanden. In dem technischen Modell von Shannon und Weaver ist mit dem Begriff Signal ein Stromsignal, ein Spannungsmuster des elektrischen Stroms in einer Leitung gemeint. Elektronen können von einem Ort zu einem anderen fließen, aber diese Vorstellung lässt sich nicht auf neuropsychologische Prozesse übertragen. Auch innerhalb des Nervensystems eines Menschen werden Signale transportiert – Nervensignale, also Aktionspotentiale. Doch diese bewegen sich ausschließlich innerhalb eines Menschen, und nicht zwischen zwei Menschen. Ebenso lassen sich die Begriffe Encodieren und Decodieren nicht auf neuropsychologische Prozesse übertragen, denn Abläufe, deren Bezeichnung nach einer Hin- und Rückübersetzung eines Morsealphabets klingen, existieren in der Hirnforschung nicht. ​ Aus einer rein neurophysiologischen Sichtweise können bei einer Kommunikation Informationen nicht so transportiert werden, wie es im technischen Modell beschrieben ist. Stattdessen werden Möglichkeiten geschaffen, anlassbezogene Informationen individuell zu generieren. Nachrichten sind keine Objekte, die man weiterreichen kann, sondern Nachrichten sind das Resultat dessen, was mein Gehirn aus bestimmten Reizen, aus bestimmten einlaufenden Aktionspotentialen konstruiert. Bezieht man auch die soziale Ebene mit ein, kann man einen Kommunikationsprozess in drei Teilbereiche untergliedern(3): erstens die Herstellung einer Beziehung zwischen den potentiellen Kommunikationsteilnehmern, zweitens die bereits erwähnte anlassbezogene Produktion von Informationen, und drittens bestimmte Handlungen als Folge des Kommunikationsprozesses. Da Kommunikation unweigerlich mit dem Prozess des Verstehens zusammenhängt, und Verstehen wiederum mit Sinngebung und Bedeutungszuweisungen verknüpft ist, betrachten wir zunächst diese drei Begriffe von einer neurophysiologischen Perspektive aus. ​ ​ 4. Die Konstruktion von Sinn, Bedeutung und Verstehen ​​ ​Im Alltagsverständnis sind Sinn und Bedeutung charakteristische Eigenschaften, die Objekte, Aussagen oder Wahrnehmungen einfach haben, so wie Spielfiguren eine bestimmte Farbe, Form und Größe haben. Den Sinn und die Bedeutung von was auch immer muss man nur richtig erkennen. Ganz einfach. Und wenn man den Sinn von etwas nicht erkennt, dann war es entweder eh nicht wichtig, oder es wurde schlecht erklärt oder schlecht präsentiert, oder aber man war einfach nur zu dumm. Was bestimmte Dinge bedeuten, kann man ja lernen. So wie man in der Grundschule lernt, was die seltsamen Zeichen bedeuten, die man Buchstaben und Zahlen nennt. Und wenn man das alles gelernt hat, dann versteht man den Sinn und die Bedeutung von Texten oder von Rechenaufgaben auch richtig. Dies sind die allgemeinen Interpretationen der Begriffe Sinn, Bedeutung und Verstehen – aber diese Interpretationen stimmen nicht. ​ Der neurobiologische Konstruktivismus beschreibt jede Form der Wahrnehmung als das Resultat von Konstruktionsprozessen. In das Gehirn laufen nämlich keine Informationen über Licht, Geräusche, Temperatur oder Geschmack ein, sondern immer und ausschließlich Aktionspotentiale. Egal an welcher Stelle unseres Nervensystems man elektrische Ableitungen machen würde, man könnte niemals erkennen, welche „Information“ gerade in dieser speziellen Nervenzelle geleitet wird. Eine Vielzahl von parallelen und vernetzten neuronalen Prozessen konstruiert aus diesen Nervensignalen bestimmte Wahrnehmungen – oder anders formuliert: Aus Quantitäten von Aktionspotentialen werden Qualitäten von Wahrnehmungen konstruiert. Wenn beispielsweise Schallwellen auf die Rezeptorzellen des Ohres oder wenn Lichtwellen auf die Rezeptorzellen des Auges treffen, werden diese unterschiedlichen physikalischen Reize in gleichartige Aktionspotentiale umgewandelt und über verschiedene Relaisstationen zu bestimmten Hirnarealen geleitet. Bei dem Übersetzungsprozess von einem Reiz zu einem Aktionspotential geht das Original, also die Qualität und Quantität des auslösenden Reizes, unwiederbringlich verloren. Was bleibt, sind lediglich Quantitäten von Nervenimpulsen. ​ Man erkennt bereits an dieser Stelle, dass es also unmöglich ist, eine Information einfach so von einem Menschen zu einem anderen Menschen zu verschicken, und davon auszugehen, dass die Botschaft angekommen ist – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Da bereits die basalen Sinneswahrnehmungen wie Hören und Sehen auf Konstruktionsprozessen beruhen, müssen die nachgeschalteten kognitiven Prozesse logischer Weise auch auf Konstruktionen beruhen. Kognitive Prozesse sind daher Konstruktionen von Konstruktionen. ​ Was wir sehen und was wir hören interpretieren wir immer auf der Basis dessen, was wir kennen, denn jede Wahrnehmung wird immer mit dem Inhalt unseres Gedächtnisses verglichen. Die Entstehung von Sinn und die Zuweisung einer Bedeutung sind daher interne, subjektive Prozesse. Ob mir das, was ich höre, sinnvoll erscheint, entscheidet nicht der Redende, sondern allein mein Gehirn. Ob das, was ich sehe oder höre, für mich eine Bedeutung hat, entscheidet allein mein Gehirn in Zusammenarbeit mit meinem Gedächtnisinhalt. Chinesische Schriftzeichen können wir zwar sehen und einem Vortrag über Regulationsmuster der Genexpression zuhören, aber in den meisten Gehirnen wird aus den einlaufenden Signalen kein Sinn und somit auch kein Verstehen generiert werden. ​ Viele Bedeutungen sind kulturell vorgegeben und müssen von jedem Menschen im Laufe seiner Sozialisation erlernt werden. Wir lernen die Bedeutung von Zahlen, Buchstaben, Verkehrssymbolen, Geldscheinen und –münzen, die Bedeutung bestimmter Gebäude und Ämter, die Bedeutung einer Krone und die eines Hirtenstabs, die Bedeutung chemischer Symbole und vieles mehr. Und da wir auch lernen, wie man logisch denkt, wie man korrekt analysiert und sauber interpretiert, ist in manchen Bereichen auch die Art und Weise der Sinngebung zum Teil kulturell vorgegeben. Die Vereinheitlichung und Tradierung bestimmter kognitive Prozesse trägt sehr stark zur Stabilisierung einer sozialen Gemeinschaft bei. Dennoch handelt es sich dabei um autonome, individuelle und subjektive Prozesse, die in voneinander isolierten Gehirnen ablaufen. ​ Der Prozess des Verstehens hat daher auch zwei Ebenen, nämlich eine individuelle und eine soziale. Zum einen ist Verstehen ein individueller kognitiver Prozess, bei dem ein Gehirn und sein Bewusstsein einer bestimmten Wahrnehmung eine sinnvolle Deutung zuordnen kann, und zum anderen ist Verstehen die Erfüllung einer Erwartung. Der Redende fühlt sich dann verstanden, wenn der Zuhörende ein Verhalten zeigt, das der Redende vom Zuhörer als Folge des Gesagten erwartet. Vermutlich fühlen sich daher auch viele Mathematiklehrer chronisch unverstanden, wenn ihre Schülerinnen und Schüler die Aufgaben zur Integral- und Differentialrechnung auch nach der dritten Erklärung noch immer nicht lösen können. Der Lehrer denkt, er hätte den Schülern alles erklärt, aber dennoch können sie seine Erwartung nicht erfüllen und machen noch immer Fehler. Da der Prozess des Verstehens immer nur im Gehirn des Zuhörenden stattfindet, und der Sprechende keinen Einblick in die zuhörenden Gehirne hat, kann der Sprechende nur über das Verhalten seiner Zuhörer erkennen, ob sie ihn verstanden haben oder nicht. Aber stattdessen werden von den Kommunikationsteilnehmern zahlreiche Phrasen verwendet: Wissen Sie, was ich meine? / Wie meinen Sie das? Haben Sie mich verstanden? / Habe ich Sie richtig verstanden? Das habe ich so aber nicht gesagt! / Das haben Sie aber so gesagt! Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt? / Könnten Sie das deutlicher formulieren? Vor diesem Hintergrund wirkt eine Formulierung ganz besonders komisch – wenn auch unfreiwillig, nämlich: Haben wir uns verstanden? Selbst wenn beide Seiten diese Frage mit Ja beantworten, weiß dennoch niemand, ob dem tatsächlich so ist. ​ ​ 5. Sprache und Texte als Kommunikationsmittel ​ Jegliche Kommunikation, also jeder Prozess des einander Mitteilens, ist an optische, akustische oder andere Kommunikationsmittel gebunden, die über Sinnesrezeptoren aufgenommen werden und dann individuelle, situationsbezogene Sinnkonstruktionen auslösen können. Führt man diesen Gedanken konsequent weiter, kommt man zu dem Schluss, dass über Sprache und Texte also keine Gedanken und Informationen mitgeteilt werden, sondern dass durch Sprache und Texte elektrophysiologische Impulse ausgelöst werden. Sprache und Texte erhalten ihre Bedeutung erst durch die kognitiven Leistungen der Zuhörenden und Lesenden. Diese Prozesse laufen jedoch nicht isoliert ab, sondern sie sind immer an die aktuelle soziokulturelle Situation des Individuums gekoppelt. Das bedeutet, dass die Generierung von Sinn und Bedeutung immer in Zusammenhang mit der eigenen Situation und mit der eigenen Biographie steht. ​ Mit Hilfe der neurobiologischen Konstruktionstheorie lässt sich auch gut erklären, warum Laien und Spezialisten ein und denselben Text auch völlig unterschiedlich bewerten und verstehen, warum Kunstwerke wie Bilder, Statuen oder Kompositionen im Verlauf der Zeit unterschiedlich interpretiert werden, und warum man auf einmal ein Buch versteht, dass man vor Jahren überhaupt nicht verstanden hat. In Zusammenhang mit dem Thema Kommunikation ist es daher wichtig zu wissen, dass Formulierungen, Redewendungen, Dialektausdrücke und Fachbegriffe nur selten exakt so verstanden werden wie sie vom Redenden gemeint sind. Ganz besonders dann nicht, wenn die Unterschiede zwischen dem Redendem und den Hörenden zu groß sind – hinsichtlich Alter, Herkunft, Ausbildung, Lebenserfahrung, Stellung, Sprache und so weiter. ​ Hinzu kommt, dass Sprache grundsätzlich mehrdeutig ist, dass man sprachliche Kommunikation daher auch nicht als reine Informationsaufnahme betrachten kann. Das Verstehen von Sprache ist die Auflösung ihrer Mehrdeutigkeit durch den Zuhörenden. Die Eigenschaft der sogenannten sprachlichen Multistabilität bildet die Grundlage für Missverständnisse, aber auch für Ironie und Witz – zwei Beispiele: ​ Ein Dieb ist im Haus. Plötzlich hört er: „Ich sehe dich, und Jesus sieht dich auch!“ Der Dieb bemerkt den sprechenden Papagei und ist erleichtert. „Wie heißt du denn?“ fragt der Dieb. „Elfriede.“ „Das ist aber ein blöder Name für einen Papagei!“ „Na und?“, meint der Papagei, „Jesus ist auch ein blöder Name für einen Rottweiler!“ ​ Was ist der Unterschied zwischen „Jurassic Park“ und Microsoft? – Bei dem einen macht ein verrückter Geschäftsmann mit eigentlich ausgestorbenen Biestern ein Vermögen, und das andere ist ein Film von Steven Spielberg. ​ Auch wenn die kognitiven Prozesse der Sinngebung und Bedeutungsgenerierung individuelle, autonome Prozesse sind, so sind sie dennoch nicht wahllos, beliebig oder willkürlich. Für die Stabilität einer sozialen Gemeinschaft wäre es ausgesprochen katastrophal, wenn die Denkstrukturen und Verhaltensmuster der Mitmenschen überhaupt nicht nachvollziehbar oder vorhersehbar wären. Dass wir gesprochenen und geschriebenen Worten zwar durch völlig autonome Prozesse einen Sinn geben, aber in den meisten Fällen dennoch zu nicht vollkommen unterschiedlichen Resultaten kommen, hat zwei grundverschiedene Ursachen, nämlich eine soziologische und eine biologische. Die soziologische Ursache besteht darin, dass im Verlauf der Sozialisation die individuellen Konstruktionen mit anderen Menschen abgeglichen und durch bestimmte soziale Institutionen wie Schulen, Berufsgruppen oder Familien vereinheitlicht und organisiert werden. Die biologische Ursache dafür, dass individuelle Konstruktionen nicht völlig unterschiedlich ausfallen, liegt in dem gemeinsamen Grundbauplan unserer Gehirne, der das Resultat einer langen gemeinsamen Evolution darstellt. Wir ticken zwar nicht identisch, aber im Großen und Ganzen doch recht ähnlich. ​ Beim Prozess des einander Verstehens ticken unsere Gehirne sogar auf eine ganz besondere Weise – jedenfalls innerhalb der relevanten Hirnareale. Spiegelneuronen übertragen Äußeres nach innen, und kooperierende Menschen weisen verblüffend ähnliche neuronale Aktivitätsmuster auf. Der Prozess des einander Verstehens korreliert also mit bestimmten neuronalen Prozessen. ​ ​ 6. Einander Verstehen mittels Spiegelneuronen und Phasensynchronisation ​ ​Spiegelneuronen wurden erstmals 1992 von Giacomo Rizzolatti und seinen Mitarbeitern an Makaken, und erst 2010 von der Gruppe um Roy Mukamel auch beim Menschen entdeckt. Diese speziellen Nervenzellen werden noch immer intensiv diskutiert und erforscht. Nach der ersten großen Euphoriewelle musste man inzwischen doch akzeptieren, dass sie keine Wunderzellen sind, die für alles Empathische als Erklärung herangezogen werden können. Dennoch handelt es sich bei den Spiegelneuronen um außergewöhnliche Zellen, denn die im motorischen und prämotorischen Cortex befindlichen Neuronen sind sowohl bei eigenen Bewegungsmustern aktiv, als auch dann, wenn diese Bewegungsmuster bei anderen beobachtet werden. Dadurch können die Handlungsabsichten anderer direkt erlebbar werden, das Verhalten anderer kann verstanden werden. Auch in der Insula wurden Spiegelneuronen entdeckt, die beispielsweise sowohl dann feuerten, wenn man selbst an etwas Widerwärtigem riecht, als auch dann, wenn man sieht, dass jemand anderes beim Riechen einen angewiderten Gesichtsausdruck macht(4). Mimik insgesamt wird über das Spiegelneuronensystem des prämotorischen Cortex verarbeitet. Zusätzlich existiert noch ein Netzwerk, das auch akustische Signale mit einbezieht(5). Jane Warren konnte zusammen mit ihren Kollegen nachweisen, dass bestimmte affektive Lautäußerungen, die verschiedene Emotionen wie Ekel, Freude, Angst oder Triumph ausdrücken, ebenfalls bestimmte Regionen des prämotorischen Cortex aktivieren, und zwar die Bereiche, in dem Gesichtsbewegungen, also das Minenspiel, geplant wird. So kann man die gehörten Geräusche einer Mimik und diese einer konkreten Empfindung zuordnen und diese Emotion nachempfinden. ​ Mimik und die dazugehörenden Lautäußerungen werden also gleichzeitig und zusammen über ein System von Spiegelneuronen verrechnet. Wenn man bedenkt, dass unsere Kommunikation zu etwa zwei Dritteln aus nonverbalen Signalen wie Gestik, Mimik, Blickverhalten und Stimmungslauten besteht, wird schnell deutlich, dass das Spiegelneuronensystem einen enorm großen Anteil daran hat, dass wir uns sehr schnell einen intuitiven Eindruck vom Innenleben anderer Menschen machen können. „Successful interpersonal communication largely depends upon the exchange of nonverbal information“ formulierte der US-amerikanische Kommunikationspsychologe Albert Mehrabian(6). Und die Arbeitsweise des Spiegelneuronensystems liefert die Erklärung dafür. Eine wesentliche Erkenntnis aus der Erforschung der Spiegelneuronen ist jedoch auch, dass das neurobiologische System auf die Anwesenheit anderer Menschen zugeschnitten ist. Man muss Menschen sehen und hören, damit dieses Verständigungs- und Verstehenssystem seine Arbeit zuverlässig aufnehmen kann. Oder, mit anderen Worten: Eine Email kann niemals ein Gespräch ersetzen! ​ Was in den Gehirnen geschieht, wenn sich Menschen gegenseitig sehen und hören, hat die Arbeitsgruppe um Prof. Lindenberger untersuchte, nämlich wie sich die EEG-Signale von Musikern verändern, wenn diese miteinander jammen(7). Die Forscher stellten fest, dass die Signale der einzelnen Probanden umso synchroner verliefen, je präziser diese zusammenspielten. Nach Beendigung der Jamsession verschwand die Synchronisierung wieder vollständig. Auch die italienische Forscherin Laura Astolfi untersuchte zusammen mit ihren Mitarbeitern die Hirnaktivität spielender Probanden(8). Sie ließ jeweils vier Probanden in Zweiergruppen gegeneinander Karten spielen, während die EEGs aufgezeichnet wurden. Auch hier entdeckte man signifikante funktionelle Verknüpfungen zwischen den Gehirnen derjenigen, die in einer Gruppe zusammenspielten. Sowohl die aktiven Hirnbereiche als auch die Amplitudenmuster zeigten bei den Kooperationspartnern ein deutliches Zusammenspiel. ​ Während des Erkennens, des Kooperierens und des einander Verstehens laufen in den Gehirnen der Beteiligten also ähnliche und synchronisierte neuronale Prozesse ab. In diesem Zusammenhang bekommt die Formulierung „sie ticken gleich“ auf einmal eine ganz neue Bedeutung. ​ ​ 7. Der Präfontalcortex und die triadische soziale Interaktion ​ Der mediale präfrontale Cortex spielt bei Kooperationen eine wesentliche Rolle, denn er ist beteiligt, wenn es darum geht, die Gedanken und Handlungen anderer Personen vorauszuahnen. Diese Region ist sowohl aktiv, wenn man über den mentalen Zustand anderer Menschen nachdenkt, als auch, wenn man über seinen eigenen Zustand nachdenkt. Der mediale präfrontale Cortex stellt daher ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Spiegelneuronensystem und der Phasensynchronisation dar. Seine Aktivität ist immer dann besonders hoch, und das Resultat des Denkprozesses immer dann besonders passend, wenn zwischen mir und meinem Gegenüber eine große Ähnlichkeit besteht(9). Je nachdem, über wen und über was man nachdenkt, werden unterschiedliche Cortexareale aktiviert. Beim Nachdenken über ähnliche andere Menschen ist der ventrale mediale Cortex involviert, beim Nachdenken über unähnliche Menschen ist der dorsale mediale Cortex aktiv. Der mediale orbitofrontale Cortex ist beteiligt, wenn man über die Gefühle anderer nachdenkt; nimmt man grundsätzlich eine andere Perspektive ein, steigt die Aktivität im dorsalen Bereich des orbitofrontalen Cortex. Es ist ein faszinierender Gedanke, dass das Denken über verschiedene Inhalte in verschiedenen Hirnbereichen stattfindet. ​ Die Fähigkeit, über das Denken anderer nachzudenken, Gefühle und Absichten anderer grundsätzlich vorauszusetzen und auch voraussehen zu können, wird als Theory of Mind bezeichnet – die Grundannahme, dass, genau wie ich, auch andere Menschen ein arbeitendes Bewusstsein haben. Bei einem Kommunikationsprozess wird diese Fähigkeit in besonderer Weise herausgefordert, denn man muss in der Lage sein, sich in den mentalen Zustand seines Gegenübers hineinzuversetzen, beispielsweise, um nachvollziehen zu können, wer mir was warum mitteilen möchte. Es geht um die Beziehung dreier Komponenten: der Redner, der Zuhörer und das Thema. Redner und Zuhörer müssen ständig zwischen dem eigenen mentalen Zustand und dem des anderen wechseln, und beide Teilnehmer müssen gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf das Thema aufrecht erhalten. In dieser sogenannten triadischen sozialen Interaktion spielt wieder der dorsale mediale Frontalcortex eine sehr wichtige Rolle, denn in diesem Areal werden alle drei Komponenten zusammengefügt(10). Dieser Bereich des Neocortex hat sich übrigens im Verlauf der Menschheitsevolution dramatisch vergrößert. Es scheint daher, dass die Fähigkeit zur triadischen sozialen Interaktion eine Spezialität des Homo sapiens ist. ​ „Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist eine häufig zitierte Aussage des berühmten Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Die Aktivitätsmuster unserer Gehirne bestätigen diese Erkenntnis, denn während eines Mitteilungsprozesses wechselt unser Neocortex ständig die mentale Position. Ich denke, was du denkst, was ich denke... Da unsere Gehirne also ständig bestimmte Annahmen über unser Gegenüber konstruieren, ist auch leicht nachvollziehbar, was geschieht, wenn diese Annahmen ständig ins Leere laufen, weil sie sich zum Beispiel ständig als falsch erweisen, oder weil sie gar nicht erst überprüfbar sind, oder weil sie nicht korrigiert werden, oder weil es sich als schwierig erweist, diese überhaupt zu erstellen. Dann nämlich schwindet das Interesse an der Kommunikation und die Aufmerksamkeit auf das Thema wird stark zurückgefahren. ​ Besonders dann, wenn es bei einer Kommunikation um die Vermittlung neuer Sachverhalte geht, ist das Arbeitsgedächtnis stark gefordert. Allerdings ist die Aktivität dieses Kurzzeitspeichers für unseren Organismus eine sehr teure, weil energiezehrende Angelegenheit. Bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit versucht unser Körper daher, die Aktivität des Arbeitsgedächtnisses zu reduzieren. Jeder von uns weiß, dass es anstrengend ist, sich über einen längeren Zeitraum hinweg auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Und zu allem Überfluss ist dieses Gedächtnis auch noch sehr störanfällig, weil es sehr empfänglich für emotionale Zustände ist. Aus all diesen Gründen ist es daher sinnvoll, unser Arbeitsgedächtnis im nächsten Kapitel etwas genauer zu betrachten. ​ ​ ​8. Wie das Arbeitsgedächtnis funktioniert ​ Verschiedenste kognitive Fähigkeiten wie sprechen, schreiben, navigieren, schlussfolgern oder planen sind eng verknüpft mit der Aktivität des Arbeitsgedächtnisses. Das Arbeitsgedächtnis hält Informationen bereit und ermöglicht eine Bearbeitung dieser Informationen. Es finden also zwei Prozesse gleichzeitig statt: Es wird eine bestimmte Anzahl von Informationen wie beispielsweise Zahlen, Worte oder Formen im Gedächtnis gehalten und gleichzeitig wird mit diesen Informationen gearbeitet, zum Beispiel gerechnet, argumentiert oder sortiert. Kommunikationsprozesse, bei denen es ja darum geht, gegenseitig mentale Zustände zu verändern, sind daher ohne die Beteiligung des Arbeitsgedächtnisses grundsätzlich unmöglich. ​ Ein wichtiger Punkt ist, wie das Arbeitsgedächtnis auf gespeicherte Informationen zugreift und in den Focus rückt. Der Potsdamer Psychologe Klaus Oberauer schlägt dafür ein Drei-Komponenten-Modell vor(11): die erste Komponente ist der aktivierte Teil des ansonsten deaktivierten Langzeitgedächtnisses, die zweite Komponente ist die Region des direkten Zugriffs – ein Bereich, in dem ungefähr vier „Informations-Einheiten“ gehalten werden können – und die dritte Komponente ist der Focus der Aufmerksamkeit, der lediglich eine einzige „Einheit“ enthält. Dieses Phasen-Modell passt sehr gut zu neurophysiologischen Erkenntnissen(12): EEG-Untersuchungen haben ergeben, dass der Prozess des sich Erinnerns, also die Aktivierung von Gedächtnisinhalten, mit der Phasensynchronisation von Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen verbunden ist. Das bedeutet, dass sich die elektrischen Spannungsschwankungen verschiedener Neuronen angleichen und dadurch die EEG-Wellenmuster verschiedener Cortexareale nahezu gleich aussehen. Jeder der drei von Oberauer postulierten Komponenten konnten konkrete Messergebnisse zugewiesen werden. Die erste Komponente, also die Aktivierung des Langzeitgedächtnisses, geht einher mit Synchronisierungen im ventrolateralen präfrontalen Cortex; bei der zweiten Komponente, also beim Zugriff auf Informationen, synchronisieren Neuronen im medialen Temporallappen ihre Aktivität; und bei der dritten Komponente, also während der Focussierung auf einen konkreten Inhalt, finden im hinteren Teil des Scheitellappens Phasensynchronisationen statt. Um also eine bestimmte Information ins Arbeitsgedächtnis zu holen und dort zu halten, werden nacheinander drei verschiedene Stufen durchlaufen, an denen offenbar verschiedene, interagierende Cortexareale beteiligt sind. ​ Je länger eine Information im Arbeitsgedächtnis gehalten wird, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Information in das Langzeitgedächtnis übertragen wird. Langzeitpotenzierung nennt man den Prozess, durch den letztlich die Neuronen neue synaptische Verbindungen untereinander herstellen. Während das Arbeitsgedächtnis also mit Oszillationsmustern arbeitet, arbeitet das Langzeitgedächtnis mit strukturellen Veränderungen. Beide Prozesse sind jedoch störanfällig. Die Phasensynchronisation kann unter Stressbedingungen nicht mehr aufrecht erhalten werden, was bedeutet, dass die Information nicht mehr im Arbeitsgedächtnis gehalten werden und verloren gehen kann. Und Informationen, die nicht lange genug im Arbeitsgedächtnis verbleiben, können nicht in das Langzeitgedächtnis übertragen werden. ​ ​ 9. Wie Emotionen das Gedächtnis beeinflussen ​ „Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein“, erkannte bereits der Ethiker und Erkenntnistheoretiker Arthur Schopenhauer vor rund 200 Jahren. Heute könnten ihn Hirnforscher mit naturwissenschaftlichen Daten in dieser Aussage unterstützen. ​ Im vorhergehenden Abschnitt wurde über Synchronisierungen von EEG-Wellen im Verlauf verschiedener Erinnerungsphasen berichtet. Ebensolche EEG-Koppelungen kann man auch nachweisen, während das Arbeitsgedächtnis mit einer Aufgabe beschäftigt ist. So weisen die Theta-Wellen des Hippocampus und des medialen präfrontalen Cortex synchronisierte Aktivitäten der dortigen Neuronen auf. Die gekoppelten Aktivitätsmuster sind jedoch nicht statisch, sondern sie verändern sich im Verlauf der Bearbeitung der Aufgabe, die den Probanden gestellt wurde. Die konzertierte Aktivität des Hippocampus und des medialen präfrontalen Cortex ist also eine wesentliche Komponente des arbeitenden Arbeitsgedächtnisses. ​ Die neuronalen Verknüpfungen der beiden Areale sind etwas kompliziert. Von ventralen Bereichen des Hippocampus ziehen Projektionen direkt zum medialen Präfrontalcortex, doch konnten für die umgekehrte Richtung bisher keine direkten Verbindungen nachgewiesen werden. Die rückwärtigen Verknüpfungen verlaufen vom medialen präfrontalen Cortex über verschiedene Relaisstationen, nämlich über den entorhinalen Cortex, die Amygdala, den Nucleus accumbens und den Nucleus reuniens. Diese vier Zwischenstationen sind sowohl untereinander als auch mit dem präfrontalen Cortex und mit dem Hippocampus verbunden und formen ein komplexes Interaktionssystem(13). Interessant sind die Aufgaben und Funktionen der vier Zwischenstationen, denn sie haben einen großen Einfluss auf die Funktionsweise des Gedächtnisses. Der entorhinale Cortex ist eine Art Drehscheibe für ein weitverzweigtes Gedächtnis- und Navigations-Netzwerk. Er ist die Hauptschnittstelle zwischen Hippocampus und Neocortex. Die Amygdala ist unter anderem für die emotionale Bewertung von Sinneseindrücken und für die Speicherung emotional betonter Gedächtnisinhalte zuständig. Der Nucleus accumbens ist ein Teil der Basalganglien und spielt eine wichtige Rolle bei motivationalen und lustbetonten Zuständen. Der Nucleus reuniens erhält Afferenzen von vielen verschiedenen limbischen Hirnstrukturen und ist an assoziativen Lernvorgängen, an Erinnerungsprozessen und bei der räumlichen Routenplanung beteiligt. Er stellt eine Schlüsselposition bei der Informationsweitergabe zwischen medialem präfrontalen Cortex und dem Hippocampus dar, indem er deren Funktionen koordiniert. ​ Chronischer Stress, also ein zu hoher Erregungslevel, stört die Interaktion dieses komplexen Netzwerks erheblich und kann sogar die Plastizität, die für Lernvorgänge notwendigen strukturellen Veränderungen, erheblich behindern. Umgekehrt kann Müdigkeit, also ein zu geringer Erregungslevel, die Arbeit dieses Systems ebenso behindern. Verallgemeinernd kann man feststellen, dass jedes Übermaß an Ablenkung, sei es Stress, Hunger, Müdigkeit oder anderes, dazu führt, dass das System von einem reflektiven Modus auf einen reflexiven Modus, also von Denken auf Überleben umschaltet. ​ Das hier beschriebene cortical-limbische Netzwerk integriert also kontextabhängige Informationen des Hippocampus mit emotionalen Informationen der Amygdala. Das bedeutet, dass Informationen immer auch emotional bewertet und bearbeitet werden. Informationen werden nie wie bei einem Computer in Form von Nullen und Einsen neutral gespeichert und verrechnet. ​ ​ 10. Gedächtnisinhalte werden verändert ​ Erinnerungen sind nicht zwangsläufig exakte Reproduktionen erlebter oder erlernter Sachverhalte, sondern sie können unmerklich und teilweise sogar gravierend verändert werden. Das Gedächtnis verhält sich ebenso wenig wie ein Datenspeicher wie sich Kommunikation nicht wie ein Datentransfer verhält. Derartige Analogien sind zwar beliebt und verbreitet, aber sie sind falsch. Dass sich Gedächtnisinhalte verändern können, kennt jeder, der ehrlich zu sich selbst ist. Und jeder, der beruflich mit Zeugenbefragungen zu tun hat, bringt diese Tatsache manchmal an den Rand der Verzweiflung. ​ Die ersten Wissenschaftler, die sich mit diesem Phänomen systematisch auseinander gesetzt haben, waren Gestaltpsychologen. So haben Wolfgang Köhler und Hedwig von Restorff bereits in den 1930er Jahren durch Gedächtnisexperimente mit Freiwilligen herausgefunden, dass unstrukturierte Vorgaben nicht ebenso widergegeben werden können, sondern dass sie in überwiegend strukturierter Form reproduziert werden. Mischt man beispielsweise in eine Serie von Vogelnamen zwei Blumennamen, oder platziert man auf einem Bild zwischen verschiedenen Figuren zwei oder drei Buchstaben, werden bei einem Erinnerungstest die Elemente der kleineren Gruppe nahezu ausnahmslos sowohl nacheinander als auch an erster Stelle wiedergegeben. ​ Dasselbe funktioniert sogar bei deutlich komplexeren Themen. Wolfgang Metzger ließ in den 1980er Jahren Probanden zwei Kurzgeschichten vorlesen, jedoch nicht nacheinander, sondern alternierend immer ein Satz aus der ersten und ein Satz aus der zweiten Geschichte. Kein Proband war in der Lage, die durchmischte Satzfolge zu erzählen, aber sie alle konnten sich anschließend an zwei getrennte Geschichten erinnern. ​ Ein weiteres Prinzip der Erinnerungsmodifikationen erkannte Friedrich Wulf bereits in den 1920er Jahren: Bildliche Erinnerungen werden im Laufe der Zeit „pointiert“, wie Wulf es nannte. Komplexe und asymmetrische Muster, die den Probanden gezeigt wurden mit der Bitte, sich diese zu merken, wurden im Laufe der Zeit als zunehmend abstrakte und symmetrische Muster nachgezeichnet. ​ Derartige Modifikationen werden als autonome Ordnungsbildung bezeichnet. In unserem Gedächtnis wird sortiert, gruppiert und symbolisiert, und wir bekommen kaum etwas davon mit. Bestimmte Kriterien dieses Ordnungsschaffens hängen eng mit der individuellen Biographie, mit anderen Informationen des Langzeitgedächtnisses zusammen, daher sind die Resultate solcher Modifikationen nicht bei allen Menschen identisch. Solche unterschiedlichen Prozessierungen fallen auch immer erst dann auf, wenn zwei Menschen über denselben, gleichzeitig erlebten Sachverhalt unterschiedliche Erinnerungen berichten. Und hier wird dieses Phänomen für das Thema Kommunikation wichtig: Da Informationen weder verlustfrei und exakt von A nach B transportiert noch korrekt und sicher abgespeichert werden, sollten alle Kommunikationsteilnehmer wissen, dass sich ihre Erinnerungen an das letzten Meeting oder an die vergangene Schulung immer und grundsätzlich voneinander unterscheiden. Oder mit anderen Worten: Dass es Unterschiede in der Erinnerung gibt, ist völlig normal. Die Unterschiede dürfen allerdings nicht zu groß ausfallen. Aber dem kann man ja mittels erfolgreicher Kommunikation entgegen wirken. ​ ​ 11. Zusammenfassung ​ Die Erforschung neuropsychologsicher Grundlagen der Kommunikationsprozesse ist kein Selbstzweck, sondern ist Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist, diese Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen, um Kommunikationsprozesse zu erfolgreichen Prozessen zu machen. ​ Kommunikation ganz allgemein Gehen Sie nicht davon aus, dass Informationen gerichtet transportiert werden können, und dass diese Informationen exakt so ankommen und gespeichert werden, wie es bei elektronischen Geräten der Fall ist. Kommunikation ist grundsätzlich immer ein dynamischer sozialer Prozess des einander Mitteilens; Kommunikation hat zum Ziel, gegenseitig mentale Zustände zu verändern. Gehen Sie niemals davon aus, dass anschließend alle Beteiligten über dieselben Informationen verfügen. Sinn und Bedeutung Wissenschaft: Unsere Gehirne haben keinen direkten Kontakt nach außen, sondern sie arbeiten ausschließlich mit Aktionspotentialen. Äußere Bedingungen wie Schall- oder Lichtwellen können Nervensignale auslösen, und aus diesen werden dann Wahrnehmungen konstruiert. Kognitive Prozesse sind Konstruktionen von Konstruktionen. Praxis: Bedenken Sie, dass Sinn und Bedeutung nicht vom Redner zum Zuhörer transportiert werden, sondern dass Sinn und Bedeutung vom Zuhörer auf der Grundlage seines Gedächtnisses konstruiert werden. Wissenschaft: Je ähnlicher die Gedächtnisinhalte sind, desto ähnlicher werden die Konstruktionsresultate ausfallen – umgekehrt fallen die Ergebnisse umso unterschiedlicher aus, je unterschiedlicher die biographischen und sozialen Hintergründe sind. Praxis: Versuchen Sie, bei Ihren Zuhörern den gemeinsamen Anteil des themenspezifischen Gedächtnisspeichers so groß wie möglich zu machen. Andernfalls haben Sie über die individuelle Verarbeitung der vom Kontext isolierten Informationen gar keinen Einfluss. Verstehen Wissenschaft: Zwei Drittel eines direkten Kommunikationsprozesses besteht aus nonverbalen Signalen wie Gestik, Mimik, Blickverhalten und Stimmungslauten. Derartige Signale werden unbewusst über das Spiegelneuronensystem verarbeitet, das es ermöglicht, sich in den Anderen hineinzuversetzen, seinen aktuellen emotionalen und mentalen Zustand und seine Absichten zu verstehen. Das neurobiologische Equipment für das intuitive Verstehen ist evolutionsbiologisch wesentlich älter und effektiver als das Equipment für das kognitive Verstehen. Praxis: Nutzen Sie diesen Sachverhalt aus: Seien Sie freundlich, ehrlich und offen. Lassen Sie zu, dass andere die Möglichkeit bekommen, ihren aktuellen Zustand zu erfassen. Seien Sie authentisch. Das autonom arbeitende Spiegelneuronensystem der Kommunikationsteilnehmer wird dies als einen sehr sympathischen Charakterzug interpretieren. Indem Sie bei Ihren Zuhörern Prozesse des intuitiven Verstehens ermöglichen, unterstützen Sie gleichzeitig die Prozesse des kognitiven Verstehens. Wissenschaft: Verstehen läuft auf einer individuellen Ebene ab. Jedes Gehirn zusammen mit seinem Bewusstsein konstruiert Verstehen, indem es einer Wahrnehmung eine für das Gehirn sinnvolle Deutung zuordnen kann. Dann lautet das Resultat „Ich habe dich verstanden“. Allerdings ohne die Gewissheit zu haben, dass man etwas so verstanden hat, wie es der Sprecher auch gemeint hat. Praxis: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Moment des Verstehens lediglich bedeutet, dass man – ganz für sich allein und in seinem eigenen kognitiven Kontext – dem Gehörten oder Gelesenen einen Sinn geben konnte. Bei komplexen Themen und wichtigen Entscheidungen erscheint es daher sinnvoll, vorsichtshalber nachzufragen und sich zu vergewissern, ob tatsächlich alle dasselbe „meinen“. Denn je mehr man bei anderen stillschweigend voraussetzt, desto größer wird das Risiko des Missverstehens. Denn: Was man nicht erklärt bekommt, erklärt man sich halt selbst... Wissenschaft: Verstehen hat auch eine soziale Ebene, nämlich wenn der Redende wissen möchte, ob er auch richtig verstanden wurde. Das kann er jedoch nur indirekt erkennen, nämlich dadurch, dass der Zuhörende aufgrund des Gesagten bestimmte Handlungserwartungen erfüllt. Kommunikation verändert mentale Zustände, die wiederum zu verändertem Verhalten führen können und manchmal auch sollten. Ist eine solche Verhaltensveränderung zu beobachten, lautet das Resultat „Du hast mich verstanden“. Praxis: Statt auf Handlungen zu warten, was in der beruflichen Praxis manchmal ein kostspieliges Risiko darstellt, könnte man auch direkt fragen: „Und was würden Sie nun tun?“ oder „Was können wir nun machen?“ Nicht hilfreich ist dagegen die Frage „Haben Sie mich verstanden?“, denn man kann aus der Antwort niemals sicher ableiten, ob beide Seiten zum selben Verstehens-Resultat gekommen sind. Erst Handlungen, ob fiktive oder konkrete, geben Aufschluss darüber. Kooperation und Interaktion Wissenschaft: Kooperierende Menschen weisen synchronisierte EEG-Bänder auf. Je besser die Kooperation gelingt, desto ähnlicher verlaufen ihre Hirnwellen. Die Phasensynchronisation ist auch dann besonders stark, wenn eine große Ähnlichkeit zwischen den Akteuren besteht. Kooperation und Synchronisation sind gekoppelte Prozesse. Praxis: Für eine perfekte Kooperation müssen sich Menschen sehen, sie müssen direkt miteinander zusammenkommen und sie sollten einander ähnlich sein. Im beruflichen Alltag ist das natürlich nicht immer möglich – und somit stellt dieser Zustand auch eine der Ursachen für eine nicht-perfekte Zusammenarbeit dar. Aus demselben Grund gelingt Kommunikation auch nur dann wirklich gut, wenn die Beteiligten tatsächlich zusammenkommen. Und wenn man weiß, dass die Zusammenarbeit von Menschen, die untereinander sehr unterschiedlich sind, offenbar von Natur aus nicht leicht fällt, weiß man auch, dass man sich in einem solchen Fall besonders Mühe geben muss. Wissenschaft: Bei der triadischen sozialen Interaktion wechseln Redner und Zuhörer ständig zwischen dem eigenen mentalen Zustand und dem des anderen, während gleichzeitig beide die Aufmerksamkeit auf das aktuelle Thema aufrecht erhalten. An diesem Prozess sind zahlreiche neuronalen Strukturen beteiligt, die völlig autonom miteinander kooperieren. Praxis: Da unsere Gehirne ständig bestimmte Annahmen über unser Gegenüber konstruieren, ist auch leicht nachvollziehbar, was geschieht, wenn diese Annahmen ständig ins Leere laufen, weil sie sich zum Beispiel immerzu als falsch erweisen, oder weil sie nicht korrigiert werden, oder weil es sich als schwierig erweist, diese überhaupt zu erstellen. Dann nämlich schwindet das Interesse an der Kommunikation und die Aufmerksamkeit auf das Thema wird stark zurückgefahren. Erklären, begründen und beschreiben Sie daher so viel wie möglich, um die Gesprächsteilnehmer „mitzunehmen“, und stellen Sie fragen, wenn Sie merken, dass Sie „abgehängt“ werden. Gedächtnis und Emotionen Wissenschaft: Aus dem Langzeitgedächtnis werden bestimmte Bereiche aktiviert, daraus werden bis zu vier Informationseinheiten auf die Ebene der direkten kognitiven Erreichbarkeit angehoben, und davon wird wiederum eine einzige Einheit in den Focus der Aufmerksamkeit gesetzt. An jedem dieser Erinnerungsschritte sind verschiedene Hirnareale beteiligt, deren Aktivitätsmuster synchronisiert sind. Je länger eine Information im Arbeitsgedächtnis gehalten werden kann, desto erfolgreicher kann sie in das Langzeitgedächtnis übertragen werden. Praxis: Das System der Phasensynchronisierungen ist komplex und sehr labil. Stressoren nahezu jeder Art, beispielsweise Zeitdruck, Hunger oder Angst, lassen die Oszillationsmuster zusammenbrechen wodurch das Erinnerungsvermögen, also die Zugriffsmöglichkeit auf gespeicherte Gedächtnisinhalte, stark eingeschränkt wird. Besonders wenn Kreativität und freies Assoziieren gefragt sind, muss die Grundstimmung der Kommunikationsteilnehmer sehr entspannt sein. Wenn es um wichtige Themen und Beschlüsse geht, die sich die Teilnehmer merken sollten, ist ein entspanntes Umfeld sehr hilfreich für eine erfolgreiche Gedächtnisbildung. Wissenschaft: Während das Arbeitsgedächtnis arbeitet, interagieren der Hippocampus und der präfrontale Cortex über verschiedene Relaisstationen, von denen viele zum limbischen System gehören, miteinander. Wie schon bei Erinnerungsprozessen lassen sich auch bei Bearbeitungsprozessen Phasensynchronisationsmuster der beteiligten Hirnareale feststellen. Sowohl ein zu hoher als auch ein zu niedriger Erregungslevel wirken sich sehr nachhaltig auf die Stabilität des neuronalen Interaktionssystems aus. Praxis: Sowohl bei Stress als auch bei Müdigkeit arbeitet das Arbeitsgedächtnis nicht mehr zuverlässig und Inhalte werden nicht in das Langzeitgedächtnis überspielt. Je entspannter eine Kommunikationssituation ist, desto intensiver und desto erfolgreicher können Informationen gemeinschaftlich bearbeitet und das Resultat im Gedächtnis behalten werden. Und wer glaubt, dass sich eine effiziente Kommunikation auf Zahlen, Daten, Fakten beschränken müsse, irrt gewaltig, denn emotionale Komponenten werden auf Grund der neuronalen Architektur des Arbeitsgedächtnisses zwangsläufig immer mit verrechnet und können sowohl einen positiven als auch einen negativen Einfluss auf die Arbeitsweise des Gedächtnisses haben. Je brisanter ein Thema ist, desto entspannter muss das Umfeld sein. Humor ist übrigens ein sehr effektiver Entspannungshelfer. Wissenschaft: Die Inhalte des Gedächtnisses verhalten sich nicht wie elektronische Daten auf einem Speicherchip. Gedächtnisinhalte werden unmerklich verändert. Die markantesten Veränderungen sind Ordnungsbildungen: Inhalte werden nachträglich nach Gruppen sortiert und pointiert. Praxis: Kommunikationsteilnehmer sollten sich immer darüber im Klaren sein, dass ihre Erinnerungen an das letzte Meeting oder an die vergangene Schulung nie identisch sind und auch niemals sein können. Allerdings muss man darauf achten, dass diese Erinnerungen nicht allzu unterschiedlich ausfallen. Sitzungsprotokolle können das Variationsspektrum der nachträglichen Gedächtnismodifikationen deutlich einschränken.

  • Wirklichkeiten (Teil 1 und 2)

    Die Hauptursache für Konflikte, Missverständnisse und Fehlinterpretationen liegt in unterschiedlichen Wahrnehmungen, Wirklichkeiten und Wahrheiten. Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 2. Beschreibung wichtiger Begriffe 3. Ein Überblick über das Interaktionssystem 4. Die Wirkungsebenen 5. Neurobiologische Ebene: Der Kohärenzmechanismus 6. Neurobiologische Ebene: Das Hypothesen testende Gehirn 7. Neurobiologische Ebene: Geschlechtsspezifische Unterschiede 8. Neurobiologische Ebene: Zusammenfassung 9. Neurosoziologische Ebene: Das Sprachenproblem 10. Neurosoziologische Ebene: Die Macht der Gemeinschaft 11. Neurosoziologische Ebene: Gruppen in der Gruppe 12. Neurosoziologische Ebene: Zusammenfassung 13. Neuropsychologische Ebene: Komponenten der Persönlichkeit 14. Neuropsychologische Ebene: Irritierendes Verhalten 15. Neuropsychologische Ebene: Das individualisierte Gehirn 16. Neuropsychologische Ebene: Zusammenfassung 17. Wirklichkeiten - das Gesamtbild Wirklichkeiten (Teil 1 und 2) Die Hauptursache für Konflikte, Missverständnisse und Fehlinterpretationen liegt in unterschiedlichen Wahrnehmungen, Wirklichkeiten und Wahrheiten. ​ 1. Einleitung Das mit dem Wort Wirklichkeiten betitelte Thema ist eines der komplexesten Themen überhaupt, da es ausnahmslos alle Lebensbereiche eines jeden Menschen erfasst. Alle Wissenschaften beschäftigen sich mit der Wirklichkeit, jedenfalls mit bestimmten Aspekten der Wirklichkeit, und versuchen, diese zu beschreiben und zu erklären. Im Alltagsleben jedoch macht sich kaum jemand Gedanken über das, was für ihn selbstverständlich ist, nämlich Gedanken über seinen Blick auf die Welt, über seine Wirklichkeit und die eigene Stellung, die man darin einnimmt. Wie selbstverständlich geht man davon aus, dass es ja nur eine Wirklichkeit geben kann. Diese Einstellung ist jedoch ein großer Irrtum. Wir nehmen nicht Identisches wahr, wir speichern gemeinsam Erlebtes nicht identisch ab, wir erinnern uns an gemeinsam Erlebtes nicht identisch, wir konstruieren aus dem Erlebten und Gelernten kein identisches Gesamtbild der wirklichen Welt, wir glauben und wissen nicht dieselben abstrakten Wahrheiten, wir verfolgen nicht dieselben Ziele und erst recht nicht mit denselben Strategien, wir setzen bei anderen Menschen nicht dasselbe Können und Wissen voraus – wir leben nicht dasselbe Leben! Im beruflichen Alltag machen sich derartige Unterschiede zum Beispiel in folgenden und ähnlichen Situationen bemerkbar: Man kann sich für die Lösung eines bestimmten Problems nicht einig werden, da jeder eine andere Interpretation des Problems und somit auch eine andere Lösungsstrategie entwickelt hat. Etwas ist schiefgelaufen, und man sucht händeringend nach dem Schuldigen. Er lässt sich aber nicht so leicht identifizieren, da es wohl eine ganze Reihe von Missverständnissen gegeben hat, an denen viele beteiligt waren und zudem die Verantwortlichkeiten nicht deutlich genug geklärt waren. Eine hierarchisch übergeordnete Ebene verlangt von einer hierarchisch untergeordneten Ebene bestimmte Handlungen, Strategieumsetzungen oder Dokumentationen, deren Sinnhaftigkeit von der untergeordneten Ebene stark angezweifelt und daher nur halbherzig umgesetzt wird. Ein großer internationaler Geschäftsabschluss zieht sich überraschend in die Länge, bis man herausfindet, dass der Grund dafür darin liegt, dass sich einer der Hauptprotagonisten stark gekränkt fühlt. Gepflogenheiten einer anderen Kultur wurden sträflich missachtet. Bei einem Meeting, einer Sitzung oder einer Präsentation verwendet der oder die Vortragende ein Vokabular und eine logische Struktur, die das Auditorium nicht versteht; in aller Regel fragt jedoch niemand nach und im Anschluss ist niemandem klar geworden, was nun konkret von ihm erwartet wird. Ein probates Mittel, um Probleme und Konflikte dieser Art zu lösen, um an einem Strang zu ziehen, um dasselbe Ziel zu verfolgen, um dasselbe für richtig und falsch zu halten, letztlich um dieselbe Wirklichkeit zu haben, ist das Einsetzen von Macht. Eine solche Lösungsstrategie hat nur eine kurze Halbwertzeit, da durch den Einsatz von Macht nur die Handlungen, nicht aber das Denken vereinheitlicht werden kann. Einsatz von Macht als Lösungsstrategie kann daher nur als Eingeständnis von Hilflosigkeit interpretiert werden. Ein freiwillig geschaffener Konsens dagegen ist sehr stabil und wirkt sehr nachhaltig. Um dies zu erreichen, bedarf es zum einen der Einsicht, dass es die eine wahre Wirklichkeit nicht gibt und dass daher auch niemand das Recht hat, die seine für die einzig richtige zu erklären, und zum anderen der Fähigkeit, auf dieser gleichberechtigen Ebene einen Meinungsaustausch führen und einen Kompromiss finden zu wollen. ​ Doch zunächst gilt es, zu verstehen, warum nicht alle Menschen dieselben Wahrnehmungen, dieselbe Wirklichkeit, denselben Gedächtnisinhalt und dieselben Wahrheiten haben können. Denn sinnvoll umsetzen und anwenden kann man immer nur das, was man auch verstanden hat. Und um gleich zu Beginn möglichen Missverständnissen vorzubeugen, beginnen wir mit der Definition zentraler Begriffe. ​ ​​​ 2. Beschreibung wichtiger Begriffe Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass wissenschaftliche Disziplinen, die so unterschiedlich sind wie Philosophie, Physik, Sozialwissenschaft, Religionswissenschaft, Kognitionswissenschaft, Linguistik oder Biologie, zwar teilweise dasselbe Vokabular benutzen, dieses aber nicht auf dieselbe Weise definieren. Man spricht über dasselbe, meint aber nicht dasselbe. So werden auch die beiden Begriffe Wirklichkeit und Wahrheit in den verschiedenen Forschungsbereichen nicht identisch definiert und verwendet – für manche stellen sie sogar Synonyme dar. ​ Für unser Thema ist jedoch eine deutliche Trennung unabdingbar. Auch der Begriff Wahrnehmung ist sehr wichtig, denn die Reihenfolge Wahrnehmung – Wirklichkeit – Wahrheit ist eine inhaltlich zusammenhängende Abfolge mit zunehmender Komplexität. Auch wenn es durchaus andere Definitionen gibt, sollen für uns folgende Begriffsbestimmungen gelten: ​ Mit Wahrnehmung ist die Erzeugung von Sinneseindrücken gemeint. Wahrnehmungen sind also all die Prozesse, durch die bestimmte Reize mittels Sinnesrezeptoren in Nervenimpulse umgewandelt werden. Diese Aktionspotentiale werden in bestimmte Hirnareale geleitet, in denen dann bewusste Sinneseindrücke generiert werden. Wahrnehmung ist jedoch keine Abbildung einer wie auch immer gearteten Welt, sondern eine Konstruktion unseres Gehirns, die zu einer auf den auslösenden Reiz passenden Reaktion führt. ​ Mit dem Begriff Wirklichkeit ist der Gesamteindruck gemeint, der aus den sensorischen Wahrnehmungen komponiert und konstruiert wird. Wirklichkeit ist also das alltagstaugliche Gesamtbild, das wir von der Welt haben, in der wir leben und die wir erleben. Wirklichkeit ist der Eindruck, dass die Welt ein verlässliches Kontinuum darstellt. Ein Eindruck, der für uns überlebensnotwendig ist, denn: „Wir Menschen und – wie die moderne Primatologie lehrt – übrigens auch die anderen höheren Säugetiere scheinen psychisch in einem sinn- und ordnungslosen Universum nicht überleben zu können.“(1) ​ Wahrheit ist ein Begriff, der über die reine Sensorik hinausgeht und der sich auf Welterklärungsmodelle bezieht. Das sind Erklärungen, wie und warum die Welt so ist wie sie ist, oder wie sie sein sollte. Dazu zählen so grundverschiedene Aussagen wie: E = mc2. Es gibt nur einen Gott. Demokratie ist die beste aller Staatsformen. Elektrische Ströme erzeugen ein Magnetfeld. Der Preis einer Ware wird bestimmt durch das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden. Paul Watzlawick, ein berühmter Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut und Philosoph, fasste die Ebene der Wahrheiten folgendermaßen zusammen: „Etwas wie eine zweite Welt ist entstanden, neben der wahrgenommenen eine gedachte.“(2) Im Gegensatz zur Wahrnehmung und zur Wirklichkeit benötigen die gedachten Wahrheiten einen sozialen Konsens, das heißt, damit Wahrheiten ebensolche sind, muss es eine kritische Mindestmenge an Menschen geben, die diese Wahrheiten für Wahrheiten halten. Daher sind Wahrheiten auch wandelbar. Jede Epoche, jede Kultur, jede Forschungsdisziplin hat ihre eigenen Wahrheiten. ​ 3. Ein Überblick über das Interaktionssystem ​ Das Verbindungsglied der drei zunehmend komplexer werdenden Bereiche Wahrnehmung, Wirklichkeit und Wahrheit ist unser Gedächtnis. Jede einzelne Wahrnehmung ist immer an den Moment gebunden, an dem sie generiert wird. Wahrnehmung findet immer im Jetzt statt. Erst die Fähigkeit, erinnern zu können, ermöglicht es, Wahrnehmungen miteinander vergleichen zu können. Ernst von Glasersfeld, einer der Begründer des radikalen Konstruktivismus, schrieb dazu, „dass ein Bewusstsein, wie immer es beschaffen sein mag, nur auf Grund eines Vergleichs Wiederholung, Konstanz und Regelmäßigkeit erkennen kann.“(3) Und eben diese erlebte Regelmäßigkeit schafft das überlebenswichtige Vertrauen in die Welt, in der wir leben. Erst durch die Möglichkeit des Vergleichs kann ein beruhigendes Wiedererkennen entstehen. ​ Gedächtnis ist außerdem die Voraussetzung dafür, aus einer als konstant erlebten Wirklichkeit theoretische Wahrheiten abstrahieren zu können. Ein einfaches Beispiel: Ich nehme wahr, dass ein Blatt zu Boden fällt – und merke es mir. Ich nehme wahr, dass mir ein Löffel aus der Hand und zu Boden fällt – und merke es mir. Ich erkenne, dass in Wirklichkeit immer alles zu Boden und nie zur Decke fällt. Aus dieser erlebten Regelmäßigkeit abstrahiere ich, dass es eine Kraft geben muss, die alle Objekte immer in Richtung Erdmittelpunkt zieht, die Schwerkraft. ​ Im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen erzeugen Erwartungen, die umso intensiver ausfallen, je ähnlicher die Erfahrungen in bestimmten Situationen sind. Derartige Erwartungshaltungen entstehen automatisch und zumeist völlig unbewusst. Dadurch beeinflusst unser Gedächtnis jedoch unsere Wahrnehmungen, unsere Wirklichkeiten und unsere Wahrheiten. Wir erkennen, was wir gewohnt sind zu erkennen, wir sehen, was wir zu erwarten gelernt haben. Dieser erstaunliche neuropsychologische Mechanismus sorgt dafür, dass sich Wahrnehmungen, Wirklichkeiten und Wahrheiten kongruent zueinander verhalten, dass sie zueinander passen und sich nicht widersprechen. Das führt manchmal zu recht absonderlichen Wahrnehmungserscheinungen, von denen wir einige unter der Bezeichnung Sinnestäuschungen kennen. Doch nicht alle unwillentlichen Uminterpretationen sind unterhaltsam. Einige haben durchaus ernsthafte Konsequenzen. An späterer Stelle werden wir auf derartige Mechanismen etwas genauer eingehen. ​ Zunächst einmal ein Überblick über die einzelnen Komponenten des Interaktionssystems, das für die Entstehung und Erhaltung von Wirklichkeiten zuständig ist. Die rote Fläche in der Mitte symbolisiert die Hirnareale, die an der Gedächtnisbildung beteiligt sind, und die äußere blaue Ringfläche symbolisiert die Hirnbereiche, die an der Vereinheitlichung von Wahrnehmung, Wirklichkeit und Wahrheit beteiligt sind: Wie leicht einzusehen ist, bietet dieses System viele Möglichkeiten der Einflussnahme und der Variation. Einige Prozessabfolgen sind sozusagen genetisch festverdrahtet und finden bei uns allen statt. Andere Prozesse der Wirklichkeits- und Wahrheitsbildung werden durch unsere Umgebung, durch unsere Erziehung, Kultur, Sprache oder unseren Beruf beeinflusst, und wieder andere Wirklichkeits- und Wahrheitskonstruktionen finden auf einer ganz individuellen Ebene statt. ​​ 4. Die Wirkungsebenen ​ Um zu erklären, wie verschiedene Wirklichkeiten und Wahrheiten entstehen können, betrachten wir im Folgenden nacheinander drei Wirkungsebenen: Die erste Ebene beschreibt Konstruktionsprozesse, die aus evolutionsbiologischen Gründen bei allen Menschen auf dieselbe Weise ablaufen. Diese Ebene könnte man auch als die neuro-biologische Ebene bezeichnen. Die zweite Ebene beschreibt, welche Einflüsse die sozialen Gruppen, in und mit denen man zusammenlebt, auf die individuellen Wirklichkeitskonstruktionen haben. Diese Ebene könnte man auch als die neuro-soziologische Ebene bezeichnen. Und zuletzt die dritte Ebene, auf der sich ganz individuelle Ereignisse abspielen, die die eigene Wirklichkeit beeinflussen. Diese Ebene könnte man auch als die neuro-psychologische Ebene bezeichnen. Auch wenn die drei Wirkungsbereiche getrennt voneinander und nacheinander besprochen werden, finden die darin ablaufenden Prozesse alle gleichzeitig statt und beeinflussen sich auch gegenseitig. Bereits an dieser Stelle kann man erahnen, warum der Titel dieses Themas die Pluralform ist – Wirklichkeiten statt Wirklichkeit. ​ ​ 5. Neurobiologische Ebene: Der Kohärenzmechanismus Unser Gehirn stellt sicher, dass es einen sinnvollen Zusammenhang zwischen unserer aktuellen Wahrnehmung, unserem allgemeinen Bild von der Wirklichkeit und unseren Wahrheiten gibt. Notfalls kann es überraschend kreativ werden, um diese Kohärenz herzustellen. ​ Jede einzelne Wahrnehmung wird ständig mit unserem Erfahrungsspeicher abgeglichen und vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen interpretiert. Dass es einen solchen Mechanismus überhaupt gibt, wurde durch die Erforschung des visuellen Systems entdeckt: Wir sehen, was wir zu erwarten gelernt haben. Besonders eindrucksvoll sind räumliche optische Täuschungen. Wir sind es gewohnt, dass Dinge im Vordergrund größer erscheinen als Dinge im Hintergrund. Positioniert man zwei gleichlange Linien parallel zum unteren Bildrand in eine zentralperspektivisch angelegte Kulisse, erscheint die Linie im Vordergrund kürzer als die Linie im Hintergrund. Ein sehr schönes Beispiel für eine perspektivische Illusion ist die berühmte römische Kolonnade von Francesco Borromini, die sich im Innenhof des Palazzo Spada befindet. Dieser im 17. Jahrhundert angelegte, mit Säulen flankierte Laubengang wirkt sehr lang, mit einer ungefähr zwei Meter großen Statue am hinteren Ende des Gangs. Geht ein Mensch diesen Gang langsam nach hinten durch, entsteht für die Zuschauer, die am Eingang stehen bleiben, der Eindruck, dieser Mensch wüchse langsam zu einem Riesen heran, der, an der großen Statue angekommen, diese sogar noch überragt. Borromini hat die Gesetze der Zentralperspektive ausgenutzt, um diese Illusion zu erzeugen. Der Gang selbst ist neun Meter lang, aber durch das gleichmäßige Schrumpfen aller Details nach den Gesetzen der Zentralperspektive entsteht der Eindruck, dieser Gang sei viermal so lang und alles im Hintergrund daher viermal so groß wie in Wirklichkeit. Marschiert nun ein Mensch den Gang nach hinten durch, hat das Gehirn des außen stehenden Beobachters ein gravierendes Problem, denn die perspektivische Veränderung des Läufers passt nicht zur perspektivischen Verzerrung der stationären Umgebung. Um die Kohärenz der aktuellen Wahrnehmung mit dem Inhalt des Gedächtnisspeichers, also mit der erlernten Erwartungshaltung wieder in Einklang zu bringen, interpretiert das Gehirn des Beobachters einen Prozess, der gar nicht stattfindet: Es lässt den Läufer langsam wachsen. ​ Ein weiteres Kohärenzbeispiel aus dem visuellen Bereich ist die Farbkonstanz. Dass die Blätter der meisten Laubbäume grün sind, ist eine Aussage, die niemanden überrascht. Überraschend ist aber, dass die Blätter für uns immer grün aussehen – morgens, mittags, abends, bei bedecktem Himmel und bei Sonnenschein. Misst man jedoch die von den Blättern reflektierten Wellenlängen mit einer entsprechenden Apparatur, stellt man fest, dass sich die Wellenlängen und somit die physikalische Farbe der Blätter je nach Tageszeit und Bewölkung deutlich verändern. Unser Gehirn bemüht sich, die Welt um uns herum konstant und damit auf beruhigende Weise vorhersehbar zu machen, und koloriert den aktuellen Farbeindruck nach. Das Resultat ist, dass für uns die Laubblätter immer grün aussehen, obwohl sie es nachweislich nicht sind. ​ Wie aufwändig und umfangreich unser Gehirn manipuliert, um Sinn zu erzeugen, zeigt sich, wenn man jedem Auge ein anderes Bild präsentiert. Statt die beiden Bilder zu fusionieren, nimmt der Proband immer abwechselnd mal das eine und mal das andere Bild war. Das Gehirn entscheidet sich immer nur für eine Darstellung, nie für beide gleichzeitig, denn das würde keinen Sinn ergeben. Noch erstaunlicher wird es, wenn man jedem Auge nur die Hälfte eines Bildes zeigt, zum Beispiel nur ein halbes Haus und eine halbe Sonnenblume. Das Gehirn pendelt dann nicht nur zwischen den Bildern, es ergänzt sie sogar zu einem ganzen Haus und zu einer ganzen Sonnenblume! ​ Als soziale Wesen haben wir ein sehr feines Gespür für Gesichter. Wir können sehr viele Menschen anhand ihres Gesichts sicher voneinander unterscheiden (allerdings nur dann, wenn sie zu unserem Kulturkreis bzw. zu unserer Ethnie gehören) und wir können kleinste Veränderungen der Gesichtsmimik detektieren und deuten. Aber auch bei der Wahrnehmung von Gesichtern kann unser Gehirn unter bestimmten Umständen modulierend eingreifen. So haben wir alle große Probleme damit, Hohlmasken, also Innenansichten von Masken, sicher als solche zu deuten. Evolutionsbiologisch ist unser Gehirn darin geschult, Gesichter als nach außen gewölbte Strukturen zu erkennen. Wie vor wenigen Jahren in einer sehr einfallsreichen Studie nachgewiesen werden konnte, stülpt unser Gehirn schwarz-weiß Bilder von Hohlmasken einfach um(4). Das macht es sogar dann, wenn direkt neben der Innenansicht einer Maske die Darstellung der Außenansicht einer Maske platziert wurde, der Unterschied zwischen den beiden Abbildungen also durchaus sehr deutlich zu sehen war. Immer sehen wir statt eines nach innen gestülpten Gesichts ein nach außen gestülptes Gesicht – dank der Bemühung unseres Gehirns, die Welt als sinnvoll, stabil, als kohärent erscheinen zu lassen. ​ Oder, um es etwas überspitzt zu formulieren: Unser Gehirn manipuliert die Eingänge unserer Sinnesorgane so lange, bis wir das Gefühl einer Sinnhaftigkeit haben. Einerseits erzeugen als Erfahrungen gespeicherte Wahrnehmungen unsere Erwartungen, und umgekehrt beeinflussen unsere Erwartungen auch unsere Wahrnehmungen. Jede Ursache ist gleichzeitig auch Wirkung und umgekehrt. ​​ ​ 6. Neurobiologische Ebene: Das Hypothesen testende Gehirn ​ Unser Gehirn stellt ständig Vermutungen darüber an, was als Nächstes passieren könnte. Es vergleicht dabei die aufgestellte Hypothese mit den einlaufenden Signalen der Sinnesorgane. Fügt sich alles störungsfrei ineinander, wird die Hypothese als passend interpretiert und als zukünftiger Lösungsansatz gespeichert. Stellt sich die Hypothese als unpassend heraus, bemüht sich das Gehirn, die Diskrepanz zu beseitigen, indem es entweder die Prognose korrigiert oder indem es dafür sorgt, dass sich die Wahrnehmung verändert. Dieses Funktionsmodell wird als „Hypothesen testendes Gehirn“ bezeichnet(5). ​ Die Idee wurde ursprünglich für Sinneswahrnehmungen formuliert, doch Neuropsychologen haben dieses Konzept inzwischen auch auf komplexere Prozesse wie Lernen oder Schlussfolgern ausgeweitet. Ein Gehirn, so die gängige Vorstellung vieler Kognitionsforscher, kann viel schneller reagieren, wenn es die Arbeit auf Voraussagen stützt, als wenn es ständig alle einlaufenden Signale miteinander vergleichen und analysieren muss. Das Gehirn muss also immer nur dann aktiv und regulierend eingreifen, wenn sich die Hypothese als falsch herausstellt. ​ Wahrnehmungen erzeugen Erwartungen, aber umgekehrt beeinflussen unsere Erwartungen auch unsere Wahrnehmungen. Erst dadurch, dass Informationen zwischen Gedächtnis und Wahrnehmung nicht nur in eine, sondern in beide Richtungen ausgetauscht werden, ist es überhaupt erst möglich, dass das Modell des Hypothesen testenden Gehirns funktioniert. Das bedeutet, dass die entsprechenden Hirnareale sowohl Hin- als auch Rückverbindungen haben müssten. Und tatsächlich bilden die rückführenden Neuronen im sensorischen System sogar die Mehrheit. Der Britische Neurologe Lars Muckli und sein Team haben dies für den primären visuellen Cortex sehr überzeugend nachgewiesen(6). Der primäre visuelle Cortex ist der Großhirnrindenbereich, der am Hinterkopf der beiden Hemisphären liegt, direkt über dem Cerebellum. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) konnte die Forschergruppe nachweisen, dass die Aktivität dieses Areals überraschend unabhängig von den optischen Reizen war, die man den Probanden im Tomographen präsentierte. Sensorische Cortexareale, in denen Sinneseindrücke bewusst werden, sollten doch eigentlich besonders empfänglich für die Signale aus den zugehörenden Sinnesorganen sein. Doch wie sich herausstellte, stammten 90 % der einlaufenden Aktionspotentiale nicht aus der Retina, sondern aus übergeordneten Hirnregionen. Was wir bewusst sehen, sind also die bereits interpretierten, analysierten und modifizierten Daten der Netzhaut. ​ Bereits 1999 hatten zwei US-amerikanische Neurobiologen spezielle Neuronen im visuellen Cortex identifiziert. Diese Zellen arbeiteten nicht so, wie man es erwartet hatte, denn sie waren ganz offensichtlich nicht direkt an der Verarbeitung des visuellen Inputs beteiligt. Ihre Funktion ist eine andere: Die von den Forschern als „Fehlerfinder“ bezeichneten Neurone vergleichen die einlaufenden Signalmuster mit den erwarteten Signalmustern. Die Autoren nannten diese Tätigkeit predictive coding, oder voraussagendes Codieren(7). Anhand eines simplen Beispiels kann man gut erklären, worin die Aufgabe dieser Zellen besteht: Wenn Sie, wie jeden Morgen, Ihre Wohnung verlassen, den Hausflur betreten und alles so vorfinden, wie Sie es erwartet haben, passiert nichts. Das eingehende optische Signal und das erwartete optische Signal passen zueinander. Öffnen Sie aber die Wohnungstüre und finden im Flur eine große Vogelspinne, passen einlaufendes und erwartetes Signal nicht zusammen. Dieser Prognosefehler wird sofort an hierarchisch höhere Cortexareale weitergeleitet, um schnellstmöglich eine passende Reaktion auf das Unerwartete zu kreieren. Das informationsverarbeitende System ist also auf Neues fokussiert. Es ist wesentlich aufwändiger, ständig auf alles zu achten, als lediglich auf das unerwartet Neue. ​ Wenn allerdings die vorgefertigten Erwartungen, Einstellungen und Hypothesen nicht mehr hinreichend durch die aktuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen korrigiert werden, können gravierende Probleme entstehen. Es können sich Halluzinationen oder Persönlichkeitsstörungen wie Schizophrenie und Depression entwickeln, es können sich aber ebenso radikale Vorurteile etablieren. Ob derartigen Korrekturausfällen ein Nicht-Wollen oder ein Nicht-Können zugrunde liegt, ist bezüglich der Wirkung des resultierenden Verhaltens nicht von Belang, wohl aber bezüglich der Auswahl geeigneter Hilfestellungen oder Therapien. ​ 7. Neurobiologische Ebene: Geschlechtsspezifische Unterschiede ​ „Männer sind anders, Frauen auch“ lautet ein Buchtitel des amerikanischen Paar- und Familientherapeuts John Gray. In der Tat trifft dies auf die Architektur männlicher und weiblicher Gehirne durchaus zu, wenn auch bei Weitem nicht in dem Ausmaß, wie von bestimmten Gruppierungen behauptet wird. Aussagen, dass bestimmte Geschlechtsunterschiede angeboren seien, lösen auch heute noch immer wieder heftige Debatten aus. Dennoch gibt es nachgewiesener Maßen deutliche Differenzen zwischen den Geschlechtern, die nicht ignoriert werden sollten. ​ In den letzten Jahren haben Forscher eine erstaunliche Sammlung struktureller, funktioneller und biochemischer Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gehirn zusammengetragen. Die Differenzen beziehen sich auf Funktionsbereiche, die beispielsweise mit Gedächtnis, Orientierung, Stress, Sprache, Verarbeitung von Gesichtern, Hören und Sehen verknüpft sind. Jill M. Goldstein, Direktorin des Clinical Neuroscience Lab for Sex Differences in the Brain, war eine der Ersten, die, zusammen mit ihrem Team, die Größenverhältnisse verschiedener Hirnareale bei Männern und Frauen untersuchte[8]. Bereiche des Frontalcortex und des limbischen Cortex sind bei Frauen massiger als bei Männern, umgekehrt sind Areale des Temporallappens und die Amygdala bei Männern größer als bei Frauen. Bei Tieren konnte nachgewiesen werden, dass ebendiese Bereiche während der Entwicklung die meisten Rezeptoren für Geschlechtshormone tragen. Das bedeutet, dass nicht die Sozialisierung, sondern die Genetik die Ursache für die geschlechtsspezifische Ausprägung der genannten Gehirnbereiche ist. ​ Das Größenverhältnis zwischen orbitofrontalem Cortex und Amygdala ist bei Frauen bedeutend größer als bei Männer. Der orbitofrontale Cortex ist unter anderem an der Kontrolle von Gefühlen beteiligt, während die Amygdala eher mit der Generierung von Gefühlen zu tun hat. Da bei Frauen also der emotionsregulierende Anteil im Vergleich zum emotionserzeugenden Anteil größer ist als bei Männern, könnte das bedeuten, dass Frauen emotionale Reaktionen besser in den Griff bekommen als Männer. ​ Der für das räumliche Gedächtnis zuständige Hippocampus ist bei Frauen verhältnismäßig größer als bei Männern. Das könnte mit der unterschiedlichen Art und Weise zusammenhängen, wie Männer und Frauen navigieren. Mehreren Studien zufolge navigieren Männer eher, indem sie Richtung und Entfernung abschätzen, während Frauen beim Navigieren dazu neigen, sich an Landmarken zu orientieren – und um sich diese einzuprägen, bedarf es der Aktivität des Hippocampus. Männer produzieren durchschnittlich 50 % mehr des stimmungsaufhellenden Neurotransmitters Serotonin, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass Frauen eher zu Depressionen neigen als Männer. ​ Mehrere Areale des Temporalcortex, die am Hören, an der Sprachverarbeitung und am Sprachverständnis beteiligt sind, weisen bei Frauen stellenweise eine höhere Neuronendichte auf als bei Männern. Fügt man dieser Entdeckung noch die Erkenntnis hinzu, dass sich weibliche Säuglinge bereits am ersten Tag nach ihrer Geburt deutlich mehr für lebende Gesichter interessieren als gleichaltrige männliche Säuglinge, und dass sogar junge Meerkatzenweibchen mehr als doppelt so häufig mit Puppen spielen wie männliche Meerkatzenmännchen, scheint es doch weit mehr als nur ein Klischee zu sein, dass das weibliche Geschlecht das kommunikativere und sozialere von beiden ist. ​ Auch wenn man nicht aus jedem neurobiologischen und neurophysiologischen Unterschied zwangsläufig auf unterschiedliche Fähigkeiten und Talente schließen kann, so liefern derartige Erkenntnisse doch zumindest Hinweise dafür, dass es nicht nur soziologische, sondern tatsächlich auch biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Die Welt der Männer und Frauen ist nicht identisch – und zwar bereits vor ihrer Erziehung. ​ 8. Neurobiologische Ebene: Zusammenfassung ​ Wissenschaft: Der Kohärenzmechanismus sorgt dafür, dass sich unsere Wahrnehmungen, unsere Wirklichkeitskonstruktionen und unsere abstrakten Wahrheiten widerspruchsfrei ineinanderfügen. Dabei werden die von unseren Sinnesorganen einlaufenden Signale manipuliert, bis sie für uns Sinn ergeben und den Erwartungen entsprechen. ​ Praxis: Je nach Berufssparte, je nach beruflicher Position, je nach Erfahrungsspektrum und je nach Biographie enthält unser Gedächtnis eine andere Komposition von Inhalten und erzeugt entsprechend unterschiedliche Erwartungen. Besonders während der Berufsausbildung lernt man, in ganz bestimmte Richtungen zu denken und daher ganz bestimmte Dinge zu erwarten. Da der neuropsychologisch arbeitende Kohärenzmechanismus unsere Sinneseindrücke an unsere erlernten Erwartungen anpasst, ist es völlig normal, dass man unterschiedliche Eindrücke bekommt. Tritt eine solche Diskrepanz auf, wissen Sie nun, woran es liegt. Statt sich schweigend zu wundern oder laut darüber aufzuregen, sprechen Sie darüber. Allerdings muss man auch damit rechnen, dass es Menschen gibt, die mit wirklich überraschend radikalen Mitteln dafür kämpfen, dass ihr Weltgesamtbild nicht angerührt wird. Denn es gibt tatsächlich Fälle, dass man, wenn man ein bestimmtes kritisches Detail ändert, alles andere dieser Veränderung anpassen muss. Der Kohärenzmechanismus arbeitet nämlich nicht nur auf der neurologischen, sondern auch auf der psychologischen Ebene. ​ Wissenschaft: Das Hypothesen testende Gehirn reduziert den Aufwand der Informationsverarbeitung dadurch, dass es seine Aufmerksamkeit immer nur auf das Unerwartete richtet. Was aber für ein Gehirn unerwartet ist, hängt – wieder einmal – vom dem ab, was man erfahren und gelernt hat, also vom Inhalt unseres Gedächtnisses. ​ Praxis: Je nach Inhalt unseres Erinnerungsspeichers kann ein und derselbe Sachverhalt für den einen sehr überraschend sein, während der andere ihn kaum zur Kenntnis nimmt, da der Sachverhalt völlig mit seinen Erwartungen übereinstimmt. Wenn es sich um einen sehr wichtigen Sachverhalt handelt, ist es wichtig, dass alle Beteiligten auch dieselben Informationen dazu haben. Seien Sie daher sehr aufmerksam. Wirkt einer der Kolleginnen oder Kollegen bei der Präsentation eines wichtigen Sachverhalts überrascht, scheinen dort wesentliche Informationen zu fehlen. Gehen Sie nicht davon aus, dass diese Mitarbeiter zugeben werden, mit dieser Information nicht gerechnet zu haben, wenn die Mehrheit diesen Sachstand erwartet hat. Beobachten Sie daher bei der Darlegung wichtiger Informationen sehr genau, ob diese erwartet wurden oder nicht. Erkennen Sie an den Gesichtern Informationsdefizite, erklären Sie einfach den Entwicklungsprozess, der zu der aktuell zu besprechenden Information geführt hat. Helfen Sie Ihren Mitarbeitern, aus einem „Oh!“ ein „Na klar!“ zu machen. ​ Wissenschaft: Das männliche und das weibliche Gehirn weisen signifikante strukturelle, funktionelle und biochemische Unterschiede auf. ​ Praxis: Jemand, der aus diesen neurobiologischen Erkenntnissen tatsächlich irgendwelche politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder beruflichen Konsequenzen zieht, sollte man nicht ernst nehmen. 9. Neurosoziologische Ebene: Das Sprachenproblem Angela Plöger ist Finnougristin und die wohl bedeutendste Dolmetscherin vom Finnischen ins Deutsche. In einem Interview beschreibt sie, worin ein grundsätzliches Problem bei Übersetzungen besteht: „Für manche Vokabeln gibt es keine deutschen Begriffe. Das Wort Jälkivisaus zum Beispiel. Dafür hatte ich lange überhaupt keine Entsprechung im Kopf. Bei uns würde man eigentlich sagen: Hinterher ist man immer schlauer. Aber jetzt machen Sie daraus mal ein Substantiv! Dafür haben die Finnen das Wort Hinterherweisheit oder Hinterherschlauheit.“ ​ Das Problem der fehlenden Begriffe tritt wesentlich häufiger auf, als man vermutet. Besonders dann, wenn es sich um europäische Gesetze handelt, die aus dem englischen Original in die einzelnen Sprachen übersetzt werden müssen, bekommt diese Schwierigkeit eine enorme Bedeutung. Die europaweit geltende Aromenverordnung liefert dafür ein sehr gutes Beispiel. Das Wort Aroma wird im Englischen nicht verwendet, stattdessen gibt es die zwei Begriffe flavour und flavouring. Flavouring ist das stoffliche Produkt, das unserem Wort Aroma entspricht. Und flavouring ruft den sensorischen Eindruck flavour hervor. Allerdings besitzt die deutsche Sprache kein Äquivalent für den Ausdruck flavour. Das führt regelmäßig zu Missverständnissen, wenn beispielsweise der Ausdruck apple flavour mit Apfelaroma übersetzt wird. Apfelaroma darf es aber nur dann heißen, wenn das Aroma tatsächlich aus Äpfeln stammt. Enthält das Produkt aber keine Aromen aus Äpfeln, sondern schmeckt es lediglich nach Apfel, ist der Begriff Apfelaroma juristisch nicht zulässig[9]. Im Deutschen gibt es zwar die sensorischen Begriffe Geruch und Geschmack, aber das entsprechende Pendant zu dem Wort Aroma existiert nicht. Im englischen gibt es odour und taste und eben den erwähnten Begriff flavour. Auch das Französische verfügt über alle drei sensorischen Begriffe: goût, odeur und flaveur. Die deutsche Sprache weist hier jedoch eine Lücke auf. Ein umgekehrtes Beispiel hat jeder in seinem Badezimmer. Im Deutschen wird das Wort Fliesen für flächige Objekte benutzt, die horizontal verlegt werden, und für Objekte, die vertikal angebracht werden, wird das Wort Kacheln verwendet. Im Englischen gibt es für beides nur einen Terminus, nämlich tile. ​ Ein weiteres Beispiel sind die im Deutschen völlig unterschiedlichen Worte Bewusstsein und Gewissen. Im Englischen klingen die beiden Worte wesentlich ähnlicher, nämlich consciousness und conscience. Das Französische kennt für beides nur einen Begriff: conscience; auch das Italienische kommt mit einem Wort aus: coscienza. Was jeweils gemeint ist, muss sich aus dem Kontext ergeben. Derartige Homonyme, also Worte mit mehreren Bedeutungen, bereiten in der eigenen Sprache kaum Schwierigkeiten, aber Fremdsprachlern können sie wegen der zwingenden Kontextabhängigkeit durchaus größere Probleme bereiten. Dass man im Deutschen manchmal ein Türscharnier und manchmal einen Haken für den Fischfang meint, bereitet Deutschsprachigen kein Problem, obwohl es nur einen Begriff gibt: Angel. Auch bei dem Wort Schloss ist jedem Muttersprachler sofort klar, ob damit ein Türschloss oder ein Prunkbau gemeint ist. Der Kontext liefert die Erklärung. Dass aber völlig unterschiedliche Dinge dieselbe Bezeichnung tragen, ist für Nicht-Muttersprachler nicht immer einfach zu verstehen. ​ Es gibt inzwischen eine große Literaturauswahl zur kulturvergleichenden Linguistik. Die Erkenntnisse unterstreichen sehr deutlich: Die Sprache beeinflusst die Wahrnehmung und sie formt das Denken. Am leichtesten lässt sich dies an extremen Beispielen fremder Kulturen verdeutlichen. Die Müller-Lyersche Täuschung funktioniert nicht bei Menschen aus Rundhaus-Kulturen. Bei dieser optischen Täuschungen liegen zwei gleichlange Striche nebeneinander; die beiden Enden der Striche münden in Pfeilspitzen, die jedoch bei einem Strich nach innen und beim anderen Strich nach außen gerichtet sind. Der Strich mit den nach innen gerichteten Pfeilspitzen erscheint Europäern länger als der andere Strich. Europäer sind es gewohnt, mit Winkeln zu leben, sie zu zeichnen, zu bauen und zu benennen. Mitgliedern von Rundhauskulturen fehlt sowohl die Erfahrung als auch die Begrifflichkeit. Sie sehen bei diesem Test keinen Unterschied zwischen den Linien. Es existieren zahlreiche Sprachen mit einem stark reduzierten Farbvokabular. Die Agata-Kultur auf den Philippinen kennt nur drei Farbwörter; die Hanunoo auf den Philippinen haben vier Kategorien, nämlich schwarz, weiß, rot und grün; die Bewohner der polynesischen Insel Bellona verwenden nur Farbwörter für hell, für dunkel/schwarz und für rot. Von 225 untersuchten Sprachen haben 47 nur einen Begriff für grün und blau. Es wurde nachgewiesen, dass die Möglichkeit der Farbbenennung die subjektive Wahrnehmung von Farbverläufen und -schattierungen beeinflusst. Die Piraha aus dem Amazonas-Gebiet verfügen nur über einen sehr eingeschränkten Wortschatz für Zahlen – und können deutlich schlechter zählen und rechnen als andere Volksgruppen. Guugu Yimithirr in Australien und Tzeltal in Mexico gehören zu den Sprachen, die die Begriffe links und rechts nicht kennen. Stattdessen orientieren sie sich bei räumlichen Angaben an den Himmelsrichtungen. Diese Sprachmitglieder tragen ständig einen inneren Kompass mit sich herum und begreifen Positionen von Gegenständen daher auch anders als wir. Der Stift liegt dann nicht links neben dem Telefon, sondern südlich vom Telefon. Menschen dieser Sprachen können sich in einer fremden Umgebung wesentlich besser zurechtfinden als die meisten Europäer. Koreaner kennen ein ungewöhnliches Gefühl, das Amerikanern, Chinesen, Japanern und Europäern fremd ist. Auf Koreanisch heißt es Jeong. Es beschreibt eine Kraft, die zwei Menschen, die miteinander zu tun haben, verbindet – unabhängig davon, ob man sich mag oder nicht. Daraus ergibt sich eine empfundene gegenseitige Verpflichtung, die die Grundlage zahlreicher Konflikte darstellt. „Nur wenn man weiß, was jeong ist, kann man verstehen, was das Wort bedeutet. Wenn du nicht weißt, worauf ein Wort abzielt, kannst du es auch nicht verstehen.“[10] Diese und viele weitere Beispiele belegen, dass Sprache einen großen Einfluss darauf hat, wie Menschen Raum, Zeit, Kausalität und zwischenmenschliche Beziehungen wahrnehmen, wie Sprache Denkweisen beeinflusst, Wissen erzeugt und Realitäten konstruiert. Unterschiedliche Denkweisen, Realitäten und die sich daraus entwickelnden Verständnisprobleme entstehen jedoch nicht nur zwischen verschiedenen Sprachen, sondern auch innerhalb einer Sprache. Fast jede Berufssparte hat ihr eigenes Fachvokabular für Objekte, Prozesse und Eigenschaften. Häufig werden sogar dieselben Dinge von verschiedenen Berufsvertretern unterschiedlich bezeichnet. Besonders bei Ärzten, Bänkern und Juristen dauert es recht lange, bis man versteht, was diese Leute eigentlich meinen. Sie verwenden Begriffe und Abkürzungen, die nicht Bestandteil unserer Alltagssprache sind. Und manchmal sind es nicht nur die Begrifflichkeiten, sondern auch die Denkstrukturen, denen man nicht folgen kann. In den meisten Berufen lernt man während der Ausbildung nämlich nicht nur ein Was, sondern auch ein Wie. Man lernt neue Inhalte und man lernt, wie man gedanklich mit diesen Inhalten umzugehen hat. So entsteht manchmal der Eindruck, dass beispielsweise die Schnittmenge zwischen der juristischen Logik und der eigenen Logik nicht allzu groß ist. Auch die Insidersprache verschiedener militärischer Gattungen und Einheiten verursacht bei den meisten Zivilisten besonders tiefe Stirnfalten. ​ Eine beeindruckende neurolinguistische Studie belegt, dass synchronisierte neuronale Prozesse im Gehirn des Sprechers und dem des Zuhörenden die Voraussetzung für Verstehen sind[11]. Die räumlich-zeitlichen Hirnaktivitäten von Sprechern, die die Aufgabe hatten, eine Anekdote aus ihrem Leben zu erzählen, wurden per fMRT aufgezeichnet und mit den Aktivitätsmustern der Zuhörer verglichen, die man dafür ebenfalls in einen Tomographen legte. Die Aktivitätsmuster der sprechenden und der zuhörenden Gehirne wurden miteinander verglichen und die Zuhörer wurden zudem anschließend gebeten, den Inhalt des Gehörten zu wiederholen. Auf diese Weise wollte man eine Korrelation zwischen Verstehen und neuronaler Aktivität erstellen. Dabei stellte sich heraus, dass das zuhörende Gehirn bezüglich der Aktivitätsmuster zeitlich dem redenden Gehirn immer etwas hinterher lief, an manchen Stellen jedoch zeitlich voraus war. Offenbar gibt es Areale, die Hypothesen für den weiteren Verlauf der Geschichte erstellen – ein weiterer Beleg für die erwähnte Idee des Hypothesen testenden Gehirns. Diejenigen Probanden, die anschließend die gehörte Geschichte besonders fehlerfrei wiedergeben konnten, wiesen auch die stärksten Übereinstimmungen in den neuronalen Aktivitätsmustern des Erzählers auf. Unterhaltung bringt Gehirne offenbar in Gleichklang. Aber nur, wenn sie sich verstehen. Synchronisierungen wurden in verschiedenen Hirnbereichen festgestellt, unter anderem in solchen für die Produktion und das Verständnis von Sprache, also im auditorischen Cortex, im superioren temporalen Gyrus, im Wernicke-Areal, im Broca-Areal, in der Insula, aber auch in klassischen Spiegelneuronen-Bereichen des Temporallappens und des inferioren frontalen Gyrus. Eine weitere synchronisierte Gruppe ist an der Verarbeitung semantischer und sozialer Aspekte der Geschichte beteiligt, unter anderem der dorsolaterale präfrontale Cortex, der orbitofrontale Cortex, das Striatum und der mediale präfrontale Cortex. Verstehen basiert demnach auf einer Verknüpfung zahlreicher assoziativer Zwischenstationen, deren Inhalt und Resultat bei den Gesprächsteilnehmern möglichst ähnlich sein sollte. Erst dann kann der Zuhörer sagen: „Ich weiß, was Du meinst“ und der Sprecher kann der Überzeugung sein: „Ja, Du hast mich verstanden.“ ​ 10. Neurosoziologische Ebene: Die Macht der Gemeinschaft ​ Selbstverständlichkeiten des eigenen Kulturkreises sind nur schwer zu erkennen, da wir nahezu unbemerkt mit ihnen aufwachsen. Aber durch Vergleiche mit anderen Kulturen offenbart sich, wie groß der Einfluss der tradierten Verhaltensweisen auf unsere individuelle Wahrnehmung ist. ​ Der niederländische Kulturanthropologe Geert Hofstede hat als ein besonders markantes kulturelles Unterscheidungsmerkmal die Aspekte individualistisch und kollektivistisch identifiziert. In den USA oder in Europa werden individuelle Freiheitsrechte betont, während in vielen asiatischen und auch afrikanischen Ländern der Schutz und der Erhalt der Gruppe im Vordergrund steht. In der experimentellen Forschung hat es sich inzwischen eingebürgert, die verschiedenen kulturellen Erscheinungen und Traditionen grob in einen westlichen und in einen fernöstlichen Kulturkreis zu unterteilen. Danach herrscht in westlichen individualistischen Kulturen ein eher analytischer, kriteriumsbasierter Denkstil während in östlichen kollektivistischen Kulturen ein holistischer, relationaler Denkstil vorherrscht. ​ Diese tradierten Sozial- und Denkstrukturen nehmen großen Einfluss auf das Selbstbild der Menschen[12]. Eine westliche, individualistische Selbstsicht wird als independentes Selbstkonzept bezeichnet, eine kollektivistische Selbstsicht dagegen als interdependentes Selbstkonzept. Menschen independenter Kulturen neigen dazu, sich durch interne Merkmale zu beschreiben, durch sie sich von anderen unterscheiden. Mitglieder interdependenter Kulturen dagegen definieren sich eher über die Beziehungen zu anderen Menschen. Während also der Individualist eher sagen würde „Ich bin sehr musikalisch.“ formuliert der Kollektivist eher „Ich spiele in einem Orchester.“ Bittet man einen Probanden, sich aus einem Sortiment Kugelschreiber, die alle blau und nur einer orange ist, einen auszuwählen, wählt der Individualist in den meisten Fällen den orangefarbenen, der Kollektivist hingegen in den meisten Fällen einen blauen Kugelschreiber. Der eine will als Individuum, der andere als Teil einer Gruppe angesehen werden. ​ Dass sich das kulturell geprägte Selbstkonzept auch auf die neuronale Ebene niederschlägt, konnte von der in Peking arbeitenden Neurowissenschaftlerin Ying Zhu und ihrem Team bewiesen werden[13]. Probanden aus Peking und New York sollten, im Hirnscanner liegend, eine Reihe von Adjektiven danach beurteilen, ob diese auf die eigene Mutter, auf sich selbst oder auf Bill Clinten (für die amerikanischen Probanden) bzw. auf Rongji Zhu (für die chinesischen Probanden) zutraf. Entschieden die Probanden, ein bestimmtes Adjektiv passe zu ihnen selbst, stieg die Aktivität im medialen präfrontalen sowie im anterioren cingulären Cortex. Passte es eher zu Clinton oder Zhu, konnte keine Aktivitätszunahme gemessen werden. Ein sehr deutlicher kultureller Unterschied zeigte sich jedoch, wenn es um Adjektive ging, die die Probanden ihrer Mutter zuordneten. Bei den Chinesen glich die Aktivität der beiden Cortexareale den Mustern, die sich zeigten, wenn sie Adjektive sich selbst zugeschrieben hatten. Nicht so bei den US-Amerikanern. Die Beurteilung der eigenen Mutter erzeugte Signale, die sogar eher denen glichen, die bei der Clinton-Bewertung auftraten. Das bedeutet, dass bei Asiaten die für das Ich-Konzept entscheidenden Cortexregionen auch dann aktiviert werden, wenn die Probanden an die eigene Mutter dachten. Asiaten sind wesentlich enger als Amerikaner in soziale Beziehungen eingebunden, besonders in die zur Mutter. Eine kulturell geprägte Sichtweise kann man also sogar auf neuronaler Ebene nachweisen. ​ Kulturell unterschiedliche Grundeinstellungen haben außerdem vielfältige Konsequenzen hinsichtlich verschiedener Wahrnehmungskompetenzen. So können sich circa 75 % der Kleinkinder aus westlichen Kulturen ab einem Alter von 18 bis 20 Monaten selbst im Spiegel erkennen, aber nur 15 % der gleichaltrigen Kinder des afrikanischen Stammes Nso[14]. Der Spiegelerkennungstest dient als Nachweis für die Existenz einer inneren Repräsentation der eigenen Person. Die unterschiedliche Entwicklung der Kleinkinder beruht, so die Forscher, nicht auf unterschiedlicher Intelligenz oder unterschiedlicher Vertrautheit im Umgang mit Spiegeln, sondern beruht auf einem unterschiedlichen Umgang der Eltern mit ihren Sprösslingen. Westliche Eltern nehmen deutlich häufiger Blickkontakt mit ihren Kindern auf und imitieren deren Gestik und Mimik. Insgesamt führt das Verhalten westlicher Eltern dazu, dass ihre Kinder sehr früh erfahren, dass ihr eigenes Verhalten Konsequenzen für andere Menschen hat. Das wiederum führt zu der Fähigkeit, das eigene Ich von der sozialen Umgebung als getrennt wahrnehmen zu können, es fördert die mentale Repräsentation der eigenen Person. In Kamerun, wo der Stamm Nso beheimatet ist, wird jedoch nicht das individualistische, sondern das kollektivistische Sozialmodell favorisiert, was zur Folge hat, dass bei den Kleinkindern die Fähigkeit zur inneren Trennung zwischen Ich und Wir zeitlich etwas verzögert einsetzt. Sozialverhalten beeinflusst also die Wahrnehmung. ​ Das gilt auch für eine weitere kulturvergleichende Untersuchung, bei der die unterschiedlich gearteten Erinnerungsleistungen von Japanern und Amerikanern miteinander verglichen wurden. In der inzwischen sehr berühmten Studie von Nisbett und Masuda wurden japanischen und US-amerikanischen Versuchspersonen ein Unterwasser-Video gezeigt, in dem im Vordergrund verschiedene größere Fische und im Hintergrund kleinere Tiere und Pflanzen zu sehen waren[15]. Nach Betrachtung des Films sollten die Probanden auf Einzelbildern identifizieren, ob der jeweils präsentierte Fisch auch im Video zu sehen gewesen war. Bei einigen der Bilder entsprach der Hintergrund dem des Videos, bei anderen war der Bildhintergrund verändert. Die Erinnerungsleistung der Japaner war immer bei den Bildern deutlich besser als das der Amerikaner, wenn der Hintergrund des Testbildes mit dem des Videos identisch war. Die Erinnerungsleistung der Amerikaner dagegen war immer dann besser als das der Japaner, wenn es um Bilder ging, bei dem der Bildhintergrund ein anderer war als im Video. Die Autoren erklären das Resultat damit, dass die einem interdependenten Kulturkreis angehörenden Japaner die Filmszenen holistisch, also in ihrer kontextgebundenen Gesamtheit wahrnehmen, während die independenten Amerikaner ihren Wahrnehmungsfocus auf Einzelobjekte legen. Östliche holistische gegen westliche analytische Sichtweise – und die wiederum beeinflusst die Gedächtnisleistung. ​ Auch im Bereich der sozialen Wahrnehmung gibt es deutliche Unterschiede zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen. Besonders auffällig ist der Unterschied bei der Beurteilung anderer Menschen. Der Terminus „fundamentaler Attributionsfehler“ beschreibt den Fehler, bei einer Beurteilung von Verhaltensweisen anderer Menschen nicht den Kontext mit zu berücksichtigen, sondern die Ursache für die beobachtete Verhaltensweise der Charakterstruktur der handelnden Person zuzuschreiben. Anders formuliert: Der Attributionsfehler besteht darin, die Ursache für das Verhalten eines Menschen in ihm selbst begründet zu sehen, nicht in der aktuellen Rahmensituation. Wenn uns also ein Kellner unhöflich bedient, halten wir ihn schnell für einen unfreundlichen, dreisten Menschen, und zwar ganz allgemein. Dass der Kellner aber unhöflich ist, weil er gerade erfahren hat, dass sein Kollege heute nicht kommt, dafür aber gerade zwei Reisebusse den Raum gestürmt haben, beziehen wir in unser Urteil in aller Regel nicht mit ein. Das ist mit dem Begriff „fundamentaler Attributionsfehler“ gemeint. Und der ist bei individualistisch-westlichen Personen wesentlich deutlicher ausgeprägt als bei kollektivistisch-östlichen Menschen. ​ Wie schnell Kinder ein Gefühl für Fairness entwickeln, hängt offenbar auch mit dem Kulturkreis zusammen, in dem sie aufwachsen[16]. Die Forscher testeten bei 866 Kindern im Alter zwischen 4 und 15 Jahren, wie sich diese in einem Spiel verhalten, wenn sie gegenüber dem Mitspieler bevorzugt oder benachteiligt werden. Die Kinder stammten aus Kanada, Indien, Mexiko, Peru, dem Senegal, Uganda und den USA. An einem Tisch saßen sich immer zwei Spieler gegenüber. Ein Entscheider und sein Mitspieler. Der Versuchsleiter legte zwei Belohnungspäckchen auf den Tisch, eines für den Entscheider, eines für den Mitspieler. Die Päckchen waren manchmal gleich groß, manchmal unterschiedlich groß. Der Entscheider konnte der Belohnungsverteilung zustimmen, dann bekam jedes Kind die ihm zugewiesene Belohnung, oder aber er konnte ablehnen, dann gingen beide Probanden leer aus. Kinder und Jugendliche aller Nationen lehnten regelmäßig Belohnungen ab, wenn sie sich übervorteilt sahen, ihr Mitspieler also deutlich mehr bekäme als sie selbst. Kinder aus den USA und aus Kanada lehnten derart ungerechte Angebote bereits im Alter von 4 bis 6 Jahren ab. Kinder aus Mexiko erst ab einem Durchschnittsalter von 10 Jahren. Die Auswertung ergab noch eine weitere Überraschung: Kinder aus Kanada, den USA und Uganda stimmten auch solchen ungleichen Angeboten nicht zu, bei denen sie selbst bevorzugt und der Mitspieler benachteiligt worden wären. Die Forscher interpretierten die Ergebnisse ihrer Untersuchung unter anderem damit, dass Eltern westlicher Nationen ihre Kinder eher zu Unabhängigkeit, Autonomie und Eigenverantwortlichkeit erziehen als Eltern östlicher Nationen. Das hat für die Kinder und Jugendlichen wiederum die Konsequenz, sich möglichst früh bei anderen beliebt zu machen, möglichst früh einen guten Eindruck zu hinterlassen. Unbeliebte Individualisten werden zu einsamen Individualisten. Dass aus den kanadischen und US-amerikanischen Kindern allerdings besonders faire Erwachsene werden, lässt sich aus dieser Studie natürlich nicht ableiten. Grundsätzlich aber ist diese Untersuchung ein weiteres Beispiel dafür, dass unterschiedliche Lebensgewohnheiten unterschiedliche Fähigkeiten hervorbringen. 11. Neurosoziologische Ebene: Gruppen in der Gruppe ​ Jegliche Sozialisierung hinterlässt neuronale Spuren. Diese fallen umso markanter aus, je früher die Sozialisationsprozesse einsetzten. Besonders beim Erlernen einer Sprache oder eines Instruments, beim Erlernen eines Berufs oder der Erlangung eines Führerscheins fällt deutlich auf, dass eine Binsenweisheit durchaus nicht falsch ist: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Früh Erlerntes vergisst und verlernt man nicht so schnell, aber ein Neulernen, und ganz besonders ein Umlernen fällt mit der Zeit immer schwerer. ​ Im Laufe verschiedener Lernprozesse entsteht eine charakteristische Kombination neurophysiologisch basierter und generierter Selbstverständlichkeiten und diese wiederum erzeugen auch entsprechende Erwartungshaltungen. Sozialisierungsprozesse beeinflussen das Bild von der Welt, in der wir leben, und sie beeinflussen das Bild von der Welt, wie sie unserer Meinung nach sein sollte. Die Straße, in der wir aufwachsen, die Schule, die wir besuchen, der Beruf, den wir erlernen, die Gegend, in der wir wohnen, und besonders der Freundeskreis prägen und beeinflussen unbemerkt unser Denken, unsere Wahrnehmung, unsere Einstellungen und Überzeugungen. ​ Ein Grundelement nahezu aller Sozialisierungsprozesse ist das Erlernen von Kategorisierungen. Damit ist die Bildung von Gruppen aus Einzelelementen gemeint als auch deren Attribuierung, also die Zuordnung von bestimmten Eigenschaften. Je nach Sozialisierungen können völlig unterschiedliche Gruppierungen und Attribuierungen entstehen. Dass es darin überhaupt grundsätzliche Unterschiede geben kann, fällt in aller Regel erst dann auf, wenn man auf Menschen trifft, die mit anderen Kategorisierungsschemata arbeiten. Bleibt man – sozusagen – unter sich, fallen einem die eigenen Schemata gar nicht auf, da die einmal erlernten und verinnerlichten Kategorisierungskonzepte unbewusst verwendet werden. Bittet man asiatische und amerikanische Probanden, auf einem Bild, das eine Kuh, einen Affen, Grasbüschel und eine Banane zeigt, einzukreisen, was ihrer Meinung nach zusammengehört, ziehen die meisten Amerikaner um die beiden Tiere und um die beiden Pflanzen jeweils einen Kreis. Die meisten Asiaten jedoch kreisen den Affen zusammen mit der Banane und die Kuh zusammen mit dem Gras ein. Amerikaner kategorisieren nach den Eigenschaften der Einzelelemente (Kuh und Affe sind beides Tiere), während Asiaten eher entsprechend der Beziehung zwischen den Einzelelementen kategorisieren (eine Kuh frisst Gras). ​ Aber auch innerhalb eines Kulturkreises gibt es teilweise riesige Unterschiede in den Kategorisierungskonzepten. Eine Kindergärtnerin unterteilt im Geiste eine Kinderschar nach ganz anderen Kriterien als beispielsweise eine Kinderärztin oder eine Modedesignerin. Die Abwicklung eines Wohnungskaufs planen und durchdenken Notare, Kreditgeber und Käufer nach unterschiedlichen Kriterien und Wichtigkeiten. Die Entstehung und Entwicklung der lebenden Welt sehen und interpretieren Biologen völlig anders als beispielsweise Anhänger des Kreationismus. Und ein Kammerjäger hat wiederum einen anderen Blick auf bestimmte Lebewesen als sowohl Biologen als auch Kreationisten. Jemand, der gerne Fleisch ist, wird Schulter, Nacken, Lende, Hinterkeule und Rippe deutlich voneinander unterscheiden können, während ein überzeugter Vegetarier solche Unterscheidungen gar nicht erst treffen möchte. Und alle zusammen könnten durchaus in einem gemeinsamen Haus friedlich zusammenleben. Unter der Voraussetzung, dass jeder bereit ist zu akzeptieren, dass man die Welt auch anders sehen und bewerten kann und anders sehen und bewerten darf. ​ Wie erwähnt betreffen Kategorisierungen nicht nur die Bildung von Gruppen, sondern auch die Bewertung der Gruppen und seiner Einzelelemente. Es geht nicht nur darum, zu erkennen, was zusammengehört, sondern auch darum, zu wissen, was gut und was schlecht ist. Vorurteile sind diesbezüglich ein wichtiges, aber auch sehr heikles Thema. Niemand kann sich völlig frei davon sprechen, denn es gehört zu unserem angeborenen Verhaltensrepertoire, schnell gruppieren und bewerten zu können. Das erspart dem Gehirn den Energie- und Zeitaufwand, immer wieder jeden Einzelfall unter die Lupe nehmen zu müssen. Dass es weder aus praktischen noch aus moralischen Gründen sinnvoll und hilfreich ist, auf seinen Vorurteilen zu beharren, ist allgemein bekannt. Kürzlich wurde eine Entdeckung gemacht, die ein weiteres gewichtiges Argument liefert, seine eigenen Vorurteile zu überdenken und nach Möglichkeit und Situation zu verändern. Der Neuropsychologe Jonathan Freeman und der Neurosoziologe Ryan Stolier haben herausgefunden, dass Vorurteile unsere Wahrnehmung manipulieren[17]. Probanden wurden im fMRT Fotos mit verschiedenen Gesichtern präsentiert, Männer und Frauen unterschiedlicher Hautfarbe und mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken. Besonderes Interesse legten die Forscher auf die Aktivität des orbitofrontalen Cortex und des Gyrus fusiformis, der sich langgestreckt im unteren Temporallappen befindet und eine bedeutende Rolle bei der Gesichtererkennung spielt. Die Aktivitätsmuster dieser beiden Regionen spiegelten die sozialen Vorurteile der Probanden sehr deutlich wider. Die Vorurteile wurden vorher in einem Test ermittelt, bei dem die Probanden aufgefordert waren, den auf einem Bildschirm präsentierten Gesichtern per Mausklick möglichst schnell eine von zwei Attributen zuzuordnen. Dabei wurde jedoch – und das war der Trick dieser Geschichte – hauptsächlich die erste spontane Bewegung der Hand, die die Maus geführt hat, um auf dem Bildschirm das ausgewählte Textfeld anzuklicken, ausgewertet. Die erste spontane Reaktion bei der Bewertung wies deutlicher auf das eigentlich gemeinte Urteil hin, als das tatsächlich ausgewählte Kriterium. Beide Daten, die fMRT-Auswertung und die unbewussten Handzuckungen, wurden anschließend zusammengeführt und ausgewertet. Das Resultat war folgendes: Die Aktivität des Gyrus fusiformis war beim Anblick eines aggressiven Gesichts nahezu identisch mit der Aktivität beim Anblick eines Gesichtstyps, dem gegenüber der Proband ausgeprägt negative Vorurteile hatte. Anders formuliert könnte man auch sagen, dass unser Gehirn Gesichter so verarbeitet, dass sie unseren Vorurteilen und Klischees besser entsprechen. Wer zum Beispiel Männer einer bestimmten Hautfarbe grundsätzlich aggressive Eigenschaften unterstellt, dessen Gehirn reagiert auf ein neutrales Gesicht der Vorurteilsgruppe so, als ob es ein aggressives Gesicht sähe. Das Gehirn reagiert demnach auf das verinnerlichte Vorurteil. Der Grad der stereotypen Assoziationen beeinflusst, in welchem Ausmaß das Gehirn die Wahrnehmung verzerrt. Was man dann tatsächlich wahrnimmt, ist das, was den Erwartungen entspricht. Und genau das ist das Brisante an dieser Entdeckung: Unser Gehirn bestätigt sich die eigenen Vorurteile selbst. ​ ​ 12. Neurosoziologische Ebene: Zusammenfassung Wissenschaft:Sprache hat einen großen Einfluss darauf hat, wie Menschen Raum, Zeit, Kausalität und zwischenmenschliche Beziehungen wahrnehmen; Sprache beeinflusst Denkweisen, erzeugt Wissen, konstruiert Realitäten und sie ist die Grundlage für bestimmte synchronisierte neuronale Prozesse, nämlich für Verstehen. ​ Praxis: Bei einem beruflich gemischten Auditorium sollte jeder Beteiligte unbedingt darauf achten, keine berufstypischen Fachausdrücke und erst recht keinen „Laborjargon“ zu verwenden. Auch wenn es mehr Zeit in Anspruch nimmt, sollten Sie eine für alle verständliche Sprache benutzen. Besonders heikel sind Situationen, in denen man eine Fremdsprache verwenden muss. Nicht jedes Wort, nicht jede Redewendung, nicht jede Aussage lässt sich unmittelbar von der einen in eine andere Sprache übertragen. Wenn zur sprachlichen Herausforderung noch eine kulturelle hinzukommt, ist großes Fingerspitzengefühl gefragt. Den meisten Vertretern des fernöstlichen Kulturkreises verbietet es sich, zuzugeben, etwas nicht verstanden zu haben. Vorsichtiges Nachfragen zum Verständnis wird fast immer mit einem lächelnden Nicken beantwortet. Niemand kommt in Bedrängnis und niemand muss befürchten, sein Gesicht zu verlieren, wenn Sie von vornherein das Tempo drosseln, weit ausholen und sehr detailliert erzählen. Dasselbe gilt für den Schriftverkehr. Gehen Sie davon aus, dass nur die Wenigsten bei Verständnisproblemen den Mut haben, Rückfragen stellen. Tun Sie es? Sie sollten! ​ Wissenschaft: Aufgrund zahlreicher Untersuchungen kann man grob einen westlichen und einen östlichen Kulturkreis voneinander unterscheiden. Der westliche ist gekennzeichnet durch Betonung des Individualismus und des analytischen, kriteriumsbasierten Denkstils. Der östliche Kulturkreis ist gekennzeichnet durch Betonung der Gemeinschaft und eines holistischen, relationalen Denkstils. Jede dieser tradierten Verhaltensmuster haben nachweislich neuropsychologische Auswirkungen und zwar hinsichtlich des Selbstkonzepts, bestimmter Wahrnehmungskompetenzen, der Gedächtnisleistung und verschiedener sozialer Kompetenzen. ​ Praxis: Besonders dann, wenn es um internationale, interkulturelle Beziehungen geht, ist eine möglichst genaue Kenntnis der anderen Kulturen sehr hilfreich. Wer der Ansicht ist, es sei diskriminierend oder rassistisch, sich über den kulturellen Hintergrund seiner Geschäftspartner zu informieren, hat die wichtigsten Zusammenhänge nicht verstanden. Bestimmte kulturell tradierte Selbstverständlichkeiten beeinflussen und prägen neuropsychologische Mechanismen, die sich wiederum in charakteristischen Verhaltensweisen und Fähigkeiten niederschlagen. Diese zu kennen und sich darauf einzustellen kann für alle Beteiligten nur von Vorteil sein. In den Sozialstrukturen gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen individualistisch und kollektivistisch. Und in den Denkstrukturen gibt es einen nicht minder deutlichen Unterschied zwischen analytisch und holistisch. Gerade weil es sich um kulturell etablierte Selbstverständlichkeiten handelt, öffnet sich hier ein großes Einfallstor für die ungewollte Entstehung von Missverständnissen und Unhöflichkeiten. ​ Wissenschaft: Jeder Mensch ist Mitglied verschiedener sozialen Gruppen. Die Gruppen können sich überschneiden, müssen es aber nicht. Sie entstehen auf Grund bestimmter gemeinsamer Eigenschaften der Gruppenmitglieder und die Menge der Gemeinsamkeiten bestimmt die Stabilität und den Grad des Zusammenhalts der Gruppe. Das stärkste Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht durch gemeinsame Denkstrukturen. Diese Denkstrukturen formen bestimmte, für diese Gruppe typischen Wirklichkeiten, an deren Entstehung autonom arbeitende neuronale Wahrnehmungsprozesse einen großen Anteil haben. ​ Praxis: Es stellt für jeden Einzelnen eine große Herausforderung dar, verschiedene Überzeugungen, verschiedene Selbstverständlichkeiten, verschiedene Ansichten in Einklang miteinander zu bringen. Die Tatsache, dass unsere Gehirne unsere Vorurteile selbst bestätigen, erklärt, warum es so schwer fällt, Dinge auch einmal anders, aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Es gibt nur eine Möglichkeit, solchen Automatismen zu entkommen: Man muss sie sich bewusst machen. Wenn eine Diskussion festgefahren ist, liegt es fast immer an einer ganz bestimmten Eigenschaft einiger Leute: an ihrer Sturköpfigkeit, also an der Unfähigkeit zum mentalen Positionswechsel. Dann muss man versuchen herauszufinden, ob es sich dabei um ein Nicht-Können oder um ein Nicht-Wollen handelt. Das Nicht-Wollen muss man akzeptieren. Das Nicht-Können jedoch basiert in den meisten Fällen auf psychologischen und neuronalen Automatismen. Und diese kann man verändern, wenn man sie sich bewusst macht. ​ 13. Neuropsychologische Ebene: Komponenten der Persönlichkeit Jeder von uns neigt dazu, die Persönlichkeit anderer Menschen spontan einzuschätzen, und offenbar tun wir das nach sehr ähnlichen Schemata. Bereits 1966 veröffentlichte der US-amerikanische Psychologe David Bakan ein Buch mit dem Titel „The Duality of Human Existence“. Darin beschrieb er zwei Hauptkriterien, nach denen wir sowohl andere Menschen als auch uns selbst bewerten. Er nannte die beiden Eigenschaften Agency und Communion. Bedauerlicherweise sind diese Begriffe nur schwer ins Deutsche zu übersetzen, daher haben sich in der Fachliteratur die englischen Termini etabliert. Agency bezieht sich auf die Faktoren Kompetenz und Kontrolle, Communion auf die Faktoren Gemeinschaft und Kooperation. Bakan behauptete, diese beiden Faktoren würden genügen, um eine Person hinreichend beschreiben und charakterisieren zu können. Die Lebensdauer derartiger Modelle innerhalb der Forschergemeinschaft ist in aller Regel recht kurz, doch eben dieses Konzept hat sich bis heute erhalten und konnte vielfach bestätigt werden[18]. Hin und wieder werden andere, aber ähnliche Begriffe verwendet wie beispielsweise das Begriffspaar Bedürfnis nach Leistung versus Bedürfnis nach Anschluss oder ein anderes Begriffspaar: Autonomie versus Bindung. Inhaltlich ist jedoch immer etwas sehr Ähnliches gemeint. ​ Agency und Communion werden auch als „The big two“ bezeichnet, da sich diese beiden Grunddimensionen in fast allen Bereichen des alltäglichen Miteinanders wiederfinden. Sie haben sich als feste Maßstäbe unserer sozialen Urteilsbildung etabliert. Allerdings sind sie auch Bestandteil von Vorurteilen, denn Stereotype, also Klischeevorstellungen, beinhalten immer auch Annahmen über die beiden Kriterien Agency und Communion, oder mit anderen Worten, über die Kriterien Kompetenz und Warmherzigkeit. Besonders bei geschlechtsspezifischen Rollenvorstellungen macht sich dieser Dualismus deutlich bemerkbar. Wie selbstverständlich werden Männer automatisch mit den Eigenschaften Kompetenz und Kontrolle, und Frauen mit den Begriffen Gemeinschaft und Kooperation in Zusammenhang gebracht. Je weniger eine Person dieser Klischeevorstellung entspricht, desto respektloser wird sie in bierseligen Stammtischrunden betitelt – Weichei und Emanze sind noch die harmlosesten Entgleisungen. Dieser Kategorisierungsautomatismus macht natürlich auch vor Personen des öffentlichen Lebens keinen Halt. So äußerte sich die US-amerikanische Fernsehmoderatorin Rachel Maddow, die sich selbst als politisch links und feministisch bezeichnet, über die Art der Meinung, das sich viele Menschen über Hillary Clinton gebildet haben: All das, was einem männlichen Kandidaten ohne zu Zögern auf der Plusseite angerechnet würde, würde bei Hillary zum Makel einer Frau. ​ Interessanterweise werden Menschen fast immer in einer der beiden Dimensionen hoch und in der anderen niedrig eingestuft. Nur selten schreibt man einem Menschen für Agency und Communion gleich große Kompetenzen zu. Das Urteil über den Grad der Freundlichkeit und der Vertrauenswürdigkeit, also über Communion, wird dabei immer als erstes gefällt. Offenbar ist der dieser Bewertung zugrunde liegende neuropsychologische Verarbeitungsmechanismus schneller als der für die Bewertung der fachlichen Kompetenz und des Durchsetzungsvermögens, also der Agency. Evolutionsbiologisch betrachtet macht das durchaus Sinn, denn die für das Überleben wichtigste und somit erste Entscheidung, die gefällt werden muss lautet: Freund oder Feind. ​ Wann wir welchen Typus bevorzugen, hängt sehr stark vom aktuellen sozialen Kontext ab. Einen gemütlichen Abend verbringen wir lieber mit Menschen, denen wir große Fähigkeiten in dem Bereich Communion zusprechen. Als Führungskraft für eine Abteilung wünscht man sich eher einen Menschen, dessen Fähigkeiten im Bereich Agency liegen. Doch gerade in dieser Dimension gibt es offenbar ein Problem: Es gibt hier einen großen Unterschied in der Selbst- und in der Fremdwahrnehmung. Fast jeder hält sich für sozial, aber die Einschätzung der eigenen Kompetenzen variieren teilweise sehr stark. Doch immer dann, wenn wir vermuten, dass es auf unsere Reputation, unser Ansehen, unsere Zuverlässigkeit ankommt, handeln wir entsprechend unseren agentischen Eigenschaften. Wir halten uns für sozial, präsentieren uns jedoch als kompetent – ein ziemlich verwirrendes Spiel mit Wirklichkeiten. Aber dieses Spiel betreibt offenbar jeder, sowohl als Zuschauer als auch als Akteur. ​ ​ 14. Neuropsychologische Ebene: Irritierendes Verhalten ​ „The big two“ stellen ein Modell dar, nach dem wir uns und andere bewerten. In aller Regel scheint dieses Modell zu funktionieren, und es wird überall und von jedem angewandt. Doch es gibt auch Situationen, in denen es nicht funktioniert, und zwar dann, wenn die Erwartungen an den anderen Menschen nicht erfüllt werden. Gleiche Erfahrungen erzeugen die Erwartungshaltung, dass ähnliche Voraussetzungen zu einem ähnlichen Resultat führen. Doch manchmal trifft man auf Menschen, bei denen das eigene Hypothesen testende Gehirn erkennt, dass die Hypothese bezüglich des Gegenübers wohl nicht korrekt war. ​ Ein häufiger Prognosefehler hat seine Ursache darin, dass Menschen nicht jederzeit in derselben Grundstimmung sind und sich daher auch nicht immer auf die gleiche Weise verhalten. Ein und derselbe Auslöser kann bei einem Menschen in einer Situation zu einem leichten Grinsen, in einer anderen Situation jedoch zu einer verbalen Explosion führen. Je nach aktueller Stimmungslage. Da jeder derartige Verhaltensänderungen von sich selbst kennt, lösen solche unvorhergesehenen Reaktionen in aller Regel lediglich kurzfristige Irritationen aus, mehr aber nicht. Als Beobachter sollte man jedoch immer darauf achten, nicht in die Falle der bereits erwähnten fundamentalen Attributionsfehler zu laufen. Die Ursache des unvorhergesehenen Ausbruchs liegt nämlich in den meisten Fällen nicht in der grundlegenden Charakterstruktur der beobachteten Person begründet, sondern in der vorhergegangenen Situation, die man eventuell gar nicht kennt. Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit dem unhöflichen Kellner und erweitern die Situation um einen weiteren unhöflichen Kellner. Beide Kellner, die wir zum ersten Mal sehen, halten wir auf Grund ihres Verhaltens uns gegenüber für grundsätzlich unhöfliche Menschen. Einige Tage später besuchen wir das Restaurant erneut und treffen wieder auf die beiden Kellner. Einer erscheint nun wie die personifizierte Höflichkeit, der andere nach wie vor wie die personifizierte Unhöflichkeit. Und dann erfahren wir, dass der nun so freundliche Kellner am Tag unseres ersten Besuchs eine große Gruppe sehr anstrengender Gäste betreuen musste, und gleichzeitig noch andere Tische bedienen musste, weil sein Kollege einfach zu faul und zu langsam war. Der faule und langsame Kollege entpuppt sich als der Kellner, der noch immer sehr unhöflich wirkt. Also: Ein Kellner war nur kurzfristig unhöflich, der andere ist es anscheinend immer. Das Fazit dieser Geschichte lautet: Nicht jedes störende, irritierende und unsoziale Verhalten ist das Resultat momentaner äußerer Bedingungen. Manchmal liegt die Ursache für das aktuelle unsoziale Verhalten eben doch in der grundsätzlichen Charakterstruktur eines Menschen begründet. Es gibt tatsächlich den „fiesen Möpp“ (Anmerkung für die Übersetzung: Slang-Ausdruck für „wirklich übler Typ“), oder, wie Agatha Christie, die Queen of Crime, ihre Miss Marple sagen lässt: „Man muss der Tatsache ins Auge blicken, dass es tatsächlich schlechte Menschen gibt.“ Dieses Zitat lenkt den Blick wieder zum Thema Wirklichkeiten zurück. Denn es gibt noch immer einige ideologische Strömungsrichtungen, besonders in der Pädagogik und der Soziologie, die davon ausgehen, dass man jedem Menschen Sozialkompetenz beibringen könne – man müsse nur den richtigen Weg finden. Diese Vorstellung vom grundsätzlich guten Menschen ist charmant, aber nicht haltbar. ​ Das Spektrum zwischen richtig und falsch, zwischen gut und schlecht ist natürlich sehr groß und die Übergänge sind fließend. Beginnen wir zunächst mit einem weniger dramatischen Beispiel unsozialen Verhaltens. Bei einer Untersuchung zum Kooperationsverhalten wurde in einem Spiel getestet, wie großzügig sich die Spieler untereinander verhielten[19]. Es ging um Spielmünzen, die man in mehreren Spielrunden entweder für sich behalten oder in einen Gemeinschaftstopf geben konnte. Dessen Inhalt wurde nach jeder Runde um das 1,6-Fache erhöht und nach Spielende unter den Mitspielern aufgeteilt, und zwar unabhängig von dem Betrag, den jeder Spieler vorher eingezahlt hatte. Nach einigen Spielrunden wurden die Regeln geändert: Nun wurde öffentlich gemacht, wer welche Summe in den Gemeinschaftstopf einzahlte, und man konnte anderen Mitspielern Münzen wegnehmen. Das Ergebnis dieser Studie: Nach dem verkündet worden war, dass die für die Gemeinschaft eingezahlten Beträge für alle veröffentlicht werden, zahlten die extravertierten Teilnehmer deutlich mehr in den Topf als ihre introvertierten Mitspieler, die ihre Summen jedoch auch ein wenig erhöhten. Besonders auffällig waren die emotional eher labilen Versuchsteilnehmer. Sie verhielten sich sowohl vor als auch nach der Regeländerung immer egoistisch, also auch dann, wenn ihr unsoziales Verhalten für alle anderen als solches erkennbar war. Eine Erklärung für diese Verhaltensweise blieben die Forscher schuldig. Aber es bleibt der überraschende Beleg dafür bestehen, dass es emotional labile Menschen gibt, die sich anderen gegenüber unsozial verhalten, obwohl sie genau wissen, dass die anderen dies mitbekommen. Diese Erkenntnis scheint doch eine starke Herausforderung für den gesunden Menschenverstand zu sein, denn eigentlich würde man erwarten, dass diesen Menschen bewusst ist, dass ihr unkooperatives Verhalten von den anderen Teilnehmern in irgendeiner Form geahndet werden wird. Doch das Wissen um diese mögliche und sogar sehr wahrscheinliche Konsequenz hat offenbar keinen Einfluss auf das Verhalten. ​ Mit dem Thema Strafe und Wirkung von Strafe beschäftigt sich eine andere Studie; allerdings stehen dabei nicht normale, gesunde Probanden, sondern Psychopathen im Mittelpunkt der Untersuchung[20]. Sowohl Richter als auch Psychologen stehen nämlich seit langem vor dem Problem, dass bei straffällig gewordenen Psychopathen Strafen so gut wie keine Wirkung zeigen. Aus der Hirnforschung weiß man, dass Areale des cingulären Cortex und der Inselrinde an der Verarbeitung von Belohnungssignalen beteiligt sind. Diese Bereiche drosseln normalerweise ihre Aktivität, wenn auf eine Handlung plötzlich eine Strafe folgt. Die Erregungsreduktion in diesen Cortexarealen ist notwendig, um eine Änderung des Verhaltens zu organisieren und zu erlernen. Das Ziel dieser Untersuchung war, herauszufinden, ob diese Cortexbereiche bei Psychopathen genauso funktioniert wie bei psychisch gesunden Probanden. Insgesamt 50 Männer wurden getestet, davon 32 verurteilte Psychopathen und 18 „normale“, gesunde Probanden. Im Hirnscanner liegend wurden den Probanden auf einem Bildschirm zwei Bilder gezeigt, von denen sie eines auswählen sollten – ohne ihnen jedoch die Regeln zu erklären. Für die richtige Entscheidung wurden ihnen Punkte zugeschrieben. Alle Probanden waren schnell in der Lage, das zu Grunde liegende Schema dieses Tests zu erkennen und wählten daraufhin die entsprechend korrekten Antworten aus. Dann allerdings wurden unangekündigt die Regeln geändert und die Antworten, die vorher richtig waren, waren nun falsch und wurden mit Punktabzug bestraft. Die Probanden mussten also schnell eine neue Strategie entwickeln, was auch tatsächlich allen gelang. Während der Regeländerung und des Umlernens entdeckten die Forscher in der Aktivität der Inselrinde und des cingulären Cortex deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Bei den gesunden Probanden ging die Aktivität, wie erwartet, zurück. Bei den Psychopathen jedoch funktionierte der neuronale Umschalter offensichtlich nicht, und das System belohnte das falsche Verhalten weiterhin so, wie zuvor das richtige. In diesem Defekt vermuten die Neurowissenschaftler einen möglichen Grund dafür, warum sich die Betroffenen zwar kurzfristig an veränderte Situationen anpassen können, langfristig jedoch nicht in der Lage sind, aus falschen Entscheidungen zu lernen. Es scheint also Menschen zu geben, die aufgrund einer neuronalen Fehlfunktion nicht in der Lage sind, aus Fehlern lernen zu können – eine grundlegende Eigenschaft, die wir eigentlich jedem Menschen zusprechen und auch von jedem Menschen erwarten. ​ Es ist bei menschlichen Verhaltensweisen nicht immer einfach, eine Erklärung dafür zu finden, warum sich jemand anders verhält, als man es erwartet hatte. Das erste Beispiel demonstriert, dass einige emotional labile Menschen egoistisch sind und es ihnen offensichtlich egal ist, dass ihr egoistisches Verhalten anderen Menschen auffällt. Das zweite Beispiel belegt, dass Psychopathen offenbar nicht in der Lage sind, aus Fehlern zu lernen. Das nun folgende letzte Beispiel setzt sich mit einer dritten Gruppe unsympathischer Zeitgenossen auseinander, bei denen typische Erwartungshaltungen und Verhaltensprognosen ebenfalls ins Leere laufen. Die Hauptcharaktereigenschaften solcher Menschen sind Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus – jedoch in der vorklinischen Ausprägung, denn andernfalls würden uns solche Menschen im Alltag hoffentlich nicht begegnen. Bei den allermeisten der wirklich unangenehmen Personen finden sich diese drei Eigenschaften, wobei in der Regel eine besonders stark ausgeprägt ist. Daher haben die Psychologen Delroy Paulhus und Kevin Williams ihr Modell auch als „Dunkle Triade“ bezeichnet[21]. Narzissten neigen zur übertriebenen Eitelkeit, zur maßlosen Selbstüberschätzung, und sie haben ein sehr starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bewunderung. Sie behandeln andere Menschen oft herablassend. Außerdem können sie mit Kritik nicht sachlich umgehen und reagieren auf Tadel häufig gereizt. Machiavellisten sind machthungrig, egoistisch und hochgradig manipulativ. Um einen Vorteil für sich zu erlangen, übertreten sie jede Grenze. Eine besondere Stärke der Machiavellisten ist laut Paulhus das Talent, sich bei Betrügereien nicht erwischen zu lassen. Psychopathen neigen ebenfalls dazu, Grenzen zu überschreiten, aber sie tun dies nicht wohlüberlegt, sondern sie handeln impulsiv. Über mögliche Konsequenzen ihres Handelns denken sie nicht nach. Sie geben sich kaum Mühe, ihre aggressive und gemeinschaftsschädigende Haltung zu verbergen. Die Quintessenz der Dunklen Triade ist also ein egozentrisches und sozialunverträgliches Verhalten und die Schnittmenge der drei Eigenschaften bilden Habgier und Verlogenheit. Aber alles spielt sich noch im vorklinischen Stadium ab. Solch dunkle Charaktere können durchaus sehr alltagstauglich und im Berufsleben sogar sehr erfolgreich sein. Besonders das letztgenannte Phänomen versuchen Persönlichkeitspsychologen intensiv zu erforschen. Allerdings gestaltet sich die Planung solcher Untersuchungen als recht schwierig, denn unter welchem Vorwand könnte man solch dunkle Charaktere als Freiwillige für derartige Analysen rekrutieren? Einer der Persönlichkeitspsychologen, Adrian Furham, beschreibt, dass es etliche dieser dunklen Charaktere besonders in Politik und Wirtschaft sehr weit gebracht haben. Andere Forscher haben zudem herausgefunden, dass diese Menschen durchaus nicht grundsätzlich mehr Gewinne für ihre Firmen erwirtschaften als nicht-dunkle Charaktere. Und Jonason fügt noch hinzu, dass derartige Persönlichkeiten nichts mehr motiviere als die Macht. Der Hunger nach Macht würde erklären, warum diese Menschen nicht grundsätzlich auch erfolgreicher sind. Sie haben schlichtweg andere Ziele. Und genau dieser Umstand führt dazu, dass manchmal zwei Wirklichkeitskonstrukte aufeinanderprallen: Die einen wollen Probleme lösen, die anderen ihre Macht erhalten. Die Schnittmenge dieser beiden Zielsetzungen ist in den meisten Fällen leider kaum der Rede wert. ​ 15. Neuropsychologische Ebene: Das individualisierte Gehirn Seit Jahrzehnten suchen Hirnforscher nach Hirnaktivitätsmustern, die bei allen Probanden einer Versuchsreihe in gleicher Weise auftreten, da man unter Neurologen der Meinung ist, dass man auf diese Weise die grundlegenden Funktionsmechanismen des menschlichen Gehirns aufdecken könne. Aber, obwohl die Probanden dieselben Aufgaben lösen oder dieselben Dinge tun, treten immer wieder individuelle Unterschiede in den Aktivitätsmustern auf. Auf eben diese hatte sich Emily Finn und ihr Team von der Yale University konzentriert. 126 Probanden hatten die Hirnforscher mittels fMRT untersucht[22]. Zunächst sollten die Freiwilligen im Hirnscanner lediglich ruhig liegen und ihre Gedanken einfach schweifen lassen. Bei den nächsten Untersuchungen sollten sie Aufgaben erfüllen, wie zum Beispiel Sprachaufgaben lösen, das Arbeitsgedächtnis bemühen, mit den Zehen wackeln oder Gesichtsausdrücke interpretieren. Aus den aufgezeichneten Daten erstellten sie für jeden Test und für jeden Probanden ein sogenanntes funktionelles Konnektivitätsprofil, das aufzeigt, wie die Aktivitätsniveaus der einzelnen Hirnareale während der Messung zeitlich miteinander gekoppelt sind. Es ging nicht um die anatomischen Verknüpfungen der Hirngebiete, sondern darum, wie synchron die Gebiete während der einzelnen Untersuchungen arbeiteten. Bei der ersten Stufe der Datenauswertung errechnete ein Computerprogramm, welches Ruheprofil am besten zu welchem Zehenbewegungsprofil passt, welches Ruheprofil zu welchem Sprachaufgabenprofil passt und so weiter, bis schließlich alle Paarungen erstellt waren. Erst danach wurden den Daten die entsprechenden Namen zugeordnet und man stellte eine Trefferquote zwischen 54 % und 87 % fest. Nachdem die Forscher für die Errechnung die Anzahl der Aktivitätsbereiche des Gehirns reduziert hatten, ließ sich die Trefferquote auf 99 % steigern. Man konzentrierte sich dabei auf bestimmte neuronale Netzwerkknoten, von denen bekannt ist, dass sie bei komplexen Aufgaben wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sprache kooperieren. Es handelte sich um das sogenannte medial-frontale und das frontoparietale Netzwerk, deren Areale im Frontal-, im Parietal- und im Temporallappen liegen. Betrachtet und vergleicht man lediglich die Aktivitätsmuster dieser beiden Netzwerke, kann man anhand der Daten jedes Profil treffsicher einem Probanden zuordnen. Der neuronale Fingerabdruck war entdeckt. Das Team machte jedoch noch eine weitere, nicht weniger brisante Entdeckung: Die Aktivitätsprofile ließen Rückschlüsse auf die kognitive Leistungsfähigkeit der Probanden zu. Zusammen mit anderen, ähnlichen Untersuchungen zeigt sich inzwischen sehr deutlich, dass die Suche nach dem einen universellen Schaltplan des Gehirns sinnlos geworden ist, da es ihn, trotz vieler Gemeinsamkeiten, nicht gibt. Eine ähnliche Feststellung mussten bereits die Humangenetiker machen, als sie auf der Suche nach dem einen Humangenom waren. Auch dieses gibt es, trotz vieler Gemeinsamkeiten, nicht. Aus der Tatsache, dass jeder Mensch sein individuelles neuronales Konnektivitätsprofil hat, ist leicht abzuleiten, dass auch die Resultate dieser neuronalen Prozesse individuell sind. Um auf unser Thema zurückzukommen: Wenn Gehirne zwar ähnlich aber nicht identisch arbeiten, denken sie auch nicht identisch und sie produzieren auch keine identischen Wirklichkeiten. Die Unterschiede mögen klein sein, aber sie sind vorhanden. Es gibt keine zwei Menschen auf diesem Planeten, bei denen die Hirn- und Denkprozesse identisch ablaufen. ​ Ein anderer Ansatz, der aber ebenfalls die neuronale Individualität betont, ist das Konzept des autobiographischen Gedächtnisses: Wir sind, woran wir uns erinnern. Nach der zur Zeit gängigen Modellvorstellung basiert der grundlegende Informationsverarbeitungsmechanismus des Gehirns auf der Aktivitätssynchronisierung verschiedener Hirnareale. Das sogenannte deklarative Gedächtnis enthält sowohl episodisches als auch semantisches Wissen und bildet in dieser Kombination das autobiographische Gedächtnis[23]. Zahlreiche verschiedene Hirnbereiche sind an der Funktionsfähigkeit dieser Gedächtnisform beteiligt: die Basalganglien Striatum und Globus pallidus, der rechte parietale Cortex, die sensorischen Cortices, der rhinale Cortex, die Amygdala und der Hippocampus. Die Vorstellung, das Gedächtnis sei ein Ort, ist zwar sehr eingängig, aber nicht korrekt. Ebenso ist Erinnern kein Zugriff auf gespeicherte Daten, sondern eine aktuelle Rekonstruktion, die zahlreichen Modifikationen unterworfen ist. Die britischen Psychologen Conway und Pleydell-Pearce haben im Jahr 2000 ein inzwischen allgemein akzeptiertes Modell entworfen, das sehr überzeugend erklärt, wie und warum sich das biographische Gedächtnis verändert[24]. Autobiographische Erinnerungen sind vorübergehende mentale Konstruktionen innerhalb eines Systems, das die Autoren self-memory system (SMS) nennen. Das SMS enthält eine autobiographische Wissensbasis und aktuelle Zielsetzungen des aktiven, arbeitenden Selbst – vereinfacht formuliert Informationen über das, was ich erlebt habe und über das, was ich will. Innerhalb des SMS gibt es Kontrollprozesse, die den Zugang zur Wissensbasis modulieren, indem sie sukzessiv bestimmte Schlüssel für den Zugang zu bestimmten Gedächtnisinhalten bilden. Die Wissensbasis und die aktuellen Zielsetzungen interagieren und beeinflussen sich dabei gegenseitig. Das bedeutet, dass meine aktuelle Lebenssituation Einfluss darauf nimmt, an was und wie ich mich an Episoden meines Lebens erinnere. Da sich das Leben eines jeden Menschen im Verlauf der Jahrzehnte mehr oder weniger verändert, werden, gemäß diesem Erklärungsmodell, auch unsere Erinnerungen verändert. Das Bild, das wir von uns selbst haben, ist nicht von Dauer. Dass Emotionen bei diesen Prozessen eine ganz entscheidende Rollen spielen, wurde von zwei Neuropsychologinnen einige Jahre später dargelegt[25]. Einerseits beeinflusst der emotionale Kontext im Moment der Erfahrung die Art und Weise, wie man sich später an das Ereignis erinnert, und andererseits beeinflusst die aktuelle Gefühlslage im Moment der Abfrage die Informationen, an die man sich schließlich erinnert. Zudem weiß man bereits seit Längerem, dass auch die Überführung von Ereignissen in das Langzeitgedächtnis durch emotionale Einflüsse teilweise sogar sehr stark beeinflusst werden kann. Fasst man all diese Einsichten zusammen, erkennt man, dass die Speicherung von autobiographischen Inhalten ebenso zahlreichen modifizierenden Einflüssen unterliegt wie der Prozess des Sich-erinnerns. Die Bildung eines autobiographischen Gedächtnisses und die Erinnerung an autobiographische Ereignisse sind also keineswegs damit zu vergleichen, einen Film zu drehen und sich diesen dann etwas später wieder anzuschauen. Erinnerungen jedweden Inhalts werden immer vor dem Hintergrund der aktuellen Lebenssituation konstruiert. Die Erinnerungen zweier Menschen, die Zeugen derselben Situation waren, sind daher niemals völlig deckungsgleich. ​ ​ 16. Neuropsychologische Ebene: Zusammenfassung ​ Wissenschaft: Dass Menschen andere Menschen spontan bewerten und beurteilen ist ein angeborener Überlebensmechanismus: Kann ich Dir vertrauen oder kann ich es nicht. Dieses Spontanurteil basiert auf lediglich zwei Kriterien, nämlich Agency und Communion, womit einerseits Kompetenz und Kontrolle und andererseits Gemeinschaft und Kooperation gemeint sind. Menschen neigen zu einer Entweder-Oder-Klassifikation, die auch einen starken Einfluss auf die Vorstellung geschlechtstypischer Rollenverteilungen hat. Menschen neigen dazu, sich selbst für sozial zu halten, präsentieren sich aber eher als kompetent. ​ Praxis: Dieser Automatismus ist weit mehr als nur ein evolutionsbiologisches Rudiment der frühen Hominiden, denn er ist noch immer ein überraschend zuverlässig arbeitender Detektor, wenn es darum geht, andere Menschen in möglichst kurzer Zeit einzuschätzen. Wenig hilfreich ist allerdings die Tendenz, einem Menschen entweder die eine oder die andere Eigenschaft zuzuschreiben. In privaten Alltagssituationen fällt es den meisten jedoch nicht schwer, das früh gefällte erste Urteil nachträglich zu modifizieren. Aber in beruflichen Situationen wird die Angelegenheit schwierig, da man allgemein der Meinung ist, dass es hier hauptsächlich auf Kompetenz ankommt. Auf dieser Basis werden Bewerbungsschreiben verfasst, Bewerbungsgespräche geführt und Positionen besetzt. Dieses etablierte Konzept ist deutlich korrekturbedürftig, denn letztlich reicht Kompetenz allein in den meisten Lebenssituationen nicht aus! ​ Wissenschaft: Was sich in den meisten Fällen als ein Fehler herausstellt, erweist sich in einigen wenigen Fällen jedoch als korrekt: die fundamentale Attribuierung – genauer, die als negativ empfundenen Eigenschaften dem Menschen an sich und nicht dem Situationsverlauf zuzuschreiben. Unsoziales, rücksichtslos egozentrisches Verhalten wird in allen Kulturkreisen negativ bewertet und geächtet oder gar geahndet. Dennoch gibt es Menschen, die sich an diese sozialen Spielregeln konsequent nicht halten. Die Ursachen sind unterschiedlich und liegen manchmal in neuronalen Fehlfunktionen begründet. ​ Praxis: Grundsätzlich hat jeder Mensch die unterschwellige Erwartungshaltung, dass andere Menschen sich sozial verhalten. Die meisten Menschen erfüllen diese Erwartungshaltung, einige jedoch nicht, und zwar dauerhaft nicht. Man muss sich, abseits jedes idealistischen Menschenbildes, damit abfinden, dass es „schlechte“ Menschen gibt. Im Privatleben kann man derartigen Charakteren ausweichen, im Berufsleben ist das nicht immer möglich. Zum Leidwesen aller Mitarbeiter gibt es machtgierige Menschen, die für die Erreichung ihres Ziels bereit sind, einen großen Aufwand zu betreiben. Normalerweise hat jede Ebene und jede Position im Unternehmen ihre definierte Zielvorgabe. Dunkle Charaktere haben jedoch ihre eigene Zielvorgabe, nämlich Macht, die sie sich nicht scheuen zu demonstrieren. Bedauerlicherweise muss man akzeptieren, dass es nahezu unmöglich ist, mit derartigen Menschen zu kooperieren, zu diskutieren oder einen Kompromiss auszuhandeln. Die einzige Möglichkeit besteht darin, derartigen Charakteren erst gar keine höheren Positionen anzubieten. ​ Wissenschaft: Sowohl auf neuronaler als auch auf psychologischer Ebene unterscheiden sich unsere Gehirne in ihrer Struktur und in ihrer Funktionalität deutlich voneinander. Es gibt zwar einen strukturellen und einen funktionellen Grundbauplan, aber im Detail finden sich signifikante individuelle Unterschiede. Besondere Bedeutung erlangt diese Erkenntnis in Zusammenhang mit persönlichen Erinnerungen. Sie werden sowohl bei der Speicherung als auch bei der Generierung vielfältig modifiziert, sie verändern sich im Laufe eines Lebens und sie sind nie identisch mit den Erinnerungen anderer. ​ Praxis: Dass Menschen grundsätzlich unterschiedlicher Meinung und Ansicht über alle Dinge des Lebens sein können, ist ganz offensichtlich fester Bestandteil unserer Natur. Differenzen sind also etwas völlig normales und sollten auch ebenso aufgefasst werden. Der wissenschaftlich belegte Individualismus ist jedoch kein Freifahrtschein für Beliebigkeit und Willkür, sondern im Gegenteil, Verpflichtung für die Schaffung eines sozialen Konsens. Es ist normal, nicht immer einer Meinung zu sein, aber indem wir respektvoll miteinander reden, haben wir die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zu schaffen. ​ ​ 17. Wirklichkeiten - das Gesamtbild ​ Wenn zwischen einzelnen Komponenten zu viel Zeit verstreicht, hat unser Gehirn große Schwierigkeiten, diese Komponenten im Geiste zusammenzuhalten. Ein Überblick über die drei Ebenen und über die besprochenen Themen ist daher bestimmt sehr hilfreich: ​ Neurobiologische Ebene („Alle“) Der Kohärenzmechanismus Das Hypothesen testende Gehirn Geschlechtsspezifische Unterschiede Neurosoziologische Ebene („Gruppe“) Das Sprachenproblem Die Macht der Gemeinschaft Gruppen in der Gruppe Neuropsychologische Ebene („Individuum“) Komponenten der Persönlichkeit Irritierendes Verhalten Das individualisierte Gehirn Fügt man alles zusammen, bekommt man nun einen ganz anderen Blick und ein anderes Verständnis für das Schema, das wir bereits zu Beginn gesehen haben: Vieles, von dem man dachte, es sei ein stabiles Resultat, entpuppt sich als variabler Prozess. Gedächtnis ist kein Speicher, Wahrnehmung ist keine Abbildung, Wirklichkeit ist ein Konstrukt und Wahrheit eine Abstraktion. ​ Eines der wichtigsten Résumés dieses Themas ist die Erkenntnis, dass es die eine Wahrheit nicht geben kann und sie daher auch niemand für sich in Anspruch nehmen darf. Der Mensch ist biologisch als soziales Wesen konzipiert und braucht die soziale Gemeinschaft. Diese ist aber nur dann stabil, wenn ihre Mitglieder ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten teilen. Und die wichtigste Gemeinsamkeit ist, einen Konsens, ein Regelwerk zu erstellen und einzuhalten, das einen Zusammenhalt ermöglicht: eine gemeinsame Wirklichkeit. Davon gibt es viele, sehr viele und sehr unterschiedliche. Man muss sich nur einigen. Und man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass man sich tatsächlich auch aktiv einigen muss. Das gilt ganz besonders für die Klärung von Differenzen. Etwas nur anzudeuten oder stillschweigend vorauszusetzen kann nur dann als effektive Strategie bezeichnet werden, wenn man sich vorgenommen hat, ein möglichst großes Chaos zu verursachen. ​ Es ist für die Stabilität einer gemeinsamen Wirklichkeit auch wichtig zu klären, was als normal und was als unnormal zu gelten hat. Berichtet ein Mensch, er spräche zu Gott, wird das in unserem Kulturkreis als Gebet bezeichnet. Würde derselbe Mensch jedoch behaupten, Gott spräche zu ihm, wird das in unserem Kulturkreis als Wahn bezeichnet. Die klare Trennung zwischen richtig und falsch ist auch aus dem Grunde sehr bedeutsam, weil die Stabilität einer jeden sozialen Gemeinschaft, ob nun Kegelklub, Bundestag, Vorstandssitzung oder Schulklasse, davon abhängt, das Verhalten der Mitmenschen vorhersehen zu können. Unser Gehirn muss stimmige Prognosen stellen können. ​ Die zunächst irritierende Feststellung, dass es viele Wirklichkeiten gibt, hat letztlich auch etwas Schönes: Unsere Welt ist bunter als vermutet. Behandeln wir die vielen Wirklichkeitsmodelle wie Tiere und Pflanzen und erhalten die Vielfalt! Dann ist auch immer für jeden etwas dabei...

  • Circadiane Rhythmik

    Der Leistungsrhytmus des Gehirns.In unserem Gehirn liegt die Steuerzentrale für die circadiane Rhythmik des gesamten Organismus. Wird das System gestört, entstehen fatale Konsequenzen. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Evolutionsbiologische Aspekte 3. Ein Überblick über das Gesamtsystem. 4. Wie das Licht ins Gehirn kommt 5. Der SCN als Chef-Dirigent 6. Molekulares Feintuning durch Clock-Genes 7. Physiologische Auswirkungen der Tagesrhythmik 8. Konsequenzen bei „Taktlosigkeiten“ Circadiane Rhythmik Der Leistungsrhytmus des Gehirns. In unserem Gehirn liegt die Steuerzentrale für die circadiane Rhythmik des gesamten Organismus. Wird das System gestört, entstehen fatale Konsequenzen. ​ 1. Vorwort ​ In unserem Gehirn liegt die Steuerzentrale für die circadiane Rhythmik des gesamten Organismus. Wird das System gestört, entstehen fatale Konsequenzen. Unser Planet ist nach aktuellem Wissensstand ungefähr 4,5 Milliarden Jahre alt(1) und Leben könnte nach neuesten Entdeckungen bereits vor 4,1 Milliarden Jahren entstanden sein(2). Zu den ältesten physikalischen Reizen, denen alle Lebewesen von Beginn an ständig ausgesetzt waren, zählt der durch die Erdrotation verursachte Hell-Dunkel-Rhythmus. ​ Nahezu alle tierischen Organismen haben komplexe Strategien entwickelt, durch die ihre Verhaltensweisen, ihre neuronalen, stoffwechselphysiologischen, hormonellen und genetischen Prozesse sowohl untereinander als auch mit der Hell-Dunkel-Rhythmik synchronisiert werden. Bei Säugetieren und somit auch bei uns Menschen ist der Haupttaktgeber für den gesamten Organismus eine bestimmte Struktur im Gehirn, der Suprachiasmatische Nucleus. Hier wird die äußere Rhythmik in eine innere Rhythmik übersetzt.. Wird diese Koppelung gestört, kann es zur Entwicklung zahlreicher und teilweise schwerwiegender Erkrankungen kommen. Umgekehrt ist eine gestörte circadiane Rhythmik aber auch ein typisches Symptom für bestimmte psychische Erkrankungen. 2. Evolutionsbiologische Aspekte ​ Dass sich Pflanzen, deren gesamter Energiehaushalt vom Sonnenlicht abhängt, an den Hell-Dunkel-Rhythmus anpassen mussten, liegt auf der Hand. Von Cyanobakterien über Algen, bis hin zur hundertjährigen Buche haben alle Photosynthese betreibenden Organismen entsprechende Regulationssysteme entwickelt durch die sie bei Sonnenlicht andere Stoffwechselprozesse betreiben können als im Dunkeln. ​ Bei Tieren liegen andere Selektionsfaktoren vor. Sie benötigen Licht nicht als Energiequelle, sondern zur visuellen Wahrnehmung und Orientierung. Viele Aspekte des Überlebens hängen von der Fähigkeit ab, bestimmte Komponenten des eigenen Lebensumfelds wahrnehmen zu können: das Erkennen von Nahrungspflanzen, Beutetieren und Fressfeinden, die Partnersuche und –auswahl, das Aufziehen der Nachkommen, das Erkennen von Hindernissen und Wegstrecken, die Auswahl geeigneten Baumaterials und geeigneter Lebens- oder Wohnorte, und geeigneter Lebens- oder Wohnorte, und vieles mehr. ​ Die Fähigkeit des Sehens ist eine Lösungsstrategie, durch die alle genannten überlebenswichtigen Komponenten wahrgenommen werden können. Mit der Erfindung des Sehens hat die Natur, sozusagen, mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Im Laufe der Evolution sind zahlreiche verschiedene Rezeptoren entstanden, durch die Lichtreize in Signale umgewandelt werden können, die der jeweilige Organismus als Information über äußere Helligkeitszustände nutzen kann. Die Netzhaut der Wirbeltiere enthält zwei verschiedene Klassen von Photorezeptoren: die Stäbchen, die schon bei geringer Lichtmenge aktiviert werden können und das Hell-Dunkel-Sehen ermöglichen, und die Zapfen, die wesentlich mehr Licht benötigen und für die Farbwahrnehmung verantwortlich sind. ​ 2.1. Licht bestimmt die Aktivitätsrhythmik Da die Funktionsfähigkeit der optischen Wahrnehmungssysteme lichtabhängig ist, funktioniert dieser Sinn bei Dunkelheit logischerweise nicht. Das bedeutet, dass durch die Rhythmik der Lichtmenge auch die Rhythmik der Aktivitätsmenge gesteuert wird. Wer nichts sehen kann, geht beispielsweise nicht auf Nahrungssuche. Wer nichts sehen kann, geht beispielsweise nicht auf Nahrungssuche. Wer nicht auf Nahrungssuche geht, hat nichts zu fressen. Wer nichts zu fressen hat, hat auch nichts zu verstoffwechseln. Auch das Bauen von Nestern und Höhlen, das Suchen nach Partnern, das Erkunden des Reviers, das Kämpfen um Rangordnungen – all diese Tätigkeiten machen keinen Sinn, wenn man nichts sehen kann. ​ Der Sehsinn koppelt also die Tagesrhythmik an eine Aktivitätsrhythmik und diese wiederum beeinflusst zahlreiche physiologische Prozesse wie zum Beispiel den Blutdruck und die Atemfrequenz, aber auch die Produktion von Stresshormonen Verdauungsenzymendie Produktion von Speicherfetten. Auch wenn man bis heute nicht genau erklären kann, warum Tiere – und wir Menschen natürlich auch – nachts schlafen, erscheint es dennoch einleuchtend, in dem Abschnitt des Tages, in dem man nichts sehen und darum auch nichts unternehmen kann, eine Ruhephase einzulegen. ​ 2.2. Die Entstehung von Nachtaktivität Die ersten Tiere, die das Land bevölkerten, waren Amphibien und Reptilien. Diese sind wechselwarm, was bedeutet, dass ihre Körpertemperatur hauptsächlich von der Außentemperatur abhängt. Da die Erdrotation nicht nur eine Hell-Dunkel-, sondern auch eine Warm-Kalt-Rhythmik erzeugt, kühlten diese Tiere in den dunklen Nachtstunden ab, wodurch ihre Aktivitätsmöglichkeiten zusätzlich reduziert wurden. Aus diesen Gründen waren die dunklen Nachtstunden über einen langen Zeitraum hinweg eine freie ökologische Nische. Die auf Wärme und Tageslicht angewiesenen Spezies befanden sich nämlich ausnahmslos in der Nachtruhe. Die evolutionsbiologisch später entstandenen Vögel und Säugetiere besitzen Regulationsmechanismen, die ihre Körpertemperatur konstant halten können. Die nächtliche Abkühlung war also kein Hinderungsgrund mehr. Um aber die Nacht zum Tage machen zu können, mussten die visuellen Systeme optimiert werden, beispielsweise durch Vergrößerung der Netzhäute und durch Restlicht verstärkende Strukturen. ​ Da das optische System aber, trotz aller neuer anatomischer Raffinessen, bei Dunkelheit niemals so leistungsstark sein kann wie bei Tageslicht, wurde zusätzlich noch ein anderes Sinnesorgan so modifiziert, dass es bezüglich der Orientierungsmöglichkeit den Sehsinn unterstützen kann. Bei den meisten Spezies handelt es sich um das akustische System, dessen Empfindlichkeit deutlich verbessert wurde.Auch unter den Insekten haben ähnliche Veränderungen stattgefunden, nur, dass statt des Hörsinns der Geruchsinn optimiert wurde. Die derart ausgestatteten Arten waren dann in der Lage, die Nacht zu ihrem Lebensraum zu machen. ​ 2.3. Die Macht der circadianen Rhythmik Der permanente Hell-Dunkel-Rhythmus beeinflusst also den Lebensrhythmus sowohl der tagaktiven als auch der nachtaktiven Lebewesen, und zwar angefangen von der Ebene der Verhaltensweisen bis hinunter auf die Ebene des zellulären Stoffwechsels. Die äußere Rhythmik wird auf eine innere Rhythmik übertragen, wobei die Aktivitätsprofile aller Ebenen miteinander synchronisiert werden müssen. Innerhalb bestimmter Grenzen ist diese alles durchdringende Taktgebung durchaus variabel und anpassungsfähig. Andernfalls könnten sich Lebewesen auch nicht an die sich im Jahresverlauf verschiebenden Hell-Dunkel-Phasen anpassen – und nach Interkontinentalflügen würden wir unter einem nicht endenden Jetlag leiden. Da dieses Gesamtsystem nicht auf exakt 24 Stunden, sondern auf eine etwas längere Phasendauer kalibriert ist, spricht man auch von circadianer Rhythmik. Der Terminus circadian entstammt dem Lateinischen und bedeutet „ungefähr ein Tag“.Wie umfangreich und wie mächtig der Einfluss des Tageszyklus tatsächlich ist, wurde besonders durch die Erforschung bestimmter Ausfall- und Krankheitssymptomatiken offenbar. Denn bei komplexen Systemen erkennt man die Bedeutung und die Funktion einer Komponente häufig erst dann besonders deutlich, wenn diese Komponente nicht mehr korrekt funktioniert oder gar ausfällt. ​ Verschiedene psychische Erkranken, in besonderem Maße die Schwere Depression, gehen mit einer Störung der Tagesrhythmik einher. Daher sind viele Erkenntnisse zu circadianen Regulationen und Regulationsstörungen den klinischen Forschungen der Psychiatrie und der Psychotherapie zu verdanken. Doch auch gesunde Probanden wurden untersucht. So haben beispielsweise Studien an gesunden Erwachsenen gezeigt, dass eine Verzögerung der Einschlafphase oder die Störung der circadianen Gleichtaktung tiefgreifende Veränderungen der Stimmung der kognitiven Funktionen der motorischen Aktivität sowie des Wohlbefindens und der Antriebsstärke zur Folge haben(3). Auch wenn es makaber klingen mag: Schlafenzug wird in vielen Regionen der Welt nicht ohne Grund als eine der effektivsten Foltermethode eingesetzt. Im folgenden Kapitel werden wir uns zunächst einen Überblick über die komplexe Maschinerie der circadianen Rhythmik verschaffen. ​ 3. Ein Überblick über das Gesamtsystem ​ Man kann im Prinzip vier Prozessebenen voneinander unterscheiden. ​ 1. Ebene: Der physikalische Außenreiz „Licht“ wird von bestimmten Rezeptoren der Retina in Aktionspotentiale umgewandelt. Diese werden in eine bestimmte Hirnregion geleitet, in den Suprachiasmatischen Nucleus, der auf Grund seiner Funktion auch als Master Clock bezeichnet wird. Bei Helligkeit werden laufend Aktionspotentiale generiert, bei Dämmerlicht nimmt die Aktivität langsam ab, und bei Dunkelheit werden keine Signale mehr produziert. ​ 2. Ebene: Der Suprachiasmatische Nucleus reagiert auf den neuronalen Input der Rezeptorzellen, indem er im Rhythmus der einlaufenden Signale selbst Signale produziert und in verschiedene andere Hirnbereiche leitet. Je nach Zielort und verwendetem Neurotransmitter wirken die eingehenden Aktionspotenziale entweder aktivierend oder inhibierend auf die jeweilige Zielstruktur. Im SCN wird also im Prinzip die Taktung eines physikalischen Außenreizes in die Taktung neuronaler Innenreize übersetzt ​ 3. Ebene: Während die erste und zweite Ebene der Vorbereitung dienen, dient die dritte Ebene der Ausführung konkreter physiologischer Prozesse. Die Afferenzen des SCN erreichen über Zwischenstationen die beiden wichtigsten Hormondrüsen des Gehirns, nämlich die Epiphyse und die Hypophyse.Die beiden Organe sezernieren im Takt der einlaufenden Aktionspotentiale ihre Hormone in die Blutbahn, die dann an den jeweiligen Zielorten bestimmte zelluläre Stoffwechselprozesse in Gang setzen. Außerdem werden vom SCN zahlreiche Steuerzentralen des autonomen Nervensystems innerviert. Diese sind an der Regulation der Atmung, der Körpertemperatur, des Schlafrhythmus, der Darmtätigkeit und ähnlichen Prozessen beteiligt, oder aber sie steuern andere Hormondrüsen an wie beispielsweise die Nebennierenrinde oder die Gonaden, die dann wiederum ihre Hormone ausschütten. 4. Ebene: Sogenannte Clock-Genes bilden eine eigene Prozessebene, die sich mit den vorangegangenen Ebenen überschneidet. Clock-Genes dirigieren in den Zellen das molekulare Feintuning, indem sie den Rhythmus angeben, in dem bestimmte Gene transkribiert werden. Clock-Genes codieren nämlich bestimmte Transkriptionsfaktoren, die für das Ablesen einiger Gene zwingend notwendig sind. Einige der Zielgene codieren selbst wiederum Transkriptionsfaktoren, so dass das durch die Clock-Genes gesteuerte genetische Regulationssystem sehr komplex wird. Clock-Genes sind nicht nur in den Zellen des SCN aktiv, sondern auch in vielen peripheren Organen. Aus diesem Grund überschneidet sich diese Ebene mit den Wirkungen der anderen Ebenen. ​ Über eine sich immer weiter auffächernde Reaktionskaskade wird der Rhythmus des äußeren Lichtwechsels in den Stoffwechselrhythmus der Organe, der Gewebe, ja sogar jeder einzelnen Zelle übertragen, und zwar mittels neuronaler und mittels hormoneller Signale. Dieses System enthält zahlreiche Rückkoppelungsschleifen und Redundanzen und ist in seiner Gesamtheit noch lange nicht vollkommen erforscht und verstanden. ​ Fest steht jedoch, dass die circadiane Rhythmik einer der stärksten, wenn nicht gar der stärkste Reiz für einen Organismus darstellt, da der rhythmische Lichtwechsel Auswirkungen auf alle Komponenten und alle Systeme eines Organismus hat. Im Folgenden werden wir uns die Strukturen und Funktionen der vier Ebenen genauer ansehen. Da wir bereits jetzt einen Überblick über die Zusammenhänge bekommen haben, wird es hoffentlich leichter fallen, die einzelnen Informationen in den Gesamtkontext einordnen zu können. ​ 4. Wie das Licht ins Gehirn kommt Amphibien, Reptilien und Vögel besitzen einen verhältnismäßig dünnen, lichtdurchlässigen Schädel. Bei diesen Spezies sind bestimmte Hirnregionen daher auch tatsächlich photosensibel, das heißt, sie enthalten Photorezeptoren, die Licht direkt in Aktionspotentiale umwandeln können. Zu diesen Arealen zählen der Suprachiasmatische Nucleus und die Epiphyse – Strukturen, die Schlüsselpositionen in der circadianen Regulation innehaben. ​ Bei Säugetieren ist diese Form des Informationstransfers nicht möglich, denn die Schädel sind kompakter, so dass nicht mehr ausreichend Licht direkt auf das Gehirn fallen kann. Daher entstand im Laufe der Evolution ein indirekter Weg, über den Informationen über die äußere Lichtmenge ins Innere des Gehirns transportiert werden kann, nämlich über die Netzhaut der Augen. Neben den Stäbchen, die für das Hell-Dunkel-Sehen zuständig sind, und neben den Zapfen, die das Farbsehen ermöglichen, enthält die Retina der Säugetiere noch eine dritte Gruppe photosensibler Rezeptoren, nämlich die sogenannten intrinsisch photosensitiven Ganglienzellen. Sie wurden erst 1991 entdeckt und machen lediglich 1 – 3 Prozent der retinalen Ganglienzellen aus. Sie enthalten ein spezielles Photopigment, das Melanopsin. ​ Dieses Molekül ist besonders im blauen bis violetten Wellenlängenbereich sensibel, das bedeutet, dass die intrinsisch photosensitiven Ganglienzellen besonders leicht durch Blaulicht aktiviert werden können. Die Stäbchen und Zapfen sind über den Sehnerv polysynaptisch, also über mehrere Verschaltungsstellen, mit dem primären visuellen Cortex verbunden, wo die einlaufenden Aktionspotentiale in visuelle Eindrücke übersetzt werden. Bei den photosensitiven Ganglienzellen verhält es sich anders, denn sie sind über den retinohypothalamischen Trakt monosynaptisch mit Neuronen des Suprachiasmatischen Nucleus verbunden. Dieses Kerngebiet ist eine definierte Struktur des Hypothalamus, die sich, wie der Name sagt, über dem Chiasma opticum, also über der Sehnervkreuzung befindet. Mit dieser Region werden wir im folgenden Kapitel genauer beschäftigen. ​​ 5. Der SCN als Chef-Dirigent ​ Der Suprachiasmatische Nucleus (kurz SCN) ist eine Struktur im anterioren Hypothalamus, die aus einer Gruppe von ca. 20.000 Schrittmacher-Neuronen besteht. Diese Neuronengruppe ist sehr inhomogen, sowohl bezüglich der sezernierten Neuropeptide als auch bezüglich ihrer neuronalen Kontakte von und zu anderen Hirnbereichen. Der SCN wird als Master Clock bezeichnet, da er die wichtigste Schnittstelle zwischen der äußeren und der inneren circadianen Rhythmik darstellt. ​ 5.1. Neuropeptide Angeregt durch die photosensitiven Ganglienzellen sezernieren die Zellen des SCN eine Vielzahl von Neuropeptiden, die im circadianen Rhythmus abgegeben werden und die auf die Aktivität verschiedener Neuronen und Neuronengruppen einwirken(4). So produzieren beispielsweise die in der Mitte des SCN gelegenen Neurone das Hormon Gastrin releasing peptide,und die dorsal gelegene Neurone produzieren das Vasoactive intestinal peptide. Beide Hormone tragen dazu bei, dass die Taktung aller SCN-Neurone synchronisiert wird, denn ohne diese Synchronisation zeigen die Zellen überraschender Weise sehr unterschiedliche Rhythmen. ​ Zwei andere Neuropeptide wirken nicht nur als Neurotransmitter direkt auf benachbarte Neurone, sondern sie diffundieren zu anderen Hirnregionen. Dazu zählen Prokineticin-2a und der Transforming growth factor a, die zusammen auf den dorsomedialen Kern des Hypothalamus wirken und dort die lokomotorische Aktivität hemmen(5). Im Prinzip sorgt ein hochgradig redundantes System dafür, dass alle Neuronen des SCN tatsächlich auch im gleichen Rhythmus arbeiten, und dass auch andere Hirnareale im selben Rhythmus arbeiten. Wie wichtig eine möglichst perfekte Synchronisierung ist, wird deutlich, wenn man sich die Efferenzen des SCN ansieht, also die Hirnareale, an die die Neurone des SCN Aktionspotentiale senden. ​ 5.2. Die neuronale Verschaltung Der SCN erhält Signale von zwei verschiedenen Regionen, nämlich von der Retina des Auges und vom medianen Raphekern des Hirnstamms. Der Input der Retina verläuft über den retinohypothalamischen Trakt und mündet in ein glutamatergisches Signal, während die Aktionspotentiale des Raphekerns in ein serotoninerges Signal münden. Die beiden Neurotransmitter Glutamat und Serotonin haben auf die Neurone des SCN einen gegenteiligen Effekt – die Retina und der mediane Raphekern sind bezüglich des SCN also Gegenspieler. ​ Die Efferenzen des SCN innervieren verschiedene Hirnareale, unter anderem zahlreiche hypothalamische Nuclei; alle vom SCN innervierten Areale hängen mit dem circadianen Aktivitätszyklus physiologischer Systeme zusammen(6). Zu diesen Regionen zählt unter anderem der paraventrikuläre Nucleus der Oxytocin und das Antidiuretische Hormon ausschüttet. Eine weitere wichtige Zielregion ist die subparaventrikuläre Zone, die die Signale an die mediale präoptische Region weiterleitet, die wiederum die circadiane Regulation der Körpertemperatur kontrolliert. Über den paraventrikulären Nucleus wird die Sekretion von Melatonin und des Corticotropin-releasing Hormons gesteuert. Der dorsomediale Hypothalamus leitet die vom SCN ankommenden Signale an andere Regionen weiter, die an der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus, am lokomotorischen Aktivitätsniveau, an der Nahrungsaufnahme und an der Ausschüttung von Stresshormonen beteiligt sind. ​ Vom SCN gehen also Efferenzen aus, die – direkt oder indirekt – sowohl auf hormonelle Systeme als auch auf Systeme des autonomen Nervensystems Einfluss nehmen und deren Aktivitätsmuster an die Rhythmik der SCN-Neurone anpassen. Je nach Verschaltung und verwendetem Neurotransmitter wirken die efferenten Signale entweder hemmend oder aktivierend auf die jeweiligen Zielstrukturen. ​ 5.3. Epiphyse und Melatonin Efferenzen des SCN innervieren über den Nucleus paraventricularis die Epiphyse, die auch Pinealorgan oder Zirbeldrüse genannt wird. Hier wird das Hormon Melatonin produziert und in die Blutbahn sezerniert. Tagsüber jedoch wird die Ausschüttung durch die Aktivität des SCN blockiert. Bei abnehmendem Licht, besonders bei abnehmendem Blaulichtanteil, lässt die Inhibierung nach und das Melatonin wird ausgeschüttet. ​ Melatonin ist einer der Hauptregulatoren des Schlaf-Wach-Rhythmus und wirkt nicht nur auf verschiedene Hirnareale, sondern auch auf periphere Systeme(7). Melatonin bindet an zelluläre MT1 oder MT2 Rezeptoren, und induziert durch den Andock-Prozess je nach Zelltyp verschiedene intrazelluläre Prozesse. Im menschlichen Gehirn wurden Melatonin-Rezeptoren in praktisch allen Arealen des Cortex gefunden, außerdem im Hippocampus, im Kleinhirn, im Thalamus und in verschiedenen Regionen des Hirnstamms. Im SCN ist die Rezeptordichte besonders hoch. Melatonin unterstützt nämlich mittels einer Rückkoppelungsschleife seine eigene Ausschüttung, indem es die Aktivität des SCN hemmt. ​ Eine kontinuierliche Melatonin-Ausschüttung stabilisiert die Schlafphase und unterdrückt die Wirkung möglicher Wecksignale. Außerdem spielt Melatonin für die Einleitung der Einschlafphase und für den Aufbau und die Aufrechterhaltung einer idealen Schlafarchitektur eine entscheidende Rolle. Da nicht nur Neurone, sondern auch zahlreiche andere Zelltypen Melatonin-Rezeptoren ausbilden, ist das Hormon an einer Vielzahl von Prozessen beteiligt, beispielsweise an der Stoffwechselregulation der Retina am Reproduktionszyklus, an der Immunmodulation an kardiovaskulären Prozessen, am Knochenmetabolismus und an der Physiologie des Gastrointestinaltrakts(8). ​ 5.4. Hypophyse und Hormone Die Hypophyse ist sozusagen das hormonelle Ausführungsorgan des Hypothalamus. Sie besteht aus zwei Lappen, der vorderen, größeren Adenohypophyse die genau genommen gar kein Bestandteil des Gehirns ist, und der hinteren, kleineren Neurohypophyse, einer Struktur des Hypothalamus. ​ Beide Lappen werden polysynaptisch von Neuronen des SCN innerviert und sezernieren ihre Hormone in die Blutbahn. Die Neurohypophyse schüttet die im Hypothalamus gebildeten Hormone Oxytocin und Vasopressin aus, und die Adenohypophyse setzt eine Mischung aus glandotropen und Effektorhormonen frei. Als glandotrope Hormone werden Substanzen bezeichnet, die auf endokrine Drüsen einwirken, die daraufhin selbst ihre Hormone ausschütten: das ACTH (Adreno-corticotropes Hormon) wirkt auf die Nebbennierenrinde und das TSH (Thyroidea-stimulierendes Hormon) auf die Schilddrüse. ​ Im Gegensatz zu glandotropen Hormen wirken Effektorhormone direkt auf ihre Zielorgane bzw. Zielzellen: Das Wachstumshormon STH (somatotropes Hormon) wirkt vor allem auf Muskeln, Leber, Nieren, Knochen und Knorpel und fördert die Proteinsynthese, den Blutzuckeranstieg, den Fettabbau und das Körperwachstum, Prolaktin fördert die Milchbildung in den Brustdrüsen, Melanotropin stimuliert die Pigmentbildung der Haut, FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) stimuliert die Eizellen- bzw. Spermienreifung, und LH (Luteinisierendes Hormon) fördert die Gelbkörperbildung in den Eierstöcken bzw. die Testosteronproduktion in den Hoden. Der Hormoncocktail der Hypophyse wirkt also auf eine beeindruckende Vielzahl physiologischer Prozesse, die auf Grund der rhythmischen Aktivierung durch den SCN ebenfalls ein circadianes Aktivitätsprofil aufweisen. ​ 5.5. Zusammenfassung Die Neurone des SCN werden durch einlaufende Aktionspotentiale der photosensitiven Ganglienzellen der Netzhaut aktiviert, also nur bei Helligkeit. Sie produzieren verschiedene Neuropeptide, die auf sie selbst und auf andere Hirnregionen einwirken. Außerdem innervieren sie über zahlreiche Efferenzen verschiedene Hirnareale, die die Aktivität bestimmter physiologischer Systeme wie die Körpertemperatur, Bewegung, Nahrungsaufnahme und Schlaf-Wach-Rhythmus regulieren. Zusätzlich werden über Zwischenstationen auch die Epiphyse und die Hypophyse innerviert. Die Epiphyse produziert das Hormon Melatonin, dessen Sekretion in die Blutbahn durch die Aktivität des SCN blockiert wird. ​ Bei zunehmender Dämmerung nimmt die Hemmung immer weiter ab und das Hormon wird ausgeschüttet.Neben zahlreichen Neuronen verschiedener Hirnareale produzieren auch Körperzellen Melatonin-Rezeptoren, so dass das Hormon an der circadianen Regulation zahlreicher Prozesse beteiligt ist. Besonders wichtig ist es für die Einleitung und die Stabilisierung des Schlafs. Die Hypophyse sezerniert einen Cocktail verschiedener Hormone, die auf eine Vielzahl physiologischer Prozesse einwirken. Die Aktivitätsrhythmik der SCN-Neurone wird also auf viele verschiedene neuronale und hormonelle Regulationssysteme übertragen. ​ 6. Molekulares Feintuning durch Clock-Genes Um das Wirkungsprinzip der Clock-Genes verstehen zu können, muss man sich leider auf einen kleinen Exkurs in die Molekulargenetik einlassen. Da in diesem System aber die Ursache darin zu finden, dass man entweder zu den frühen oder den späten Vögeln gehört, also von Natur aus eher ein Frühaufsteher oder ein Nachtmensch ist, lohnt sich die Anstrengung vielleicht doch! ​ 6.1. Die Kernelemente des molekularen Uhrwerks Im Zentrum des Uhrwerks, das in jeder Zelle zu finden ist, stehen zwei Gengruppen. Die eine heißt Period, die andere Cryptochrome. Die Gruppe Period besteht aus drei Genvarianten (Per1, Per2 und Per3); die Gruppe Cryptochrome aus zwei Varianten (Cry1 und Cry2). Diese Gene müssen transkribiert und dann translatiert werden. Mit dem Begriff Transkription ist das Anfertigen einer Gen-Abschrift gemeint, die Herstellung einer Boten-RNA. Translation bedeutet Übersetzung, und damit ist die Übersetzung der Boten-RNA in ein Protein gemeint, denn in der Reihenfolge der Nucleotide der Boten-RNA ist die Reihenfolge der Aminosäuren für das Protein codiert. Damit diese fünf Gene abgelesen, also in Boten-RNAs übersetzt werden können, müssen die Gene zunächst aktiviert werden. Dies geschieht mit Hilfe einer sogenannten E-box, einer charakteristischen DNA-Sequenz, die sich vor jedem der fünf genannten Gene befindet. ​ Erst nachdem sich ein bestimmter Proteinkomplex einer sogenannten E-box, einer charakteristischen DNA-Sequenz die sich vor jedem der fünf genannten Gene befindet. Erst nachdem sich ein bestimmter Proteinkomplex an die E-box gebunden hat, kann sich die Transkriptionsmaschinerie auf die DNA niederlassen und das Gen transkribieren. Bei dem genannten Proteinkomplex handelt es sich um einen Transkriptionsfaktor. So werden all die Hilfsproteine genannt, die an der Transkriptionsregulation von Genen beteiligt sind, oder anders ausgedrückt: Transkriptionsfaktoren entscheiden darüber, ob, wann, und in welchem Umfang ein Gen abgelesen werden kann. Der Transkriptionsfaktor, der für die Aktivierung der Per- und Cry-Gene verantwortlich ist, ist aus zwei Einzelproteinen zusammengesetzt (die, der Vollständigkeit halber, BMAL1 und CLOCK heißen). Anschließend werden nun alle Boten-RNAs in Proteine übersetzt, die man praktischer Weise genauso nennt wie ihre Gene, nur dass die Buchstaben alle groß geschrieben werden. Und dann beginnt die Uhr zu laufen, denn nun geschieht folgendes: ​ 6.2. Wie die Uhr funktioniert Die PER- und CRY-Proteine bilden Dimere, wobei verschiedene Kombinationen entstehen können. Diese Dimere binden sich nun an die Transkriptionsfaktoren, die dafür sorgen, dass die Per- und Cry-Gene abgelesen werden können. Durch das Andocken lösen sie die Transkriptionsfaktoren von der E-box ab, und das entsprechende Gen kann jetzt nicht mehr abgelesen werden. Die Blockierung der Transkriptionsfaktoren durch ein Dimer ist nur von kurzer Dauer, denn die Dimere „verbrauchen“ sich durch ihre Hemmaktivität. ​ Da jedes der fünf Gene mehrfach in eine Boten-RNA übersetzt werden kann, und da jede mRNA in mehrere Proteine translatiert werden kann, steht zu Beginn eines jeden Zyklus immer eine bestimmte Menge an PER- und CRY-Proteinen zur VerfügungAuf Grund ihrer Hemmtätigkeit werden es mit der Zeit immer weniger, denn auf Grund der Hemmung verbrauchen sich die PER- und CRY-Proteine. Solange noch ausreichende Mengen dieser Proteine vorhanden sind, können sie ihre eigene Transkription für eine gewisse Zeitspanne unterbinden. Haben sich alle Dimere verbraucht, werden die Transkriptionsfaktoren nicht mehr blockiert und binden sich wieder an die E-boxes. Und nun kann ein neuer Produktionszyklus beginnen. Es wird vermutlich niemanden überraschen: Jeder Zyklus dauert ziemlich genau 24 Stunden! ​ 6.3. Die E-boxes Wäre dieses Uhrwerk ein abgeschlossenes System, hätte es keine weiteren Auswirkungen auf den Stoffwechsel der Zellen. Es würde lediglich eine Gruppe von Proteinen über eine Rückkoppelungsschleife die eigene Produktionsrate regulieren. Aber dieses System ist eben kein abgeschlossenes System.Im Laufe der letzten Jahre wurden immer mehr Gene identifiziert, denen eine E-box vorgeschaltet ist. Das bedeutet, dass diese Gene mit Hilfe desselben Transkriptionsfaktors reguliert werden wie die Per- und Cry-Gene, nämlich mit Hilfe eines Komplexes aus den Proteinen BMAL1 und CLOCK. Und das bedeutet auch, dass die Transkription dieser Gene auf dieselbe Weise blockiert werden kann wie die Per- und Cry-Gene, nämlich durch Anbindung von PER- und CRY-Dimeren. Der 24-Stunden-Zyklus, in dem die PER- und CRY-Proteine ihre eigene Menge regulieren, überträgt sich demnach auf den Produktionsrhythmus all der Gene, die eine E-box besitzen. Viele der durch E-boxes regulierten Gene codieren andere Transkriptionsfaktoren. Dadurch, dass also bestimmte Transkriptionsfaktoren die Produktion anderer Transkriptionsfaktoren regulieren, wird das Gesamtsystem natürlich sehr groß und unübersichtlich(10). ​ Zu diesen circadian regulierten Transkriptionsfaktoren zählen solche, die an so grundlegenden Prozessen wie dem Energiehaushalt (Zucker- und Fettstoffwechsel, Insulinproduktion), der Schutz- und Abwehrmechanismen (Immunantwort, Apoptose, Zellteilung, DNA-Reparatur) und an zellinternen Signalkaskaden beteiligt sind. Aber auch andere Gene werden auf diese Weise reguliert, unter anderem Gene für bestimmte Enzyme, die Organ- und Gewebe-spezifisch synthetisiert werden. Bei Säugetieren scheint es insgesamt mehrere Hundert Gene zu geben, die über E-boxes circadian reguliert werden(11) ​ 6.4. Periphere Uhren und der SCN In Laborversuchen konnte nachgewiesen werden, dass isolierte Zell- und Gewebekulturen über einige Zyklen hinweg die circadiane Stoffwechselrhythmik aufrecht erhalten können. Nach einer gewissen Zeit verschiebt sich der Rhythmus jedoch zunehmend, bleibt aber als solcher grundsätzlich erhalten. Daher spricht man bei solchen Phänomenen von peripheren Uhren.Da bei einem gesunden Organismus jedoch alle peripheren Uhren im selben Rhythmus ticken, und da sich in einem gesunden Organismus die Rhythmen im Laufe der Zeit nicht verschieben, geht man davon aus, dass sie unter dem Einfluss des SCN stehen, der alle periphere Uhren in einen Gleichtakt bringt, der an die äußere Hell-Dunkel-Rhythmik angeglichen ist. Wie dies im Detail geschieht konnte bisher noch nicht aufgeklärt werden. ​ 6.5. Die Chronotypen Die Zellen der Epiphyse und der Hypophyse sowie die Neurone des SCN und aller anderen Hirnbereiche enthalten natürlich ebenfalls Clock-Genes, die rhythmisch abgelesen werden. Forscherteams, die bei Tieren, bei gesunden Probanden und bei bestimmten Patientengruppen das Expressionsmuster der Clock-Genes in der Epiphyse untersucht haben, haben interessante Resultate gefunden: Bei gesunden Probanden wird Cry1 besonders in der Nacht synthetisiert; Per1 hat zwei Peaks, nämlich in der Morgen- und in der Abenddämmerung und Bmal1 wird intensiv in den Morgenstunden synthetisiert(12). ​ Bei Alzheimer-Patienten sind die Kurven entweder abgeflacht die Peaks zeitlich verschoben die Syntheserate deutlich erhöht. Auch bei an Depression erkrankten Patienten konnte eine Dysregulation einiger Clock-Genes nachgewiesen werden. Und durch die Untersuchungen an Tieren wurde nachgewiesen, dass sich die Synthese-Rhythmik bei dämmerungs- und nachtaktiven Spezies voneinander unterscheidet. Der letztgenannte Befund legt die Vermutung nahe, dass die sogenannte Expressionsrhythmik der Clock-Genes eine wesentliche Ursache dafür ist, in welche Tageszeit das Aktivitätsmaximum eines Organismus fällt, ob er also eher früh oder eher spät am Tag „richtig wach“ ist. Daher vermutet man, dass auch beim Menschen die Ursache für die verschiedenen Chronotypen in der leicht unterschiedlichen Expressionsrhythmik der Clock-Genes liegt. Die Uhrzeit, zu der die jeweiligen Komponenten der Clock-Genes synthetisiert werden, entscheidet darüber, ob jemand bereits früh morgens aus dem Bett springen kann und entsprechend früh müde wird, oder ob er sich erst später am Tag wirklich fit fühlt und dafür bis in die späten Abendstunden wach bleibt. Dass bei der Alzheimerkrankheit, bei Depression und anderen psychischen Erkrankungen die circadiane Rhythmik der Patienten aus dem Takt geraten ist, wissen Kliniker bereits seit Langem. Nun weiß man auch, dass die aus dem Takt gekommen Clock-Genes eine der möglicherweise mehreren Ursachen dafür ist. ​ 6.6. Zusammenfassung Clock-Genes bilden ein sich selbst regulierendes System. In einem 24-Stunden-Rhythmus werden Regulationsproteine gebildet und wieder abgebaut. Diesen Funktionsmechanismus nennt man periphere Uhr. Da die Regulationsproteine nicht nur sich selbst, sondern auch die Aktivität anderer Gene regulieren, nehmen sie Einfluss auf den circadianen Stoffwechselrhythmus der Zellen. Der SCN wiederum bringt die verschiedenen peripheren Uhren in einen Gleichtakt. Da der Rhythmus der Clock-Genes unter anderem auch den Rhythmus des zellulären Energiestoffwechsels bestimmt, wird über die Clock-Genes der Chronotyp festgelegt. ​ 7. Physiologische Auswirkungen der Tagesrhythmik ​ Wie in den vorangegangenen Kapiteln erläutert wurde, wird der Aktivitätsrhythmus aller Organe, Gewebe und Zellen an den täglichen Hell-Dunkel-Rhythmus angepasst, und zwar mittels dreier Mechanismen: der zellulären Clock-Genes der hormonellen Ansteuerung und mittels neuronaler Innervierungen(13). ​ Die Systeme interagieren miteinander, ergänzen einander und sind teilweise redundant. Man könnte nun denken: „Was für ein übertriebener Aufwand!“ Aber, erstens, hatte die Evolution etliche Millionen Jahre Zeit, ein derart komplexes und verschachteltes System zu entwickeln, und, zweitens, zeigt sich besonders in Defektsituationen, wie gravierend die Konsequenzen sind, die entstehen, wenn das System nicht mehr so perfekt arbeitet wie es sollte. Mit diesem Aspekt werden wir uns jedoch erst später auseinandersetzen. Zunächst betrachten wir die allgemeinen Auswirkungen dieses komplexen circadianen Regulationssystems, also die anfangs als dritte Ebene bezeichnete Ausführung konkreter physiologischer Prozesse. ​ 7.1. Stoffwechselprozesse Betrachtet man die verschiedenen Stoffwechselprozesse des menschlichen Organismus, bekommt man sehr schnell den Eindruck, dass nahezu alle Prozesse einer circadianen Rhythmik unterworfen sind, von der Atmung über die Herzfrequenz, die Körpertemperatur, die Verdauung, die Hormonkonzentrationen bis hin zum zellulären Energiestoffwechsel(14). Beispielhaft für viele dieser physiologischen Erscheinungen betrachten wir nachfolgend verschiedene Aspekte des Energiestoffwechsel und des Verdauungssystems in Hinblick auf tagesrhythmische Veränderungen. Gerade dieser Themenkomplex ist auch aus medizinischer Sicht von großer Bedeutung, da Schicht- und Nachtarbeiter unter einer ständigen Desynchronisation leiden. ​ Fettreserven: Tagsüber werden Fettreserven in den Adipocyten, den Fettzellen, angelegt, und nachts werden die Fette zur Energiegewinnung wieder abgebaut. Außerdem sezernieren die Zellen des Fettgewebes nachts das Hormon Leptin, das die Entstehung des Hungergefühls unterdrückt. Der biologische Sinn liegt darin, dass man ohne Hungergefühl besser durchschlafen kann; normalerweise entsteht alle drei bis vier Stunden ein Hungergefühl, ein zu kurzer Abstand für eine gesunde. Muskelzellen haben einen sehr hohen Energieverbrauc. Tagsüber gewinnen sie die Energie durch den Abbau von Zuckern,nachts durch die Oxidation von Fettsäuren. Die Fettsäuren wiederum nehmen die Muskelzellen nur tagsüber auf – als Reserve für die Nachtstunden, also ähnlich wie die Adipocyten. ​ Die Bauchspeicheldrüse sezerniert tagsüber das Hormon Insulin und nachts den Gegenspieler Glucagon. Dadurch, dass Insulin den Körperzellen ermöglicht, Zuckermoleküle aus der Blutbahn aufzunehmen, fördert Insulin die Herstellung von Glycogen in der Leber. Glycogen ist eine Art tierische Stärke. Viele Zuckermoleküle, die mit Hilfe des Insulins aus der Blutbahn aufgenommen wurden, werden zu einem riesigen, verzweigten Molekül, dem Glycogen, verknüpft. Das Glycogen fungiert, ähnlich wie die pflanzliche Stärke, als Energiespeicher. Das Hormon Glucagon verursacht den entgegengesetzten Prozess, nämlich den Abbau von Glycogen. Der Auf- und Abbau von Zuckerreserven verläuft also nach einem ähnlichen Prinzip wie der Auf- und Abbau von Fetten. ​ Die Leber ist das Hauptorgan des Energiestoffwechsels, denn sie kann Fettsäuren und Zucker ineinander umwandeln, speichern und in die Blutbahn abgeben. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass auch die Leberzellen am Tage andere Prozesse durchführen als in der Nacht. Tagsüber bildet die Leber die bereits erwähnte Speicherstärke Glycogen, nachts zerlegt sie die Stärke wieder in Zuckermoleküle und gibt sie in die Blutbahn ab. Sollte die nachts benötigte Zuckermenge nicht ausreichen, synthetisiert die Leber in den Nachtstunden zusätzlich neue Zuckermoleküle aus anderen Molekülen; dieser Prozess wird als Gluconeogenese bezeichnet. Die tageszeitlich unterschiedlichen Prozesse sind also letztlich perfekte Anpassungen: ​ Tagsüber produziert die Leber Cholesterin, einerseits ein sehr wichtiger Bestandteil aller Zellmembranen und andererseits die Vorstufe für Steroidhormone und für Gallensäure. Zu den Steroidhormonen zählen die Sexualhormone und die Corticosteroide der Nebennierenrinde, und die Gallensäure dient der Fettverdauung und der Fettresorption. Nachts wird hauptsächlich für die Energieversorgung des gesamten Organismus gesorgt, und tagsüber werden Energiereserven für die Nacht angelegt und es werden Substanzen hergestellt, die hauptsächlich tagsüber benötigt werden. ​ Die Nahrungsaufnahme mit all ihren Begleitprozessen wird einerseits von der circadianen Rhythmik gesteuert, kann aber umgekehrt auch Einfluss auf diesen Rhythmus nehmen(15). Zahlreiche Hormone, die die Nahrungsaufnahme regulieren, werden circadian synthetisiert. Dazu zählen auch das appetitanregende Ghrelin und sein hungerhemmender Gegenspieler Leptin. Ghrelin hat wiederum einen direkten Einfluss auf den SCN, und beide wirken auf den Hypothalamus. Die Nahrungsresorption ist tagsüber wesentlich effektiver als abends oder nachts, da die Dünndarmzellen viele Transportproteine hauptsächlich tagsüber synthetisieren. Das abends ausgeschüttete Melatonin hat eine breitgefächerte Wirkung auf den Gastrointestinaltrakt: es verstärkt die Regeneration der Magen- und der Darmschleimhäute, hemmt die Magensäureproduktion und verlangsamt die Darmperistaltik. Es sieht also eindeutig so aus, dass das gesamte an der Ernährung und dem Energiehaushalt beteiligte Equipment darauf ausgelegt ist, tagsüber aktiv zu sein und zu essen und nachts zu regenerieren und zu fasten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass bei Nacht- und Schichtarbeitern etliche Stoffwechselprozesse entgleisen. ​ 7.2. Schlafphasen und Schlafarchitektur Auch wenn wir im Idealfall gar nichts davon mitbekommen, ist der Schlaf ein überraschend komplexes Ereignis, das sich aus zahlreichen feinregulierten Einzelprozessen und Stadien zusammensetzt(16). Die beiden Hauptphasen „Rapid Eye Movement“ oder kurz REM und „Nonrapid Eye Movement“ oder NREM wechseln sich ungefähr alle 90 Minuten ab; erstaunlicher Weise werden die beiden Phasen jedoch von ganz unterschiedlichen neuronalen Netzwerken gesteuert, an denen Kerne des Hypothalamus, des Diencephalons und des Hirnstamms beteiligt sind und die wiederum als Kooperationsteam Einfluss auf weitere Hirnregionen nehmen. In Bezug auf die Schlaftiefe liegt die REM-Phase direkt unter der Wachphase; unter der REM-Phase liegt die NREM-Phase, die man in drei Stadien unterteilt. Die American Academy of Sleep Medicine veröffentlichte 2007 ein Regelwerk für die Zuordnung der Schlafstadien vom Wachzustand bis zum Zustand des Tiefschlafs. Die Bezeichnungen der Phasen lauten: W für Wachzustand, R für REM-Schlaf. ​ N1 bis N3 für NREM-Schlaf-Phase 1 bis -Phase 3. Die Reihenfolge und die Länge der einzelnen Stadien können in Schlaflabors mittels polysomniographischer Untersuchungen gemessen werden. Dafür werden verschiedene elektrische Ableitungen aufgezeichnet: EEG (Elektroencephalographie für die Spannungsmessung der Großhirnrinde), EOG (Elektrookulographie für Messung der Augenbewegung) und EMG (Elektromyographie für die Messung der elektrischen Muskelaktivität). Die Phase 3, also der Tiefschlaf, tritt in der Regel mehrfach in den ersten Schlafstunden auf, während die REM- und Leichtschlafphasen vermehrt in den letzten Schlafstunden auftreten. ​ Warum wir schlafen (und nicht nur wir Menschen, sondern alle Wirbeltiere), und warum dabei die einzelnen Phasen und Tiefen wichtig sind, kann man bis heute nicht zufriedenstellend erklären. Man weiß jedoch, wie gravierend die Konsequenzen sind, wenn der Schlafrhythmus, die Schlafdauer und die Schlafarchitektur gestört sind. Zur Symptomatik zahlreicher psychischer Erkrankungen zählt ein gestörtes Schlafverhalten, und jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich irgendwann „wie gerädert“ fühlt, wenn man einige Nächte sehr schlecht geschlafen hat. ​ Über die Schlafenzeiten und die Schlafdauer eines Menschen herrschen trotz wissenschaftlicher Gegenbeweise noch immer völlig falsche Vorstellungen, unter denen besonders die Spätaktiven zu leiden haben. In vielen verschiedenen Kulturen werden nämlich Langschläfer für „Faulpelze“ gehalten. Redensarten wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und „Morgenstund hat Gold im Mund“ gibt es in zahlreichen verschiedenen Sprachen. Die Kernaussage ist, dass Spätaufsteher Langschläfer und daher arbeitsfaule Menschen seien. Dass aber alle Chronotypen durchschnittlich 8 Stunden schlafen, nur zu unterschiedlichen Uhrzeiten, scheint man dabei vollkommen zu ignorieren. Die beste Schlafenszeit ist grundsätzlich für alle Menschen, wenn gleichzeitig die Melatoninkonzentration ihr Maximum und die Körpertemperatur ihr Minimum erreicht hat. Dieser ideale Zeitpunkt ist jedoch nicht bei allen Menschen identisch! ​ Trägt man die Schlafdauer und die Schlafmitte der Durchschnittsbevölkerung in eine Grafik ein, erhält man in beiden Fällen eine Gauß-Verteilungskurve(17). Die meisten Menschen schlafen an freien Tagen 8 Stunden; allerdings gibt es mehr Kurz- als Langschläfer, also mehr Menschen, die weniger als 8 Stunden schlafen als solche, die länger als 8 Stunden schlafen. Die Schlafmitte ist ein Parameter für den Chronotypen, denn sie ist unabhängig von der Schlafdauer. Die Schlafmitte für jemanden, der von 22 Uhr bis 6 Uhr schläft ist dieselbe wie für jemanden, der von 23 Uhr bis 5 Uhr schläft, nämlich 2 Uhr. Die Schlafmitte des größten Bevölkerungsanteils liegt an arbeitsfreien Tagen jedoch bei 4.30 Uhr und es gibt wesentlich mehr Menschen, deren Schlafmitte noch später liegt als solche, deren Schlafmitte früher liegt. Das bedeutet, dass zwar unsere Redensarten den frühen Vogel favorisieren, dass aber die meisten Menschen eher zu den späten Vögeln gehören. ​ 7.3. Kognitionsleistungen Ein wesentliches Charakteristikum der extremen Chronotypen ist das unterschiedliche Zeitfenster ihrer Leistungsmaxima. Der Lerchentypus ist schon früh am Tag sowohl körperlich als auch geistig sehr leistungsstark und lässt ab den Nachmittagsstunden deutlich nach, während der Nachtigalltypus morgens zwar leistungsschwach, dafür aber bis in die Abendstunden hinein körperlich und geistig noch sehr belastbar ist. In beiden Fällen weist die Leistungskurve eine grundsätzlich ähnliche Form auf, nur der Kurvenverlauf ist zeitlich versetzt. ​ Während der Nachtigalltypus morgens zwar leistungsschwach, dafür aber bis in die Abendstunden hinein körperlich und geistig noch sehr belastbar ist. In beiden Fällen weist die Leistungskurve eine grundsätzlich ähnliche Form auf, nur der Kurvenverlauf ist zeitlich versetzt. Ein weiteres Kriterium für das kognitive Leistungsvermögen ist die Schlafqualität. Der kausale Zusammenhang von Schlaf und Gedächtniskonsolidierung ist inzwischen sehr gut belegt, und bei Kindern ist ausreichender Schlaf, besonders die Tiefschlafphasen, für die Entwicklung neuronaler Netzwerke unabdingbar(18) ​ Auch das Auftreten kognitiver Ermüdungserscheinungen wurden untersucht, und zwar in einem virtuellen Fahrtest, bei dem das Fahrverhalten ausgeschlafener Probanden mit dem von übermüdeten Probanden verglichen wurden(19). Die Daten wurden mittels fNIRS (functional near-infrared spectroscopy), einem nicht invasiven bildgebenden Verfahren, das die Hirnaktivität aufzeichnet, mittels EEG und EKG gewonnen. In den beiden Teilnehmergruppen zeigten sich nicht nur sehr deutliche Unterschiede in der Reaktionsgeschwindigkeit, sondern auch in den Hirnaktivitätsmustern und in der Herzaktivität. Einerseits reduziert Müdigkeit die Geschwindigkeit kognitiver Prozesse erheblich, andererseits wird der Körper in einen Alarm-, also in einen Stresszustand versetzt, wenn man der Müdigkeit nicht nachgeben und einschlafen kann. ​ Der Terminus Corticale Erregbarkeit ist definiert als die allgemeine Reaktionsintensität und -geschwindigkeit corticaler Neurone auf einen direkten Störreiz. Dabei werden durch transkranielle Magnetstimulation neuronale Reaktionen provoziert, und die wiederum können mittels EEG dokumentiert werden. Die Stärke der corticalen Erregbarkeit korreliert unter anderem mit dem kognitiven Leistungsniveau. Untersuchungen zu tageszeitlichen Schwankungen der corticalen Erregbarkeit haben ergeben, dass sie grundsätzlich sowohl von der allgemeinen circadianen Rhythmik als auch vom akuten Schlafbedürfnis beeinflusst wird(20). Überraschend war der Befund, dass in den Abendstunden die Erregbarkeit bei allen Teilnehmern deutlich nachließ, und zwar unabhängig vom aktuellen Schlafbedürfnis des jeweiligen Probanden. Da der Zeitpunkt der Retardierung mit dem Beginn der Melatonin-Ausschüttung zusammenfällt, und da die Melatonin-Ausschüttung lichtabhängig gesteuert wird, belegt diese Studie, dass das kognitive Leistungsniveau auch durch die Lichtintensität beeinflusst wird. Es gibt bereits einige Unternehmen, die in ihren Büros Leuchtmittel mit einer Helligkeit von 10.000 Lux installieren ließen. Da Helligkeit nebenbei auch die Stimmung aufhellt, scheint diese Umrüstung eine sehr gute Idee zu sein. ​ 7.4. Zusammenfassung Alle grundlegenden physiologischen Prozesse werden circadian reguliert. Besonders deutliche Unterschiede zwischen Tag- und Nachtphase weist der Energiestoffwechsel auf, der aus diesem Grund bei Nacht- und Schichtarbeitern für verschiedene Krankheitssymptome verantwortlich ist. Eine ausreichende Schlafdauer und eine stabile Schlafarchitektur ist eine wesentliche Grundlage für die Grundgesundheit eines Organismus. Der ideale Zeitpunkt hängt vom jeweiligen Chronotypen ab und wird bestimmt von der Melatoninkonzentration und der Körpertemperatur. Auch das kognitive Leistungsniveau unterliegt circadianen Schwankungen und wird durch Schlafmangel deutlich vermindert. ​​ 8. Konsequenzen bei "Taktlosigkeiten" ​ In diesem Kapitel werden nun alltags- und praxisrelevante Aspekte der vorher beschriebenen wissenschaftlichen Erkenntnisse beleuchtet, besonders in Hinblick auf die möglichen Konsequenzen, die sich ergeben, wenn die Arbeitsrhythmik des Gehirns ignoriert wird. Das komplexe System der Rhythmusregulation ist evolutionsbiologisch darauf zugeschnitten, dass der Aktivitätsrhythmus eines Organismus dem Hell-Dunkel-Rhythmus seiner Umwelt angepasst ist. Immer dann, wenn die Kontinuität der Rhythmik aus irgendwelchen Gründen nicht mehr aufrechterhalten wird, entstehen physische und psychische Probleme, die umso schwerwiegender ausfallen, je länger die Arhythmie andauert. Drei Hauptgründe kann man unterscheiden: ein defizitärer Schlaf, Rhythmusverschiebungen und Rhythmusverlust. Es gibt noch eine weitere, eine soziale Ursache für circadiane Probleme, nämlich wenn Menschen verschiedener Rhythmen aufeinander treffen. ​ 8.1. Defizitärer Schlaf Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben sozioökonomische Veränderungen dazu geführt, dass die Menschen in Industrienationen ihre Aktivitätsrhythmik immer weiter in Richtung Abend verschoben haben, und dass immer mehr Menschen immer weniger schlafen(21). Ein durchschnittlicher US-Amerikaner schläft heute ca. 25 % weniger als noch vor 40 Jahren. Die Schlafqualität und die Schlafquantität sind jedoch für die Erhaltung der Gesundheit sehr entscheidende Faktoren mente el 25 % menos que hace 40 años. No obstante, la calidad y cantidad del sueño son factores absolutamente decisivos para conservar la salud. ​ Wissenschaft: Das besonders in Großstädten allgegenwärtige Kunstlicht hemmt die abendliche Melatonin-Ausschüttung und verzögert dadurch die Einschlafphase. Jeder Bildschirm, jedes Smartphone, jede Energiesparlampe sendet Blaulicht aus, das besonders effektiv den SCN aktiviert die Wachphase verlängert. ​ Wissenschaft: Bei Kindern und Jugendlichen ist die Entwicklung neuronaler Netzwerke noch nicht abgeschlossen, aber gerade diese Reifungsprozesse reagieren sehr empfindlich auf Schlafmangel. Auch die Qualität der Gedächtniskonsolidierung und der Lernprozesse ist von der Schlafqualität und –quantität abhängig und betrifft daher jede Altersklasse. ​ Wissenschaft: Schlafentzug kann außerdem dazu führen, die rationale Kontrolle von Emotionen einzubüßen, wodurch es zu irrationalem Verhalten kommen kann(22). Die Effektivität des Immunsystems wird durch Schlafmangel deutlich reduziert. Menschen, die regelmäßig weniger als sechs Stunden schlafen, sind um das Vierfache infektanfälliger als diejenigen, die mindestens sieben Stunden schlafen. Umfangreiche epidemiologische Studien haben ergeben, dass eine regelmäßige Schlafdauer von weniger als 5-6 Stunden mit der Entstehung von Adipositas, Typ-2 Diabetes, Bluthochdruck und Depression korreliert. ​ Wissenschaft: Neben der Schlafquantität ist jedoch auch die Schlafqualität wichtig, und diese wird hauptsächlich durch das Erreichen und die Anzahl der Tiefschlafphasen bestimmt. In diesem Zusammenhang ist es besonders alarmierend, dass sich in den letzten Jahren Berichte darüber häufen, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr richtig durchschlafen, da sie ihr Smartphone neben dem Bett liegen haben, um angeblich wichtige Informationen nicht zu verpassen. ​ Wissenschaft: Doch auch Menschen im klinischen Bereitschaftsdienst und in vielen anderen Berufen müssen ihren Schlaf unterbrechen, ebenso Mütter mit Säuglingen. Je häufiger die Schlafunterbrechungen stattfinden, desto gravierender sind die psychischen und physischen Konsequenzen. ​ Praxis: Durch bewusstes Einsetzen oder Meiden von Licht, durch Einhalten eines möglichst gleichbleibenden Schlafrhythmus und durch eine angemessene Schlafdauer kann jeder seine körperliche und geistige Gesundheit in beträchtlichem Maße selbst beeinflussen. Der Schlaf sollte nicht unterbrochen werden. Schon das kleine „Pling“ eines Smartphones kann störend wirken. Man sollte sich von dem Vorurteil befreien, dass Langschläfer Faulpelze seien. Und, wer sich, wie die meisten Menschen, nach acht Stunden Schlaf fit und ausgeruht fühlt, ist noch lange kein Langschläfer. ​ 8.2. Rhythmusverschiebungen Verschiedene Umstände können unsere circadiane Rhythmik verschieben. Das zugrunde liegende komplexe Regulationssystem ist jedoch nicht auf schnelle und umfangreiche Phasenverschiebungen ausgelegt. Je nach Anzahl und Umfang der Verschiebungen können zum Teil gravierende kognitive, psychische und physiologische Probleme entstehen. Selbst kurze und kleine Rhythmusverschiebungen verursachen zumindest Unpässlichkeiten. ​ Wissenschaft: Regelmäßig, mindestens einmal im Jahr, wird von den Medien immer wieder ein bestimmtes Thema aufgenommen: die Sinnhaftigkeit der Zeitumstellung. Im Frühjahr wird die Uhr um eine Stunde vor, im Herbst wieder um eine Stunde zurückgestellt. Dadurch, dass die Umstellungstermine jahreszeitlich so liegen, dass es entweder morgens noch dunkel oder abends bereits schon dunkel ist, nimmt man diese Verschiebung sehr deutlich wahr, denn die gewohnheitsmäßige Zuordnung von Helligkeit und Uhrzeit passt dann nicht mehr. ​ Der Rhythmus, der sich grundsätzlich nicht ändert, ist die lichtgesteuerte Taktung über den SCN. Die aber passt nicht mehr zur gewohnten Aktivitätsrhythmik, die sich ja um eine Stunde verschieben muss. Diese Art Phase-shift hat keine gravierenden Auswirkungen, da sie relativ klein ist und nur sporadisch stattfindet. Die Umfrage einer deutschen Krankenkasse hat ergeben, dass Frauen offenbar stärker unter der Umstellung leiden und länger brauchen, um sich daran anzupassen, als Männer. ​ Wissenschaft: Jeder, der schon einmal mehrere Zeitzonen überflogen hat, kennt das Problem des Jetlag, und der weiß auch, dass das Problem mit der Anzahl der überflogenen Zeitzonen immer größer wird. Die Anpassungsgeschwindigkeit der verschiedenen internen circadianen Regulationssysteme an die neue Hell-Dunkel-Rhythmik ist unterschiedlich; so kommt es häufig vor, dass sich der Schlaf-Wach-Rhythmus bereits angepasst hat, aber die Regulation des Verdauungssystems, des Energiestoffwechsels und der Körpertemperatur noch nicht. Man möchte schlafen, muss aber zur Toilette und hat Hunger. In der Regel braucht der Organismus einen Tag pro Zeitzone bzw. Stunde, um sich vollständig an den neuen Rhythmus anzupassen. Übrigens: Flüge in Richtung Westen sind besser verträglich als in Richtung Osten, da der innere Zyklus etwas länger als 24 Stunden dauert, eine Tagesverlängerung also leichter akzeptiert werden kann als eine Tagesverkürzung. Der Jetlag ist ein Phase-shift, der deutlich spürbare Konsequenzen hat, da es sich um eine große Zeitverschiebung handelt. Die Folgen sind jedoch vorübergehend, da die Verschiebung ein einmaliges Ereignis ist. ​ Wissenschaft: Social Jetlag ist die Bezeichnung für eine dauerhafte Phasenverschiebung, in der der angeborene Chronotyp nicht zur geforderten Arbeitsrhythmik passt und der daher zwangsläufig verschiedene Probleme kognitiver und physiologischer Art verursacht(23). Besonders die späten Chronotypen leiden unter dem Social Jetlag, da bei ihnen der Unterschied zwischen der biologischen und der sozialen Uhr am größten ist. Sie müssen zu bestimmten Uhrzeiten funktionieren, zu denen sie noch gar nicht funktionieren können. Die Schlafqualität, das allgemeine Wohlbefinden und der Konsum von Stimulantien wie Koffein, Nicotin und Alkohol sind nur einige Beispiele, in denen sich passende und nicht-passende Chronotypen voneinander unterscheiden. Im Prinzip ist der Social Jetlag eine dauerhafte Stresssituation – mit seinen typischen Folgeerscheinungen. ​ Wissenschaft: Noch gravierendere Konsequenzen hat eine große und permanente Phasenverschiebung, wie sie beispielsweise bei Nachtarbeitern vorkommt. Diese Menschen müssen tatsächlich die Nacht zum Tage machen – und eben dieser Zustand hat weitreichende Konsequenzen. In einer sehr umfangreichen Studie wurde nachgewiesen, dass der SCN unter Dauerlicht seine Rhythmusleistung um 70 % reduziert, dass die Muskelleistung auf Grund von Muskelschwund nachlässt, dass Entzündungsparameter ansteigen und dass Osteoporose-ähnliche Symptome auftreten(24). Andere Studien haben gezeigt, dass es, ähnlich wie bei andauerndem Schlafmangel, zur Hypertonie und zu Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression kommen kann, und dass verschiedene Stoffwechselprozesse entgleisen können, wodurch Diabetes, Adipositas und Metabolisches Syndrom entstehen können. ​ Praxis: Bei planbaren, vereinzelten Phase-shifts kann und sollte man wichtige Tätigkeiten und Termine auf einen anderen Tag verlegen. Man sollte, besonders nach Interkontinentalflügen, einen genügend großen Zeitpuffer zur Anpassung einplanen. An wichtigen Meetings sollte man auf keinen Fall teilnehmen, während man noch unter einem Jetlag leidet, denn in diesem Zustand kann man keine kognitiven Höchstleistungen vollbringen. ​ Praxis: Mit bestimmten Rhythmusveränderungen muss man jedoch irgendwie zurecht kommen. Dem Social Jetlag kann man lediglich durch die Auswahl eines geeigneten Berufs oder Arbeitgebers entkommen; ansonsten sollte man, im Rahmen seiner beruflichen Möglichkeiten, das Arbeitspensum und die einzelnen Arbeitsaufgaben seinem Chronotypen entsprechend sortieren. ​ Praxis: Besonders schwierig ist das gesundheitliche Management der Nachtarbeit. Auch wenn man aus medizinischer Sicht grundsätzlich auf nächtliche Arbeit verzichten sollte, ist das Funktionieren unserer Gesellschaft davon abhängig, dass Menschen verschiedenster Berufsgruppen nachts arbeiten. Eine relativ einfache und dennoch sehr wirkungsvolle Hilfestellung ist das möglichst vollständige Abdunkeln des Schlafzimmers. Denn unser Organismus ist auf eine kontinuierliche Rhythmik angewiesen, und Licht ist mit großem Abstand der stärkste Taktgeber. Dunkelheit löst die Melatonin-Freisetzung aus und stabilisiert den Schlaf. Eine zusätzliche Hilfsmaßnahme betrifft die Essgewohnheiten. Da besonders der Energiestoffwechsel am Tage völlig anders reguliert wird als in der Nacht, bringt eine nächtliche Gyrosplatte die Stoffwechselphysiologie auch besonders gründlich durcheinander. Mehrere kleine Mahlzeiten sind hier wesentlich sinnvoller ​ 8.3. Rhythmusverlust Sowohl bei bestimmten psychischen Erkrankungen wie beispielsweise einer schweren Depression als auch bei Schichtarbeit können circadiane Regulationssysteme außer Takt geraten. Die Folgeerscheinungen sind gravierend, da sie letztlich den gesamten Organismus betreffen. ​ Wissenschaft: Ein ständiger Wechsel zwischen Tag- und Nachtarbeit verändert bestimmte Regulationsmechanismen des autonomen Nervensystems(13): Veränderungen der sympathischen Aktivitäten verursachen eine Blutdruckerhöhung und eine Verminderung der Glucose-Aufnahme durch die Muskelzellen. Veränderungen der parasympathischen Aktivitäten verursachen eine verstärkte Insulinsekretion, eine verstärkte Einlagerung von Bauchfett und die Ausbildung einer Fettleber. ​ Wissenschaft: Die circadianen Rhythmen verschiedener Hormonkonzentrationen flachen mit der Zeit ab. Zu diesen Hormonen zählen so unterschiedliche Substanzen wie Prolactin, Luteinisierendes Hormon, Thyreotropin, Testosteron, Leptin, Ghrelin, Adiponectin, Interleukine und Tumornekrosefaktoren. Es sind also sehr verschiedene Funktionsbereiche betroffen.Dass bei Stewardessen, die sehr häufig Interkontinentalflüge begleiten, nach einigen Berufsjahren der Menstruationszyklus ausfällt, ist seit Langem bekannt. ​ Wissenschaft: Auch der zyklische Kurvenverlauf der Melatonin-Konzentration flacht ab, so dass es nicht verwunderlich ist, dass auch die peripheren Rhythmussysteme nicht mehr perfekt im Gleichtakt arbeiten und daher auch nicht mehr perfekt kooperieren können. So hat beispielsweise das Ausbleiben der nächtlichen Temperaturabsenkung negative Auswirkungen auf die Leistung des Immunsystems. Langjährige Schichtarbeit führt auch zu kognitiven Einbußen(25). In einer auf 10 Jahre angelegten Langzeitstudie wurde nachgewiesen, dass bei Schichtarbeitern das Lang- und Kurzzeitgedächtnis, aber auch allgemeine kognitive Fähigkeiten deutlich nachgelassen haben. ​ Praxis: Für dauerhaft wechselnde Tagesrhythmen gibt es, außer den bereits für Nachtarbeiter genannten, leider keine sinnvollen Tricks oder Verhaltensmaßnahmen, die die vielen Auswirkungen abmildern könnten. Die einzige beruhigende Nachricht ist vielleicht, dass durch den Übergang in eine normale circadiane Rhythmik die meisten Nebenwirkungen wieder verschwinden und sich das Gesamtsystem wieder normalisiert – was allerdings einige Jahre dauern kann. ​ 8.4. Zusammentreffen verschiedener Rhythmen Elektronische Kommunikationstechnologien ermöglichen weltumspannende Telefon- und Videokonferenzen, und die Verbindungsnetze der Airlines ermöglichen große Reisestrecken. Technologien verstärken also die weltweite Gleichzeitigkeit von Ereignissen – ohne Rücksicht auf die biomedizinische Sinnhaftigkeit. ​ Wissenschaft: Kommen Menschen aus verschiedenen Zeitzonen zusammen, virtuell oder real, befinden sich ihre Organismen in unterschiedlichen Phasen der circadianen Rhythmik. Einige sind schon oder noch satt, andere sind schon wieder oder immer noch hungrig; einige sind gerade aufgestanden und ausgeruht, andere wiederum bereits erschöpft und müde.Besonders das Leistungsniveau des kognitiven Systems ist sehr von der Tageszeit und vom Chronotypen abhängig. ​ Wissenschaft: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass bei interkontinentalen Zusammenkünften grundsätzlich und immer ungleiche Voraussetzungen unter den Teilnehmern herrschen. ​ Praxis: Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass die circadiane Rhythmik, die aktuelle Phase oder das Ausmaß der Phasenverschiebung einen großen Einfluss auf den Verlauf und den Ausgang einer Diskussion oder einer Verhandlung hat ​ Praxis: Man kann diesen Umstand strategisch nutzen, und ein solches Meeting für eine Zeit ansetzen, die für einen selbst die produktivste Tageszeit ist, oder die für den Kontrahenten die ungünstigste Tageszeit ist. Umgekehrt kann und sollte man sich aber auch vorbereiten, wenn der festgesetzte Zeitpunkt für einen selbst nicht ideal ist, indem man den gesamten Tagesverlauf von Beginn an entsprechend anpasst, also eher oder später aufsteht, eher oder später zu Mittag isst und ähnliches. Je nach Grad der circadianen Verschiebung ist es manchmal sogar sinnvoll, bereits am Vorabend damit zu beginnen und eher oder später ins Bett zu gehen. ​ 8.5. Zusammenfassung Licht ist der stärkste Rhythmusgeber überhaupt. Alle Lebewesen haben im Laufe von mehreren Millionen Jahren Regulationssysteme entwickelt, mit deren Hilfe das Aktivitätsniveau physiologischer Prozesse dem Hell-Dunkel-Rhythmus angepasst wird. Die äußere Rhythmik wird auf eine innere Rhythmik übertragen. Wird diese Koppelung gestört oder gar aufgehoben, entwickeln sich zahlreiche Krankheitssymptome, deren Stärke und Therapierbarkeit mit dem Grad der Entkoppelung korreliert. Bezüglich der Verschiebung der circadianen Rhythmik ist unser Organismus nämlich überraschend unflexibel. Die Auswirkungen einiger Phase-shifts kann man durchaus etwas abmildern, indem man sein Essverhalten und die Lichtmenge kontrolliert, und in dem man für einen ausreichenden und ungestörten Schlaf sorgt. Gegen die gesundheitlichen Konsequenzen großer und langanhaltender Phasenverschiebungen kann man jedoch kaum etwas unternehmen, daher sollte ein solcher Lebensabschnitt so kurz wie möglich gehalten werden.

  • Selbstwahrnehmung

    Der Mensch nimmt sich immer anders wahr, als er von anderen wahrgenommen wird. Die Diskrepanz ist neuropsychologisch unvermeidlich, aber überbrückbar. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Jeder Mensch ist einzigartig 3. Die Wahrnehmungsebene 4. Die neuronale Verrechnungsebene 5. Die psychische Ebene Selbstwahrnehmung Der Mensch nimmt sich immer anders wahr, als er von anderen wahrgenommen wird. Die Diskrepanz ist neuropsychologisch unvermeidlich, aber überbrückbar. 1. Vorwort ​ Das Bild, das eine Person von sich selbst hat, ist niemals völlig deckungsgleich mit dem Bild, das andere Menschen von dieser Person haben. Selbstbild und Fremdbild sind niemals identisch. Diese Tatsache ist ein systemimmantentes Phänomen, denn die neurobiologischen und neuropsychologischen Systeme, die an der Generierung des Selbstbilds beteiligt sind, sind weder strukturell noch inhaltlich völlig identisch mit den Systemen, die das Fremdbild generieren. Unterschiedliche Systeme liefern unterschiedliche Resultate. Aber gerade die Verschiedenheit der Ergebnisse birgt ein großes Konfliktpotenzial, denn den Wenigsten ist bewusst, dass Selbstbild und Fremdbild niemals identisch sein können. Dadurch entstehen schnell Missverständnisse, Vorwürfe, Unterstellungen, Unverständnis, Kränkung, Hilf- und Ratlosigkeit. Ist man sich jedoch über die Arbeitsweisen der verschiedenen Mechanismen im Klaren, fällt es leicht, vorwurfs- und vorurteilsfrei über Unstimmigkeiten zu diskutieren. Wenn man erkennt, dass es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um neuropsychologische Mechanismen geht, kann eine Diskussion wesentlich entspannter und somit auch fruchtbarer geführt werden. 2. Jeder Mensch ist einzigartig ​ Allein auf Grund der physikalischen Gesetzmäßigkeit, dass nicht zwei Objekte zur selben Zeit am selben Ort sein können, kann es keine zwei identischen Lebewesen geben. Dadurch, dass sie sich immer an verschiedenen Orten aufhalten, sind sie unterschiedlichen Reizkonstellationen ausgesetzt und machen unterschiedliche Erfahrungen. Das gilt für Bakterien ebenso wie für Menschen. Abgesehen von dieser physikalischen Tatsache kann man beim Menschen verschiedene Prozessebenen ausmachen, die, jede für sich und alle zusammen, dazu beitragen, dass das Selbstbild und das Fremdbild grundsätzlich niemals vollkommen deckungsgleich sein können. Von außen nach innen sind dies Die Wahrnehmungsebene: Sinnesphysiologisch nehmen wir andere Menschen über andere Mechanismen wahr als uns selbst. Die neuronale Verrechnungsebene: Unterschiedliche Erfahrungen generieren unterschiedliche Erwartungen, und strukturell unterschiedliche Kognitionsareale produzieren unterschiedliche Denkmuster. Die psychische Ebene: Selbsteinschätzungen und Erinnerungen manipulieren wir unbewusst zu unseren Gunsten. Die drei Ebenen unterscheiden sich untereinander durch unterschiedliche Prozessabläufe sowie durch unterschiedliche Prozessinhalte und es gibt keine zwei Menschen, bei denen auf allen drei Ebenen identische Abläufe stattfinden. Bezüglich der Wahrnehmungen, der Erfahrungen und der Verrechnung dieser Daten ist demnach jeder Mensch einzigartig. Das in Worte ausgedrückte Staunen „Wie kann es sein, dass die Innenansicht und die Außenansicht eines Menschen so unterschiedlich sind?!“ müsste daher umformuliert werden in „Wie kann es sein, dass die Innenansicht und die Außenansicht überhaupt jemals identisch sein können?!“ Die Strukturen und Prozesse der drei genannten Ebenen werden wir uns im Folgenden genauer anschauen und wir beginnen mit der Wahrnehmungsebene. ​​ 3. Die Wahrnehmungsebene ​ Es erscheint zunächst verblüffend, dass die Mechanismen, über die wir uns selbst wahrnehmen, andere sind als die Mechanismen, über die wir andere Menschen wahrnehmen. Wir sehen uns anders, fühlen uns anders, hören und riechen uns anders als andere Menschen uns sehen, fühlen, hören und riechen. Es ist daher also keineswegs verwunderlich, dass am Ende zwei unterschiedliche Eindrücke von ein und derselben Person entstehen – mein Eindruck von mir und Dein Eindruck von mir sind nicht identisch, ebenso wie Dein Eindruck von Dir und mein Eindruck von Dir nicht identisch sind. ​ 3.1. Sehen erzeugt Unterschiede Im normalen Tagesablauf sieht man immer nur Teile von sich selbst und die zudem aus einer ziemlich extremen Perspektive, nämlich von sehr schräg oben. Diese Perspektive auf unseren Körper haben aber ausschließlich wir selbst. Niemand sonst sieht uns so wie wir uns selbst sehen, nämlich fragmentarisch und perspektivisch verzerrt. Wir haben uns jedoch so sehr daran gewöhnt, dass niemandem bewusst ist, wie skurril diese Situation eigentlich ist. Andere Menschen sehen wir von einer anderen Perspektive, wir können sie ganzheitlich sehen, und wir können an anderen Menschen Ansichten betrachten, die wir bei uns selbst ohne Hilfsmittel nicht betrachten können, nämlich seitliche und rückwärtige Ansichten. Wissen Sie, wie Sie gerade von hinten aussehen? Sitzt die Frisur? Und wissen Sie, wie Ihr Gesicht gerade aussieht? Lächeln Sie, oder ziehen Sie gerade die Stirn in Falten? Rümpfen Sie die Nase? Wie sieht das aus? Wissen Sie, was andere gerade sehen? Das ist nämlich ein ganz besonders großer und bedeutsamer Unterschied zwischen der Selbstbetrachtung und der Fremdbetrachtung. Ohne Spiegel können wir unser Gesicht nicht sehen. Und im Spiegel sehen wir unser Gesicht nicht so wie andere Menschen es sehen, denn wir sehen uns spiegelverkehrt. Gesichter sind niemals spiegelsymmetrisch. Auch die Gesichtsmuskulatur und damit unsere gesamte Mimik ist unsymmetrisch. Wir können unser Gesicht also niemals so sehen, wie andere Menschen unser Gesicht betrachten können – jedenfalls nicht, ohne größeren technischen Aufwand betreiben zu müssen. ​ Gestik und Mimik sind wesentliche Bestandteile der menschlichen Kommunikation. Schon seit den späten 1960er Jahren hält sich die 55-38-7-Regel. Mit dieser Formel soll die Kraft der Glaubwürdigkeit nonverbaler Signale ausgedrückt werden. Die Vertrauenswürdigkeit, die wir einem anderen Menschen zusprechen, basiert zu 55 % auf seiner Körpersprache, zu 38 % auf seiner Stimme, und nur zu 7 % auf dem tatsächlich Gesagten(1, 2). Zwar werden heutzutage die Studien und die Prozentzahlen durchaus sehr kritisch betrachtet, aber an der Kernaussage, dass nonverbale Signale einen wesentlichen Einfluss auf Kommunikationsprozesse haben, zweifelt niemand. Gestik und Mimik sind die wichtigsten nonverbale Signale, es sind optische Kommunikationssignale. Daher erscheint es paradox, dass sich unsere eigenen optischen Signale unserer eigenen visuellen Wahrnehmung entziehen, denn unsere Gestik können wir nur bruchstückhaft, und unsere Mimik können wir gar nicht sehen. ​ Noch verwirrender wird dieser Umstand, wenn man bedenkt, dass das menschliche Gehirn beim Erkennen von Gesichtern und beim Interpretieren von Mimik wahre Höchstleistungen vollbringt. Im medialen Temporallappen befindet sich eine Gruppe von sogenannten Gesichts-Neuronen, die selektiv auf einzelne Gesichter reagieren(3). Die Aktivitätsmuster der Neuronen bleibt über einen langen Zeitraum, vermutlich sogar ein Leben lang konstant, womit gewährleistet wird, dass wir uns an bekannte Gesichter immer erinnern und sie immer wiedererkennen können(4). Einige Menschen haben in dieser Hinsicht ein ganz besonderes Talent. Die Londoner Polizei nutzt die Fähigkeiten dieser Super-Recognizer, um in Videoaufzeichnungen die Gesichter von Verdächtigen aufzuspüren. Diese hochbegabte Elite schlägt mit ihren Fähigkeiten jedes Gesichtserkennungsprogramm um Längen und hilft somit, Kosten und besonders Zeit zu sparen. Bei Kommunikationsprozessen ist neben der Gesichtserkennung in besonderem Maße die Interpretation der Mimik von entscheidender Bedeutung. Mimik hat einen motorischen und eine emotionalen Bestandteil und für jeden Bestandteil ist ein eigenes Spiegelneuronen-System zuständig. Der inferiore frontale Gyrus und der posteriore parietale Cortex sind für die motorische Komponente des Gesichtsausdrucks zuständig und spiegeln sozusagen die Muskelaktivität für die Erzeugung eines bestimmten Ausdrucks wider. Die Amygdala und die Insula sind an der Bewertung der emotionalen Komponente des Gesichtsausdrucks beteiligt(5). Beide Systeme arbeiten gleichzeitig und interaktiv. ​ Unsere Gehirne sind also bestens dafür ausgerüstet, optische Kommunikationssignale anderer zu erkennen und zu interpretieren, aber die selbst produzierten nonverbalen Signale können wir nicht sehen. Dennoch wissen wir, ob wir lächeln oder wütend aussehen, ob wir die Hand offen halten oder eine Faust ballen. Diese Art der Wahrnehmung verläuft über einen ganz anderen Sinneskanal, nämlich über den äußeren und den inneren Tastsinn. Wir sehen uns nicht, aber wir können uns fühlen. ​ 3.2. Fühlen erzeugt Unterschiede Die Tiefensensibilität, auch Propriozeption genannt, ist ein nur wenig bekannter Sinn. Die dafür zuständigen Rezeptoren werden als Propriozeptoren bezeichnet und sitzen in Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken. Sie reagieren je nach Bauart auf Druck, Zug oder Verformung und vermitteln Informationen über innere Zustände, über Positionen und Bewegungen im Raum. Zu den Propriozeptoren zählen die Muskelspindeln, die auf Dehnung oder Verkürzung von Muskeln reagieren, die Golgi-Rezeptoren, die die Sehnenspannung messen, und die Gelenkrezeptoren, die die Stellung der Gelenke registrieren. Die Propriozeptoren sind über ihre Efferenzen an sehr unterschiedliche Systeme angebunden: unter anderem an ein reflektorisches Schutzsystem, das die Überspannung der Muskeln verhindert, außerdem an ein System, das über das Cerebellum die Bewegungen koordiniert und auch an das System des primären somatosensorischen Cortex, in dem die einlaufenden Signale in Gefühlswahrnehmungen übersetzt werden. Und hier liegt auch die Begründung für den kurzen Exkurs in die Sinnesphysiologie. ​ Unsere Gestik und besonders unsere Mimik können wir nicht sehen – aber wir können sie fühlen! Bei unserem Gegenüber werden durch unsere Gestik und Mimik seine visuellen Rezeptoren aktiviert, die ihre Efferenzen zum primären visuellen Cortex leiten, während bei uns selbst durch unsere Gestik und Mimik unsere Propriozeptoren aktiviert werden, die ihre Efferenzen zu unserem somatosensorischen Cortex leiten. Dieselben Ereignisse, nämlich unsere Gestik und Mimik, werden also über zwei verschiedene Sinneskanäle aufgenommen und zu zwei verschiedenen Cortex-Arealen geleitet, die wiederum zusätzliche, weiterverarbeitende Areale innervieren. Dass bezüglich der Gestik und Mimik die Selbstwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung nicht identisch ausfallen, ist also überhaupt nicht überraschend. Im Gegenteil, es ist überraschend, dass sie nicht vollkommen unterschiedlich ausfallen. ​ Die Wahrnehmung unserer Mimik über die Propriozeptoren erzeugt eine Rückkoppelungsschleife, denn auf Grund einer bestimmten Stimmung werden, von limbischen Arealen ausgehend, bestimmte Positionen des prämotorischen Cortex aktiviert, über den unsere Gesichtsmuskulatur angesteuert wird. Das Resultat, nämlich der mimische Ausdruck, wird wiederum an unseren sensorischen Cortex geleitet, der wiederum Einfluss auf limbische Strukturen und damit auf unsere Stimmung nimmt – Facial-Feedback-Schleife wird dieses Rückkoppelungssystem genannt, durch das die Emotionen verstärkt werden können. Seit einigen Jahren wird bei depressiven Patienten eine sehr erfolgreiche Therapie angewendet, mittels derer die negative Verstärkung aufgehoben werden kann(6): Bei depressiven Patienten ist der Musculus corrugator supercilli, auch Stirnrunzler genannt, überaktiv und erzeugt eine tiefe Stirnfalte. Deren innere Wahrnehmung verstärkt die grüblerische und traurige Stimmung, durch die diese Falte eigentlich hervorgerufen wird. Wird Botulinum-Toxin in diesen Muskel injiziert, glättet sich die Falte, die Selbstwahrnehmung verändert sich und daraufhin verbessert sich die eigene Stimmung – im wahren wie im übertragenen Sinne – deutlich sichtbar. ​ Der Vollständigkeit halber soll auch der Tastsinn erwähnt werden, denn auch er liefert Informationen über unsere Körperhaltung, unsere Bewegung und unsere Gestik. In der Haut sitzen verschiedene Rezeptortypen, die auf verschiedene physikalische Reize reagieren und ihre Aktionspotentiale ebenfalls zum primären somatosensorischen Cortex leiten. Dazu gehören die auf Druck reagierenden Ruffini-Körperchen, Merkel-Rezeptoren und Meissner-Körperchen sowie die auf Vibrationen ansprechenden Vater-Pacini-Körperchen. Die Ruffini-Körperchen sprechen außerdem auch auf Dehnung an. Der Begriff Tastsinn ist daher ein übergeordneter Begriff für eine Sammlung unterschiedlicher Reizwahrnehmungen. Je nach Körperhaltung und Bewegung spüren wir unsere Kleidung auf unserer Haut – mal sitzt der Stoff locker, mal spannt er etwas. Durch die Anspannung der Gesichtsmuskulatur verändert sich auch die Spannung der Gesichtshaut, und diese Spannungsveränderungen werden wiederum über Tastrezeptoren detektiert. Insgesamt liefern also die vielen Hautrezeptoren indirekte Informationen über unseren Körperausdruck, den wir selbst nicht sehen aber fühlen können. ​ 3.3. Hören erzeugt Unterschiede Alle Geräusche, die meine Lippen und mein Kehlkopf hervorbringen, von Stimmungslauten über Sprache bis hin zu Gesang, nehme ich selbst immer anders wahr als meine Zuhörer. Unabhängig von der Art des Aufnahmegerätes klingt die abgespielte Stimme immer anders als die gerade sprechende Stimme. Die Ursache für diesen Unterschied liegt in den knöchernen Resonanzräumen unseres Schädels. Die Schallwellen nicht selbst erzeugter Geräusche erreichen das Trommelfell, das seine Schwingungsbewegungen auf die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel überträgt. Die Schwingungen des Steigbügels werden dann über das ovale Fenster direkt auf die Cochlea übertragen, eine schneckenförmig aufgerollter Schlauch, in dessen Innenwand die Schallrezeptoren liegen. Tiefe Töne werden im Innenbereich, hohe Töne in den äußeren Windungen der Schnecke detektiert. Und je lauter ein Ton ist, desto mehr Sinneshärchen werden an der entsprechenden Stelle angeregt. ​ Sich selbst hört man jedoch nicht nur von außen, also über den eben beschriebenen Weg, sondern auch von innen. Unser Schädel enthält nämlich zahlreiche Resonanzräume, dessen Knochen und Schleimhäute bei der Lauterzeugung in Schwingung versetzt werden. Diese Schwingungen übertragen sich auch auf die Bewegungen der Gehörknöchelchen und auf die Sinneshärchen der Schnecke im Innenohr. Dadurch werden die Frequenzwahrnehmung und die Empfindung der Lautstärke modifiziert. Dass man sich selbst anders hört als andere Menschen einen hören ist also physikalisch unvermeidlich. ​ Die menschliche Stimmlage hat eine große psychologische Wirkung. Nahezu automatisch verknüpft man bestimmte Stimmlagen mit bestimmten Eigenschaften der sprechenden Person. Dieser evolutionsbiologisch sehr alte Mechanismus funktioniert auch bei uns Menschen noch immer(7). Frauen finden tiefe Männerstimmen attraktiver als hohe Männerstimmen, umgekehrt finden Männer hohe Frauenstimmen attraktiver als tiefe Stimmlagen. In beiden Fällen gibt es jedoch Grenzen der Sympathie: zu tiefe Männerstimmen werden als bedrohlich interpretiert, und zu hohe Frauenstimmen als unweiblich, kindlich und unattraktiv. Außerdem wird die Stimmlage mit der Körpergröße des Sprechenden assoziiert: hohe Stimmen werden kleinen Personen, tiefe Stimmen werden großgewachsenen Personen zugeordnet. Interessanterweise gibt es bei Männern eine sehr deutliche Korrelation zwischen Stimmlage und Berufserfolg(8). Chief Executive Officers (kurz CEOs) mit tiefen Stimmen stehen größeren Konzernen vor und bekommen ein höheres Jahresgehalt als CEOs mit höheren Sprechstimmen. Dieser Zusammenhang ist offenbar so deutlich, dass er in konkreten Zahlen ausgedrückt werden kann: Eine Vertiefung der Männerstimme um 22,1 Hz ist assoziiert mit einer Vergrößerung des Firmenvolumens um 440 Millionen Dollar und einem jährlichen Gehaltszuwachs um 187.000 Dollar. Es ist also nicht nur für Bühnenberufe von entscheidender Bedeutung, seine eigene Stimme richtig einschätzen zu können. ​ 3.4. Riechen erzeugt Unterschiede Gerüche sind ein heikles Thema, da sie eng mit emotionalen Eindrücken und Assoziationen verknüpft sind. Die beiden Riechkolben sind über Efferenzen mit der primären Riechrinde und der Amygdala, mit dem Septum, dem Thalamus und dem Hypothalamus sowie mit dem Hippocampus verbunden. Der Geruchssinn innerviert also verschiedene Areale des limbischen Systems, und daher ist es nicht verwunderlich, dass Gerüche eine spontane, intensive und emotionsgeladene Wirkung ausüben können. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist der Geruchssinn der älteste Sinn, der dem Organismus wichtige Bewertungs- und Entscheidungskriterien liefern kann: gut oder schlecht, hilfreich oder schädlich, angenehm oder unangenehm, harmlos oder gefährlich. Auch der Mensch kann sich diesem größtenteils unbewussten Bewertungsmechanismus nicht entziehen. Die Redensart, einen Menschen nicht riechen zu können bedeutet, einen Menschen nicht leiden zu können. Zahlreiche Industriezweige sind auf der Suche nach dem idealen Wohlfühlduft für Konferenzräume, Hotel-Lobbys, Personenzüge, Flugzeuge, Automobile, Fahrstühle, Einkaufsmeilen und vieles mehr. Gerüche aktivieren Emotionen, positive und negative. ​ Das Thema Körpergerüche ist ein sehr problematisches Thema, da es mit Hemmungen, Vorurteilen und Tabus beladen ist. Die meisten trauen sich nicht, einem anderen Menschen den wohlmeinenden Tipp zu geben, mal ein Pfefferminzbonbon zu lutschen, ein Deo zu benutzen oder die Kleidung mal zu waschen. Ist man für eine längere Zeit unangenehmen Körpergerüchen ausgesetzt und kann ihnen nicht entkommen, reagiert man automatisch aggressiv auf den Verursacher. Das gesamte olfaktorische System ist eben ein sehr archaisches Bewertungssystem, das sich aufgrund seiner neuronalen Vernetzungsstruktur nur sehr schwer willentlich kontrollieren lässt. Schwierig wird eine solche Situation auch dadurch, dass bei der verursachenden Person ein neurophysiologischer Regelmechanismus anspringt, den man als afferente Drosselung bezeichnet. Die Riechrezeptoren gewöhnen sich an die Reizintensität und drosseln ihre Aktivität(9). Dasselbe geschieht auch dann, wenn man längere Zeit dasselbe Aftershave, dasselbe Eau de Toilette oder dasselbe Parfum benutzt. Die eigenen Riechrezeptoren nehmen irgendwann diesen Duft nicht mehr wahr. Man ist dann geneigt, mehr von diesem Produkt zu verwenden, damit man den Duft selbst wieder wahrnimmt. Diese Überdosierung kann für andere jedoch sehr unangenehm riechen. Der Mechanismus der afferenten Drosselung kann einen also schnell in eine Vielzahl sehr unangenehmer Situationen führen, da wir uns anders riechen als uns andere Menschen riechen. ​ 3.5. Zusammenfassung Wissenschaft: Über seine Sinnesorgane nimmt sich jeder Mensch selbst anders wahr als er andere Menschen wahrnimmt und als andere Menschen ihn wahrnehmen. Das betrifft besonders den Sehsinn, die Tiefensensibilität und den Tastsinn, den Hör- sowie den Geruchssinn. ​ Praxis: Für bestimmte Berufe und für bestimmte Tätigkeiten ist der Gesamteindruck, den man bei anderen Menschen hervorrufen möchte oder hervorrufen muss, von entscheidender Bedeutung. Daher benötigt man für solche Situationen unbedingt Vertrauenspersonen, die einem diesen Gesamteindruck ehrlich vermitteln und die helfen, diesen Eindruck notfalls zu korrigieren und zu perfektionieren. Ohne Hilfe ist es unmöglich, sich selbst von außen zu beurteilen. ​ Wissenschaft: In Alltagssituationen sehen wir uns selbst nur fragmentarisch und dies auch nur aus einer extremen Perspektive. Unsere Körperhaltung, unsere Gestik und besonders unsere Mimik können wir nicht sehen, aber über Propriozeptoren können wir sie innerlich fühlen. Über die Facial-Feedback-Schleife können wir außerdem unsere eigene Stimmung modifizieren. Gestik und Mimik sind wesentliche Komponenten der Kommunikation, die vom Beobachter über verschiedene Spiegelneuronen-Systeme verarbeitet werden. Daher ist es besonders wichtig, dass die innere somatosensorische Empfindung und der äußere visuelle Eindruck in ihren Aussagen übereinstimmen. ​ Praxis: Viele Führungspersonen aus Politik und Wirtschaft haben nicht nur Berater für Kleidung, Frisur und Accessoires, sondern auch Trainer, die sie für Auftritte und Reden vorbereiten. Ein derartiger Aufwand ist natürlich sehr zeit- und kostenintensiv und kommt daher für die meisten Menschen nicht in Frage. Man kann jedoch schon allein dadurch eine deutliche Verbesserung des Ausdrucks erzielen, indem man sich seine Körperhaltung und Gestik bewusst macht. Man benötigt keinen Trainer, der einem sagt, dass man mit krummem Rücken am Tisch sitzt, und dass man nicht nur seinem Rücken einen großen Gefallen erweist, wenn man gerade sitzt, sondern dass man dadurch auch einen ganz anderen Eindruck hervorruft. Vorträge vor einem Spiegel zu üben mag einem anfangs vielleicht etwas peinlich vorkommen, ist aber eine weitere Möglichkeit, sich selbst zu überprüfen. Befreundete und eingeweihte Kollegen können gute Hilfestellungen und Tipps geben, und nicht zuletzt gibt es Agenturen für Videotrainings, durch die man sich dann tatsächlich so sehen kann wie andere Menschen einen wahrnehmen. Eine sehr effektive Strategie, die weder viel Geld kostet noch viel Zeit, dafür aber viel Disziplin erfordert, ist, sich regelmäßig seine aktuelle Gestik und Mimik bewusst zu machen, also nachzuspüren, welchen Gesichtsausdruck man gerade macht, wie man die Arme bewegt und mit welcher Haltung man gerade am Tisch sitzt. Und Lächeln macht nicht nur bei anderen, sondern über die Rückkoppelungsschleife auch bei einem selbst bessere Laune! ​ Wissenschaft: Seine eigene Stimme kann man aus physikalischen Gründen niemals so wahrnehmen wie sie andere Menschen wahrnehmen; man hört sich nämlich nicht nur von außen, sondern auch von innen, wodurch die Wahrnehmung sowohl der Frequenz als auch der Lautstärke verändert werden. ​ Praxis: Eine angenehme Stimmlage ist für bestimmte Berufsgruppen sehr förderlich, wohingegen eine unangenehme Stimmlage sehr wenig förderlich ist, nicht nur im Beruf, sondern in allen sozialen Lebensbereichen. Seine eigene Stimme zu überprüfen ist nicht so einfach, denn die meisten gängigen Aufnahmegeräte verändern die Frequenz. Für eine Grobeinschätzung genügen aber derartige Geräte vollkommen, denn nur die wirklich unangenehmen Stimmlagen sind problematisch, und die erkennt man auch trotz geringfügiger Frequenzveränderungen. Es ist grundsätzlich möglich, an seiner Stimmlage zu arbeiten, doch dies erfordert sehr viel Zeit und Disziplin. In extremen Fällen wird man ohne professionelle Hilfe nicht auskommen können, in weniger schweren Fällen hilft in aller Regel schon, eine richtige Atemtechnik einzusetzen. Es ist erstaunlich, dass die meisten Menschen nicht korrekt atmen, nicht entspannt genug, nicht tief genug und nicht langsam genug. Allein durch die Veränderung der Atembewegungen kann man bereits erfreuliche Verbesserungen seiner Stimmlage herbeiführen. ​ Wissenschaft: Die Riechkolben innervieren zahlreiche Regionen des limbischen Systems, was erklärt, warum Gerüche sehr intensive Emotionen auslösen können. Aber genau aus diesem Grund sind Körpergerüche ein sehr heikles Thema. Beim Verursacher intensiver Gerüche entsteht im Laufe der Zeit eine afferente Drosselung, die dazu führt, dass die verursachende Person ihren eigenen Geruch nicht mehr so intensiv wahrnimmt wie alle anderen Personen. ​ Praxis: Für die meisten Menschen ist die Hemmschwelle, jemand anderen auf seinen unangenehmen Geruch anzusprechen, unüberwindbar hoch. Daher kann man sich diesbezüglich auf äußere Hilfestellungen nicht verlassen – oder hätten Sie den Mut, einer Kollegin oder einem Kollegen zu raten, möglichst schnell mal ein Pfefferminzbonbon zu lutschen, die Kleidung mal zu wechseln oder morgen vor Dienstantritt bitte gründlich zu duschen? Nicht ganz so schwer, aber immer noch schwer genug fällt es, jemanden auf überdosierte Düfte wie Deodorants oder Parfums anzusprechen. Man sollte sich also darüber im Klaren sein, dass man bei dem Thema unangenehmer Düfte und Gerüche ganz auf sich gestellt bleibt. ​ 4. Die neuronale Verrechnungsebene ​ Jeder Mensch sammelt im Laufe seines Lebens ganz individuelle Erfahrungen und besitzt daher ein ganz individuelles Gedächtnis. Auf der Grundlage dieser individuellen Gedächtnisinhalte entwickelt das Gehirn ständig Annahmen über die Welt, in der wir leben und in der wir uns als handelnde Wesen wahrnehmen. Ergänzend zu diesen größtenteils autonom und unbewusst ablaufenden Prozessen sind wir in der Lage, über bestimmte Dinge nachzudenken. Sowohl funktionell als auch strukturell unterscheidet man vier verschiedene, miteinander verknüpfte und interagierende Kognitionsbereiche. Sowohl die automatische Hypothesengenerierung als auch die Kognitionsprozesse produzieren bei verschiedenen Menschen nur selten identische Resultate. So führen also nicht nur die reinen Sinneswahrnehmungen, sondern auch die Verrechnung und die Verarbeitung der Informationen bei verschiedenen Menschen unvermeidlich zu unterschiedlichen Resultaten. ​ 4.1. Das Hypothesen testende Gehirn Neurobiologen und Kognitionsforscher haben die Theorie des Hypothesen testenden Gehirns aufgestellt(10). Dieser Neurotheorie zufolge verrechnet unser Gehirn die von inneren und äußeren Sinnesrezeptoren einlaufenden Aktionspotentiale miteinander und generiert daraus Zustandsmodelle über die Welt und Prognosen über Prozessabläufe. Aus evolutionsbiologischer Sicht helfen diese neuronalen Verrechnungssysteme, die Komplexität der Sinneswahrnehmungen zu reduzieren und – vereinfacht formuliert – die Welt verständlicher, vorhersehbarer und dadurch weniger bedrohlich zu machen. Da diese Prognose-Mechanismen ununterbrochen arbeiten und sich auf alle Sinnesmodalitäten beziehen, geht man davon aus, dass diese neuronalen Verrechnungsprozesse unverzichtbare, überlebensnotwendige Prozesse sind. Unser Gehirn produziert nicht nur laufend Vorhersagen, es reagiert auch auf Vorhersagefehler sehr schnell und deutlich messbar. Einerseits wird dieser Fehler schnell durch Verhaltensänderungen ausgeglichen, andererseits wird das Ereignis als Erinnerung gespeichert, um diesen Fehler in Zukunft vermeiden zu können(11). Jeder, der schon einmal eine vermeintlich volle Bierkiste hochheben wollte und erst während des Anhebens spürt, dass die Flaschen leer sind, kennt diese spontane Irritation. Die falsche Vorhersage führte zu einer inadäquaten Muskelanspannung, die über die Propriozeptoren detektiert und über den Reflexbogen und die Motoneurone sofort korrigiert wurde. Und beim nächsten Mal sieht man erst nach, ob noch alle Kronkorken auf den Flaschen sind, ehe man die Kiste anhebt. ​ Das visuelle und das akustische System werden seit einigen Jahren intensiv auf ihre Vorhersagemechanismen und auf die Reaktionen auf Vorhersagefehler hin untersucht. Dabei macht man sich besondere Aktionspotentiale zunutze, die nur bei bestimmten Ereignissen auftreten, die sogenannten ereigniskorrelierten Potentiale, kurz EKP (im englischen event-related potentials, kurz ERP). Diese speziellen Potentiale werden durch bestimmte Sinneswahrnehmungen ausgelöst. Sie können mittels EEG (Elektroencephalographie) und über MEG (Magnetoencephalographie) erfasst werden, wobei in Versuchen mit Probanden aus praktischen Gründen EEG-Hauben verwendet werden. Für die Auswertung der EEGs sind zwei Merkmale von Bedeutung: Der zeitliche Abstand eines EKPs zum gesetzten Reiz gibt Auskunft über die aussendende Hirnregion; der Hirnstamm reagiert innerhalb von 0-10 ms, das Diencephalon mit Thalamus und Hypothalamus reagiert innerhalb von 100 ms, und der Cortex reagiert erst nach ungefähr 200 ms auf einen präsentierten Reiz. Das zweite Merkmal ist das Potential selbst, denn es kann positiv oder negativ sein. Bei Untersuchungen des akustischen und des visuellen Systems hat man entdeckt, dass positive Signale dann auftreten, wenn der dem Probanden präsentierte Reiz der Erwartung entspricht, und dass die EKPs negativ sind, wenn der Reiz nicht der Erwartung entspricht. Diese speziellen negativen EKPs werden als MMN bezeichnet, als Mismatch Negativity. Sie sind corticalen Ursprungs, denn sie treten erst 150-250 ms nach der Reizpräsentation auf(12). Mittels fMRTs konnte festgestellt werden, dass je nach Reizqualität verschiedene Cortex-Areale an der Generierung vom MMNs beteiligt sind. Visuelle MMNs werden von Bereichen des visuellen und des rechten präfrontalen Cortex erzeugt und akustische MMNs vom supratemporalen auditorischen Cortex und von hauptsächlich rechten präfrontalen Cortex-Arealen. Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchungen zu Prognosefehlern ist, dass die MMNs unabhängig von bewussten, aufmerksamkeitsgesteuerten Prozessen generiert werden. Die Detektion von visuellen und akustischen Prognosefehlern findet also auf einer vorbewussten Ebene statt! Derartige Fehler treten übrigens nicht nur im Wahrnehmungsbereich, sondern auch im kognitiven und im motivationalen Bereich auf. ​ Im Prinzip sind MMNs das Resultat automatischer Vergleichsprozesse, bei denen sich die aktuelle Reizsituation von der gewohnheitsmäßigen, als Standard gespeicherten Situation unterscheidet. In gewisser Weise sind MMNs also Signale für ein Gedächtnis-Update. Vorhersagefehler führen zu einer Aktualisierung, einer Korrektur oder einer Ergänzung des Gedächtnisinhalts. Auf diese Weise wird im Laufe eines Lebens die Anzahl von fehlerhaften Prognosen reduziert und die Anzahl der als mögliche Standards gespeicherten Situationen vergrößert. Welche Hirnareale auf welche Weise die Vorhersagemodelle konstruieren, ist größtenteils noch wenig erforscht. Man nimmt an, dass derartige Konstruktionsprozesse hierarchisch und multimodal organisiert sind. Die Erforschung des akustischen Systems hat Resultate erbracht, die diese Theorie sehr gut unterstützen(13). Beim Hören basiert die Erwartungskonstruktion einerseits auf der groben zeitlichen Auflösung von Geräuschen im Allgemeinen und andererseits auf der feinen zeitlichen Auflösung von Amplituden- und Frequenzmodulationen. Der übergeordnete Mustergenerator für die langsamere Zeitauflösung geht von den Basalganglien aus, während die Feinauflösung vom Cerebellum aus gesteuert wird. Beide Systeme sind über den Thalamus mit dem auditorischen Cortex verbunden. Während wir einem Menschen beim Sprechen zuhören produziert unser Gehirn also permanent Annahmen über das, was er als nächstes sagen wird, und diese Prognosen sind nicht nur abhängig vom Inhalt des Gesprochenen, sondern auch abhängig von der Art und Weise des Gesprochenen. ​ Unser Verhalten wird zu einem sehr großen Teil darüber gesteuert, wie wir die Intentionen und das Verhalten anderer Menschen interpretieren. Da unsere Gehirne auch Prognosen über derart komplexe Situationen wie Absichten und Verhaltensmuster produzieren, treten naturgemäß auch entsprechend komplexe Vorhersagefehler auf. In solchen Situationen ist es entscheidend, dass die Entdeckung der Fehlprognosen nicht auf der unbewussten Ebene bleiben, sondern dass man sich im Sinne des Wortes Gedanken darüber machen sollte, warum es zu einer falschen Prognose kommen konnte. Gerade weil unser Gehirn ständig automatisch Vorhersagen generiert und automatisch fehlerhafte Vorhersagen detektiert, muss man über bestimmte Fehlurteile ganz bewusst nachdenken, ganz besonders in zwischenmenschlichen Bereichen. ​ 4.2. Die Organisation der Kognition Dass Menschen unterschiedlich „ticken“, also unterschiedlich denken, ist eine Alltagserfahrung, die jeder von uns bestätigen kann. Die interdisziplinäre Kognitionsforschung versucht zu ergründen, wie Denkprozesse auf geistiger und auf neurologischer Ebene funktionieren. Kompliziert wird die Forschungsarbeit nicht nur auf Grund des Objekts, sondern auch auf Grund des verwendeten Vokabulars, denn viele zentrale Begriffe werden nicht einheitlich definiert. Für unseren Themenzusammenhang gelten folgende Definitionen: Der Begriff Kognition beschreibt ganz allgemein die Bearbeitung von Informationen, mit denen in diesem Zusammenhang Zustände wie Vorstellungen, Begriffe oder Gedächtnisinhalte gemeint sind. Bewusst werden nur die Resultate der Kognitionsprozesse, jedoch nicht die Prozesse selbst. Der Begriff Denken wird meist in Zusammenhang mit Erkenntnisgewinn gebracht und kann daher als eine untergeordnete Kategorie betrachtet werden. Der Begriff Intelligenz beschreibt die verschiedenen kognitiven Leistungsfähigkeiten, die individuell sehr unterschiedlich ausfallen können, und deren Messergebnisse sehr stark von der jeweiligen Testmethode abhängen. Man unterteilt die Kognition in vier verschiedene Domänen bzw. Intelligenzbereiche: die psychosoziale Domäne bzw. die emotionale Intelligenz, die materielle Domäne bzw. die praktische Intelligenz, die hypothetische Domäne bzw. die abstrakte Intelligenz und die Planungsdomäne bzw. die zeitliche Intelligenz. Interessanterweise können diesen vier Intelligenzbereichen konkrete präfrontale Areale zugeordnet werden(14). Die Entwicklung und Ausreifung dieser Areale ist erst mit ungefähr 20 Jahren abgeschlossen, und zwar sowohl strukturell(15) als auch funktionell(16). Das bedeutet, dass die Kognitionsfähigkeit erst nach der Pubertät ihr endgültiges Leistungsniveau erreicht. Die vier Cortexareale sind übrigens nicht nur untereinander, sondern sie sind auch über Efferenzen und Afferenzen mit vielen anderen Hirnbereichen verknüpft. ​ Für die konkreten corticalen Ortsangaben der verschiedenen Kognitionsbereiche wird die Nomenklatur der Brodmann-Areale (kurz BA) verwendet, ein Einteilungsschema der Großhirnrinde, das der Neuroanatom und Psychiater Korbinian Brodmann Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage unterschiedlicher Funktionen und unterschiedlicher Cytoarchitekturen entwickelt hat. BA9 befindet sich im medialen präfrontalen Cortex und ist an der emotionalen Intelligenz beteiligt. Diese Region ist mit zahlreichen weiteren präfrontalen und post-präfrontalen Arealen verknüpft, die zusammen das Netzwerk des „Social Brain“ formen. Funktionell kann BA9 in einen dorsalen, einen anterioren und einen ventralen Bereich unterteilt werden, die jeweils an verschiedenen Aspekten soziopsychologischer Prozesse beteiligt sind. BA47 bedeckt den ventralen präfrontalen Cortex und ist an der praktischen Intelligenz beteiligt. Direkt drüber liegen BA45 und BA44 und zusammen bilden die drei Areale den inferioren frontalen Gyrus, der in die Integration von Sprache und Gestik involviert ist. BA47 ist immer dann aktiv, wenn es um die Elaboration und Kommunikation von Zweckmäßigkeit geht. BA46 liegt dorsolateral zwischen BA9 und dem inferioren frontalen Gyrus und ist an der abstrakten Intelligenz beteiligt. Dieses Areal ist eines der letzten Bereiche, die erst nach der Pubertät voll ausgereift sind. BA46 ist an vielen verschiedenen Prozessen, unter anderem auch an der Aufrechterhaltung der Konzentration und an der Kontinuität des Arbeitsgedächtnisses beteiligt. BA46 stellt sozusagen die Ausführungszentrale oder das Exekutivzentrum des Gehirns dar. BA10 bedeckt den rostralen Präfrontalcortex und ist an der zeitlichen Intelligenz beteiligt. Um ein wie auch immer geartetes Ziel zu erreichen, muss die Aufgabe zunächst in eine ganz bestimmte Folge von Teilhandlungen zerlegt werden, und anschließend müssen diese Handlungen in eben dieser Reihenfolge ausgeführt werden. BA10 ist so etwas wie die Gedächtniszentrale für die Zukunft. Bereits Ende der 1990er Jahre konnte nachgewiesen werden, dass die Größe der Areale 9, 46 und 10 inter-individuell sehr unterschiedlich sein kann. Auch die Dicke der grauen Substanz variiert sehr deutlich. Außerdem konnte ein Zusammenhang zwischen IQ und dem Aktivitätsniveau des Präfrontalcortex belegt werden. Die Struktur und somit auch das Leistungsspektrum der „Denkzentrale“ ist also nicht nur altersabhängig, sondern weist insgesamt große individuelle Unterschiede auf. Es sind eben nicht alle Menschen gleich intelligent, und bei jedem Menschen können die einzelnen Intelligenzbereiche unterschiedlich groß sein. ​ 4.3. Zusammenfassung Wissenschaft: Basierend auf den im Gedächtnis gespeicherten Erfahrungen generiert unser Gehirn ununterbrochen und automatisch Annahmen über Zustände sowie Prognosen zu Prozessabläufen. Hin und wieder unterlaufen dem Gehirn dabei Fehler, die automatisch detektiert und als neue Erfahrungen gespeichert werden. Die Generierung von Prognosen und die Detektion von Irrtümern beziehen sich auf nahezu alle Lebensbereiche, von Sinneseindrücken bis zu Handlungsabsichten. Korrekte Prognosen bleiben meist unbewusst, nur einige wenige Fehlprognosen erreichen die Ebene des Bewussten. ​ Praxis: Zwei Aspekte sind von besonderer Bedeutung: Erstens, die Systeme arbeiten größtenteils unbewusst, und zweitens, die Anzahl und der Umfang der Prognosefehler sind erfahrungsabhängig. Das bedeutet, dass individuelle Unterschiede unvermeidlich sind, und dass man sich dieser Unterschiede nur selten bewusst ist. Wie bei vielen anderen potentiell problematischen komplexen Situationen helfen auch hier vor- und nachbereitende Gespräche. Vorwürfe wie „Das hätten Sie doch ahnen müssen!“ oder „Das konnte man doch kommen sehen!“ sind nicht immer zutreffend und darum auch nicht immer hilfreich. Sehr hilfreich ist dagegen, sich selbst bestimmte Fehlprognosen bewusst und ihre Ursachen ausfindig zu machen. ​ Wissenschaft: Es gibt verschiedene Intelligenzbereiche: die emotionale, die praktische, die abstrakte und die zeitliche. Diesen vier Bereichen können vier konkrete Areale des präfrontalen Cortex zugeordnet werden. Die Areale weisen deutliche inter-individuelle Unterschiede bezüglich der Flächengröße und der Dicke der grauen Substanz auf. Außerdem ist die Entwicklung des Präfrontalcortex, dessen Aktivität deutlich mit dem IQ korreliert, erst ab einem Alter von ungefähr 20 Jahren abgeschlossen. ​ Praxis: Nicht alle Menschen haben dieselben Fähigkeiten – das gilt auch für die Intelligenzbereiche. Auch wenn der folgende Vorschlag eine alte Binsenweisheit ist, so liefern doch die neurobiologischen Daten neue Begründungen für ihre Richtigkeit: Man sollte jeden Menschen entsprechend seinen Fähigkeiten einsetzen, denn diese sind nun mal qualitativ und quantitativ unterschiedlich. Und bei jüngeren Menschen sollte man keinesfalls vergessen, dass sich ihre kognitionsrelevanten Cortexareale noch in der Umbauphase befinden. Natürlich kann man an großen Verantwortungen wachsen – aber auch scheitern. ​ 5. Die psychische Ebene ​ Ein für das Berufsleben wesentlicher Aspekt der Selbstwahrnehmung ist die korrekte Einschätzung von Fähigkeiten uns Leistungen. Der Begriff korrekt bedeutet in diesem Zusammenhang passend oder übereinstimmend. Die Fähigkeiten und Leistungen einer Person sollten im Idealfall von dieser Person selbst ebenso eingeschätzt werden wie von anderen Personen – Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sollten größtenteils übereinstimmen. Im Alltag und besonders in der Berufspraxis ist dies jedoch bei weitem nicht immer der Fall. Das liegt unter anderem daran, dass jeder gesunde Mensch dazu neigt, sich vor sich selbst in ein gutes Licht zu rücken. Diese soziopsychologischen Selbstschutzmechanismen garantieren, dass man mit sich selbst, dass das Gehirn mit sich selbst zufrieden sein kann. ​ 5.1. Dummheit und Intelligenz Dummheit zu thematisieren mag vielen als politisch unkorrekt erscheinen, aber das Zitat des französischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Francois Mauriac ist gewiss weder moralisch noch politisch unkorrekt: „Das höchste Zeichen von Intelligenz ist der Zweifel“. Eine andere Formulierung desselben Zusammenhangs lautet: Nur Intelligenz kennt Zweifel. Es gibt verschiedene psychosoziale Phänomene, die die unterschiedlichen Auswirkungen von Dummheit beschreiben. Eine davon wird als kognitive Dissonanz bezeichnet. Je mehr Zeit, Energie und Kosten in ein Projekt oder eine Idee investiert wurden, desto schwerer fällt es, sich einzugestehen, dass dieses Projekt oder die Idee ein Fehler war, und dass es besser wäre, abzubrechen statt weiter zu machen. Die Bereitschaft, sich und anderen einen Fehler einzugestehen, schwindet also mit der Höhe der bereits geleisteten Investitionen. Selbstzweifel und die daraus entstehende Einsichtsfähigkeit haben demnach nicht nur eine kognitive, sondern auch eine starke emotionale Komponente. ​ Eine weitere Auswirkung mangelnden Selbstzweifels wird durch den „Above-Average-Effekt“ beschrieben. Menschen neigen dazu, ihre positiven Eigenschaften als überdurchschnittlich und ihre negativen Eigenschaften als unterdurchschnittlich zu beurteilen. Der Grad dieser Selbstüberschätzung korreliert fataler Weise häufig mit dem Grad der Inkompetenz(17). Diese spezielle Form der kognitiven Verzerrung haben David Dunning und Justin Kruger aufgedeckt, daher wird dieses Phänomen auch häufig als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet. Zusammen mit weiteren Kollegen haben die beiden noch herausgefunden, dass die Fähigkeit, die eigene Inkompetenz erkennen zu können, mit dem Grad der eigenen Intelligenz korreliert(18): Je dümmer man ist, für desto kompetenter hält man sich. Ironisch überzogen könnte man auch sagen, dass man schon ein gewisses Maß an Intelligenz besitzen muss, um erkennen zu können, wie doof man eigentlich ist. ​ Kausalattribution ist ein weiterer kognitiver Vorgang, der starke Verzerrungen verursachen kann. Es geht um die Zuschreibung und die Erklärung von Ursachen, wobei das Hauptkriterium darin liegt, sich selbst oder das Umfeld als Verursacher zu definieren. Gerade wenn es darum geht, die Ursachen für die eigenen Erfolge und die eigenen Misserfolge ausfindig zu machen, können sehr verzerrte Kausalattributionen konstruiert werden, denn im Idealfall ist man natürlich immer selbst der Verursacher von Erfolgen, und andere sind immer Schuld an Misserfolgen. Neben den hier beschriebenen gibt es noch eine Vielzahl von kognitiven Phänomenen, durch die man sein Selbstwertgefühl und seine Selbsteinschätzung drastisch verändern kann. Der Oberbegriff dieser Mechanismen lautet Self Serving Bias, oder selbstwertdienliche Beurteilungen. Letztlich handelt es sich dabei um Selbstschutzmechanismen, die bei jedem Menschen aktiv sind. Die Einsichtsfähigkeit in die eigenen Leistungen und Kompetenzen scheint nicht nur eine Frage autonomer Mechanismen, sondern auch eine Frage der Intelligenz und der Charaktereigenschaften zu sein. ​ 5.2. Das manipulierbare Gedächtnis Unsere Gedächtnisinhalte sind weit weniger stabil als allgemein angenommen wird. Besonders deklarative Gedächtnisinhalte, also persönliche Erinnerungen und Faktenwissen, sind erstaunlich unzuverlässig, denn sie lassen sich manipulieren. Dass neue Gedächtnisinhalte zunächst noch sehr labil sind und erst durch die Konsolidierung stabilisiert und fest verankert werden, ist seit Langem bekannt. Neu ist die Erkenntnis, dass die gespeicherten Inhalte nicht dauerhaft und unveränderbar sind, sondern dass durch das Abrufen von Gedächtnisinhalten diese erneut labil werden und anschließend wieder rekonsolidiert werden müssen. In dieser durch den Erinnerungsprozess verursachten labilen Phase können die Gedächtnisinhalte modifiziert oder sogar teilweise gelöscht werden(19). In dem Experiment wurde Probanden zunächst ein fiktiver Film vorgespielt. Nach einem bzw. zwei Tagen wurde die Erinnerung an den Film wieder wachgerufen, indem die Probanden Fragen zu dem Film beantworten sollten. Direkt im Anschluss hörten sie eine mündliche Zusammenfassung des Films, in der jedoch einige Fehlinformationen versteckt waren. Spätere Gedächtnistests zeigten, dass die Probanden diese Falschinformationen übernommen hatten. Gedächtnisinhalte werden also im Moment des Erinnerns manipulierbar, ehe sie wieder ins Langzeitgedächtnis transferiert werden. ​ Dieser Mechanismus liefert einen vielversprechenden Ansatz, um beispielsweise Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu therapieren. Auf dieselbe Weise, wenn auch in wesentlich kleinerem Ausmaß, therapieren wir uns regelmäßig selbst, indem wir mehr oder weniger unbewusst unsere Gedächtnisinhalte unseren Wünschen und unserem Selbstbild angleichen – wobei die Quantität und Qualität der Manipulationen sehr unterschiedlich ausfallen können. Ein überzeugendes Beispiel dafür, dass wir alle dazu neigen, unser Gedächtnis zu verändern, sind Kindheitserinnerungen. Nahezu jeder, der der Ansicht ist, eine schöne Kindheit verlebt zu haben, denkt, dass damals alle Winter weiß und alle Sommer heiß waren. Darin offenbart sich das Grundprinzip der Selbstmanipulation: Schönes wird überhöht, Unangenehmes wird ausgeblendet. Da, vom Wetter einmal abgesehen, nicht alle Menschen dasselbe für angenehm bzw. für unangenehm halten, fallen die Resultate der individuellen Manipulationen entsprechend vielfältig aus. Dass Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung nicht identisch sein können, zeigt sich also auch auf der Ebene der Gedächtnisinhalte. ​ 5.3. Zusammenfassung Wissenschaft: Verschiedene selbstwertdienliche Beurteilungsmechanismen verzerren die Selbstwahrnehmung: Je größer die für eine Sache bereits geleisteten Investitionen sind, desto schwerer fällt es, diese Sache als Irrtum einzugestehen. Der Grad der Selbstüberschätzung korreliert mit dem Grad der Inkompetenz, und das Erkennen der eigenen Inkompetenz hängt wiederum vom Umfang der eigenen Intelligenz ab. Die Zuschreibung von Ursachen und Verursachern hängt häufig von der Bewertung der Resultate ab: Positives verursacht man selbst, Negatives haben andere verschuldet. Praxis: Soziopsychologische Selbstschutzmechanismen und deren Resultate kann man nur sehr schwer ohne äußere Hilfestellungen korrekt erkennen. Hilfreich ist beispielsweise die Arbeit mit einem sogenannten Johari-Fenster, einem Kommunikationsmodell, das 1955 von Joseph Luft und Harry Ingham entwickelt wurde, um die Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung systematisch darstellen zu können. Das Fenster besteht aus folgenden vier Segmenten: Der öffentliche Bereich, dessen Inhalte sowohl mir als auch anderen bekannt sind, zum Beispiel, dass ich leicht reizbar bin. Der Blinde Fleck, dessen Inhalte mir unbekannt, aber anderen bekannt sind, zum Beispiel, dass ich Fehler nur sehr schwer eingestehen kann. Der geheime Bereich, dessen Inhalt mir bekannt ist, anderen jedoch nicht bekannt werden soll, zum Beispiel, dass meine Fachkenntnisse nicht so umfangreich sind, wie ich behauptet habe. Der unbekannte Bereich, dessen Inhalte weder mir noch anderen bekannt sind, wie zum Beispiel unentdeckte und daher ungenutzte Talente. Indem man mit anderen über die Inhalte dieser vier Fenster diskutiert, kann man die Schnittmenge zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung zum Vorteil beider Seiten deutlich vergrößern. Für konkrete Problemsituationen genügen jedoch schon Gespräche nach dem Schema „Wie seht ihr das? – Wie sehe ich das?“ Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass man sich nicht immer auf einen gemeinsamen Blickwinkel und auf eine gemeinsame Interpretation einigen kann, sondern einen Kompromiss finden muss. ​ Wissenschaft: Gedächtnisinhalte, besonders die des deklarativen Gedächtnisses, lassen sich selbst dann noch manipulieren, nachdem sie ins Langzeitgedächtnis überführt worden sind. Durch das Abrufen von Gedächtnisinhalten werden diese wieder labil und können vor der Rekonsolidierung modifiziert werden. Jeder Mensch neigt dazu, biografische Ereignisse zu einer für ihn selbst positiven Variation zu modifizieren und abzuspeichern. Positive Erfahrungen werden im Laufe der Zeit überhöht, negative Erfahrungen werden zunehmend ausgeblendet. ​ Praxis: Die zwangsläufig entstehenden Diskrepanzen zwischen verschiedenen Erinnerungen an ein und dasselbe Ereignis lassen sich nicht einfach überbrücken. Grundsätzlich ist es immer sehr schwierig, den Wahrheitsgehalt zweier verschiedener Erinnerungen gegeneinander abzuwägen, wenn keine Belege oder Beweise vorliegen. Für bestimmte berufsrelevanten Ereignisse und Prozesse sind daher ausführliche, gemeinsam erstellte Protokolle eine gute Hilfestellung, um das Auseinanderdriften der Erinnerungen möglichst gering zu halten. Niederschriften unterliegen nicht der individuellen Modifikation. Auch Absprachen und Prozessentwicklungen können vorsichtshalber protokolliert werden, um die Nachvollziehbarkeit zu erleichtern und um späteren Diskussionen über Schuldzuweisungen vorzubeugen.

  • Trägheitsmechanismen

    Verhaltensweisen zu verändern fällt sehr schwer. Die Ursache dafür sind neuropsychologische Automatismen, die einerseits den Status quo erhalten und andererseits Veränderungen verhindern. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Die Beschränkung der Zukunft 3. Die Aufrechterhaltung des Optimismus 4. Motivationspsychologische Methoden 5. Zusammenfassung Trägheitsmechanismen Verhaltensweisen zu verändern fällt sehr schwer. Die Ursache dafür sind neuropsychologische Automatismen, die einerseits den Status quo erhalten und andererseits Veränderungen verhindern. ​ 1. Vorwort ​ Wenn man von Vorsätzen spricht meint man damit einen sehr komplexen Prozess: Man stellt sich eine Zukunft vor, die sich in bestimmten Aspekten von der Gegenwart unterscheidet, und leitet daraus ab, welche Handlungs- und Denkgewohnheiten man, in der Gegenwart beginnend, dauerhaft verändern muss, um die vorgestellte Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen. Derartige Veränderungswünsche können von innen oder von außen kommen, das heißt, ich kann mir selbst vornehmen, bestimmte Verhaltensweisen zu verändern, oder aber andere Menschen wünschen oder fordern von mir, dass ich bestimmte Verhaltensweisen ändere. Dass ebendies sehr schwer fällt, weiß jeder und kennt jeder aus eigener Erfahrung. Gewohnheiten zu verändern scheint für die meisten eine der schwierigsten Aufgaben zu sein, denen man sich stellen kann. Es fällt nicht leicht, den Lebensbereich zu verändern, der von Motivationspsychologen als Komfortzone bezeichnet wird. Während Psychologen etliche Konzepte auf der Wirkungsebene entwickelt haben, untersuchen Neurobiologen hauptsächlich die Ursachenebene. Erst wenn man die neurobiologischen Funktionsmechanismen kennt, kann man auch erklären und verstehen, warum wir offenbar so schlecht darin sind, unsere Verhaltensmuster nachhaltig zu verändern, und auch, wie und warum bestimmte Anleitungen uns dabei helfen können, diese Trägheitsmechanismen erfolgreich zu überwinden. Über eines sollte man sich jedoch im Klaren sein: Es gibt keinen Trick und keine Hilfestellung, die vollkommen ohne Disziplin funktioniert. Allerdings gibt es Methoden, die trotz Disziplin nicht funktionieren. Andererseits gibt es aber auch solche, die mit Hilfe der eigenen Disziplin sehr gut funktionieren. Neuropsychologische Forschungsergebnisse können erklären, wie es zu diesen Unterschieden kommt. ​ 2. Die Beschränkung der Zukunft ​ Erst nach längerem Nachdenken fällt einem auf, dass es überraschend Vieles gibt, das wir uns partout nicht vorstellen können. Um nur einige Beispiele zu nennen: Wir können uns keine neue Farbe vorstellen, also eine Farbe, die jenseits des sichtbaren Farbspektrums liegt. Wir können uns nicht vorstellen, wie es sich als Kandidat von „Wer wird Millionär?“ anfühlt, wenn man die eine-Millionen-Frage richtig beantwortet hat. Wir sind nicht in der Lage, uns den Geschmack einer Artischocke vorzustellen, wenn wir diese vorher noch nie gegessen haben. Wir können uns den Schmerz eines Bandscheibenvorfalls nicht vorstellen, solange wir diesen nicht selbst erfahren haben. Wir können uns die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen nicht ausmalen, bis wir selbst einen unserer Liebsten bestatten müssen. Schwerelosigkeit ist ein Zustand, den nur die wenigsten Menschen kennen; alle anderen haben keine Möglichkeit, sich dieses unbekannte Gefühl vorstellen zu können. Und ebenso wenig sind wir in der Lage, uns konkrete Lebensumstände vorzustellen, die wir nicht in irgendeiner Form selbst erlebt und erfahren haben. An dieser Stelle könnte man widersprechen und behaupten, dass es durchaus möglich sei, sich etwas vorzustellen, das man vorher nicht selbst erlebt hat – immerhin leben etliche Roman- und Drehbuchautoren von dieser Fähigkeit. Heuristik lautet der Schlüsselbegriff. Das altgriechische Verb heuriskein bedeutet ausfindig machen, erkennen. Mit Heuristiken sind einfache, praktische Methoden gemeint, mittels derer man bei begrenztem Wissen und bei begrenzter Zeit dennoch zu Lösungen kommen kann. Heuristiken sind zwar nicht perfekt, aber sehr praktisch und nützlich(1). Man kann andere Menschen befragen, die die betreffende Erfahrung bereits gemacht haben, oder man kann darüber lesen oder sich einen Dokumentarfilm anschauen und sich anschließend ein Bild daraus machen. Man kann auch einfache Ableitungen generieren, wie zum Beispiel: Was XY geschmeckt hat, wird mir sicher auch schmecken. Derartige mentale Simulationen finden jedoch hauptsächlich auf einer verbalen oder bildlichen Ebene statt. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, sich neue Emotionen oder neuartige Sinneseindrücke vorstellen zu können. Mit Bildern oder Worten kann es beeindruckend gut jonglieren und neue, bislang nicht selbst erlebte Szenarien konstruieren. Mit Gefühlen, welcher Art auch immer, funktioniert das jedoch nicht, dazu ist unser Gehirn einfach nicht in der Lage. ​ Erinnerungen an Vergangenes und Vorstellungen über Zukünftiges hängen nicht nur inhaltlich, also über gedankliche Vorstellungen, sondern auch strukturell, über die Aktivität neuronaler Netzwerke, sehr eng miteinander zusammen. ​ 2.1. Ein Netzwerk für zwei Zeitzonen Es gibt verschiedene Formen von Gedächtnis. Man unterteilt es entsprechend der Speicherdauer in das sensorische oder Ultrakurzzeitgedächtnis, in das Kurz- und in das Langzeitgedächtnis. Letzteres kann wiederum entsprechend der Qualität des jeweiligen Inhalts untergliedert werden in einen deklarativen und einen prozeduralen Anteil. Im prozeduralen Gedächtnis sind automatisierte Bewegungsabläufe gespeichert. Das deklarative oder auch Wissensgedächtnis besteht wiederum aus zwei Komponenten, dem semantischen Gedächtnis für unpersönliches Weltwissen und dem episodischen Gedächtnis für selbst erlebte Ereignisse. Das episodische Gedächtnis ermöglicht einem, im Geiste durch die Zeit reisen zu können und sich sowohl junge als auch sehr alte Erlebnisse vergegenwärtigen zu können. ​ Wenn es um die Veränderung bestimmter Verhaltensweisen geht (wie beispielsweise: „Du solltest regelmäßig nach der Arbeit ins Fitness-Studio gehen!“) oder um die Veränderung bestimmter Denkstrukturen (wie zum Beispiel: „Du solltest Deine Vorurteile gegenüber dem neuen Kollegen ablegen!“), dann ist die Aktivität des episodischen Gedächtnisses zwangsläufig notwendig. Denn die Vorsätze, die man umsetzen möchte, basieren ja auf für nicht mehr gut befundenen Gewohnheiten – und diese fußen gewöhnlich in der eigenen Vergangenheit. Man vergegenwärtigt sich Vergangenes und reorganisiert es für Zukünftiges. Zu diesem Themenkomplex gibt es eine perfekt auf unser Thema zugeschnittene Forschungsarbeit, die sich mit der Imagination vergangener und zukünftiger Ereignisse sowie mit den an den jeweiligen Prozessen beteiligten Cortex-Arealen auseinandersetzt(2). Der Prozess der Imagination, der geistigen Vorstellung von Ereignissen, verläuft in zwei Phasen: Die erste ist die Konstruktionsphase, in der das zu imaginierende Thema konkretisiert wird, die zweite ist die Elaborationsphase, in der das Thema mit möglichst vielen Details ausgearbeitet wird. Dieser Prozessablauf gilt für Imaginationen sowohl vergangener als auch zukünftiger Ereignisse. Es konnte in der umfangreichen Arbeit sehr überzeugend belegt werden, dass bei geistigen Zeitreisen in die Vergangenheit und in die Zukunft sehr ähnliche neuronale Netzwerke beteiligt sind. Die größten Unterschiede wurden während der Konstruktionsphase, die größten Ähnlichkeiten in der Elaborationsphase nachgewiesen. Letzteres ist in sofern nicht verwunderlich, da ja einerseits für die Erinnerungen an Vergangenes und für die Vorstellungen von Zukünftigem ähnliche Informationstypen benötigt werden, nämlich autobiografische, konzeptuelle, visuell-räumliche und semantische Informationen, und da andererseits diese verschiedenen Informationseinheiten in einer ähnlichen Weise zu einem kohärenten Gesamteindruck zusammengefügt werden. Um nun etwas genauer auf einige Details der Publikation einzugehen, kommt man nicht umhin, etwas tiefer in die Neuroanatomie einzusteigen. ​ Unabhängig von der zeitlichen Orientierung sind während der Konstruktionsphase besonders die bilateralen posterioren visuell-räumlichen Cortex-Areale aktiviert; so spiegelt die Aktivität der fusiformen Cortices (entspricht dem Brodman-Areal 37) eine verstärkte visuell-räumliche Informationsverarbeitung wider. Ebenso ist der linke Hippocampus in die Konstruktion sowohl vergangener als auch zukünftiger Ereignisse involviert; diese Region koordiniert die Katalogisierung, Reaktivierung und Reintegration verschiedener Informationen des autobiographischen Gedächtnisses zu einem zusammenhängenden mentalen Eindruck. Einige Cortex-Areale sind nur während der Konstruktion zukünftiger Ereignisse aktiviert, zum Beispiel der rechte Hippocampus, der nicht nur für das Abrufen, sondern auch für die Neu-Integration verstreuter Informations-Details zuständig ist. Ebenso der rechte frontopolare Cortex (entspricht dem Brodman-Areal 10), der eine wichtige Rolle bei prospektivem Denken spielt, sowie der linke ventrolaterale Präfrontalcortex (entspricht dem Brodman-Areal 45) für die Bedeutungsgenerierung. ​ Zahlreiche Hirnbereiche sind gleichermaßen an der Elaboration vergangener wie zukünftiger Ereignisse beteiligt. So sind beide Hippocampi in alle Elaborationsprozesse involviert. Ebenso der linke mediale Präfrontalcortex (entspricht dem Brodman-Areal 10), der auf selbstreferentielle Informationen anspricht. Zusätzlich sind verschiedene mediale posteriore Cortex-Areale aktiviert, wie der bilaterale parahippocampale und retrospleniale Cortex für contextuelle Verarbeitungsprozesse, das posteriore Cingulum für Selbstreflektionen und – besonders wichtig – für die Integration von Emotion und Gedächtnis während des Abrufens autobiografischer Erinnerungen. Auch der Precuneus (im Brodman-Areal 7), der episodische Vorstellungen unterstützt, ist bei allen Elaborationsprozessen aktiviert. Zusätzlich sind noch der linke temporale Pol und der mittlere temporale Gyrus beteiligt. Unterschiede zwischen der Elaboration vergangener und der Elaboration zukünftiger Ereignisse sind eher gradueller als grundsätzlicher Natur. Der linke inferiore Parietallappen ist bei der Kreation zukünftiger Prozesse aktiver als bei der Rekonstruktion vergangener Prozesse. Auch der rechte posteriore mittlere temporale Gyrus ist bei in die Zukunft gerichteten Prozessen aktiver als bei vergangenheitsorientierten Ereignissen. ​ Die Kernaussagen der Studie kann man wie folgt formulieren: Es gibt keine Cortex-Areale, die spezifisch nur für vergangenheitsorientierte Konstruktionen zuständig sind, aber es gibt solche, die spezifisch bei zukunftsorientierten Imaginationen aktiviert werden. Für beide Zeitrichtungen, also für die Rekonstruktion vergangener und für die Neukonstruktion zukünftiger Ereignisse werden dieselben Informationsspeicher genutzt, und es werden in beiden Fällen neben den verschiedenen Informationsformen automatisch auch Emotionen in das Gesamtbild integriert. Somit hängt die vorstellbare Zukunft eindeutig ab von der selbst erlebten Vergangenheit. ​ 2.2. Die Ignorierung des Abstrakten Im alltagssprachlichen Umgang werden die Begriffe Rationalität und Emotionalität, ebenso wie die Begriffe Verstand und Gefühl in aller Regel als Gegensatzpaar verwendet. Dies ist jedoch sowohl aus kognitionspsychologischer als auch aus neurophysiologischer Sicht weder sinnvoll noch korrekt. Es ist nicht leicht, eine passende Analogie zu diesen Begriffen zu finden, aber die Worte Helligkeit und Farbigkeit kommen dem Verhältnis von Rationalität und Emotionalität vielleicht am nächsten. Es handelt sich dabei nämlich nicht um ein Gegensatzpaar, sondern um ein Kooperationspaar. Wer glaubt, eine logisch saubere Argumentationsführung sei ausreichend, um die Notwendigkeit einer Verhaltensveränderung zu erkennen und im Anschluss an diese Erkenntnis dann sein Verhalten auch tatsächlich erfolgreich zu verändern, der unterliegt einem großen Irrtum. Jede erlebnis- und erfahrungsbedingte Information wird auf dem Weg ins Langzeitgedächtnis mit einem Emotionsetikett versehen, und bei jedem Erinnerungsprozess werden die Einzelinformationen wieder zusammen mit diesem Etikett reaktiviert(3). Vereinfacht formuliert gibt es so etwas wie eine emotionslose Datenverarbeitung in unserem Gehirn gar nicht, im Gegenteil: Gedächtnisbildung und Erinnerung sind Prozesse, die ohne Emotionen extrem erschwert werden, oder, wie es Hans J. Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie der Universität Bielefeld formulierte: „Ohne Gefühle gibt es keine Erinnerung.“ Abstraktes wird also von unserem Gehirn weitgehend ignoriert. Natürlich wissen wir, dass wir durchaus in der Lage sind, abstrakte Gedankengänge formulieren, uns mit abstrakten Themen auseinandersetzen und uns abstrakte Informationen merken zu können. Aber bei genauerer Betrachtung haben Menschen, die sich freiwillig, also beruflich oder als Hobby, beispielsweise mit Quantenphysik, mit Gesetzestexten, mit Steuertabellen, mit der nikomachischen Ethik oder mit dem kategorischen Imperativ auseinandersetzen, durchaus einen emotionalen Bezug zu diesen Inhalten. Eben darum setzen sie sich freiwillig mit derartigen Themen auseinander. Da andere Menschen keine emotionale Beziehung zu diesen Gegenständen aufbauen können, meiden sie die Beschäftigung mit diesen Abstrakta. Interessanter Weise konnte bei Probanden, die sich beruflich mit abstrakten Themen wie zum Beispiel Mathematik beschäftigen, nachgewiesen werden, dass sie für die Bearbeitung entsprechender Aufgaben ein neuronales Funktionsnetz verwenden, das sich in seiner Zusammensetzung aus verschiedenen Cortex-Arealen deutlich von dem der Laien unterscheidet(4). Für die Bearbeitung von abstrakten Inhalten werden demnach andere Funktionszusammenhänge benötigt als für die Bearbeitung von konkreten Informationen. Aber auch bei den Abstraktions-Profis gibt der genetisch festgelegte Bauplan des Gehirns vor, den präfrontalen Cortex, genauer: den ventromedialen präfrontalen Cortex, mit Komponenten des limbischen Systems zu verknüpfen. Das bedeutet, dass die präfrontalen Areale, die an Kognitionsprozessen, an Verhaltenskontrolle, Planung und Entscheidungsfindung, also an sogenannten rationalen Prozessen beteiligt sind, an Komponenten des limbischen Systems gekoppelt sind, das in seiner Gesamtheit für die Erkennung, Verarbeitung, Regulierung und die Weiterleitung von Emotionen verantwortlich ist. Die Anatomie unseres Gehirns lässt also eine emotionsfreie Datenverarbeitung grundsätzlich nicht zu. ​ 2.3. Der Vernetzungsgrad als Blockade „What fires together, wires together.“ Diese Metapher geht auf den kanadischen Neuropsychologen Donald O. Hebb zurück, einen der wichtigsten Pioniere der modernen Plastizitätsforschung. Gemeint ist damit, dass die synaptische Verbindung zwischen Neuronen, die synchronisiert arbeiten, im Laufe der Zeit immer weiter verstärkt und stabilisiert wird. Diese inzwischen eindeutig nachgewiesene Hypothese stellt die Grundlage lernender neuronaler Netzwerke dar. Bis in die 1990er Jahre hinein dominierte unter Lernforschern das sogenannte Lokalisationsmodell, das davon ausging, dass bestimmte Funktionen von ganz bestimmten neuronalen Modulen gesteuert werden. Inzwischen hat sich eine andere Auffassung über die Funktionsweise des Gehirns durchgesetzt, nämlich die Überzeugung, dass unser Gehirn ein dynamisches und sich selbst organisierendes System sei. Plastizität ist eine der wichtigsten und entscheidendsten Eigenschaften des Gehirns, durch die Lernprozesse überhaupt erst möglich werden. Denn während dieser Prozesse werden neuronale Netzwerke teilweise sogar in erheblichem Ausmaß umorganisiert. ​ Neben dem bereits erwähnten Beispiel der neuronalen Unterschiede zwischen Profi- und Laien-Mathematikern gibt es inzwischen zahlreiche weitere Belege dafür, in welchem Umfang Lern- und Trainingsprozesse die neuronalen Verknüpfungsmuster verändern können. Bei Golfspielern, Musikern, Tänzern, Synchronsprechern oder Schachspielern konnten in den Gehirnen von Profis und Laien deutliche Unterschiede nachgewiesen werden, und ebenso konnte gezeigt werden, dass sich bei lernenden Laien neuartige Verknüpfungsmuster bilden(5). Doch nicht nur bei derart zielgerichteten Prozessen verändert sich die Hirnstruktur, sondern tatsächlich auch im Verlauf eines ganz normalen Lebens. Daher weisen überraschender Weise sogar die Gehirne eineiiger Zwillinge deutliche Unterschiede auf. ​ In Zusammenhang mit unserem Thema, also mit der Veränderung von Verhaltensweisen, von Denkstrukturen und von Gewohnheiten, trifft man nun auf zwei Hindernisse. Das erste ist Stress. Wer sich bei der Umsetzung seiner Vorsätze unter Druck setzt und sich über jeden Ausrutscher intensiv ärgert und sich somit noch mehr Stress macht, der erreicht letztlich das genaue Gegenteil dessen, das er sich vorgenommen hat. Stress, besonders anhaltender Stress, verändert die Physiologie der präfrontalen Netzwerke, wodurch Lernvorgänge blockiert und die kognitive Kontrolle geschwächt werden(6). Beides ist aber dringend notwendig, wenn man Gewohnheiten verändern und Vorsätze erfolgreich umsetzen möchte. Das zweite Hindernis liegt in der Verknüpfung selbst. Beim Neulernen werden, entsprechend dem Satz „What fires together, wires together“, neue synaptische Kontakte aufgebaut und gefestigt. Unser Thema beschäftigt sich jedoch nicht mit Neulernen, sondern mit Umlernen. Und hierfür ist ein Arbeitsschritt mehr vonnöten: Etablierte Netzwerke, die für das zu verändernde Verhaltensmuster verantwortlich sind, müssen zerlegt werden und Teile dieses Netzwerks müssen zusammen mit neuen Komponenten zu einem anderem Netzwerk verknüpft werden, das für die Ausführung des neuen Verhaltensmusters verantwortlich ist. Wenn man sich vor Augen führt, dass beispielsweise gewohnheitsmäßiges Schokoladenaschen motivationale, emotionale, kognitive und motorische Komponenten enthält, die miteinander verdrahtet sind und als koordiniertes Team dann den automatischen Griff zur Schokolade koordinieren, kann man sich lebhaft vorstellen, in welchem Umfang ein solches neuronales Netzwerk umgebaut werden muss, um sich von dieser Gewohnheit zu befreien. Der Vorsatz, Verhalten verändern zu wollen, ist also ein komplexerer Vorgang als ein bestimmtes Verhalten neu zu erlernen. Architekten kennen dieses Problem auch: Ein Neubau ist häufig weniger aufwändig als ein Umbau. ​ 2.4. Zusammenfassung Erinnerungen an Vergangenes und Vorstellungen über Zukünftiges werden von sehr ähnlichen neuronalen Netzen generiert. Außerdem werden für beide Imaginationen ähnliche Informationstypen verwendet, nämlich autobiografische, konzeptuelle, visuell-räumliche und semantische. Grundsätzlich funktioniert Gedächtnisbildung nur in Kooperation mit emotionaler Konnotation; eine emotionsfreie Datenverarbeitung lässt unser Gehirn nicht zu. Der Prozess des Umlernens erfordert deutlich umfangreichere Veränderungen der neuronalen Verknüpfungsmuster als der Prozess des Neulernens; beim Umlernen müssen nämlich nicht nur neue synaptische Verbindungen aufgebaut, sondern bestehende müssen teilweise auch wieder abgebaut werden. ​ 2.5. Wissenschaft und Praxis Wissenschaft: Das episodische Gedächtnis ist sowohl strukturell als auch funktionell nicht nur die Basis für mentale Zeitreisen in die Vergangenheit, sondern es ist auch die Grundlage für virtuelle Reisen in die Zukunft. Für die Ausarbeitung beider Szenarien ist neben verschiedenen Informationstypen auch der Einfluss emotionaler Bewertungen unabdingbar. Letztlich sind also unsere konkreten Zukunftsvorstellungen abhängig von selbst erlebten Erfahrungen. Indirekte Erfahrungen können auch Einfluss nehmen, jedoch ist diese Informationsqualität für die Vorstellung eigener zukünftiger Ereignisse bei weitem nicht so einflussreich wie die Informationen, die aus eigenen Erfahrungen abgerufen werden. Emotionsfreie Informationsverarbeitungen sind für unser Gehirn unmöglich, da Komponenten des limbischen Systems sowohl an der Gedächtnisbildung als auch an Erinnerungsprozessen zwangsläufig eingebunden sind. Reine Abstrakta gibt es für unser Gehirn also nicht. ​ Praxis: Unabhängig davon, ob ich mir selbst vornehme, eine bestimmte Gewohnheit zu verändern, oder ob von anderen erwartet oder gefordert wird, dass ich etwas ändere, muss ich ganz zu Beginn erst einmal in der Lage sein, mir das Ziel möglichst konkret vorstellen zu können. Das nämlich ist der erste Flaschenhals auf dem Weg zu einer erfolgreichen Umsetzung der Vorsätze. Ein guter Beleg für misslungene Imaginationen ist das Thema Berufswunsch. Kleine Kinder äußern teilweise sehr naive und klischeebehaftete Berufswünsche; trotz fehlender Erfahrungen können diese Wünsche dennoch sehr intensiv sein. Mit zunehmender Lebenserfahrung ändert und konkretisiert sich die eigene Berufsvorstellung, aber da man einen nicht ausgeübten Beruf natürlich noch nicht erlebt hat, kommt es jedes Jahr aufs Neue bei vielen Auszubildenden und Studenten zu einem Fachwechsel. „Das hatte ich mir doch irgendwie anders vorgestellt!“ lautet meist die Entschuldigung oder die Erklärung für den Ausbildungsabbruch. Ähnlich verhält es sich mit unseren guten Vorsätzen: Nur, wenn ich mir konkret vorstellen kann, was ich will, habe ich überhaupt eine Chance, mein Ziel erreichen zu können. Ganz besonders dann, wenn ich von anderen will, dass sie etwas an sich verändern, muss ich auf diesen Mechanismus große Rücksicht nehmen. Einfache Stichworte als geforderte Zielsetzung sind wenig hilfreich – auch für sich selbst nicht! In derartigen Situationen sollte man möglichst konkret und detailreich das gewünschte Zukunftsbild ausdekorieren. Und da für das Lebendigwerden sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft Emotionen benötigt werden, sind reine Zahlenkolonnen oder textlastige Powerpoint-Präsentationen eher abschreckend als motivierend. In diesem Zusammenhang kann man sich gut vorstellen, wie schwierig es für Vorgesetzte ist, Zielsetzungen auf ihre Mitarbeiter zu übertragen. Man sollte nie vergessen, dass unsere Gehirne keine emotionsfreien Datenverarbeitungsmaschinen sind – im Gegenteil: ohne Emotionen geht fast gar nichts. Nicht nur die Zielsituation sollte möglichst detailreich imaginiert werden, sondern, was häufig vergessen oder ignoriert wird, auch den Weg zum Ziel, also die einzelnen Schritte zur Verhaltensänderung, sollte man sich mindestens genau so detailreich vorstellen. Und sowohl für die Vorsätze selbst als auch für die Zeit der Gewohnheitsumstellung sollte man sich keine Verhaltensmuster vornehmen, die man selbst bisher noch gar nicht kennt. Das Ziel und der Weg dorthin sollte beschrieben und ausgemalt werden mit bereits Bekanntem! ​ Wissenschaft: Das Erlernen von Neuem schlägt sich neurobiologisch nieder in neuen Verknüpfungsmustern von Neuronenverbänden. Bei Vorsätzen jedoch geht es in aller Regel um ein Umlernen. Neurobiologisch setzt dies zwei Prozesse voraus: ein Entknüpfen und ein Neuknüpfen neuronaler Systeme. Umlernen ist demnach ein komplexerer Prozess als Neulernen. Stress wirkt sich negativ auf beides aus, da die Aktivität des Präfrontalcortex gedrosselt wird und somit kognitive Kontrollfunktionen und Lernprozesse gehemmt werden. ​ Praxis: Die wichtigste Konsequenz dieser Erkenntnisse ist: Haben Sie Geduld mit sich selbst! Beziehungsweise, wenn es um darum geht, dass Sie möchten, dass andere ihr Verhalten ändern sollen: Haben Sie Geduld mit anderen! Denn erstens dauert eine Umgewöhnung auf Grund der umfangreicheren neuronalen Umbaumaßnahmen häufig länger als erwartet, und zweitens ist eine entspannte Grundeinstellung hilfreicher als eine zu ehrgeizige. Disziplin, also die kognitive Oberkontrolle über das eigene Denken und Handeln, ist für Umgewöhnungsprozesse dringend notwendig. Fällt diese stressbedingt aus, fällt man wesentlich häufiger wieder zurück in alte Gewohnheitsmuster und es entsteht ein Teufelskreis: Man ärgert sich über seinen Rückschlag, macht sich noch mehr Stress und verliert dadurch noch mehr an Kontrolle, wodurch der nächste Rückfall nahezu vorprogrammiert ist. Disziplin funktioniert in einer entspannten Rahmensituation wesentlich besser als in Stresssituationen. Das gilt nicht nur für unseren Themenzusammenhang. ​ ​ 3. Die Aufrechterhaltung des Optimismus ​ Es ist seit Langem bekannt, dass die meisten Menschen dazu neigen, ihr Risiko für unangenehme Ereignisse und Erlebnisse zu unterschätzen(7). Man denkt: „Andere Menschen erkranken an Krebs, verlieren ihren Job, werden ausgeraubt oder verspekulieren sich, mir aber wird das nicht passieren.“ Außerdem beschäftigt sich unser Gehirn grundsätzlich lieber mit positiven als mit negativen Zukunftsperspektiven. Diese beiden Eigenschaften bilden eine ideale Kombination, um mögliche Risiken und Gefahren ignorieren zu können und um die Gewissheit empfinden zu können, sein aktuelles Verhaltensmuster nicht verändern zu müssen. ​ 3.1. Die Verweigerung schlechter Nachrichten Der unrealistische Optimismus, also die Einstellung, dass man selbst eine bessere Zukunftsprognose hat als andere, ist erstaunlich widerstandfähig gegenüber Korrekturmaßnahmen. Selbst wenn man zuverlässige Informationen über seine Fehleinschätzungen erhalten hat, bleibt man bei seiner unangebracht optimistischen Haltung anstatt diese zu korrigieren. Eine solche Grundeinstellung kann zur Folge haben, dass man bestimmte Risiken nicht wahrnimmt und vorbeugende Maßnahmen gar nicht erst in Erwägung zieht, geschweige denn umsetzt. Der lernresistente Optimismus hat jedoch auch eine positive Seite, denn er kann Stress und Angstgefühle reduzieren und somit den Gesundheitszustand und das allgemeine Wohlbefinden fördern. Dieser Effekt ist nach Meinung von Evolutionsbiologen auch der Grund dafür, dass sich dieser Mechanismus überhaupt entwickeln konnte. ​ Forscher aus Großbritannien und Deutschland haben das Phänomen des korrekturresistenten Optimismus systematisch untersucht und mittels fMRT die für diesen Effekt zuständigen Hirnareale identifiziert(8). Die Probanden erhielten eine Liste mit 80 Bezeichnungen unangenehmer Ereignisse wie beispielsweise Scheckkartenbetrug, Sportunfall, Depression, Ungeziefer im Haus, Opfer eines Gewaltverbrechens, Autodiebstahl, Blinddarmentzündung, Kündigung des Jobs, Tod vor dem Erreichen des 60. Lebensjahrs, Hepatitis oder Schlaganfall. Die Probanden sollten angeben, wie hoch sie die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass sie selbst Opfer dieser Ereignisse werden. Anhand einer umfangreichen Datensammlung errechnete dann das Forscherteam für jeden Probanden die Differenz zwischen den statistisch ermittelten Wahrscheinlichkeiten und den von den Probanden angegebenen Werten. Auf diese Weise wurde für jeden Teilnehmer eine Liste erstellt, um wie viele Prozentpunkte er die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Ereignisse für sich als zu optimistisch oder zu pessimistisch eingeschätzt hatte. Die Resultate wurde den Testpersonen mitgeteilt, während sie in einem fMRT lagen. Bei den Ereignissen, bei denen den Freiwilligen mitgeteilt wurde, dass sie einen zu pessimistischen Wert angegeben hatten, konnte eine deutliche Aktivitätssteigerung in drei Hirnarealen identifiziert werden: im linken inferioren frontalen Gyrus, im linken und rechten medialen Frontalcortex und im rechten Cerebellum. Bei den zu optimistisch eingeschätzten Werten nahm die Aktivität im rechten inferioren frontalen Gyrus ab; eine Aktivitätssteigerung konnte bei den zu optimistischen Prognosen in keinem Areal gemessen werden. Bei einer dritten Sitzung wurde der Lernerfolg, also die Korrekturen der falschen Schätzwerte überprüft. Die Probanden sollten erneut die Liste bearbeiten und die Ereigniswahrscheinlichkeiten abschätzen. Das überraschende Ergebnis war, dass nur in einer Richtung dazugelernt worden war. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Wahrscheinlichkeiten der Fälle, die zuvor als zu pessimistisch eingeschätzt wurden, nach unten korrigiert, also optimistischer kalkuliert und somit korrigiert wurden. Die Ereignisse, die zuvor als zu optimistisch bewertet wurden, wurden jedoch nach wie vor mit einer unrealistisch niedrigen Wahrscheinlichkeit eingeschätzt. Bei schlechten Nachrichten wurde also nicht dazugelernt. ​ Alle genannten Cortexareale sind an Prozessen der Fehlerbearbeitung und der Konflikterkennung beteiligt. Verallgemeinert formuliert nimmt die Hirnaktivität zu, wenn die tatsächliche Wahrscheinlichkeit für ein unangenehmes Erlebnis geringer ausfiel als gedacht, wenn die neue Information also eine für die Probanden angenehme Neuigkeit ist. Die Hirnaktivität nimmt ab, wenn die tatsächliche Wahrscheinlichkeit höher lag als geschätzt, wenn also die Neuigkeit als eine schlechte Nachricht empfunden wird. Für den Lernerfolg bzw. für eine erfolgreiche Fehlerkorrektur und ein erfolgreiches Gedächtnis-Update ist also die emotionale Wertigkeit der neuen Information entscheidend. Nur wenn eine neue Information emotional positiv bewertet wird, werden Hirnareale aktiv und initiieren einen Lernprozess. Werden neue Informationen emotional negativ etikettiert, sinkt die Hirnaktivität und der Lernerfolg bleibt aus. Diese Studie belegt also sehr deutlich, dass Prozesse der Fehlerbearbeitung bzw. Prozesse des Umlernens abhängig sind von motivationalen Bewertungsprozessen. ​ 3.2. Die Verweigerung schlechter Prognosen In einer anderen Studie wurde der Focus auf den Zusammenhang von Emotion und Imagination gelegt, und auch hier fanden die Forscher ein sehr wirkungsvolles neuronales Netzwerk(9). Während die Probanden in einem fMRT lagen, sollten sie sich positive und negative Ereignisse vorstellen, und zwar einmal in Form einer Erinnerung, also als etwas Vergangenes, und einmal in Form einer Fiktion, also als etwas Zukünftiges. Die Aktivität zweier Hirnareale korrelierten ganz besonders deutlich mit den jeweiligen Gedankeninhalten der Probanden: der rostrale anteriore cinguläre Cortex und die Amygdala. Die BOLD-Signale der beiden Regionen waren bei der Vorstellung negativer zukünftiger Ereignisse deutlich reduziert und bei der Vorstellung positiver zukünftiger Ereignisse deutlich erhöht. Erinnerungen an vergangene Ereignisse, unabhängig davon, ob diese positiv oder negativ waren, lösten keine derart deutlichen Signal-Unterschiede aus. Diese Studie lieferte erstmals einen Beleg dafür, dass die Amygdala auch bei der Simulation zukünftiger emotionaler Ereignisse eine wichtige Rolle spielt. Der zweite Hirnbereich, der rostrale anteriore cinguläre Cortex, ist Teil eines Netzwerks, das eine Schlüsselrolle beim Abrufen autobiographischer Erinnerungen sowie an Vorstellungen zukünftiger Ereignisse einnimmt. Er ist mit vielen anderen Cortexarealen verknüpft und bewertet und reguliert emotionale, motivationale und autobiographische Informationen. Letztlich moduliert der rostrale anteriore cinguläre Cortex die Aktivität all der Hirnbereiche, die an der Erschaffung positiver Vorstellungen beteiligt sind, so dass sich unser Gehirn grundsätzlich lieber mit positiven als mit negativen Fiktionen beschäftigt. Wie bei der vorherigen Studie steigt die Aktivität bestimmter Hirnarealen ausschließlich bei emotional positiven Informationen und sie sinkt bei emotional negativen Inhalten. ​ 3.3. Zusammenfassung Ein erfolgreiches Umlernen hängt von der emotionalen Qualität der neuen Information ab. Man könnte es folgendermaßen formulieren: „Ist die neue Information für mich eine positive Information, ist mein Gehirn bereit, diese neue Information in den Langzeitspeicher zu überführen. Informationen, die für mich negativ sind, werden von meinem Gehirn nicht weiter bearbeitet und gelangen daher auch nicht in meinen Gedächtnisspeicher.“ Eine weitere Erkenntnis könnte man so zusammenfassen: „Mein Gehirn beschäftigt sich wesentlich lieber mit angenehmen Zukunftsvorstellungen als mit solchen, die für mich unangenehm sind.“ Die Kombination dieser beiden autonom arbeitenden Mechanismen stellt eine unerfreulich hohe Hürde dar, wenn es darum geht, bewusst seine Handlungs- oder Denkstrukturen verändern zu wollen. Unser Gehirn verweigert eine sachlich-neutrale Bewertung, Begutachtung, Bearbeitung und Planung aktueller und zukünftiger Ereignisse. Die rosarote Brille ist sozusagen im Gehirn eingebaut: Schlechte Nachrichten werden ausgeblendet und unangenehme Zukunftsperspektiven werden verweigert. ​ 3.4. Wissenschaft und Praxis Wissenschaft: Die Information „Ich habe mich als zu schlecht eingeschätzt.“ wird von unserem Gehirn verarbeitet und korrigiert; diese Information impliziert „Ich bin besser als ich dachte.“ Dagegen wird die Information „Ich habe mich als zu gut eingeschätzt.“ nicht weiter verarbeitet; diese Nachricht impliziert „Ich bin schlechter als ich dachte.“ Dieser autonome Mechanismus kann also prinzipiell die Entstehung sogenannter guter Vorsätze unterbinden oder ihre Umsetzung blockieren, denn gute Vorsätze basieren ja auf dem Eingeständnis oder der Erkenntnis, dass man in bestimmten Aspekten doch nicht so gut ist wie man dachte – und eben solche emotional negativ bewerteten Informationen werden von unserem Gehirn nicht automatisch weiter verarbeitet. ​ Praxis: Dieser Bearbeitungsprozess, an dem vornehmlich drei konkrete Cortexareale beteiligt sind, läuft autonom ab. In autonome Prozessabläufe bewusst und lenkend einzugreifen ist immer ein sehr schwieriges, wenn nicht gar ein unmögliches Unterfangen. In diesem Fall jedoch bieten sich zwei Ansatzpunkte an, die man sehr gut miteinander kombinieren kann: die emotionale Umdeutung der Information und der Aufbau eines neuronalen Bypasses. Beides erfordert eine sehr bewusste und disziplinierte Informationsverarbeitung des konkreten Inhalts. Wenn es also darum geht, auf Grund einer bestimmten Information sein Verhalten ändern zu wollen oder ändern zu müssen, sollte die Information, die in diesem Fall ja die Ursache für die Verhaltensänderung darstellt, auf jeden Fall eine emotional positive Bewertung enthalten. Anstatt das aktuelle Defizit zu betonen, sollte man den zukünftigen Benefit hervorheben. Man sollte nicht davon ablassen, sich immer wieder die Vorteile der Verhaltensänderung vor Augen zu führen, nicht die Nachteile der aktuellen Verhaltensgewohnheiten. Man sollte sich, um ein plakatives Beispiel zu bemühen, nicht sagen: „Weil ich zu dick bin, sollte ich abnehmen.“ Stattdessen sollte man formulieren: „Wenn ich dünner bin, werde ich mich viel wohler fühlen!“ Die emotionale Umdeutung von Informationen ist ein Ansatzpunkt, um dem neuropsychologischen Automatismus zu entgehen. Der zweite Ansatzpunkt ist, für die Informationsverarbeitung weitere Hirnareale mit hinzu zu ziehen, so dass der Ablauf des autonomen Mechanismus durch die Mitarbeit weiterer Komponenten gestört wird. Was sich sehr theoretisch und kompliziert anhört ist jedoch in der Praxis recht einfach: Es reicht völlig aus, sich über den zur Diskussion stehenden Sachverhalt ganz konkrete Gedanken zu machen – die Betonung liegt hier auf konkret. Konkretisieren bedeutet, sich etwas möglichst detailreich vorzustellen oder etwas ganz genau wahrzunehmen. Während dieses gedanklichen Prozesses wird ein riesiges neuronales Netzwerk aktiviert, das in seiner Gesamtheit das biographische Gedächtnis darstellt. Aus diesem Informationsspeicher werden nämlich die für das Gedankenspiel benötigten geistigen Vorstellungen abgerufen und die neugewonnen Erlebnisse werden dort eingespeist. Durch Einbeziehen dieses Gedächtnisses wird der autonome Verarbeitungsprozess manipulierbar. Bleiben wir bei dem genannten Beispiel: Erfahre ich überraschenderweise von meinem Arzt, ich hätte inzwischen einen bedenklichen hohen BMI und müsse daher dringend abnehmen, fällt diese Information, so wie sie ist, exakt in das neuropsychologische Verarbeitungsschema und wird letztlich zügig stillgelegt, denn diese Information ist für mich eine unangenehme und unerwünschte Nachricht. Verwandle ich jedoch diese abstrakte Information in konkret vorgestellte oder konkret erlebte Erfahrungen, können diese neu generierten Eindrücke nicht mehr automatisch ignoriert oder gar gelöscht werden. Also setze ich mich mit meinen aktuellen Befindlichkeiten intensiv auseinander, ich fühle mein Gewicht auf den Knien, ich spüre die anhaltenden Rückenschmerzen, ich nehme zur Kenntnis, dass ich tatsächlich sehr kurzatmig geworden bin, und ich nehme meinen Mut zusammen und betrachte mein Spiegelbild gründlich von allen Seiten. Und ich stelle mir vor, wie es sich wohl anfühlt, wieder schnellen Schrittes durch die Stadt gehen zu können, wie stolz ich wohl auf mich wäre, wieder zwei Kleidernummern kleiner tragen zu können und keine Knie- und Rückenschmerzen mehr haben zu müssen. ​ Wenn man diese Vorgehensweise mit dem erstgenannten Vorschlag kombiniert und sich auf die angenehmen Aspekte des neuen Zustands konzentriert, ist man dem Ziel, seine guten Vorsätze erfolgreich umzusetzen, bereits einen großen Schritt näher gekommen, denn man hat einen neuropsychologischen Hemm-Mechanismus ausgetrickst. ​ Wissenschaft: Der zweite wissenschaftliche Aspekt fügt sich nahtlos an den ersten, denn es geht um mentale Vorstellungen: An der Imagination möglicher zukünftiger Ereignisse sind hauptsächlich zwei Hirnbereiche beteiligt, die zudem dann besonders aktiv sind, wenn es sich um angenehme, positive Zukunftsvisionen handelt. Bei pessimistischen Aussichten ist ihre Aktivität gedrosselt. Beide Hirnregionen sind Teil des autobiographischen Gedächtnis-Netzwerks, und eine der beiden Regionen, die Amygdala, ist der Chefkoordinator der Emotionen. Für die Kreierung von Zukunftsvorstellungen werden demnach autobiographische und emotionale Komponenten benötigt, und optimistisch eingefärbte Inhalte werden eindeutig bevorzugt und hervorgehoben. ​ Praxis: Das bedeutet für unseren Themenzusammenhang, dass sich unser Gehirn schwer damit tut, negative Konsequenzen zu konstruieren. Eigentlich wäre es sehr sinnvoll für die Umsetzung guter Vorsätze, wenn eben die negativen Prognosen unserer aktuellen Verhaltensmuster in den Vordergrund gerückt würden – als abschreckendes Beispiel einerseits, und andererseits als Motivationshilfe, um sein Verhalten auch tatsächlich zu ändern. Unser Gehirn produziert aber vorzugsweise eine „es wird schon nicht so schlimm werden“ Stimmung. Diesen sehr lästigen Trägheitsmechanismus kann man jedoch vergleichsweise einfach aushebeln, indem man bewusst das tut, was das Gehirn freiwillig nicht macht: Nämlich sich die unangenehmen Konsequenzen der Gewohnheiten, die man zu ändern beabsichtigt, also letztlich den Grund dafür, dass man etwas ändern möchte, möglichst sehr konkret vorzustellen. Genau an dieser Stelle ergibt sich ein Konflikt mit dem vorgenannten Lösungsvorschlag, der ja darauf aufbaut, für die Zielerreichung ein positives Grundgefühl zu generieren. Wie passt die bewusste Konstruktion eines pessimistischen Zukunftsbilds zu diesem Konzept? Mit Hilfe einer Extraportion Disziplin ergänzen sich die beiden Ansätze hervorragend, wenn man sie im Geiste bewusst voneinander getrennt hält. Man darf nicht vergessen, dass die beiden beschriebenen neuropsychologischen Mechanismen automatisch ablaufen und außerdem in dieselbe Richtung zielen. Dadurch wird die eigene Bequemlichkeit besonders effektiv unterstützt. Trennt man die beiden Mechanismen jedoch voneinander, indem man ihnen bewusst unterschiedliche Richtungen gibt, wird ihre Wirkungskraft deutlich geschwächt. Auch dies klingt wesentlich theoretischer und komplizierter als es in der Praxis tatsächlich ist. Denn die bewusste konkrete Ausarbeitung der negativen Konsequenzen kann für unseren Verstand durchaus die Funktion eines abschreckenden Szenarios haben. Bewusste kognitive Verarbeitungsprozesse finden in den assoziativen Cortexarealen statt, unter anderem dem präfrontalen Cortex. Somit wären nicht nur die Informationsinhalte andere, sondern auch die informationsverarbeitenden Strukturen andere als bei der autonomen Verarbeitung. Eine aus neuropsychologischer Sicht sinnvolle Kombination der beiden Strategien sähe daher folgendermaßen aus: Für die tägliche Motivation zur Verhaltensänderung kreiert man eine positiv gefärbte Zukunft. Schwächelt diese Motivation hin und wieder, was nur natürlich wäre, verwendet man kurzfristig das negative Szenario zur Abschreckung. Wie gesagt, man benötigt etwas Disziplin. Aber im Prinzip ist diese Strategie vergleichbar mit der Möhre, die man einem Esel vorhält, damit er brav weiterläuft, und einer Peitsche, für den Fall, dass die Möhre kurzfristig nicht mehr wirkt. ​ ​ 4. Motivationspsychologische Methoden ​ Wenn es um Therapien und Methoden zur Verhaltensänderung geht, muss man zwei Dinge sehr deutlich voneinander trennen: Die Therapie einer diagnostizierten psychischen Erkrankung wie Depression, Borderline Syndrom oder Traumatisierung, und die freiwillige Unterstützung zur Problemlösung bei gesunden Menschen. Hier geht es ausschließlich um Letzteres! ​ Es gibt eine ganze Reihe verschiedenartiger Ansätze, die Betroffenen und Ratsuchenden helfen sollen, ihren status quo erfolgreich zu verändern. Weder funktioniert ein Konzept bei allen Menschen gleichermaßen, noch reicht eine Methode für die Lösung aller Probleme eines Menschen. Diese Tatsache soll jedoch keinesfalls die grundsätzliche Wirksamkeit dieser Methoden in Frage stellen. Auch Kopfschmerztabletten wirken nicht bei allen gleich und helfen auch nicht bei jedem Kopfschmerz. Allerdings haben all diese Methoden denselben Schwachpunkt: Eindeutige wissenschaftliche Belege dafür, was wie und warum im Gehirn geschieht, fehlen in den meisten Fällen völlig. Da derartige Methoden dem Bereich der Psychologie entstammen ist es jedoch nachvollziehbar, dass sowohl die Entwicklung der Konzepte als auch die Überprüfung ihrer Wirksamkeit auf der Verhaltensebene verbleiben, und dass die dazugehörende neurobiologische Funktionsebene – wenn überhaupt – nur oberflächlich beachtet und erforscht wird. ​ Nachfolgend werden nun beispielhaft einige Aspekte dieser motivationalen Therapieansätze aus einem neurobiologischen Blickwinkel heraus betrachtet. Wie bereits erwähnt geht es hier ausschließlich um die freiwillige Unterstützung gesunder Menschen und nicht um die professionelle Therapie psychisch Erkrankter. ​ 4.1. Prämisse Den meisten psychologischen Verhaltenstherapien gemeinsam ist die Prämisse, dass es Menschen grundsätzlich schwer fällt, sich zu verändern, und dass sie darum Hilfe benötigen. Aus diesem Grund werden Therapien ja überhaupt entwickelt, angeboten und verkauft. Dass Verhaltensänderungen grundsätzlich schwerfallen, können wir nun eindeutig neurobiologisch untermauern. Diese Prämisse ist also aus neurobiologischer Sicht absolut korrekt. Ob man dafür jedoch immer professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, muss jeder für sich selbst entscheiden. ​ 4.2. Blockaden Eine häufig formulierte Behauptung ist, dass Verhaltensveränderungen durch geistige oder psychische Blockaden verhindert werden, und dass diese aufgelöst werden müssen, damit eine Verhaltensänderung überhaupt möglich wird. Diese Aussage trifft jedoch nur auf diagnostizierte, pathologische Fälle wie beispielsweise der posttraumatischen Belastungsstörung zu. Was in diesem Zusammenhang häufig als Blockade beschrieben wird, ist in den meisten Fällen lediglich das Resultat der bereits beschriebenen ganz normal aber sehr effektiv funktionierenden Trägheitsmechanismen. Diese Verallgemeinerung ist also aus neurobiologischer Sicht nicht korrekt. ​ 4.3. Mentale Vorstellungen Methoden wie Autosuggestion, Neurolinguistische Programmierung, Positives Denken und auch die Kognitive Verhaltenstherapie arbeiten mit der gezielten Manipulation mentaler Vorstellungen und Denkstrukturen; Negatives soll in Positives verwandelt werden. Allerdings sind sowohl die Konzeptdetails als auch die damit beeinflussten Gedankeninhalte zu unterschiedlich, als dass man die verschiedenen Strategien sinnvoll miteinander vergleichen könnte. Dass die konsequente Anwendung derartiger Methoden eine Wirkung haben kann, steht völlig außer Frage. ​ Da unser Gehirn schlechte Nachrichten und schlechte Zukunftsprognosen nach Möglichkeit ignoriert, ist die Strategie des gedanklichen Umformulierens grundsätzlich sehr sinnvoll, da sie die lähmende Wirkung dieses Automatismus´ aufheben kann. Es wurde bereits als Beispiel erwähnt, dass die Formulierung „Wenn Du abgenommen hast, wird es dir deutlich besser gehen als jetzt!“ deutlich wirkungsvoller ist als der Selbstvorwurf „Weil du zu dick bist, musst Du abnehmen.“ Übertreibt man jedoch die Manipulation der eigenen Vorstellungen, kommt man sehr schnell in gefährliche Strömungen. Die Grenze zum Selbstbetrug ist nur sehr schmal, und es wird sehr bedenklich, wenn man die Realität nicht mehr von der Imagination unterscheiden kann. Über die Differenz zwischen Ist- und Soll-Wert muss man sich immer im Klaren bleiben! Es ist in vielen Fällen sehr sinnvoll, im Geiste Negatives in Positives umzuwandeln, aber nur, solange man beides voneinander unterscheiden kann. Die Grundstrategie ist also aus neurobiologischer Sicht wirkungsvoll, bedarf aber einer intensiven Kontrolle. ​ 4.4. Verknüpfte Funktionsnetze Eye Movement Desensitization and Reprocessing, kurz EMDR, ist nur eine von mehreren Ansätzen, die auf der Koppelung von mentalen und motorischen Prozessen basieren, und die versuchen, über die Beeinflussung der Motorik Zugriff auf die damit gekoppelten Kognitionsprozesse zu nehmen. ​ Derartige Strategien funktionieren nur bei eng gekoppelten neuronalen Netzwerken. Die Koppelung kann entweder evolutionär entstanden, also angeboren sein, oder aber sie ist das Resultat langjähriger Gewohnheiten. Warum bestimmte Bewegungsabfolgen bestimmte Gedankengänge auslösen können, ist neurobiologisch noch nicht ausreichend verstanden. Vieles ist auch nicht vollständig reproduzierbar oder beliebig von einem auf den anderen übertragbar. Letztlich basieren die Anweisungen derartiger Methoden auf Versuch und Irrtum und sollten daher mit entsprechender Vorsicht angewandt werden. ​ 4.5. Belohnung als Motivation Dass jeder Schritt in die richtige Richtung mit einem positiven Feedback belohnt wird, ist ein nahezu selbstverständlicher Teil aller therapeutischen Ansätze. Dafür gibt es sogar inzwischen eine ganze Reihe verschiedener Apps, die beispielsweise den Kalorienverbrauch oder die Bewegungsmenge positiv kommentieren. ​ Für Belohnungen gibt es in unserem Gehirn ein eigenständiges System, das Belohnungssystem, das in viele weitere Funktionsnetze eingebunden ist und einen sehr großen Einfluss auf verschiedenste Verrechnungs- und Bewertungsprozesse ausübt. Aus neurobiologischer Sicht ist die Strategie, erwünschtes Verhalten motivierend zu unterstützen, eindeutig als wirkungsvoll und sinnvoll einzustufen. ​ ​ 5. Zusammenfassung ​ Die Strukturen unseres Gehirns samt den sich daraus ergebenden Funktionen sind zugeschnitten auf erfolgreiches Dazulernen und auf die Aufrechterhaltung des aktuellen Zustands. Sie scheinen jedoch nicht sonderlich gut dafür geeignet zu sein, bereits Erlerntes umzulernen. Sich Vorsätze zu machen und diese auch umzusetzen impliziert aber genau das: Gewohnheiten zu verändern und Bestehendes zu modifizieren. Da für Erinnerungen an Vergangenes und für die Imagination von Zukünftigem sowohl ähnliche Informationen als auch ähnliche Hirnstrukturen beteiligt sind, haben wir also letztlich nur dann eine Chance, unser Ziel zu erreichen, wenn wir uns unser gewünschtes zukünftiges Verhalten ganz konkret vorstellen können. Abstrakte Ideen und Konzepte kann unser Gehirn nur schwerlich prozessieren, daher müssen unsere Zielvorstellungen – und übrigens auch der Weg dahin, samt Zwischenstationen – so detailliert sein, dass sie eine emotionale Wirkung bei uns auslösen können. Apropos Emotionen: Unser Gehirn besitzt sehr effektive, autonom arbeitende Filtermechanismen, die unangenehme Nachrichten ausblenden und unangenehme Zukunftsaussichten schlicht verweigern. Dies sollte man unbedingt beachten, wenn man für sich seine „guten Vorsätze“ formuliert. Negative Formulierungen bleiben nicht lange im Gedächtnis, so dass wir unsere Vorsätze schon aus dem Grunde nicht erreichen, weil unser Gehirn schon bald keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Also: Achte darauf, wie Du Dein Ziel formulierst, und wie Du begründest, warum Du es erreichen willst! Und da Umlernen umfangreichere neuronale Umbaumaßnahmen erfordert als Neulernen, sollte man geduldig mit sich sein. Sich unter Erfolgsdruck zu setzen ist zudem sehr kontraproduktiv, da Stress genau das mindert, was man dringend benötigt: Kontrolle und Disziplin.

  • Das soziale Gehirn (Teil 1 und 2)

    Unser Gehirn ist auf Kooperation, Vertrauen und gegenseitige Hilfestellungen zugeschnitten. Diese neuropsychologischen Eigenschaften werden im Berufsleben viel zu selten bewusst genutzt – obwohl sie ein großes Potenzial bergen. Inhaltsverzeichnis 1. Wie ist der Mensch? 2. Der Mensch ist spezialisiert auf Gesichter 3. Der Mensch ist abhängig vom Wir-Gefühl 4. Der Mensch ist programmiert auf Fairness 5. Resümee Das soziale Gehirn (Teil 1 und 2) Unser Gehirn ist auf Kooperation, Vertrauen und gegenseitige Hilfestellungen zugeschnitten. Diese neuropsychologischen Eigenschaften werden im Berufsleben viel zu selten bewusst genutzt – obwohl sie ein großes Potenzial bergen. ​ Vorwort In bestimmten Kreisen hält sich noch immer die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus eher ein Egoist sei, und dass Sozialverhalten das Resultat kultureller Einflüsse sei. Der Mensch sei ein rationales Wesen, und Rationalität erzeuge Utilitarismus, also die Orientierung an Zweckmäßigkeit. Und innerhalb dieser Logik wird Selbstlosigkeit natürlich nicht als zweckmäßig bewertet. Im Laufe der letzten Jahre wurden so viele Forschungsresultate aus den Bereichen Soziologie, Psychologie und besonders der Neurobiologie publiziert, dass man inzwischen unzweifelhaft belegen kann, dass das genaue Gegenteil der Fall ist: Der Mensch ist ein hochgradig soziales Wesen, er ist von Natur aus kooperativ und hilfsbereit und er reagiert empfindlich auf Ungerechtigkeiten und Unehrlichkeiten. Es ist an der Zeit, dass Firmenstrukturen an dieses Menschenbild angepasst werden sollten. ​ 1. Wie ist der Mensch? Die Frage „Wie ist der Mensch?“ ist sehr eng gekoppelt an eine andere, wesentlich spektakulärere Frage, nämlich „Wie soll der Mensch sein?“. Die Antwort auf die zweite Frage hat einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf alle sozialen Systeme samt ihrer verschiedenen Strukturen und hierarchischen Ebenen. In der Kulturhistorie aller Völker gab und gibt es daher auch einen ständigen Kampf um die Position, die die Macht hat zu bestimmen, wie der Mensch zu sein hat. ​ In der historischen Vergangenheit haben sich zahlreiche Menschen mit dieser Frage auseinandergesetzt. Philosophen wie Platon und Kant haben Konzepte des idealen Menschen entwickelt, Politiker wie Cicero und Rousseau haben sich Gedanken über den idealen Staat gemacht, Sozialtheoretiker wie Marx und Bourdieu entwickelten Ideen für eine ideale Gesellschaft, Pädagogen wie Humboldt und Steiner erdachten ideale Schulsysteme und die Oberhäupter verschiedener Religionen, besonders die der drei großen monotheistischen Religionen, äußern besonders eindringlich ihren Anspruch auf das alleinige Bestimmungsrecht darüber, wie der Mensch ihrer Meinung nach zu sein hat. Die Frage, wie der Mensch idealerweise sein sollte, ist also stark emotional aufgeladen und steht unter dem mächtigen Einfluss politischer, philosophischer und religiöser Ansichten, Meinungen und Dogmen. ​ Keinem normalen Menschen würde es einfallen, den Hersteller eines Toasters dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass man mit dem Toaster kein Internetradio hören oder keine Wäsche bügeln kann. Dafür ist ein Toaster einfach nicht gebaut, dafür kann er aber toasten, denn genau dafür wurde er konstruiert. Für Lebewesen aller Art gilt dasselbe Gesetz: Die Struktur bestimmt die Funktion. Manchmal ist das Variationsspektrum der Funktionen oder Leistungen einer Spezies sehr klein, manchmal sehr groß. ​ Der Bau unserer Lunge lässt ein Atmen unter Wasser nicht zu, sondern nur das Atmen atmosphärischer Luft; die Leistung unseres Herzmuskels dagegen kann sich der aktuellen körperlichen und seelischen Belastung anpassen. Der Mensch ist nicht dafür gebaut, sein Leben als einsiedlerischer, aggressiver Egomane zu verbringen, sondern er ist dafür konzipiert, als empathisches, kooperierendes Gruppenmitglied zu leben. Die Frage, wie der Mensch ist, limitiert also die Möglichkeiten, wie er sein könnte. Und das Spektrum dessen was der Mensch kann lässt viele Ideen wie der Mensch sein sollte völlig sinnlos erscheinen. Wenn ich weiß, was ein Toaster ist und wie er funktioniert, laufe ich nicht Gefahr, von diesem Gerät zu erwarten, auch meine Hemden damit bügeln zu können. Dieser Gedankengang ist in Bezug auf einen Toaster völlig harmlos, aber wenn man dasselbe gedankliche Konzept auf den Menschen anwendet ruft man fast immer heftige Empörung hervor! ​ Die Beschäftigung mit der Frage „Wie soll der Mensch sein?“ ist daher eigentlich sinnlos, wenn man nicht vorher eine Antwort auf die Frage hat „Wie ist der Mensch?“ Ohne die Achtung und den Respekt vor den intellektuellen Leistungen der vorher aufgeführten Koryphäen schmälern zu wollen, muss man doch erkennen, dass ihnen eben dieser Fehler unterlaufen ist. Sie beschäftigten sich äußerst intensiv und streitlustig damit, zu beschreiben, zu erklären und zu fordern wie der Mensch idealerweise sollte, ohne zu wissen, wie seine Natur eigentlich ist, und damit ohne zu wissen, ob er das, was er soll überhaupt kann. Dabei weiß jeder halbwegs verantwortliche Neubesitzer eines Haustiers, dass er sich erst gründlich über seinen neuen Mitbewohner informieren muss, damit er anschließend dafür sorgen kann, dass es seinem Tier auch wirklich gut geht, dass sein Tier das bekommt, was es braucht. ​ In Bezug auf die Frage, wie der Mensch sein sollte, ist es also nicht verwunderlich, dass sich im Laufe der Menschheitsgeschichte eine beachtliche Anzahl zum Teil völlig verschiedener Antworten angesammelt hat. Denn allen Antworten, mögen sie intellektuell und moralisch noch so ausgereift sein, fehlt eine einheitliche Grundlage, und die findet sich in der Biologie des Menschen. Die Biologie kann die Antwort auf die Frage liefern „Wie ist der Mensch?“ Doch damit entzieht sich das Thema dem Einflussbereich des Philosophischen, Soziologischen, Politischen und des Religiösen – und schon ist der nächste Konflikt vorprogrammiert: die Naturwissenschaften mischen sich auf einmal in Themen ein, für die traditionell die Philosophie, Religion oder Soziologie die Deutungshoheit beansprucht hatte. Für eine sinnvolle Bearbeitung dieses Fragenkomplexes ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit jedoch unumgänglich. Und diese gelingt – verständlicherweise – bis heute nicht reibungslos. ​ Wenden wir uns also nun der biologischen Frage zu: Wie ist denn nun der Mensch? Homo sapiens ist bezüglich seines Verhaltensrepertoires eindeutig eine soziale Spezies, das bedeutet, die Individuen leben in Gruppen. Das gilt übrigens auch für alle anderen Primaten. Und die sozialen Gemeinschaften der Menschen sind, ebenso wie die der anderen Primaten auch, hierarchisch organisiert – auch wenn diese Tatsache von bestimmten soziologischen Ideologien gerne ignoriert wird. Im Verlauf der menschlichen Kulturentwicklung entstand ein soziales Phänomen, das in dieser Differenziertheit unter allen Spezies dieses Planeten einmalig ist: die Arbeitsteilung. ​ Außer beim Menschen findet man Arbeitsteilung als soziales Phänomen nur noch bei einigen sozialen Insekten, wie beispielsweise Ameisen, Bienen und Termiten – allerdings in einer etwas simpleren Ausprägung. Im Gegensatz zu den Insekten basiert beim Menschen die Aufteilung verschiedener Arbeiten nicht auf genetischen Programmen, sondern sie ist das Resultat einer Kulturentwicklung, die das Erlernen und Ausüben von Berufen hervorgebracht hat. Bereits an diese Stelle wird deutlich, dass menschliche Gesellschaften nicht ohne Kooperation und nicht ohne gegenseitiges Vertrauen funktionieren können. Bevor man entscheidet, einem Menschen sein Vertrauen zu schenken und mit ihm zusammenzuarbeiten, muss man ihn erst kennen. Für das Kennenlernen, das Erkennen, das Wiedererkennen und das Erinnern von Menschen ist das Gesicht eines der wichtigsten, wenn nicht gar das wichtigste Kriterium. ​ 2. Der Mensch ist spezialisiert auf Gesichter ​ Zahlreiche Spezies, darunter auch Primaten, und somit auch Menschen, sind in der Lage, eine große Anzahl verschiedener Gesichter sehr schnell und sehr sicher zu identifizieren. Diese Fähigkeit ist ein sehr wichtiger und zentraler Bestandteil der sozialen Kommunikation, denn über die Unterscheidbarkeit von Gesichtern kann man sich Vieles merken, was für das Funktionieren einer sozialen Lebensgemeinschaft unverzichtbar ist. ​ Unter anderem kann man sich gut daran erinnern, wer was wann getan hat; man erkennt und erinnert sich daran, wer welche Intentionen hat; man kann sich Verwandtschaftsverhältnisse und Rangordnungen merken; man erkennt und erinnert sich an die Art der Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppenmitgliedern; und, nicht zuletzt aber besonders wichtig: man kann sich die charakterlichen Wesenszüge einzelner Menschen über die Zuordnung zu ihren Gesichter sehr gut merken und korrekt zuordnen. Unser Gehirn verfügt über ein erstaunliches Repertoire an Fähigkeiten, die dazu führen, dass wir in der Lage sind, Gesichter innerhalb von Sekundenbruchteilen zu erkennen, und Gesichter unter Einbeziehung unserer Gedächtnisinhalte subjektiv zu bewerten. ​ 2.1. Der neuronale Gesichter-Code Lange Zeit hegte man die Vermutung, dass es im Gehirn Neurone gibt, die sich – im übertragenen Sinne – Gesichter merken können. In diesem Zusammenhang ist auch das theoretische Konzept der Großmutterzelle entstanden, einer Zelle, die sich das Gesicht der Oma merken kann. Diese Vorstellung musste jedoch schnell wieder aufgegeben werden, da wir uns wesentlich mehr Gesichter merken können als es Neurone in dem dafür zuständigen Cortexareal gibt. Im Juni 2017 wurde nun eine bahnbrechende Entdeckung veröffentlicht: der neuronale Code für die Identifizierung von Gesichtern ist geknackt(1). ​ Im inferotemporalen Cortex wurden mittels fMRI sechs Areale identifiziert, die auf die Verarbeitung von Gesichtern spezialisiert sind. In diesen sogenannten Gesichtsfeldern befinden sich spezialisierte Neurone, die von den Autoren als Gesichtszellen bezeichnet werden, und die ausschließlich bei der Betrachtung von Gesichtern aktiv werden. Wie diese Zellen arbeiten, haben die Forscher nun an Makaken-Gehirnen aufgedeckt, indem sie mittels Elektroden die Aktionspotentiale einzelner Gesichtszellen aufgezeichnet haben, während sie die Tiere verschiedene Gesichter betrachten ließen. Auf diese Weise entdeckten sie einen überraschend einfachen Verarbeitungsmechanismus. Jede einzelne Zelle erfasst immer nur die Ausprägung eines ganz bestimmten Aspekts innerhalb des Gesichts; es werden demnach Koordinaten und Intensitäten bestimmter Variablen erfasst, wobei jede einzelne Gesichtszelle auf einen ganz bestimmten Aspekt spezialisiert ist. ​ Die Neurologen definierten insgesamt 50 Parameter, die in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen. Die Intensität der Ausprägung wird von den einzelnen Gesichtszellen erfasst, wobei jede Zelle immer nur auf einen ganz bestimmten Parameter anspricht. So reagiert eine Zelle auf den Augenabstand, und zwar umso intensiver, je dichter die Augen zusammenstanden. Eine andere Zelle reagiert auf die Hautfarbe, und zwar proportional zur Helligkeit der Haut. Es gibt Zellen für den Haaransatz, für die Mundkontur, letztlich für alle 50 definierten Parameter, die ausreichend sind, um jedes erdenkliche Gesicht eindeutig beschreiben zu können. Den Autoren gelang es sogar, allein aus den einzelnen Ableitungen der gut 200 Gesichtszellen das Gesicht zu rekonstruieren, das der Affe in diesem Augenblick betrachtete. Auf der Fähigkeit der Gesichtserkennung muss ein enorm hoher Selektionsdruck liegen, denn immerhin ist im Verlauf der Evolution ein ganz spezielles neuronales Verrechnungssystem entstanden, das diese Fähigkeit ermöglicht. Wir Menschen sind, wie die anderen Primaten auch, tatsächlich auf Gesichtserkennung spezialisiert. ​ 2.2. Die neuronale Bevorzugung von Bekannten Gedächtnisinhalte, die man mit sich selbst in Verbindung bringt, die also einen starken Selbst-Bezug haben, werden deutlich akkurater erinnert, als die Gedächtnisinhalte, die mit anderen Menschen in Zusammenhang gebracht werden. Diese Form der Gedächtnisverstärkung bezeichnet man als Self-reference effect. In einer erst kürzlich veröffentlichten Studie wurde dieser Effekt innerhalb eines sozialen Kontexts untersucht(2). Probanden sollten sich Bilder verschiedener, unbekannter Gesichter ansehen und sich merken. Allerdings wurde ihnen zu den einzelnen Gesichtern gesagt, dass sie sich diese unbekannte Person als zukünftigen Freund bzw. als zukünftige Freundin vorstellen sollten, und zwar entweder als neuen Freund für sich selbst, oder als neuen Freund für einen anderen, eigenen Freund, oder aber als neuen Freund für einen fremden Menschen. Im Anschluss an die Lernphase folgte eine Überprüfungsphase, bei der unter die bereits gezeigten Bilder willkürlich neue Bilder gemischt wurden. Die Probanden wurden aufgefordert zu entscheiden, welche der Gesichter sie zuvor bereits gesehen hatten. Dabei zeigte sich, dass sich die Teilnehmer signifikant besser an die Gesichter erinnern konnten, zu denen ihnen gesagt worden war, dass sie sich diese als eigene neue Freunde vorstellen sollten. Während der Wiedererkennung der eigenen Freunde war der mediale Präfrontalcortex deutlich aktiver als beim Erinnern der anderen Gesichter, die sie entweder eigenen Freunden oder Fremden zuordnen sollten. Außerdem war die Verbindung zwischen den sogenannten corticalen Mittellinien-Strukturen und dem Hippocampus beim Wiedererkennen der eigenen potentiellen Freunde signifikant stärker involviert als bei der Erinnerung an die anderen Gesichter. Zu den corticalen Mittellinien-Strukturen zählen eine ganze Reihe von Hirnarealen, unter anderem der mediale Präfrontalcortex und der Präcuneus; diese Strukturen sind bei allen selbstreferentiellen Prozessen aktiv(3). Der Self-reference effect korreliert demnach mit einem verstärkten Informationsaustausch zwischen den Mittellinien-Strukturen und dem Hippocampus, also zwischen selbstbezüglichen Prozessen und Prozessen der Gedächtnisverarbeitung. ​ 2.3. Die psychologische Bevorzugung von Bekannten In diesen Kontext fügen sich zwei psychologische Untersuchungen ein, die sich mit der Interpretation von Gesichtern auseinander gesetzt haben. Denn auch hier spielt die Kombination aus Gedächtnisinhalten und Selbstbezug eine wichtige Rolle. Die erste der beiden Untersuchungen kommt zu dem Schluss, dass wir den Gesichtsausdruck bekannter Gesichter grundsätzlich als glücklicher interpretieren als den Ausdruck unbekannter Gesichter(4). Dieses Ergebnis wurde mittels zweier Experimente ermittelt. Im ersten ging es um schnelle Wahrnehmungsentscheidungen, also die spontane Bewertung eines Gesichtsausdrucks, im zweiten ging es um eine differenzierte Klassifikation, also um die möglichst konkrete Positionierung auf einer kontinuierlichen Skala von wütend bis glücklich. Beide Tests erbrachten dasselbe Resultat: bekannte Gesichter halten wir für glücklicher als unbekannte Gesichter. ​ Die zweite Untersuchung beschäftigt sich mit der Attraktivität von Frauengesichtern. Die Autoren kommen hier zu dem Schluss, dass eigentlich immer das als attraktiv gilt, was man ständig um sich herum sieht(5). In einem Kulturvergleich wurde untersucht, welche Gesichtstypen auf dem Lande und welche in der Stadt als besonders attraktiv gelten. In den untersuchten Regionen in Malaysia und El Salvador werden in ländlichen Regionen fülligere Frauen bevorzugt, in städtischen Regionen eher die schlankeren. Entsprechend diesen Vorlieben wurden auch die Frauengesichter bewertet. Interessant war die Feststellung, dass auf dem Land tatsächlich wesentlich mehr fülligere Frauen leben als in den Städten, und dort deutlich mehr schlankere Frauen als in den ländlichen Regionen. Man bevorzugt also das bereits Bekannte. ​ Einen dritten Aspekt kennen wir alle, denn er beruht darauf, dass Wiederholung Vertrautheit generiert. Menschen, denen wir regelmäßig begegnen, glauben wir zu kennen. Diese nahezu automatische Gleichstellung von Erkennen und Kennen ist ein evolutionsbiologisch entstandener Mechanismus, der aus Zeiten stammt, als Gemeinschaften aus einer überschaubaren Anzahl von Menschen bestanden. Besonders bei Stars der Sport-, Musik- oder Schauspiel-Szene entsteht daher immer ein Ungleichgewicht zwischen den Fans und den Stars, denn das Gefühl des Kennens ist nur einseitig: Die Fans kennen ihre Stars, doch die Stars kennen ihre Fans nicht. Brad Pitt und Sean Connery waren doch schon so häufig bei mir im Wohnzimmer aber ich noch nie in ihrem... ​ 2.4. Schlussfolgerung Die Fähigkeit, Gesichter erkennen und erinnern zu können, ist für das Funktionieren komplexer Sozialgemeinschaften eine wesentliche Voraussetzung. Im inferotemporalen Cortex befindet sich ein Areal, das sowohl strukturell als auch funktionell ausschließlich für die Gesichtserkennung konzipiert ist. An Gesichter von Menschen, zu denen wir einen persönlichen Bezug haben, erinnern wir uns deutlich besser als an die Gesichter von Menschen ohne persönlichen Bezug. Außerdem erscheinen uns bekannte Gesichter freundlicher als unbekannte Gesichter, und das Durchschnittsgesicht, das wir im alltäglichen Leben immer wieder sehen, finden wir attraktiver als solche Gesichtsformen, die nur selten in unserem Lebensumfeld anzutreffen sind. Gesichtserkennung ist ein wesentlicher Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation; erkennen wir ein Gesicht wieder, kann die Beziehung zu diesem Menschen vertieft werden, und diese persönliche Beziehung wiederum lässt uns den Menschen sympathischer erscheinen. Das neuropsychologische System, das bei der Verarbeitung von Gesichtern aktiv ist, steht also offenbar im Dienste der Gemeinschaft, denn es trägt zur Befriedung und Stabilisierung des Kollektivs bei. ​ 2.5. Wissenschaft und Praxis Wissenschaft Das Erkennen eines Gesichts, das Erinnerungsvermögen und die emotionalen Bewertungen bezüglich dieses Gesichts sind eng miteinander verknüpfte und sich gegenseitig verstärkende neuropsychologische Prozesse, die in ihrer Gesamtheit zwischenmenschliche Beziehungen stabilisieren können. ​ Praxis Die zunehmende Verwendung elektronischer Kommunikationsmedien unterminiert die Mechanismen der sozialen Stabilisierung, denn dass man kommunizieren kann ohne sich dabei gegenseitig zu sehen, ist ein Phänomen, das viel zu neu ist, als dass es einen Einfluss auf evolutionsbiologische Entwicklungen hätte nehmen können. Je weniger Sinneseindrücke dieses komplexe Kognitionssystem erhält, desto fehleranfällig wird es in seinen Resultaten: Man schätzt Menschen nicht mehr korrekt ein. Zeigen Sie Gesicht! Ob bei Kollegen, Mitarbeitern, Vorgesetzten, Kunden, Lieferanten, Nachbarn, Freunden, Familienmitgliedern – soziale Bindungen werden dadurch gefestigt, dass man den anderen sieht. Und das Gesicht ist sozusagen das Symbol für den gesamten Menschen. Lassen Sie sich häufiger blicken! Statt dem Kollegen im Büro nebenan schnell eine Email zu schicken sollten Sie einfach mal kurz rübergehen und mit ihm sprechen. Wie häufig besuchen Sie Ihre Kunden und Geschäftspartner? Es muss nicht immer um wichtige Themen gehen. Sich einfach mal wieder sehen zu lassen kann wahre Wunder bewirken. Einige Unternehmen setzen vermehrt Fotos ein. Wenn per Brief eine neue Person vorgestellt werden soll wie zum Beispiel bei einem Personalwechsel oder bei einer Neueinstellung kann das Portraitfoto sehr hilfreich sein. Die neue Kollegin oder der neue Kollege kann schnell von allen erkannt und, was viel entscheidender ist, gleich angesprochen werden. Erkennen schafft Vertrauen, und wenn man gleich ins Gespräch kommen kann ist die erste Hürde bereits geschafft. Ein Foto in die Email-Signatur einzubauen kann auch sehr hilfreich sein, besonders dann, wenn man die Kontaktpersonen aus geografischen Gründen nur sehr selten sehen kann. Sehen, erinnern und empfinden sind eng miteinander verwobene Prozesse, und, wenn das Original zu weit entfernt ist, kann ein Foto das soziale Bindungssystem zumindest etwas aktivieren. 3. Der Mensch ist abhängig vom Wir-Gefühl ​ Einsamkeit macht krank und Gemeinsamkeit macht glücklich. So könnte man die Wirkungen zahlreicher neuropsychologischer Regelkreise zusammenfassen. Diese Systeme sind gegen kulturelle Einflüsse vollkommen immun, was den Schluss nahelegt, dass der Mensch von Natur aus als soziales Wesen konstruiert ist. Die Anzahl der Hirnstrukturen, die an der Verarbeitung sozialer Informationen beteiligt sind, sowie die Komplexität des Vernetzungsgrads dieser Areale sind sehr beeindruckend. Wir können uns in andere Menschen hineinversetzen und ihre Gefühle und Absichten verstehen, und wir sind in der Lage, Wahrnehmungen selbst komplexer Situationen vor dem Hintergrund eines bestimmten sozialen Kontexts zu interpretieren. ​ 3.1. Die Entdeckung des Ich im Du Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem heißen Sommertag am Fenster und beobachten folgende Szene: Aus dem Hauseingang gegenüber tritt ein junger Mann auf die Straße. Er hat eine Stofftasche in der Hand. Während er auf einen Wagen zugeht verzieht er plötzlich sein Gesicht und schlägt mit der freien Hand seitlich auf seinen Hals. Er betrachtet anschließend die Handinnfläche und wischt sie sich an seiner Jeans ab. Nun steht er vor der Fahrertüre des Wagens und greift mit der freien Hand in seine Hosentasche. Sein Gesicht verändert sich erneut und er greift in die andere Hosentasche. Dann bückt er sich und schaut durch das Türfenster in den Wagen hinein. Er tritt einen kurzen Schritt zurück, verzieht heftig sein Gesicht und schlägt mit der flachen Hand kräftig auf das Autodach. Die gesamte Szene wäre vollkommen unverständlich, wenn wir als Beobachter nicht in der Lage wären, uns in die Situation des jungen Mannes hineinversetzen zu können. Während wir ihn beobachten, gelangen wir schnell zu der Vermutung, dass er wohl zum Einkaufen fahren will. Und dass ihn plötzlich eine Mücke sticht. Als er dann in seine Tasche greift, ist er überrascht, dass der Autoschlüssel weder dort noch in der anderen Tasche ist. Er entdeckt ihn dann im Wagen, vermutlich im Zündschloss steckend – und wahrscheinlich denkt er in diesem Augenblick: Oh Scheiße! – und aus Frust haut er dann kräftig aufs Autodach. ​ Die erste Forschungsdisziplin, die sich dem Phänomen des sich Hineinfühlens und des Hineindenkens beschäftigt hat, war die Psychologie. Erst etliche Jahrzehnte später begannen Neurobiologen, neuronale Korrelate für die psychischen Erklärungsmodelle zu finden. Dadurch kam es zu einer verwirrenden Vielfalt an Theorien und Nomenklaturen, die sich bis heute leider nicht völlig gelichtet hat. Die Schnittmenge aus Psychologie und Neurobiologie ergibt im Prinzip drei Erklärungsansätze für diese Fähigkeit. Das erste Erklärungsmodell ist die Theory of Mind, wobei das Wort Theory etwas unglücklich gewählt ist. Das Modell geht davon aus, dass wir bei anderen Menschen Bewusstseinsvorgänge unterstellen, ebenso wie bei uns selbst, und dass darum auch andere Menschen Ideen, Absichten, Gefühle und Erwartungen haben. ​ Das Spektrum der Annahmen, die wir gemäß dieser Theorie über die verschiedenen inneren Prozesse und Zustände des Anderen machen, ist nahezu überwältigend groß, enorm variabel und extrem kontextbezogen. Außerdem gibt es verschiedene Wege, über die wir zu einer Annahme über die aktuelle Situation eines beobachteten Menschen gelangen können. Für Neurobiologen ist es daher methodisch sehr schwierig, neuronale Korrelate für die Fähigkeit zur Theory of Mind zu identifizieren(6). Man geht von einem modularen Aufbau konkreter neuronaler Netze aus, die unterschiedlich kombiniert werden, abhängig unter anderem vom Alter und Entwicklungszustand des Beobachters und vom aktuell imaginierten Themenzusammenhang. Zu den beiden wichtigsten Modulen zählt die corticale Mittellinienstruktur, eine in der Gehirnmitte liegende Region, die den perigenualen anterioren cingulären Cortex, den ventro- und dorsomedialen Präfrontalcortex, den posterioren cingulären Cortex und den Precuneus beinhaltet und in ihrer Gesamtheit bei selbstspezifischen, also persönlich relevanten Stimuli aktiv wird. ​ Und das zweite Hauptmodul ist der tempoparietale Übergang, der bei der Beobachtung von zielgerichteten Bewegungen und Handlungen aktiv wird. Außerdem wird die Beteiligung des anterioren Temporallappens diskutiert, der mit semantischer Verarbeitung und mit episodischen und autobiografischen Gedächtnisinhalten in Verbindung gebracht wird, sowie das Spiegelneuronen-System, das bei Handlungen, Absichten und Emotionen aktiv wird, und zwar bei eigenen als auch bei beobachteten. Es ist und bleibt eine große methodische Herausforderung, ein konkretes neurobiologisches Korrelat für das psychische Konzept der Theory of Mind zu identifizieren, was unter anderem auch daran liegt, dass dieses Konzept aus naturwissenschaftlicher Sicht zu allgemein formuliert ist. Wie dem auch sei, fest steht, dass unser Gehirn mit Hilfe einer variablen Kooperation verschiedener neuronaler Module in der Lage ist, blitzschnell eine in aller Regel passende Annahme über den aktuellen mentalen Zustand einer beobachteten Person zu erstellen. ​ Der zweite psychologische Erklärungsansatz für die Fähigkeit, sich in jemand anderen hineinversetzen zu können, wird als Mentalisieren bezeichnet(7). Der Focus liegt hier auf der Fähigkeit, affektive, also spontan-impulsive Aspekte des Verhaltens nachempfinden und verstehen zu können. Bei dem erwähnten Beispiel mit dem jungen Mann und dem Autoschlüssel betrifft die Mentalisierung besonders die Situationen, als er spontan zunächst auf seinen Hals und später auf das Autodach haut. Diese Handlungen erfolgten ohne Vorlauf, ohne erkennbare Vorbereitung und ohne erkennbare Intention – sie erscheinen völlig sinnlos. Die Fähigkeit zur Mentalisierung lässt uns erkennen, dass der Mann beim ersten Mal gestochen wurde und beim zweiten Mal frustriert war und darum diese Handlungen ausführte. Wir können sogar dann diesen Bezug herstellen, wenn wir selbst in ähnlichen Situationen völlig anders reagieren würden. Bei Mentalisierungen sind unter anderem der temporale Pol, der tempoparietale Übergang, der Precuneus und der mediale Präfrontalcortex involviert. Man erkennt deutlich die Überlappung zu den Hirnstrukturen, die die Theory of Mind hervorbringen. Es drängt sich also der Gedanke auf, dass die von Psychologen formulierte Aufteilung in Theory of Mind und in Mentalisierung auf neuronaler Ebene nicht sinnvoll zu sein scheint. ​ Der dritte Erklärungsansatz für die Fähigkeit, das Ich im Du und das Du im Ich erkennen zu können, entstammt der neurobiologischen Forschung: das Konzept der Spiegelneurone. Nervenzellen, die sowohl dann feuern, wenn etwas beobachtet wird, als auch dann, wenn dasselbe selbst erlebt wird, wurden inzwischen im parietalen und dorsalen prämotorischen Cortex, in der Insula und im mittleren cingulären Cortex, sowie im somatosensorischen Cortex, im superioren Parietalcortex und im mittleren Temporalcortex identifiziert(8), also in deutlich mehr Regionen als man ursprünglich vermutet hatte. Zumindest für die prämotorischen Spiegelneurone konnte nachgewiesen werden, dass sie nicht nur an der Identifizierung der Bewegung beteiligt sind, sondern auch an der Interpretation, also der Konstruktion einer Handlungsabsicht(9). Die Spiegelneurone des Parietal- und des Temporalcortex sind ebenfalls im Zusammenhang mit Handlungen und Handlungsabsichten aktiv. Die Spiegelneurone der Insula und des cingulären Cortex ermöglichen die Nachempfindung emotionaler Zustände, und die des somatosensorischen Cortex lassen Berührungsreize nachempfinden, vom Streicheln bis zum Kneifen. Zur Zeit sieht es so aus, als ob die Erforschung der Spiegelneuronen-Systeme noch lange nicht abgeschlossen ist. Dieses System wurde bereits in Zusammenhang mit der Theory of Mind erwähnt, wo es eine der ausführenden neuronalen Module darstellt. Insofern scheinen alle drei Erklärungsmodelle letztlich auf dasselbe neuronale Netzwerk hinzudeuten, das allerdings sowohl bezüglich seiner Strukturkomponenten als auch bezüglich seiner Funktionsweise bisher nur unvollständig aufgeklärt ist. ​ Unser Gehirn ist also strukturell und funktionell bestens ausgerüstet, dafür zu sorgen, dass wir andere Personen als unseresgleichen wahrnehmen, und das in mehr als nur einer Hinsicht: Wir gehen unbewusst davon aus, dass auch alle andere Personen fühlen und denken, dass sie Ideen und Absichten haben, genau wie wir. Und wir sind in der Lage, diese Gefühle, Gedanken, Ideen und Absichten zu erkennen, nachzuvollziehen und manchmal sogar vorherzusehen. Erst mit Hilfe dieser Fähigkeiten werden sogar komplexe Verhaltensweisen anderer Personen für jeden einzelnen einerseits nachvollziehbar und andererseits vorhersehbar – zwei für die Stabilität einer sozialen Gemeinschaft ungemein wichtige Voraussetzungen. Natürlich stellen sich nicht alle Annahmen nachträglich als korrekt heraus, und die Feststellung, dass man keinem Mensch in den Kopf gucken kann, ist zweifellos grundsätzlich korrekt. Dem Menschen, der seine Gedanken und Gefühle verbergen möchte, der lügen, tarnen, tricksen und betrügen will, dem wird das vermutlich auch größtenteils gelingen. Aber im normalen, alltäglichen Miteinander leistet unser Gehirn enorm viel, um die Stabilität der Gemeinschaft dadurch zu festigen, dass jeder in der Lage ist, den anderen verstehen und mitfühlen zu können – sogar ohne Worte. ​ 3.2. Wir können ein Wir „Soziale Kognition“ ist ein Terminus, mit dem alle Verarbeitungsprozesse sozialer Informationen zusammengefasst werden. Die Idee, die Verarbeitung sozial relevanter Informationen und die Verarbeitung sozial irrelevanter Informationen als funktionell getrennte Mechanismen zu interpretieren, entstand im Laufe der Erforschung des Autismus. Bei diesem und anderen neuropsychologischen Krankheitsbildern wie beispielsweise der Schizophrenie und der Borderline-Persönlichkeitsstörung besteht bei den Betroffenen ein großer Unterschied in dem Vermögen, sozial relevante Informationen und sozial irrelevante Informationen korrekt zu verarbeiten. Das Wort „korrekt“ ist hier gemeint im Sinne von „erwartungsgemäß“. Die meisten Autisten sind in der Lage, sogar komplexe, abstrakte logische Gedankengänge zu entwickeln, können aber nicht mentalisieren und haben keine Theory of Mind. Sie sind nicht in der Lage, andere Menschen als ihresgleichen wahrzunehmen, wohl aber, sich in der unbelebten Welt zurecht zu finden. Autisten sind daher sehr einsame Menschen. ​ Die ersten Wissenschaftler, die sich mit sozialer Kognition im weitesten Sinne auseinandergesetzt haben, waren die Biologen von Uexküll und Lorenz, die in ihren 1921 bzw. 1935 erschienen Publikationen evolutionsbiologische Theorien präsentierten, nach denen jedes Lebewesen in seiner eigener Umwelt lebt und dabei ganz eigene Erfahrungen macht, und dass zur individuellen Umwelt eines Lebewesens auch soziale Systeme zählen. Die wahrgenommene Welt eines jeden Lebewesens enthält daher auch Informationen über das Verhalten anderer Individuen, so dass Wahrgenommenes innerhalb seines sozialen Kontexts interpretiert und adäquat darauf reagiert werden muss. Da das Überleben eines Individuums vom Überleben der Spezies abhängt, ist eine erfolgreiche soziale Interaktion also letztlich eine zwingend notwendige Voraussetzung. Soweit die Argumentationen der beiden Biologen. Um den evolutionsbiologischen Ansatz weiter zu verfolgen, kann man feststellen, dass die wichtigsten sozialen Kognitionsprozesse in Zusammenhang mit der Reproduktion stehen, also die erfolgreiche Kommunikation und Interaktion zwischen zwei potentiellen Geschlechtspartnern und die Interaktion zwischen Kind und Eltern. Und auch in einem weiteren Lebensbereich ist die Fähigkeit zu sozialen Kognitionsprozessen zwingend notwendig, nämlich bei bestimmten Lernprozessen. Immer dann, wenn Kenntnisse und Fähigkeiten von einem Individuum auf ein anderes tradiert werden sollen, müssen beide Interaktionspartner in der Lage sein, Informationen gegenseitig adäquat interpretieren und darauf reagieren zu können. Korrekterweise müsste man die Kausalkette umkehren: Tradiertes Lernen ist grundsätzlich erst dann möglich, wenn die Interaktion zwischen Lehrendem und Lernendem erfolgreich ist. Bezüglich des Lernens und der Traditionen hat der Mensch anderen Spezies gegenüber einen gewaltigen Vorteil: die Sprache. Eine Gruppe von Kognitions- und Evolutionsbiologen hat die Idee einer Koevolution von Sprache und sozialer Kognition entwickelt(10) – eine gut nachvollziehbare und sinnvoll erscheinende Theorie. Die Autorengruppe hat außerdem herausgefunden, dass Menschen offenbar einen automatischen, unbewussten Drang dazu haben, einen unterschiedlichen Wissensstand zwischen sich und ausgewählten anderen Personen ständig auszugleichen. Innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe verbreiten sich somit Neuigkeiten nahezu von selbst. Ein einheitlicher Wissensstand unter den Mitgliedern einer Gruppe wirkt wie ein sehr wirkungsvoller sozialer Kitt. ​ Die Suche nach den Hirnarealen, die für soziale Kognitionsprozesse verantwortlich sind, erweist als ein ebenso schwieriges Unterfangen wie bei der Theory of Mind, denn beide Termini, soziale Kognition und Theory of Mind, sind Oberbegriffe für eine Vielzahl verschiedener Einzelprozesse. Gliedert man den Komplex der sozialen Kognition in einzelne definierte Prozesse, kann man durchaus konkrete Hirngebiete identifizieren; und wiederum vergleichbar mit dem vorher beschriebenen Thema sind auch hier einige Areale an mehreren Prozessen beteiligt(11): An der Wahrnehmung von Gesichtern sind die Amygdala und das fusiforme Gesichtsareal beteiligt. Bei der Wahrnehmung von Stimmen sind der superiore temporale und der inferiore frontale Gyrus aktiviert. Das Teilen von Handlungs-Erfahrungen aktiviert den inferioren Parietallappen und den prämotorischen Cortex. Beim Teilen von Emotionen und Gefühlen sind der dorsale anteriore cinguläre Cortex und die anteriore Insula involviert. Mentalisierungen aktivieren, wie bereits erwähnt, verschiedene Regionen, einschließlich des temporalen Pols, des tempoparietalen Übergangs, des Precuneus und des medialen Präfrontalcortex. Gefühlserfahrungen aktivieren die Amygdala, den anterioren Hippocampus, den anterioren cingulären Cortex sowie die anteriore Insula. An der Emotionsregulation sind unter anderem der dorsolaterale und ventrolaterale Präfrontalcortex und die Amygdala beteiligt. ​ Dass all die genannten sozialen Kognitionsprozesse nicht isoliert voneinander ablaufen, lässt sich bereits an den Hirnarealen ablesen, die an mehreren Einzelprozessen beteiligt sind. So ist beispielsweise die anteriore Insula sowohl beim Teilen als auch beim Erleben von Gefühlen aktiviert und die Amygdala ist in die Gesichtserkennung, die Gefühlserfahrung und die Gefühlsregulation involviert. Betrachtet man das Verteilungsmuster der genannten Areale auf der Cortexoberfläche, bekommt man den Eindruck, dass ein überraschend großer Anteil unseres Großhirns an der Ausführung sozialer Kognitionsprozesse beteiligt ist. Auffällig ist außerdem, wie umfangreich das neuronale Equipment für die verschiedenartigen Verarbeitungswege emotionaler Informationen ist, nämlich für das Teilen und Mitteilen, für das Erleben und das Regulieren von Gefühlen. Die Stabilität sozialer Gemeinschaften ist, gemessen am neurobiologischen Aufwand, offenbar hauptsächlich eine Frage des Gefühls. ​ 3.3. Sozialer Ausschluss macht krank „Es gibt zunehmend Belege dafür, dass soziale Isolation und soziale Separation schwerwiegende Risikofaktoren für medizinische Erkrankungen darstellen, die mit altbekannten traditionellen Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht konkurrieren können. Die starke Wirkung, die Einsamkeit auf die Gesundheit ausübt, wirft die Frage auf, wie soziale Interaktion vor Erkrankungen schützt“(12). Dieses Zitat stammt aus der Publikation zweier der bedeutendsten Sozioneurologen, Insel und Fernald, die in diesem Artikel auch den von ihnen geprägten Begriff „Social Brain“ erstmals veröffentlicht haben. Da sich Isolationsexperimente und andere Untersuchungen zu den Konsequenzen von sozialem Stress aus ethischen Gründen an Menschen nicht durchführen lassen, sind Forscher bei diesem Themenkomplex auf Tierversuche angewiesen. Die meisten derartigen Untersuchungen wurden an Ratten oder Mäusen durchgeführt, so auch eine aktuelle Studie, in der analysiert wurde, wie sich bei Mäusen, die chronischem sozialen Stress ausgesetzt waren, die Komponenten der Stressachse, das Sozialverhalten und auch die Ableserate eines bestimmten Regulationsproteins verändert haben(13). Die Untersuchungen wurden im Zusammenhang mit der Ursachenforschung affektiver Störungen durchgeführt, denn chronischer sozialer Stress ist ein häufiger Risikofaktor für affektive Störungen, also für krankhafte Veränderungen der Stimmungslage wie beispielsweise Depression oder auch Manie. ​ Doch zunächst eine kurze Beschreibung der Stressachse: Stressfaktoren werden vom Cortex und dem limbischen System detektiert, die daraufhin Aktionspotentiale zum Hypothalamus leiten. Dieser schüttet ein Signalpeptid aus, das einerseits den Sympathikus, den Hippocampus und die Amygdala aktiviert und das andererseits in der Hypophyse die Ausschüttung eines speziellen Hormons induziert, das über die Blutbahn die Nebennierenrinde erreicht, aus der dann Cortisol freigesetzt wird. Cortisol wird über den Blutkreislauf im Körper verteilt und sorgt über ein großes Spektrum verschiedener Stoffwechselprozesse letztlich dafür, dass der Organismus deutlich leistungsfähiger wird. Cortisol hemmt jedoch auch über eine Rückkoppelungsschleife die Aktivität des Hypothalamus und der Hypophyse, so dass der Alarmzustand, in den der Organismus versetzt worden ist, langsam wieder zurückgefahren wird. Eine wichtige Rolle bei der Hemmung der Cortisolausschüttung spielt der Glucocorticoidrezeptor, der in nahezu allen Körperzellen vorkommt. Allein ist der Rezeptor handlungsunfähig, aber sobald er Cortisol gebunden hat, ist er in der Lage, in den Zellkern zu wandern und an charakteristische Regulationssequenzen der Gene anzudocken, die die Hormone des Hypothalamus und der Hypophyse codieren. Dadurch blockiert der Rezeptorkomplex das Ablesen der Hormon-Gene, wodurch letztlich die Aktivität der gesamte Stressachse langsam gedrosselt wird. Bleibt der Organismus auf Daueralarm eingestellt, entgleisen mit der Zeit verschiedene Stoffwechselprozesse, es kommt zu Bluthochdruck, Depression, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und vielen anderen sehr unerfreulichen Fehlfunktionen. Der Organismus erkrankt an Körper, Geist und Seele. ​ Bei dem Versuch zu den Folgen von sozialem Stress wurden einzelne Mäuse für 5-10 Minuten in Käfige mit jeweils einer sehr aggressiven Maus gesetzt. Danach kamen die Testmäuse für den restlichen Tag in einen benachbarten Käfig, so dass sie den Aggressor sehen, hören und riechen konnten. Am folgenden Tag wurden sie wieder für 5-10 Minuten in einen anderen Käfig mit einer anderen aggressiven Maus gesetzt und anschließend in den Nachbarkäfig gebracht. Dieses Procedere wiederholte sich 10 Tage lang. Es folgte ein Test zur sozialen Interaktion: Die Testmäuse wurden in einen Käfig mit normalen Mäusen gesetzt, und es wurde die Art und Dauer der sozialen Interaktionen beobachtet. Über die Hälfte der gestressten Mäuse mieden auf einmal den Kontakt zu ihren Artgenossen. Die Produktion des Signalhormons im Hypothalamus und der Serumspiegel des Cortisols war bei ihnen deutlich erhöht, während die Konzentration des Rezeptorproteins deutlich gesunken war. Die verschobenen Konzentrationen konnten auch vier Wochen später noch nachgewiesen werden. Das bedeutet, dass der Organismus der sozial gestressten Mäuse in einem Zustand des Daueralarms war, und dass die Rückkoppelungsschleife zur Drosselung der Stressachse nicht mehr funktionierte. Diese Resultate können ohne Weiteres auf den Menschen übertragen werden. Wird ein Mensch über einen längeren Zeitraum von anderen Menschen dominiert, bricht die Regulation seines Stress-Systems zusammen und er wird krank, und zwar an Körper, Geist und Seele. ​ Darum ist zum Beispiel Mobbing – in all seinen Varianten – eine sehr ernst zu nehmende Bedrohung und sollte entsprechend geahndet werden. Sozialer Stress ganz anderer Art ist der soziale Ausschluss. „Du gehörst nicht zu uns!“ ist in Wort und Tat für den Betroffenen sehr verletzend. Wie Neuropsychologen herausgefunden haben, gibt es tatsächlich große Überschneidungen beim Empfinden von seelischem und von körperlichem Schmerz(14). Probanden sollten sich bei einem Computerspiel mit zwei virtuellen Mitspielern einen Ball zuwerfen, während sie in einem Scanner lagen. Den Freiwilligen wurde vorher erklärt, dass die beiden anderen virtuellen Mitspieler von realen Personen gesteuert würden – was jedoch nicht der Fall war. Im Verlauf des Spiels warfen die beiden virtuellen Mitspieler der Testperson immer seltener den Ball zu, bis sie diese am Ende völlig ignorierten. Wie erwartet berichteten die Probanden anschließend, dass sie sich übergangen gefühlt haben. Die fMRT-Aufnahmen zeigten eine verstärkte Aktivität im dorsalen anterioren Cingulum und in der anterioren Insula. Diese Entdeckung ist insofern überraschend, als eben diese beiden Areale die affektive Schmerzkomponente bilden. Sie sind für das bewusste Erleben von Emotionen entscheidend und sie lassen uns Schmerz als etwas Unangenehmes erleben. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sind übrigens außerordentlich wachsam gegenüber sozialem Ausschluss und reagieren deutlich empfindlicher. Borderline-Patienten zeigten bei diesem Spiel eine wesentlich stärkere Aktivierung des dorsalen anterioren Cingulums als bei Gesunden, und zusätzlich auch einen verstärkt aktiven Präfrontalcortex, der bei Gesunden relativ unauffällig blieb. ​ Neben der affektiven gibt es noch die sensorische Schmerzkomponente, die aus dem primären und sekundären somatosensorischen Cortex und der posterioren Insula bestehen. Die Aktivität dieser Bereiche vermittelt uns Informationen über den Ort und die Art des Schmerzes. Bei besonders tiefem seelischem Leid können sogar diese Regionen aktiviert sein, wie in einer weiteren Studie mit Personen, die kurz vorher von ihrem Lebenspartner verlassen worden waren, belegt werden konnte(15). Besonders qualvolle seelische Verletzungen verarbeitet unser Gehirn also ebenso wie „echten“ Schmerz. Das Gefühl der sozialen Ausgeglichenheit kann durch eine Vielzahl verschiedener Ereignisse gestört, sogar zerstört werden. Verlust, Ausgrenzung, Fremdbestimmtheit und Machtlosigkeit sind nur einige Beispiele, anhand derer nachgewiesen werden konnte, dass sie neuronale Prozesse in Gang setzen, die letztlich dazu führen, dass der Betroffene leidet und sogar ernsthaft erkranken kann. Diese Resultate kann man evolutionsbiologisch als Warnsignale interpretieren: Was dir nicht gut tut, ist falsch für dich! Ob es stark bittere Nahrung oder soziale Ausgrenzung ist, unser Organismus zeigt uns eindeutig: Das ist nichts für dich! Doch die Evolution hat auch andere Signale für uns entwickelt, nämlich solche, die uns zeigen, was richtig für uns ist. ​ 3.4. Sozialer Einschluss macht glücklich So, wie Einsamkeit krank machen kann, kann Gemeinsamkeit heilen. Eine bunte Vielzahl von Studien belegt die heilungsfördernde Wirkung sozialer Zuwendungen; um nur einige wenige zu nennen: Mitgefühl reduziert das Schmerzempfinden(16), sogar schon einfachste Äußerungen des Mitgefühls reduzieren den Schmerz(17), und gezielte Berührungen des Patienten, die als Therapeutic Touch bezeichnet und von manchen Ärzten inzwischen sogar beim Spritze setzen angewendet werden, reduzieren das Schmerzempfinden, reduzieren den Cortisolspiegel und aktivieren das Immunsystem(18). Nicht nur aber ganz besonders in bestimmten afrikanischen Regionen gehört zu den traditionellen Heilungsritualen, dass sich das gesamte Dorf beim Patienten versammelt. Vor diesem Hintergrund bekommen mütterliche Fürsorgerituale wie das Pusten auf das aufgeschlagene Kinderknie oder „Heile, heile Gänschen“ auf einmal eine ganz andere Gewichtung. Einen Erklärungsansatz dafür, welche Prozesse bei derartigen Interaktionen im Gehirn ablaufen, liefert eine Studie, bei der sich Freiwillige einem schmerzhaften Test unterziehen mussten(19): Ihnen wurde, natürlich nach Absprache, eine Salzlösung intramuskulär injiziert, was zu deutlichen Schmerzen führt. Im Gehirn kam es daraufhin zu einem Anstieg endogener Opioide. Die Opioide wiederum induzieren in corticalen und subcorticalen Regionen die Ausschüttung von Neurotransmittern, unter anderem im rostralen anterioren cingulären Cortex, im dorsolateralen Präfrontalcortex, in der Insula und im Nucleus accumbens. Durch die Aktivierung dieses neuronalen Systems schützt sich der Körper letztlich gegen den Schmerz. Einem Teil der Probanden wurde nun mitgeteilt, dass ihnen von einem Arzt ein Schmerzmittel verabreicht werden würde – das aber tatsächlich lediglich ein Placebo war. Die Wirkung dieser Zuwendung war beachtlich: Die Probanden gaben an, dass sich die Schmerzintensität um durchschnittlich fünfzig Prozent reduziert hatte, und gleichzeitig konnte in den Hirnregionen eine entsprechende Zunahme der Opioid-Aktivität verzeichnet werden. Zwischenmenschliche Zuwendung hatte also das körpereigene Opioid-System aktiviert und somit die Schmerzempfindung tatsächlich reduziert. Außer den Opioiden gibt es natürlich noch zahlreiche andere Signalmoleküle im Gehirn. Zwei von ihnen spielen im Kontext sozialer Interaktionen eine ganz besonders wichtige Rolle, nämlich das Dopamin, das im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet wird, sowie das Bindungshormon Oxytozin. Beide zusammen bilden ein kooperierendes, gut aufeinander abgestimmtes System. Dopamin spielt für alle motivierten Handlungen eine Rolle, somit auch für das Eingehen sozialer Bindungen. Wenn es aber darum geht, eine feste Bindung mit einer ausgewählten Person einzugehen, unterstützt Oxytozin die Wirkung des Dopamins, indem es in den Emotionszentren, dem anterioren cingulären Cortex und der Amygdala, an Rezeptoren bindet und dadurch neuronale Signalkaskaden auslöst. ​ Betrachten wir zunächst die sogenannte Dopamin-Achse etwas genauer, die das Kernelement des Motivations- oder auch Belohnungssystems bildet. Seinen Ursprung hat es im ventralen tegmentalen Areal des Mittelhirns. Von dort ziehen Neurone zu verschiedenen Strukturen des Vorderhirns, unter anderem zum Nucleus accumbens, zum ventralen Striatum, zur Amygdala und zum Hippocampus. Ist dieses System aktiviert, löst es ein Gefühl des Wohlbefindens, der Handlungsbereitschaft und des Konzentriertseins aus. Zusätzlich beeinflusst Dopamin auch die muskuläre Bewegungsfähigkeit. Wird im Nucleus accumbens Dopamin ausgeschüttet, werden zusätzlich auch endogene Opioide freigesetzt, die besonders auf den anterioren cingulären Cortex einwirken, einer wichtigen Komponente des Emotionssystems. Die Opioide wirken auch auf den orbitofrontalen, ventromedialen und den insulären Cortex, mit dem Resultat, dass Befriedigung und Lustempfinden zu einem bewussten Gefühl werden. Die Wirkung von Suchtdrogen beruht übrigens darauf, dass sie dieses Belohnungssystem aktivieren. Im Prinzip ist man süchtig nach dem Glücksgefühl, das durch die Substanzen ausgelöst wird. Und genau hier finden wir den Übergang zu unserem Thema. „Is social attachment an addictive disorder?“ lautet der ironische Titel einer von Thomas R. Insel veröffentlichten Studie über die neurophysiologische Wirkung sozialer Bindungen(20). Er entdeckte nämlich viele Gemeinsamkeiten zwischen den Effekten, die Suchtmittel auslösen, und den Effekten, die durch soziale Bindungen hervorgerufen werden. Paarbindungen, mütterliche Bindungen an ihre Jungen und die Bindung der Kinder an ihre Mütter aktivieren die Dopamin-Achse ebenso wie Drogen. Soziale Interaktionen werden demnach von unserem Gehirn mit Glücksgefühlen belohnt! Das System springt sogar bereits dann an, wenn allein die Aussicht auf sozialen Kontakt besteht, oder, wie man bei frisch verliebten Paaren festgestellt hat, wenn man statt des Partners lediglich ein Foto des geliebten Menschen betrachtet(21). ​ Großzügigkeit anderen Menschen gegenüber ist ebenfalls eine Form des zwischenmenschlichen Kontakts. Auch sie wirkt als sozialer Kitt, denn unser Gehirn lässt aus großzügigem Verhalten anderen Menschen gegenüber ein Glücksgefühl entstehen. Was bisher nur in soziopsychologischen Studien und auch nur über persönliche Äußerungen über den Grad des eigenen Glücksgefühls gemessen wurde, wurde kürzlich in einer Studie mittels fMRT überprüft(22). Die Probanden, die in diesem Versuch das vom Versuchsleiter angebotene Geld an andere Menschen gespendet hatten, zeigten ein anderes Hirnaktivitätsmuster als die Teilnehmer, die das angebotene Geld für sich behielten. Besonders auffällig war, dass bei den Großzügigen der tempoparietale Übergang stärker involviert war, der auch beim Mentalisieren und bei der Theory of Mind eine zentrale Rolle spielt. Außerdem war die Verknüpfung zum ventralen Striatum, einer Komponente des Belohnungssystems, deutlich stärker ausgeprägt. Anderen zu helfen macht also tatsächlich glücklich! In welchem Umfang Menschen zur Hilfsbereitschaft in der Lage sind zeigt sich nicht nur nach Spendenaufrufen für Katastrophenopfer, sondern, von Medien häufig völlig unbemerkt, auch in vielen anderen Situationen. Um nur einige Beispiele aufzuführen: Im September 2016 erhielt der damals 89jährige und noch immer arbeitende Eisverkäufer Fidencio Sanchez aus Chicago/USA eine Sammelspende von 250.000 Dollar, weil einer seiner Kunden Mitleid mit dem alten Mann hatte und auf einem Crowd-funding-Portal eine Spendenkampagne für den Eisverkäufer startete. Im Mai 2015 bat die in Oldenburg/D lebende Ehefrau des Schriftstellers Kai-Eric Fitzner auf Facebook um Hilfe, da ihr Mann, mit dem sie drei Kinder hat, nach einem Schlaganfall im Koma liege, und ihre finanziellen Probleme immer größer würden. Nach einem sogenannten Lovestorm im Internet kletterte das Buch ihres Mannes auf Platz 1 der Bestsellerliste, wodurch ihre finanziellen Probleme zunächst gelöst waren. Im Juli 2017 fand in Hamburg/D der G20-Gipfel statt. Auf Grund unangekündigter Straßensperren wurden einige Autofahrer bis zu 8 Stunden festgehalten. Zahlreiche Bewohner der betroffenen Straße versorgten die Wartenden mit Speisen und Getränken, einige gingen dafür sogar extra einkaufen. Und nach dem Gipfel rief die Hamburgerin Rebecca Lurup zu einer Aufräumaktion am Schanzenviertel auf, dem Stadtteil, der durch Krawalle verwüstet worden war. Tausende Hamburger sind dem Aufruf gefolgt, eine Baumarktkette stiftete Utensilien, ein Bäcker spendete Franzbrötchen und weitere Helfer verteilten belegte Brötchen und Kaffee. Und Rettungsaktionen zeigen weltweit, dass und in welchem Umfang die Menschen bereit sind, völlig fremden Menschen zu helfen, ob es verschüttete Bergarbeiter wie 2010 in San José/Chile oder 1963 in Lengede/D sind, oder Erdbebenopfer wie 2016 in Pedernales/Ecuador oder im selben Jahr in der Provinz Rieti/Italien. 3.5. Schlussfolgerung Menschen nehmen sich selbst und andere Menschen wahr als Lebewesen, die mit einem reichen emotionalen und mentalen „Innenleben“ ausgestattet sind. Dadurch, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich in das Innenleben anderer hineinzufühlen und hineinzudenken, sind Menschen in der Lage, einander verstehen zu können. Zahlreiche neuronale Module, die unter anderem alters- und kontextabhängig kombiniert werden, sind an den psychischen Prozessen des Miterlebens beteiligt. Die meisten davon sind emotionsverarbeitende Areale. Ebenso vielfältig sind die Hirnstrukturen, die an sozialen Kognitionsprozessen beteiligt sind, beispielsweise bei der Wahrnehmung von Gesichtern und von Stimmen, beim Teilen von Emotionen, Erfahrungen oder Erlebnissen. Auch hier besteht der Großteil der beteiligten Hirnbereiche aus emotionsverarbeitenden Arealen. Gemeinschaft ist daher weniger ein rationales, sondern vielmehr ein stark emotionales Phänomen. Aus neuropsychologischer Sicht sind wir jedoch nicht nur bestens dafür ausgestattet, ein Gemeinschaftsleben führen zu können, sondern wir sind auch so konzipiert, dass wir es dringen brauchen. ​ Fremdbestimmtheit, Ausgrenzung und Ignorieren lassen die Betroffenen an Körper, Geist und Seele erkranken. Umgekehrt macht jede Form sozialer Zuwendung, zum Beispiel in Form von Mitleid, von Großzügigkeit oder Hilfsbereitschaft, beide Seiten gesund, glücklich und zufrieden. Zuwendung hilft Erkrankten, Altruismus macht die Spender glücklich, und dies sogar nachweislich auf neuronaler Ebene. In Bezug auf das soziale Miteinander können wir was wir brauchen, und wir brauchen was wir können. Was sich wie ein logischer Fehlschluss anhört, ist in Wirklichkeit eine evolutionsbiologisch entstandene doppelte Absicherung der Gruppenstabilität. 3.6. Wissenschaft und Praxis ​Wissenschaft Die Kooperation zahlreicher neuronaler Module ermöglicht es, sich in andere Menschen hineinzudenken und hineinzufühlen. Somit kann man unter anderem das aktuelle Befinden und die Handlungsabsichten eines anderen Menschen erkennen und verstehen. ​ Praxis Dieses komplexe neuronale System ist auf multimodale Wahrnehmungen ausgelegt, also auf den Input möglichst vieler Sinnesorgane. Was für das Gesichts-Verarbeitungssystem gilt, gilt für das deutlich umfangreichere soziale System in ganz besonderem Maße: Je weniger Sinneswahrnehmungen an der Generierung von Informationen, die in dieses System einfließen, beteiligt sind, desto fehlerhafter werden die Resultate. Also, je weniger ich von einem Menschen mitbekomme, desto weniger kann ich seine Ansichten, Stimmungen, Meinungen und Absichten verstehen. Je indirekter ein Kontakt ist, desto weniger Informationen erhält das neuronale Sozialsystem und desto fehlerhafter wird seine Interpretation. Wenn es also darum geht, einen anderen Menschen in seiner Gesamtheit verstehen zu wollen, sind direkte Kontakte allen anderen Formen, vor allem den rein schriftlichen, vorzuziehen. Außerdem setzt das zielsichere Verstehen eines anderen Menschen natürlich auch ein umfassendes Erfahrungsspektrum des Beobachters voraus. Damit ich denken und fühlen kann, was du denkst und fühlst, brauche ich natürlich ein möglichst großes Repertoire an eigenen Erlebnissen. Ich kann nicht nachempfinden, was ich nicht kenne. Auch wenn die Hardware unseres Gehirns bestens dafür präpariert ist, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, so kann dieses System ohne eigenes Dazutun nicht funktionieren. Das ist so ähnlich, als ob man mit einem großartigen Kochbuch in der Hand vor einem leeren Kühlschrank stünde. Vielfältige und direkte Beziehungen zu anderen Menschen füllen den soziopsychologischen Kühlschrank auf – im Gegensatz zu chatten und twittern. Wissenschaft Sozialer Ausschluss macht die Betroffenen krank. Die Intensität des empfundenen sozialen Stresses korreliert sehr stark mit der Schwere der Erkrankungen, die sich auf Körper, Geist und Seele erstrecken können. Umgekehrt unterstützt soziale Zuwendung das Wohlbefinden dessen, dem man sein Mitgefühl schenkt, und bei dem Helfenden erzeugt das Belohnungssystem ein Glücksgefühl. ​ Praxis Das Thema des sozialen Ein- und Ausschlusses ist für alle Berufstätigen mit Personalverantwortung von besonders großer Bedeutung, da einerseits die Anzahl der Fehler, die Vorgesetzte im Umgang mit ihren Mitarbeitern machen können, sehr groß ist, und da andererseits die Auswirkungen dieser Fehler bei den Mitarbeitern sehr vielfältig sind. „Wertschätzung der Mitarbeiter“ ist ein Slogan, der häufig gesagt, aber nur sehr selten konsequent umgesetzt wird. Bei den Mitarbeitern kann das Gefühl des sozialen Ausschlusses auf Grund verschiedener Verhaltensfehler der Vorgesetzten entstehen. Eine kleine Auswahl: Firmenentscheidungen wie zum Beispiel Strategieänderungen werden verkündet, nicht erklärt. Personalgespräche sind häufig Monologe, keine Dialoge. Über Emails steht lediglich FYI (for your information). Es wird häufiger darüber gesprochen, was ein Mitarbeiter in Zukunft zu tun hat, selten über das, was er oder sie bereits geleistet hat. Mitarbeiter bekommen nur selten die Möglichkeit, ihre Ansichten, Meinungen, Vorstellungen und Erfahrungen mitzuteilen. Bekommen Mitarbeiter die Gelegenheit, ihre Meinungen zu äußern, werden diese anschließend weitgehend oder gar vollständig ignoriert. Auf Grund solcher Fehler kann kein Wir-Gefühl entstehen – Mitarbeiter fühlen sich nicht als Teil des Unternehmens, sie fühlen sich ausgeschlossen, missverstanden, unter Druck gesetzt, vielleicht sogar ausgenutzt. Das Spektrum der Konsequenzen erstreckt sich von Lustlosigkeit bis zur Depression. Dabei reicht es völlig aus, wenn sich Vorgesetzte den Mitarbeitern gegenüber respektvoll verhalten, damit aus dem empfundenen Ausschluss ein Einschluss wird. Statt lustlos oder gar krank zu werden steigt bei den Mitarbeitern die Leistungsbereitschaft. Denn Respekt vermittelt das Gefühl, ernst genommen zu werden, und diesen Wunsch hat jeder. Sozialer Ausschluss in einer sehr primitiven Ausführung findet nicht zwischen, sondern meist innerhalb einer Hierarchieebene statt: Mobbing. Diese wirklich hinterhältige und feige Form der Ausgrenzung kann beim Opfer ernsthafte gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Hier ist jeder in der Pflicht, ein offenes Ohr und ein offenes Auge zu haben, um gegebenenfalls eingreifen zu können. Die Kooperationsbereitschaft und der Zusammenhalt der Mitarbeiter einer Abteilung können von Firma zu Firma, von Abteilung zu Abteilung sehr unterschiedlich sein. Natürlich gibt es einige Berufsgruppen, wie beispielweise bei Außendienstlern, bei denen trotz aller Bemühungen ein echter Zusammenhalt nur sehr schwer möglich ist. Und es gibt auch Vorgesetzte, die aus strategischen Gründen einen solchen Zusammenhalt unterminieren wollen, da eine zusammenhaltende Gruppe gegenüber einem Einzelnen durchaus ein gewisses Machtpotential hat. Die Leistungsbereitschaft und das Leistungsniveau einer Abteilung, in der sich die Mitarbeiter gegenseitig vertrauen und unterstützen, ist um ein Vielfaches höher als die Leistungen vergleichbarer Abteilungen, die aus Einzelkämpfern bestehen. Firmenstrukturen sollten daher innerbetriebliche Kooperationen fördern, Vorgesetzte sollten daher Aufgaben als Gruppenaufgaben formulieren, und Büros und Flure sollten entsprechend konzipiert sein. Ein heikles Thema darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Körperkontakt. Vertrauensvolle Gesten wie das Berühren des Oberarms oder des Rückens wirken angenehm, beruhigend und gehören zu unserem normalen gestischen Repertoire. Was ein Arzt als Therapeutic Touch einsetzen kann, kann im Firmenalltag sehr schnell in den Kontext der sexuellen Belästigung gesetzt werden. Körperliche Berührungen sind zwar bei allen Primaten Teil der sozialen Kommunikation, aber die menschliche Kulturentwicklung – oder das, was man für eine solche hält – treibt manchmal seltsame Blüten. ​ 4. Der Mensch ist programmiert auf Fairness ​ Der Begriff Moral bezeichnet das Sortiment kulturell etablierter und tradierter Handlungskonventionen, also eine Regelwerk, das festlegt, wie sich ein Jeder verhalten sollte. Die Details eines solchen Regelwerks sind natürlich abhängig von der jeweiligen Kultur, der vorherrschenden Glaubensrichtung und von der aktuellen Zeitepoche. Historische und kulturvergleichende Gesetzestexte sowie ein Vergleich der Moralvorstellungen und Regelwerke der verschiedenen Religionen zeigen sehr deutlich, dass es eine große Schnittmenge von Verhaltensweisen gibt, die alle Menschen zu allen Zeiten für wünschens- und erstrebenswert halten, und umgekehrt existieren bestimmte Verhaltensweisen, die überall und zu allen Zeiten geächtet werden. Es spricht daher vieles dafür, dass die Spezies Homo sapiens mit einer angeborenen moralischen Grundausstattung versehen ist. Aber „Es wird noch viel Forschungsarbeit nötig sein, bis man menschliche moralische Eigenschaften richtig in überwiegend angeborene und vornehmlich nach der Geburt erworbene einteilen kann“, äußerte sich Ernst Mayr, einer der berühmtesten Evolutionsbiologen, 1998 in einem Interview. Und die neurobiologische Forschung hilft mit, die dafür notwendigen Entscheidungskriterien zu identifizieren. ​ Grundsätzlich haben alle Untersuchungen zum pro- oder antisozialen Verhalten des Menschen mit immer den gleichen Problemen zu kämpfen: Das eine Problem ist die konstruierte Laborsituation, also die Szenen oder Aufgaben, mit denen die Probanden konfrontiert werden, denn diese haben mit der normalen Lebenswirklichkeit kaum etwas gemeinsam. Und das zweite Problem betrifft die Interpretation, denn sehr verschiedene Motivationen können zum selben Handlungs- bzw. Entscheidungsresultat führen. Die Frage, warum sich eine Person so und nicht anders verhalten hat, ist daher kaum eindeutig zu beantworten. Auf Grund dieser Probleme sind auch viele Forschungsresultate zur Moral oder zum prosozialen Verhalten teilweise widersprüchlich. Dennoch sollen im Folgenden einige Arbeiten vorgestellt werden. ​ 4.1. Die Bevorzugung der Kooperation Eine aufgrund ihrer widersprüchlichen Resultate immer wieder gestellte Frage ist, ob der Mensch grundsätzlich spontan prosozial und kalkuliert egoistisch ist, oder anders formuliert: Ist das prosoziale Verhalten des Menschen Resultat von Intuition oder von Reflektion? Frühere soziologische Untersuchungen mündeten in der Social Heuristics Hypothese, nach der Kooperation das Resultat intuitiver Entscheidungen und Egoismus das Ergebnis rationaler Entscheidungen ist. Diese Hypothese wurde inzwischen von einer Gruppe von Verhaltenswissenschaftlern widerlegt, die in einer Studie spanische und US-amerikanische Studenten miteinander verglichen haben (23). Sie haben zunächst aufgrund eines standardisierten Tests die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, nämlich in die eher intuitiv entscheidenden und in die eher rational entscheidenden Menschen. Wie so häufig ging es auch hier um ein Geldverteilungsspiel. Die Tests erbrachten erstens, dass die eher rationalen Probanden nicht, wie nach der Social Heuristics Hypothese zu erwarten war, zum Egoismus, sondern durchweg zu einem mäßigen Altruismus neigen, der offenbar auf der Kombination zweier Motivationen zurückzuführen sei, nämlich Neid und Mitleid, und zweitens, dass die egoistischen Entscheidungen eher spontan getroffen werden, so die Forscher. Inzwischen liegen zahlreiche weitere Studien vor, die dieses Ergebnis bestätigen. Dass sich die Social Heuristics Hypothese so lange halten konnte ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Forscher nur Menschen sind, die, wie alle anderen auch, dazu neigen, Informationen, die nicht zum vorgefassten Weltbild passen, einfach auszublenden. Das Ignorieren unerwünschter Informationen ist ein angeborener neuropsychologischer Kognitionsmechanismus menschlicher Gehirne, und die funktionieren bei Forschern nicht anders als bei uns. ​ Das nach den Autoren benannte Fehr-Schmidt-Modell, das sich ebenfalls mit dem Gegensatzpaar Egoismus-Altruismus beschäftigt, bezieht ein soziales Kollektiv und deren Reaktion mit in die Rechnung ein(24): Wird selbstsüchtiges Verhalten von der Mehrheit geächtet, ist es den Egoisten innerhalb dieser Gruppe nicht möglich, den Zusammenhalt der Mehrheit zu zerstören. Entscheidend ist, dass das Verhalten anderer beurteilt wird, und dass die Egoisten Konsequenzen zu spüren bekommen. Es liegt also letztlich in der Verantwortung der Mehrheit, zu entscheiden wie sie leben möchte. ​ Denken wir über den inneren Zustand eines anderen Menschen nach, kann man den Aktivitätsmustern unserer Gehirne ablesen, ob wir uns gerade über einen kooperativen Menschen Gedanken machen, oder über jemanden, mit dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben(25). In einer Spielsituation hatten die Probanden zunächst entweder gute oder schlechte Erfahrungen mit verschiedenen anderen Spielteilnehmern gemacht, die sich entweder sehr kooperativ oder aber sehr egoistisch verhielten. Anschließend wurden den Probanden, im fMRT liegend, Gesichter gezeigt, zum Teil die bereits bekannten, mit denen sie vorher gespielt und unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten, zum Teil aber auch völlig unbekannte Gesichter, die als Kontrolle für die zu messenden Effekte eingeblendet wurden. Im Anschluss an das Foto wurde den Probanden ein Text gezeigt, der eine angenehme oder eine unangenehme Situation beschrieb. Die Versuchsteilnehmer sollten sich nun den Menschen, dessen Bild sie kurz zuvor gesehen hatten, in dieser soeben beschriebenen Situation vorstellen. Die Resultate der Messungen waren erstaunlich, denn ob sich die Testteilnehmer gerade Gedanken über einen Mitspieler machten, mit dem sie zuvor positive Erfahrungen gemacht hatten oder über einen Mitspieler, mit dem sie zuvor schlechte Erfahrungen gemacht hatten, konnte man sehr deutlich an unterschiedlichen Aktivitätsmustern der Gehirne erkennen. Um nur einige der zahlreichen Unterschiede zu benennen: Sollten sich die Probanden einen vorher kooperierenden Mitspieler in einer unangenehmen Situation vorstellen, stieg die Aktivität im superioren Frontalgyrus, der an der Verarbeitung dynamischer kontextueller Informationen beteiligt ist. Versetzten sich die Probanden jedoch in einen nicht-kooperierenden Mitspieler, war der mittlere Temporalgyrus aktiviert, der in die semantische Informationsverarbeitung involviert ist. Bei Kooperativen wird in Zusammenhängen, beim Nicht-Kooperierenden in Bedeutungen nachgedacht. Grundsätzlich ist beim Hineinfühlen in Kooperationspartner ein Netzwerk des Cerebellums aktiviert, das in abstrakte soziale Kognitionsprozesse involviert ist, wenn man beispielsweise über die Planungsausführung potentieller Kooperationsmöglichkeiten nachdenkt. Ist der Kontext positiv, werden beim Nachdenken über kooperative Spielpartner verstärkt autobiographische Gedächtnisinhalte rekrutiert. Insgesamt ist unser Gehirn in der Lage, während des Nachdenkens über die geistigen Zustände anderer Personen verschiedene Erfahrungsinformationen miteinbeziehen zu können. Beim Nachdenken über kooperierende Mitspieler wird eher in einer Wir-Kategorie gedacht, die letztlich die gegenseitige Kooperation festigt. Beim Nachdenken über einen nicht-kooperierenden Menschen wird eher eine Ich-und-Du-Kategorie zugrunde gelegt, also eine Art innerer Trennung. Außerdem gaben alle Testpersonen an, mehr Sympathien für die Kooperativen gehabt zu haben als für die Nicht-Kooperativen. ​ 4.2. Gerechtigkeit im Gehirn Es gibt eine Vielzahl an Studien, die belegen, dass Menschen bereit sind, materielle Ungleichheiten untereinander selbst dann auszugleichen, wenn sie diesen Ausgleich aus eigener Tasche bezahlen müssen. Die Interpretation dieser Erkenntnis ist jedoch schwierig, denn ein solches Verhalten könnte man durch das soziale Image oder durch Reziprozität begründen, also durch das hohe soziale Ansehen, das man auf Grund seiner Spendenfreudigkeit erlangt, oder durch die Annahme, dass alles Gute, das ich anderen Menschen angedeihen lasse, auch mir irgendwann zugute kommt. Man könnte ein solches Verhalten aber auch auf eine allgemeine Aversion gegen Ungleichheit, gegen Ungleichverteilung, letztlich gegen Ungerechtigkeit zurückführen. Um einen Hinweis für derart altruistisches Verhalten zu finden, ist ein Blick in unser Gehirn sehr hilfreich. Bei ökonomischen Entscheidungsfindungen sind sowohl kognitive als auch emotionale Prozesse beteiligt. Welche Hirnareale in welchem Umfang dabei eine Rolle spielen, konnte mittels fMRT-Untersuchungen an Probanden während eines Geldverteilungsspiels festgestellt werden(26). Zwei Spieler teilen eine bestimmte Geldsumme untereinander auf, indem einer der Spieler einen Vorschlag macht, und der andere diesen entweder annehmen oder ablehnen kann. Bei unfairen Vorschlägen werden Areale aktiv, die, wie die anteriore Insula, an Emotionen beteiligt sind, als auch Areale, die an kognitiven Prozessen beteiligt sind, wie zum Beispiel der dorsolaterale Präfrontalcortex. Dass während der Ablehnung unfairer Angebote die Aktivität der anterioren Insula deutlich zunimmt, ist ein wichtiger Hinweis dafür, dass bei derartigen Entscheidungsfindungen Emotionen eine überraschend große Rolle spielen. Der Volksmund spricht ja auch von einem Gerechtigkeitsgefühl und nicht von einem Gerechtigkeitsverstand. ​ Vor wenigen Jahren lieferte eine Arbeitsgruppe den ersten Beweis dafür, dass unsere Abneigung gegen Ungleichverteilungen nicht auf sozialen Konventionen beruht, sondern auf den durch die Hardware des Gehirns festgelegten Verrechnungsprozessen(27). Die Forscher konzentrierten sich auf die Aktivitäten des ventralen Striatums und des ventromedialen Präfrontalcortex, zwei Areale, die an Entscheidungsfindungen und an Belohnungsbewertungen beteiligt sind. Der Versuchsaufbau war recht einfach: Die Probanden wurden in Zweierpaare eingeteilt. Beide erhielten vom Versuchsleiter ein Startkapital von je 30 $. In einem Hut lagen zwei Kugeln, eine beschriftet mit „reich“, die andere mit „arm“. Derjenige, der die „reich“-Kugel aus dem Hut zog, erhielt zusätzlich 50 $, der andere ging leer aus. Dann wurde ihnen erklärt, dass der Versuchsleiter noch zusätzliches Geld zu verteilen hätte, und dass sie gleich im fMRT auf einem Bildschirm sehen würden, wer wieviel bekommen sollte. Nachdem die Teilnehmer den Vorschlag gelesen hatten, sollten sie auf einer Skala angeben, wie attraktiv sie diesen Vorschlag fanden, von -5, sehr unattraktiv, bis +5, sehr attraktiv. Gleichzeitig wurde in den genannten Hirnarealen die Aktivität gemessen. Dabei stellte sich heraus, dass jeder Teilnehmer immer positiv darauf reagierte, wenn er selbst Zahlungen erhielt, und die ärmeren Teilnehmer bewerteten zusätzliche Zahlungen an die reicheren Mitspieler immer als sehr schlecht. Diese Ergebnisse waren zu erwarten. Aber, und nun wird es interessant, jeder, der mehr Geld hatte als sein Kollege, bewertete Zahlungen an seinen ärmeren Mitspieler immer als deutlich besser als zusätzliche Zahlungen an ihn selbst. Dabei korrelierte der Grad der neuronalen Aktivitäten sehr deutlich mit der Größe der Zahlungsdifferenzen. Unser Gehirn, speziell das Belohnungssystem, ist also offenbar nicht auf reinen Egoismus programmiert, sondern auf die Minimierung von Ungleichverteilungen, wobei es sogar kleine Unterschiede sehr genau detektieren kann. Unser Gehirn interpretiert es als Belohnung, wenn Ungleichheiten ausgeglichen werden, sogar dann, wenn man selbst keinen Gewinn für sich verbuchen kann. Soziales Gerechtigkeitsempfinden ist demnach eher neuronal als soziokulturell verankert. ​ 4.3. Ehrlichkeit und Moral im Gehirn Eigennützige Unehrlichkeit wird von den meisten Menschen als moralisch falsch, sogar als verwerflich gewertet und die meisten fühlen sich unwohl, wenn sie sich wissentlich unehrlich verhalten – allerdings nur dann, wenn sie grundsätzlich selten lügen. Aus dem Bereich der Psychologie gibt es schon länger die Theorie, dass das Lügen immer leichter fällt, je häufiger man lügt, und dass kleinere Unehrlichkeiten mit der Zeit zu großen Unehrlichkeiten führen können. Diese Theorie fügt sich in die neurophysiologische Erkenntnis, dass die Reaktion auf einen gefühlsauslösenden Reiz mit der Anzahl der Reizwiederholungen deutlich schwächer wird. Britische Psychologen konnten nun nachweisen, wie das neurobiologische Korrelat der zunehmenden Unehrlichkeit aussieht, also, welche neurobiologischen Prozesse den immer größer werdenden Lügen zugrunde liegen (28). Das zentrale Hirnareal bei diesem Entwicklungsprozess ist die Amygdala, die eine Schlüsselrolle bei der Weiterleitung, Verarbeitung und Bewertung von Emotionen und Erregung einnimmt. Während eines Geldspiels hatte man an Probanden erkannt hat, dass die Aktivität der Amygdala mit dem Grad der Abneigung gegen unmoralische Verhaltensweisen zunimmt, und umgekehrt, dass ihre Aktivität abnimmt, wenn der Grad der moralischen Bedenken sinkt. Man hatte hier also tatsächlich das neurobiologische Korrelat für eine moralische Bewertung gefunden. Je häufiger die Probanden im Verlauf des Spiels gelogen hatten, desto geringer fiel die Aktivität der Amygdala aus. Wie die Autoren jedoch auch anmerkten, findet eine solche psychische und neurobiologische Eskalation nur dann statt, wenn die Betroffenen keine soziale Rückmeldung erhalten. Wenn Betrug nicht geächtet oder nicht bestraft wird, dann kann er von Mal zu Mal größer werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung können auch aus einem anderen Blickwinkel interpretiert werden: Die Arbeitsweise der Amygdala stellt ein Sicherheitssystem dar, denn, wie gezeigt wurde, sinkt ihre Aktivität und somit auch die moralischen Bedenken, nicht spontan und schnell, sondern nur langsam, nur von Betrug zu Betrug. Man muss also mehrmals ein kleines A.... gewesen sein, bis man ein großes werden kann. Somit erhält eine soziale Gemeinschaft ausreichend Zeit und Möglichkeiten, intervenierend in diesen unerfreulichen Entwicklungsprozess eingreifen zu können. Lügt man, um jemand anderem zu helfen, fällt die moralische Bewertung anders aus. Auch für diesen psychischen Prozess konnte ein neuronales Korrelat identifiziert werden (29). In einem Geldverteilungsspiel konnten Freiwillige Geld an sich selbst oder für einen karitativen Zweck vergeben. Während des Verteilungsprozesses konnten sowohl der Versuchsleiter als auch die Versuchsteilnehmer manipulierend eingreifen. Die Forscher stellten fest, dass die Probanden häufiger für karitative Spenden logen als für die Selbstspenden. Und wenn sie zum Nutzen anderer logen, sank das Aktivitätsniveau der anterioren Insula, und zwar in derselben Größenordnung wie der Umfang der Lüge. Dieses Areal ist an empathischen Fähigkeiten und Gefühlsempfindungen beteiligt, und scheint nach den Ergebnissen dieser Studie auch eine Art Drehkreuz für bestimmte Modulationseffekte zu sein. ​ An das Problem der moralischen Urteilsfindung gingen auch zwei US amerikanische Kognitionspsychologen heran, allerdings mit einer etwas anderen Fragestellung (30). Sie gingen von der Hypothese aus, dass moralische Urteile durch die Integration automatischer und kontrollierter Komponenten entstehen, konkreter: durch die Kombination emotionaler Reaktionen und Nützlichkeitsbewertungen. Das für die Integration verantwortliche neuronale Äquivalent war bis zum Zeitpunkt der Untersuchungen nicht eindeutig identifiziert. Die Probanden lagen in einem fMRT, während sie eine typische Dilemma-Geschichte lasen. Die Probanden sollten sich daraufhin für eine mögliche Lösung entscheiden. Dafür erschienen auf dem Bildschirm nacheinander drei verschiedene Fragen. Die erste erforderte eine Nützlichkeitsbewertung, die zweite eine emotionale Bewertung und die dritte ein moralisches Gesamturteil. Die Forscher konnten ihre Hypothese bestätigen, denn sie stellten fest, dass die Probanden tatsächlich sowohl die Nützlichkeitsbewertung als auch die emotionale Bewertung in ein moralisches Gesamturteil integrierten. Während des Integrationsprozesses, also während der Beantwortung der letzten Frage, war der ventromediale Präfrontalcortex wesentlich stärker aktiviert als während der Einzelbewertungen. Die Amygdala-Aktivität war immer dann besonders groß, wenn die Nützlichkeitsabwägung als besonders unmoralisch empfunden wurde. Die stärkste Koppelung zwischen Amygdala und ventromedialem Präfrontalcortex bestand, wenn die Probanden reine emotionale Bewertungen durchführen sollten, und die geringste Aktivitäts-Koppelung bestand immer dann, wenn die Probanden aufgefordert wurden, reine Nützlichkeitsbewertungen zu erstellen. Insgesamt konnten die Kognitionspsychologen einerseits ihr Integrationsmodell zur moralischen Urteilsfindung bestätigen, und sie konnten andererseits den ventromedialen Präfrontalcortex als die neuronale Integrationsstelle identifizieren. Bei Psychopathen übrigens gelingt diese Integration offenbar nicht, so der Psychologe und Bestseller-Autor Kevin Dutton (31). Denn für die Entscheidung eines moralischen Gesamturteils spielt bei Psychopathen die emotionale Bewertungskomponente so gut wie gar keine Rolle. ​ 4.4. Schlussfolgerung Kooperation, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Moral sind Komponenten dessen, was man als Fairness bezeichnet. Für alle vier Verhaltensaspekte konnten konkrete Aktivitätsmuster im Gehirn ausfindig gemacht werden. Der Mensch ist neuropsychologisch auf Fairness programmiert, denn: Menschen ziehen die Kooperation dem Egoismus vor, bei sich selbst und auch bei anderen. Entgegen etablierter Theorien fällt der Mensch auch nach rationalen Überlegungen nicht automatisch egoistische, sondern sogar moderat altruistische Entscheidungen. Das soziale Gerechtigkeitsempfinden ist offenbar eher neuronal als kulturell verankert, denn unser Gehirn belohnt, wenn wir materielle Ungleichgewichte dadurch ausgleichen, dass wir etwas abgeben. Unser Gehirn erschwert den großen Betrug, denn die moralischen Bedenken schwinden erst nach mehreren kleineren Vergehen, und das auch nur, wenn keine sozialen Konsequenzen folgen. Zum Nutzen anderer zu betrügen fällt jedoch moralisch und auch neurologisch in eine andere Kategorie. Grundsätzlich basieren moralische Urteile auf einem Integrationsprozess, bei dem automatische, emotionale Reaktionen zusammen mit rationalen Nützlichkeitsbewertungen verrechnet werden. Wie bereits bei den beiden vorhergehenden Themenzusammenhängen stehen auch bei der Fairness die emotionsverarbeitenden Hirnareale im Mittelpunkt. ​ 4.5. Wissenschaft und Praxis Wissenschaft Menschen fühlen sich besser, wenn sie sich kooperativ verhalten, als wenn sie sich selbstsüchtig verhalten, und sie ziehen ebensolche Menschen den egoistischen vor. ​ Praxis Das Thema Kooperation hat zwei Seiten: Die eine betrifft die Marktsituation, die andere die innerbetriebliche Situation. Ebenso wie man sagen kann, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, könnte man behaupten, dass Egoismus das Geschäft zerstört. Menschen suchen vertrauenswürdige Kooperationspartner, keine selbstsüchtigen Schlitzohren. Mit letzteren macht man höchstens einmal ein Geschäft, mit ersteren jedoch so oft es geht. Und Mitbewerber haben es untereinander viel leichter, wenn sie versuchen, den Markt unter sich aufzuteilen, statt sich gegenseitig klein zu kriegen. Kooperation ist nämlich ein wesentlich stabileres Geschäftsmodell als rücksichtslose Konkurrenz. Da sich die Entscheidungen der Vorstände aber hauptsächlich nach den Umsatzzahlen und Gewinnprognosen richten, bleibt dieses Konzept in den meisten Fällen nur eine Wunschvorstellung. Das Thema der innerbetrieblichen Kooperation tauchte bereits im Kontext der sozialen Eingebundenheit auf. Hier kommt nun ein weiterer Aspekt hinzu: Menschen kooperieren grundsätzlich gerne mit anderen kooperationsbereiten Menschen. Kooperationsbereitschaft erweist sich somit als sozialer Kitt und sie erhöht außerdem das Leistungsniveau der Gruppe. Lässt man Menschen das tun, was sie grundsätzlich gerne tun, verbessert sich mit der Laune der Mitarbeiter auch das Arbeitsklima der gesamten Abteilung. Im Sinne der Unternehmensführung sollte aber darauf geachtet werden, dass zusammen gearbeitet und nicht nur zusammen gequatscht wird. Der Austausch selbst von unwichtigen Neuigkeiten gehört nämlich auch zu den Bedürfnissen der meisten Menschen und ist ebenfalls ein gruppenstabilisierendes Verhalten. Wissenschaft Das Gerechtigkeitsempfinden ist bezüglich materieller Ungleichverteilungen besonders sensibel, und die emotionale Komponente spielt dabei eine herausragende Rolle. Die Abneigung gegen Ungleichverteilungen basiert auf der Aktivität neuronaler Netzwerke, und diese belohnen sogar einen materiellen Verlust, wenn dadurch ein Ausgleich herbeigeführt werden kann. ​ Praxis In diesem Zusammenhang drängen sich die Begriffe Löhne, Gehälter und Sonderzahlungen nahezu von selbst auf. Viele Firmen haben eine Verschwiegenheitsklausel in ihren Verträgen, die den Mitarbeitern untersagt, über ihr Einkommen zu sprechen, da die Geschäfts- und Personalführung davon ausgeht, durch dieses Verbot Neid und Missgunst unter den Mitarbeitern verhindern zu können. Prinzipiell ist dies ein durchaus praktikables Verfahren, aber es ignoriert die andere Seite der Medaille. Der Gerechtigkeitssinn eines Menschen fordert eben nicht nur, dass man mindestens ebenso viel bekommen soll wie der Kollege, sondern auch, dass der Kollege nicht weniger, jedenfalls nicht deutlich weniger, bekommen soll als man selbst. Menschen sind eben nicht so egoistisch veranlagt, wie man ihnen häufig unterstellt. Daher könnte es sich durchaus lohnen, über die Sinnhaftigkeit der Verschwiegenheitsklausel noch einmal nachzudenken. ​ Wissenschaft Moralische Urteile sind das Resultat einer Verrechnung emotionaler und rationaler Komponenten. Die moralische Hemmschwelle, besonders der emotionale Anteil der Hürde, sinkt, wenn über einen längeren Zeitraum Unehrlichkeiten nicht geahndet werden. Menschen bewerten Unehrlichkeiten, die zum Wohle anderer begangen werden, als moralisch weniger schlecht, als wenn ein Mensch zu seinem eigenen Vorteil betrügt. ​ Praxis Moral ist in Bezug zu wirtschaftlichen Themen ein sehr heißes Eisen. Einerseits erfährt man über die Medien regelmäßig von Betrügereien in großem Stil, andererseits hat aber auch jeder das Vorurteil, dass bestimmte Menschen ihren wirtschaftlichen Erfolg ganz bestimmt nicht ihrer großen Ehrlichkeit zu verdanken haben. Da jeder Mensch einen sensiblen neuronalen Moral-Sensor in sich trägt, erscheint es als besonders wichtig, sich mit den verschiedenen Auswirkungen auseinanderzusetzen. ​ Bezüglich unmoralischen Verhaltens gibt es drei Hauptszenarien: Ich selbst betrüge, und zwar aus eigenem Antrieb; oder ich erfahre, dass jemand anderes betrügt; oder mein Vorgesetzter motiviert mich und andere zum Betrug. In allen drei Fällen muss prinzipiell jeder für sich selbst entscheiden, wo seine Grenzen zur Unmoral liegen; aber darüber muss man auch erst einmal gründlich nachdenken. Moral ist immer auch eine Frage der Eigenverantwortung! Ein sehr entscheidender Aspekt ist die Ahndung unehrlichen Verhaltens. Bleibt diese aus, werden die Verfehlungen und somit auch der verursachten Schäden immer größer – und zwar ganz automatisch. Doch es ist häufig sehr schwierig, sich richtig zu verhalten, wenn man einen Betrug oder eine Schummelei entdeckt. Einerseits möchte man nicht als Petze, Verräter oder Nestbeschmutzer in Verruf geraten, andererseits kann und sollte man aber auch nicht einfach wegsehen. Wie soll man sich also verhalten? Reden, und zwar zunächst nur mit dem Betroffenen selbst! An seiner Reaktion erkennt man in aller Regel sehr schnell, ob dies nur ein einmaliger oder ob es ein routinierter Fehltritt war. Hat man den Eindruck, dass diese Person bereits häufiger betrogen hat, müssen andere mit ins Boot geholt werden, denn Moral kann nur innerhalb einer Gruppe gelebt und verteidigt werden. Das erfordert Mut, aber ohne Mut gibt es irgendwann gar keine Moral mehr! Das dritte Hauptszenario ist besonders heikel: Ein Vorgesetzter toleriert wissentlich die Betrügereien seiner Mitarbeiter, oder, noch schlimmer, er ermutigt sie sogar zum Betrug. Die Motivation zu derartigem Verhalten findet man in den meisten Fällen in den Karriereplänen des Vorgesetzten und in dem geschäftlichen Erfolg seiner Abteilung. Da man davon ausgehen kann, dass die meisten Kollegen mit einem ähnlich sensibel eingestellten neuronalen Moral-Sensor ausgestattet sind, könnten sich – abhängig von der Stärke des Gruppenzusammenhalts – alle Mitarbeiter zusammenschließen und den Vorgesetzten zur Rede stellen. Die Macht einer Gruppe gegenüber einem Einzelnen wird immer wieder unterschätzt! Aber auch das erfordert viel Mut, vor allem bei demjenigen, der einen solchen Prozess in Gang setzt. Aber einer muss immer anfangen. Sollte man jedoch feststellen müssen, dass man mit seinen Moralvorstellung alleine steht, bleibt nur die Erkenntnis, im falschen Unternehmen gelandet zu sein. 5. Resümee ​ Eine beeindruckende Vielzahl neuronaler Schaltkreise steht im Dienste der Stabilisierung sozialer Gemeinschaften. Im Laufe der Evolution sind einerseits Systeme entstanden, die uns überhaupt erst in die Lage versetzen, komplexe soziale Strukturen aufbauen und erhalten zu können, und andererseits sind Systeme entstanden, die Verhaltensweisen, die zur Stabilisierung der Sozialgemeinschaft beitragen, durch ein Wohlgefühl belohnt werden. Wir können nicht nur ein Wir, wir brauchen auch ein Wir, und ein Wir macht uns glücklich und erhält uns gesund, und zwar an Körper, Geist und Seele. Der gesamte soziale neuropsychologische Komplex ist jedoch für ein Leben in der realen Welt zugeschnitten. In der virtuellen Welt kann das System weder lernen noch fehlerfrei funktionieren. ​ Rücksichtslosigkeiten, Dominanzgebaren, Einzelkämpfertum, Machtgier sowie Täuschen und Tricksen mögen in der Geschäftswelt eine sehr lange Tradition haben, aber diejenigen, die ihren Erfolg derartigen Verhaltensweisen verdanken, sind entweder einsame Menschen oder haben ausschließlich mit ihresgleichen zu tun. Gebaut ist der Mensch für ein anderes Leben, für ein gemeinschaftliches Leben, in dem Vertrauen, Kooperation, Fairness, Empathie und Moral die Hauptrollen spielen. Von der alten Vorstellung, der Mensch sei von Natur aus ein Egoist, muss man sich endgültig verabschieden!

  • Der Kaufknopf im Gehirn

    Seit einigen Jahren hat sich ein neuer Ansatz, das sogenannte Neuromarketing, etabliert. Dabei wird versucht, die verhaltensbasierten Fragebögen und Interviews durch Messungen der Hirnprozesse von Kunden zu ersetzen. Inhaltsverzeichnis 1. Neuromarketing 2. Neuromarketing: Der Kaufknopf im Gehirn? 3. Die Wirkung der Marke 4. Aussagen jenseits der Stichprobe 5. Impuls und Kontrolle 6. Messung unbewusster Prozesse 7. Warum Neuromarketing: Vorteile gegenüber etablierten Verfahren? 8. Erweiterungen des Neuromarketing 9. Ethik 10. Ausblick Der Kaufknopf im Gehirn Seit einigen Jahren hat sich ein neuer Ansatz, das sogenannte Neuromarketing, etabliert. Dabei wird versucht, die verhaltensbasierten Fragebögen und Interviews durch Messungen der Hirnprozesse von Kunden zu ersetzen. ​ 1. Neuromarketing ​ Unter Marketing versteht man – vereinfacht gesagt – die Anpreisung und den Verkauf von Produkten. Die Grundidee ist folgende: Ein Konsument hat ein Bedürfnis, und eine Firma hat ein passendes Produkt, das dieses Bedürfnis decken kann. Die Firma verwendet dann Werbung, um den Kunden über die Vorteile des Produktes aufzuklären. Das Ziel ist es, den Käufer mit objektiven Fakten von den Vorteilen des Kaufes zu überzeugen. Nehmen wir an, Sie essen gerne richtig würzigen Schweizer Bergkäse. Aber Sie ärgern sich seit Jahren darüber, dass es in Ihrem Supermarkt nur labbrigen Gummikäse ohne Geschmack zu kaufen gibt. In der Tageszeitung entdecken Sie dann plötzlich unter den Kleinanzeigen die Werbung eines Käseladens, der allerlei alpenländische Spezialitäten im Angebot hat. Hier trifft eine objektive Nachfrage auf ein objektiv passendes Angebot. Ein Beispiel für Marketing wäre hier das Schalten einer Anzeige, die den Kunden über die Produktpalette des Ladens informiert. ​ In diesem vereinfachten Bild von Marketing wird ein rationaler Konsument angenommen, ein homo oeconomicus, der von einer Firma mit objektiven Informationen versorgt wird, damit er eine Kaufentscheidung treffen kann, die seine Interessen optimal widerspiegelt. Ziel von Marketing ist es, diesen Informationsfluss zu optimieren, zum Beispiel indem durch Fragebögen oder Interviews mit Kunden die Anzeige optimal gestaltet wird. ​ Seit einigen Jahren hat sich ein neuer Ansatz, das sogenannte Neuromarketing, etabliert. Dabei wird versucht, die verhaltensbasierten Fragebögen und Interviews durch Messungen der Hirnprozesse von Kunden zu ersetzen. Wenn man auf der Basis von Messungen der Hirnaktivität den Informationsfluss zum Kunden optimieren möchte, könnte man sich zum Beispiel fragen, ob das relevante Inserat des Käsegeschäftes überhaupt dem potenziellen Käufer auffällt und im Gehirn repräsentiert wird und bis zu welchem Grad es verarbeitet wird. ​ Beim Neuromarketing stehen also Messungen der Hirnaktivität im Vordergrund. Dieser Hinweis klingt vielleicht trivial, aber hinter dem Label Neuromarketing verbergen sich oftmals auch klassische verhaltensbasierte Verfahren, die mit Hirnaktivität nichts zu tun haben. Verschiedene Verfahren aus dem Werkzeugkasten der kognitiven Neurowissenschaften werden irreführenderweise unter dem Label „Neuromarketing“ beworben. Dazu zählen die Messung der Augenbewegungen, um die Aufmerksamkeitsverteilung auf Anzeigen zu erfassen, oder die Analyse der emotionalen Mimik von Probanden, womit spontane und unkontrollierte emotionale Reaktionen auf Produkte gemessen werden sollen. Diese verhaltensbasierten Verfahren verwenden jedoch keine Hirnprozesse und sollten deshalb nicht als Neuromarketing bezeichnet werden. ​ Natürlich hat Marketing nicht vornehmlich einen homo oeconomicus im Blick, der eine rationale Analyse verfügbarer Produktinformationen durchführt und so zu optimalen Kaufentscheidungen gelangt. Das wäre ein Idealbild. Die Wahrheit ist weniger rational und wohlmeinend. Üblicherweise versucht eine Firma, einen potenziellen Kunden mit Mitteln anzusprechen, die über die bloße Vermittlung von Fakten hinausgehen. So könnte eine Werbebotschaft zum Beispiel versuchen, den Kunden emotional anzusprechen und so eine gefühlsgesteuerte Kaufentscheidung auszulösen, die nicht unbedingt den rationalen Interessen des Kunden entspricht. Oder ein Verkäufer könnte versuchen, mit Mitteln der Suggestion einem Kunden eine falsche Vorstellung von den Eigenschaften des Produktes zu vermitteln. Im oben genannten Beispiel könnte man die Verpackung eines labbrigen Gummikäses um Bilder von Kühen und Alpenpanoramen bereichern, um damit die Assoziation von Natürlichkeit und Geschmack zu wecken. Dann werden auf der Verpackung noch Hinweise ergänzt wie „enthält echten Alpengeschmack“ und „mit viel Naturin“. ​ Dies ist ein Versuch, den Kunden zum Kauf zu bewegen, indem man ihn über die objektiven Eigenschaften täuscht. In den Bereich des Neuromarketing übersetzt wäre dies der Versuch, die objektive Informationsverarbeitung im Gehirn des Kunden zu verzerren und die rationalen Entscheidungsprozesse durch Gefühle zu beeinflussen. Man sieht an den beiden Beispielen also, dass Neuromarketing aus Sicht des Kunden entweder hilfreich sein kann, indem es ihm hilft, Informationen zu finden, oder schädlich, indem es von den objektiven Produkteigenschaften ablenkt und die Entscheidungen auf verzerrten Informationen oder starken Gefühlen basieren lässt. Wir werden im weiteren Verlauf verschiedene Beispiele – sowohl positive als auch negative – aus dem Neuromarketing sehen. ​ Eine wichtige Abgrenzung ist die zwischen Neuromarketing und Neuroökonomie. Die Neuroökonomie ist thematisch wesentlich breiter ausgerichtet und befasst sich im weitesten Sinne mit Hirnprozessen, die allem ökonomischen Verhalten zugrunde liegen. Dazu gehören auch Kaufentscheidungen, sodass das Neuromarketing ein Teilgebiet der Neuroökonomie ist. Aber Neuroökonomie befasst sich auch mit anderen ökonomischen Entscheidungen, zum Beispiel wie viel Risiko jemand bereit ist einzugehen, wenn er in eine Aktie am Finanzmarkt investiert. Die Neuroökonomie befasst sich auch mit den allgemeinen neuronalen Grundlagen von wertbasierten Entscheidungsprozessen. ​ Eine typische Fragestellung wäre, inwiefern eine Person bereit ist, kurzfristig auf eine Belohnung zu verzichten, um später eine wesentlich größere Belohnung zu bekommen. Berühmt geworden sind solche Versuche als Marshmallow-Tests, die bereits mit kleinen Kindern durchgeführt werden können. Die Fähigkeit, auf kurzfristige Belohnungen zu verzichten, um langfristig größere Belohnung zu bekommen, ist eine wesentliche exekutive Kompetenz, und sie sagt auch langfristigen Erfolg im Arbeitsleben vorher. Aber diese Themen sind kein Neuromarketing, sondern gehören zum weiteren Feld der Neuroökonomie. Wenden wir uns jetzt also nach diesen Begriffserklärungen dem eigentlichen Neuromarketing zu. ​ ​ 2. Neuromarketing: Der Kaufknopf im Gehirn? ​ Beim Neuromarketing wird versucht, durch gezielte Gestaltung des Produkts und der Produktwerbung eine Kaufabsicht im Gehirn auszulösen. In der allereinfachsten Form versucht man, dies durch Stimulation des sogenannten Belohnungssystems des menschlichen Gehirns zu erreichen. Die Idee ist, dass ein Produkt, das als belohnend empfunden wird, auch wahrscheinlich gekauft wird. Dazu müssen wir uns zunächst mit dem Belohnungssystem befassen. Belohnungen sind – technisch gesprochen – Reize, die ein Organismus haben möchte. Bestrafungen dagegen sind Reize, die ein Organismus vermeidet. Es gibt im menschlichen Gehirn hoch spezialisierte Netzwerke, über die Belohnungsinformation verarbeitet wird. Eine zentrale Rolle spielen dabei dopaminerge Nervenzellen im sogenannten ventralen tegmentalen Areal, kurz VTA. Diese Nervenzellen produzieren Dopamin und leiten es über lange Nervenfasern an verschiedene Hirnregionen weiter, wo das Dopamin dann ausgeschüttet wird. ​ Die wichtigsten Projektionsregionen sind der Nucleus Accumbens im ventralen Striatum sowie der orbitofrontale Kortex, kurz OFC. Der orbitofrontale Kortex ist eine Region, in der Informationen aus vielfältigen Sinnessystemen zusammenlaufen, wie etwa Sehen, Gehör, Tasten, Geschmack und Geruch. Der orbitofrontale Kortex wird durch zahlreiche als angenehm empfundene Reize stimuliert, seien es angenehme Bilder, Musikstücke oder Gerüche. Wenn der orbitofrontale Kortex gestört ist, haben Tiere Schwierigkeiten damit, ihr Verhalten an Belohnungen auszurichten. Der Nucleus Accumbens spielt darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Erwartung von belohnenden Reizen. Wenn jemand beim Abendessen ein schmackhaftes Dessert serviert bekommt, dann sind die Zellen im Nucleus Accumbens bereits aktiv, noch bevor man den ersten Bissen in den Mund getan hat. Hier gilt: Vorfreude ist die schönste Freude. Im Neuromarketing ist viel darüber spekuliert worden, ob diese beiden Regionen des Belohnungssystems eine Art „Buy-Button“ oder Kaufknopf im Gehirn darstellen. Die Idee ist folgende: Wenn man es schafft, ein Produkt zu entwerfen, das die Nervenzellen des Belohnungssystems optimal stimuliert, dann wird dieses Produkt im Kunden ein unstillbares Verlangen auslösen und ihn zum Kauf geradezu zwingen. In einer typischen Untersuchung im Neuromarketing werden einem Probanden Beispiele für Produkte gezeigt. Dann wird mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie die Aktivität in den Belohnungszentren des Gehirns gemessen. Das Produkt gilt dann als am meisten favorisiert, das die stärkste Antwort in den Belohnungszentren des Gehirns ausgelöst hat. Daraus werden dann Empfehlungen abgeleitet, zum Beispiel welches der dargestellten Produkte oder Designs zu empfehlen wäre. Diese einfache intuitive Logik des Kaufknopfes im Gehirn lässt sich von Marketingexperten leicht erklären und hat bei Auftraggebern in den Firmen eine hohe Überzeugungskraft. Deshalb ist der Ansatz auch so weit verbreitet. Allerdings basiert die Annahme eines Kaufknopfes im Gehirn auf einem logischen Fehler, dem falschen Umkehrschluss. Nehmen wir ein anderes Beispiel: ​ Wenn es regnet, ist die Straße nass. Aber der Umkehrschluss gilt nicht: Wenn die Straße nass ist, hat es nicht unbedingt geregnet. Es könnte auch sein, dass jemand im oberen Stock die Blumen gegossen oder einen Eimer Wasser ausgekippt hat. Ähnliches gilt im Gehirn: Wenn das Belohnungssystem des menschlichen Gehirns aktiv wird, kann dies in der Tat daran liegen, dass eine Person ein Produkt als belohnend empfunden hat. Allerdings ist das Belohnungssystem nicht sehr selektiv. Es reagiert auch auf Anstrengung: Wenn sich jemand besonders viel Mühe bei einer Aufgabe gibt, so führt dies auch zu Aktivität in den sogenannten „Belohnungszentren“. Das System reagiert auch dann, wenn ein Reiz nicht etwa belohnend, sondern einfach nur als ungewöhnlich wahrgenommen wird. Eine Geschichte mag dies illustrieren. ​ Ich wurde im Jahr 2009 von der amerikanischen Nachrichtensendung 60 Minuten auf CBS zum Thema Neuromarketing befragt. Dabei wurde mir eine Neuromarketing-Studie zur Platzierung von Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln vorgestellt. Ein Werbeforscher hatte Probanden im Kernspintomografen Bilder von Zigarettenschachteln mit und ohne Warnhinweise gezeigt. Er hat herausgefunden, dass das Belohnungssystem der Probanden stärker ansprach auf die Schachteln mit den Warnhinweisen als auf die Schachteln ohne Warnhinweise. Seine Schlussfolgerung war, dass die Aktivität des Belohnungssystems klar anzeige, dass gerade die Schachteln mit den Warnhinweisen als mehr belohnend erlebt würden als die ohne. Hier sehen wir einen falschen Umkehrschluss in Aktion. Es könnte genauso gut sein, dass das ungewöhnliche Design der Schachteln mit Warnhinweisen in den Probanden Verwunderung ausgelöst hat. Gerade solche ungewöhnlichen Reize – egal ob sie belohnend sind oder nicht – aktivieren das Belohnungssystem. Die Schlussfolgerung war also unseriös. Das Problem, das zum falschen Umkehrschluss führt, ist die mangelnde Selektivität der Antwort im sogenannten Belohnungssystem für belohnende Erlebnisse. Wenn man einen Detektor haben möchte, der zweifelsfrei anzeigt, ob eine Person etwas als belohnend erlebt oder nicht, dann muss man eine Hirnsignatur finden, die wesentlich selektiver ist und nur bei wirklich empfundenen Belohnungen auftritt. ​ Einen ersten Schritt in diese Richtung erlauben sogenannte Brain-Reading-Verfahren. Die Brain-Reading-Technik erforscht optimale Verfahren, mithilfe derer Information über Probanden aus der Hirnaktivität ausgelesen werden kann. Dabei sollte „auslesen“ nicht etwa suggerieren, dass die Technik die Syntax und Semantik der Hirnprozesse in Gedanken übersetzen kann. Stattdessen wird mithilfe von Verfahren des statistischen maschinellen Lernens die gedankenbezogene Information, die in der Hirnaktivität enthalten ist, dechiffriert. Solche Verfahren haben sich im Neuromarketing zunehmend verbreitet. Allerdings werden wir weiter unten sehen, dass der Belohnungswert die Kaufentscheidung nicht sehr gut vorhersagt. ​ ​ 3. Die Wirkung der Marke ​ Eine etablierte Tatsache in der Marktforschung ist, dass Marken mindestens genauso wirksam sind wie die eigentlichen Produkte. In einer viel beachteten Studie untersuchte 2003 ein amerikanisches Team um den Neurowissenschaftler Read Montague die Wirksamkeit von Marken am Beispiel von Coca-Cola und Pepsi. Zunächst wurde die Wirkung von Coca-Cola und Pepsi blind gemessen. Probanden bekamen die beiden Getränke präsentiert, ohne zu wissen, welches, und mussten den Geschmack beurteilen. Bei der Blindverkostung waren die Präferenzen für Coca-Cola und Pepsi über die Probandengruppe in etwa gleich verteilt. Parallel wurde die Hirnaktivität mit Kernspintomografie gemessen. Die Aktivität im orbitofrontalen Kortex, Teil des obengenannten Belohnungssystems, korrelierte mit den Präferenzen der Probanden. Je mehr der Proband ein Getränk mochte, desto stärker war die Aktivität in diesem Areal. In einem zweiten Schritt wurden Probanden nun entblindet und darüber informiert, welches Getränk sie bekamen. Nun wurden Regionen im dorsolateralen präfrontalen Kortex und im Hippocampus aktiv. ​ Eine plausible Erklärung ist, dass die mit der Marke verbundenen Erinnerungs- und Steuerungsprozesse durch die Präsentation der Marke aktiviert wurden. Die Marke Coca-Cola hatte eine starke Wirkung auf die Auswahl der Probanden. Auch in einer späteren Studie von deutschen Forschern aus Magdeburg zeigte sich eine Aktivität im sogenannten Belohnungssystem auf Bilder verschiedener Schokoladenmarken. Auch die Stärke einer Marke spielt eine Rolle. So aktivieren luxuriöse Marken das Belohnungssystem stärker als andere, wie eine Schweizer Studie zeigte. Allerdings sind die Informationen, die mit solchen Verfahren aus Hirndaten ausgelesen werden können, derzeit für kommerzielle Anwendungen nicht ausreichend. ​ ​ 4. Aussagen jenseits der Stichprobe ​ Eine wichtige Frage beim Neuromarketing ist, inwiefern es möglich ist, aus einer Messung der Hirnaktivität einer kleinen Gruppe von Probanden allgemeine Aussagen über Produktpräferenzen zu bekommen, die für eine große Gruppe von Personen gelten, auch solchen, die nicht an den Experimenten teilgenommen haben. ​ Im Jahr 2015 untersuchte die Arbeitsgruppe von Brian Knutson in Stanford die Vorhersagekraft der Hirnaktivität einer Probandengruppe für eine große Population. In dem Experiment sollten Teilnehmer Darlehen vergeben. Dazu wurden ihnen Informationen über verschiedene Kreditanfragen gegeben, und sie mussten entscheiden, aus ihrem Guthaben für jeden Einzelfall einen Kredit zu vergeben oder nicht. Insgesamt mussten die Probanden während des Experimentes über 80 solcher Anfragen bearbeiten. Im Verhalten der Probanden zeigte sich zunächst ein interessanter Effekt: ​ Es wurden vor allem an solche Anfragen Kredite vergeben, bei denen das Bild des Antragstellers ein hohes Maß an positiver Erregung auslöste. Auch die Hirnsignale im sogenannten Belohnungssystem waren informativ dafür, welche Kreditanfrage positiv beschieden wurde. Die Aktivität im Nucleus Accumbens war nicht nur informativ für die Kreditanfragen im Experiment, sondern sagte auch den Erfolg eines Antragstellers auf einer realen Internetplattform erfolgreich vorher. ​ Die Information, die aus den Hirnsignalen der Stichprobe gewonnen wurde, war genauso hoch wie die Information, die aus den Verhaltensdaten allein stammte. Wenn beide Informationsquellen zusammengelegt wurden, verbesserte sich die Vorhersagegenauigkeit sogar. In einer späteren Studie zeigte sich ein deutlicher Vorteil für die hirnbasierte Vorhersage. Allerdings war bei beiden Studien die Trefferquote für praktische Anwendungszwecke noch zu niedrig. ​ ​ 5. Impuls und Kontrolle ​ Oben wurde bereits erwähnt, dass maschinelle Lernverfahren wesentlich besser den Belohnungswert eines Produktes auslesen können. Nehmen wir an, wir hätten eine verbesserte Technik, die es sogar erlaubt, den Belohnungswert eines Produktes optimal aus der Hirnaktivität zu dekodieren. Dann wäre es immer noch nicht perfekt möglich, Kaufentscheidungen aus der Hirnaktivität vorherzusagen. Der Grund dafür ist, dass nicht jeder emotionale Handlungsimpuls sich gleich in ein Kaufverhalten umsetzt. Dafür gibt es gute Gründe. Nehmen wir an, Ihr Chef hat sie ungerechterweise angemeckert. Der erste Impuls wäre vielleicht, sich zu beschweren, allerdings wird dieser Impuls zum Glück auch oft unterdrückt. Vielleicht ist es besser, einen Tag zu warten und dann in Ruhe mit dem Chef zu sprechen und ihm die Lage vernünftig zu erklären. ​ Diese Fähigkeit, einen starken Handlungsimpuls zu unterdrücken, ist Teil unserer sogenannten exekutiven Funktionen, die sich im Präfrontalkortex des Gehirnes abspielen. Besonders eindrücklich ist diese Impulskontrolle im Bereich der Nahrungsaufnahme demonstriert worden. In einer Studie haben wir übergewichtige Patienten untersucht, die gerade dabei waren, eine Diät zu machen. Wenn wir diesen Probanden Bilder von hochkalorischen Lebensmitteln zeigten, dann gab es in dem Belohnungssystem ihres Gehirns eine starke Antwort. Allerdings führte diese Aktivität nicht sofort zu einer Handlung. Probanden, die in ihrer Diät besonders erfolgreich waren, entwickelten eine Kompensationsstrategie, bei der der laterale präfrontale Kortex aktiv wurde und die Essimpulse unterdrückte. ​ Wir haben es hier also mit einem Wettbewerb zwischen zwei verschiedenen Hirnsystemen zu tun. Ein System bewertet die Außenwelt permanent darauf hin, wie belohnend bestimmte Handlungsoptionen sein könnten. Dieses System löst also Handlungsimpulse aus. Das andere System kann diese Impulse kontrollieren und berücksichtigt dabei die langfristigen Folgen unserer Handlungen. Das ist so ähnlich wie im Beispiel der Marshmallow-Aufgabe. Ältere – aber nicht jüngere – Kinder können den spontanen situativen Impuls, die Süßigkeiten zu essen, hemmen und die Belohnung aufschieben. Auch im Neuromarketing reicht es nicht allein aus, den Belohnungswert von Produkten aus der Hirnaktivität auszulesen. Die exekutiven Prozesse, die aus dem Impuls eine Kaufhandlung werden lassen, müssten ebenfalls erfasst werden. Solche exekutiven Funktionen sind in Kernspintomografiedaten zwar deutlich nachgewiesen worden, allerdings handelte sich dabei in der Regel um Studien, die Mittelwerte über viele verschiedene Durchgänge bilden und nicht viele Informationen über den einzelnen Fall zur Verfügung stellen. ​ ​ 6. Messung unbewusster Prozesse ​ Eine interessante Frage ist, ob man im Neuromarketing auch in der Lage wäre, implizite oder unbewusste Verarbeitungsprozesse bei Kaufentscheidungen zu messen. Dazu führten wir eine ausführliche Kernspintomografie Studie durch. Zunächst wollten wir wissen, ob es überhaupt möglich ist, die Produktpräferenzen von Probanden aus ihrer Hirnaktivität auszulesen. Dabei verwendeten wir nicht den simplen Kaufknopf-Ansatz, sondern wir benutzten maschinelle Lernverfahren, um optimal die Vorhersage von Produktpräferenzen aus Hirnaktivität zu lernen. Zunächst suchten wir eine Produktgruppe, wo die Probanden eine große Begeisterung mitbringen. Wir entschieden uns daher für Autos und männliche Autobegeisterte. ​ Mit einer ersten Gruppe untersuchten wir, wie genau aus der Hirnaktivität die Präferenzen für verschiedene Autos vorhergesagt werden können. Wir wählten dazu Bilder von den Autos aus, und zwar diejenigen, die in Vortests möglichst unterschiedlich bewertet worden waren. Probanden wurden diese Bilder gezeigt, und sie sollten im Kernspintomografen beurteilen, wie sehr sie das Auto mochten. Währenddessen haben wir mithilfe der Kernspintomografie die Hirnaktivität der Probanden gemessen. ​ Wir trainierten dann eine Mustererkennung darauf, aus Hirnaktivitätsmustern die präferierten Autos vorherzusagen. Dabei erwiesen sich zwei Regionen als besonders informativ: zum einen der mediale präfrontale Kortex, die Region, die auch bei Belohnungsprozessen starke Antworten zeigt; zum anderen der Inselkortex, eine Region, die bei der Verarbeitung von Gefühlen eine wichtige Rolle spielt. Im Inselkortex werden zahlreiche sogenannte interozeptive Signale verarbeitet, das sind Informationen über den Zustand des Körpers. Schmerzerlebnisse, Kälteempfindungen oder Juckerlebnisse werden alle vom Inselkortex verarbeitet. Bei der kortikalen Repräsentation insbesondere von negativen Gefühlen spielt der Inselkortex eine wichtige Rolle. So führen zum Beispiel Schädigungen des Inselkortex bei Menschen zu einer Unfähigkeit, Ekelgefühle zu erkennen. ​ Bei der hier erwähnten Autostudie war dieser Inselkortex über die Präferenz der Autos informativ. Die Trefferquote lag mit 75 % deutlich über Zufall, allerdings waren wir von einer perfekten Vorhersage weit entfernt. Nachdem wir in dieser Studie die prinzipielle Möglichkeit bewiesen hatten, die Präferenz für Autos auszulesen, stellten wir uns die Frage, was passieren würde, wenn die Probanden die Autos nicht bewusst anschauen und evaluieren würden, sondern wenn man die Autobilder unbemerkt, außerhalb des Fokus ihrer Aufmerksamkeit, präsentieren würde. ​ Mit einer zweiten Gruppe von Probanden untersuchten wir deshalb die unbemerkte Verarbeitung von Autobildern. Dazu mussten wir die Probanden von den Bildern ablenken. Dazu gaben wir den Probanden eine sehr schwierige Diskriminationsaufgabe, bei der sie erkennen mussten, ob ein sehr kleines gekipptes U in der Mitte des Bildes nach links oder nach rechts geöffnet war. Diese Aufgabe konnten die Probanden nur dann lösen, wenn sie mit ihren Augen das Buch fixierten und ihre ganze Aufmerksamkeit darauf richteten. Während die Probanden diese Aufgabe lösten, wurden im Hintergrund Bilder von Autos eingeblendet, die allerdings nicht bewusst wahrgenommen wurden. ​ Der Beleg dafür: Nach dem Experiment haben wir Probanden gebeten, die gezeigten Autos unter anderen Autos zu erkennen. Dabei war ihre Wiedererkennungsleistung nur auf Zufallsniveau. Parallel zu dieser Aufgabe wurde wieder die Hirnaktivität gemessen, und ein Klassifikationsprogramm wurde darauf trainiert, aus den Antworten auf die unbemerkten Bilder vorherzusagen, welche Autos die Probanden mochten und welche nicht. Das Ergebnis war erstaunlich: Es war nicht nur möglich, für diese unbemerkten Autos die Präferenzen auszulesen, sondern die Genauigkeit war genauso hoch wie in der Gruppe, wo Probanden die Autos bewusst evaluiert hatten. Dies bedeutet, dass die Information über Produktpräferenzen gar nicht daran gebunden ist, dass Probanden aktiv über die Produkte nachdenken. Es reicht, wenn die Hirnrepräsentation des Produktes außerhalb der Aufmerksamkeit getriggert wird. ​ In einer weiteren Studie bestätigten wir diesen Befund mit einer anderen Produktgruppe: mit Politikern und den zugehörigen Parteien. Wir zeigten Probanden dabei im Kernspintomografen Bilder von Politikern aus zwei verschiedenen großen Volksparteien. Damit die Präferenz der Probanden für die Partei nicht mit der Präferenz für die Politiker verwechselt würde, suchten wir solche Politiker aus, die von Anhängern beider Parteien gleich präferiert wurden. Wir fanden, dass es zu einem gewissen Grad möglich war, aus der Hirnaktivität sowohl die präferierten Politiker als auch die präferierten Parteien auszulesen. Aber auch hier waren die Trefferquoten für Routineanwendungen noch zu niedrig. Prinzipiell zeigen diese Studien jedoch, dass es möglich ist, auch implizite Prozesse bei Kaufentscheidungen aus der Hirnaktivität abzulesen. Dazu ist es jedoch immer nötig, die Repräsentation des Produktes zu aktivieren, wenn auch unbemerkt. ​ Es ist derzeit kein Verfahren denkbar, mithilfe dessen man im Gedächtnis schlummernde Präferenzen ohne selektive Aktivierung auslesen könnte. Das liegt daran, dass unsere Gedächtnisspuren in der Form von synaptischen Verknüpfungen gespeichert sind und man diese Verknüpfungen mit aktuellen technischen Verfahren nicht aus der Hirnaktivität auslesen kann. ​ ​ 7. Warum Neuromarketing: Vorteile gegenüber etablierten Verfahren? ​ Eine wichtige Frage beim Neuromarketing ist, ob es möglich ist, mehr Informationen über die Kaufabsichten in Erfahrung zu bringen als mit klassischen Verfahren der Marktforschung, wie Fragebögen und Interviews. Ein solches klassisches Fragebogenverfahren ist das sogenannte semantische Differenzial. Dabei wird ein Produkt auf einer Reihe von Dimensionen von einem Probanden bewertet. So können Probanden ankreuzen, ob sie eine Zahnpasta sauber oder schmutzig, frisch oder abgestanden, hochwertig oder minderwertig, konservativ oder innovativ finden. Natürlich wird auch gefragt, ob ein Proband sich vorstellen kann, diese Zahnpasta zu kaufen. Solche und ähnliche Verfahren stellen das technische Rückgrat der Marktforschung dar. Die Frage ist also, was Neuromarketing möglicherweise besser macht als diese verhaltensbasierten Verfahren. Wir werden uns drei Fragen zuwenden: Erstens könnte es sein, dass Neuromarketing zu einer bestimmten Frage mehr Informationen bekommen kann als ein Fragebogen, d. h., dass also die Sensitivität höher ist. Zweitens könnte Neuromarketing einfacher zu nutzen sein, d. h. eine höhere sogenannte Usabilityhaben. Drittens könnte Neuromarketing auch erlauben, ganz neue Arten von Fragen zu stellen. ​ Wenden wir uns zunächst der Frage nach der Sensitivität zu. Prinzipiell müsste eine Messung der Hirnaktivität dazu in der Lage sein, genauso viel Information über eine Produktentscheidung zu bekommen wie ein Fragebogen. Der Grund dafür ist einfach: Der Fragebogen wird von einem Menschen ausgefüllt, und es sind die Hirnprozesse des Probanden, die diese motorische Tätigkeit verrichten. Wenn wir also die menschliche Hirnaktivität in beliebig feiner Auflösung messen könnten, sollte es auch möglich sein, die Antworten im Fragebogen genau aus deren Aktivität vorherzusagen. Spätestens wenn wir uns den motorischen Kortex anschauen würden, müssten wir dazu in der Lage sein, das Ankreuzverhalten des Probanden genau zu ermitteln. Aber durch eine Messung der Hirnaktivität können wir noch mehr Information bekommen als sich im Ankreuzverhalten ausdrückt, denn die Antworten des Probanden im Fragebogen bieten ja keine perfekte Vorhersage für das tatsächliche Kaufverhalten. Die Hirnaktivität sollte jedoch prinzipiell in der Lage sein, das Kaufverhalten vorherzusagen, da das Kaufen ebenfalls eine Aktivität ist, die durch das Gehirn durchgeführt wird. Solche Überlegungen zur prinzipiellen Möglichkeit bedeuten jedoch nicht, dass es mit heutigen Hirnscannern bereits möglich wäre, bessere Vorhersagen zu bekommen als mit Fragebögen. Denn heutige Kernspintomografen und EEG-Kappen bieten nur eine sehr begrenzte Auflösung der tatsächlichen Hirnaktivität. Nach heutiger Datenlage sind in den meisten Fällen verhaltensbasierte Verfahren wesentlich informationshaltiger als hirnbasierte Verfahren, auch wenn es bisweilen abweichende Studien gibt. ​ Eine zweite wichtige Frage ist, inwiefern die Einfachheit der Nutzung, die Usability, bei Neuromarketing höher ist als bei konventionellen Verfahren. Zunächst ist der technische Aufwand bei Neuromarketing wesentlich höher als beim Fragebogen. Nehmen wir das EEG. Es gibt ein ganzes Spektrum an verfügbaren EEG-Geräten. Dies reicht von einfachen Consumer-Systemen über kleine portable EEGs zu hochpreisigen Forschungsgeräten. Die Consumer-Systeme, die für den Einsatz in Computerspielen entwickelt wurden, haben zwar eine hohe Usability, weil sie ohne Elektrodengel auskommen und einfach aufgesetzt werden können. Allerdings haben sie eine viel zu schlechte Empfindlichkeit und sind für konkrete Neuromarketing-Anwendungen nicht geeignet. Bei den professionellen Geräten ist es erforderlich, die Elektroden der EEG-Kappen mithilfe eines Gels mit der Kopfhaut zu verbinden. Dies wird von den meisten Probanden als unangenehm eingestuft. Außerdem dauert die Einrichtung der Kappe in der Regel mindestens eine halbe Stunde. Die professionellen Geräte haben also nur eine geringe Alltags-Usability. ​ Das EEG hat große Vorteile: Es bietet eine hohe zeitliche Auflösung. Außerdem eignen sich gerade mobile EEG-Geräte gut für Untersuchungen der Hirnaktivität am Point of Sale. Allerdings ist der Nachteil gravierender: Das EEG kann die Hirnaktivität nur in geringer räumlicher Auflösung messen. Damit wird es schwierig, die detaillierten Hirnprozesse, die den Kaufimpulsen und ihrer exekutiven Regulation zugrunde liegen, räumlich aufzulösen. Außerdem ist es bei mobilen EEG-Anwendungen am Point of Sale sehr schwierig, die motorischen Hintergrundprozesse aus der relevanten Hirnaktivität zu entfernen. Es stellt sich also die prinzipielle Frage, ob EEG im Neuromarketing zukunftsfähig ist. Kommen wir zum anderen Verfahren, der Kernspintomografie. Es wird sich für viele interessierte Anwender bereits die praktische Frage stellen, wie sie genau Zugang zur Messzeit an einem Hirnscanner bekommen sollen. ​ Kernspintomografen werden in der Regel von Kliniken und Forschungseinrichtungen betrieben. Durch das starke Magnetfeld sind enorme Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Außerdem gibt es eine Reihe von Ausschlusskriterien. Probanden mit Herzschrittmachern oder solche, die unter Klaustrophobie leiden, sind für eine MRT-Untersuchung nicht geeignet. Wenn eine Firma also eine Neuromarketing-Untersuchung plant, wird sie auf die enge Zusammenarbeit in der Forschungseinrichtung angewiesen sein. Außerdem müsste sehr viel Expertise vorgehalten werden, etwa für die Programmierung von Experimenten und die Datenauswertung. MRT-basiertes Neuromarketing ist also kein Verfahren, das im Alltag spontan eingesetzt werden kann. Neben diesen technischen und operativen Fragen stellt sich weiterhin die Frage, wie leicht oder schwierig es ist, aus MRT-Daten etwas über Kaufentscheidungen zu erfahren. Typischerweise werden wie oben ausgeführt mehrere Beispiele eines Produktes im MRT gezeigt, und die Hirnantworten werden gemessen. Hier sieht man bereits eine wichtige Einschränkung: ​ Man bekommt nur eine Einschätzung für Produktentwürfe, die bereits vorliegen. Dies wird auch als Post-Design-Ansatz bezeichnet. Eine wichtige Frage ist, wie man Hinweise auf die Gestaltung neuer Produkte bekommen könnte. In einem Interview kann man eine Person fragen, warum ihr ein Produkt nicht gefällt, was sie verbessern würde, welchen genauen Farbton sie für passend hält etc. Diese Fragen mit MRT-basiertem Neuromarketing zu beantworten, ist sehr schwer. Ein einfaches Beispiel mag dies veranschaulichen. ​ Wenn Sie einer Person auf der Straße begegnen und wissen möchten, wo sie wohnt oder ob sie Kaffee oder Tee mag, dann können Sie dies mit einer einfachen Frage recht zuverlässig herausbekommen. Wenn Sie die gleiche Information mit einem Kernspintomografen herausbekommen wollen, ist dies hingegen sehr schwierig. Sie müssen die Person zu einem MRT-Zentrum bringen, Sie müssen ein Experiment programmieren, dem Probanden Bilder von Kaffee und Tee zeigen, die Daten auswerten, und dann könnten Sie möglicherweise die Frage beantworten. Dies gilt allerdings nur für eine einfache binäre Frage wie nach Kaffee oder Tee. Bei einer offenen Frage, wie nach dem Wohnort, sind so viele Möglichkeiten im Spiel, dass es sehr aufwendig ist, die Frage zu beantworten. Dieser Aufwand und die mangelnde Flexibilität stehen der Usability von MRT im Neuromarketing entgegen. Die dritte wichtige Frage ist, ob es möglich ist, mit Neuromarketing eine neue Art von Fragen zu stellen. Damit befasst sich der folgende Abschnitt. ​ ​ 8. Erweiterungen des Neuromarketing ​ Wie oben bereits ausgeführt ist das klassische Konzept des Kaufknopfes im Gehirn überholt. Es gibt jedoch eine Reihe von Ansätzen, mithilfe derer aus Hirnaktivität zuverlässiger vorhergesagt werden kann, welches Produkt eine Person kaufen wird, und das sogar, wenn Probanden nicht bewusst über Produkte nachdenken. Es stellt sich jedoch die interessante Frage, ob mithilfe der Messung der Hirnaktivität nicht andere wichtige produktrelevante Einstellungen jenseits einer möglichen Kaufentscheidung ausgelesen werden können. Im Idealfall könnte so etwas einen Hinweis darauf geben, wie ein Produkt oder eine Werbung gestaltet werden sollte. ​ Die erste Frage, mit der wir uns befassen werden, ist, ob es möglich ist, die Aufmerksamkeit eines Probanden mithilfe von Hirndaten in einer praktisch nutzbaren Weise zu erfassen. In der Tat kann mithilfe von sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen ermittelt werden, auf welche Region eines Bildes eine Person gerade achtet. Bis zu einem gewissen Grad ist dies sogar dann möglich, wenn eine Person nicht auf das schaut, worauf sie gerade achtet. In letzterem Fall wäre es ja sowieso viel sinnvoller, ein Augenbewegungsmessgerät zu verwenden, was sich zu einem Routineverfahren für die Beurteilung von Werbeplatzierung oder von Webseiten entwickelt hat. Aber auch die verdeckte Aufmerksamkeit kann von Interesse sein, zum Beispiel, wenn die Darbietung eines Bildes nur sehr kurz erfolgt und somit keine Augenbewegungen möglich sind. Prinzipiell ist es also denkbar, die Verteilung der verdeckten Aufmerksamkeit aus den Daten abzulesen, allerdings sind die Trefferquoten hier noch sehr niedrig. ​ Die zweite Frage ist, ob man mehr über die Beurteilung eines Produktes in Erfahrung bringen kann als die bloße Präferenz oder eine mögliche Kaufentscheidung. Eine Möglichkeit wäre, die komplexe emotionale Beurteilung eines Produktes mit der Hirnaktivität zu erfassen. Es ist in der Tat möglich, den emotionalen Zustand eines Probanden aus der Hirnaktivität auszulesen. Früher glaubten Hirnforscher, dass für jedes Gefühl eine spezialisierte Hirnregion zuständig ist. Auf den Inselkortex wurde oben bereits eingegangen, der eine besondere Rolle bei der Repräsentation von Ekel spielt. Eine andere Region, die vielfach mit negativen Gefühlen in Verbindung gebracht wird, ist die Amygdala, der sogenannte Mandelkern. Die Amygdala spielt bei der Verarbeitung von Furcht eine große Rolle und wird selbst dann aktiviert, wenn Furchtreize unterschwellig dargeboten werden. Patienten, die beidseitige Schädigungen der Amygdala aufweisen, haben große Schwierigkeiten, Furchtreize richtig zu verarbeiten. ​ Auch bei Ärger wurde lange vermutet, dass er mit einer spezialisierten Hirnregion gekoppelt ist, dem sogenannten anterioren cingulären Kortex, kurz ACC. Allerdings ist diese Region auch an der Verarbeitung von Schmerz beteiligt. Insgesamt hat sich inzwischen herausgestellt, dass Emotionen nicht punktuell lokalisiert, sondern in einem großen Netzwerk verarbeitet werden. Es gibt zwar einige Gefühle, die bestimmte Regionen stärker antreiben als andere, allerdings sind Inselkortex, Amygdala, ACC und orbitofrontaler Kortex bei allen Emotionen zu einem gewissen Grad aktiv. Wenn man also die Absicht hat, die emotionale Färbung eines Produktes aus der Hirnaktivität abzulesen, muss man die gesamte Netzwerkaktivität in Betracht ziehen. Trotz dieser quasi holistischen Repräsentation von Gefühlen liegt man mit der Empfehlung sicherlich nicht falsch, bei der Gestaltung eines Produktes darauf zu achten, dass die Aktivität des Inselkortex, der Amygdala und des anterioren cingulären Kortex minimiert wird. ​ Drittens könnte es interessant sein, nicht nur die emotionale Färbung eines Produktes aus der Hirnaktivität abzulesen, sondern auch andere mögliche Assoziationen, die ein Proband mit einem Produkt hat. So könnte es für eine Automobilfirma relevant sein, ob das Gehirn von Probanden ein Auto mit einem Löwen verwechselt oder mit einem Faultier. Solche semantischen Beziehungen können inzwischen tatsächlich aus der Hirnaktivität rekonstruiert werden. Dabei macht man sich die Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Repräsentationen verschiedener Objekte zunutze. Man würde zum Beispiel das Hirnaktivitätsmuster, das durch das Bild eines Autos ausgelöst wird, vergleichen mit dem Aktivitätsmuster, das durch das Bild eines Löwen oder eines Faultiers ausgelöst wird. Wenn die Aktivierung auf das Auto der Aktivierung auf den Löwen ähnlicher ist, dann werden diese beiden Dinge auch vom Probanden für ähnlicher gehalten. Obwohl dies eine interessante Anwendung der Erweiterung des Neuromarketing darstellt, muss man auch hier darauf hinweisen, dass ähnliche Schlüsse auch auf der Basis von Fragebögen und Interviews erlangt werden können. ​ Viertens stellt sich die Frage, ob es möglich ist, aus der Hirnaktivität konkrete Handlungsabsichten abzulesen. Stellen wir uns eine Person vor, die zu Hause auf dem Sofa sitzt und auf dem Fernseher die Werbung für einen Schokoriegel sieht. Nehmen wir weiterhin an, der Person gefällt der Schokoriegel sehr gut, die Belohnungszentren des Gehirns sind aktiv, sie sorgen für einen Kaufimpuls. Doch der dorsolaterale präfrontale Kortex hemmt diesen Impuls nicht, weil die Person gerade hungrig ist. Erst wenn die Person ihr Sofa verlässt, aufsteht, das Haus verlässt, in einen Laden geht, den Schokoriegel greift und in an der Kasse bezahlt, wird der Kaufimpuls in eine Kaufhandlung umgesetzt. Mithin stellt die Frage, wie aus Impulsen im Gehirn konkrete Handlung werden, eine wichtige zukünftige Herausforderung für das Neuromarketing dar. In den letzten Jahren gab es sehr viel Forschung dazu, wie Handlungsabsichten im Gehirn gespeichert sind. Mithilfe der Mustererkennung konnte in verschiedenen Studien aus der Hirnaktivität abgelesen werden, was ein Proband daraufhin tun würde. ​ Die relevanten Aktivitätsmuster befanden sich meist im präfrontalen und im parietalen Kortex. In einer Reihe von Studien konnte unsere Arbeitsgruppe sogar zeigen, dass Handlungsabsichten aus der Hirnaktivität ausgelesen werden können, noch bevor ein Proband sich bewusst wird, wie er sich gleich entscheiden wird. D. h., unter gewissen Umständen ist es möglich, über das künftige Verhalten eines Probanden mehr aus der Hirnaktivität zu erfahren als durch eine Frage. Allerdings sind auch hier die Trefferquoten, mit denen unbewusst sich anbahnende Handlungsabsichten ausgelesen werden können, noch zu gering für praktische Anwendungen. ​ ​ 9. Ethik ​ Nach einer Darstellung der technischen Realisierbarkeit von Neuromarketing ist es auch wichtig, den ethischen Rahmen zu diskutieren. Zunächst stellt sich die Frage, inwiefern Neuromarketing eine Bedrohung für die sogenannte mentale Privatsphäre darstellen kann. Dies liegt vor, wenn ein Verfahren zum Beispiel darauf abzielt, aus der Hirnaktivität eines Probanden eine Einstellung auszulesen, die die Person bewusst und willentlich gar nicht bereit ist preiszugeben, wenn also Informationen gegen den Willen des Probanden ausgelesen werden sollen. Vor allem Kollateralinformationen sind ethisch problematisch. Jedem, der sich bei Facebook betätigt und dort private Informationen preisgibt, ist klar, dass diese genutzt werden können, um ein Nutzerprofil zu erstellen. Es ist auch möglich, unerwartete oder ungewünschte Informationen über den Facebook-Nutzer in Erfahrung zu bringen, wie etwa die sexuelle Orientierung. Viel weniger ist den Menschen klar, dass sie bei einer Teilnahme an einer Neuromarketing-Studie ebenfalls private Informationen preisgeben können, und zwar auch solche, über die sie gar nicht aufgeklärt worden sind. ​ So ist es zum Beispiel üblich beim Neuromarketing, mit Kernspintomografie ein strukturelles Bild des Gehirns aufzunehmen, damit man die Aktivierungen klar anatomisch zuordnen kann. Allerdings ist es mithilfe dieser strukturellen Aufnahmen möglich, auch an andere Informationen (eben Kollateralinformationen) über den Probanden zu gelangen. Mithilfe von maschinellen Lernverfahren ist es zum Beispiel möglich, aus einer Aufnahme der Hirnstruktur die Wahrscheinlichkeit abzulesen, dass jemand an multipler Sklerose oder an Demenz erkranken wird. Eine weitere wichtige ethische Frage ist, inwiefern Neuromarketing, abgesehen von den Interessen der Probanden, eine allgemeine Einschränkung der menschlichen Freiheit darstellen kann. Wenn mithilfe von maschinellen Lernverfahren die Belohnungsaktivität des Gehirns genau vorhergesagt werden kann, könnte es in der Tat möglich werden, Produkte so zu optimieren, dass sie die Belohnungsantwort des Gehirns maximal stimulieren. Dies könnte ähnlich wie bei stoffgebundenen Drogen zu einem Kontrollverlust seitens der möglichen Käufer führen. Man sieht hier, dass die Themen Neuromarketing, Manipulation und Willensfreiheit eng miteinander verzahnt sind. ​ Wenn eine Person ein unstillbares Verlangen nach einem Produkt hat, wird sie sich nicht mehr frei fühlen, sich gegen den Kauf dieses Produktes zu entscheiden. Auch heute werden Produkte natürlich bereits daraufhin optimiert, dass sie von den Kunden als möglichst angenehm und kaufenswert angesehen werden. Allerdings könnte die technische Analyse und Vorhersage des Belohnungssystems es erlauben, den Entwicklungsprozess zu optimieren. Hier sollte man sich an die Experimente aus den 1950er-Jahren von James Olds erinnern. Er implantierte Elektroden in das Gehirn von Ratten und verband diese mit einer Taste. So konnte das Tier seine eigene Hirnaktivität in verschiedenen Regionen direkt stimulieren. Wenn die Elektrode in den sogenannten Hypothalamus implantiert war, stimulierte sich das Tier über sechsundzwanzig Stunden hinweg über 50.000-mal. Dann schlief es ein, stimulierte sich aber nach dem Aufwachen genauso intensiv wie vorher weiter. Der Verdacht liegt nahe, dass das Tier die Stimulation des Hypothalamus als belohnend empfunden hat und, ähnlich wie ein drogenabhängiger Mensch, nicht mehr in der Lage ist, das Verhalten zu steuern und aufzuhören. ​ Dazu ist es erforderlich, dass Reize in optimaler Weise für das Belohnungssystem zugeschnitten werden. Das ist mit heutigen Neuromarketing-Verfahren noch nicht möglich, denn dazu müsste man ein Produkt entwickeln, dass das Belohnungssystem in hochselektiver Weise stimuliert. Allerdings sollte man gerade bei der technologischen Optimierung einer Einschränkung der menschlichen Freiheit diese Problematik offensiv thematisieren. Das Bild, nachdem es das Ziel von Marketing ist, die objektiven Bedürfnisse von Kunden mit passenden Produkten zu bedienen, ist sicherlich irreführend. Derzeit findet eine Debatte darüber statt, ob Neuromarketing sich als „Wissenschaft der Beeinflussung“ neu definieren sollte. Dabei werden bewusst alle kognitiven Prozesse, die bei einer Kaufentscheidung eine Rolle spielen können, als mögliche Ziele hirntechnischer Beeinflussung ausgewiesen. ​ ​ 10. Ausblick ​ Nach dem ursprünglichen Hype um das Neuromarketing in den 2000er-Jahren, wo die Möglichkeiten stark überschätzt wurden, ist man inzwischen mehr und mehr – zumindest in den seriösen Firmen – zu einer realistischen Einschätzung gelangt. Trotzdem sind in diesem sehr anwendungsnahen Gebiet Verfahren verbreitet, die wissenschaftlich nicht fundiert sind. Es ist nicht unüblich, einen Vortrag über Neuromarketing zu hören, bei dem eine Hirnaktivierungskarte präsentiert wird und der Referent darüber spekuliert, was die Aktivierungen für Schlüsse erlauben. ​ So kann man Aussagen hören wie: „das Belohnungssystem ist stärker aktiviert und deswegen mochten die Probanden dieses Produkt mehr“, oder „das Sehsystem ist sehr aktiv und deswegen basieren die Kaufentscheidungen stark auf den visuellen Eigenschaften des Produktes“. Es handelt sich hier in der Regel um Post-hoc-Interpretationen, man könnte sogar sagen um Kaffeesatzleserei. Wie oben ausgeführt ist der Umkehrschluss von der Hirnaktivität auf die zugrunde liegenden mentalen Zustände extrem problematisch. Die Trefferquoten sind für meisten kommerziellen Anwendungen noch zu niedrig. ​ Ein großes Problem hier ist die begrenzte Auflösung aktueller Verfahren, mit denen die Hirnaktivität gemessen werden kann. Eine weitere Einschränkung stellt der Mangel an Usability dar. Kernspintomografen erfordern erhebliche Einarbeitungszeit und sind nur mit großen Sicherheitsvorkehrungen zu betreiben. Jede einzelne Frage, die man stellen möchte, muss umständlich einprogrammiert werden. Trotzdem gibt es einige interessante mögliche Perspektiven jenseits der Vorhersage von Kaufabsichten. ​ Das Feld des Neuromarketing bedarf also noch einer erheblichen Konsolidierung. Insbesondere ist es wichtig, die Möglichkeiten und Grenzen der Verfahren sowie die ethischen Herausforderungen klar zu thematisieren und auch in Verkaufsgesprächen klar anzusprechen.

  • Selbstheilung als Teil von Medizin und Gesundheitsvorsorge

    Was haben Selbstregulation, Plazebo und mentales Training miteinander und mit aktueller Hirnforschung – sowie mit Gesundheit und Mind-Body-Medizin zu tun? Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 2. Selbstregulation ist auch “Kopfsache“ 3. Rückblick: Steinzeitliche Rituale und eine Kultur der Heilung 4. Rituale und Selbstheilung in der Medizin 5. Heilung aus Sicht einer modernen, ressourcenorientierten Medizin 6. Selbstregulation beginnt im Gehirn 7. Gemeinsamkeiten zwischen Ritualen, Selbstregulation und dem Plazebo-Effekt 8. Gestaltbarkeit der Selbstheilungspotenziale 9. Weitere Anwendungsbeispiele für die “Patientenaktivierung“ 10. Fazit und Ausblick Selbstheilung als Teil von Medizin und Gesundheitsvorsorge Was haben Selbstregulation, Plazebo und mentales Training miteinander und mit aktueller Hirnforschung – sowie mit Gesundheit und Mind-Body-Medizin zu tun? 1. Einleitung ​ Im Jahr 1982, zu einer Zeit, als Begriffe wie „Selbstheilung“ oder gar „Meditation“ keinesfalls gängiger Jargon des gehobenen Feuilletons oder der medizinisch-wissenschaftlichen Fachpresse waren, berichtete die New York Times erstmalig über Studien einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Harvard-Kardiologen Herbert Benson Ausgestattet mit vagen Schilderungen von Ritualen tibetischer Mönche in den entlegenen Höhen der Himalayas und einer eher wirren Beschreibung des im Westen bis dato kaum bekannten „g Tum-mo“ (Hitze-Yoga) hatte man sich auf den steinigen Weg gemacht, um einem vermeintlichen Geheimnis mit moderner Wissenschaft auf die Schliche zu kommen. Im Raum stand die Behauptung, jene Mönche seien in der Lage, ihre eigene Körpertemperatur um ein solches Maß zu erhöhen, dass sie damit eiskalte, feuchte Leinentücher, die man ihnen umgelegte, „dampftrocknen“ konnten. Auch wenn es sich um ein religiöses und nicht ein medizinisches Ritual handelte, so erkannten die Mediziner doch die Bedeutung solcher Fähigkeiten, wenn sie wahr sein sollten; denn das autonome Nervensystem und andere Regulatoren, die für die Steuerung von Blutdruck, Herzfrequenz oder Körpertemperatur zuständig sind, galten bis dato als nicht durch den Willen beeinflussbar. Wenn dieses Dogma wankte, müssten bestimmte Annahmen auch der Herz-Kreislauf-Medizin überdacht werden. Die Forscher machten interessante Beobachtungen auf ihrer Expedition. U.a. sahen sie fast 10 Grad Temperaturunterschied (°C) während des geschilderten Rituals, allerdings nur peripher, d.h. in den Fingern und Zehen. Jener Unterschied aber stellte sich schon innerhalb weniger Minuten ein. Und die Tücher waren nach ca. einer Stunde trocken. Dreimal nacheinander musste jeder Mönch dieses Ritual wiederholen – mit dem immer gleichen Ergebnis und ohne sichtbares Zeichen von Unterkühlung oder Erschöpfung. Diese außergewöhnliche Fähigkeit verdiente fraglos weitere Ergründung. ​ ​ 2. Selbstregulation ist auch "Kopfsache" ​ Wir kennen vergleichbare Phänomene heute beispielsweise aus dem Biofeedback, und auch unter Hypnose können messbare Temperaturunterschiede auftreten. Jenes Phänomen, zumindest seine Ausrichtung, das Benson später in sein Konzept der „Entspannungsantwort“ (engl.: relaxation response) übernahm – dem physiologischen Gegenspieler der biologischen Stressantwort, lässt sich schon mit einfachen Temperaturfühlern für jeden Teilnehmer eines Entspannungskurses nachvollziehen. Diese Erkenntnis an sich war nicht neu, basierte sie doch u.a. auf den Forschungen des Physiologen Walter B. Cannon, der Jahrzehnte zuvor in ebenjenem Labor, in dem auch Benson arbeitete, über Stress und Regulation geforscht hatte. Neu war, dass Menschen fähig sein sollten, durch mentale Techniken auf die „unwillkürliche“ Regulation gezielt Einfluss zu nehmen. Als Ausgangspunkt wurde nun der „Wille“ angenommen; genauer: Geist (Kognition) und Bewusstsein. Das Postulat einer hierarchischen Geist-Körper-Verbindung stand fortan im Mittelpunkt des Interesses. Benson wurde schnell klar, dass seine Berichte zu Hause zu kritischen Rückfragen führen würden. Und so machte er sich auf, um unter dem Begriff der „Mind-Body-Medizin“ die Untersuchung solcher Geist-Körper-Phänomene – und eine mögliche Bedeutung für die Medizin – voranzubringen. An der Harvard Medical School gründete er das Mind/Body Medical Institute (heute: Benson-Henry Institute for Mind Body Medicine), dem er noch bis vor kurzem als Professor selbst vorstand. Doch von den ersten Untersuchungen im Himalaya bis zu den vertiefenden Studien „nach westlichem Standard“ – inklusive experimenteller humanbiologischer Studien unter Laborbedingungen – sollte es noch ein langer Weg sein. So dauerte es u. a. bis zum Jahr 2001, bis man die Bedingungen geschaffen hatte, um in einem „Kloster auf Zeit“ in Frankreich (Abb. 1) einen Großteil jener Untersuchungen durchzuführen oder zu wiederholen, die bis dato eher anekdotenhaft geblieben waren. Die Forschungsbemühungen wurden jetzt stark intensiviert. Solche Untersuchungen waren nun die Voraussetzung für eine vernünftige Begründung nachgelagerter wissenschaftlicher Forschungsfragen. Das ambitionierte Vorhaben trug Früchte: Die Mind-Body-Medizin etablierte sich zusehends in Harvard und an ersten weiteren führenden US-amerikanischen akademischen Zentren. Derartiges blieb nicht ohne Widerhall. Plötzlich begann man sich vielerorts für solche Phänomene (und auch generell für die Meditations- und Entspannungsforschung) zu interessieren, nicht nur in Medizin und Physiologie. Und stellte Fragen. Wie ist die Evidenz? Was sind Wirkungen, Wirkmechanismen? Welche Bedeutung haben sie, was steht dahinter? Kann man es nutzen? Wann, für wen, warum? Eine neue Ära der Selbstregulationsforschung hatte begonnen. ​ ​ 3. Rückblick: Steinzeitliche Rituale und eine Kultur der Heilung Der amerikanische Evolutionspsychologe Matt Rossano sorgte 2007 für Aufsehen mit einem Artikel, der im Cambrigde Archaelogical Journal erschienen war und den Titel trug: „Did Meditating Make Us Human?“ (Hat das Meditieren uns zum Menschen gemacht?) Seine zentrale These: Lagerfeuer-Rituale, wie sie sich in der Form – ggf. mit Gesang, Tanz etc. – wohl erst beim modernen Menschen ereigneten und einer Art „Gruppen-Meditation“ gleichkamen, haben die Fähigkeit einer fokussierten Aufmerksamkeit trainiert, was wiederum zu einer Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses insgesamt führte; dieses nicht nur beim Einzelnen, sondern auch im evolutiven, phylogenetischen Prozess. Rossano spekulierte, dass Meditation und das, was er „schamanistische Heilungsrituale“ nannte, unsere biologische und genetische „Fitness“ verbesserten. Jenen frühen Kult bezeichnet er, im Einklang mit anderen Wissenschaftlern, als die älteste Form einer Religion, wie sie darüber hinaus in praktisch allen traditionellen menschlichen Gesellschaften zu finden sei. Bezug nehmend auf Funde in der Grotta di Fumane in Norditalien beschreibt auch M. Balter in Science (2000) 35.000 Jahre alte Steinplatten mit Darstellungen von menschlichen Umrissen, die Geweih als Kopfschmuck erkennen lassen – andernorts als typisch für Schamanen oder „Medizinmänner“ bekannt. Schon in den 1980er Jahren hatten daher Richard Katz und andere Harvard-Anthropologen festgestellt, dass schamanistische Heilungsrituale wohl eine wichtige adaptive Funktion bei unseren Vorfahren hatten. Und einen Evolutionsvorteil dargestellt haben mochten. Es ist davon auszugehen, dass derartige Rituale, von frühesten schamanistischen Tänzen und Heilungszeremonien, Gruppengesängen oder dem stillen Sitzen am Lagerfeuer über Beschreibungen religiöser Praktiken in Mesopotamien oder Ägypten bis hin zu jahrtausendealten prä-buddhistischen Yoga-Formen in Tibet, nicht rein „zufällig“ in unseren Handlungskanon eingewandert sind, dort konserviert wurden und heute in diversen Kulturen wiederentdeckt werden. Auch die Faszination, die derartige Rituale auf viele Menschen ausüben, mag kein Zufall sein. Der Soziologe und Anthropologe James McClenon geht sogar so weit, zu behaupten, dass eine gewisse „Anfälligkeit“ für die vermeintlich vorteilhaften physiologischen und psychologischen Effekte von Meditations- und Heilungsritualen einen Selektionsvorteil in der menschlichen Evolution dargestellt haben könnte. Zumindest aber scheinen wir für die heilenden Wirkungen religiöser bzw. kulturell tief verwurzelter Medizinpraktiken „voreingestellt“ zu sein. Dabei ist das Anziehende, meinen auch McClenon und Rossano, wahrscheinlich weniger im Glauben zu suchen (oder einer spezifischen Religion), sondern im praktizierten Ritual selbst, welches transreligiös zu interpretieren sei. ​ ​ 4. Rituale und Selbstheilung in der Medizin Die moderne Medizin, wie sie mit Hippokrates von Kos (460–371 v. u. Z.) und den Asklepiaden beginnt, betont schon in ihren frühen Anfängen die Bedeutung des Lebensstils bzw. einer „Lebenskunst“ als wichtige Voraussetzung für Gesundheit und Heilung. So war Hippokrates‘ „Diaita“ weit mehr als eine Ernährungslehre. Es war auch eine Anleitung zur Selbstfürsorge. Ebenfalls wird schon mit der Dreiteilung gearbeitet, die von nun an lange bestimmend in der Medizin sein sollte: Neben der Chirurgie bzw. dem ärztlichen Eingriff und der Pharmakologie waren Lebensführung und Eigenverantwortung essenzielle Bestandteile nicht nur der Behandlung, sondern eben auch der Gesundheitsversorgung (vgl. Therapeia), Gesundheitsforschung (vgl. Hygieina) und Gesundheitsvorsorge (vgl. Prophylaxis). Interessanterweise spielte – neben der Tugendhaftigkeit, der Kunst und der Wissenschaft – auch die Religion weiter eine wichtige Rolle. Lebensziel war u.a. der Erhalt von Ordnung, Ausgleich und Gesundheit. Dieses war eine Frage des systematischen Vorgehens (Wissenschaft), der gemäßigten, geordneten und ausdrucksvollen Lebensweise (Tugend, Kunst) sowie eines frommen oder religiösen Lebens, d.h. des Glaubens – hier v.a. als kulturelles Konstrukt in Erscheinung tretend. Selbstverantwortung war ein zentrales Element. In der Philosophie dieser Zeit spiegelten sich jene Auffassungen (u.a. bei Aristoteles). In den Jahrhunderten, die folgten, tauchte immer wieder die Betonung der Selbstfürsorge im medizinisch-therapeutischen Kontext auf, aber auch im religiösen, denn nach wie vor waren beide Bereiche eng miteinander verbunden. Häufig äußerte sich diese „Synthese“ oder Einbindung im Sinne einer inneren Kraft zur Heilung, d.h. unter der Annahme einer Selbstheilungstendenz und -fähigkeit des Menschen. Wir finden eine derartige Komplementarität zwischen der „äußeren Medizin“ (oder Religion) einerseits und der Selbstfürsorge/Selbstheilung (dem „inneren Arzt“) andererseits u.a. bei Galen im 3. Jahrhundert. Dieser orientierte sich an Hippokrates und Aristoteles und zeichnete eine Medizin vor, die davon ausging, dass Gesundheit – und nicht Krankheit – der Normalzustand (der Mensch also von Natur aus „gesund“) sei und dass funktionale Zusammenhänge und innere Regulationsprozesse zu beachten seien, die prinzipiell die Tendenz zur Heilung hätten, d.h. zum inneren Gleichgewicht führten. Der Arzt war in diesem Kontext mehr Unterstützer und Ermöglicher als eigentliches „Pharmakon“ oder „Agens“ – Medizin bedeutete, dass er mit der Natur zusammenzuarbeiten hatte. Der Einzelne hatte in hohem Maße Einfluss auf die Gesundheit. Ähnliches finden wir später bei Paracelsus im 16. Jahrhundert, der u.a. das Zusammenspiel zwischen dem „Medicus“ – zuständig für medizinische Prozeduren und die Therapie (inkl. der Agenzien) – und „Archaeus“ beschrieb. Die Idee eines Archaeus entsprach dabei weitestgehend jenem „inneren Arzt“, einer ordnenden Kraft, die nach Paracelsus auch eine Verbindung zum fein- oder nichtstofflichen Bereich besaß. Gemeint war hier wohl das, was wir heute mit „Bewusstsein“ oder „Geist“ bezeichnen – Konzepte, die es in der Form im heutigen Europa, kurz vor Descartes, noch nicht gab. Noch in der Ordnungstherapie eines Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert tauchen Analogien auf. Diesen Entwicklungen war gemein, dass Heilung mit der Annahme regulativer Prozesse einherging, d.h., sie war dynamisch und strebte im „Normalfall“ von sich aus zum Gleichgewicht, zur Gesundheit also, die wiederum der Beeinflussung durch den Einzelnen zugänglich war. Wenn diese „natürliche Tendenz“ zu Gesunderhalt oder Wiederherstellung (Restitutio) nicht ausreichte oder die Selbstregulation überfordert war, konnte Einflussnahme von außen geboten sein. Noch bei Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert findet sich jene Idee der Selbstregulation (und Krankheit als die Manifestation einer Überforderung derselben), bevor sie im Zuge der aufkommenden Naturwissenschaft zunächst aus dem Blickfeld der Medizin geriet. Es kam zu einem Auseinanderdriften der zugrunde liegenden Konzepte, mit der Konsequenz, dass „Glaube“ (im beschriebenen Sinn) und Selbstregulation zunehmend an den Rand gedrängt wurden, zusammen oder getrennt voneinander. Dort, in Naturheilkunde, Erfahrungsmedizin, Komplementär- oder Alternativmedizin usw., überdauerten sie und führten, bis vor kurzem, ein „bescheidenes“, aber doch reales Dasein. In der „Schulmedizin“ – d.h. der offiziell gelehrten bzw. bis dato etablierten Medizin – tauchten sie im Gewand des Placeboeffektes immer wieder auf. Hier allerdings kamen sie aus der Hand des Arztes oder Apothekers, deren Bedeutung in einer Art Gegenbewegung kontinuierlich gewachsen war. ​ 5. Heilung aus Sicht einer modernen, ressourcenorientierten Medizin Heute sieht die Situation anders aus. Sei es aus Gründen der Kosteneffizienz, einer stärkeren „Kundenorientierung“ oder tatsächlicher wissenschaftlicher Erkenntnis in der Medizin: Ein zunehmender therapeutisch-medizinischer Pluralismus hält Einzug. Integration löst Separation ab, sagen Befürworter. Unter Federführung der Bundesärztekammer wurde z.B. das „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ ins Leben gerufen. Hier geht es u.a. um Selbstheilungsmechanismen oder die „neue“ Arzt-Patienten-Beziehung. Das blieb nicht ohne Widerstand. Da wurde schon einmal – mehr oder minder offen – von einem „populistischen Kniefall“ der modernen Medizin oder einer konzeptionellen Beliebigkeit gesprochen. In den USA verlief die Debatte weniger aufgeregt: Dort hatten viele der geschilderten Ideen nicht nur in der Psychologie überdauert, was u.a. am großen William James lag, sondern z.B. auch in der Soziologie, die ebenfalls über Gesundheit und Ressourcen forschte. Themen wie Salutogenese, Kohärenz, Hardiness und Resilienz, d.h. innere Faktoren für Gesundheitsschutz, Widerstandsfähigkeit und Stressresistenz, hatten es geschafft, sich auch an Elite-Universitäten zu halten und sich immer wieder – auch im medizinischen Kontext – Gehör zu verschaffen. Ein Durchbruch erfolgte schließlich durch zwei parallele Entwicklungen: Die geschilderten Arbeiten u.a. zur Mind-Body-Medizin eines Herbert Benson und sein Modell des „dreibeinigen Stuhls“ (Abb. 2) korrelierten mit einer „Psychologie des Gesunden“, der sog. „Positiven Psychologie. Das passierte mit maßgeblicher Unterstützung der amerikanischen Gesundheitsadministration und führte schließlich u.a. zur Etablierung einer wissenschaftlichen Integrativ- und Komplementärmedizin (bzw. Mind-Body-Medizin) neben der Gesundheitspsychologie. Die andere Entwicklung war eine sich intensivierende Meditations- und Bewusstseinsforschung, die auf eine immer stärker als Brückendisziplin auftretende, integrierend wirkende Neurowissenschaft, traf, mit immer neueren technischen Möglichkeiten. Dazu kamen eine transdisziplinäre Dialogkultur sowie eine an Fahrt aufnehmende Forschung zur Autoregulation und dem Placeboeffekt. Die Existenz des Placeboeffektes wurde in der Medizin lange bestritten bzw. als methodischer „Fehler“ tituliert, später z.T. eher argwöhnisch beäugt, . Heute gilt er als akzeptiert, wenngleich noch immer nicht vollständig verstanden. Aktuell gelangen – u.a. vom amerikanischen Placebo-Forscher Ted Kaptchuk – bemerkenswerte Studienergebnisse zu uns: Hier wird behauptet, dass der Placeboeffekt selbst dann noch existiere, wenn man sog. „Open-Label-Behandlungen“ durchführe, d.h. den Patienten explizit mitteile, dass ein bestimmtes Medikament ein „wirkstoffloses Scheinmedikament“ darstelle (welches aber möglicherweise „auf die Selbstheilung einen positiven Einfluss“ haben könne). Von Täuschung kann jetzt nicht mehr die Rede sein. Nicht nur scheint die Selbstregulation auch unter diesen Umständen prinzipiell noch zu funktionieren, sondern inzwischen kennt man erste genetische Dispositionen, die für den Placeboeffekt empfänglicher machen. Ganz so, wie es Anthropologen vorhergesagt hatten. ​ 6. Selbstregulierung beginnt im Gehirn Der organische Ursprung solcher Selbstregulationsphänomene liegt erkennbar im Gehirn, d.h. in den zentralregulatorischen Regionen und Achsen, die als wesentliche Steuerungszentren und Effektoren auch für das innere Gleichgewicht und die basalen Funktionen des Gesamtorganismus zuständig sind. Sie nehmen ihren Ausgang im zentralen Nervensystem bzw. werden von dort maßgeblich gesteuert. Moderne Analyse- und Bildgebungsverfahren lassen kaum einen anderen Schluss zu: Begleitet von der Ausschüttung charakteristischer Botenstoffe (z.B. Dopamin, endogene Opiate und Opioide) werden u.a. Zentren und Netzwerke aktiviert, die sich insbesondere in stammesgeschichtlich alten Arealen des Gehirns befinden oder hier zentral angekoppelt sind, z.B. in limbischen Belohnungsregionen. Konsequenterweise scheinen viele „Selbstheilungs-Techniken“ ihre Wirkungen z.T. sehr ähnlich und physiologisch überlappend über die biologisch „konservativen“ – eher unspezifischen – hirneigenen Belohnungsprozesse zu entfalten: Das, was diese Mechanismen im Einzelnen aktiviert, mag spezifisch und stark biografisch oder kulturell geprägt sein (d.h. konditioniert) – und somit i.d.R. recht individuell. Der Mechanismus selbst aber scheint eher einem universellen biologischen Prinzip zu folgen. Und so überrascht es nicht, dass man heute eine Überschneidung bzw. Konvergenz vieler unterschiedlicher Verfahren und Rituale (unter dem Label der „Selbstheilung“) auf jene hirneigenen Autoregulationszentren annimmt bis hin zum Nachweis überschneidender molekularer Signalmechanismen, die ihrerseits wiederum u.a. auf eine Reduktion von Stress- oder Entzündungsmechanismen hinzuwirken scheinen (Abb. 3). Auch wenn die Ergebnisse der Selbstregulation – insbesondere einer sicht- und messbaren Selbstheilung – primär in der Peripherie bzw. lokal am konkreten Ort oder Organ der Heilung sichtbar werden, sich also zunächst von dort zu manifestieren scheinen, so sollte das End- oder Zielorgan am Ende der Regulationsachse nicht mit der Achse selbst oder ihrer Steuerung sowie einer originären Initiierung eines zentralen Regulationsimpulses im Gehirn verwechselt werden. Die Autoregulation unterliegt fraglos einer zentralen Steuerung und damit der exekutiven Kontrolle. Das gilt schon für die Wund- und Knochenheilung. ​ 7. Gemeinsamkeiten zwischen Ritualen, Selbstregulation und Placeboeffekt Der Placeboeffekt beruht, wie gehört, auf einem System der Selbstregulation, d.h. zunächst auf dem Vorhandensein und Funktionieren der entsprechenden biologischen bzw. physiologischen „Apparatur“. Damit es zu seiner Auslösung kommt, müssen diverse Faktoren zusammenkommen: Eine eingeprägte („abgespeicherte“) positive (Vor-)Erfahrung führt bei passender Gelegenheit – abhängig von der konkreten Konditionierung, auch des Kontextes – zu einer positiven Erwartung, . Damit wird auch in diesem „Wiederholungsfall“ ein positiver Ausgang antizipiert und die regulativen Prozesse in jene – erwartete – Richtung gelenkt. Das entsprechend fokussierte Aufmerksamkeitsfenster lässt „intuitiv“ keinen anderen Ausgang erwarten: Man „traut“ sich das bereits erlebte positive Ergebnis gewissermaßen erneut zu, was es zugleich wahrscheinlicher zu machen scheint; jener Prozess wird schließlich innerlich bestärkt bzw. belohnt. All das ist durch die oben beschriebenen Hirnzentren oder autoregulatorischen Prozesse prinzipiell herstellbar – sie stellen in diesem Kontext eine systemische und funktionelle Einheit dar. In Bezug auf den Betroffenen (den „Regulierenden“) bedeutet dies, dass Heilung „möglich“ erscheint und sich innerhalb des intentionalen Wahrnehmungs- und Wahrscheinlichkeitsfensters befindet. Rituale wiederum sind Kontexte. Und jene sind besonders häufig – kulturell, aber auch situativ – positiv besetzt. Das gilt auch für „Glücksbringer“ und vergleichbare Zeichen: Hier werden positive Konditionierungen zu einer Art Selbstversicherung, um dann – im günstigen Fall – in eine positive Selbstwirksamkeit (oder eine Erwartung davon) umzuschlagen. Als „Katalysator“ dieses Prozesses können die Rituale oder Techniken selbst dienen oder aber die angekoppelten Vorstellungen und inneren Bilder, die ihrerseits an die originären Kontexte gebunden sind. Solche „Katalysatoren“ können dem unmittelbaren Gefühl der Verbundenheit dienen (mit einer Person, die es „gut“ meint, einem Ort, Wunsch etc.), was es evtl. leichter macht, sich „einzulassen“ und „einzustimmen“. Am Ende wird auf diese Weise – realistisch oder nicht – das Kontrollgefühl (bzw. die Attribution davon) gestärkt. Der Kreis schließt sich: Man erlebt sich selbst tatsächlich als „wirksam“. In diesem Sinne können wir Heilungsrituale heute auch als praktischen Anker jener (neuro-)biologischen und psychomentalen Zusammenhänge verstehen und die Mind-Body-Medizin als „angewandten Placeboeffekt“, die Selbstheilung als eine Art „Placebo-Medizin“. In jedem Fall aber scheinen die geschilderten Phänomene rund um die Selbstregulation nach wie vor von hoher Relevanz für die Medizin zu sein – in Forschung, Selbstverständnis und Anwendung. ​ 8. Gestaltbarkeit der Selbstheilungspotentiale Eine Frage, die aus medizinischer Perspektive zu Recht zu stellen ist, ist die nach der Einsatzfähigkeit der Selbstheilung im klinischen Kontext. Daran gekoppelt ist auch der Aspekt einer prinzipiellen Trainier- und Veränderbarkeit jener Potenziale, um tatsächlich wirksam im Kontext einer gezielten medizinischen Anwendung sein zu können – in der therapeutischen Umsetzung mit dem Patienten einerseits sowie im Bereich von Prävention und Gesundheitsförderung andererseits. Damit die Selbstregulation ihr vermeintliches Potenzial ausspielen kann, muss sie aus dem theoretischen Modell heraus in praktische Szenarien übersetzt und in konkreten Behandlungspfaden, d.h. bei spezifischen Diagnosen und Indikationen implementiert, evaluiert und analysiert werden. Hier hat sich in den letzten 10–15 Jahren viel getan, . Wie dargelegt, haben es die Selbstregulationsmechanismen – u.a. im Gewand des Placeboeffektes oder in Form von integrierten Selbstheilungsritualen und -verfahren – heute wieder zurück in die etablierte Medizin geschafft. Daran hat auch die wissenschaftliche Mind-Body-Medizin einen wesentlichen Anteil, unterstützt u.a. durch die neurowissenschaftliche Grundlagenforschung oder Entwicklungen im Bereich einer integrativen Medizin, die auch die Primärversorgung nunmehr als zentralen Ort für die Umsetzung therapeutisch-präventiver Maßnahmen unter Einbeziehung von Selbstheilung und individueller Gesundheitsförderung anerkennt, Die Forschung hat zusätzlich verdeutlichen können, dass Verhaltensänderungen einer motivationalen Selbststeuerung unterliegen, wenn sie nachhaltig sein sollen, . Typische Szenarien und Beispiele für die Anwendung solcher Maßnahmen und Verfahren finden wir heute folglich im Bereich der Meditations- und Achtsamkeitsforschung, im Rahmen der therapeutischen oder präventiven Stressreduktion, auch der sog. Glücksforschung, aber ebenso im Umgang mit Schwersterkrankung, Tod und Sterben. Dabei beschränken sich die Settings und Indikationen, in denen die Selbstheilung oder Mind-Body-Medizin therapeutisch zum Einsatz kommt, keineswegs mehr nur auf Bagatellerkrankungen oder die Behandlung von Befindlichkeitsstörungen – bzw. in der Applikation bei vermeintlich Gesunden als „Wellness-Therapie“, sondern sie werden im Sinne einer Komplementärmedizin in nahezu allen Bereichen von Gesundheitsförderung, Prävention, Kuration, Therapie und Palliation eingesetzt, in ambulanten und in stationären Kontexten und immer dann, wenn evidenzbasierte, evaluierte Maßnahmen für die Umsetzung aus diesem Bereich jeweils bereitstehen oder analoge Verfahren etabliert und empirisch nachweislich erprobt sind. Dabei gibt es durchaus Unterschiede im internationalen Bereich, die auch von strukturellen, berufs- und standespolitischen sowie insbesondere von finanziellen Faktoren abhängen: Die Bezahlung und damit durchgehende Würdigung von Selbstheilungstrainings, Mind-Body- und integrativer Medizin sowie Gesundheitsförderung ist noch immer von Land zu Land unterschiedlich. Eine Lösung für die Zukunft in vielen Bereichen könnten evtl. appbasierte Kompetenztrainings oder andere mobile bzw. virtuelle Angebote darstellen. Das gilt jedoch für klassisch-etablierte Versorgungsangebote in gleicher Weise, insbesondere in der Primärmedizin. Hier ist viel in Bewegung gekommen. ​ ​ 9. Weitere Anwendungsbeispiele für die "Patientenaktivierung" Gemäß Bensons Modell des dreibeinigen Stuhls (Abb. 2) ist, wie gehört, eine Abtrennung von Selbstregulation, Selbstfürsorge und Selbsthilfe bzw. Selbst- und Autoregulation von einer „normalen“ oder „Schulmedizin“ mit medizinischen Prozeduren und Medikamenten als den primären Domänen nicht sinnvoll – und wohl auch nicht mehr zeitgemäß. Pathogenetische und salutogenetische Aspekte und Perspektiven gehören heute gleichermaßen berücksichtigt und integriert in Angebote einer integrativen, ressourcenorientierten und ganzheitlichen Gesundheitsversorgung (Abb. 4). Dies gilt insbesondere in der alltagsnahen primären ambulanten Versorgung. Dabei spielt auch die Gesundheitsförderung, wie beschrieben, eine zentrale Rolle. Die Gesundheitsförderung im genannten Sinn dient heute wesentlich auch einer Patientenaktivierung – bzw. Selbstaktivierung – und ist somit vielerorts schon integraler Bestandteil einer patientenzentrierten bzw. patientenorientierten praktischen Versorgung geworden. Dabei scheint sie heute immer weniger an die ursprünglich strikte Trennung in „gesund“ und „krank“ gebunden (wo ihr der Bereich der Gesunden mitunter zugestanden wurde), sondern sie konnte sich, in Anerkenntnis auch des Kontinuums zwischen den beiden genannten Polen, auf denen sich die Individuen bewegen, nunmehr über das gesamte Spektrum ausbreiten (Abb. 4). Stressassoziierte Erkrankungen, wie sie in der Primärmedizin häufig zu beobachten sind, stellen heute eine wichtige Säule einer auf Selbstregulation basierenden Medizin dar. Aber auch im Bereich der Gesundheitsförderung, d.h. in Settings, wo i.d.R. zunächst eher vermeintlich Gesunde anzutreffen sind – z.B. am Arbeitsplatz oder in Schulen und Hochschulen,spielt das Management von individuellen und verhältnisbezogenen Belastungen heute eine zunehmende Rolle. Neben integrativen Ansätzen und Therapieverfahren der klassischen Naturheilkunde kommen in diesem Kontext, wie in der Primärversorgung insgesamt, zunehmend auch solche Strategien einer modernen und patientenorientierten Arzt-Patienten-Kommunikation zum Einsatz, die v.a. auf Transparenz in der Interaktion als zentraler Säule beruhen. Das verändert zusätzlich die künftige Arztrolle und – mutmaßlich – auch die Arzt-/Therapeut-Patienten-Beziehung: Dies scheint geradezu ein Kennzeichen der zeitgemäßen Integration von Aspekten der Selbstregulation und Selbstheilung in die Medizin darzustellen. Ärzte und Patienten müssen sich an ihre neuen Rollen, auch an ihre „Rechte und Pflichten“, erst noch gewöhnen. Nach gegenwärtigem Stand aber bietet diese Veränderung und Erweiterung des überbrachten Paradigmas in der Interaktion offenbar mehr Vor- als Nachteile. ​ 10. Fazit und Ausblick Von der Aufbruchsstimmung, rund um Patientenaktivierung und Patientenzentrierung, und dem Momentum, das aktuell und zunehmend an vielen Stellen im Gesundheitswesen im In- und Ausland zu beobachten ist – und auch Aspekte von Digitalisierung, Netzwerkforschung und Infotainment für die Stärkung der Patientenkompetenz und Selbstfürsorgefähigkeit einbezieht, können viele profitieren, am deutlichsten aber wohl die individuellen Player und Menschen im System, d.h. die Patienten selbst sowie deren Behandler und Ansprechpartner. Die Selbstregulation lässt sich aus diesen Verflechtungen kaum mehr heraustrennen, innerer und äußerer Arzt arbeiten heute zunehmend vertrauensvoll – und gut – zusammen, was letztlich eine qualitativ bessere und befriedigende Gesundheitsversorgung für alle bedeuten könnte. Man wird es weiter beobachten müssen – die Zeichen aber stimmen positiv.

  • Neurowissenschaftlich fundiertes integratives Coaching

    Die Wirksamkeit von neurowissenschaftlich fundierten Methoden im integrativen Coaching. Inhaltsverzeichnis 1. Ausgangslage 2. Welche Faktoren bestimmen unsere Persönlichkeit und Psyche? 3. Das „Vier-Ebenen Modell“ 4. Was bedeuten diese Modelle für das Coaching? 5. Wie sollte man in Coaching vorgehen? 6. Die Bedeutung des “Arbeitsbündnisses“ 7. Bedingungen und Ziele von Coaching und Therapie nach Klaus Grawe 8. Ein integratives, neurobiologisch fundiertes Konzept des Coaching 9. Flexibilität der Interventionsformen 10. Schlussbemerkung Neurowissenschaftlich fundiertes integratives Coaching Die Wirksamkeit von neurowissenschaftlich fundierten Methoden im integrativen Coaching. 1. Ausgangslage ​ Die Angebote im Bereich des Coaching sind inzwischen unüberschaubar und erstrecken sich auf nahezu alle Bereiche des beruflichen und privaten Lebens. Viele dieser Angebote erscheinen aber dem nüchternen Betrachter weder konzept-basiert noch empirisch überprüft. Andere Angebote können durchaus Wirksamkeit vorweisen, besitzen aber kein wissenschaftlich fundiertes Konzept einschließlich eines Erklärungsmodells für den Erfolg ihrer Interventionen. Wünschenswert ist beides – eine wissenschaftliche Fundierung und ein Wirkungsnachweis, der internationalen Standards genügt. Viele Coaches sind der Meinung, Coaching sei etwas für psychisch Gesunde, und ziele vornehmlich auf berufliche Probleme und Tätigkeiten ab. Probleme und Belastungen von Persönlichkeit und Psyche seien hingegen Sache der Psychotherapie. Dem steht die Ansicht ebenso vieler Coaching-Experten gegenüber, dass es beim Coaching immer auch um die Persönlichkeit, der Weisen des Fühlens, Denkens und Handelns der Beteiligten geht. Jedes Change Management in Betrieben hat neben rein organisatorischen Fragen stets mit Personen zu tun, mit Vorgesetzten und Mitarbeitern, ihren Einstellungen, Verhaltensweisen, Motiven usw., und oft scheitern viele Reorganisationsmaßnahmen daran, dass sie nicht genügend auf die besondere Persönlichkeit der Beteiligten achten und diese in Rechnung stellen. Im Bereich des Führungskräfte-Coaching sind die individuellen Ausprägungen von Temperament und Persönlichkeit auf beiden Seiten von zentraler Bedeutung, und natürlich auch beim Team-Coaching und beim Individual-Coaching. Jede soziale Interaktion und Kommunikation wird bestimmt von der Persönlichkeit der Beteiligten. Selbst beim Wunsch einer Leistungssteigerung kommt der Coach nicht umhin, sich mit der Persönlichkeit, der Befindlichkeit und Motivationslage des Klienten hinreichend zu befassen. Es ist deshalb für ein fundiertes Coaching-Konzept erforderlich, hinreichend Kenntnisse darüber zu besitzen, wie sich Persönlichkeiten in ihrer Gleichheit und Unterschiedlichkeit entwickeln, von welchen Faktoren dies abhängt und in welchem Maße man Persönlichkeiten eines Menschen als Individuum und als sozialen Partner ändern kann. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich Neurowissenschaftler bemüht, in enger Zusammenarbeit mit Persönlichkeits-, Entwicklungs- und Sozialpsychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten die neurobiologischen Grundlagen der Entwicklung der Persönlichkeit und Psyche und damit auch die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderbarkeit des Fühlens, Denkens und Handelns zu erkennen. Dazu liegt inzwischen sehr umfangreiche und kaum mehr überschaubare Fachliteratur vor, was erklärt, dass diese Erkenntnisse bisher nur wenig Eingang in das Coaching gefunden haben. Bisherige Versuche eines „Neuro-Coaching“ wurden fast ausschließlich von Nicht-Neurobiologen vorgenommen und können deshalb nicht einer wirklich wissenschaftlichen Fundierung des Coaching dienen. ​ ​ 2. Welche Faktoren bestimmen unsere Persönlichkeit und Psyche? ​ Bei unterschiedlichen Bereichen der Persönlichkeit und der Psyche liegt eine unterschiedliche Wechselwirkung von Anlage- und von Umweltfaktoren vor. Es handelt sich dabei um folgende Faktoren: Genetische und epigenetische, d.h. gen-regulatorische Mechanismen. Während erstere sich nur über Tausende von Jahren ändern, können epigenetische Änderungen von einer Generation zur anderen spontan auftreten oder durch bestimmte Umwelteinflusse vorgeburtlich oder nachgeburtlich hervorgerufen sein. Unter bestimmten Bedingungen können sie auch vererbt werden. Vorgeburtliche physiologisch-hormonale Beeinflussungen des Gehirns und Körpers des Fötus durch Gehirn und Körper der werdenden Mutter. Der Fötus ist mit dem Kreislauf und dem Gehirn der Mutter verbunden. Hierüber gelangen bestimmte hormonale Signale, z.B. Stress- und Sexualhormone, vom mütterlichen Gehirn in das des Fötus und können dessen Entwicklung verändern. Dabei kann es im negativen Fall zu tiefgreifenden Störungen der fötalen Entwicklung kommen, etwa wenn die Mutter während der Schwangerschaft oder vorher schwer traumatisiert wurde. Frühe nachgeburtliche Einwirkungen der Umwelt, insbesondere hinsichtlich der Qualität der frühen Bindungserfahrungen und der frühen Sozialisierung. Diese greifen über das Verhalten der primären Bezugsperson tief in die Hirnentwicklung des Säuglings und Kleinkindes ein und können entscheidende Weichen der Persönlichkeitsentwicklung stellen. Sie bewirken die primäre Sozialisation eines Individuums Umwelteinflüsse und Erfahrungen in späterer Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter. Solche Einflüsse kommen aus der Familie, dem Kindergarten und der Schule sowie der sozialen Umgebung im Jugend- und Erwachsenenalter. Diese Einflüsse sind weniger prägend als die vorgeburtlichen und früh-nachgeburtlichen Einflüsse. 3. Das „Vier-Ebenen-Modell“ ​ Das psycho-neurobiologische „Vier-Ebenen-Modell“ der Persönlichkeit und Psyche von Roth und Cierpka geht vom Vorhandensein von vier anatomisch und funktional unterscheidbaren Gehirnebenen aus, nämlich von drei limbischen Ebenen und einer kognitiven Ebene. Die untere limbische Ebene enthält alle Mechanismen, die der Lebenserhaltung und der Erfüllung der primären körperlichen Bedürfnisse dienen; auf ihr sind auch diejenigen Merkmale von Psyche und Persönlichkeit angesiedelt, mit der wir auf die Welt kommen und die in der Persönlichkeitspsychologie „Temperament“ genannt werden. Heute nimmt man an, dass dieses Temperament als „angeborener“ Kern unserer Persönlichkeit bereit eine Mischung von genetisch-epigenetischen Faktoren und vorgeburtlichen Einwirkungen über Körper und Gehirn der Mutter darstellt. Die auf der unteren limbischen Ebene ablaufenden Prozesse gehören zum „primären Unbewussten“ und sind schwer oder gar nicht „von außen“ zu ändern. Auf der mittleren limbischen Ebene vollziehen sich die Erfahrungen des Säuglings und Kleinkindes im Laufe der ersten 3 Jahre, vornehmlich solche im Zusammenhang der Interaktion mit der primären Bezugsperson, meist der Mutter. Diese Erfahrungen prägen sich tief ein und sind nur durch gezielte Maßnahmen zu ändern. Säugling und Kleinkind erleben diese Erfahrungen zumindest teilweise bewusst, diese Erfahrungen können aber nicht langfristig abgespeichert und erinnert werden, da in den ersten Lebensjahren noch kein erinnerungsfähiges Langzeitgedächtnis vorhanden ist. Man nennt diese Phase seit Sigmund Freud die „infantile Amnesie“. Sie gehören wegen ihrer prinzipiellen Nichterinnerbarkeit zum „sekundären Unbewussten“. Auf der oberen limbischen Ebene vollziehen sich diejenigen Prozesse, die geeignet sind, unsere primäre Persönlichkeit mit den Erfordernissen des sozialen Zusammenlebens in Einklang zu bringen, von der Familie über den Kindergarten und die Schule bis hin zum Erwachsenenalter. Hier geht es um die Ausbildung von Kooperativität, Rücksichtnahme, Geduld, Kompromissfähigkeit, Empathie, aber auch um Zielstrebigkeit, Durchsetzungswille, Selbstwirksamkeit, Selbstverwirklichung usw. All dies vollzieht sich auf bewusste und vorbewusste Weise, d.h. im Rahmen des Aktualbewusstseins als Zustand des Arbeitsgedächtnisses, gefolgt vom Absinken der Inhalte in das Langzeitgedächtnis, aus dem die Inhalte durch Erinnern gegebenenfalls wieder ins Aktualbewusstsein zurückgeholt werden können. Einige Inhalte sinken aber – sofern sie nicht verstärkt werden – so tief in das Langzeitgedächtnis ab, dass sie nicht mehr willentlich erinnert werden können, sondern nur mithilfe eines Coaches oder Psychotherapeuten. Diese Inhalte nennen wir das „tiefe Vorbewusste“. Auf der kognitiv-sprachlichen Ebene finden der Erfahrungs- und Wissenserwerb sowie die sprachliche Kommunikation als Grundlage des rein sachlichen Denkens, der Vorstellungen und der Handlungsplanung statt – also ohne Emotionen. Die emotionalen Komponenten solcher Geschehnisse werden von den Instanzen der oberen limbischen Ebene hinzugefügt. Die kognitiv-sprachliche Ebene kann von den limbischen Ebenen stark beeinflusst werden, hat aber selbst kaum Einfluss auf diese limbische Ebene und damit auf unsere Gefühle und unser Verhalten. Dies ist der Grund dafür, dass uns Gefühle – auch unbewusster Art – uns manchmal überwältigen und zu „irrationalem“ Verhalten führen können, es aber umgekehrt schwierig bis unmöglich ist, hoch starke emotionale Zustände gedanklich-rational zu kontrollieren, sondern höchstens über langes Einüben. Auf den drei genannten limbischen Ebenen entwickeln sich Persönlichkeit und Psyche. Dies geschieht im Rahmen der Funktionen von sechs „psycho-neuralen“ Grundsystemen. Hierzu gehören: das Stressverarbeitungssystem. Es beginnt mit seiner Entwicklung weit vor der Geburt und stabilisiert sich in den ersten Lebensjahren; es legt fest, in welchem Maße eine Person mit Problemen und Belastungen umgehen kann. Es wird vor allem durch die sogenannte Stress-Achse und die Produktion und Regulation von Stresshormonen (z.B. Noradrenalin, Cortisol) bestimmt. das Selbstberuhigungssystem, das kurze Zeit später mit seiner Entwicklung startet. Es legt fest, wie schnell und effektiv eine Person sich beruhigen und psychisch stabilisieren kann. Dieses System beruht vornehmlich auf der Produktion und Regulation des Neuromodulators Serotonin. das Bindungssystem, das unmittelbar nach der Geburt seine Funktion aufnimmt; es bestimmt, in welchem Maße wir als Kinder, Jugendliche und Erwachsene emotional gebunden sein und Bindung vermitteln sowie Empathie zeigen können. Hier wird vornehmlich das „Bindungshormon“ Oxytocin wirksam. das Impulshemmungssystem, das sich in den ersten Lebensjahren entwickelt. Hier entsteht die Fähigkeit zur Kontrolle des eigenen Verhaltens, zur Zielstrebigkeit, zum Belohnungsaufschub und zur Kooperativität. Dieses System wird durch die Interaktion erregender und hemmender Neurotransmitter und Neuromodulatoren gesteuert, die im Frontalcortex wirksam sind. das Motivationssystem, das sich parallel hierzu entwickelt und die unbewussten, intuitiven und bewussten Motive und Ziele ausbildet, die unser Verhalten lenken. Hierbei spielen der Neuromodulator Dopamin sowie hirneigene „Belohnungsstoffe“ (endogene Opioide und Cannabinoide) eine wichtige Rolle. das Realitäts- und Risikowahrnehmungssystem, das sich ab der späteren Kindheit entwickelt und auf der Fähigkeit beruht, die tatsächlichen Konsequenzen unseres Verhaltens zu registrieren und in Rechnung zu stellen, als auch die Fähigkeit, mögliche Konsequenzen unseres Handelns abzuschätzen und bei der Handlungsplanung zu berücksichtigen. Hierbei ist u.a. der Neuromodulator Acetylcholin und seinem Einwirken auf Zentren des Frontalhirns wirksam. Diese sechs Systeme stehen im Dienste der Erfüllung der Grundbedürfnisse des Menschen, nämlich Bindung, Selbständigkeit (Autonomie), Kontrolle, Lusterwerb, Leistung und Selbstwert. Voraussetzung für seelische Gesundheit ist die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse. Die damit verbundenen Motive können jedoch in Widerspruch zueinander geraten, wenn die Erfüllung eines Grundbedürfnisses auf Kosten der Erfüllung eines anderen steht, z.B. Geborgenheit vs. Autonomie, Ruhe vs. Aktivität/Leistung, Sicherheit vs. Neugier usw. Das Ausmaß dieser „Inkonsistenzen“ im Sinne von Klaus Grawe (2004) wird bestimmt durch genetisch-epigenetische Vorbelastungen, vor- und nachgeburtliche negative Einflüsse, insbesondere im Zusammenhang mit einer mangelhaften Bindungserfahrung, Erfahrungen in der späteren Kindheit und Jugend sowie im Erwachsenenalter, von denen die ersten beiden Faktoren offenbar die wichtigsten sind. 4. Was bedeuten diese Modelle für das Coaching? ​ Die erste Erkenntnis lautet, dass die Persönlichkeit eines Menschen aus bestimmten Ebenen aufgebaut ist, die sich zu unterschiedlichen Zeiten der Individualentwicklung und unterschiedlich lange entwickeln und eine unterschiedliche Dynamik bzw. Plastizität aufweisen und somit auch unterschiedliche Coaching-Maßnahmen erfordern. Es gibt einen unteren vegetativ-affektiven „Sockel“ der Persönlichkeit, der das Temperament bildet, mit dem wir auf die Welt kommen. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass dieser Sockel rein genetisch bedingt ist; vielmehr lassen sich auch schon hierbei Einflüsse der „Umwelt“ erkennen, die vom Körper und Gehirn der Mutter gebildet werden. Dies alles geschieht völlig unbewusst und ist später nicht oder kaum mehr zu beeinflussen. Darauf baut sich auf der mittleren limbischen Ebene die erste Sozialisation auf, und zwar im Rahmen der frühkindlichen Bindungserfahrung, innerhalb derer wir auf die Persönlichkeit der primären Bezugsperson bzw. Bezugspersonen, z.B. Vater und Mutter. Hierbei vollzieht sich auch die Weitergabe prägender positiver und negativer Erfahrungen von einer Generation auf die andere einschließlich traumatischer Erfahrungen („transgenerationeller Transfer von Traumata“). Diese frühen Prägungserlebnisse sind nicht erinnerbar. Folgen negativer Art für Psyche und Persönlichkeit sind oft schwerwiegend. Beide Ebenen zusammen bilden den unbewussten Rahmen für die weitere Entwicklung der Persönlichkeit auf der oberen limbischen Ebene, auf der sich unsere eigentliche Sozialisation vollzieht, d.h. die Einpassung unserer kindlichen Persönlichkeit an und in die gesellschaftlichen Strukturen. Dies betrifft selbstverständlich auch alle Umgangs- und Kommunikationsformen und Verhaltensweisen, die wir für ein erfolgreiches Berufsleben benötigen. Hierbei kommt es entscheidend darauf an, in welchem Maße wir Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Selbstmotivation entwickeln und welchen Grad an Anpassungsfähigkeit wir haben – ob und in welchem Ausmaß wir fähig sind, uns zu ändern, Kompromisse einzugehen, uns neu zu orientieren, zu kommunizieren, Informationen aufzunehmen und zu beurteilen, andere Menschen in ihren Befindlichkeiten und Motiven zu erkennen usw. Diese obere limbische Ebene ist die vornehmliche „Einsatzebene“ des Coaching, und zwar dann, wenn die Entwicklungen auf den beiden unteren Ebenen relativ normal verlaufen sind, d.h. wenn nicht starke genetisch-epigenetische Vorbelastungen vorliegen und es nicht zu schwereren Traumatisierungen gekommen ist. Das bedeutet aber nicht, dass im Coaching nicht auch primär unbewusste und sekundär unbewusste (d.h. nicht erinnerbare) Anteile der Persönlichkeit angesprochen werden sollten. Dies geschieht vornehmlich im Rahmen nicht-verbaler Kommunikation einschließlich der „Körpersprache“, die im Wesentlichen von der unteren limbischen Ebene bestimmt wird. Die kognitiv-sprachliche Ebene ist das „Vehikel“ der sozialen Interaktion, sie hat aber allein für sich genommen kaum eine Wirkung. Anders ausgedrückt: durch reines Reden und Erklären und den bloßen Appell an die Einsicht lassen sich das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen nicht ändern – es müssen immer die limbischen Ebenen und damit die Emotionen, die verhaltenswirksamen und die körperbezogenen Anteile angesprochen werden, wie noch zu erläutern sein wird. 5. Wie sollte man im Coaching vorgehen? ​ Im Coaching findet eine Vielzahl von Interventionen statt, die in ihrer Wirkung nicht oder nur ungenügend sind. In dieser Situation empfehlen viele Coaching-Experten, sich an Interventionsformen anerkannter Psychotherapieverfahren, insbesondere solche der sogenannten „Richtlinienverfahren“ zu orientieren, weil bei letzteren sowohl ein wissenschaftlich fundiertes Konzept als auch der Nachweis der tatsächlichen Wirksamkeit vorzuliegen scheint. Dabei muss allerdings gefragt werden, wie wissenschaftlich fundiert und in ihrer Wirkung tatsächlich belegt die psychotherapeutischen Richtlinienverfahren sind. Dies betrifft die Ergebnisse der Psychotherapie-Wirksamkeitsforschung, die inzwischen international einen hohen Standard erreicht hat. Zahlreiche Wirksamkeitsanalysen haben ergeben: Der Unterschied von Psychotherapie insgesamt zu Nichtbehandlung ist signifikant, sinkt aber deutlich, wenn man den „Placebo-Effekt“, zum Beispiel ein freundliches Gespräch, davon abzieht. Das Fazit lautete: Psychotherapie ist wirksam, aber eine Placebo-Behandlung ohne spezifische Interventionen scheint auch eine gewisse Wirkung zu haben. Man kann davon ausgehen, dass diese Erkenntnisse auch für das Coaching zutreffen. Die Wirksamkeitsstudien legen das sogenannte „Drittel-Gesetz“ nahe: Die Richtlinien-Therapien sind ganz allgemein bei rund einem Drittel der Patienten gut bis sehr gut wirksam, bei einem weiteren Drittel nur mäßig wirksam und beim dritten Drittel unwirksam. Das Fazit lautet: Es gibt keine grundsätzliche Überlegenheit einer bestimmten Psychotherapie-Richtung über andere Richtungen. Jede der anerkannten Therapien scheint bei bestimmten Patienten, bestimmten psychischen Erkrankungen und in den Händen bestimmter Therapeuten eine unterschiedliche Wirkung zu entfalten. Dies gilt mit Sicherheit auch für das Coaching. Es sollte entsprechend das Ziel sein, für Coaching das „Beste“ aus den verschiedenen Richtungen zusammenzustellen. Aber worum handelt es sich dabei aus neurowissenschaftlicher Sicht? Der Vorteil der von vielen Coaches praktizierten Verhaltenstherapie ist die Behandlung von „Fehlkonditionierungen“ auf der Verhaltensebene durch Einüben neuer Verhaltensweisen auf der Basis bekannter Methoden der klassischen und operanten Konditionierung. Nachteile dieser Methodik bestehen erstens darin, dass bei tiefergreifenden Problemen die Gefahr der Behandlung der Symptome und nicht der Ursachen besteht. Dieser Nachteil wird dadurch verstärkt, dass sich die VT der Vorgeschichte der Behinderungen und Störungen keine Bedeutung beimisst. Zweitens ist die klassische Annahme der Verhaltenstherapie, man könne dysfunktionale Verhaltensweisen auslöschen, falsch. Die Amygdala – so heißt es zu Recht – „vergisst nicht“, auch wenn bewusstseinsmäßig keine Erinnerung mehr besteht. Fest eingegrabene Denk-, Gefühls- und Verhaltensweisen werden nicht „ausradiert“, sondern nur überlernt – immer mit der Gefahr, dass sie wieder hervorbrechen. Die im Coaching ebenfalls beliebte Kognitive Verhaltenstherapie geht davon aus, dass psychische Belastungen das Ergebnis fehlangepasster Weisen („Schemata“) des Selbst, der Umwelt und der Zukunft sind, etwa dass man die Welt bedrohlicher oder sich selbst bedeutungsloser sieht als dies objektiv der Fall ist, und dass diese durch eine „kognitive Umstrukturierung“ der Schemata behoben werden können. Der Vorteil der KVT liegt in der Betonung der Wichtigkeit der geistig-emotionalen Einstellung des Patienten, die bei der VT kaum eine Rolle spielt, sowie in der Respektierung der Persönlichkeit und Autonomie des Patienten. Der Nachteil der KVT liegt darin, dass eine rein kognitive Umstrukturierung ohne Aktivierung von Emotionen wirkungslos ist, denn die kognitiven Zentren des Gehirns, z.B. das obere Stirnhirn, haben keinen direkten Einfluss auf die limbischen Zentren, die für unsere Befindlichkeit, unsere Emotionen, unser Verhalten und unser Körpergefühl zuständig sind. Diese werden hingegen stark von den emotional-motivationalen limbischen Zentren beeinflusst. Deshalb gehen viele KVT-Psychotherapeuten mit Recht zu emotions- und bindungsfokussierten Interventionen über. Ebenso nachteilig ist wie bei der VT die weitgehende Vernachlässigung der Vorgeschichte der dysfunktionalen Verhaltensweisen. Psychoanalytische und psychodynamische Behandlungen (PA) gehen von der aus neurowissenschaftlicher Sicht korrekten Einsicht aus, dass das Unbewusste und Vorbewusste unser Handeln stärker beeinflussen als das Bewusstsein, und dass vielen psychischen Störungen belastende bzw. traumatisierende Erfahrungen in Kindheit und Jugend zugrunde liegen. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass die Qualität frühkindlicher Bindung entscheidend für die Entwicklung der Persönlichkeit und der Bindungsfähigkeit im Erwachsenenalter ist. Die klassische Psychoanalyse misst deshalb zu Recht der Erörterung der Vorgeschichte der Störungen eine wichtige Rolle bei. Der Nachteil der PA liegt in der Fokussierung auf „Bewusstmachen des Unbewussten“ als angeblich wichtigstem Teil der Therapie. Dem steht die Erkenntnis der Neurowissenschaften gegenüber, dass weder das primär Unbewusste (also das, was nie bewusst war), noch das sekundär Unbewusste (das, was in den ersten 3 Jahren geschah, aber nicht erinnert werden kann) bewusst gemacht werden kann. Es gibt keinen direkten verbalen oder bildlichen Zugang zum Unbewussten, sondern nur über die Deutung nichtverbaler kommunikativer Signale, des Verhaltens und des Körpers. Zu den Nicht-Richtlinienverfahren wie Gesprächstherapie, Gestalttherapie, systemische bzw. Familientherapie oder Hypnotherapie liegen bisher keine belastbaren Wirkungsevidenzen vor, und ihre Wirkungsmodelle sind oft nur schwer aus neurobiologischer Sicht zu beurteilen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht Interventionsformen anbieten, die nützlich sind. Viele dieser Richtungen basieren aber auf der Annahme, dass sprachliche Kommunikation (das „miteinander reden“) allein schon eine hohe Heilungskraft besitze. Dies ist aber aus neurowissenschaftlicher Sicht fraglich, auch wenn die Kommunikation ein wichtiger Bestandteil der „Therapeutischen Allianz“ bzw. des „Arbeitsbündnisses“ ist. Mindestens genauso wichtig ist die nicht-verbale Kommunikation über Gestik, Mimik, Stimmführung und Körperhaltung, denn diese reicht viel tiefer in unsere Persönlichkeit hinein, als es das verbale Gespräch vermöchte. ​ ​ 6. Die Bedeutung des “Arbeitsbündnisses“ ​ Zahlreiche Untersuchungen zur Effektivität von Psychotherapien zeigen, dass bei allen Behandlungsweisen 30-70%, zuweilen 100% der Wirkung auf einen gemeinsamen und unspezifischen Faktor zurückzugehen. Nach Ansicht des Pioniers auf diesem Gebiet, des amerikanischen Psychiaters J. D. Frank (1961), kann man in diesem Zusammenhang drei Grundelemente einer erfolgreichen Behandlung erkennen: Vertrauen des Behandelten in den Behandelnden Überzeugung des Behandelnden, dass er dem Behandelten helfen kann Vertrauen beider in die Methode Dieser gemeinsame Wirkfaktor wird „Arbeitsbündnis“ oder „therapeutische Allianz“ genannt. Aus neurowissenschaftlicher Sicht führt die Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Klient und Coach sowie beider in eine bestimmte Interventionsmethode meist schnell zu einer deutlichen Erhöhung der Ausschüttung des „Bindungshormons“ Oxytocin bei den Beteiligten führt. Dies wiederum vermindert die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und erhöht die Ausschüttung des „Beruhigungs-Transmitters“ Serotonin sowie der „lusterzeugenden“ und belohnenden hirneigenen Opioide. Dies hat eine Verminderung von Angst- und Bedrohtheitsgefühlen, eine Beruhigung und eine Erhöhung des Wohlbefindens zur Folge. Dem Behandelten geht es dann subjektiv „deutlich besser“. Dies ist charakteristisch für eine erste Phase des Coaching. Es zeigt sich jedoch, dass auch im Coaching allein auf der Grundlage der Arbeitsallianz keine längerfristigen Wirkungen erzielt werden können. Diese sind nur durch spezifische Maßnahmen auf unterschiedlichen Interventionsebenen zu erreichen. Unwirksam sind reine verhaltenstherapeutische Interventionen ohne Berücksichtigung der Vorgeschichte der Störungen und der mental-emotionalen Befindlichkeit einschließlich belastender Erinnerungen. Umgekehrt ist auch eine rein kognitive bzw. analytische Herangehensweise ohne Verhaltensmodifikation wenig wirksam. Schließlich wird in den Richtlinienverfahren die zentrale Rolle des Körpers in Form des „somatischen Leidensgedächtnisses“ übersehen. Hierin sind viele Coaching-Verfahren den Richtlinienverfahren bereits überlegen. 7. Bedingungen und Ziele von Coaching und Therapie nach Klaus Grawe ​ Steigerung des Selbstwertgefühls. Blick auf vorhandene Ressourcen und positive Möglichkeiten. Rückmeldungen über Erfolge. Verstärkung von Orientierung, Kontrolle, Bewältigung, Klärung, Selbstwahrnehmung. Verstärkung der Ziele und Werte des Klienten/Patienten Explizite Verstärkung der Kompetenzen und Fähigkeiten des Klienten Explizites Ansprechen der positiven Eigenschaften des Klienten Prozessuale Aktivierung positiver Ziele. Prozessuale Aktivierung von Fähigkeiten Fokussierung auf die positiven Seiten des Klienten Hierbei sind Analyse und Aufklärung über die Ursachen der bestehenden Belastungen nur dahingehend wichtig, dass sie die Auswahl der Interventionen ermöglichen. Ebenso wichtig ist die positive Erfahrung der Realisierung der motivationalen Ziele. Es müssen bedürfnisbefriedigende Erfahrungen vermittelt werden. Der Coach muss den Klienten anleiten, gegen den Kontrollverlust anzukämpfen, indem er ihm zu kleinen Kontrollerfolgen verhilft. Dies ist „motivationales Priming“ durch Kontrollerfolge. 8. Ein integratives, neurobiologisch fundiertes Konzept des Coaching ​ Das im Folgenden dargestellte Coaching-Konzept ist integrativ, weil es von der Tatsache ausgeht, dass jede Intervention im Coaching und in der Psychotherapie die Eigenheiten der Persönlichkeit eines Klienten/Patienten und seiner Belastungen bzw. Störungen, deren Vorgeschichte, der damit verbundenen Lebensgeschichte und die Art, in der er auf die Angebote des Coaches bzw. Therapeuten eingeht, berücksichtigen muss. Es ist neurobiologisch fundiert, denn nur durch eine solche Fundierung können das Wirksamkeitsmodell einer Behandlungsrichtung eingeschätzt und die Auswahl geeigneter Interventionen gerechtfertigt werden. Das vorgestellte Persönlichkeitsmodell zeigt, dass man im Coaching individuenzentriert auf drei Ebenen ansetzen muss, auf denen sich das Psychische manifestiert: auf der Ebene der subjektiven Befindlichkeit einschließlich der Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen und verbalen Kommunikation, auf der Ebene des Verhaltens und auf der Ebene der körperlichen Zustände einschließlich der nonverbalen Kommunikation. Dies entspricht der Tatsache, dass es für das Psychische drei Gedächtnisarten gibt, nämlich ein Befindlichkeitsgedächtnis, auch explizites Gedächtnis genannt, ein Verhaltensgedächtnis, auch implizites Gedächtnis genannt, und ein Körpergedächtnis, auch somatisches Gedächtnis genannt. Es genügt nicht, allein das Leidensbewusstsein und die Leidenserinnerungen therapeutisch anzugehen, ohne an den damit einher gehenden Automatismen des Verhaltens und den körperlichen Dysfunktionen zu arbeiten, und umgekehrt. Dysfunktionale Zustände auf jeder der drei Ebenen können sich nämlich gegenüber denen der anderen verselbständigen, und ein Therapieerfolg auf nur einer Ebene wird zu keiner langfristigen Verbesserung kommen. Schließlich kommt es in vielen Fällen, insbesondere nach frühkindlicher Traumatisierung bzw. im Zusammenhang mit der Ausbildung einer posttraumatischen Belastungsstörung zu einer Manifestation der psychischen Beeinträchtigungen in körperliche Leiden (»Somatisierung«), die neben einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie) unterschiedliche Ausprägungen annehmen, etwa in Form von hartnäckigen Muskelverspannungen, Atembeschwerden, Gelenk-, Arm- und Rückenschmerzen. Diese psychogenen körperlichen Leiden persistieren oft, auch wenn die Ursachen des subjektiven Leidens längst deutlich gemildert und positive Verhaltensmodifikationen erreicht wurden. Bei dem hier vorgeschlagenen dreifachen therapeutischen Interventionsansatz geht es darum, dass nicht nur leidensbezogene Erinnerungen, sondern auch dysfunktionale Verhaltensgewohnheiten und körperliche Zustände abgemildert werden müssen, um einen Therapieerfolg zu erzielen. Dies muss immer im Rahmen des „Arbeitsbündnisses“ geschehen. (1) Die Abschwächung negativer leidensbezogener Erinnerungen Diese Intervention hat eine genaue Abklärung der derzeitigen Belastungs- und Störungssituation in beruflicher, privater und selbstbezogener Hinsicht (Selbstbild) sowie eine hinreichende, aber nicht zu belastenden („aufwühlende“) Erörterung der Vorgeschichte und der möglichen Ursachen zur Voraussetzung. „Hinreichend“ heißt, dass die Erörterung der Schwere der Belastungen angemessen sein soll; eine sehr gründliche Erforschung ist nur bei tiefergreifenden Belastungen nötig, die im Coaching eher selten anzutreffen sind. Ebenso gehört dazu die Suche nach den „Ressourcen“, d.h. positiven, aufbauenden Erlebnissen und Vorstellungen in der Erlebniswelt des Klienten. Die Arbeit auf dieser Ebene muss zum einen auf die Veränderung der Erinnerungen und Vorstellungen abzielen, welche die eigene negative Befindlichkeit in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, meist in Form ununterbrochenen Grübelns über die erlittenen Leiden, die eigenen Unzulänglichkeiten usw., aus denen dann die typischen Befürchtungen für die Zukunft resultieren. Der Kern dieser Interventionsform besteht in der Veränderung dieses Leidensbewusstseins. Ein mehrfaches »Durcharbeiten« dieser negativen Erinnerungen, wie in der klassischen Psychoanalyse üblich, führt oft dazu, dass sich die Inhalte noch weiter verfestigen. Sie müssen im Gegenteil durch die Kontrastierung mit positiven Inhalten (Erinnerungen, Vorstellungen) abgeschwächt werden, die sich im Rahmen der Ressourcensuche ergeben. Dies darf aber nicht rein instruktiv geschehen, sondern muss durch vielfaches Wiederholen zunehmend automatisiert und damit implizit werden, um langfristig wirksam zu sein. Neurobiologisch stellt sich dieses Vorgehen folgendermaßen dar. Im Langzeitgedächtnis liegen die negativen Erinnerungen wie alle Erinnerungen in kompakter, quasi-stabiler Weise vor. Während des Erinnerns werden die Inhalte „entpackt“ und in einen labilen, beeinflussbaren Zustand gebracht, in dem die Inhalte durch bewusste Einwirkungen entweder verfestigt oder abgeändert werden können. Sie sinken dann in verfestigter oder abgeänderter Form wieder ins Langzeitgedächtnis ab. Das Vorgehen besteht darin, dass der Coach/Therapeut zusammen mit dem Klienten/Patienten Erinnerungen an typische Leidenssituationen identifiziert, die mit negativen, aktuellen, psychischen und körperlichen Symptomen einher gehen. Von diesen wird eine kurze, prägnante „Negativ-Liste“ erstellt. Ebenso werden Erinnerungen an positive Erlebnisse oder auch starke Wunschvorstellungen identifiziert, und auch davon wird eine kurze, prägnante „Positiv-Liste“ erstellt. Diese kann auch als „Ressourcen-Liste“ gelten. Am besten, man nummeriert beide Listen durch oder versieht sie mit einem Etikett. Der Klient/Patient prägt sich diese Positiv- und Negativ-Inhalte ein. Danach wird der Patient durch geeignete Techniken in einen mental-emotional entspannten Zustand gebracht, z.B. durch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen oder Hypnotherapie (das „Pendeln“ im EMDR ist nichts anderes als eine suggestive Form dieser Entspannung). Er soll dadurch für neue Einflüsse empfänglich werden. Dieser Intervention können auch metakognitive Übungen vorhergehen. Der Klient/Patient wird nun aufgefordert, sich für eine kurze Zeitperiode (beispielsweise 60 Sekunden) eine der Leidenssituationen aus der »Negativ-Liste« möglichst stark zu vergegenwärtigen. Unmittelbar danach werden diese Inhalte abrupt »abgeschaltet«, und es werden bis zu 60 Sekunden lang Erinnerungen aus der »Positiv-Liste« konzentriert vergegenwärtigt. Dann wird die momentane Intervention beendet. Negative und positive Erinnerungen kehren nun in enger Verknüpfung in das vorbewusste deklarative Gedächtnis zurück. Dieses Vorgehen sollte anfangs mehrmals wöchentlich und später in größeren zeitlichen Abständen wiederholt werden, wobei die Zeitspanne der konzentrierten Vergegenwärtigungen der Leidenserinnerungen kürzer werden kann, bis diese zu einer Gewohnheit und dann typischerweise immer »emotionsloser« werden. Die Vergegenwärtigung der positiven Inhalte kann gleichbleiben oder sich sogar leicht verlängern. Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird durch die entspannte Aufmerksamkeit ein Zustand erhöhter neuronaler Plastizität erreicht: Nachhaltige Veränderungen in der Verschaltung von Nervenzellen werden dadurch erleichtert. Es kommt durch die Kontrastierung von negativen und positiven Erinnerungen und die dadurch ausgelösten aktuellen emotionalen und körperlichen Erlebniszustände zu einer Überlagerung oder Durchdringung der negativen Erinnerungen durch die positiven Erinnerungen und Imaginationen. Bestehende Verbindungen von denjenigen Nervenzellen, die der Einspeicherung der negativen Erinnerungen zugrunde liegen, werden hierbei nicht gekappt, sondern durch neue Verschaltungen überlagert. Die negativen Erinnerungen werden entsprechend nicht ausgelöscht, sondern sinken in größere »Tiefen« des vorbewussten Langzeitgedächtnisses ab und werden in ihrem Einfluss auf die psychische und körperliche Ebene entschärft, während die Wirkung der positiven Erinnerungen stärker wird. Ähnliche Interventionen werden z.B. im Rahmen von EMDR oder der Psychodynamisch-imaginativen Trauma-Therapie (PITT) nach Luise Reddemann durchgeführt, wobei der Hauptakzent auf der zunehmenden Automatisierung des Überschreibens und Verdrängens liegen muss. Nur hierdurch kann die Resistenz der negativen Erinnerungen und Vorstellungen überwunden werden. (2) Die Abschwächung dysfunktionaler Gewohnheiten des Verhaltens Neben den Befindlichkeiten und Erinnerungen muss ein weiteres Interventionsziel das Verhalten sein. Patienten mit Angststörungen, Psychotraumata oder somatoformen Störungen bilden charakteristische dysfunktionale Beziehungs- und Verhaltensmuster aus. Diese können sich in ausgeprägtem Vermeidungsverhalten, in Kontrollzwängen und Perfektionismus, Überaktivität, Unterwürfigkeit oder auch in einem Helfer-Syndrom äußern. Die Ebene der Verhaltensänderungen wird in der klassischen Psychoanalyse, in der kognitiven Verhaltenstherapie und in den humanistischen Richtungen zu wenig beachtet in der Überzeugung, dass Aufklärung über die Ursachen des Leidens, eine Umstrukturierung der Weltsicht, vorbehaltlose Wertschätzung durch den Coach/Therapeuten den Großteil des Behandlungserfolges ausmachen könnten. Das ist schon deshalb nicht ausreichend, weil das Verhalten von anderen Hirnzentren gesteuert wird als die Befindlichkeit. Die subcorticalen Zentren sind Sitz der Antriebe und Motive unseres Handelns sowie – was vor allem das dorsale Striato-Pallidum betrifft - aller Automatismen. Je früher sie erlernt und immer wieder bestätigt wurden, desto tiefer graben sich, bildlich gesprochen, diese Gewohnheiten in die Basalganglien ein und werden zunehmend immun gegen Veränderungen. Dies bedeutet konkret, dass mit zunehmender Automatisierung des Verhaltens bewusst-willentliche Veränderungsabsichten eine immer geringere Zugriffsmöglichkeit haben. Sofern bestimmte Denk-, Gefühls- und Handlungs-Schemata stark konsolidiert sind, können sie nicht mehr auf der Bewusstseins- und Willensebene tiefgreifend verändert werden. Stattdessen können durch das einübende Lernen neuer Schemata Parallelstrukturen etabliert werden, die aufgrund einer positiven Bewertung durch das mesolimbische System einen stärkeren Zugriff auf die Verhaltensbewertung und -steuerung erhalten als die dysfunktionalen Strukturen. Selbstverständlich verläuft im Erwachsenenalter auch ein solches Neulernen langsam und mühsam, etwa wenn ein bestimmtes Vermeidungsverhalten entkräftet werden sollen. Dies kann meist nur sehr kleinschrittig erfolgen. Das Neulernen wird durch die therapeutische Allianz und die damit verbundene Ausschüttung von Oxytocin und in Folge von Serotonin und endogenen Opioiden bei gleichzeitiger Senkung der Stresshormone unterstützt. Insbesondere ist hier aber auch die Neubildung von Nervenzellen im Striatum wichtig, die wie erwähnt an der Umstrukturierung direkt beteiligt sein könnte, d.h. am Ausbilden neuer Schemata und deren Zugriff auf Zentren, die unser Verhalten bewerten und steuern. Freilich findet hierbei keine Löschung der »alten« dysfunktionalen Schemata statt. Diese persistieren, werden außer Kraft gesetzt, können aber unter besonderen Belastungsbedingungen wieder einen starken Zugang zur Verhaltenssteuerung erlangen – insbesondere dann, wenn der Prozess des Neulernens und des Außerkraftsetzens der alten Schemata nicht lange genug andauerte. Dann brechen letztere wieder mit aller Macht hervor, so als ob nie eine Therapie stattgefunden hätte. Welche Verfahren aus dem Repertoire der Verhaltenstherapie in welchen Fällen angewandt werden sollten, ist auch in der VT umstritten. Einige schwören auf Expositions- bzw. Konfrontationstherapie und vermelden schnelle und deutliche Effekte, andere (wie Klaus Grawe) warnen davor, weil bei einer Reihe von Patienten, insbesondere bei solche mit schwereren Störungen, das Leiden dadurch massiv verstärkt werden kann, und setzen eher auf langsamer wirkende und emotional weniger belastende Konditionierungsmaßnahmen. Ein genereller Nachteil des klassischen Vorgehens der Verhaltenstherapie ist das Nichtbefassen mit der ersten Ebene der subjektiven Befindlichkeit. Aber auch hier tritt inzwischen ein deutliches Umdenken auf. (3) Körpertherapeutische Interventionen Eine dritte Interventionsebene ist die somatische Ebene, d.h. die Ebene der körperlichen Beschwerden und Reaktionen. Die untere limbische Ebene umfasst Hirnzentren und -prozesse, die in vielfältiger Weise über das extrapyramidale System einschließlich des sympathischen und parasympathischen Systems auf den Körper und die vegetativen Reaktionen eingreifen. Starker Stress, psychische Konflikte und Traumatisierungen, insbesondere in frühkindlicher Zeit, suchen sich körperliche Ziele, sie „somatisieren“ in Form dysfunktionaler körperlicher Zustände. Diese Ebene wird bestimmt vom „Körpergedächtnis“ als dem hartnäckigsten der drei genannten psychischen Gedächtnisse. Es gibt inzwischen eine kaum mehr zu überschauende Zahl an Methoden und Techniken, wie die dysfunktionalen Körperzustände verbessert werden sollen. Dazu gehören die klassischen und nachweislich wirksamen physiotherapeutischen Maßnahmen, verschiedene Biofeedback-Verfahren, die sich in vielen Fällen als sehr wirksam erwiesen haben, Hypnotherapie, progressive Muskelrelaxation (bewusste Anspannung und Entspannung einzelner Muskeln), deren Wirkung in schwereren Störungsfällen allerdings nicht gut belegt ist, autogenes Training, dessen Wirkung in schwereren Fällen allerdings auch fraglich ist, sowie einer Vielzahl weiterer „mentaler“ Verfahren wie Meditation, Achtsamkeitsverfahren, metakognitiven Verfahren, „detached mindfulness“. Aus neurobiologischer Sicht haben die „mentalen“ Verfahren aber nur dann eine Chance auf Nachhaltigkeit, wenn die entsprechenden Übungen hochgradig automatisiert werden. Nur so verlagern sie sich von der bewusst-corticalen Ebene auf die implizite Ebene der subcorticalen Zentren, die den Körperzustand tatsächlich bestimmen. Mit dem Körper rein „mental“ zu arbeiten bedeutet nämlich, mit dem corticalen Konstrukt des Körpers, im Parietallappen angesiedelt, zu arbeiten. Das ist zwar als Vorstufe notwendig, aber nicht längerfristig hinreichend, da die subcorticale implizite Ebene und damit der reale Körper nicht genügend erreicht werden. ​ 9. Flexibilität der Interventionsformen ​ Die Intervention auf den drei genannten Ebenen ist nicht immer in derselben Weise notwendig, sondern muss auf die individuellen Umstände eingehen. Dies bedeutet, dass die Belastungen auf den verschiedenen Ebenen jeweils ganz unterschiedlich ausfallen können. Bei der einen Person steht die negative Befindlichkeit im Vordergrund und muss deshalb vorrangig angegangen werden. Beim anderen Patienten sind es eher fest eingeschliffene Verhaltensformen, die ohne große Befindlichkeitsstörungen auftreten (die Psyche hat sich eben über bestimmte kompensatorische Verhaltensweisen „eingerichtet“), und dies erfordert unser erstes Augenmerk. Schließlich können die „Leiden des Körpers“ einschließlich der nonverbalen Ausdrucksformen dominieren, und der Coach/Therapeut muss sich vorrangig diesen Leiden widmen. Insgesamt aber müssen wir den Klienten/Patienten immer aus dem Blickwinkel aller drei Ebenen betrachten und entsprechend vorgehen, und es ist im Einzelfall zu entscheiden, was vorrangig und was nachrangig getan werden sollte. ​ 10. Schlussbemerkung ​ Es sollte deutlich geworden sein, warum auch im Coaching ein Verständnis des Aufbaus und der Entwicklung der Persönlichkeit und Psyche sowie der Störungsmöglichkeiten dieser Prozesse von großer Wichtigkeit ist. Nur aus diesen Erkenntnissen ergibt sich die Einsicht in die Möglichkeiten und Grenzen des Coaching, und zwar gleichgültig, um welchen Anwendungsbereich es sich handelt – im Betrieb, im Team, in der Führung oder im Einzelcoaching. Jede Organisation ist eine Organisation von Individuen mit einer spezifischen Persönlichkeit, die wiederum eine bestimmte Entwicklungsdynamik aufweist. Die psychologische und neurobiologische Wirksamkeitsforschung stellt fest, dass es keine Interventionsform gibt, die bei allen Klienten gleich gut wirkt. Dies bedeutet, dass der Coach in der Lage sein muss, die Befindlichkeit des Klienten, die Art und Stärke der Belastungen, seine Persönlichkeit und die vorhandenen positiven Ressourcen zu erkennen. Auf dieser Grundlage entscheidet der Coach, welche Interventionen er anwendet. Er muss dafür über einen Vorrat an Interventionsmöglichkeiten verfügen, die nachweislich wirken – wenngleich immer in individueller Weise. So lassen sich je nach Art, Zeitpunkt und Stärke der Belastungen wirksame Elemente aus dem Repertoire der Verhaltenstherapie, der kognitiven Therapie, den psychodynamischen Ansätzen, der Hypnotherapie usw. entnehmen. Wichtig zu beachten ist, dass das Coaching die „Arbeitsallianz“ als wichtigstes Werkzeug berücksichtigt.

  • Cognitive Enhancement

    Wie sich Lernen und Denken verbessern lassen. Inhaltsverzeichnis 1. Cognitive Enhancement - Wer will nicht besser denken 2. Neuro Enhancement - Hirndoping statt selber machen? 3. Cognitive Enhancement untersuchen - Studiendesigns und mögliche Fallen 4. Verhaltensbasierte Strategien - Training 5. Biochemische Strategien - „Hirndoping“ 6. Physische Strategien - „Brainhacking“ 7. Auf der Suche nach Transfer 8. Ein realistischer Blick auf Ziele, Chancen und Risiken 9. Ethik 10. Ausblick Cognitive Enhancement Wie sich Lernen und Denken verbessern lassen. 1. Wer will nicht besser denken Sind Sie mit Ihrer Denkleistung soweit zufrieden? Haben Sie gute Ideen? Funktioniert Ihr Gedächtnis wie gewünscht? Die meisten Menschen beantworten diese Fragen wahrscheinlich mit „Ja!“. Die Frage, ob sie denn ihre Denkleistungen bewusst optimieren wohl eher mit „Nein“. Dabei tun sie sehr wohl Dinge, die bereits unter „Cognitive Enhancement“ fallen. Einen Kaffee zum Wachwerden. Traubenzucker vor der Prüfung. Aber darüber hinaus nimmt auch die Anzahl derer, die bewusst extremere Mittel ihre Leistungen zu steigern suchen und ausprobieren, stetig zu. Wörtlich übersetzt heißt „Cognitive Enhancement“ nichts anderes als Steigerung oder Verbesserung der Kognition bzw. kognitiver Leistungen. Wenn man einer in der Wissenschaft häufig zitierten Definition folgt gehören dazu alle Arten von Interventionen die das Ziel haben menschliche Fähigkeiten über das hinaus zu steigern, was nötig wäre um gute Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen. In den letzten 20 Jahren hat das Thema einen gewissen Hype mitgemacht. Dazu gehören die üblichen Auswüchsen wie übertriebenen Erwartungen. Manche Zeitungsartikel haben uns alle schon in wenigen Jahren mit Computerchips im Gehirn gesehen. Genauso auch falsche Ängste – etwa Horden von Studenten die sich dopen und so, legal oder nicht, auch ehrliche Kommilitonen unter Zugzwang setzen. Was stimmt: Das Internet hat es möglich gemacht, dass Menschen, die sich für diese Dinge interessieren, einander finden. Neue Technologie interagiert mit dem Gehirn und die Neurowissenschaft hat sich dem Thema angenommen. Wer einen Helm baut der vermeintlich beim Computerspielen hilft, sammelt auf Kickstarter schnell Anfangsfinanzierung ein. Wie bereits erwähnt sind die Anfänge weit weniger spannend. Wenn Sie morgen eine wichtige Präsentation bei einem Firmenkunden haben, werden Sie zwar nicht das Internet nach „Enhancern“ durchforsten und hoffentlich auch keinen Dealer im Stadtpark aufsuchen, aber wahrscheinlich doch das ein oder andere tun, wodurch Sie erwarten Ihre Leistung zu optimieren: Durch angepasste Ernährung, Bewegung, Schlaf, Vorbereitung, Koffein und ggf. ein Gebet, dass es doch bitte gut gehen soll. Menschen haben schon immer angewendet, wodurch sie sich gut und leistungsfähiger fühlen. Auch ein Training zu besuchen und Weiterbildung zu betreiben gehört dazu.​ Grob aufteilen lassen sich Verfahren zum Cognitive Enhancement zunächst in drei Richtungen (Siehe Abbildung 1): Verhaltensbasierte Strategien, also alles was sie selbst tun oder auch trainieren können. Dazu gehören allgemeine Dinge wie Bewegung/Sport oder sein Schlafverhalten anzupassen. Genauso aber auch konkretere Strategien wie etwa Gedächtnistraining oder das Verwenden von computerbasierten Apps und Spielen welche die Intelligenz steigern sollen, die in den letzten Jahren aufgekommen sind. Biochemische Verfahren, also alles was ich einnehme, dass sich auf meinen Köper und somit auch auf mein Gehirn und damit meine Kognition auswirkt oder auswirken soll. Dazu gehört zuallererst die Ernährung. Wie auch bei Gesundheitsfragen übersehen viele, dass diese natürlich einen sehr großen Einfluss auf uns hat. Ebenso dazu gehören Alltagsdrogen wie Kaffein, Nikotin und Alkohol und dann natürlich auch Pharmaka, die entweder bestimmungsgemäß Kognition optimieren sollen oder dafür missbraucht werden. Physische Verfahren, das sind insbesondere verschiedene Arten der Stimulation. Damit gemeint ist zum einen die Stimulation unserer Sinne etwa über Töne, Bilder oder Lichteffekte. Zum anderen aber in den letzten Jahren zunehmend auch die direkte Stimulation unseres Gehirns, hauptsächlich durch magnetische oder elektrische Stimulation durch die Schädeldecke („transkraniell“), im Extremfall aber auch durch Gehirnimplantate. ​ 2. Neuro Enhancement – Hirndoping statt selber machen? Durch die Hirnforschung haben viele Ansätze eine höhere Glaubwürdigkeit. Für die Frage, ob man seine Denkleistungen verbessern kann ist das Gehirn oft aber irrelevant. Ein psychologischer Test, also ein Test der geprüften Leistung selbst, würde völlig ausreichen. Aber Gehirn verkauft sich gut. Studien zeigen, dass Artikeln über Denkleistungen und deren möglicher Verbesserung mehr geglaubt wird, wenn ein Gehirnbild mit abgedruckt wird. Noch besser, wenn das Gehirnbild auch etwas mit der Behauptung zu tun hat, aber das ist gar nicht nötig. Auch die Forscher selbst sind davor nicht geschützt. Wissenschaftliche Veröffentlichungen mit Gehirnaufnahmen werden deutlich besser publiziert und von anderen Forschern als glaubwürdiger eingestuft, als solche ohne. Ohne guten Grund. Nun bin ich selbst Neurowissenschaftler und der Umkehrschluss, dass „Neuro“ dann nichts beiträgt ist natürlich ebenso falsch. Wenn etwa die leistungssteigernde Wirkung möglicher Mittel auf das Gehirn verstanden wird, kann dadurch sehr wohl Erkenntnis gewonnen werden, wem es nutzt und wem nicht. Möglicherweise können dann auch nebenwirkungsarmere Varianten entwickelt werden, welche den Wirkmechanismus noch genauer ansprechen. Beim Thema Enhancement sollte man daher genau schauen, ob das Gehirn nur zur Vermarktung mit erwähnt wird. Der Begriff „Hirndoping“ etwa wird recht breit gebraucht. Doping aus dem Sport ist ein bekanntes Problem und betrifft den Breitensport sogar erheblich mehr als den Profisport, wo intensiv getestet wird. Hobbysportler zum Beispiel im Kraftsportbereich die keine Proben zu erwarten haben, da sie nicht an Wettkämpfen teilnehmen, kommen trotzdem oft mit verlockenden Angeboten in Kontakt, wenn nach einiger Zeit Training die anfänglichen Leistungssteigerungen nicht mehr eintreten. Hier werden dann Mittel eingesetzt, welche etwa auf Regeneration, Muskelaufbau oder Schmerzempfindung Einfluss haben. „Hirndoping“ ist dann der Begriff der verwendet wird, wenn es um kognitive Leistungen geht. Nicht zwingend muss das mit einer Wirkung im Gehirn selbst einhergehen. Aber natürlich liegt diese Vermutung nahe und verschiedene Pharmaka die etwa auf die Wiederaufnahme von Neurotransmittern zielen (siehe Kapitel 5), wirken hier. Wenn sich dann bei einzelnen Produkten zeigt, dass die Hauptwirkung „nur“ ein vermehrter Ausstoß von Dopamin ist, wäre im Zweifel doch eher die Tafel Schokolade zu empfehlen, die das gleiche bewirkt und nicht süchtig macht. Naja, weniger zumindest. Oder andere, verhaltensbasierte Verfahren, Trainings etc. welche uns selbst helfen, in einem guten Zustand zu arbeiten. Leider ist das mit Arbeit verbunden, so dass für viele die Verlockung „eben schnell was einwerfen“ groß bleibt. Umso wichtiger Nutzen aber auch Gefahren, Wirkungen und Nebenwirkungen ernsthaft zu unterscheiden. 3. Cognitive Enhancement untersuchen – Studiendesign und mögliche Fallen Das Design einer Studie zu möglichen „Enhancern“ ist nicht ganz trivial. Die meisten Forscher möchten untersuchen, warum etwas möglicherweise hilft. Also die zugrundeliegenden Mechanismen. Das kann leider manchmal dazu führen, dass der (vorgebliche) Nutzen selbst nicht ausreichend geprüft wird. Also das ob. Beim Erstellen einer entsprechenden Studie sollte daher an erster Stelle stehen, eine Veränderung im Verhalten festzustellen. Dazu ist die Auswahl der richtigen Tests relevant. Kognition ist ein breites Feld und es gibt hunderte (oder tausende) an sich valider Tests. Bei kommerziellen Produkten wird die erste Wahl auf einen Test der beworbenen Domäne fallen. Tablette A soll beim Kurzzeitgedächtnis helfen? Dann sollte auch das Kurzzeitgedächtnis getestet werden. Schwieriger ist es dann schon bei missbrauchten Mitteln. Ritalin wird als Hirndoping eingesetzt. Anwender fühlen sich danach leistungsfähiger. Aber was testen? Intelligenz? Konzentrationsfähigkeit? Kurzzeitgedächtnis? Fehlt eine konkrete Hypothese werden oft viele Dinge getestet. Eine „Testbatterie“ kommt zum Einsatz, die aus allen Bereichen kleine Tests beinhaltet. Das kann problematisch sein! Ob eine Veränderung aufgetreten ist, wird meist durch statistische Verfahren getestet. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Firma SuperSchlau hat einen neuen Joghurt auf dem Markt, welcher das Kurzzeitgedächtnis und so die Leistungsfähigkeit für Studenten vor der Prüfung verbessern soll. Einige Probanden machen dann einen Test für das Kurzzeitgedächtnis. Die Hälfte isst vorher einen Joghurt, die andere nicht. Für jede Person gibt es ein Ergebnis. Aber hat der Joghurt jetzt geholfen? Für diese Art der Vergleiche werden dann statistische Tests verwendet. Am simpelsten für den Vergleich zweier Gruppen ist der T-Test. Etwas vereinfacht gesagt kommt dabei eine Prozentzahl heraus, wie wahrscheinlich es ist, dass die Ergebnisse beider Gruppen sich wirklich unterscheiden. Der Wissenschaftler freut sich, wenn die Wahrscheinlichkeit mindestens 95% ist, dass ein Unterschied vorliegt. In etwas willkürlicher Weise ist das der Standardwert von dem an ein Unterschied angenommen wird. Wenn jetzt aber SuperSchlau nicht nur einen Test für Kurzzeitgedächtnis macht sondern vier und dazu auch noch IQ, Konzentrationsfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit testet, ist die Chance einen „Treffer“ zu haben gleich siebenmal so groß, selbst wenn kein wirklicher Unterschied vorliegt. Wenn ich 100 Pfeile auf das Dartboard werfe landen vielleicht auch fünf davon im Bulls Eye, obwohl ich nun wirklich kein guter Dartspieler bin. Daher müsste die Wahrscheinlichkeit entsprechend korrigiert werden. Nach der Bonferroni Korrektur, ein mögliches Verfahren, wäre im Beispiel von sieben Tests statt 95% ein Unterschied von 99,993% nötig um trotz sieben Tests davon auszugehen, dass es kein Zufallstreffer ist. Viel zu oft passiert das aber leider nicht. Hier muss man beim Lesen von Studien daher gut aufpassen. Auch abgesehen davon wäre die SuperSchlau-Studie ziemlich schlecht. Die statistische Aussagekraft ist sowieso gering. Selbst wenn die Probanden zufällig verteilt sind, könnte ein allgemeiner Unterschied in ihrer Leistungsfähigkeit vorliegen. In den meisten Studien würden daher alle Versuchspersonen den Test zweimal machen. Zum Beispiel einmal ohne und einmal mit Joghurt. Das wirft weitere Probleme auf. Da sie beim zweiten Mal die Aufgaben schon kennen, sollte es Parallelversionen geben. Also vergleichbare Aufgabe und Schwierigkeit, aber anderer Inhalt. Auch das reicht noch nicht: Da man beim zweiten Mal weiß wie es läuft, ist es schon einfacher. Die Probanden müssen also wieder geteilt werden. Eine Hälfte kriegt vor dem ersten Versuch den Joghurt, die andere vor dem zweiten. So hofft man diesen Effekt aufzuheben. Aber selbst damit findet man für fast alle Produkte und Enhancer immer noch einen Unterschied, egal ob die etwas taugen oder nicht. Das liegt am Placebo-Effekt. Der tritt nicht nur bei Medikation auf, sondern ebenso beim Enhancement. Wer gesagt bekommt, der Joghurt macht dich schlauer, schneidet meist nach Joghurt besser ab als ohne, egal was drin war. Auch das gilt natürlich immer nur im statistischen Mittel, also wenn man die Ergebnisse vieler Menschen vergleicht. Selbst wenn wir unseren SuperSchlau-Probanden gar nicht sagen, dass wir denken, dass der Joghurt ihnen hilft, gibt es noch einen Placebo-Effekt. Der Gedanke „Äh, einmal krieg ich einen Joghurt, einmal nicht – beides male mache die komischen Aufgaben....“ reicht dafür schon aus. Daher ist die nächste Verbesserung unserer Studie, dass es in beiden Bedingungen einen Joghurt gibt. Beide Male sieht er gleich aus und schmeckt gleich. Aber nur einmal ist der Wirkstoff im Joghurt, welcher die Leistungssteigerung bewirken soll. Das andere mal nicht (die Placebo-Bedingung). Das nennt man dann eine „Blindstudie“, weil die Probanden blind gegenüber der Bedingung sind. Sind wir jetzt endlich fertig? Immer noch nicht ganz. Im letzten Schritt sollten wir darauf achten, dass auch unsere Versuchsleiter keine Ahnung haben, wann es der Superjoghurt war und wann nicht. Sonst könnte schon der Einfluss der Studienleiter reichen falsche Effekte zu induzieren. Haben Studienleiter und Proband keine Ahnung, welcher Joghurt es ist, dann nennt man es eine Doppel-Blind-Studie. Erst ein anderer Forscher kann dann an Hand der auf den Joghurts aufgebrachten Codes hinterher auflösen, wer in welcher Bedingung war. Beim Joghurt geht das wohl auch so perfekt. Aber bei Gehirnstimulation wird es schon schwieriger dafür zu sorgen, dass die Bedingungen vergleichbar sind. Ähnliches gilt bei reinem Training. Wenn ich ein Gedächtnistraining mit Probanden durchführe, kann es natürlich niemals doppel-blind sein. Und auch das Finden eines Kontrolltrainings ist schwierig. Es müsste vergleichbar intensiv sind und ebenso glaubhaft vermittelt werden, dass es etwas bringt. Hier gibt es dann wiederum ethische Bedenken. Jemanden einen Joghurt essen zu lassen und zu schwindeln, dass man denkt, der wird ihn schlauer machen, ist schon okay. Aber jemanden zum Beispiel sechs Wochen lang jeden Tag eine Stunde trainieren zu lassen um dann hinterher zu verraten, das war ein Kontrolltraining, da wussten wir schon vorher das bringt dir nichts ist schon schwieriger. All diese Aspekte sollte man daher berücksichtigen, wenn man Studien zu Hirndoping und co. plant oder auch nur liest und auswerten möchte. Apropro Hirndoping: Die mit Abstand am häufigsten verwendete Substanzen zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit sind dabei aber selten gemeint. Koffein und Glucose. Sie zu beachten ist aber besonders wichtig, denn ihr Nutzen ist belegt (siehe Kapitel 5). Praktisch alle Energydrinks und Nahrungsergänzungsmittel die als „legale Enhancer“ vermarktet werden sind (stark) koffein- und zuckerhaltig. Zusätzlich beworben, irgendwie muss der hohe Preis ja gerechtfertigt werden, werden dann weitere Inhaltsstoffe, welche extra Nutzen bieten sollen. Die Produkte selbst werden dann gerne wie beschrieben, durchaus korrekt, gegen Placebo getestet und schneiden gut ab! Das Problem: Ein weitaus besserer Vergleich wäre mit gezuckertem Kaffee statt mit Placebo, da ja Koffein und Glucose auch alleine schon besser wirken als Placebo. Die Anbieter wissen aber meist schon, warum sie diesen Vergleich nicht veröffentlichen. Um noch einmal auf die Statistik zurück zu kommen: Ein Verfahren bei 95% Wahrscheinlichkeit für einen Effekt positiv zu beurteilen und „signifikant“ zu nennen, bei „nur“ 93% dann aber als nicht signifikant abzulehnen ist am Ende natürlich ziemlich willkürlich. Zugleich sagt es nichts über die Stärke eines Effekts aus. Wenn man etwa 100.000 Probanden einschließt, wird fast jeder kleine Effekt trotzdem signifikant. Ein besseres Maß ist daher oft die so genannte Effektgröße. Genauer gesagt gibt es hier verschiedene Maße für. Besonders oft gewählt ist „Cohens D“. Schneidet die SuperSchlau-Joghurt Gruppe etwa im Mittel 6 Punkte besser ab als die Kontrollgruppe, kann das ein kleiner Effekt sein, wenn die Ergebnisse allgemein sehr weit auseinander liegen. Genauso könnten 6 Punkte ein großer Effekt sein, wenn etwa alle Teilnehmer sehr ähnliche Ergebnisse erzielen. Üblicherweise spricht man bei einem d von 0,2-0,5 von einem kleinen, bei 0,5-0,8 von einem mittleren und ab 0,8 von einem großen Effekt. ​ 4. Verhaltensbasierte Strategien Cognitive Enhancement fängt nicht erst bei Pillen oder Gehirnstimulation an. Auch durch Verhaltensänderungen können unsere Denkleistungen gesteigert werden. Sport ​Dass etwas Sport gesund ist, weiß jeder. Es ist auch schon länger bekannt, dass aktive Menschen im Mittel auch in Denkaufgaben besser abschneiden als Menschen die wenig oder keine sportliche Aktivität ausführen. Insbesondere für Kinder als auch Senioren sind auch entsprechende Interventionen gut untersucht. Bewegungsprogramme führen nach einiger Zeit nicht nur zu besserer Fitness und körperlichen Werten, sondern auch zu höherer kognitiver Leistungsfähigkeit. Auch zeigen einige Studien, dass direkt nach leichter bis mittlerer sportlicher Betätigung die Denkleistung erhöht ist. Bei einer Studie bei uns im Institut etwa haben einige Teilnehmer auf dem Fahrradtrainer trainiert und dann etwa direkt danach oder vier Stunden später Gedächtnisaufgaben erledigt. Dies wurde mit einer vergleichbaren Gruppe verglichen, die nicht trainiert hatte. Vier Stunden nach dem Training war die Gedächtnisleistung dabei am höchsten, wobei diese Studie keine andere Zeiträume getestet hat und nicht sagen kann, ob etwa nach einer Stunde Pause die Leistung noch höher gewesen wäre. Generell sind die akuten Effekte aber nicht sehr groß. Und die Vorzüge von Sport sind ohnehin bekannt. Viele wünschen sich eine stärkere und anhaltendere Verbesserung. Computer Training und „Gehirnjogging“ Als daher 2008 eine Studie das Ergebnis hatte, dass das Spielen bestimmter Denkspiele nachhaltig zu einer höheren Intelligenz führte (Jaeggi et al. 2008) löste das einen regelrechten Boom aus und führte zur Gründung zahlreicher Startups wie Lumosity oder in Deutschland NeuroNation. Die meisten dieser Spiele basieren auf der Idee, insbesondere das Arbeitsgedächtnis spielerisch zu trainieren. Dies wird auch gelegentlich simpel als „Gehirnjogging“ bezeichnet. Die gewählten Aufgaben basieren häufig auf dem Typ „n-back“. Hierbei steht n für eine Zahl. So viele Schritte zurück sollen dann Inhalte verglichen werden. In einer Form für Kinder könnte etwa jeweils ein Tier auf dem Bildschirm zu sehen sein. Bei der 2-Back Variante muss das Kind dann immer einen Knopf drücken, wenn das Tier zwei vorher in der Folge das Gleiche war, wie das, welches jetzt zu sehen ist. Bär-Fuchs-Katze-Fuchs-Bär. Bei dieser Folge wäre dann bei 2-Back nur beim zweiten Fuchs zu klicken. Für Erwachsene werden oft zwei Modalitäten verbunden. Dann müsste etwa nicht nur das Tier selbst verglichen werden, sondern auch die Position auf dem Bildschirm. Wenn etwa die Katze an der gleichen Stelle war wie der Bär, müsste dies mit einem anderen Knopf signalisiert werden. Dies wird sehr schnell sehr schwer und untrainiert schaffen die meisten nicht mehr als 2-back, maximal 3-back fehlerfrei. Durch Training kann es aber selbst in dieser schwierigen Form auf sehr hohe N-Werte gesteigert werden. In unseren Studien haben talentierte Studenten auch 10- oder 12-Back Level erreicht. Leider hat sich aber diese Hoffnung, dass diese damit auch in vielen anderen Bereichen Leistungssteigerungen zeigen zumindest in dieser Allgemeinheit nicht bestätigt. Wir, wie auch viele andere Forschergruppen, konnten die Effekte der Jaeggi-Studie von 2008 leider nicht replizieren. Inzwischen gibt es zu diesem Effekt einige Metastudien, also Vergleichsstudien, welche die Ergebnisse von Einzelstudien zusammenfassen. Die Mehrheitsmeinung dieser Übersichtsarbeiten ist, dass die Spiele vor allem dazu führen, dass man in den Spielen besser wird, der allgemeine Nutzen aber gering ist, die Effektgrößen sind klein. Ausnahmen hiervon bilden besondere Gruppen, etwa Kinder mit Lernschwierigkeiten oder auch Senioren mit Gedächtnisproblemen. Im Bereich Therapie bleiben auf dem Arbeitsgedächtnistraining basierende Spiele daher interessant, als Cognitive Enhancement scheinen sie wenig geeignet. Auch die entsprechenden Start Ups müssen mit ihren Werbeaussagen zunehmend zurückrudern und setzen auf neue Spiele, die weiter erforscht werden. Gedächtnistraining ​Da auch diese Anbieter oft das Wort Gedächtnistraining verwenden verwechseln manche das Gedächtnistraining mit Gedächtnistechniken hiermit. Dies ist aber ein völlig anderer Ansatz, der noch in deutlich weniger Studien untersucht ist, obwohl die Grundideen sehr alt sind. Über 2500 Jahre um genau zu sein, dann etwa soll Simonides von Ceos die Locimethode, häufig auch Routenmethode genannt, entdeckt haben. Die Idee ist hierbei, an bekannten Orten sogenannte Gedächtnisrouten oder Gedächtnispaläste – der Begriff ist allen Sherlock-Guckern bekannt – anzulegen. Diese Routen können recht simpel sein. Wenn Sie beispielsweise an Ihren Supermarkt denken, wissen Sie recht gut, wie dieser aufgebaut ist. Wo steht was? Sie können in Ihrer Vorstellung durch den Supermarkt gehen. Dabei fällt Ihnen auch ein, welches Regal als Nächstes kommt, vielleicht sogar konkret, welche Produkte darin aufgestellt sind, wo sich die Milch befindet und wo das Obst. Dabei sind Sie noch nie in den Supermarkt gegangen, weil Sie sich vorgenommen haben, „so, heute lerne ich mal den Supermarkt auswendig!“. Derartiges prägt sich unser Gehirn automatisch sehr gut ein. Wir beherrschen Abertausende von örtlichen Informationen. Spannend mutet in diesem Zusammenhang aber die Erkenntnis an, dass alles Räumliche eine bestimmte Anordnung hat, und damit auch eine logische Reihenfolge. Dass wir uns Wege und Orte gut merken können, lässt sich anhand der menschlichen Evolution leicht nachvollziehen. Als unsere Vorfahren noch nicht in Städten gelebt haben, sondern als Nomaden umhergezogen sind, kam es vor allem darauf an zu wissen, wo Wasser und Nahrung zu finden sind, an welchen Orten eine sichere Unterkunft gegeben ist und wo Gefahren drohen. Auch die Entdeckung von Place- und Grid Cells in unserem Gehirn, bestimmte Zellen die für die Ortskodierung zuständig sind, stützt diese Theorie. Alles was mit einem Ort verbunden ist, kann von unserem Gehirn besser verarbeitet und gespeichert werden. Bei Verwendung der Locimethode werden auf den vorbereiteten Merkrouten dann Bilder platziert, welche für zu lernende Inhalte stehen. Bei Gedächtnissportlern, Menschen die hobbymäßig ihr Gehirn trainieren um in Wettkämpfen gegeneinander anzutreten, häufig Spielkarten oder Zahlenreihen, aber auch sinnvolle Inhalte bis hin zu ganzen Büchern oder Skripten können so erheblich schneller gelernt werden. Auch Studien zeigen hier, dass bei ausreichend Training enorm große Effekte erzielt werden können (wir haben bei einzelnen der Gedächtnistests ein Cohens D von über 3 – siehe Kapitel 3). Im Jahr 2017 haben wir im Journal Neuron eine Studie veröffentlicht bei der wir nicht nur die Trainingserfolge gemessen haben, sondern auch den neuronalen Grundlagen mit der Hilfe der Kernspintomographie auf den Grund gegangen sind. Unser Trainingspersonen haben nach einem einführenden Kurs in Gedächtnistraining sechs Wochen lang täglich 30 Minuten zu Hause über eine Online-Plattform üben müssen und im Schnitt ihre Merkleistung für Aufgaben wie Wörter merken mehr als verdoppelt. Dabei zeigte sich, dass dieses Training nicht zu Änderungen an der Gehirnstruktur selbst führt (anders als etwa bei der berühmten Taxifahrerstudie aus London), sondern die Veränderungen vor allem in der sogenannten funktionellen Konnektivität. Das ist eine Methode bei der untersucht wird, wie während Ruhe (also gerade nicht während einer Merksaufgabe) Gehirnregionen parallel aktiv werden, was als Kommunikation zwischen diesen interpretiert wird. Stärker noch, die durch das Training ausgelösten Veränderungen entsprachen den Unterschieden zwischen Gedächtnissportlern und Kontrollpersonen und je stärker sie waren, desto stärker war die Verbesserung der Gedächtnisleistung. Aber selbst gute Gedächtnissportler bleiben dabei auf die Techniken angewiesen. Wenn wir ihnen Aufgaben gaben, bei denen sie diese nicht verwenden sollten oder konnten, war ihre Gedächtnisleistung nicht mehr besser als bei einer intelligenzmäßig vergleichbaren Gruppe. Auch das Gedächtnistraining mit Gedächtnistechniken führt also vermutlich nicht zu Transfer (siehe Kapitel 8). Wir fanden allerdings durchaus kleine Trainingseffekte auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit und einen im Mittel sehr hohen IQ bei den Gedächtnissportlern. Ob dies ein Erfolg durch das langjährige Training mit den Methoden ist, muss weiter untersucht werden. 5. Biochemische Verfahren – „Hirndoping“ Rund um das Jahr 2010 gab es einen Medienhype zum zunehmenden Hirndoping. Der Missbrauch rezeptpflichtiger Medikamente zur Leistungssteigerung insbesondere unter Studierenden, Journalisten und Managern war dabei intensiv Thema der Berichterstattung. Häufig wurden dabei Studien zitiert, weniger häufig korrekt. Ende 2011 ist gar eine eigene Studie australischer Wissenschaftler publiziert werden, welche sich diese Berichterstattung angesehen hat. Demnach haben 95% aller Artikel möglichen Nutzen erwähnt, aber nur 58% mögliche Nebenwirkungen und nur 15% die in der Wissenschaft durchaus vorhandene Zweifel an der Existenz des Nutzens. Die tatsächlich zu beobachtende Zunahme des illegalen Konsums ist daher vermutlich durch den Medienhype mitausgelöst, schlussfolgern die Autoren,. Als „Smart Drugs“ oder „Nootropika“ werden dabei auf Anbieterseite (die natürlich rezeptpflichtige Medikamente nicht zum Missbrauch bewerben dürfen) auch Nahrungsergänzungsmittel und andere Substanzen beworben. Koffein und Zucker ​Wie schon erwähnt sind diese legalen Mittel meist koffein- und zuckerhaltig. Koffein wirkt schon kurz nach dem Konsum stimulierend. Der Wirkmechanismus ist dabei, dass Koffein dem Stoff Adenosin ähnelt. Dieser wird im Gehirn ausgeschüttet, wenn Nervenzellen aktiv sind. Je mehr davon vorliegt, desto angestrengter sind wir. Um einen Ausgleich zu schaffen werden dann weniger Neurotransmitter ausgestoßen. Koffein setzt sich jetzt aber in die Rezeptoren des Adenosin, ohne diesen „Bremseffekt“ auszulösen. Neurotransmitter wie insbesondere Noradrenalin und Dopamin werden immer weiter ausgeschüttet, obwohl der Adenosinpegel stetig weiter steigt. Man fühlt sich wacher und ist in besserer Stimmung. Das mehr Neurotransmitter vorhanden sind führt in bestimmten Denkaufgaben auch zu tatsächlichen Leistungsverbesserungen, die positiven Effekte von Koffein etwa auf Reaktionsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit sind gut belegt. Weniger klar ist bei höheren Denkleistungen, etwa bei Gedächtnis oder Kreativität. Hier scheint eine mögliche Leistungsverbesserung geringer und ggf. nur durch die höhere Aufmerksamkeit begründet. Zudem nutzen natürlich viele Menschen gewohnheitsmäßig Koffein, so dass die Teilnahme an einer Studie bei der dann kein Kaffein im Kaffee enthalten ist auch mögliche Entzugserscheinungen auslösen kann. Diese sind bei Koffein wie das Suchtpotential im Allgemeinen aber gering. Glucose, also Traubenzucker, ist die Hauptenergiequelle unseres Gehirns. Glucosezufuhr wirkt sich in vielen Studien positiv auf zahlreiche kognitive Leistungen aus. Umgedreht etwa zeigen Studien, dass beim Fasten der Glucosespiegel im Gehirn sinkt und dies zu schlechterer Leistungsfähigkeit, Stimmungsschwankungen und nachlassender Selbstbeherrschung führt. Das Verlangen während der Diät doch die Schokoriegel zu Naschen ist also purer Eigennutz unseres Gehirns. Und am Ende auch nützlich: Ein extrem niedriger Glucosespiegel kann letztlich zum Koma und zum Tod führen. Für gesunde Menschen keine reale Gefahr, für Diabetiker aber natürlich sehr wohl. Weitere, legale Stoffe ​Während Kaffee und Zucker von den wenigsten als Cognitive Enhancer wahrgenommen werden, sieht das bei manchen Mitteln schon anders aus. Der bekannte Bestsellerautor und Self-Improvement-Guru Timothy Ferriss („Die 4-Stunden-Woche“) ist ursprünglich damit in den USA erfolgreich geworden, dass er ein Nahrungsergänzungsmittel für Bodybuilder namens „BodyQuick“ erfand. Doch der Markt war bereits gesättigt. Also schrieb er auf die Verpackung des kaum veränderten Produkts „BrainQuicken“, vertrieb es an Manager und Studenten und wurde reich. Längst gibt es zahlreiche Nachahmer. Bringen diese Mittel etwas? Als häufigster Inhaltsstoff hat sich Ginkgo etabliert. Dieser soll die Durchblutung des Gehirns fördern und dadurch auch die Gedächtnisleistung steigern. Aktuell geht man eher von anderen Wirkprinzipien aus. Es gibt Hinweise darauf, dass Ginkgo bei Alzheimer nützlich sein kann, aber auch diese Effekte sind klein und teils umstritten. Für Gesunde ist kein positiver Effekt auf die Kognition zu finden. Auch beliebt ist das Coenzym Q10. Es spielt eine Rolle bei der Energieproduktion der Körperzellen und wird neben Joghurts bis hin zu Hautcremes inzwischen allem Möglichen beigefügt. Vor allem auch Nahrungsergänzungsmitteln. Studien konnten jedoch bis jetzt keine Vorteile dieser Produkte in relevantem Ausmaß finden. Der Körper produziert ohnehin genug Q10, über die Nahrung, z.B. über Nüsse, nehmen wir weiteres auf. Ähnliches gilt für Omega-3-Fettsäuren, die meist in Form von „Fischöl“ eingenommen werden. Omega-3-Fettsäuren gelten als „gute Fette“ im Vergleich zu „gesättigten Fettsäuren“. Auch wenn die Studienlage nicht eindeutig ist – gerade in Bezug auf das Gedächtnis widersprechen sich die Studienergebnisse –, gibt es immerhin einige Indizien für eine gesundheitsfördernde Wirkung. Allerdings ist bei einer ausgewogenen Ernährung kein zusätzlicher Bedarf vorhanden. Wer mindestens einmal in zwei Wochen Fisch isst, deckt seinen Bedarf, ganz ohne Pillen und Wunderjoghurt. Vorne immer mit dabei sind natürlich die Vitamine. Wieder kein Anlass zu Euphorie. Wer sich gesund ernährt, braucht keine Vitaminpillen. Viele solcher Vitaminpillen enthalten das Dutzendfache der empfohlenen Tagesmenge einzelner Vitamine. Es gibt inzwischen mehrere Meta-Studien die verschiedene andere Studien mit zusammengenommen weit über 100.000 Teilnehmern zusammenfassen und untersuchen, ob regelmäßige Konsumenten von Vitaminpillen gesunder sind oder Kognitionstest besser abschneiden. Nein, ist die kurze aber klare Antwort. Die Senioren aus den zahlreichen Werbespots im Vorprogramm der Volksmusiksendungen, die dank gewisser Ergänzungsmittel sich wieder Namen merken oder Dinge behalten können, profitieren mutmaßlich vom Placebo Effekt oder sind fit-gebliebene Schauspieler. Oder sie profitieren von anderen Effekten. Auffallend oft sieht man sie beim Tennisspielen, Wandern oder Golfen über ihre Mittel reden. Und das wiederum hilft, siehe Thema Sport, sehr wohl die Denkleistung aufrechtzuerhalten. Pharmaka Ritalin und Adderall ​Es muss also etwas Stärkeres her. Je nach Erhebung und Land sollen inzwischen bis zu 30% der Studierenden zumindest einmal jährlich, am häufigsten in der Prüfungsvorbereitung, rezeptpflichtige Mittel zur nicht-bestimmungsgemäßen Leistungssteigerung einsetzen. Die Mittel der Wahl unterscheiden sich. Bei uns ist das unter dem Markennamen Ritalin bekannte Methylphenidate, ein Medikament für ADHS- (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität) und Narkolepsie-Patienten, das am häufigsten genannte Hirndopingmittel. In den USA ist es Amphetamin und das Kombipräparat Adderall, welches ebenfalls bei ADHS und auch bei Narkolepsie verschrieben wird. Methylphenidate ist zwar chemisch eine etwas andere Stimulanz, die Wirkweise ähnelt aber der von Amphetamin, wie die gleichen, ursprünglichen Zielgruppen bereits zeigen. Durch Methylphenidate und Amphetamin werden wiederum die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin (die, wie gezeigt, auch bei der Wirkung von Koffein eine Rolle spielen) beeinflusst. Zum einen wird ihre Produktion erhöht, zum anderen aber insbesondere die Wiederaufnahme in den Synapsen gehemmt. Der Missbrauch ist dabei keine neue Sache. Bekannte Rauschmittel wie „Speed“ und „Crystal Meth“ gehören zur gleichen chemischen Kategorie. Was die Wirkung auf die Kognition angeht zeigen sich in einigen Studien bei Amphetamin Effekte auf (sprachliches) Lernen, Wachsamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Gedächtniskonsolidierung (aber nicht auf das Kurzzeitgedächtnis). Bei Methylphenidate zeigen die Studien am ehesten Wirkung auf das Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis, weniger aber auf andere Gedächtnisberieche, daneben aber vor allem subjektiv wahrgenommene Leistungsverbesserung, die objektiv nicht zu bestätigen ist. Bei beiden Substanzen gibt es aber ebenso viele Studien mit Nullergebnissen, was heißt, dass es keinen messbaren positiven (oder negativen) Effekt auf die kognitive Leistung gab. Beide haben zudem häufige Nebenwirkungen wie erhöhte Nervosität, Aggressivität und starke Nebenwirkungen bei anhaltender Nutzung und Überdosierung. Hinzu kommt ein recht hohes Suchtpotential insbesondere für Amphetamin (bei Methylphenidate ist es weniger deutlich). Metastudien welche die Einzelstudien zusammenfassen kommen daher häufig zu der Vermutung, dass es gewisse Effekte auf die Konzentration und Wachheit gibt. Dies bestätigt sich auch durch die Anwenderberichte und ist genau das Ziel bei der Verwendung von Patienten mit ADHS. Die darüber hinaus wahrgenommene Leistungsverbesserung kann objektiv aber nicht robust nachgewiesen werden. Vieles spricht dafür, dass durch die höhere Konzentration einfach mehr gearbeitet wird und zudem die Wahrnehmung der eigenen Leistung sich verschiebt. Diese Meinung wird auch dadurch unterstützt, dass insbesondere Menschen mit hohem Konzentrations- und Leistungsvermögen am wenigsten bzw. in fast allen Studien gar nicht profitieren. Weitere Pharmaka Andere Mittel die in der Forschung zu Hirndoping und Cognitive Enhancement häufiger untersucht wurden sind: Modafinil/Vigil - gedacht für Patienten mit Narkolepsie und anderen, schweren Schlafstörungen. Modafinil führt im Normalfall nicht zu besseren kognitiven Leistungen. Die Wirkung zeigt sich erst bei leichtem Schlafentzug. In jenem Fall können tatsächlich Müdigkeitserscheinungen hinausgezögert werden, was wohl insbesondere in Militärkreisen häufig ausgenutzt wird für Phasen langer Wachheit. Allerdings hält diese Wirkung nur einige Stunden an. Dauert der Schlafentzug länger, nutzt auch Modafinil nicht mehr. Allerdings bleibt der subjektive Eindruck, wach zu sein, bestehen, obwohl die tatsächliche Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit längst nachgelassen haben. Das kann zu gefährlicher Selbstüberschätzung führen! Demenzmedikation wie Donezepil und Galantamine. Hier gibt es noch wenige Studien die kleine oder keine Effekte auf die Gedächtnisleistungen von Gesunden zeigen, insbesondere kaum Effekte bei gesunden jungen Probanden. Da auch Studien mit positiven Ergebnissen diese nur für Einzelpersonen finden besteht die Vermutung, dass bei diesen bereits undiagnostizierte Demenzpathologie vorliegt, also eine beginnende Alzheimererkrankung. ​ 6. Physische Verfahren – „Brainhacking“ In die dritte Kategorie fallen vorwiegend Stimulationsverfahren. Also physische Verfahren und Geräte, welche direkt mit dem Gehirn interagieren. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Elektrokrampftherapie für schwere psychiatrische Erkrankungen entwickelt und wird auch heute noch trotz mancher Debatte etwa bei schweren Depressionen eingesetzt. Erst seit den 1990er Jahren aber gibt es Ansätze (andere) Verfahren der Gehirnstimulation auch zur Leistungsverbesserung einzusetzen. TMS Die transkranielle Magnetstimulation (TMS) ist ein Verfahren, welches die elektromagnetische Induktion nutzt. Ein starkes Magnetfeld wird kurzzeitig über dem Kopf erzeugt und so im Gehirn (transkraniell = durch den Schädel) elektrische Impulse ausgelöst, Aktionspotentialen aktiviert - also Neuronen zum Feuern gebracht. Durch die Spuleneigenschaften können heute Bereiche des Gehirns in der äußeren Gehirnrinde einigermaßen zielgerichtet aktiviert werden, die Streuung bleibt aber groß. Bei alternativer Anwendung werden Neuronen nicht direkt stimuliert sondern die allgemeine Erregbarkeit hoch oder runter gesetzt. Die meist beachteten Studien der kognitiven Leistungssteigerung mit TMS stammen vom australischen Labor von Allan Snyder. Durch Unterdrückung (statt Stimulation) von frontotemporal Gehirnregionen (ganz vorne unter der Stirn, neben den Augen) erreicht er bei gesunden Probanden savant-artige Leistungen beim Zeichnen und Rechnen. Savants sind Patienten oft mit autistischer Behinderung welche in Einzelbereichen außergewöhnliche Leistungen zeigen. Auch Patienten mit frontotempoaler Demenz zeigen manchmal zu Beginn ihrer Krankheit in diesen Feldern verbesserte Leistungen, daher die Wahl dieser Gehirnregion. Die TMS-unterstützte Verbesserung der Fähigkeiten funktioniert längst nicht bei jedem Probanden, die Erfolgsquote ist unter 50%, und die wenigsten erreichen wirklich außergewöhnliches Niveau, aber die Beobachtungen führten zu entsprechenden weiteren Studien. In einer Übersichtsarbeit 2014 wurden über 60 Enhancement-Studien zu TMS zusammengefasst und insbesondere (mit jeweils unterschiedlichen Gehirnregionen die stimuliert oder unterdrückt wurden) auf visuelle Aufgaben und Arbeitsgedächtnisaufgaben robuste, aber meist kleine bis mittlere Effekte (Cohens D 0,2-0,8) auf die Leistung festgestellt. ​tCDS Noch etwas neuer und zudem günstiger ist tDCS (transcranial direct current stimulation). Im Endeffekt werden einfach zwei Elektronen auf den Kopf gelegt, zwischen welchen ein Strom fließt und so ebenfalls Aktivität in der Hirnrunde beeinflusst. Eher nicht durch aus Auslösen von Aktionspotentialen sondern dadurch, dass die Hemmschwelle zum Auslösen unter der Anode reduziert wird. Unter der Kathode wird sie gerade erhöht, Neuronen feuern weniger schnell. Da das Setup so simpel ist finden sich hier auch zahlreiche Anleitungen und Selbstbau-Lösungen im Internet, was durchaus Anlass zur Sorge gibt. So zeigen auch bei tCDS Studien, dass kleine bis mittelstarke Leistungssteigerungen erzielt werden können. Im Labor etwa auf Lernen und Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis und mathematische Fähigkeiten. Anders als bei TMS halten die Effekte auch nach Ausschalten eine gewisse Zeit vor. Sowohl TMS als auch tCDS sind bei korrekter Anwendung ungefährlich. Wichtig ist aber die Dauer. Eine Stimulation über einige Minuten ist sehr positiv. Länger als 30 Minuten führt sie aber zu gegenteiligen Effekten und im Extremfall zu Schäden am Gehirn. Wenn man Anleitungen etwa für Gamer sieht, wo die entsprechende Zielgruppe dann über mehrstündige Spielesitzungen ihr Gehirn elektrisch stimulieren lässt, kann man nur energisch warnen. Auch bei falscher Anwendung von TMS können Schäden auftreten, einzelne dadurch ausgelöste epileptische Anfälle sind dokumentiert. In den letzten Jahren wurden zudem einige Varianten der transkraniellen Stimulation entwickelt die sich dann unter eigenen Kürzeln wie tRNS, tPCS, tVNS usw. verbergen. Tiefe Hirnstimulation ​Deutlicher invasiver ist die Tiefe Hirnstimulation (engl. Deep Brain Stimulation DBS), bei welcher eine Operation am Gehirn vorgenommen und ein Impulsgeber in tiefe Hirnregionen eingebracht wird, der umgangssprachliche Hirnschrittmacher. Dieses Verfahren ist natürlich nur bei schwerwiegenden Erkrankungen zulässig. Da aber in einigen Studien gezeigt wurde, dass DBS auch leistungssteigernde Effekte auf Lernleistungen haben können und anders als die oberflächlichen Stimulationen direkt auf die für Gedächtnisbildung wichtigen Gehirnregionen wirkt, sollte es hier erwähnt werden. Auditive und Optische Stimulation ​Um das Gehirn zu beeinflussen muss man es gar nicht direkt stimulieren. Schon länger bekannt (und gefühlt etwas aus der Mode gekommen) sind Verfahren der Stimulation über die Sinne. Binaurale Beats etwa sind Töne leicht unterschiedlicher Frequenz die über einen Kopfhörer auf beiden Ohren gespielt werden und so die im EEG gemessenen Gehirnwellen (bzw. deren Frequenzbänder) beeinflussen sollen. „Mind Machine“ werden die zugehörigen Produkte genannt. In deren Anleitung steht meistens, dass sich die Gehirnwellen auf den Frequenzunterschied anpassen und so etwa die Frequenzbänder für Entspannung oder Konzentration eingestellt werden könnten wie die Frequenz eines Radios. Ganz so einfach ist es dann mal wieder doch nicht, wie Studien zeigen. Das Gehirn reagiert zwar auf die binauralen Beats, aber nur begrenzt. Keineswegs passt es sich direkt oder vollständig dem vorgegebenen Wert an. Zudem ist selbst die Anpassung an die Frequenz nicht unbedingt sinnvoll. Der Skeptiker Barry Beyerstein formulierte schon in den 80er Jahren, dass das Gehirn in den Alphazustand versetzen ebenso wenig zur Entspannung führt wie das Öffnen eines Regenschirms Regen herbeiführt. Klar ist: Der Placebo Effekt ist hier sehr groß, insbesondere wenn Binaurale Beats zur Entspannung eingesetzt werden. Nur wenige Studien konnten tatsächliche Leistungssteigerung in kognitiven Aufgaben zeigen. Aber auch in den letzten Jahren noch gab es weitere solcher Einzelstudien mit positiven Ergebnissen, so dass die Forschung dazu sicher fortgesetzt wird. Ebenfalls wieder populärer sind visuelle Stimulationen insbesondere zur Beeinflussung des Schlafes. Durch die Weiterentwicklung mobiler EEG-Geräte, heute verfügbar durch zahlreiche Anbieter in Form von Mützen, Stirnbändern und co, kann inzwischen der Schlaf live relativ gut überwacht werden und dann etwa durch visuelle Stimulation der Tiefschlaf verlängert werden. Dies scheint sich in ersten Studien zu bestätigen und hat nach dem Aufwachen positive Effekte auf die Leistungsfähigkeit, insbesondere aber wieder bei Personen die ansonsten zu wenig oder nicht tief genug schlafen. Neurofeedback ​Weitere physische Verfahren werden unter Neurofeedback zusammengefasst. Hier wird meist per EEG, inzwischen aber auch im Kernspintomographen, das Gehirn untersucht und dem Probanden bzw. dem Anwender die Daten live angezeigt. Durch Training kann dann die eigene Gehirnaktivität beeinflusst werden. Durch die Art des Aufbaus ist Neurofeedback auch sehr anfällig für Placebo-Effekte. Das muss nicht per se negativ sein, auch so kann ein Teilnehmer gegebenenfalls lernen sich selbst zu regulieren. Ich war aber selbst mehr als einmal bei Demonstrationen von Neurofeedbackanbietern auf Messen und der Gleichen anwesend, wo Besucher begeistert ob der Effekte waren bis ich mir den Unmut der Aussteller zugezogen haben, wenn ich beiläufig erwähne, wie gut es erst funktionieren muss, wenn sie die Dinger auch noch einschalten bzw. den Demo-Modus verlassen (Tipp: EEG Kappen die schon Signale auf dem Monitor anzeigen bevor man sie aufsetzt sollten auch ohne Neurofeedback zum Nachdenken anregen). Seit den 70er Jahren gab es zahlreiche kommerzielle Anbieter mit allerlei Versprechen. Trotzdem ist auch heute ist die Forschung uneinig. Eine Übersichtsarbeit von 2014 von John Gruzelier wertet dutzende Studien hierzu aus und findet über 30 Belege für Leistungssteigerungen während wiederum eine Arbeit aus 2017 von Thibault und Raz schlussfolgert, dass fast alle dieser Effekte auf Placebo Effekte zurück zu führen sind. Wenn statt der echten Gehirndaten zufällige Daten anderer Probanden verwendet werden (wie bei meinem Messebesuch) sind die Effekte oft genauso groß. Zudem kritisieren die Forscher, dass über 90% der jeweiligen Erstautoren der Studien selbst kommerziell Neurofeedback anbieten. Moderne Gadgets, Gehirn-Computer-Schnittstellen und co. Von Augmented Reality (wir haben eine Studie mit Google Glass zur Gedächtnisverbesserung in Durchführung) über implantierte Chips die Menschen, gern selbst-ernannten Cyborgs, gleich neue Sinne oder Fähigkeiten liefern sollen aber heute meist nichts anderes können als jede Chipkarte auch, bis hinzu Gehirn-Computer-Schnittstellen gibt es viele Entwicklungen (siehe auch Kapitel 9) welche auch versprechen uns alle besser zu machen. Hier bleibt schlicht abzuwarten, was wirklich funktioniert. ​ 7. Auf der Suche nach Transfer Bei der suche nach dem ultimativen Cognitive Enhancer hätten wir natürlich am liebsten eine Lösung, die uns in allen Bereichen verbessert. Wie schon beschrieben wirken heutige Verfahren meist auf sehr begrenzte Teilbereiche. Was breit wirkt (Sport, Schlaf etc.), hat dagegen kleine Effekte. Wenn man sich Studien zu Cognitive Enhancement anschaut, stößt man häufig auf die Diskussion ob es Transfereffekte gibt oder nicht. Insbesondere bei den trainingsintensiven, verhaltensbasierten Verfahren ist es relevant, aber auch bei Stimulation und co. Unterschieden wird hier meist in nahen und fernen Transfer. Etwa beim Arbeitsgedächtnistraining/Computer Training (siehe Kapitel 4) macht der ganze Aufwand nur Sinn, wenn es Transfer gibt. Als Vergleich bietet sich der Sport an: Wer etwa mit dem Laufen beginnt, trainiert dadurch sein kardiovaskuläres System, Herz und Kreislauf, und ist hinterher auch im Fahrradfahren oder Rudern leistungsfähiger. Die Hoffnung: Wer sein Arbeitsgedächtnis trainiert, kann in vergleichbar wie der Sportler hinterher auch in anderen Bereichen mehr leisten, z.B. besser Rechnen oder schneller Lesen. Wenn etwa in einer solchen Studie das Arbeitsgedächtnis mit der zuvor beschriebenen n-back Aufgabe trainiert wird und als Stimuli, also gezeigte Inhalte, Buchstaben benutzt werden, dann wäre: eine Verbesserung des erreichten Level dieses Spiels ein Trainingseffekt, aber kein Transfer eine Verbesserung in einem Test des Arbeitsgedächtnisses welcher mit Zahlen oder Bildern arbeitet ein „naher Transfer“ (engl.: near transfer) eine Verbesserung des IQs oder beim Kopfrechnen entsprechender „ferner transfer“ (engl. Far transfer) Es zeigt sich bisher, dass Trainingseffekte zu erreichen sehr gut möglich ist, Transfer aber nicht. Das Arbeitsgedächtnistraining hat viele Hoffnungen enttäuscht. Selbst Gedächtnisweltmeister sind nur dann besser im Lernen, wenn sie ihre lange trainierten Techniken benutzen. Der Unterschied ist aber, dass eine Verbesserung im n-back Computerspiel keinen praktischen Nutzen hat, beim Gedächtnistraining aber gleich alltagsrelevante Dinge wie Namen, Zahlen oder schwierige Inhalte merken trainiert wurden. Dennoch zeigt es, dass unsere Kognition, unser Gehirn doch deutlich anders arbeitet als eben der Kreislauf. Laufen gehen hilft auch beim Rudern, aber schon Zahlen merken üben nicht automatisch beim Vokabel lernen. ​ 8. Ein realistischer Blick auf Ziele, Chancen und Risiken Der ideale kognitive Enhancer sollte folgende Aspekte erfüllen: Nebenwirkungsfrei Effektiv für die adressierte kognitive Leistung leicht verfügbar leicht anwendbar / nicht aufwändig sozial akzeptiert und günstig sein. Die vorherigen Kapitel kurz zusammengefasst gibt es also derzeit keinen kognitiven Enhancer der alle Wünsche erfüllt. Das dürfte nicht weiter überraschen. Dass manche der Enhancer vermuteten oder angepriesenen Lösungen auch noch recht weit davon weg sind, vielleicht schon eher. Adderall und Ritalin wirken, aber eher für diejenigen, die Konzentrationsprobleme haben. Zudem sind Verfügbarkeit, Nebenwirkungen und Akzeptanz nicht als gut zu bewerten. Sport, Meditation, verbesserter Schlaf oder gesunde Ernährung sind leicht verfügbar, sozial akzeptiert, nebenwirkungsfrei (bzw. umgedreht – mit vielen positiven Nebenwirkungen) und günstig. Aber sie wirken nicht spezifisch, zeigen nur geringe Effekte und werden als aufwändig wahrgenommen. Gedächtnistraining mit Gedächtnistechniken und eingeschränkt Computer Training sind deutlich effektiver, spezifischer und erfüllen die meisten Punkte ebenso gut. Nur hier ist der Aufwand noch höher, eine leichte Anwendung nicht gegeben. Da es wohl auch keinen oder wenig Transfer auf andere Leistungen als die trainierten gibt, ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung wichtig. Die „alten“ physischen Verfahren wie Neurofeedback oder Binaural Beats liegen bei vielen Skalen in der Mitte. Weniger aufwändig als wochenlanges Training, aber es braucht Apparatur und wiederholte Nutzung. Bei richtiger Anwendung nebenwirkungsfrei und meist relativ günstig. Aber die Effektivität ist hier sehr in Frage zu stellen. Verbesserungen werden erzielt, aber vieles liegt am Placebo Effekt. Neuere physische Verfahren wie Gehirnstimulation müssen weiter untersucht werden. Die Anwendung ist noch sehr aufwändig, da geschultes Personal nötig ist. Von der ungeschulten Eigenanwendung mit Selbstbaulösungen ist dringend abzuraten, da diese statt nützlich sogar gefährlich werden kann. Auch hier muss die Rolle des Placebo Effekts noch genauer geklärt werden. Nahrungsergänzungsmittel und „smarte Lebensmittel“ schlagen Placebos tatsächlich in vielen Studien, aber ein noch besserer Vergleich wäre mit Koffein und Zucker („süßer Kaffee“). Die meisten sind zumindest unbedenklich, enthalten also keine bedenklichen Inhaltsstoffe. Allerdings ist allein die Aussage „Du musst etwas einnehmen, um dein Potenzial abzurufen“ gefährlich. Wenn etwa Eltern ihre Kinder mit Nahrungsergänzungsmitteln oder nichtverschreibungspflichtigen Medikamenten versorgen und damit zeigen, wie normal die Einnahme von Pillen ist, verwundert es nicht, dass die Kinder in späteren Jahren vorschnell zu pharmazeutischen Produkten und Drogen greifen, um ihre Probleme zu bewältigen. Die „Pharmakologisierung des Lebens“ ist für die Gemeinschaft nicht gewünscht und in vielen Bereichen doch längst Realität. In den USA noch stärker als bei uns, aber auch hier verschieben sich Sichtweisen. Persönlich habe ich erlebt, dass Gedächtnismeisterschaften für Kinder von Nahrungsergänzungsmitteln gesponsert werden sollten und selbst viele Eltern nichts dabei fanden. Diesen Ansatz schon Kindern mitzugeben „Nimm diese Pille, dann wird das schon“ finde ich persönlich sehr bedenklich! Auch wenn es also bisher keinen optimalen Enhancer gibt und vielleicht nie geben wird, ist es doch gut belegt, dass unsere Denkleistungen sehr wohl beeinflusst und verbessert werden können. Wer davon profitieren will, sollte aber zunächst sein eigenes Ziel kennen, sowie seine Stärken und Schwächen. Liegen Probleme bei der Konzentration vor? Ist es das Gedächtnis, was verbessert werden soll? Wenn ja, Kurz- oder Langzeitgedächtnis? Soll länger durchgearbeitet werden können? Gibt es Probleme mit Müdigkeit? Das sind zunächst relevante Fragen. Gerade wenn Probleme wahrgenommen werden, sollten dann medizinische Probleme oder ein schlechter Lebenswandel angegangen werden. Manche Pillen könnten helfen den letzten Tag vor der Deadline noch durchzuarbeiten, danach aber ist ein Einbruch der Leistung kaum zu stoppen und wenn das langfristig probiert würde, kann es zu chronischen Stresserkrankungen und Überlastung führen, die man heute häufig unter Burn-Out zusammenfasst. So ist am Ende nicht nur gesellschaftlich sondern auch für jede Einzelne langfristig sinnvoller auf verhaltensbasierte Verfahren zu schauen, also kurzfristig etwas mit dem Gehirn anzustellen, von dem die langfristigen Folgen nicht klar sind. So bleibt die Rolle der Neurowissenschaft (vgl. Kapitel 2) gegeben. Taucht mal wieder ein neues Gadget bei Kickstarter auf, sollte man nachdem Werbetrailer auch einmal kritisch hinterfragen, ob das stimmen kann und was langfristig mit einem macht. ​ 9. Ethik Cognitive Enhancement wirft auch viele ethische Fragestellungen auf. Sowohl auf der persönlichen als auch der Gesellschaftsebene. Beim Betrachten jedes einzelnen Enhancers ist etwa zu beachten, welche kognitive Leistung er verbessert, ob es Nebenwirkungen gibt, wie hoch die Hürden für den Gebrauch sind und wie sicher die Nutzung ist. Sport, Bewegung oder Meditation etwa mögen vergleichsweise geringe, kognitive Verbesserungen bewirken im Vergleich zu anderen Enhancern, wirken sich dafür aber auf viele kognitive Bereiche aus und nicht nur einen Teilaspekt und sind darüber hinaus auch für die körperliche Leistungsfähigkeit nützlich. Gedächtnistraining, Änderung von Schlaf- und Ernährungsverhalten kommen auch mit anderen positiven Begleiterscheinungen und sind nebenwirkungsfrei, sind aber auch sehr aufwändig. Erst nach längerer Zeit entsteht hier ein Nutzen, zudem müssen die Maßnahmen beibehalten werden. Hier ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung wichtig. Pharmaka, wenn auch bisher die Studienlage nicht so positiv ist, oder Gehirnstimulation können dagegen sofort Wirkung erzielen, aber haben potentielle Nebenwirkungen, wirken sich meist nur auf einzelne kognitive Fähigkeiten aus und müssen korrekt angewendet werden. Wo ein Wissenschaftler oder Arzt die genaue Dosierung und Beurteilung in einer Studie begleiten und festlegen kann, sieht die mutmaßliche Anwendung „zu Hause“ anders aus. Der unerfahrene Anwender kann sich so erheblichen Schaden zufügen. Daher bleibt die Frage auch in der ethischen Diskussion offen, wie wir mit funktionierenden Enhancern umgehen sollen. Hier gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen. Ärzte wollen sich um Patienten kümmern und nicht dem gesunden Studenten helfen die letzten Punkte in der Prüfung zu ergattern. Aber darf man ihm diese Option dann vorenthalten, wenn sie besteht? Und wie es zu beurteilen, wenn er keine professionelle Begleitung bekommt und sich dann irgendwas über das Internet holt? Die Aufgabe sich diese Fragen zu beantworten liegt heute noch bei den Einzelpersonen und ggf. Ärzten selbst. Eine Regelung auf politscher und gesellschaftlicher Ebene besteht kaum. Wenn Anna von ihrer Ärztin Ritalin verschrieben bekommt, weil sie sich nicht so gut konzentrieren kann und dadurch in der Prüfung besser abschneidet als Alina, die vergleichbare, leichte Konzentrationseinbußen hat, aber einen Arzt hat, der nur sagt „reiß dich mal zusammen, dafür nehmen wir doch keine Nebenwirkungen oder gar Sucht in Kauf“, ist das dann fair? Und welchem Arzt stimmen wir zu? Wichtig ist aber auch die Debatte von Pharmaka weg zu bekommen. Weil es eben auch auf der Verhaltensebene gut funktionierende Methoden gibt. Wer mit „Hirndoping“ eine Abkürzung sucht wird von der Allgemeinheit heute eher noch verächtlich beurteilt. Das tut man nicht! Zumindest nicht öffentlich. Wer aber Zeit und Engagement in Gedächtnistraining oder Meditation investiert, mit dem gleichen Ziel und so seine Leistungsfähigkeit steigert, wird gelobt. Finanzielle Anreize scheinen das zu verändern, denn Pillen kann man doch besser und vor allem immer wieder verkaufen als ein Trainingsprogramm, obwohl letzteres viel nachhaltiger ist. Gesellschaftlich ist die Verhaltensveränderung ebenfalls sinnvoller, da solche Trainings auch Selbstbeherrschung und Selbstvertrauen steigern und zu einem gesunden Betrachten von eigenen Stärken und Schwächen führen. Aber klar, es ist gesellschaftliche Realität, dass wir uns und unsere Zeit optimieren wollen. Wenige Firmen geben ihren Mitarbeitern den Raum für solche, zeitintensiven Maßnahmen. Die Leistung soll stimmen und zwar jetzt. Einen Kritikpunkt schließlich muss man auf alle Enhancer übertragen: Welcher Druck, ja Zwang, entsteht, wenn sie leicht verfügbar sind und funktionieren? Es lässt sich leicht sagen, dass ist ja alles freiwillig, jeder entscheidet für sich. Aber wer sich verweigert konkurriert in der Schule, im Beruf und letztlich „Im Leben“ doch mit denen, die mit machen. Auch darüber – und was wir eigentlich wollen – muss weiter nachgedacht werden. ​ 10. Ausblick Cognitive Enhancement ist zuletzt etwas aus dem Focus der Medien gerückt, was aber positiv sein kann, erlaubt es Wissenschaftlern und Entwicklern doch mit etwas mehr Ruhe tatsächlich funktionierende Lösungen zu untersuchen. Ehrlichgesagt läuft uns in der akademischen Forschung aber leider manche Entwicklung ohnehin davon. Zusammen mit einigen Kollegen hatte ich Forschungsgelder beantragt um eine Reihe von Cognitive Enhancement verfahren miteinander zu gleichen, insbesondere aus den Kategorien Verhalten und Physische Verfahren. Wir wollten dabei keine eigenen Gadgets entwickeln sondern die testen, die ohnehin via Crowdfunding Plattformen wie Kickstarter und co. an „Early Adopter“, also bereitwillige Anwender verkauft werden. Wissenschaftlich wurde unser Studiendesign hoch gelobt und als sehr gut bewertet. Doch weil entsprechende Geräte von den jeweiligen Start Ups nicht auf Unbedenklichkeit getestet und nicht wie medizinische Geräte zugelassen werden wurde uns als Psychologen und Neurowissenschaftler bescheinigt, dass es zu gefährlich ist, wenn wir diese an Probanden testen - es sei denn wir brächten die Gadgets selbst als medizinische Geräte zur Zulassung. Das aber kostet hunderttausende Euro und ist daher für uns nicht möglich. Die Anbieter werben gerade nicht mit dem medizinischen Nutzen sondern möglicher Leistungsverbesserung bei Gesunden. So bezahlen viele Menschen freiwillig dafür, dürfen zu Hause ohne Kontrolle damit an sich herumexperimentieren, aber die wissenschaftliche Überprüfung ist bei uns wegen strengerer Regeln nicht möglich. Andere interessiert das weniger. Elon Musk etwa, vor allem durch Elektroautos (Tesla) und Weltallflüge (SpaceX) bekannt, sieht Cognitive Enhancement als unabdingbar an, wenn wir zukünftig noch mit künstlicher Intelligenz, Computer und Robotern mithalten wollen. Eine KI die sich gegen uns richtet sieht er als große und reale Gefahr. Daher hat er die Firma „Neuralink“ gegründet. Diese baut keine KI. Sondern Gehirn-Computer-Schnittstellen um unsere Kognition dadurch zu verbessern, dass wir unsere Gehirne miteinander verbinden und damit auch mit Computern. Seine Vision ist, dass wir in wenigen Jahrzehnten die aus seiner Sicht die extrem langsame „Schnittstelle“ Sprache hinter uns lassen und unsere Gehirne direkt miteinander kommunizieren, direkt auf neuronaler Ebene, statt indirekt durch Sprechen, Schreiben und Lesen. Statt Ihnen in diesem Dokument mein Wissen so zu teilen, wie ich vermute, dass Sie es verstehen, würden Ihre Neuronen einfach den Inhalt aus meinem Gehirn laden. Soweit sind wir noch lange nicht und die Realisierbarkeit auch in Jahrzehnten würde ich sehr in Frage stellen. Auf dem Weg in diese Richtung werden aber schon jetzt (eher von Unis als von Musk, aber der wirbt die Talente aus dieser Richtung natürlich gerne an) beeindruckende Erfolge bei Gehirnimplantaten für Patienten erzielt, so dass etwa querschnittsgelähmte Personen Prothesen nur durch ihre Gedanken immer besser steuern können. Einige Schritte dahin so auch Gesunden zu höheren Leistungen zu verhelfen sind noch zu machen, aber die ersten davon liegen lange hinter uns.

  • Hirngerechte und gesunde Mitarbeiterführung

    Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Führung von Mitarbeitern Inhaltsverzeichnis 1. Evolution der Führung 2. Führung und Rudelverhalten 3. Akzeptanz von Führung 4. Leistungsbereitschaft und Optimismus 5. Kommunikation und Lernen 6. Wertschätzung und Multitasking 7. Delegieren Hirngerechte und gesunde Mitarbeiterführung Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Führung von Mitarbeitern Arbeiten, insbesondere in Führungsfunktionen, bedeutet heute mehr denn je ein „Funktionieren“ im permanenten „Multitasking - Modus“. Das mag vielleicht attraktiv klingen und zur Hoffnung veranlassen, dass wir dadurch nachhaltig und effizient Höchstleistungen erbringen. Aktuelle Untersuchungsergebnisse und meine jahrelangen Beobachtungen zeigen allerdings ein ganz anderes Bild. Gerade aufgrund von Fragmentierung und „Vergleichzeitigung“ unserer Arbeitsprozesse werden negative Auswirkungen auf unsere Leistung und auf unsere Gesundheit immer deutlicher sichtbar. Unser Gehirn hat sich bereits an die neuen Herausforderungen angepasst und zeigt Wirkung: Zunehmend leiden wir unter Ungeduld, Konzentrationsproblemen und der Unfähigkeit, geistig „offline“ zu schalten. Führungskräfte kämpfen mit den gesundheitlichen Folgen permanenter Erreichbarkeit und sollten sich der Ursachen und Konsequenzen ständiger Ablenkung und Unterbrechung bewusst werden. Im Multitasking-Modus ist es aufgrund der veränderten Wahrnehmung fast unmöglich, andere Menschen durch individuelles Fordern zu fördern, gleichzeitig aber auch zu beruhigen und zu motivieren. Individuelle Überforderung und kollektive Demotivation können direkte Folgen eines solchen „ungesunden“ Führungsstils sein. Dieser Führungsstil, der stark von einer Erfolgskultur geprägt ist, konzentriert sich nur auf den Erfolg des Systems. Dabei wird, anders als in einer gesunden Leistungskultur, auf die tägliche Anstrengung des Einzelnen fast vergessen. Anstatt den Druck auszugleichen und „abzupuffern“, geben Führungskräfte diesen ungefiltert weiter; Mitarbeiter werden angetrieben, statt sie zu beruhigen und zu entwickeln. Gerade in solchen Situationen werden die Konsequenzen unseres biologischen Erbes offensichtlich, und der „hirngerechte“ und gesunde Umgang mit den gegebenen Rahmenbedingungen erweist sich als entscheidend für Erfolg oder Misserfolg in der Führung. Unsere Bereitschaft zur Energieinvestition (Motivation) entsteht immer dann automatisch, wenn wir von der Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit überzeugt sind und auch zeitnah den Fortschritt unserer Anstrengung erkennen können. Unser Gedächtnis spielt dabei eine entscheidende Rolle: Haben wir gestern unsere Anstrengungen nicht als erfolgreich (und damit als sinnvoll) empfunden, neigen wir heute dazu, negativ darüber zu sprechen und „überschreiben“ damit die Erinnerungen mit immer negativerer Emotion. Wir beginnen, Dinge zu dramatisieren. Negatives (Bedrohliches) wird betont, Positives bleibt hingegen unerwähnt. Solches Verhalten betrifft Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermaßen, die einander damit anstecken und einen fatalen Prozess in Gang setzen: Unser Belohnungssystem interpretiert Arbeit plötzlich als nicht mehr lohnenswert und empfindet sie nur mehr als anstrengend. Der Sinn der Arbeit wird emotional nicht mehr „verstanden“. Jammerkultur, Zynismus, Motivationsprobleme (und dadurch Überlastungssymptome wie Burnout) nehmen dabei nachweislich zu. Ich möchte als Biologe darauf hinweisen, dass wir Herdentiere auf ein „Wir gegen andere“ programmiert sind und uns stets ein gemeinsames Feindbild suchen: Gibt es ein klares gemeinsames Ziel außerhalb der Herde (zum Beispiel ein Mitbewerber…), so wird es zu enger Kooperation kommen; gibt es dieses Ziel nicht mehr, wird es zu oft gewechselt, oder nicht klar vertreten, so entsteht Konkurrenz innerhalb des eigenen Systems. Und plötzlich glauben Gruppen, Abteilungen und ganze Bereiche, ganz genau zu wissen, wer schuld daran ist, dass es nicht gut läuft. Eine kollektive Opferrolle fördert nachweislich Überlastung, sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene. Denn es ist nicht die Menge an Arbeit, sondern das Gefühl der Fremdbestimmung, das uns demotiviert und im schlimmsten Fall auch krank machen kann. Und es sind vornehmlich jene Mitarbeiter und Kollegen von Demotivation oder Überlastungserkrankungen betroffen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit oder privaten Rahmenbedingungen besonders empfindlich sind. Ich möchte das Thema „Führen und geführt werden“ aus naturwissenschaftlicher Sicht beleuchten, um dadurch ein paar biologische Rahmenbedingungen und deren Konsequenzen aufzuzeigen, die sich durch die Evolution bis zu uns sozialen Säugetieren ergeben haben. 1. Evolution der Führung Die Strategie der Evolution zeigt eine klare Entwicklung von egoistischen Einzellern zu nicht minder egoistischen Zellverbänden (Vielzeller), bei denen sich die erfolgreichste Form des Zusammenlebens durch Spezialisierung und Arbeitsteilung von Zellen ergeben hat. Die ersten Zellverbände mussten dabei eines rasch lernen: ihr aggressives Überlebensprogramm zu kontrollieren, das darin bestand, grundsätzlich alles Fremde zu bekämpfen. Darüber hinaus stieg mit der Anzahl der Zellen eines Organismus auch der Bedarf an Koordination und Kommunikation. Dabei gab es keine „Chef-Zelle“, die diese Aufgabe hätte lösen können: Es scheint vielmehr die Wechselwirkung, also die Kooperation einzelner spezialisierter Zellen gewesen zu sein, die das Funktionieren eines vielzelligen Organismus erfolgreich gemacht haben. Optimiert wurden dabei nicht nur die Fähigkeiten der einzelnen Zelltypen, sondern - und vor allem - die Fähigkeit der Zellgemeinschaften zur wechselseitigen Rückkoppelung: Eine einzelne Zelle bekommt Rückmeldung über die Auswirkung ihres Tuns auf den Gesamtorganismus und wird dadurch in ihrer Aktivität rückkoppelnd reguliert. Sie weiß sozusagen, ob ihr Beitrag noch im Sinne des gemeinsamen Ziels ist. Der optimale Zustand des Organismus, die sogenannte Homöostase, ergibt sich durch Anpassung der Regelkreise an die wechselnden Anforderungen der Umgebung. Durch dieses Prinzip konnte auf Hierarchien und den damit verbundenen Nachteil (der Abhängigkeit vieler Zellen vom Funktionieren einiger weniger) verzichtet werden. Die zwei wichtigsten Prinzipien des gemeinsamen Handelns auf zellulärer Ebene sind demnach Spezialisierung und Rückkoppelung. Aus vielzelligen Einzelkämpfern entstanden schließlich die ersten Kolonien und anonymen Verbände vom Typ „Fischschwarm“. Die Strategie der ersten Gemeinschaften vielzelliger Lebewesen folgte demselben Prinzip, das auch bei der Entstehung vielzelliger Organismen erfolgreich war, und hatte primär einen weiteren offensichtlichen Vorteil: Auf der einen Seite sinkt die Gefahr für den Einzelnen, gefressen zu werden, in der Masse dramatisch. Auf der anderen Seite steigt die Wahrscheinlichkeit zur erfolgreichen Fortpflanzung beträchtlich. Betrachten wir das Schwarmverhalten genauer, erkennen wir zwei weitere Prinzipien gemeinsamen Handelns: Zusammenhalt und Distanzkontrolle. Fische „messen“ permanent den Abstand zum Nachbarn und wollen diesen einhalten. Schwimmt der Nachbar auffällig hektisch in eine Richtung, wird sofort nachgeschwommen; kommt der Nächste zu nahe, wird die automatische Distanzkontrolle wirksam – und zwar die des ganzen Schwarms. In einem Schwarm gibt es keinen erkennbaren „Chef“. Anführer ist kurzfristig jener Fisch, der sich gerade bedroht fühlt und sichtbar für die direkten Nachbarn seine Richtung ändert, die sich dann wellenartig in den ganzen Schwarm fortsetzt. Bei Fischen entscheidet das Verhalten eines einzigen Fischs über eine Änderung des Schwarmverhaltens; bei Vögeln, wie beispielsweise Tauben, ist das Verhalten von bis zu sieben Schwarmmitgliedern entscheidend. Situationsabhängig steuert dieses Überlebensprogramm auch nach wie vor uns Menschen: Massenphänomene, wie sie immer wieder bei Großveranstaltung sichtbar werden, sind dadurch gut erklärbar. Eine Besonderheit komplexerer Lebensformen ist die Ausbildung klarer Hierarchien innerhalb einer arbeitsteiligen Gemeinschaft. Stabile Hierarchien innerhalb einer Gruppe von Lebewesen sind in Form zweier Varianten sozialer Gemeinschaften entstanden: Bei einem Typ werden Rang und Privilegien stabil genetisch vererbt (soziale Insekten wie Bienen und Ameisen gehören dazu), beim anderen Typ werden diese Vorrechte durch Streit und Prügelei ständig neu erkämpft. Unsere Form entspricht definitiv der dynamischen „Prügel-Variante“. Zu jenem Zeitpunkt, als unsere direkten Säugetier-Vorfahren organisierte Herden bildeten, um das chaotische Treiben anonymer Verbände zielgerichteter zu gestalten, differenzierten sich zwei Rollen innerhalb der Gruppe: Anführer und Geführter. Soziale Gemeinschaften hatten ein Rückkoppelungsproblem, das auf zellulärer Ebene noch sehr simpel durch direkte, chemische, elektrische oder gasförmige Feedbackschleifen gelöst werden konnte. Für soziale Lebewesen hingegen, die nun untereinander in Wechselwirkung treten mussten, war ein grundsätzliches Problem zu lösen: Einzelne Gruppenmitglieder mussten reagieren und agieren, obwohl sie sich selbst eigentlich gerade im Gleichgewichtszustand befanden und keinen persönlichen und unmittelbaren Anlass zur Energieinvestitionen hatten. Im Sinne der Gemeinschaft zu handeln bedeutete also in gewissem Sinne, primär „gegen die eigene Biologie“ agieren zu können und Energie für den gemeinsamen langfristigen Vorteil zu investieren. Dazu bedurfte es grundlegender Umstellungen in der Verhaltensregulation des Einzelnen: Der individuelle Gleichgewichtszustand, quasi die Zufriedenheit des Einzelnen, musste durch kollektive Unruhe und Unzufriedenheit anderer Gruppenmitglieder gestört werden können und möglichst rasch zu einer Verhaltensanpassung im Sinne der Gemeinschaft führen. Damit eine Gemeinschaft von Säugetieren überleben konnte, gab es also Bedarf an Arbeits- und Aufgabenteilung. Darüber hinaus musste koordiniert und kommuniziert werden, damit Chaos verhindert und eine gewisse Stabilität hergestellt werden konnte. Es musste aber auch allgemein akzeptiert werden, wem welche Aufgabe zugewiesen wurden und wer das bunte Treiben koordinierte. Über- und Unterordnung, Anführer und Geführter, Rangordnung und Privilegien sind die Konsequenzen der Herausforderungen, denen sich unsere Vorfahren stellen mussten. Die neu entwickelten Eigenschaften unseres „sozialen Gehirns“ waren dazu die notwendigen Voraussetzungen: A. Alle Gruppenmitglieder mussten wiedererkannt werden können: Dazu war ein (Langzeit-) Gedächtnis notwendig. B. Freund und Feind innerhalb und außerhalb der Gruppe mussten genau unterschieden werden können: Die Bindungsfähigkeit lässt uns empfinden, wer im Ernstfall auf unserer Seite kämpfen würde. C. In der Gruppe mussten wir Empathie entwickeln, um andere verstehen und deren Absichten vorhersehen zu können. Durch den „Zwang“ zur Beobachtung und „Spiegelung“ der Körpersprache und des Verhaltens anderer Herdenmitglieder wurde der Zustand anderer im eigenen Körper abgebildet und konnte auf diese Weise auch nachempfunden werden. So kam es also zu einer komplexen sozialen Synchronisation unabhängiger Organismen. Seit dieser Zeit produziert beispielsweise unser Schmerzzentrum Schmerzsignale, wenn wir jemanden beobachten, der Schmerzen hat; wir beruhigen uns, wenn wir entspannte Menschen sehen, und es wächst unser Muskel, wenn wir jemanden beobachten, der vor unseren Augen Kniebeugen macht. Wie körperlich tiefgreifend diese neue Form der Wechselwirkung unabhängiger Individuen ist, war eine der spannendsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte. (Aber Achtung: Glauben Sie jetzt nicht, dass Sie durch Beobachtung hantelstemmender Fitnesssportler zum Kraftprotz werden: Wissenschaftlich signifikante Veränderungen in Ihrer Muskelstruktur bedeuten noch nicht, dass man Ihnen das auch von außen ansieht, oder Sie davon gesundheitlich profitieren.) 2. Führung und Rudelverhalten Wie also können wir unser Gruppenverhalten am besten verstehen? Aufschluss über ein paar grundlegende Spielregeln geben uns unsere nächsten Verwandten: Am Rudelverhalten von Affen lassen sich wichtige Aspekte stabiler hierarchischer Führung gut darstellen: Wenn Sie freilebende Makaken (eine asiatische Affenart) aufmerksam beobachten, würden Ihnen drei zentrale Merkmale innerhalb des Rudels auffallen, die wir heute bei allen sozialen Lebewesen vom Typ „Raufbold“ finden: Rangordnung, Kooperation und Konkurrenz. Hier ein Beispiel aus eigenen Beobachtungen: In Österreichs südlichsten Bundesland, Kärnten, lebt ein Makaken-Rudel in einem 40.000 m2 großen Areal, bestehend aus rund 160 Tieren, dessen Chef, „Max“, seit 15 Jahren die Gruppe anführt. Ich finde es ist erstaunlich, wie lange Max sich in seiner Position behaupten kann und wie stabil die Rollenverteilung im gesamten Rudel zu sein scheint. Es gibt natürlich immer wieder kurze Scharmützel zwischen den einzelnen Affen. Im Großen und Ganzen aber scheint das Leben im Rudel friedlich und harmonisch zu verlaufen. Auf den ersten Blick ist die Rangordnung innerhalb des Rudels die bestimmende Auffälligkeit. Sie ergibt sich aus den Unterschieden zwischen den Individuen und trägt maßgebend zur Stabilisierung, Sicherheit und Energieschonung innerhalb der Herde bei. Bei kollektivem Hunger oder Bedrohung von außen kommt es zur Ausbildung einer engen Kooperation, um gemeinsam zu jagen oder Angreifer zu bekämpfen. Zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Strategie eine Kooperation innerhalb des Rudels entsteht, wird maßgeblich von Max und seinem Verhalten bestimmt: Greift er an, greifen auch die anderen an; flieht er, fliehen auch die anderen, und stellt Max sich tot, weil er (beispielsweise bei permanenter Bedrohung) keinen Ausweg mehr sieht, so folgen ihm alle anderen mit ausgeprägter Passivität. Führung 1.0 scheint demnach nichts anderes als ein „copy - paste“ Verhalten zu sein und sorgt dafür, dass man dem - momentan akzeptierten - Chef ohne zu zögern einfach folgt. Selbst in der Menschenführung gilt dieses Prinzip, und es bedeutet, dass man Veränderung bei anderen effizient nur durch entsprechend sichtbares Verhalten bei sich selbst nachhaltig wirksam auslösen kann. Will ich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein Mitarbeiter verändert, muss ich zuvor mein eigenes Verhalten verändern! Der große Nachteil im Vergleich zum Modell „Fischschwarm“: Funktioniert Max nicht (mehr), ist das gesamte Rudel in Gefahr. Ein nicht respektierter, zögernder, unsicherer oder verletzter Chef würde im Krisenfall unkoordiniertes Verhalten des Affenrudels zur Folge haben. Um dem entgegen zu wirken, gibt es ein permanentes „Training“ für Max, das verhindern soll, dass er zu bequem wird und sich auf seinen Privilegien auszuruhen beginnt: die Konkurrenz innerhalb des Rudels. Besteht gerade keine akute Bedrohung, und sind alle satt und zufrieden, so wird es spannend: Dann beginnt sich das Affenrudel nämlich mit sich selbst zu beschäftigen. Plötzlich geht es wieder um Rang und Privilegien, um Nahrung und Sexualpartner; es wird gestritten, geprügelt und geprotzt. Konkurrenz als vermeintlich destabilisierender Faktor innerhalb der Gruppe wird immer dann sichtbar, wenn kein gemeinsames Ziel außerhalb des Rudels verfolgt wird, und sorgt dafür, dass umgehend ein „Feind“ innerhalb der Gruppe gesucht wird: Im Rudel bilden sich sofort Allianzen. Der Auslöser ist, wie auch bei der Kooperation, Aggressivität. Selbst bei einem Überangebot an Nahrung und Weibchen hat die Natur einen Weg gefunden, um „zu hohe“ Stabilität - und damit Stagnation im Sinne der „Gesamtfitness“ - zu verhindern: Neid; das Motiv, unbedingt haben zu wollen, was ein anderer hat. Etwas, von dem man glaubt, dass es eigentlich einem selbst zusteht. Aggression und das Belohnungssystem sind in diesem Fall die biologischen „Antreiber“ im Gehirn, die beim möglichen Erreichen des höheren Rangs oder beim erfolgreichen Ergattern des ranghöheren Weibchens Belohnung durch Dopaminproduktion versprechen. Konkurrenz ist daher keinesfalls negativ zu sehen, sondern vielmehr als einer der wichtigsten „Motoren“ zur Erhaltung und Weiterentwicklung eines Kollektivs, wobei die Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz den langfristigen Erfolg sichert. Wir halten fest: Kollektives Handeln wird sehr effizient ausgelöst durch ein klares Ziel-, oder Feindbild, ein starkes Motiv zum gemeinsamen Handeln. Gibt es ein solches außerhalb des Rudels nicht, so findet sich eines innerhalb der Gruppe und sucht schnell Verbündete für die Erreichung dieses neuen Ziels. Besonders auffällig wird es im Affenrudel immer dann, wenn Max gerade nicht da ist, oder nicht mehr die nötige Akzeptanz hat – wenn er also nicht mehr präsent ist. Eine spannende Frage ist, warum gerade Max das Alphatier der Herde wurde und es auch bereits über einen so langen Zeitraum bleiben kann. Als Antwort drängt sich das „Gesetz des Stärkeren“ förmlich auf: „Max ist der Stärkste seines Rudels, und Futter und Weibchen werden ihm aus Angst vor einer Tracht Prügel einfach überlassen. Stabil bleiben die Machtverhältnisse, solange er kräftig und aggressiv ist, und keine Zweifel an seiner Stärke aufkommen.“ Klingt plausibel, aber bei genauerer Betrachtung ist es, selbst bei Affen, nicht ganz so einfach: Nachdem Max, als starkes, cleveres und aggressives Männchen, seinen Vorgänger als Chef verdrängt und damit Rang und Privilegien „geerbt“ hat, wird er für aufstrebende Jungtiere besonders interessant. Alpha-Tiere haben natürlicherweise die höchste Konkurrenz, da viele kräftige Jungtiere von den Privilegien um Futter und attraktive Weibchen magisch angezogen werden. Alpha-Tiere sind durch die Vielzahl an ähnlich starken „Mitbewerbern“ am Leichtesten zu ersetzen, da die potentiellen Anwärter ständig üben und trainieren. Sie wollen schließlich irgendwann selbst die Führerschaft übernehmen. So wird Max zum Vorbild und Feindbild gleichzeitig, er wird verstärkt beobachtet und sein Verhalten in der Hoffnung, dadurch erfolgreicher zu sein, kopiert: Er wird zum „Role Model“. Das betrifft nicht alle Rudelmitglieder, führt aber zum Auslösen eines Rudelphänomens, das uns erklärt, warum letztendlich alle fliehen, wenn Max das Weite sucht: Flieht Max, löst er bei seinen wichtigsten Beobachtern, dem Alphaweibchen und den wichtigsten Anwärtern auf seine Nachfolge, den Nachlaufreflex des uralten „Fischschwarm-Programms“ aus. Wird beobachtet, dass die ranghöchsten Affen kreischend abhauen, rennt der Rest der Meute ahnungslos, aber ebenfalls kreischend, hinterher. 3. Akzeptanz von Führung Nicht nur bei uns Menschen, auch bei Affen wird nicht jeder, der sich einmal das Zepter des Anführers erkämpft hat, auch nachhaltig akzeptiert. Für langfristige Führerschaft des Rudels bedarf es mehr: Verhaltensbiologisch gibt es in diesem Zusammenhang ein erstes und beachtenswertes Regulativ, das durch den Zusammenhang zwischen Rang und Risiko entsteht: Im Ernstfall kämpft Max an vorderster Front, sichtbar für den Rest der Meute. Würde er kneifen, wären Rang und Privilegien mit einem Schlag dahin. Max zeigt aber mit seinem Rollenverhalten, dass er sich für das Rudel einsetzt, sich anstrengt, und damit das höchste Risiko der gesamten Gruppe auf sich nimmt. Er bedient damit das biologisch angeborene Sicherheitsbedürfnis seiner Mitläufer und stärkt dadurch Bindung und Vertrauen. Langfristig akzeptierter Rang und Privilegien müssen also in der Praxis durchlaufenden Schutz des Rudels erarbeitet und verdient werden; Max bezahlt in dieser Situation den Preis für seinen Status. Das Rudel erwartet dieses Verhalten von Max, bewertet ihn danach und vertraut weiterhin seinen Fähigkeiten. Zusammengefasst bedeutet es, dass Akzeptanz und Gefolgschaft aus der Befriedigung sozialer Bedürfnisse und Kontrolle aggressiver Impulse resultiert, und langfristig nicht der körperlich Stärkste, sondern der Starke, Clevere und sozial Geschickte Rang und Privilegien erhält. Zwei weitere wesentliche Eigenschaften zeichnen Max darüber hinaus noch aus: Alle anderen können ihn einschätzen und wissen situationsabhängig schon vorher, was er tun wird - er reagiert in bestimmten Situationen nämlich immer ähnlich. Entscheidend ist auch, dass seine emotionalen Reaktionen der jeweiligen Situation angemessen ausfallen: Das sorgt für Klarheit, Stabilität und Sicherheit und letztlich für das Gefühl von Fairness. Damit das gelingt, benötigt Max eine grundlegende Fähigkeit, die nicht alle gleichermaßen auszeichnet: die Fähigkeit zur genauen emotionalen Wahrnehmung des Verhaltens anderer. Durch die hierarchische Struktur der Herde wird Aufmerksamkeit aber nie gleich verteilt, wodurch ein weiterer, oft übersehener Faktor der Wirkung eines Anführers sichtbar wird: Betrachten wir Aufmerksamkeit als Währung innerhalb einer Gruppe, erkennen wir, dass sehr ungleich verteilt und „bezahlt“ wird. Max ist nicht jedem gegenüber gleich aufmerksam und verteilt dadurch Rang und Hierarchie innerhalb der Gruppe. Sobald Max auffällig unaufmerksam wird, entstehen automatisch Rangkämpfe, da ein stabilisierender Faktor wegfällt. Akzeptanz scheint noch zusätzlich durch stark differenzierende Persönlichkeitsmerkmale beeinflussbar: Die Wirkung auf andere, wie beispielsweise durch Charisma, kann zur Bewunderung und letztlich ebenfalls zu Akzeptanz führen. Charismatiker zeichnen sich dadurch aus, dass sie starke emotionale Reaktionen bei anderen auslösen können, gleichzeitig aber selbst auf die Wirkung anderer nicht reagieren. Sie scheinen dadurch andere eher zur Nachahmung zu veranlassen, als dass sie selbst andere nachahmen (können). Besondere individuelle Fähigkeiten, wie beispielsweise spezielles Geschick und Stärke, verleiten in Krisensituationen dazu, dem Rudel klar vorzugeben, wohin die Reise geht - das gibt dem Rudel Sicherheit und wird gewissermaßen erwartet. Ich bin grundsätzlich ein Verfechter der Mitarbeiterpartizipation, bin aber gleichzeitig überzeugt, dass basisdemokratische Entscheidungsprozesse unter akutem Stress und Gefahr nicht der Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses des Einzelnen dienen. Ich würde akzeptierte Führung in einem Affenrudel vereinfacht als Summe von sieben ausschlaggebenden Faktoren aus vier Bereichen darstellen wollen (siehe Abb. 1): Bereich 1 (rot): Persönlichkeit und Wirkung, mit den Faktoren Charisma und individuelle Fähigkeiten Bereich 2 (grün): emotionale Reaktionen, mit Einschätzbarkeit und angemessenem Verhalten Bereich 3 (blau): rollentreues Verhalten, durch sichtbare Anstrengung und hohen und risikobereiten Einsatz für das Rudel Bereich 4 (gelb): hohe Aufmerksamkeit und Empathie Im Vergleich zu den Affen wird Menschenführung durch die Tatsache erschwert, dass der Chef nicht von der Gruppe „ausgewählt“ wird und damit Rang und Privilegien quasi verliehen bekommt, sondern dass Dritte darüber bestimmen, wer die Gruppe führen soll. Die Ursachen für die erreichte Führerschaft können von den Mitarbeitern in der Regel nicht direkt beobachtet, sondern nur vermutet werden. So ist die Mythenbildung quasi vorprogrammiert. Als Max sein Rudel übernommen hat, konnte man deutlich hören und sehen, was mit seinem Vorgänger passiert ist: Eine Tracht Prügel bleibt selten unbeobachtet und führt darüber hinaus dazu, dass der Unterlegene - das Ex-Alphatier - sein Verhalten, auch der Gruppe gegenüber, anschließend sofort ändert. Er unterwirft sich Max, spielt sich seinen ehemaligen Untergebenen gegenüber nicht mehr auf und fordert seine Privilegien in der Gruppe auch nicht mehr ein. Die ersten, die das erkennen, sind vermutlich die Weibchen, die sich sogleich vom Unterlegenen abwenden. Die Welt ist gnadenlos. Bei nachhaltig fehlender Akzeptanz wird unser Chef auch nicht automatisch ersetzt, sondern muss weiterhin akzeptiert werden. Ich möchte an dieser Stelle bestimmt nicht für das (leider sehr effiziente) Faustrecht zur Lösung problematischer Führung plädieren, möchte aber angemerkt haben, dass Neid, passiver Widerstand, Mobbing, Jammer- und Opferrollenkultur Beispiele vorprogrammierter Folgen von nicht akzeptierter Führung sind. Ein neuer Chef steht also zu Beginn unter „Generalverdacht“ und permanenter Beobachtung: Er muss seinen Mitarbeitern beweisen, dass er die Führerschaft verdient. Respekt und Anerkennung in der Gruppe müssen erarbeitet werden. Für unsere Berufswelt würde beispielsweise rollentreues Führungsverhalten bedeuten, dass wir uns im Ernstfall, sichtbar für alle (!) vor die direkten Mitarbeiter zu stellen haben und unseren „Kopf hinhalten“ müssen, wenn Fehler passieren. Das berühmte „finger pointing“ (Die erste Frage nach einem Fehler: Wer war es?) ist unbedingt zu unterlassen. Es bedeutet auch, dass delegierte Aufgaben mit sichtbarer Anstrengung begleitet werden müssen, damit alle sehen können, dass die delegierte Aufgabe nach wie vor wichtig für die Führungskraft selbst bleibt und sie sich weiterhin dafür interessiert und anstrengt. Manipulation der Gruppe zum eigenen Zweck und der damit einhergehenden Erschleichung von Privilegien führt nicht zur Akzeptanz von Führerschaft. Dazu ein Beispiel: Sie haben einen Mitarbeiter, Harald, er soll vor dem versammelten Management den von ihm ausgearbeiteten Ausblick für das nächste Quartal präsentieren. Harald zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr schnell ist, scheinbar aber nicht zu gewissenhaftem und exaktem Arbeiten geboren wurde. Privat wie beruflich verhält er sich so, wie Sie sich nie verhalten würden – er ist ganz anders als Sie. Daher vertrauen Sie ihm auch nicht sehr und versuchen, Harald durch „Spezialaufgaben“ zu mehr Motivation und einer besseren Leistung in seiner Arbeit zu bewegen. Das gesamte Team ist nun Zeuge, als der Finanzvorstand eine Frage zu Folie 13 formuliert und dabei einen gravierenden Fehler aufdeckt: Harald hat sich scheinbar vertippt und einen Fehler produziert, der sich auf alle weiteren Folien auswirkt. Was vermuten Sie nun, wohin wohl alle Kollegen von Harald blicken, Sekunden nachdem der Finanzchef den Fehler mit erregter Stimme aufgedeckt und indirekt deutlich gemacht hat, dass ihm diese Schlamperei missfällt? Richtig: zu Ihnen. Ihre Mitarbeiter wollen wissen, ob Sie das Risiko übernehmen und jetzt - im Ernstfall - an vorderster Front kämpfen und schützen, oder ob Sie kneifen. Die Kneifer machen bekanntlich Folgendes: Sie kritisieren Harald vor allen anderen, indem sie ihn nur schweigend anschauen, oder Sätze sprechen wie: „Er wird das nachreichen“. Oder auch nicht viel besser: „Wir werden das nachreichen“. Wenn sie nicht schon da ist, ist das die Geburtsstunde der Fehlerkultur, in der alle Ihre Mitarbeiter gelernt haben, was im Ernstfall passiert. Diejenigen Führungskräfte hingegen, die Interesse an anderen Menschen haben, die andere im Sinne der Unternehmensziele ermutigen und entwickeln wollen, die sich ihrer Rolle und Verantwortung bewusst sind, sprechen in dieser Situation von sich und ihrem Fehler. Die Diskussion mit Harald, mit der klaren Formulierung der Erwartungen an ihn, sollte erst später unter vier Augen folgen. Er wird dann die persönliche Kritik viel eher annehmen können, weil er erlebt hat, dass Sie bereits für und wegen ihm „gelitten“ haben, Ihre Aufgabe erfüllt und den „Preis“ für Ihre Privilegien bezahlt haben. 4. Leistungsbereitschaft und Optimismus Wollen wir leistungsbereite und optimistische Menschen besser verstehen, spielen deren Erinnerungen, ihre Vergangenheit, eine entscheidende Rolle. Deshalb sollten wir uns die Eigenschaften unseres Gedächtnissystems bewusst machen: Wie wahrscheinlich bekannt, werden in unserem Gedächtnis nur Informationen mit reinen Wissensinhalten neutral (also emotionslos) angelegt. Alle anderen Erlebnisse und Erfahrungen werden beim Neuanlegen quasi emotional eingefärbt. Dieser Logik der emotional bewerteten Einfärbung unserer Erlebnisse folgt konsequenterweise, dass unsere Erinnerungen an Ereignisse entscheiden, ob wir uns zukünftig davor fürchten oder freuen, motiviert oder demotiviert sind. Verknüpfte Erfahrungen entstehen durch Synchronisation von Inhalten des emotionalen Verhaltensgedächtnisses (prozedurales Gedächtnis) mit den neutralen Inhalten des Wissensgedächtnisses (deklaratives Gedächtnis). Dabei bekommen auch die Inhalte des Wissensgedächtnisses eine emotionale Bedeutung und werden dadurch leichter abrufbar. Das ist für unsere Fähigkeit zu lernen eine entscheidende Erkenntnis! Unsere inneren Überzeugungen, unsere Einstellung oder unser „mindset“ ist damit nichts anderes als die Erinnerung an verknüpfte Erfahrungen. Wenn wir am Computer ein Word-Dokument öffnen, lesen und wieder schließen, verändert sich der Inhalt nicht. Ganz anders aber sieht es aus, wenn wir uns an etwas erinnern: Beim „Öffnen“ einer Erinnerung in unserem Gehirn wird die Bedeutung des Inhalts durch die momentane Emotionslage zum Zeitpunkt des Erinnerns verändert. Selbst durch die Wortwahl einer Frage, die zum Erinnern an einen bestimmten Sachverhalt auffordert, ändert sich die Erinnerung nachhaltig. Dazu möchte ich ein Experiment schildern, dass die Veränderbarkeit unserer Erinnerungen erstmals eindrucksvoll aufgezeigt hat: Eine Gruppe von Studenten betrachtet ein Video, das einen Verkehrsunfall mit zwei Autos an einer Kreuzung zeigt. Nach einer Woche musste ein Teil der Gruppe die Frage beantworten: „Wie hoch schätzen Sie die Geschwindigkeit, mit der sich die beiden Unfallautos berührt haben?“. Der andere Teil der Gruppe beantwortete dieselbe Frage mit dem kleinen Unterschied, dass das Wort „berührt“ durch „ineinander gekracht“ ersetzt wurde. Was schon länger bekannt war, bestätigte sich auch bei dieser Studie: Die Schätzung der Geschwindigkeit ist abhängig von der Wortwahl! Je dramatischer die Formulierung der Frage, desto höher wird in der Antwort die Geschwindigkeit geschätzt. Spannend wurde es eine weitere Woche später, als Fragen zum Unfallort beantwortet werden mussten. Beide Gruppen wurden gefragt, ob sie am Video Glassplitter gesehen hätten. Sie ahnen wahrscheinlich bereits, dass jene Gruppe, die die Frage mit der Formulierung „ineinander gekracht“ beantworten sollte, hoch signifikant häufiger Glassplitter gesehen zu haben glaubten, obwohl am Video tatsächlich nichts davon zu sehen war. Wenn also Führungskräfte dramatisierend formulieren, verändern sie demnach nicht nur ihre eigenen Erinnerungen, sondern auch die der Mitarbeiter. Sie nehmen die abgespeicherten Videos in ihrem Gedächtnis quasi neu auf, überschreiben den Inhalt, und stellen das Erlebte in einen neuen Kontext. Mit einer klaren Konsequenz für Zukünftiges: Die eigenen Erfolgserwartungen und das Entscheidungsverhalten werden verändert. Eine Frage an Führungskräfte: Wie hoch würden Sie den Prozentsatz an Arbeiten schätzen, die Sie im Laufe eines ganzen Jahres an Ihre Mitarbeiter delegiert haben, und die dann, aus Sicht der Mitarbeiter, auch erledigt, also erfolgreich „abgearbeitet“ wurden? Bei unseren Befragungen geben Mitarbeiter an, rund 90% ihrer Aufgaben tatsächlich zu erledigen. Das sind Aufgaben, die vom einfachen Telefonat bis zum großen Projektabschluss reichen und sie entsprechen der täglichen Anstrengung und Leistung der Mitarbeiter. Und wie viel Ihrer gesamten Sprechzeit eines Jahres verwenden Führungskräfte Ihrer Schätzung nach für die verbale Kommunikation von Problemen, nicht erreichten Zielen und tatsächlichem Misserfolg? - Ich vermute, und unsere Befragungsergebnisse bestätigen das, rund 90%. Betrachtet man außer dem, wie wir kommunizieren auch das, was wir sagen, fällt eines besonders auf: Wir verwenden 90% unserer gesamten Sprechzeit, um über 10% tatsächlichen Misserfolgs zu sprechen. Dadurch entsteht eine innere Überzeugung, die nicht der Realität entspricht. Hier finden wir eine der Ursachen für systemische Überlastung. In der Welt internationaler Konzerne ist Konstanz in der Besetzung von Managementpositionen selten geworden. Wenn der Chef der Gruppe oft ausgewechselt wird, so ist die häufigste Mitarbeiterreaktion Verunsicherung - also nach unserem „Affenprogramm“: kreischend abhauen zu wollen - und nicht, den frei gewordenen Posten sofort anzustreben. Denn eine hohe Fluktuation legt die Vermutung nahe, dass da etwas nicht stimmen kann, und die frei gewordene Position verliert schlagartig an Attraktivität. Ich höre sehr häufig von Mitarbeitern des mittleren Managements, dass Posten im Top Management internationaler Organisationen nicht mehr erstrebenswert seien - zu hoch ist die Fluktuation und zu manifestiert sind die Vorurteile und Mythen über die möglichen Ursachen. So erklärt sich, warum als Motivation für das Erreichen der wichtigsten Posten nicht selten Menschen mit zu stark ausgeprägten Machtmotiven angesprochen werden, und wichtige Elemente gelungener Führung verloren gehen; nämlich das Interesse an der Weiterentwicklung anderer und die Lust an der Anstrengung für die Gemeinschaft. Ich bin der Meinung, dass ausgeprägter Ehrgeiz zum Erreichen des Unternehmenserfolgs oder kompetitiven Niederringen des Mitbewerbers nicht schlecht ist. Dafür stellt es sogar eine wichtige Voraussetzung dar. Ehrgeiz darf aber nicht als alleiniges Motiv das Verhalten des obersten Managements kontrollieren. Das Gleichgewicht zwischen gemeinschaftlichem Kooperations- und egoistischem Konkurrenzdenken verschiebt sich zugunsten der Konkurrenz, weil man sich immer häufiger mit Problemen innerhalb der Gruppe beschäftigt: Die Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet. Die Aufmerksamkeit auf unternehmensinterne Abläufe steigt stetig an. Aus meiner Wahrnehmung liegt der Hauptgrund dafür in den Prozessoptimierungen, den strikten Vorgaben des Qualitätsmanagements und in permanentem Controlling. In großen Organisationen muss natürlich hohe Aufmerksamkeit auf die exakte Einhaltung der definierten Prozesse gelegt werden. Effizienzsteigerungen scheinen anders nicht erreichbar. Arbeitsprozesse sind definitiv weiter optimierbar, das menschliche Gehirn aber leider nicht! Unser Gehirn passt sich zwar immer und sehr schnell an neue Herausforderungen an, aber diese Anpassung bedeutet nicht zwingend auch Optimierung im Sinne einer Effizienzsteigerung. Nachweisbar bringen diese Optimierungsmaßnahmen in großen Organisationen viele Vorteile, zeigen aber bereits unerwünschte Nebenwirkungen. Die Folgen für unseren Wahrnehmungsapparat - und damit für unsere Gesundheit - sind offensichtlich. Da man sich im operativen Bereich von Organisationen stark mit der Prozesseinhaltung und -dokumentation beschäftigen muss, beschäftigt man sich folglich immer aufwändiger mit sich selbst, und übersieht nicht selten die einfachen Unternehmensziele: Sich am Markt mit dem eigenen Produkt oder der eigenen Dienstleistung gegen den direkten Mitbewerber, um Kunden zu drängeln. Dadurch entsteht in der Wahrnehmung der meisten Mitarbeiter das typische Bild der Erfolgskultur: viel Anstrengung und kein sichtbarer Erfolg für den Einzelnen. Wer den Erfolg wirklich erntet, habe ich übrigens bis jetzt noch nicht herausgefunden: Ich habe Vorstände, Geschäftsführer, das mittlere Management und die operativen Mitarbeiter mit der Frage nach ihrem Erfolg befragt; mit dem erschütternden Ergebnis, dass offenbar niemand die direkten Auswirkungen des Unternehmenserfolgs spürt! Die meisten streiten sogar ab, dass sie überhaupt erfolgreich sind und empfinden ihre Tätigkeit als nur mäßig erfolgreich. Auch Aktienbesitzer streiten vehement ab, dass sie ernten, was andere sähen. In einer ausgeprägten Leistungskultur wäre es übrigens anders: Leistung an sich würde stärker honoriert und nicht ausschließlich der Gesamterfolg einer Organisation. Es sind nämlich soziale Motive, die uns steuern und motivieren, und nicht eine korrekt zu erstellende Excel-Tabelle allein: Denn Menschen arbeiten für Menschen, und nicht für Funktionen. 5. Kommunikation und Lernen Zum Thema Kommunikation gibt es umfassende Literatur. Ich erspare Ihnen und mir einen weiteren Versuch, das Thema detailliert zu beschreiben. Zwei Beobachtungen möchte ich aber dennoch schildern, da ich Sie für besonders relevant halte: Einerseits möchte ich ihnen den Zusammenhang von Erfahrungen, Kommunikation und Lernen näherbringen, und andererseits darstellen, warum uns die Worte mancher Chefs sofort unglaubwürdig erscheinen. Die komplexe menschliche Kommunikation ist im Vergleich zur Kommunikation der Affen um die Sprache erweitert, zeigt aber weiterhin und zusätzlich auch noch alle Eigenschaften der nonverbalen Kommunikation unserer Vorfahren. Ein grundlegender Vorteil der Lautsprache besteht wohl darin, dass wir sehr schnell komplexe Informationen senden können und darauf hoffen dürfen, dass sie im Gehirn des Empfängers auch verstanden werden. Menschen und all ihre Säugetiervorfahren kommunizieren seit rund 150 Millionen Jahren durch Informationsweitergabe, bei der nicht der Sender, sondern die Fähigkeit des Empfängers im Vordergrund steht. Diese Form der Kommunikation zwingt uns dazu, andere ständig zu beobachten und deren Verhalten nachzuempfinden, um daraus sicherheitsrelevante Informationen ableiten und dadurch andere Menschen verstehen und einschätzen zu können. Erfahrungen, Kommunikation und Lernen: Stellen Sie sich nun folgende Situation vor: Sie müssen in Ihrem Job erstmalig zum Jahresgespräch mit Ihrem Chef, der leider einen ganz „schlechten Tag“ hat. Gedemütigt und ungerecht behandelt verlassen Sie den Besprechungsraum und hadern für den Rest des Tages mit dem Schmerz der Ungerechtigkeit, mit Ihrer Enttäuschung und Wut. Noch am selben Tag sprechen Sie mit ein paar Kollegen über das Erlebnis und lassen Ihrem Frust freien Lauf. Sie fühlen sich als Opfer. An diesem Tag hat sich in Ihrem Gehirn etwas nachhaltig verändert: Drei Netzwerke waren erstmals gleichzeitig aktiv und wurden miteinander verbunden: Netzwerk eins in unserem Gehirn reagierte auf den Schmerz nach dem Gespräch mit Aggression und Wut. Ein zweites Netzwerk steuerte die Handlung des emotionalen Jammerns mit den Kollegen und spürte die wohltuende Wirkung des sozialen Zuspruchs (Oxytocin). Und Netzwerk drei nahm das eigene Verhalten in dieser Situation bewusst wahr. Diese drei Wahrnehmungen wurden miteinander verknüpft, quasi fix verdrahtet, und werden künftig immer gleichzeitig reagieren. Wir verknüpfen in solchen Situationen Erfahrungen und erzeugen daraus innere Überzeugungen (Vorurteile). Von nun an genügt es nämlich, dass Sie einem befreundeten Kollegen beim Jammern zuhören, und Sie werden den Ihnen von Ihrem Chef zugefügten Schmerz wieder empfinden. Wut, Enttäuschung und das Gefühl, Opfer zu sein, wären wieder da – Sie haben die Emotion für diese und ähnliche Situationen gelernt. Die eigenen Handlungen und Wahrnehmungen sind demnach nicht wirklich voneinander getrennt, sondern auch stark von den Handlungen und Wahrnehmungen unserer Mitmenschen geprägt – wir „spiegeln den Spiegel“ und sind dadurch quasi in einen übergeordneten sozialen Organismus, in ein System, eingebettet. Dabei scheint Empathie aber auch durchaus selektiv und geschlechtsspezifisch zu sein. Wir neigen nämlich generell dazu, mehr mit den Menschen mitzufühlen, die uns ähnlich sind. Hier spielen leider auch Dinge wie Hautfarbe, soziale Zugehörigkeit und Verhaltensrituale eine differenzierende Rolle. Würden Sie mich dabei beobachten, wie ich mir in den Finger schneide und aufschreie, würden Sie meinen Schmerz stärker teilen, wenn ich Ihnen vorher erzählt hätte, dass wir dieselbe Schule besucht haben und unter denselben Lehrern leiden mussten. Hätten wir vor diesem Ereignis eine heftige und kontroverse politische Diskussion geführt, könnte es sogar sein, dass Sie sich über mein kurzfristiges Leid ein wenig freuen. Interessanterweise gilt dies vor allem für Männer, deren empathische Fähigkeiten selektiver zwischen Freund und Feind unterscheiden. Frauen differenzieren hier deutlich weniger und empfinden meist mit allen Menschen gleichermaßen mit. Für mich ergibt sich daraus ein Zusammenhang, der erklären würde, warum unter chronischem Stress das Symptom des sozialen Rückzugs auffällig häufig beobachtbar ist: Jeder Freund, der mir sein Leid klagt, während ich selbst unter chronischem Stress leide - mit dem ich also mitempfinden muss -, stellt für mich eine zusätzliche emotionale Belastung dar, die es aus Selbstschutz zu vermeiden gilt. - Eine fatale Konsequenz, da weniger soziale Bindungen und Beziehungen einen niedrigeren Oxytocin-Spiegel bedeuten, was - wie im Kapitel Belastung erwähnt - sogar krankheitsanfälliger machen kann. Glaubwürdigkeit: Für Führungskräfte ist dabei wichtig zu wissen, dass unser Gehirn permanent zwei Sinneswahrnehmungen vergleicht: Was sieht und empfindet unser „soziales Gehirn“, und was hört und interpretiert unsere bewusste Wahrnehmung unsere Vernunft? Kommt es zu einem Widerspruch, gibt es Großalarm; die Aufmerksamkeit steigt, die Glaubwürdigkeit des Senders sinkt. Psychologen behaupten in diesem Zusammenhang, dass Menschen dazu neigen, genau die Dinge besonders häufig anzusprechen und bei anderen einzufordern, die sie von sich selbst erwarten, aber nicht tun. Eine Führungskraft (oder ein Elternteil), die häufig Fleiß, Konsequenz und Genauigkeit einfordert, selbst aber durch gegenteiliges Verhalten auffällt, wird als unglaubwürdig erlebt. Das verleitet mich zu einer Formel, die diese Hypothese darstellt: Taten: Worte = Glaubwürdigkeit Das bedeutet: Je mehr Worte wir verlieren, desto schwieriger wird es, durch entsprechendes beobachtbares Verhalten ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Umgekehrt bedeutet es aber auch, dass wir mit vielen sichtbaren Taten deutlich weniger Worte für unsere Glaubwürdigkeit benötigen. Die Schlussfolgerungen daraus sind also naheliegend: Fordern Sie nur die Dinge von anderen ein, und sprechen Sie nur über jene Dinge, bei denen Sie sicher sind, dass Sie sie auch selbst seit geraumer Zeit tun. Wenn man Führungskräfte bei Ihrer Arbeit nicht direkt beobachten kann, weil Ihre Mitarbeiter über den Erdball verteilt sind, sollten sie regelmäßig und explizit darüber sprechen, was sie gerade tun und wofür sie sich gerade stark machen, und darauf achten, dass es nachvollziehbar und glaubwürdig bleibt. Klingt nach Marketing – und ist es wohl auch. 6. Wertschätzung und Multitasking Ich möchte im Zusammenhang mit Führung auf die zunehmenden Aufmerksamkeitsdefizite durch permanente Ablenkung und Multitasking in unserer Arbeitswelt hinweisen. Es konnte mehrfach gezeigt werden, dass sich unsere Wahrnehmung ändert, wenn wir ständig unter Zeitdruck sind, abgelenkt und unterbrochen werden. Unsere bewusste, fokussierte Aufmerksamkeitssteuerung passt sich an diesen Zustand an und neigt als Folge dazu, immer kürzer bei einem Thema zu bleiben. Auch ohne äußere Störungen wie läutende Telefone oder Mitarbeiter, die das Büro betreten, unterbrechen Führungskräfte häufig ihre Arbeit und arbeiten zusammenhanglos an anderen Tätigkeiten weiter. Durch permanente Ablenkung und Stress werden wir aggressiver und zeigen deutlich weniger Empathie. Führungskräfte werden dadurch egoistischer. Lesen Sie auch Zeitungen häufig „quer“, oder haben Sie schon einmal bemerkt, dass Sie, noch während ein Mensch mit Ihnen spricht, bereits an Ihre nächsten anstehenden Aufgaben denken? Executive Reading und Executive Listening sind charmante Umschreibungen in der Business-Sprache für das Antrainieren von Aufmerksamkeitsstörungen. Wenn Sie Ähnliches regelmäßig bei sich beobachten können, vermute ich, dass Sie bereits ein „chronischer Multitasker“ sind und sich - als eine der Folgen- häufig als ungeduldig erleben. Andere werden an Ihnen die fehlende Aufmerksamkeit bemerken und Höflichkeit und Wertschätzung vermissen. Nebenbei ist die Fähigkeit, einem Mitarbeiter geduldig und aufmerksam zuhören und ihn wirklich verstehen zu wollen, die Grundvoraussetzung für erfolgreiche Führung. Viele Manager beschäftigen sich mit der Optimierung ihrer Senderfähigkeit: wie man etwas auf den Punkt bringt oder sich selbst präsentiert. Die Optimierung der Empfängerfähigkeit, also wahrzunehmen, was andere senden, wird meist sträflich vernachlässigt. Dabei steckt gerade darin ein großes Potential für neue Ideen und andere Sichtweisen. Stattdessen reagieren gehetzte Führungskräfte immer sehr ähnlich auf Problemstellungen von Mitarbeitern: Es wird reflexartig „geholfen“ und sofort mit Lösungsvorschlägen geantwortet, statt die richtigen Fragen zu stellen und Mitarbeiter in ihrem eigenen Lösungsverhalten zu respektieren. Mit den richtigen, ruhig vorgetragenen Fragen, die sich auf versteckte Vermutungen im Lösungsvorschlag des Mitarbeiters konzentrieren sollten, wäre bereits vieles getan, um Mitarbeiter wertzuschätzen und zu entwickeln. Jene, die im permanenten Multitasking-Modus arbeiten, können Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr sicher unterscheiden. Priorisierung fällt dadurch schwer: Alles bekommt (emotional) „Priorität eins“ und wird als zu wichtig bewertet. Weil davon natürlich auch Führungskräfte betroffen sind, passiert es nicht selten, dass man wirklich wichtige Themen und Problemstellungen übersieht und sich mit unwichtigen, oder gar den falschen Problemen beschäftigt. Auch das Erinnerungsvermögen leidet meistens: wir merken uns Sachinformationen deutlich schlechter, und wenn wir uns Informationen merken, dann vor allem kontextbezogen. (Das bedeutet, dass einem Dinge, wenn überhaupt, nur in ähnlicher Situation wieder einfallen werden.) Die allgemeine, kontextunabhängige Anwendung des erworbenen Wissens und die Verknüpfung neuer Erkenntnisse und Erfahrungen, fallen zunehmend schwer. Innovatives und kreatives Denken findet unter diesen Bedingungen kaum mehr statt. 7. Delegieren Delegieren bedeutet im Grunde genommen, einen Mitarbeiter zu beauftragen, etwas zu tun, das ursprünglich nicht seine eigene Idee war. - Der sollte dabei am besten auch noch die Verantwortung für das Ergebnis mit übernehmen und den Weg zum Erreichen des Ziels selbst wählen. Jede Führungskraft weiß: Nicht immer legen Mitarbeiter in so einer Situation begeistert los, denken wirklich mit, und übernehmen auch selbst Mitverantwortung für ihr Handeln. Diese menschlichen Schnittstellen im Arbeitsprozess sind mir daher noch eine detailliertere Betrachtung wert: Die Frage ist, unter welchen Umständen wir bereit sind, ein Fremdziel zu einem Eigenziel zu machen. Zur Sinnstiftung erklären Führungskräfte gerne, was zu tun ist, und wie das zu bewerkstelligen wäre. Der Erklärungsversuch, warum wir etwas machen sollten, ist dabei meist der Stolperstein bei der Übersetzung zum Mitarbeiter. Dazu eine Beobachtung: Aus Angst vor Bindungsverlust neigen manche Führungskräfte dazu, sich stark mit den eigenen Mitarbeitern zu solidarisieren und verwenden bei der Übergabe von vermeintlich unangenehmen Aufgaben Formulierungen wie „Wir müssen das erledigen, weil mein direkter Chef/der Geschäftsführer/der Vorstand … es so will. Ich sehe es anders/bin sogar dagegen/finde es unnötig/ würde selbst anders entscheiden …“. Das Alpha-Tier der Gruppe signalisiert dadurch, dass es die unangenehme Aufgabe selbst gar nicht umsetzen will, und trägt so wesentlich dazu bei, schnell ein Feindbild innerhalb der Organisation, aber außerhalb der eigenen „Herde“ zu finden: Dadurch wird die kollektiv gefühlte Opferrolle bestätigt. Unter welchen Umständen glauben Sie, eher bereit zu sein, das Ziel eines Anderen annehmen und zu einem persönlichen Ziel machen zu können? Ich meine: Nur dann, wenn wir jemanden vor uns haben, der in dem Augenblick der Formulierung seines Anliegens bereits selbst von der Sinnhaftigkeit der bevorstehenden Anstrengung überzeugt ist. Mitarbeiter wollen von ihrem Chef wissen, warum er überzeugt ist, dass ein bestimmter Auftrag im gesamtunternehmerischen Interesse ist. – Es geht nur sekundär um das rational erklärte Warum. Denn auch hier gilt: Menschen arbeiten schließlich für Menschen und nicht für Funktionen! Ich meine aber auch, dass es elementare Führungsaufgabe ist, sich mit Unternehmensentscheidungen und -strategien identifizieren zu wollen. Gelingt das nicht, bleibt nur mehr die Trennung der Rolle von der eigenen Person: Am Ende des Tages muss man Vorgaben eben auch einhalten. Ich möchte aber betonen, dass damit Vorgaben im Rahmen ethischer Normen gemeint sind. Es gibt selbstverständlich Grenzen.

  • Die mächtige Kraft des (Unter-) Bewusstseins steuern lernen

    Wie unser wahrer Kern, das Unterbewusstsein, unser Leben und den Körper steuert. Warum wir uns meist nur schwer ändern können – und wie es mit den richtigen Techniken einfacher gelingt. Über einen bewussten Zugang zur Welt des Unterbewusstseins, lassen sich negative Erfahrungen aus der Vergangenheit vollständig auflösen und Glaubenssätze rasant verändern. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Stress - eine reine Kopfsache? 3. Ein Modell des Geistes - Bewusstes, Unterbewusstes, Unbewusstes 4. Die Trance - das Tor zum Unterbewusstsein 5. Die Sprache des Unterbewusstseins 6. Die Arbeit mit dem Unterbewusstsein 7. Die Arbeit mit dem Wachbewusstsein 8. Der Filter der Wahrnehmung Die mächtige Kraft des (Unter-)Bewusstseins steuern lernen Wie unser wahrer Kern, das Unterbewusstsein, unser Leben und den Körper steuert. Warum wir uns meist nur schwer ändern können – und wie es mit den richtigen Techniken einfacher gelingt. Über einen bewussten Zugang zur Welt des Unterbewusstseins, lassen sich negative Erfahrungen aus der Vergangenheit vollständig auflösen und Glaubenssätze rasant verändern. 1. Vorwort Die AFNB hat es sich zur Aufgabe gemacht, neurowissenschaftliche Erkenntnisse praxisnah in die Coaching- und Trainerarbeit einfließen zu lassen. Meine Informationen, die ich in diesem Beitrag teilen möchte, lassen sich sowohl auf berufliche als auch auf persönliche Coachingthemen anwenden, denn sie beziehen sich auf weite Bereiche menschlichen Lebens und Handelns. Wenn man sich die Frage stellt, welche menschlichen Ebenen ein Unternehmen zum Erfolg führen, so finden sich die gleichen Komponenten, die ein menschliches Leben allgemein erfolgreich machen. Diese sind vor allem die Kenntnis über die Intention eigenen Handelns, der konstruktive Umgang mit Stresssituationen, eine positive und wertschätzende Kommunikation mit seinem Umfeld und die Entfaltung des eigenen kreativen Potentials. Über diesen Erfolgsrezepten steht dabei ein gemeinsamer Nenner: Ein erfolgreiches Management der eigenen Gedanken und Gefühle, sprich des eigenen Geistes. Um dieses Management effektiv und nachhaltig zu gestalten, bedingt es im Coachingbereich die Arbeit mit dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein. Mit meinem Beitrag möchte ich diese zwei wesentlichen Aspekte des Geistes beleuchten und praktische Anwendungsbeispiele liefern. Es geht hierbei um die wesentliche Frage, was wir durch ein Training des bewussten Geistes in unserem Leben an Positivem bewirken können und wie und wo wir uns der Macht des Unterbewusstseins bedienen können, ja sogar müssen. Sowohl im Privatleben als auch im beruflichen Kontext geht es daher für mich im Wesentlichen um das Erreichen eines Ziels: Die Verwirklichung des eigenen Potentials. Durch die richtigen Techniken kann es gelingen, einerseits frei zu werden VON blockierenden Programmierungen des Gehirns, die uns limitieren und die Umsetzung unserer Wünsche und Fähigkeiten boykottieren und andererseits frei zu werden FÜR die Visionen und Ziele, die wir in uns tragen. Ein gutes Management der eigenen Gedanken und Gefühle kann diese Freiheit ermöglichen. Mit meinem Beitrag fokussiere ich mich auf die Themen Stressreduktion, Umgang mit negativen Gedanken und Emotionen und die Veränderung von, im Unterbewusstsein programmierten, destruktiven Gedanken- und Emotionsmustern. Bevor wir uns diesen praktischen Themen widmen, möchte ich der Frage nachgehen, wie Gedanken und Gefühle Stress in unserem Körper erzeugen können und welche Auswirkungen das sogar auf unser Immunsystem hat. Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit werden Personengruppen in einer neutralen bzw. männlichen Form (Trainer, Klienten) bezeichnet, wobei immer sowohl weibliche als auch männliche Personen gemeint sind. ​ 2. Stress - Nur eine Kopfsache? Als Synonym für negative Gedanken und Emotionen möchte ich dabei den Oberbegriff Stress verwenden. Diesen in all seinen Erscheinungsformen managen zu lernen, ist im Coachingbereich eine zentrale Aufgabe. Sehen wir uns zu Beginn an, wie sich Stress, ausgelöst durch negative Gedanken und Emotionen auf das Gehirn und den Körper auswirkt. Stress ist in unserer Zeit in aller Munde und scheint ein dauerhafter Begleiter zu sein. Stressbedingte Erkrankungen füllen in nie da gewesenem Ausmaß die ärztlichen Ordinationen und man hat das Gefühl, dass der Stresspegel kontinuierlich steigt. Dabei ist Stress prinzipiell nichts Negatives. Einer der bekanntesten Stressforscher, der Österreicher Hans Selye, definierte Stress einst als „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung“. Stress bezeichnet hiernach ein Abweichen des Istzustandes vom Sollzustand des Organismus. Die Stressreaktion ist dabei der Versuch des Körpers, den Istzustand an den neuen Sollzustand anzugleichen. Diese Definition impliziert bereits, dass die Stressreaktion eine durchaus natürliche Funktion des Körpers darstellt und deren Etablierung sogar aus evolutionärer Sicht für unser Überleben absolut notwendig war. Die Anpassungsreaktion des Körpers auf äußere Herausforderungen kann sogar sehr belebend sein und für unsere körperliche und seelisch-geistige Entwicklung sozusagen die Würze in der Suppe. Bei dieser Form von Stress handelt es sich also um die Reaktion des Körpers auf Anforderungen, deren Bewältigung für uns zwar herausfordernd, aber dennoch zu meistern ist, was man als „Eustress“ bezeichnet. Wenn ich an dieser Stelle von „Stress“ spreche, dann meine ich den, meist länger anhaltenden und dadurch gesundheitsschädigenden „Distress“. Und hier wiederum gilt es wesentlich zu unterscheiden zwischen „externem“ und „internem“ Stress. Die TK-Stressstudie, die 2016 in Deutschland durchgeführt wurde konnte eindeutig zeigen, dass der Stressfaktor Nummer Eins im Leben der Deutschen beruflicher Stress ist. Hierbei leiden die Berufstätigen vor allem unter einem „Zu viel“ an Arbeit, unter Zeitdruck, Unterbrechungen und Störungen am Arbeitsplatz, unter der ständigen Erreichbarkeit und Konflikten mit nahestehenden Menschen. Diese Stressoren bezeichnet man als „externe Stressoren“, weil sie als äußere Bedingungen an uns herangetragen werden. Wenn wir eine oder mehrere solcher herausfordernden Lebensbedingungen im Außen vorfinden, dann kann dies in uns eine Kaskade von körperlichen Stressreaktionen auslösen, die ich weiter unten noch genauer beschreiben werde. Der Körper reagiert also als Folge eines Geschehnisses in der Außenwelt. Stressfaktor Nummer Zwei der Deutschen war bereits ein sogenannter „interner Stressor“, nämlich der eigene Anspruch perfekt sein zu wollen. Interner Stress entsteht also immer dann, wenn wir uns das Leben in Form von negativen Gedanken und Emotionen, wie beispielsweise boykottierenden Glaubenssätzen selbst schwer machen. Unser Neocortex erlaubt es uns Menschen, uns das Leben mit Negativdenken selbst zu vermiesen, und die meisten von uns machen von dieser „Fähigkeit“ mehr oder weniger täglich Gebrauch. Dazu zählt vor allem das Grübeln über die Vergangenheit, über Dinge, die geschehen sind und die wir bedauern bzw. für die wir uns schuldig fühlen. Aber auch ein, unter der Oberfläche schwelgender Groll oder eine Wut gegenüber einer anderen Person erzeugt Stress in uns. In dieselbe Kategorie negativen Denkens gehört auch das ständige sich Beschäftigen mit der Zukunft, insbesondere dann, wenn diese Gedanken mit Sorgen und Ängsten einhergehen. In solchen Gedankenfilmen verfangen zu sein, ist ein Phänomen, das wohl ein Großteil der Menschheit sehr gut kennt. Es ist fast wie in einem Kinosaal zu sitzen und den ganzen Tag auf zwei Leinwände zu schauen, wo auf der linken Seite der Film der Vergangenheit und auf der rechten der Film der Zukunft abläuft. Da die Vergangenheit bereits geschehen und somit unveränderbar ist und die erdachte Zukunft niemals kommt, entsteht ein Gefühl von Machtlosigkeit und innerlichem Stress. Das Nicht-Verwurzelt-Sein im Hier und Jetzt und die Rumination von Vergangenem und Zukünftigem ist allein schon stressfördernd. Die Zukunft ist dabei nichts weiter, als ein Konstrukt des Gehirns, basierend auf Zukunftsfantasien, deren Inhalte allerdings in der Vergangenheit wurzeln, da wir im Geiste nur eine Vorstellung kreieren können, die aus einer Kombination bereits erlebter und somit in den neuronalen Netzwerken unseres Gehirns abgespeicherter Inhalte beruht. Und wenn die Filme von Vergangenheit und Zukunft mal eine Pause einlegen, gibt es noch eine dritte Komponente von internem Stress. Das sind innere Überzeugungen, Glaubenssätze und negative Bewertungen über uns selbst und das Leben im Allgemeinen, die uns den gegenwärtigen Moment belastend erleben lassen. Selbstbewertungen wie „zu dick“, „zu dünn“, „zu kraftlos“, „zu jung“ oder „schon zu alt“, können unser Potential in Beruf und Privatleben erfolgreich boykottieren. Diese Gedankenschleifen sind meist Teil eines unterbewusst ablaufenden Prozesses, sind also tief im Unterbewusstsein verankert und entsprechen Gewohnheiten und Mustern, wie wir denken und fühlen. Wie wir noch sehen werden, können wir diesem Problem mit unserem Bewusstsein begegnen, diese Muster aber auch im Unterbewusstsein erfolgreich verändern. Die heutige Forschung der Psychoneuroimmunologie zeigt, dass solche negativen Gedanken und Emotionen der Angst, die Stressreaktion des Körpers in gleichem Maße aktivieren, wie echte Bedrohungen der Außenwelt, also externe Stressoren. Schließlich müssen wir uns Folgendes vor Augen führen: Auch jeglicher externe Stressor, also das, was rund um uns passiert, führt über die Art und Weise wie wir darüber denken, letztlich immer zu internem Stress. Zwei Menschen können die exakt gleiche Situation im Außen erleben und während der eine völlig aus dem Häuschen gerät, sieht der andere lediglich eine Herausforderung, die es zu meistern gilt und bleibt die Ruhe in Person. Studien zur Lebensereignisforschung haben mehrfach gezeigt, dass weniger das Auftreten eines kritischen Lebensereignisses, als mehr deren individuelle Wahrnehmung, Bewertung und kognitive Verarbeitung, zu einer gesundheitlichen Störung führt. ​ ​2.1 Auswirkungen von Stress auf das Gehirn und das autonome Nervensystem ​Das Entstehen der Stressreaktion im Körper möchte ich hier nicht im Detail beleuchten, da vieles davon bereits als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden kann. Das Prinzip der Sympathikusaktivierung, also jenem Teil des Autonomen Nervensystems, der das Gaspedal im Körper symbolisiert und der in Stresssituationen hochgefahren wird, ist den meisten Menschen bekannt. Auch, dass es dadurch im Körper zur Produktion der Stresshormone Noradrenalin und Cortisol kommt. Interessant sind dabei aber vor allem die unterschiedlichen körperlichen Auswirkungen von Akutem Stress und Langzeitstress. Erleben wir im Außen oder im Innen wie beispielsweise im Rahmen einer Panikattacke, eine starke Belastung, die akuten Stress in uns erzeugt, dann kommt es zu einer Aktivierung der als Angstzentrum bekannten Amygdala, den Mandelkernen und über eine weitere Aktivierung des Locus coeruleus schließlich zum Anstieg von Noradrenalin über die Aktivierung des Nebennierenmarks. Wird die Stresssituation sofort gemeistert, endet die Stressreaktion an dieser Stelle, da Noradrenalin schnell abgebaut wird. Hält sie weiter an, bleiben die Amygdala hoch aktiv und das Erregungsmuster schaukelt sich weiter auf. Schließlich kommt es zur Aktivierung der Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse) mit der Produktion von Cortisol. Die Aktivierung beider Hormonsysteme ist in der Folgenden Grafik abgebildet: (Abbildung 1+2) Interessant für die Gesundheit sind dabei vor allem die Auswirkungen auf das Immunsystem, das deutlich unter dem Einfluss von Stress leidet. ​ 2.2 Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem ​Psychoneuroimmunologische Untersuchungen haben mittlerweile belegen können, dass akuter und chronischer Stress negative Auswirkungen auf die Funktionsweise unseres Immunsystems hat und dieses aus der Balance bringt. Unser Immunsystem besteht nämlich aus zwei wesentlichen Teilen: aus dem angeborenen und dem erworbenen Immunsystem. Je nachdem ob ein Stressor akut oder chronisch in unser Leben tritt, wird der jeweils eine oder andere Schenkel des Immunsystems aktiviert oder unterdrückt. Stellen Sie sich unser Immunsystem vor wie ein riesiges Heer von Soldaten, wie man es aus Blockbuster Filmen wie „Herr der Ringe“ kennt, wo zehntausende Kämpfer auf einem Schlachtfeld aufeinandertreffen. Das angeborene Immunsystem übernimmt dabei die Funktion der vordersten Kampflinie, also die Nahkampfeinheit, die mit ihren Schwertern und Schildern auf die Eindringlinge, sprich Viren und Bakterien, losgehen. Wie der Name schon sagt, steht uns dieser Teil des Immunsystems bei der Geburt schon zur Verfügung und er hat vor allem die Aufgabe, Viren zu bekämpfen, die Wundheilung zu fördern und Krebszellen zu bekämpfen. In akuten Stresssituationen kommt es nach kurzer, anfänglicher Aktivierung dieses angeborenen Immunsystems zu einer Verringerung ihrer Aktivität. Die Folgen sind eine reduzierte virale Abwehr, eine tendenziell verschlechterte Krebszellbekämpfung und eine um bis zu 40% verzögerte Wundheilung. Das „erworbene Immunsystem“ wird dagegen zeitgleich hochgefahren. Dieses können Sie sich vorstellen, wie die Bogenschützen hinter der Nahkampfeinheit, die mit ihren Pfeilen die Angreifer beschießen und somit schwächen. Diese Pfeile nennt man Antikörper und sie haben die Aufgabe eindringende Keime zu schwächen und zu markieren, damit die Zellen des angeborenen Immunsystems sie erfolgreicher bekämpfen können. Dieser Antikörperproduzierende Teil des Immunsystems wird in akuten Stresssituationen überaktiv, womit das Auftreten von Krankheiten mit allergischer Komponente, wie zum Beispiel Asthma bronchiale oder Neurodermitis begünstigt wird. Bei einer hohen Stressbelastung über einen längeren Zeitraum von Monaten oder Jahren zeigt sich schließlich eine Umkehr dieser Situation, da durch eine Erschöpfung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse die Cortisolspiegel unter Normalniveau zu sinken beginnen. Jetzt wird das angeborene Immunsystem, die Nahkampfeinheit, überaktiv und es kommt zur Entwicklung einer „stillen Entzündung“ im Körper. Dadurch wird der Entwicklung von Arteriosklerose, der Gefäßverkalkung, aber auch Erkrankungen wie Diabetes mellitus und der rheumatoiden Arthritis deutlich Vorschub geleistet. Ebenso wird die Zellalterung beschleunigt. Diese Veränderungen und Auswirkungen auf den Körper veranschaulichen deutlich die Notwendigkeit, Stress in uns zu reduzieren und zeigt uns die große Bedeutung im Coachingbereich über gute, stressreduzierende Techniken zu verfügen. Wie bereits angesprochen wird dieser Stress in uns sehr oft ausgelöst und aufrecht erhalten durch negative Gedanken und Emotionen. Diese entspringen mentalen Mustern, die sich in unserem Unterbewusstsein über die Jahre einprogrammiert haben. Stressreduzierende Techniken, die auf eine Reduktion negativer Gedanken und Emotionen abzielen, können dabei an 2 Stellen des Geistes ansetzen: Am Wachbewusstsein und am Unterbewusstsein. Ich möchte im Folgenden darlegen, wie wir auf diesen beiden Ebenen mit unseren Klienten arbeiten können, um negative Muster zu verändern und positive zu etablieren. Aber was genau ist der Geist überhaupt? Ich möchte nun versuchen, ein für den Coachingbereich brauchbares Modell des Geistes zu entwerfen. ​ 3. Ein Modell des Geistes - Bewusstes, Unterbewusstes, Unbewusstes Es gibt viele verschiedene Erklärungsmodelle des Geistes, von neurowissenschaftlichen, über psychologische bis hin zu religiösen. Wenn ich hier vom Geist spreche, dann verwende ich dafür folgende Definition: Der Geist ist die Summe aller Informationen, die das Gehirn in einem Moment verarbeitet. Wenn Sie also Ihren Geist in diesem Augenblick betrachten, dann besteht er aus all den Daten, die von Ihrem Gehirn gerade prozessiert werden. Dazu gehören die Sinneseindrücke genauso, wie die internen Regulationsprozesse der Körperfunktionen, die das Gehirn unaufhörlich steuert. Um uns der Komplexität des Geistes zu nähern, möchte ich zur Veranschaulichung ein bildhaftes Modell in Form eines Eisbergs wählen. Das Eisbergmodell hat sich in vielen Themenbereichen bewährt, sowohl bei der Beschreibung des Freud’schen Strukturmodells der Psyche als auch beim Kommunikationsmodell von Paul Watzlawick. Mein Versuch ein, für den Coachingbereich anwendbares Verständnismodell des Geistes zu entwickeln, orientiert sich dabei an der Dreiteilung des Geistes in ein Wachbewusstsein, das Unterbewusstsein und das Unbewusste. Dabei fließt das Mind-Model des amerikanischen Hypnosetherapeuten Gerald F. Kein in die visuelle Darstellungsform eines Eisbergs und wird um weitere, praktisch relevante Erweiterungen ergänzt. Stellen Sie sich den Geist also wie einen Eisberg vor, der irgendwo im Ozean treibt. Wie allgemein bekannt ist, ist uns nur ein Bruchteil dessen, was das Gehirn gerade verarbeitet, bewusst. Im Eisbergmodell entspricht dieser Anteil der Eisbergspitze - dem Wachbewusstsein. Der weitaus größere Anteil befindet sich unterhalb der Wasseroberfläche und beinhaltet das Unterbewusstsein und das Unbewusste. Schätzungen gehen davon aus, dass uns nur etwa fünf Prozent der Geistesinhalte bewusst sind. Dieser bewusste Anteil des Geistes, den wir hier einfachheitshalber Wachbewusstsein nennen, beherbergt ein paar, für die Coachingarbeit wesentliche Teile. Diese sind: A. Der analytische denkende, rationale Verstand B. Die zielgerichtete Aufmerksamkeit C. Der Wille D. Der „Kontrolleur“ Zum einen findet also im Wachbewusstsein das rationale und analytische Denken statt. Dieser Teil unseres Geistes erlaubt es uns zu planen, Zusammenhänge logisch zu begreifen und über uns und die Welt reflektieren. Diese Funktion des Gehirns erlaubt die, beim Menschen überproportional große Großhirnrinde, der Neocortex. Diesem evolutionär jüngsten Teil unseres Gehirns entspringt die einzigartige Denkleistung wie die Fähigkeit, Informationen auf komplexe Weise immer wieder neu zu verknüpfen, zu integrieren und die Welt, um uns zu interpretieren. Das rationale Denken brauchen wir permanent im Alltag, um Probleme zu lösen und Herausforderungen zu meistern. Es ist also ein Werkzeug, das in vielen Situationen des Lebens unabdingbar ist. Wollen wir allerdings irgendeinen Aspekt unseres Innenlebens nachhaltig verändern, dann steht uns die Verwendung des rationalen Verstandes mehr im Weg, als dass sie unserem Ziel nützt. Warum das so ist, werden wir gleich noch näher beleuchten. Des Weiteren treffen wir im Wachbewusstsein auf den Willen. Der Wille ist jene Kraft in uns, die es uns ermöglicht, Dinge anzupacken, den inneren Schweinehund zu überwinden und die eine oder andere Veränderung in unserem Leben zu bewirken. Der Wille ist ein wesentliches Instrument, um Projekte voranzutreiben und Vorhaben umzusetzen und ein schwacher Wille lässt die Chancen auf Verwirklichung unserer Ziele in weite Ferne rücken. So bedeutsam der Wille für unser Leben aber auch sein mag, so sehr hat er auch seine Schwächen. Einerseits muss er jeden Tag aufs Neue geweckt werden und ist er einmal erwacht, ermüdet er früher oder später mit Sicherheit. Dass dies so ist, können Sie jedes Mal dann beobachten, wenn Sie versuchen, einen wesentlichen und zur Gewohnheit gewordenen Aspekt Ihres Lebens zu ändern. Wie oft haben Sie schon die Entscheidung getroffen, von nun an nur noch positive Gedanken in Ihrem Leben zuzulassen? Zum wievielten Male haben Sie bereits vergeblich versucht, das Rauchen aufzugeben oder vom Fast-Food Abstand zu nehmen? Wie oft haben Sie sich zu Neujahr schon vorgenommen, ab jetzt konsequent zumindest drei Mal die Woche Sport zu treiben? Oder was auch immer Sie sich fix auf den Plan geschrieben haben und dann doch nach einiger Zeit bemerken mussten, dass Sie wieder in Ihr altes Muster zurückgefallen sind. Die Stärke des Willens kann sich von Individuum zu Individuum zwar erheblich unterscheiden, aber ermüden tut schließlich ein jeder Wille. Wenn wir das Mind-Model betrachten und wir unserem Leben, also der Fließrichtung des Eisbergs eine neue Richtung geben möchten, dann kann der Wille einen gewissen Wind erzeugen. Da der Wille jedoch lediglich ein Teil des Bewussten ist, kann diese Kraft auch nur auf die Eisbergspitze wirken. Bei ausreichender Windkraft kann der Wille den Eisberg durchaus in die gewünschte Richtung bewegen, vor allem, wenn dieses Vorhaben auch der Flussrichtung, sprich der Programmierung des Unterbewusstseins entspricht. Aber stellen Sie sich vor, die Strömung unterhalb der Wasseroberfläche drückt in die Gegenrichtung! Aufgrund der enormen Fläche und Masse des Berges unter Wasser, also des Unterbewusstseins, verliert der Wind immer gegen die Strömung. Das ist genau der Grund, warum mit dem Willen getroffene Entscheidungen IMMER zum Scheitern verurteilt sind, wenn die Zielrichtung nicht der, des Unterbewusstseins entspricht. Wir müssen also die Strömungseigenschaften des Wassers verändern, um unsere gewünschte Veränderung zu erreichen. Und hierfür braucht es die Arbeit mit Unterbewusstsein. Um den Weg dorthin zu ebnen, müssen wir aber den letzten wesentlichen Aspekt des Wachbewusstseins passieren - den „Kontrolleur“. Der Kontrolleur hat eine starke Barrierefunktion am Weg zum Unterbewusstsein. Dieser Kontrolleur hat die Aufgabe, jede neue Idee, ob aus dem eigenen Gehirn entspringend, oder von einem Trainer oder Coach an den Klienten herangetragen, auf Kompatibilität mit den bereits bestehenden Programmierungen des Unterbewusstseins zu prüfen. Er sitzt an der Schwelle zwischen Wachbewusstsein und Unterbewusstsein und fungiert sozusagen als Türsteher. Wenn Sie beispielsweise aufgrund reiflicher Überlegungen Ihres rationalen Verstandes zu der Einsicht gekommen sind, dass Zigarettenrauchen neben geruchlicher Belästigung auch noch stark gesundheitsschädigend und obendrein noch teuer ist und somit Kraft Ihres freien Willens die Entscheidung treffen, mit dem Rauchen aufzuhören, dann wird diese Idee sofort vom Kontrolleur überprüft. Wenn Ihr Unterbewusstsein aber über die Jahre zu der Überzeugung gelangt ist, dass das Rauchen für Sie, aufgrund uns oft nicht bewusst zugänglicher Gründe, sehr wohl einen guten Zweck in Ihrem Leben erfüllt, dann wird diese Idee abgelehnt und sie findet keinen Einzug ins Unterbewusstsein. Somit wird Ihr Vorhaben notgedrungen scheitern. Diesen Kontrolleur können wir auch mit rationalen Gründen nicht überzeugen und beeinflussen. Sie haben bestimmt schon bemerkt, dass explizites Wissen über die Schädlichkeit von Zigaretten einem Raucher nicht ausreicht, um diese Sucht zu beenden. Überzeugende Studien über die positiven gesundheitlichen Aspekte regelmäßigen Ausdauersports setzen uns ebenfalls nicht auf das Rennrad oder bugsieren uns automatisch auf die Laufstrecke. Weder negative noch positive Informationen können uns langfristig zu einer Verhaltensänderung bewegen, vor allem dann nicht, wenn sie rein an der kognitiven Ebene ansetzen. Wenn die Informationen also lediglich im Bereich der rationalen Eisbergspitze ankommen, wird die gewünschte Veränderung nicht gelingen. Wir müssen daher einen Weg finden, unter die Wasseroberfläche zu gelangen. ​ 4. Die Trance - das Tor zum Unterbewusstsein Wenn wir direkt mit dem Unterbewusstsein des Klienten arbeiten wollen, dann brauchen wir einen effektiven Zugang dorthin. Und dieses Eingangstor zum Unterbewusstsein öffnet sich in der Trance - also während mentaler Entspannung. Im normalen Zustand des Wachbewusstseins, mit auf die Außenwelt fokussierter Wahrnehmung, produziert unser Gehirn bekannterweise hohe Frequenzen im Betabereich. Wenn wir den Geist entspannen, senken sich diese in den Bereich der Alpha- und teilweise auch der Thetafrequenzen ab. Um einen Kommunikationskanal mit dem Unterbewusstsein aufzubauen, müssen wir in solch einen entspannten und nach innen gerichtetem Zustand gehen, sprich in eine Trance. Man leitet also den Klienten durch einfache Techniken an, sich zu entspannen und beginnt eine Trance zu induzieren. Eine simpel durchzuführende Tranceanleitung findet sich weiter unten im Skript. Meine Definition von Trance lautet hierbei: Die Trance ist ein geistig entspannter Zustand, hoher Fokussierung Auch Sportler erleben regelmäßig den Zustand der Trance, wenn sie sich „in the zone“ befinden. Sie beschreiben diesen Zustand als stark fokussiert, wie „im Tunnel“ und fühlen sich trotz hoher körperlicher Aktivität in einem geistig entspannten Zustand. Hier ist die Aufmerksamkeit aber stark auf die Außenwelt gerichtet, wie z.B. auf die Rennstrecke oder den Tennisball. Im Gegensatz dazu weist die hypnotische Trance, derer wir uns im Rahmen von Coaching oder Hypnosetherapie bedienen, eine ausgeprägte Fokussierung auf die Innenwelt auf. Meine Definition von Hypnose lautet dabei: Hypnose ist das direkte In-Kontakt-Treten des Wachbewusstseins mit dem Unterbewusstsein Neurowissenschaftliche Untersuchungen der hypnotischen Trance konnten zeigen, dass es hierbei zu einer Aktivitätsabnahme des Frontallappens kommt, während hingegen die Aktivität im Okzipitallappen und rechten Temporallappen zunimmt. Der Frontallappen spielt eine wesentliche Rolle bei der Emotions- und Impulskontrolle. Interpretieren kann man diese Ergebnisse damit, dass sich die kontrollierende Funktion des Frontallappens zurückzieht und Informationen daher leichter am Frontallappen „vorbeigeschleust“ werden können. Sie umgehen also den „Kontrolleur“. Dies ist, aus neurowissenschaftlicher Sicht gesehen, ein großes Unterscheidungsmerkmal zwischen Hypnose und Meditation. In Hypnose nimmt die Aktivität des Frontallappens ab, während Meditation nimmt die Aktivität des Frontallappens zu Oft stellen Klienten die Frage, worin eigentlich der Unterschied zwischen Autogenem Training, Meditation und Hypnose besteht. Wo der Frontallappen und speziell der linke präfrontale Cortex während der Meditation deutlich an Aktivität zunimmt, zieht er sich während der Hypnose zurück. Während wir in der Meditation, wie auch beim autogenen Training die Kontrolle und Lenkung der Aufmerksamkeit aktiv trainieren und selbst in die Hand nehmen, lassen wir uns in hypnotischer Trance dagegen von den Anleitungen des Hypnotiseurs leiten und können somit die Kontrolle des Frontallappens freigeben und sie umgehen. Daher ermöglicht diese geleitete Trance einen effektiven und tiefen Zugang zum Unterbewusstsein. Jetzt können wir einerseits leichter Informationen aus dem Unterbewusstsein erhalten, und andererseits auch dort zu platzieren. Wichtig ist dabei zu betonen, dass keine Idee oder Information im Unterbewusstsein eines Klienten installiert werden kann, wenn dieser die Idee innerlich ablehnt. Die Suggestionen, also die vorgeschlagenen Informationen des Coaches oder Hypnotiseurs, müssen also dem inneren Wunsch des Klienten nach Veränderung entsprechen. Wenn wir mithilfe von Tranceinduktionen erst einmal einen Zugang zum Unterbewusstsein geschaffen haben, geht es nun darum, jene Informationen zu installieren, die dem Klienten zum Erreichen seines Zieles dienen. Dabei handelt es sich aber nicht um rationale und faktische Daten, sondern um bildhafte Informationen, die ein innerliches Erfahren möglich machen. Der Grund hierfür liegt darin, dass der rationale, mit Fakten arbeitende analytische Verstand und das Unterbewusstsein, zwei unterschiedliche Sprachen sprechen. Wenn wir das Unterbewusstsein erreichen und in der Folge neu programmieren möchten, müssen wir lernen, den Kontrolleur zu umgehen und uns der Sprache des Unterbewusstseins zu bedienen. ​ 5. Die Sprache des Unterbewusstseins Die unterschiedlichen Lernweisen von Wach- und Unterbewusstsein können wohl am ehesten mit dem Konzept von explizitem und implizitem Wissenserwerb beschrieben werden. Während der rationale Verstand Fakten und Daten zum Generieren expliziten Wissens verknüpft, programmiert sich das Unterbewusstsein über Erfahrungen. Dabei prägen sich Erfahrungen umso tiefer und nachhaltiger ins Unterbewusstsein ein, je öfter sie erlebt werden und je höher die dabei erlebte Emotion ist. Greifen wir als Beispiel für die unterschiedliche Wirkweise von explizitem und implizitem Wissen noch einmal das Zigarettenrauchen auf. Rational und explizit weiß vermutlich jeder Raucher, dass das Rauchen die Lungen schädigt, die Arterien verklebt, Bluthochdruck fördert, Erkrankungen wie Herzinfarkt und Lungenkrebs begünstigt und dabei auch noch die Geldbörse belastet. Aus all diesen Gründen dürfte es der Logik nach kaum einen Menschen auf der Welt geben, der bei diesen Tatsachen zur Zigarette greift. Diesem expliziten Wissen steht allerdings das implizite, „innerliche Wissen“ gegenüber, das wir durch Erfahrung generieren. Und die Erfahrungen eines Rauchers könnten wie folgt aussehen: Christoph W., 13 Jahre jung, war in der Schule ein eher unsicherer und zurückhaltender Schüler, der ständig danach trachtete, Teil jener Gruppe von vier Jungs zu werden, die man in der Klasse als „die Coolen“ bezeichnete. Eines Tages im Schulhof wird ihm von einem dieser Klassenkameraden eine Zigarette angeboten mit der Aufforderung, doch eine mitzurauchen. Da sich auch jenes Mädchen der Nebenklasse dazu gesellt, auf das Christoph schon seit längerem ein Auge geworfen hat und das er nicht unbeeindruckt lassen möchte, entscheidet er sich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, auch wenn ihm die Idee, sich die Lungen voll zu qualmen zunächst gar nicht bekommt. Doch sein Wunsch zur Gruppe zu gehören und seine Angebetete mit seinem Mut zu beeindrucken, sind stärker und schließlich greift er zur Zigarette. Von diesem Tag an stellt er sich jeden Tag zu den Jungs im Schulhof, sie rauchen und er verliert mehr und mehr von seiner Schüchternheit. Eines Tages verabredet er sich sogar bei einem dieser Treffen mit dem Mädchen und sie werden, wenn auch nur für 3 Monate, ein Paar - die erste Freundin! Bei seinem ersten Ferialjob bemerkt er, dass in den Rauchpausen die Arbeiter über all jene Kollegen herziehen, die gerade nicht anwesend sind und er hat das Gefühl, es wäre wohl besser, hier so oft wie möglich dabei zu sein. Wer möchte schon gerne, dass hinter dem Rücken schlecht geredet wird? Bei seinem allerersten Fulltimejob nach dem Studium sind es ebenfalls die lockeren Plaudereien in den Rauchpausen, wo in gemütlicher Runde die wichtigsten Firmenentscheidungen getroffen und echte Freundschaften geknüpft werden. Welche Erfahrungen hat dieser Mann demnach seit seinem 13. Lebensjahr gemacht? – Dass er vom Rauchen im sozialen Kontext immer profitierte. Und da er, aufgrund des noch jugendlichen Alters, die Gräuel des morgendlichen Raucherhustens oder gar die Abhängigkeit von der Sauerstoffflasche am eigenen Leib noch nicht erlebt hat, wiegen diese positiven sozialen Erfahrungen das faktische Wissen um die Schädlichkeit des Rauchens auf. Wenn das Unterbewusstsein wie in diesem Beispiel programmiert ist, wird es mitunter sehr schwer, mit reiner Willenskraft das Rauchen zu beenden. Wenn das Unterbewusstsein sich also über viele vergangene Erfahrungen programmiert, wie können wir dann zu neuen Erfahrungen kommen und die Schwerkraft der Vergangenheit aushebeln? Und wie kann die Trance dabei helfen? Wenn man betrachtet, was eine Erfahrung in ihrem Wesen ausmacht, dann handelt es sich dabei um das Erleben einer Situation mit allen körperlichen Sinnen. Wenn wir stark und nachhaltig prägende Erfahrungen machen, dann erleben wir eine Situation, in der wir bestimmte Dinge sehen, Geräusche hören, Temperaturen spüren und vielleicht bestimmte Gerüche oder auch Geschmäcker wahrnehmen. Die Eingänge dieser Informationen aus den Sinnesorganen bewirken eine Verarbeitung dieser in den entsprechenden Gehirnregionen und setzen sich zu einer Erfahrung zusammen. Je nach Erlebtem löst diese Erfahrung im Körper eine bestimmte Emotion aus. Und alles, was mit einer spürbaren Emotion erlebt wird, brennt sich tiefer und nachhaltiger ins Gedächtnis ein. Je stärker die Emotion, je prägender die Erfahrung. Und jetzt kommt die Arbeit in Trance ins Spiel. Wir Menschen haben die Fähigkeit, Erfahrungen auch nur im Geiste zu machen. Ob wir einen bestimmten Menschen vor uns sehen, oder ihn uns nur vorstellen, führt zur gleichen Aktivierung der visuellen Cortexareale. Wenn wir uns dabei eine Situation mit all unseren Sinnen vorstellen und sie nicht nur (visuell) imaginieren, dann werden auch die anderen Sinnesmodalitäten verarbeitenden Gehirnareale aktiv. Es entsteht also eine mentale Erfahrung mit allen Sinnen, auf die der Körper, je nach Intensität und Inhalt des Vorgestellten, mit einer Emotion reagiert. Wir können also die Fähigkeit des Geistes nutzen, uns eine neue und gewünschte Situation mit allen Sinnen vorzustellen und sie somit innerlich zu erleben. Wenn dabei eine Emotion als Reaktion des Körpers auftritt, ist die Information im Körper als Erfahrung angekommen und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass eine nachhaltige Programmierung des Unterbewusstseins begonnen hat. Es geht bei der Arbeit mit dem Unterbewussten darum, dem Klienten zu einer neuen innerlichen Erfahrung zu verhelfen. Dadurch kommt es zu einer Umprogrammierung des Unterbewusstseins und einer Neubewertung im Wachbewusstsein. Je höher die emotionale Ladung dieser Erfahrung ist, desto stärker prägt sie sich im Unterbewusstsein ein. Das Negativbeispiel für diesen Prozess zeigt sich im Rahmen eines psychischen Traumas. Ein Positivbeispiel können wir erleben, wenn uns etwas Besonderes gelingt, das einen wahren Boost für unser Selbstbewusstsein erzeugt, wie eine gelungene Arbeit, für die wir viel Anerkennung bekommen, ein schönes zwischenmenschliches Erlebnis etc. Aber auch wenn Erfahrungen keine allzu hohe emotionale Ladung tragen, hinterlassen sie Spuren in unserem Unterbewusstsein. Und zwar vor allem dann, wenn sie immer wieder erlebt werden. Nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ führt jede Repetition einer Erfahrung, auch bei geringem emotionalem Erleben, zu einer nachhaltigen Programmierung. Für unsere Arbeit mit Klienten gilt also: Je höher die Emotion im Rahmen einer Erfahrung, umso weniger Erfahrungen werden benötigt, um eine nachhaltige Programmierung zu erzeugen Je weniger Emotion eine Erfahrung auslöst, je häufiger muss diese wiederholt werden In der Coachingarbeit können wir nach kurzer Tranceeinleitung, je nach Thema, den Klienten innere Bilder erleben lassen, die zu einer Neubewertung der jeweiligen Problematik führen. Weiter unten im Skript finden Sie einige Beispiele dafür, wie solche inneren Bilder angeleitet werden können. Darüber hinaus finden sich in zahlreichen Büchern über Hypnose wertvolle Ideen und teilweise fertige Manuskripte zu unterschiedlichsten Coachingthemen. Näheres dazu finden Sie in den Buchempfehlungen am Ende des Skripts. Wir benutzen in der Trancearbeit themenspezifische Suggestionen, die dem Klienten ermöglichen, zu einer neuen inneren Erfahrung zu kommen. Suggestionen sind dabei Vorschläge des Coaches oder Trainers, die dann im Geiste des Klienten umgesetzt werden. Folgende „Regeln“ sollten wir beachten, wenn wir mit dem Unterbewusstsein unserer Klienten arbeiten: Regel Nr. 1) ​Das Unterbewusstsein reagiert nicht auf Logik, sondern auf Emotionen. Informationen, die eine starke emotionale Komponente haben, erreichen fast immer das Unterbewusstsein Jede Idee, die mit einer starken Emotion verknüpft ist, setzt sich gegen rationale Argumentationen durch. In Trance können wir den fühlenden Teil des Geistes, das Unterbewusstsein mit neuen, bildhaften Informationen füttern und so zu neuen „Erfahrungen“ kommen. Die etablierten inneren Bilder sind dabei umso prägender, je höher die dabei empfundene Emotion ist. Regel Nr. 2) ​Die Vorstellungskraft ist stärker als Wissen und Verstehen Das Unterbewusstsein arbeitet und lernt mit Bildern und Symbolen. Je mehr Sinneskanäle angesprochen werden, umso lebendiger werden die mentalen Bilder und ziehen somit als Erfahrung ins Unterbewusstsein ein. Studien von Halsband U., die das Lernverhalten sowohl im „normalen“ Wachzustand des Alltagsbewusstseins als auch in hypnotischer Trance untersuchten, haben gezeigt, dass in Trance bildhafte Inhalte besser abgespeichert und später besser erinnert werden können. Hierfür wurde den Probanden in der Lernphase auf einem Bildschirm einerseits eine Liste von 12 Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit präsentiert (z.B. „Affe – Kerze“, „Sonne – Vogel“), die sie innerlich nachsprechen und lernen sollten. Andererseits 12 abstrakte Wortpaarkonstellationen wie etwa „Moral – Buße“. Das Lernverhalten wurde in Trance und im Wachzustand untersucht. In der Abrufphase (Wachzustand) wurde dann nur jeweils der erste Teil des Wortpaares präsentiert, und die Probanden sollten das zweite Wort aus dem Gedächtnis assoziieren. Es zeigte sich, dass beim Lernen der bildhaften Wortpaare in Trance der Okzipitallappen, also der visuelle Cortex deutlich aktiver wurde, als beim Lernen der bildhaften Wortpaare im „Wachzustand“. Beim Abrufen der in Trance gelernten Information, zeigte sich schließlich eine erhöhte Reproduktionsleistung der Wortpaare mit hoher Bildhaftigkeit und eine verschlechterte Abrufleistung abstrakter Wortpaare. Zusammenfassend kann man sagen, dass das Unterbewusstsein mit abstrakten, also analytisch zu verstehenden Begriffen wenig anfangen kann, beziehungsweise diese nicht gut abspeichert. Bildhafte Inhalte werden dagegen besser abgespeichert. Die Wahl einer bildhaften Vorgehensweise bei der Anwendung von mentalen Techniken im Rahmen eines Coachings sind also von Vorteil, da diese vom Gehirn in idealer Weise umgesetzt und verarbeitet werden kann. Auch das Ansprechen zusätzlicher Sinneskanäle scheint von großem Vorteil zu sein, da dann auch die, diese Informationen verarbeitenden Gehirnareale in den Lernprozess besser einbezogen werden und die Erfahrung somit „realer“ wird. Hingegen sollte bei der Arbeit mit dem Unterbewusstsein das Verarbeiten komplexer, abstrakter Informationen vermieden werden. Regel Nr. 3) ​Je häufiger wir eine Aussage hören, desto leichter wird sie vom Gehirn verarbeitet Durch häufige Repetition einer Information setzt sich diese ins Unterbewusstsein ab. Je häufiger wir eine Information hören, desto wahrer kommt sie uns dabei vor. Diese Tatsache folgt dem Prinzip „Nur weil man etwas immer wieder sagt, wird es nicht wahrer. Aber es fühlt sich wahrer an!“ Dieser gut untersuchte Effekt wird auch als Wahrheitsillusion oder Wahrheitseffekt bezeichnet. Wiederholt präsentierte Inhalte, werden also vom Unterbewusstsein leichter angenommen. ​ Regel Nr. 4) ​Das Gehirn liebt einfache Lösungen und eine einfache Sprache Je flüssiger und leichter das Gehirn eine Information verarbeiten kann, umso angenehmer fühlt sich diese Information an und wird daher leichter akzeptiert. Daher sollten Affirmationen oder Glaubenssätze, die man im Unterbewusstsein verankern möchte, klar, kurz und prägnant formuliert werden. Regel Nr. 5) ​Ist eine Idee einmal im Unterbewusstsein verankert, dann ist es leichter ihr zu folgen, als sie zu brechen Wenn sich ein bestimmtes Denk- oder Verhaltensmuster bereits zu einer Gewohnheit ausgeformt hat, läuft sie automatisch ab und ist nur schwer zu ändern. Das betrifft positive, wie negative Gewohnheiten in gleichem Maße. Regel Nr. 6) ​Je größer die bewusste Anstrengung, im Unterbewusstsein Veränderungen herbeizuführen, desto geringer ist die Wirkung Wenn wir mit dem Unterbewusstsein arbeiten, müssen wir uns entspannen. Ein hoher mentaler Aufwand im Sinne eines geistigen Übereifers erschwert den Zugang zum Unterbewusstsein. Eine starke mentale Anstrengung erhöht die Gehirnfrequenzen und katapultiert uns daher aus dem Wasser heraus und auf die Eisbergspitze zurück – das Tor zum Unterbewusstsein schließt sich wieder. Regel Nr. 7) ​Verneinungen werden vom Unterbewusstsein schwer erkannt und können somit gegenteilige Effekte erzeugen. Diesen Umstand bezeichnet man als „Pharsing“ Wenn wir also einem Klienten in Trance suggerieren, dass er beispielsweise bei der nächsten Firmenpräsentation keine Nervosität mehr empfinden wird, dann hört das Unterbewusstsein meist nur die Nervosität und diese kann sich verstärken, weil das „keine“ überhört wird. Dementsprechend sollte nur mit positiv formulierten Sätzen gearbeitet werden. Wenn wir den Klienten daher anleiten, sich via Vorstellungskraft mental in die, für ihn normalerweise Stressauslösende Situation zu begeben, dann können wir ihn ein Gefühl von Gelassenheit während der Präsentation erleben lassen. Die unerwünschte Emotion, die Nervosität, sollte dabei gar nicht angesprochen werden. Sie wissen ja was passiert, wenn Sie ausdrücklich gebeten werden NICHT an den berühmten rosa Elefanten zu denken. Regel Nr. 8) ​Permissive Anleitungen werden vom Unterbewusstsein eher angenommen als direktive Suggestionen sind wie gesagt Vorschläge des Trainers oder Coaches und sollten auch als solche verwendet werden und nicht als Befehle. Es ist daher besser den Klienten anzuleiten „sich zu erlauben, ein Gefühl von Schwere und Wärme in die Muskeln einfließen zu lassen“ als zu sagen: „Du fühlst jetzt Schwere in Deinen Beinen“. Denn wenn der Klient gerade keine Schwere fühlt, oder gar ein Kälteempfinden in den Beinen wahrnimmt, dann führt das zu Widerstand und die Trance kann gestört oder sogar beendet werden. Wenn wir diese Regeln befolgen, steht dem erfolgreichen Einsatz von, auf das Unterbewusstsein unseres Klienten abzielenden Interventionen nichts mehr im Wege. Wie sieht nun die konkrete Arbeit mit dem Unterbewusstsein im Coachingbereich aus? 6. Die Arbeit mit dem Unterbewusstsein Vorwegnehmen möchte ich, dass die folgende, vorgestellte Arbeit keine umfangreiche Hypnoseausbildung bedarf und auch keine Hypnosetherapie darstellt. Es geht darum, den Klienten in eine oberflächliche Trance, im Sinne eines Entspannungszustandes zu führen, in dem er sich nach innen fokussiert und innere „Bilder“ erleben kann. In diesem Skript möchte ich ein paar einfach umzusetzende Techniken vorstellen, die für sehr zentrale Coachingthemen leicht anwendbar sind. Diese dienen den, im Vorwort angesprochenen Themenbereichen der Stressreduktion, der Bewusstwerdung der eigenen Handlungsintention, der Veränderung von Glaubenssätzen und dem Etablieren positiver Gefühlszustände. Der Ablauf einer spezifischen Themenbearbeitung setzt sich folgendermaßen zusammen: 1) Klärung des Themas, welches der Klient lösen möchte 2) Tranceinduktion 3) Mentales Erleben des Lösungsansatzes (= Wirkhypnose) 4) Rückholung aus der Trance Man beginnt nach Identifizierung des Problems, das gelöst werden soll, zunächst damit, den Klienten in einen Entspannungszustand zu führen. Die Vorgehensweise besteht darin, die Aufmerksamkeit des Klienten auf den gegenwärtigen Moment und die Empfindungen des eigenen Körpers zu richten, sich zunehmend zu entspannen und seine Aufmerksamkeit von der Außenwelt auf die Innenwelt umzulenken. Das Ziel ist die Vermittlung von Ruhe, Entspannung und einer vertrauten Umgebung, in der er sich fallen lassen kann. Suggestionen wie ein Gefühl der Schwere und der Wärme in die Muskeln einfließen zu lassen, helfen dem Klienten, mehr und mehr zur Ruhe zu kommen und seine Gehirnfrequenzen abzusenken – das Tor zum Unterbewusstsein beginnt sich zu öffnen. Bei der Tranceinduktion spreche ich meine Klienten gerne mit „Du“ an, weil das Unterbewusstsein das „Du“ vorzieht. Sie können bei Ihrem Klienten auf einfache Weise eine Trance induzieren, in dem Sie ihn folgendes anleiten: ​ 6.1 Tranceinduktion ​Atme einmal tief ein und beim Ausatmen schließe Deine Augen. Erlaube Dir ganz in diesem Moment anzukommen und den Umstand zu genießen, jetzt nichts leisten zu müssen und Deine Aufmerksamkeit einfach dem gegenwärtigen Moment und den Geräuschen rund um Dich zu schenken. So wie meine Stimme, die Dich permanent begleitet, kommt und geht, wie auch die Atmung kommt und geht und die Bauchdecke hebt und senkt. Erlaube Dir dabei in eine herrlich angenehme Trance zu sinken, was auch immer das ist. Dein Unterbewusstsein weiß genau, wie es in diese Entspannung geht, während Du meine Stimme hörst und Deinen Körper wahrnimmst, wie er hier sitzt. Konzentriere Dich dabei auf Deine Augenmuskulatur und entspanne die Muskeln rund um die Augen so sehr, bis Du das Gefühl hast, dass sie einfach nicht mehr funktionieren. Und wenn Du Dir sicher bist, dass Deine Augenmuskeln so entspannt sind und die Augenlider so schwer, dass Du sie gar nicht mehr öffnen kannst, dann halte an dieser Entspannung fest und lass die gleiche Qualität Entspannung durch den gesamten Körper fließen, vom Kopf bis hinunter zu den Zehenspitzen. Wenn Du da ganz genau hineinspürst in Deinen Körper, fällt es Dir vielleicht leicht, Deine Hände wahrzunehmen. Sie sind ja gleich groß und haben das gleiche Gewicht. Du kannst sie wahrnehmen, wie sie hier liegen. Und genauso fällt es Dir leicht, Dir einfach nur vorzustellen, dass Deine linke Hand sich auf einmal viel schwerer anfühlt wie die rechte Hand. Stell Dir vor, dass sich die ganze linke Hand wie mit Blei oder Metall füllt und richtig schwer, wie ein Zementblock auf Deinem linken Oberschenkel (oder der Armlehne) liegt. So schwer, dass sie gar nicht mehr verrückbar ist. Wenn ich sie nun berühre und bewegen will, sie aufheben will, gelingt es mir nicht, weil sie so schwer geworden ist. (Optional: jetzt eventuell die linke Hand des Klienten hin- und herbewegen, um die Steifheit zu überprüfen und die Trancetiefe festzustellen– „Trance-Tiefentest“) Stell Dir vor, wie es wäre, wenn nun auch das gesamte Gewicht des rechten Armes hinüberfließen würde, über den Schultergürtel hinüber in die linke Hand und diese dabei noch schwerer würde, bis sich das gesamte Gewicht des rechten Amres hinüber auf die linke Hand übertragen hat, sodass die rechte Hand federleicht geworden ist, sämtliche Schwerkraft hinüber geflossen ist in die linke Hand und die rechte Hand so schwebend leicht, eine herrliche Schwerelosigkeit erleben kann. So leicht, wie wenn sie fast von selbst nach oben schwebt, wie wenn sie von einem riesigen Heißluftballon nach oben gezogen würde, der das rechte Handgelenk an einer Schnur nach oben zieht. (An dieser Stelle hebt sich oft die rechte Hand von selbst von der Unterlage ab, was man Handelevation nennt und Zeichen für eine gute Trance ist. Sie bleibt dann oft von selbst in der Luft stehen oder senkt sich nach einiger Zeit wieder ab. Aber auch wenn sie an der Unterlage liegen bleibt, ist das vollkommen in Ordnung.) Nach dieser kurzen Tranceinduktion, die nur wenige Minuten dauert, ist ein absoluter Großteil der Klienten zumindest in einer leichten Trance. Nun können Themenspezifische Suggestionen erfolgen: ​ 6.2 Der Ballon ​Diese Technik hilft dem Klienten, Dinge loszulassen, die ihn belasten und damit Stress zu reduzieren. Da man Loslassen nur schwer „lernen“ kann, da es ein Akt des Nichts-Tun ist, hilft dieses innere Bild sehr gut, es dennoch zu erleben. Stell Dir einmal vor, wie es wäre, wenn Du im Geiste nun an einen ganz besonderen Ort in der Natur reisen würdest, an dem Du Dich ganz besonders wohl fühlst. Irgendwo unter freiem Himmel, sei es an einem Strand oder auf einer Lichtung, einer Wiese oder in den Bergen und nimm diesen Ort mit all Deinen Sinnen wahr. Stelle Dir vor, wie Du die herrliche Luft an diesem Ort durch Dein linkes Nasenloch einatmest und diese, in der Nase angewärmte Luft durch Dein rechtes Nasenloch wieder ausatmest. Wie diese herrliche Luft so durch Dich zirkuliert und welche Gerüche Du dort wahrnimmst. Welche Farben kannst Du an jenem Ort sehen? Und welche Geräusche umgeben Dich? Lass diesen Ort ganz auf Dich einwirken und spüre, wie sich der Boden unter Deinen Füßen anfühlt. Und wie herrlich frei die unendlich blauen Weiten des Himmels über Dir. Und wenn Du dort nach oben blickst, vielleicht einer wärmenden, strahlenden Sonne entgegen, dann stell Dir vor, dass Du dort einen Heißluftballon entdeckst, der von links oben zu Dir herunterschwebt und irgendwie vor Dir zu landen scheint. Welche Farbe dieser Ballon auch immer hat, er trägt einen großen Korb, der näher und näher kommt, um schließlich genau vor Deinen Füßen zu landen. Und da bemerkst Du, dass der Korb vollkommen leer ist. Und Du wirst eingeladen, nun alles in diesen Korb zu legen oder zu werfen, das Dich gerade belastet. Was auf Deinen Schultern lastet, wie ein großer schwerer Rucksack oder eine schwere Jacke, die Dich einengt. Alles, wovon Du Dich befreien möchtest, kannst Du dort hineinlegen. Ob alte Geschichten, Erinnerungen, unangenehme Gefühle oder Körperempfindungen; Alte Glaubenssätze und Überzeugungen, die Dir das Leben schwer machen. Alles kannst Du dort hineinwerfen und diesen Korb anfüllen. Und wenn Du diesen Korb mit all den Dingen angefüllt hast, von denen Du Dich in Deinem Leben verabschieden möchtest, dann hebt dieser Ballon langsam vom Boden ab und beginnt nach rechts oben Richtung Himmel zu steigen. Und während das Feuer hörbar entflammend den Ballon aufbläst und ihn nach oben steigen lässt, schaust Du diesem Ballon nach, der langsam aber stetig, mehr und mehr nach oben steigt, in den Himmel, Richtung Wolken fliegt und dabei immer kleiner wird. Spür einmal nach, wie herrlich es sich anfühlt, hier unten zu stehen, angenehm leicht an diesem wunderschönen Ort in der Natur und diese Freiheit zu atmen, während all der Ballast in diesem Ballon hinfort fliegt. Und dabei wird der Ballon immer kleiner und fliegt dabei über die Wolkendecke hinaus... erreicht sogar die Stratosphäre und wird immer kleiner, nur noch ein Pünktchen, das schließlich die Erdumlaufbahn verlässt und weiter hinausfliegt, Richtung Weltall... an Asteroiden vorbei, hinein in die unendlichen Weiten des Kosmos und verschwindet schließlich in dieser Leere... von den Weiten des Universums vertrauensvoll aufgenommen. Und wie fühlt es sich an, dabei glücklich und befreit, sich leicht wie eine Feder zu fühlen? In Kontakt mit Deinem ganz natürlichen, mächtigen Wesen, frei und unendlich leicht? Wie herrlich ist es sich zu Durch die Welt zu bewegen, wenn alles so gelöst ist, wie es immer schon vorgesehen war... Rückholung Nach dieser Anleitung, wenn der Klient die Augen wieder geöffnet hat, kann der Auftrag für ihn lauten, in jeder Situation, in der Stress und Herausforderungen zu groß werden, vor dem inneren Auge den Ballon landen zu lassen und für diesen Moment alles abzugeben und dem Himmel zu übergeben. Es ist für viele Klienten sehr angenehm und erleichternd, diesen Ballon immer wieder und so oft fliegen zu lassen, wie sie ihn brauchen. Natürlich sollten die Klienten nach so einer Trancereise wieder gut ins Hier und jetzt zurückgeholt werden, um den Geist wieder munterer zu machen und die Gehirnfrequenzen wieder anzuheben. Dies gelingt durch folgende, einfache Anleitung: Rückholung Ich werde nun von 1 auf 3 zählen und mit jeder Zahl, die ich sage, darf der Geist wieder munterer, wach und klar werden und an die angenehme Oberfläche der Dinge zurückkehren. So kannst Du bei 3 Deine Augen wieder öffnen und Dich herrlich entspannt und erholt fühlen. 1, atme einmal tief ein und komm mehr und mehr zurück. 2, beginne Deine Füße und Hände zu bewegen und strecke Dich. Und 3, Augen wieder auf, voll zurück im Hier und Jetzt und wach und frisch im Geiste, wie nach einem guten und ausreichen Schlaf! ​ 6.3 Kugel der Sicherheit ​Diese Technik ist sehr gut geeignet für Menschen, die sich oft durch Anforderung der Außenwelt stark überfordert oder überwältigt fühlen, oder einfach hohem Druck von außen ausgesetzt sind. Vielen hilft sie auch, mit der Lautstärke in einem Großraumbüro besser zu Rande zu kommen. Nach kurzer Tranceinduktion lasse ich auch hier die Klienten in der Vorstellung zunächst an einen angenehmen Ort der Entspannung reisen. Stell Dir nun vor, wie Du in diesem herrlichen Gefühl der Ruhe und der Geborgenheit von einer wunderbaren Kugel der Sicherheit umgeben bist... einer Glaskugel oder auch einem Kreis... welche Vorstellung auch immer stimmiger für Dich ist. Diese schützende Kugel können wir auch einfach Body Bubble nennen. Nimm sie mit all Deinen Sinnen wahr und schau, wie sie aussieht. Hat sie eine bestimmte Farbe oder ist sie durchsichtig? Es ist eine Kugel, die Dich vollkommen umgibt, wie eine Schutzmacht und innerhalb der Dir nichts passieren kann. Diese Kugel kann größer und größer und werden, die Wand dicker oder auch dünner, wie immer Du sie gerade haben möchtest. Du selbst entscheidest dabei, wen Du in diese Kugel hineinlässt. Je nach Situation kann sie Dich im richtigen Ausmaß umgeben und Dich schützen. Spüre die Sicherheit, die Du in dieser Body Bubble verspürst. Und wie würde es sich anfühlen, wenn Du darin, mit breiten Schultern und einem tiefen Gefühl der Selbstsicherheit durch die Straßen gehst, oder am Arbeitsplatz verweilst? Oder zu Hause. Lass diese Vorstellung mit all Deinen Sinnen auf Dich wirken. Geräusche können sich darin angenehm dämpfen. Nichts und niemand kann Dir in dieser Kugel etwas anhaben. Manchmal machen andere Menschen Bemerkungen, die auf uns zufliegen wie Pfeile, die das Potential haben uns zu treffen und zu verletzten. Aber an dieser Kugel prallt alles ab. So wie Pfeile sich in einem Sicherheitsnetz verfangen, ihren Flug verlangsamen, schließlich abfallen oder wie an einer Glaskugel abprallen. Jedes Mal, wenn Du im Alltag dieses Gefühl der Sicherheit und der, Dich umgebenden Ruhe brauchst, kannst Du diese Kugel rund um Dich aufbauen, in dem Du einen Zeigefinger und Daumen Deiner Hand aneinander führst und diesen Druck zwischen den Fingern spürst. (Der Klient soll das an dieser Stelle tun) Damit verankerst Du dieses Gefühl und kannst es jederzeit im Alltag wieder abrufen, wenn Du es brauchst. (Dies ist eine gängige Verankerungstechnik) Rückholung ​ 6.4 Brunnen der Entscheidung ​Diese Technik kann helfen, Entscheidungen zu treffen. Gerade wenn wir vor einer Entscheidung stehen und die Ratio uns 5 Argumente, in die eine und 5 Argumente in die Gegenrichtung liefert, kann es hilfreich sein, seine Intuition, sein Herz oder sein Bauchgefühl zu befragen. Wie auch immer man diese Informationsquelle bezeichnen möchte, wir können eine Antwort so aus dem Unterbewusstsein erhalten: Stell Dir jetzt noch einmal die Frage, die Du gerne für Dich klären möchtest. Du kannst Dein Inneres dazu befragen, die Weisheit Deines Unterbewusstseins. Jener mächtige Anteil in Dir, der ganz genau weiß, was gut für Dich ist und Deinem inneren Plan entspricht. Stell Dir einmal vor wie es wäre, wenn Du Deine Frage in Deiner Hand hieltest, wie einen kleinen Kieselstein. Und Du stehst dabei vor einem Brunnen mit einem magisch leuchtenden Wasser, der tiefen Weisheit Deines Unterbewusstseins. Dann wirf jetzt diesen Stein in diesen Brunn und schau zu, wie diese Frage im Wasser abtaucht. Wie sie tiefer und tiefer sinkt, während dieser Stein sich langsam dreht und Richtung Grund dieses Brunnens sinkt. Und je tiefer der Stein sinkt, so entspannter und ruhiger wird der Geist. Wird still und wachsam für die Antwort, die dort in der Tiefe Deines Herzens bereit liegt. Lass den Stein einfach seinen Weg fortsetzen, wie die Schwebstoffe eines Sees, die sich in der Ruhe nach einem Sturm Richtung Grund absetzen. Vielleicht hast Du die Antwort schon erhalten. Vielleicht taucht sie zu einem späteren Zeitpunkt auf und ist auf einmal da, wie durch Magie. In einem Traum oder taucht von selbst, mitten während des Tages auf. Wie auch immer es ist, die Antwort zeigt sich in vollkommener Ruhe und Gelassenheit. Und es ist dabei Zeit, langsam wieder zurückzukommen... Rückholung ​ 6.5 Gefühle übertragen ​Wenn ein Klient eine bestimmte Situation als sehr belastend erlebt, dann kann es hilfreich sein in Trance zurückzureisen in einen Moment, den er als außergewöhnlich positiv erlebt hat und dieses Körpergefühl dann zu übertragen in die belastende Situation. Somit macht er im Geiste eine neue Erfahrung und es kommt zu einer Neubewertung. Geh nun an einen Ort und in eine Situation, wo Du Dich vollkommen selbstsicher und stark gefühlt hast. Vielleicht ein Moment, in dem Du etwas geschafft hast, worauf Du unglaublich stolz warst. Und nimm diesen Moment nun ganz intensiv wahr. Was siehst Du dort, was hörst Du, oder möglicherweise riechst Du dort? Welche Temperatur hat es an diesem Ort? Geh nun ganz an diesen Ort und fühle die Stärke und Selbstsicherheit, die Du dort erlebst... eine gefestigte Vollkommenheit... reif und dynamisch... überzeugt und entspannt und ein Gefühl der Lebensfreude in Deiner Brust. Lass dieses Gefühl sich auf den gesamten Körper ausdehnen. Und stell Dir nun vor, wie es wäre, wenn an diesem Ort eine Zeitmaschine auftaucht... lasse Sie dort landen. Und Du steigst in diese Zeitmaschine ein, als dieser selbstsichere Mensch an diesem Ort. Und Du fliegst nun mit diesem überwältigenden Gefühl der Kraft und Selbstsicherheit in eine Situation oder in einen Moment in Deinem Leben, an dem Du Dich nicht gut gefühlt hast oder der Dir Unbehagen bereitet... Du Dich unsicher fühlst... und Du landest nun an diesem Ort, in jener Situation und Du schaust Deinem vergangen Ich (oder auch Deinem zukünftigen Ich, wenn ein zukünftiges Erlebnis Sorgen oder Unbehagen bereitet, wie eine bevorstehende Prüfung, Vortrag etc.) aus der Zeitmaschine aus zu, mit Deinem wunderbaren Gefühl der Selbstsicherheit, des Vertrauens... Und Du siehst Deinem Ich in dieser Situation zu und tauchst dort mit Deiner ganzen Stärke und Kraft auf. Stellst Dich neben Dein Ich, wie ein schützender Vater oder eine schützende Mutter... Du erscheinst als diese selbstsichere Person an diesem Ort. Vielleicht sind dort auch andere Menschen oder nur eine ganz bestimme Person... Und wie reagieren diese auf Deine ruhige Präsenz? ... wie fühlt sich nun Dein Ich, wo es Unterstützung durch Dich erfährt? Wie verändert sich die Situation? Und Du stehst neben Deinem Ich oder dahinter und bist ganz da... Es besteht eine tiefe Verbindung zwischen Euch, mit der Ihr immer miteinander verbunden bleibt, auch wenn Du diesen Ort wieder verlässt... und Du steigst nun wieder zurück in die Zeitmaschine fliegst zurück an jenen Ort, in jene Situation, aus der Du gekommen bist, wo Du Dich so stark und selbstsicher gefühlt hast und Du landest wieder an diesem Ort... fühlst die Präsenz und Lebensfreude, die Selbstsicherheit und das tiefe Gefühl von Vertrauen... dies ist Dein wahres Selbst, Deine wahre innere Natur. Und geh jetzt noch einmal in diese Situation und dieses Gefühl ganz hinein! Nimm es ganz intensiv wahr und nimm es ganz mit zurück in diesen Raum und diese Zeit, bevor Du dann Deine Augen wieder öffnest... Rückholung ​ 6.6 Glaubenssätze verändern ​Wenn im Zuge der Coachingarbeit offensichtlich wird, dass ein bestimmter Glaubenssatz tief im Klienten eingebrannt ist und es notwendig erscheint, diesen zu verändern, dann kann folgende Technik sehr gut helfen: Formulieren Sie diesen Glaubenssatz in einem kurzen und für den Klienten als zutreffend empfunden Satz wie etwa: „Am Ende erreiche ich mein Ziel doch nie“. Dann formulieren Sie mit ihm einen neuen Satz, der in ihm eine spürbare positive Emotion auslöst wie zum Beispiel: „Alles, was ich mir vornehme, schaffe ich!“ Dann wenden Sie folgendes Bild an: Stell Dir einmal vor, wie es wäre, wenn Du Dich in einem Raum befinden würdest, in dem sich eine sehr große Tafel befindet. Eine Tafel, wie man sie aus Schulzeiten kennt, in einem Raum mit vielen Sesseln und Tischen. Vielleicht hat dieser Raum sogar einen vertrauten Geruch. Und dort vorne an der Wand befindet sich eine Tafel mit einer grünen oder blauen Schreibfläche. Am unteren Rand liegt auf einer Ablagefläche eine große weiße Kreide. Geh jetzt mal dort hinüber zu dieser Tafel und nimm die Kreide in die Hand. Stell Dir vor, wie sie sich in Deinen Händen anfühlt und sich vielleicht Deine Finger etwas weiß färben. Schreibe jetzt Deinen alten Glaubenssatz „Am Ende erreiche ich mein Ziel doch nie“ in großen Buchstaben auf diese Tafel. Nimm das Geräusch wahr, während Du die Kreide mit einem Druck über die Schreibfläche bewegst, vielleicht blättert etwas Farbe ab. Schreibe jeden einzelnen Buchstaben ganz bewusst und lass es mich wissen, wenn dieser Satz groß und leserlich auf der Tafel steht. (Klient gibt dann ein Zeichen) Dann geh ein paar Schritte zurück und lies diesen Satz noch einmal ganz bewusst. Spür, welche Emotionen er in Dir auslöst. Vielleicht tauchen Bilder auf von Situationen in Deinem Leben, die dieser Satz stark geprägt hat. Schau Dir an, was dieser Satz in Deinem Leben bewirkt hat. Und jetzt nimm den Schwamm, der sich ebenfalls auf der Ablagefläche am Unterrand der Tafel befindet und saug ihn so richtig mit Wasser voll. Nimm wahr, wie Wasser von ihm über Deine Finger rinnt und vielleicht auch auf den Boden. Und jetzt lösche diesen Satz vollständig von der Tafel, sodass diese nass und feucht und vollkommen leer gewischt ist. Und wenn sich die Tafel wieder etwas getrocknet hat, dann nimm noch einmal die Kreide und schreib jetzt ganz bewusst und ganz langsam, Buchstaben für Buchstaben den neuen Glaubenssatz auf, der von nun an Dein Leben prägt. Spür die Kraft dieses Satzes in jedem einzelnen Buchstaben. Schreibe auf die Tafel „Alles, was ich mir vornehme, schaffe ich!“ Und dann geh wieder ein paar Meter zurück und spüre, welch kraftvolle Emotion dieser Satz in Dir auslöst. Wie er Dein Leben verändert, wenn Du auf die Siegerstraße einbiegst. Wie stark und breit sich Deine Schultern anfühlen und der Stolz in Deiner Brust. Welch wunderbare Erfahrungen Du dann in Deinem Leben machst. Und genieße, dass Du diesen Satz nun in Deinem Unterbewusstsein verankert hast... Rückholung ​ 7. Die Arbeit mit dem Wachbewusstsein Auch wenn der Arbeit mit dem Unterbewusstsein eine essenzielle Rolle zukommt, gibt es auch sehr effektive Methoden, Stress zu reduzieren und negative Programmierungen des Unterbewusstseins nachhaltig zu verändern, ohne dabei in Trance zu gehen. Dem Mind-Model folgend spielt hier das Training der bewussten Aufmerksamkeit eine entscheidende Rolle. Da es beim Erleben von negativem Stress, vor allem die kognitive Verarbeitung, das heißt die gedanklich-emotionale Bewertung einer Situation ist, die darüber entscheidet, ob die Stressreaktion im Körper in Gang gesetzt wird oder nicht, liegt hier ein hohes Potential für uns und unsere Klienten. Natürlich wird es im Einzelfall auch darum gehen, externe Stressoren zu minimieren oder äußere Arbeitsbedingungen zu optimieren. Sehr oft jedoch lässt sich die Situation im Außen nicht oder nicht ausreichend verändern und es bleibt uns nur die Möglichkeit, den „internen“ Umgang damit zu modulieren. Das Wachbewusstsein ermöglicht uns über die gezielte Lenkung der Aufmerksamkeit die „Innenschau“, also die Selbstreflexion darüber, was auf mentaler Ebene in uns vorgeht. Das bewusste Wahrnehmen unserer geistigen Inhalte ist der zentrale Schlüssel, um im Alltag auf konstruktive Art und Weise mit uns, aber auch mit unserer Umwelt umzugehen und eine wertschätzende und wohlwollende Kommunikation mit unseren Mitmenschen zu pflegen. ​ ​7.1 Destruktive Muster - die 4 Ebenen des „Selbst“ ​Vieles, was wir denken und fühlen, läuft als unterbewusstes Programm ab. Die stressauslösenden Gedanken- oder Emotionsschleifen bezeichne ich der Einfachheit halber als destruktive Muster. So ein Muster kann sich im Arbeitskontext als wiederkehrende Unsicherheit im Rahmen von Kundengesprächen oder Präsentationen zeigen oder als stark emotionales Reagieren auf einen bestimmten Arbeitskollegen. So ein Muster kann aber auch der Stress auslösende Anspruch sein, alles immer perfekt machen zu müssen, mangelndes Selbstvertrauen oder wiederkehrende Stresssymptome beim Arbeiten unter Zeitdruck. Wie thematisch unterschiedlich gelagert die störenden Muster auch sein mögen, sie haben eines gemeinsam: Sie sind abgespeichert in den neuronalen Netzwerken unseres Gehirns. Wenn wir als Trainer oder Coaches unseren Klienten helfen möchten, solch ein Muster zu verändern, müssen wir dieses als ersten Schritt ins Bewusstsein des Klienten heben. Dafür kann man den Klienten beschreiben lassen, was in einer, für ihn typisch belastenden Situationen konkret vor sich geht. Und zwar auf den 4 Ebenen des „Selbst“. Diese Ebenen sind: 1) Die Gedanken 2) Die Emotionen 3) Die Körperreaktionen 4) Das Verhalten Fragen Sie Ihren Klienten zunächst, welche Gedanken ihm in seiner stressauslösenden Situation typischerweise durch den Kopf gehen und lassen Sie ihn diese aufschreiben. Dann gehen Sie der Frage nach, welche Emotionen er dabei empfindet. Schließlich, welche körperlichen Veränderungen oder Körperempfindungen er dabei wahrnehmen kann und wie er letztlich tendiert, sich in dieser Situation zu verhalten. Durch dieses Reflektieren der eigenen vier Ebenen und das bewusste Niederschreiben, heben die Klienten ihr Problem oder ihr Muster an die Oberfläche ihres Bewusstseins und sie werden wachsamer und sensibler dafür. 7.2 Die Atmung - „Helfer in der Not“ ​Der Auftrag an den Klienten besteht nun darin, im Alltag aufmerksam für das Auftreten dieses Musters auf einer dieser vier Ebenen zu sein und dessen Beginn ganz bewusst wahrzunehmen. Es geht darum, in dem Moment präsent zu sein, in dem sich Negativität auszubreiten beginnt. Es genügt zunächst, den Entstehungsmoment dieses Musters bewusst wahrzunehmen und die eigenen Gedanken und Gefühle dabei wertfrei zu beobachten und sie anzunehmen wie sie gerade sind, ohne in einer besonderen Art und Weise darauf zu reagieren oder sie verändern zu wollen. Das reine Wahrnehmen und Annehmen der eigenen Gefühlslage ist also der erste entscheidende Schritt. Im nächsten Schritt kann man beginnen, das Muster zu verändern. Die eben begonnene Gedanken- oder Emotionsschleife lässt sich nun effektiv unterbrechen, indem man die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Atmung richtet und beginnt, etwas tiefer und gleichmäßiger zu atmen, als man es normalerweise tut. Raten Sie Ihrem Klienten dabei, sich auf so viele Einzelheiten der Atmung wie möglich zu konzentrieren: Das Heben und Senken der Bauchdecke, den feinen Temperaturunterschied der Ein- und Ausatemluft im Bereich der Nasenlöcher und leiten Sie ihn an, über den gesamten Verlauf der Atmung den gleichen Atemfluss aufrecht zu erhalten. Wenn man diese Atmung für etwa 30 bis 60 Sekunden konsequent durchführt, geschehen zwei wesentliche Dinge: Erstens schaltet der Körper bei dieser verlangsamten und regelmäßigen Atmung auf den Parasympathikus um und aktiviert somit jenen Teil des autonomen Nervensystems, den man als das Bremspedal bezeichnen kann. Während in Stresssituationen der Sympathikus - das Gaspedal des autonomen Nervensystems – gedrückt wird und der Stress- und Cortisol Level im Körper ansteigt, senkt der Parasympathikus als Bremse das Stressniveau ab und die Stressreaktion wird im Körper unterbrochen. Dies kann man eindeutig durch Messung der Herzratenvariabilität nachweisen, was von ausgebildeten Trainern auch im Firmencoaching Anwendung findet. Die Herzratenvariabilitätsmessung ist eine spezielle Methode der Pulsdiagnostik, die Auskunft über die Funktionsweise des autonomen Nervensystems gibt und das Stressniveau im Körper anzeigen kann. Der Einsatz einfach anwendbarer Biofeedbackgeräte kann im Coachingbereich die Vermittlung solcher Atemtechniken unterstützen, da der Stresspegel des Klienten optisch am Computer dargestellt werden kann. Trainer, die mit Messungen der Herzratenvariabilität arbeiten, können durch diese visuelle Feedback-Information, dem Klienten damit effektiver lernen, seine Atmung zur Stressreduktion einzusetzen. Der zweite Effekt, den man durch fokussierte Atmung erreicht, zeigt sich dabei auf mentaler Ebene. Wenn die gesamte Aufmerksamkeit auf die Atmung fokussiert ist, wird den problembehafteten Gedankenschleifen die Energie der Aufmerksamkeit entzogen. Es fließt durch diese Netzwerke dann kein elektrischer Strom mehr und die, dem Stress zugrunde liegenden Gedanken und Emotionen beginnen abzuflauen und schließlich zu versanden. Die bewusste Lenkung und Fokussierung der Aufmerksamkeit, ist also ein Schlüsselelement im Umgang mit negativen Gedanken und Emotionen und bietet eine sehr effektive Möglichkeit, selbstwirksam zu sein. ​ 7.3 Positiv-Fühlen versus Positiv-Denken ​Durch konzentrierte und fokussierte Atmung können Stressreaktionen in der Regel effektiv und schnell unterbrochen werden und es stellt sich ein emotional neutraler Zustand ein. Die Klienten merken, dass sie ruhiger werden und Negativität verschwindet. Man kann diesen Moment nun erfolgreich nutzen, um eine positive Gedanken- und Emotionsspirale im Körper-Geist-System zu etablieren. Wenn man die Imaginationsfähigkeit des Gehirns nutzt, um ein emotional positiv besetztes, inneres Bild in sich hervorzurufen, das eine fühlbar positive Emotion auslöst, kann man den stressreduzierenden und regenerativen Effekt der Atmung sogar noch verstärken. Bei Messungen der Herzratenvariabilität zeigt sich dabei eindeutig, dass die Aktivität des Parasympathikus, also des bremsenden Teils des Autonomen Nervensystems noch einmal zunimmt. Man bedient sich also einem inneren Bild als „positiven Anker“, um bewusst eine positive Emotion zu erzeugen. Die Arbeit über ein inneres Bild ist, den Gesetzmäßigkeiten des Unterbewusstseins geschuldet, dabei viel effektiver als das oft propagierte „Positiv-Denken“, das kaum bei einem Klienten wirklich funktioniert. Bleibt man also auf die Atmung fokussiert, während man gleichzeitig einen positiven inneren Anker hervorruft, stellt sich nach kurzer Zeit eine positive Emotion ein, die positivere Gedanken und Bewertungen zur Folge hat, wodurch der Stresspegel im Körper nachweislich sinkt. Fragen Sie Ihren Klienten, welches innere Bild in ihm ein Gefühl von Freude oder Herzenswärme auslöst und lassen Sie ihn auch dieses Bild aufschreiben. Für viele Menschen ist das zum Beispiel das eigene Haustier, ein bekannter und schöner Ort in der Natur, der Ruhe und Frieden vermittelt oder ein kleines Kind aus dem näheren Umfeld, zu dem man eine besondere Herzensbindung hat. Es soll dabei ein rein positiv besetztes Bild sein, das bei bewusster Erinnerung daran, eine spürbar positive Emotion erzeugt. ​ 7.4 Die „Herzebene“ in der Kommunikation ​Gerade das Hervorrufen und wiederholte Trainieren von Mitgefühl hat dabei einen besonderen Effekt auf die Wahrnehmung unserer Umwelt und somit auch unserer Mitmenschen. Mitgefühl verändert die Bewertung des Gegenübers in die positive Richtung und erleichtert eine wertschätzende Grundhaltung in der Kommunikation. 25% der Berufstätigen geben an, durch konfliktbehaftete Kommunikation mit ihren Mitmenschen regelmäßig Stress zu erleben. Ein regelmäßiges Training von Mitgefühl hat sich in diesem Zusammenhang als besonders wirkungsvoll gezeigt. Im Rahmen von Mitgefühlstrainings wird im Wesentlichen darauf geachtet, in Interaktion mit dem Gegenüber die Grundhaltung einzunehmen, dass jeder Mensch in der Tiefe seines Herzens einfach glücklich sein und Leid von sich fernhalten möchte. Allein die Vergegenwärtigung dieser Tatsache kann uns helfen, unseren nervenden Arbeitskollegen nicht mehr als den lästigen Nerd vom Nebentisch zu betrachten, sondern in ihm vielleicht sogar einen liebenden Familienvater zu sehen. Das Einüben einer mitfühlenden Haltung vermag Stress in der Kommunikation deutlich zu reduzieren und ein positives Miteinander zu fördern. Bestimmt kennen Sie einen Menschen, der es schafft, Sie regelmäßig auf die Palme zu bringen oder zumindest ein klein wenig zu enervieren. Kommt es mit einem bestimmten Menschen regelmäßig in der Kommunikation zu Konflikten, dann kann folgende Übung sehr hilfreich sein: Nehmen Sie sich die Zeit, sich diese Person einmal deutlich vor Ihrem inneren Auge zu vergegenwärtigen. Wie sie aussieht, wie sie spricht, wie sie sich verhält. Dann schreiben Sie auf ein Blatt Papier 5 Eigenschaften auf, die Sie an Ihrem Gegenüber schätzen. Bei so manchem Gegenüber muss man durchaus erfinderisch sein, aber es sollte gelingen, zumindest eine Handvoll Eigenschaften zu finden, die man an dem anderen wertschätzen kann. Vergegenwärtigen Sie sich diese Aspekte nun ganz bewusst und schauen Sie dann erneut auf diese Person. Es ist oft erstaunlich, wie schnell sich die eigene Haltung gegenüber einem Menschen ändern kann, wenn wir beginnen unsere Aufmerksamkeit zielgerichtet auf die positiven Aspekte des Gegenübers zu lenken! ​ 8. Der Filter der Wahrnehmung Die Art und Weise wie wir denken und fühlen beeinflusst nachweislich die Wahrnehmung unserer Welt und somit unserer Mitmenschen. Der Neurowissenschaftler und Meditationsforscher Richard Davidson fasst es folgendermaßen zusammen: Emotionen und andere mentale Prozesse sind in unserem Gehirn nicht klar voneinander zu trennen und greifen permanent in einander. Praktisch alles was wir tun, ist von Gefühl durchdrungen und Emotionen beeinflussen all unsere kognitiven Leistungen bis hin zum visuellen und auditiven Kortex. Das ist auch der Grund warum sich unsere Wahrnehmung unter dem Einfluss von Gedanken und Emotionen verändert. Trainieren wir gezielt und wiederholt unsere Mitmenschen mit Mitgefühl und Wohlwollen zu betrachten, dann ändert sich auch die Wahrnehmung unseres Gegenübers in eine positive Richtung, was die Kommunikation erleichtert und Konflikten entgegenwirkt. Der Umstand, dass auch Vorstellungen und Visualisierungen die Wahrnehmung der Realität verändern, wird durch Untersuchungen von Kosslyn et al. gestützt. Im Rahmen einer eindrucksvollen Studie wurden hochsuggestible Probanden in Hypnose gebeten, sich ein graues Muster farbig vorzustellen, beziehungsweise farbige Muster „grau werden zu lassen“. Als die Probanden bei der Betrachtung des grauen Musters den Suggestionen folgten, dass sich das Muster nun zu färben beginnt, berichteten sie tatsächlich über das subjektive Wahrnehmen von Farben. Ebenso schilderten sie, dass sich beim Betrachten von bunten Mustern die Farben in dem Moment abblassten, wo das Grauwerden des Musters suggeriert wurde. (Abbildung 3 & 4) Die, auf die Suggestionen folgenden, subjektiv wahrgenommenen Farbsehveränderungen, spiegelten sich dabei auch in veränderten Aktivitätsmustern der visuellen Cortex Areale wider. Die, für das Farbsehen zuständige fusiforme Region des visuellen Cortex wurde durch die Vorstellung, die Farbmuster grau zu sehen, ausgeschalten, während sie bei Betrachten eines grauen Musters und der Vorstellung, dieses farbig werden zu lassen, aktiv wurde. Es ist daher keine bloße Einbildung, wenn die Versuchspersonen subjektiv berichteten, dass ihnen in der Trance ein grauer Stimulus farbig oder die Brillanz der Farben eines farbigen Musters intensiver erschienen sind als im Wachzustand. Mit anderen Worten, mittels Vorstellungskraft ist es möglich, den normalen Ablauf der Wahrnehmungsverarbeitung zu beeinflussen. Hat also die Art und Weise, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten einen Einfluss darüber, wie wir die Welt wahrnehmen? Die Antwort ist eindeutig „Ja“! Wir können lernen, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und auch trainieren, uns gezielt in positive Gefühlszustände zu versetzen. So wie verliebte Menschen die ganze Welt umarmen könnten, weil sie ihnen so liebenswürdig vorkommt, so färbt sich die Wahrnehmung der Welt eines depressiven Menschen in ein unfreundliches Grau, in welchem auch die Mitmenschen oft feindselig erscheinen. Mit Hilfe der oben beschriebenen Atemtechnik gelingt es sehr effektiv negative Gedanken und Gefühle zu unterbrechen und durch Einsatz eines positiven Ankers schöne Gefühle und konstruktive Gedanken zu fördern. Meditative Techniken, die die Entwicklung selbstreflektierender Fähigkeiten zum Ziel haben, sowie der bewusste Einsatz fokussierter Atmung und positiver Emotionen gehören also zum Werkzeugkasten der bewussten Ebenen. Wenn durch wiederholte und bewusste Unterbrechung eines unerwünschten Musters durch die fokussierte Atemtechnik oder durch Beobachtung mittels nicht wertendem Gewahrsein über einen längeren Zeitraum keine merkbare Veränderung des Problems unserer Klienten eintritt, handelt es sich zumeist um eine, im Unterbewusstsein fest verankerte Programmierung, die eine direkte Arbeit mit dem Unterbewusstsein notwendig macht. Ohne dabei im klassisch-therapeutischen Sinne tätig zu werden, stehen uns hier als Trainer einige Möglichkeiten zur Verfügung, mit dem Unterbewusstsein zu arbeiten, die sich vor allem der oben beschriebenen Verwendung von Visualisierungen und dem Einsatz von mentalen „Bildern“ bedienen. Zusammenfassend möchte ich meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass dauerhafte und nachhaltige Erfolge im Coaching wohl nur dann gelingen, wenn wir unsere Klienten dabei unterstützen, ihr Maß an Selbstreflexion zu erhöhen und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie die Programmierungen ihres Unterbewusstseins erreichen können. Ohne bei unserem Gegenüber eine persönliche Bewusstseinserweiterung auf der einen, sowie eine nachhaltige Veränderung in den Tiefen der unterbewussten Vorgänge auf der anderen Seite in Gang zu setzen, werden jegliche Coachingeffekte auf Dauer mangelhaft bleiben. Wenn wir unseren Klienten aber das Zepter selbst in die Hand geben und sie mit der Fähigkeit ausstatten, die Lösungen ihrer Probleme und Anliegen in sich selbst zu finden, dann sind wir dem Ziel, ihr Potential zu entfalten, ein großes Stück nähergekommen.

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