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81 Ergebnisse gefunden für „“

  • APP

    Unsere APP mit vielen Leistungen direkt auf deinem Smartphone. Mit unserer App hast du viele unserer Leistungen auf deinem Smartphone stets griffbereit. So kannst du dir zum Beispiel von deinem Smartphone aus Videos aus der Mediathek oder Aufzeichnungen von Online-Veranstaltungen anschauen. Oder du kannst dich zu unseren Events anmelden. Das und vieles mehr kannst du mit unserer APP nutzen. Und so bekommst du die App auf dein Smartphone. Schau dir bitte unten die Beschreibung an. Dort erfährst du Schritt für Schritt, wie du die APP auf deinem iphone oder auf deinem Android-Smartphone installieren kannst. Mache es am besten jetzt gleich, damit du ab sofort mobil alles verfügbar hast. Und so bekommst du die APP auf dein Smartphone: Um unsere APP auf deinem Smartphone zu installieren gehe bitte wie folgt vor: Öffne unsere Adresse www.afnb-app.com Gebe als Benutzernamen (Login) deine bei uns gespeicherte Emailadresse ein. Als Passwort benutze bitte "123456" Nach deinem ersten Login ändere bitte dein Passwort für die APP, indem du in der APP "Mein Profil" wählst und auf den schwarzen Kreis mit dem Zahnrad klickst. Sollte dir dein Smartphone die Funktion "Auf dem Homescreen speichern" nicht automatisch anbieten, findest du hier eine kleine Hilfestellung zur Installation auf Android-Geräten und IOS-Geräten.

  • Conference & Dinner

    Hierzu gibt es in Kürze aktuelle Informationen. Diese Leistung wird derzeit neu gestaltet. In wenigen Tagen werden wir dich jedoch ausführlich informieren. Und so kannst du an den "Conference & Dinner" Präsenzveranstaltungen teilnehmen: Hierzu in wenigen Tagen mehr.

  • Brain Expansion Evening

    Erweitere dein Gehirn mit spannenden und interessanten Erkenntnissen aus der Gehirnforschung. Unser Brain Expansion Evening ist ein Online-Format, bei dem wir dir ein spannendes neurowissenschaftliches Thema mit einem renommierten Wissenschaftler präsentieren. Das besondere daran ist, dass das Online-Meeting aus einer bunten Mischung aus Präsentation, Diskussionsrunden und interaktiven Quizfragen besteht. Ein bis zwei Tage nach dem Event, stellen wir dir eine Aufzeichnung des Brain Expansion Evening zur Verfügung. Diese Aufzeichnung kannst du nutzen, um die Lerninhalte daraus noch einmal zu wiederholen und zu vertiefen. Du kannst die Aufzeichnung aber auch nutzen, um zum Beispiel Ausschnitte daraus in deine Trainings, Seminare oder Workshops zu integrieren. Und so kannst du an den "Brain Expansion Evenings" teilnehmen un nutzen: Logge dich im Mitgliederbereich auf https://www.afnb-mitglieder.com/ ein und klicke auf den Menüpunkt "Events" Dort findest du alle Veranstaltungen zu denen du dich anmelden kannst. Sobald die Aufzeichnung fertiggestellt ist, informieren wir dich per Email und sie steht dir im Mitgliederbereich unter dem Menüpunkt "Aufzeichnungen" und auch in der APP zur Verfügung.

  • Livestream Day of Science

    Ein absolutes Highlight mit internationalen Wissenschaftlern. Ein absolutes Highlight, das du nicht verpassen darfst, sind unsere Livestream Days of Science. Bei diesem Online-Format, präsentieren wir dir international renommierte Wissenschaftler, mit aktuellen Forschungserkenntnissen, zu einem spannenden und interessanten Thema. Hierzu setzten wir Simultandolmetscher ein, so dass du selbst entscheiden kannst, ob du an diesem Event in deutscher Sprache oder in der Originalsprache teilnehmen möchtest. Ein bis zwei Tage nach dem Event, stellen wir dir eine Aufzeichnung des Livestream Days zur Verfügung. Diese Aufzeichnung kannst du nutzen, um die Lerninhalte daraus noch einmal zu wiederholen und zu vertiefen. Du kannst die Aufzeichnung aber auch nutzen, um zum Beispiel Ausschnitte daraus in deine Trainings, Seminare oder Workshops zu integrieren. Und so kannst du an den "Livestream Days of Science" teilnehmen: Logge dich im Mitgliederbereich auf https://www.afnb-mitglieder.com/ ein und klicke auf den Menüpunkt "Events" Dort findest du alle Veranstaltungen zu denen du dich anmelden kannst. Sobald die Aufzeichnung fertiggestellt ist, informieren wir dich per Email und sie steht dir im Mitgliederbereich unter dem Menüpunkt "Aufzeichnungen" und auch in der APP zur Verfügung.

  • Expertensuche

    Präsentiere dich werbewirksam mit deinem Profil auf unserer Website. Mit unserer Expertensuche bieten wir dir die Möglichkeit, dein Profil werbewirksam auf unserer Website neurobildung.com zu präsentieren. Mit der Website neurobildung.com sprechen wir Personen aus Unternehmen, Organisationen oder Bildungseinrichtungen an, die sich für die Erkenntnisse der Gehirnforschung interessieren. Diese Personen erhalten hier unter anderem wichtige Informationen darüber, warum die modernen Erkenntnisse der Gehirnforschung im Bereich der Aus und Weiterbildung und bei der Persönlichkeitsentwicklung von großer Bedeutung sind. Das Ziel hierbei ist, den Website-Besuchern Handlungsbedarf aufzuzeigen und das Interesse an einem Trainer, Berater oder Coach mit neurowissenschaftlich fundierten Konzepten zu wecken. Erwarte aber bitte nicht, das dadurch jetzt automatisch regelmäßig viele Anfragen bei dir eingehen. Das kann sein, ist aber eher die Ausnahme. Betrachte dein Profil daher in erster Linie als Möglichkeit für deine Aktive Werbung. Zeige zum Beispiel deinen Kunden und Interessenten, dass du in der Expertensuche gelistet bist und von namhaften Unternehmen, wie der AFNB oder der AON empfohlen wirst. Oder kopiere den Link zu deinem Profil und füge ihn zum Beispiel auf deiner eigenen Website, deinem Newsletter, deiner Emailsignatur oder auf deinen Social-Media-Accounts ein, um auf dich aufmerksam zu machen. Sende uns einfach deine Wunschangaben in unserem Onlineformular, das wir dir im Mitgliederbereich unter dem Menüpunkt "Tools & Service" bereitgestellt haben. Hier kannst du uns neben deinen persönlichen und beruflichen Angaben sogar Videos oder Bilder schicken, die wir in deinem Profil zeigen. Wir prüfen dann deine Angaben und veröffentlichen kurzfristig dein Profil auf Neuromedia dot com. Und so erhältst du deine persönliche Profilseite: Logge dich im Mitgliederbereich auf https://www.afnb-mitglieder.com/ ein. Wähle den Menüpunkt "Tools & Service" und dann den Unterpunkt "Expertensuche". Hier findest du ein Eingabeformular, in dem du uns alle deine Wunschangaben mitteilen kannst. Sende uns deine Daten über dieses Formular und wir erstellen kurzfristig dein persönliches Profil.

  • eBook "Future Learning"

    Gehirnforschung und die Revolution des Lernens und Lehrens in Trainings, Seminaren und im Coaching. Future Learning ist ein einzigartiges eBook, dass das Thema Gehirnforschung und die Revolution des Lernens und Lehrens in Trainings, Seminaren und im Coaching, spannend und leicht verständlich behandelt. Es ist ein Guide, ein Navigator und ein Wegweiser für alle Trainer, Berater und Coaches, die erkannt haben, wie wichtig neurowissenschaftlich fundierte und innovative Lern- und Lehrformate sind, um sich zukünftig im Aus- und Weiterbildungsmarkt mit hirngerechten Konzepten erfolgreich zu positionieren. Und es ist dein interaktiver Begleiter in einer Welt der zunehmenden Digitalisierung mit vielen Praxisbeispielen für eine direkte Umsetzung, Interaktiven Quizfragen (um dein Wissen zu prüfen) und vielen Audio- und Videodateien für ein multimediales Lernerlebnis. Es ist somit eine unerschöpfliche Fundgrube mit einem reichhaltigen Schatz an Ideen und Möglichkeiten. Besondere Aufmerksamkeit solltest du dem Kapitel Bonus-Package schenken, denn dort findest du in Form von Hörbuchdateien ein Feuerwerk an praktischen Beispielen. Ein Block beschäftigt sich damit, wie du die tollen Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung in deine Trainings oder Seminare integrieren kannst. Und ein weiterer Block auf der nächsten Seite beschäftigt sich damit, wie du Schritt für Schritt die modernen Technologien für deine Trainings oder Seminare nutzen kannst. Das eBook, inklusive mehr als fünf Stunden Audio- und Videomaterial, findest du auf www.my-future-learning.com zum Preis von 49,00 Euro. Als Mitglied unserer Akademie, bekommst du es jedoch von uns geschenkt. Nutze diese Chance und mache dich fit für die Zukunft. Und so erhältst du das eBook kostenlos: Gehe auf https://www.my-future-learning.com/. Wähle den Münüpunkt "Shop" und lege das eBook in den Warenkorb. Gebe bei dem Bestellvorgang den Gutscheincode "FLMG" ein und der Preis reduziert sich von 49,00 € auf 0,00 €.

  • EducationNews

    So funktioniert zukunftsorientiertes Lernen und Lehren. Mit unseren EducationNews bieten wir dir eine weitere Möglichkeit für deine eigene Weiterbildung, aber auch für deine Kundenbindung und Kundengewinnung. In den EducationNews findest du viele praktische Informationen über die Zukunft des Lernens und Lehrens. Nutze diese Erkenntnisse, um zum Beispiel deine eigenen Trainings und Schulungskonzepte hirngerechter zu gestalten. Oder nutze die EducationNews als Service für deine Kunden und Interessenten, damit auch diese erfahren, wie hirngerechtes Lernen und Lehren funktioniert. Diesen wichtigen Input für zukunftsorientiertes Lernen und Lehren bekommst du von uns als Word-Dokumente und als Audio Hörbuchdateien. Nutze dieses Wissen für dich und deine Kunden und sichere dir deinen Vorsprung in einer Welt der zunehmenden Digitalisierung. Und so erhältst du die EducationNews: Logge dich im Mitgliederbereich ein. Klicke auf den Menüpunkt "Tools & Service" und wähle den Unterpunkt "EducationNews". aus.

  • NeuroNews

    Dein neurowissenschaftlicher Service zur Kundenbindung und Kundengewinnung. Mit unseren NeuroNews bieten wir dir eine hervorragende Möglichkeit für deine eigene Weiterbildung, aber auch für deine Kundenbindung und Kundengewinnung. Jede Woche erhältst du von uns zwei Newsletter mit aktuellen Forschungserkenntnissen aus der Gehirnforschung per Email. Dieser Newsletter bietet dir nicht nur eine hervorragende Möglichkeit, um dein eigenes Wissen zu erweitern, sondern ist auch ein tolles Instrument für deine Kundenbindung und Kundengewinnung. So kannst du zum Beispiel den Newsletter an deine Bedürfnisse anpassen, indem du dein eigenes Logo einbaust, oder persönliche Inhalte hinzufügst und dann an deine Kunden und Interessenten verschickst. Auf diese Weise bietest du deinem Klientel einen spannenden Service und sorgst dafür, dass du in positiver Erinnerung bleibst. Und so erhältst du die NeuroNews: Gehe auf unsere öffentliche AFNB-Webseite https://www.afnb-international.com/. Nach ca. 3 Sekunden geht ein Pop-Up auf, wo du die NeuroNews abonnieren kannst. Registriere dich dort und bist zukünftig in unserem Verteiler.

  • Die AFNB-Mediathek

    Deine Schatztruhe für deinen Erfolg, mit mehr als 100 neurowissenschaftlich fundierten und multimedial aufbereiteten Themen aus allen Fachbereichen, die für Trainer:innen, Berater:innen und Coaches interessant und relevant sind. In der Mediathek steht dir eine große Auswahl an Themen aus nahezu allen Expertengebieten zur Verfügung, die für Trainings, Seminare, Workshops oder Coatching relevant sind. Darüber hinaus sind alle Themen multimedial aufbereitet und du erhältst jedes Thema in Form von Videodateien, Hörbuchdateien, Powerpointpräsentationen, eBooks und als Textdokumentation. Bei den Video und Audiodateien stehen dir je Thema circa 100 Minuten zur Verfügung. Die Anzahl der Powerpointfolien beträgt rund 120 Folien. Die eBook-Versionen umfassen durchschnittlich 60 Seiten und die Textdokumentationen umfassen etwa 13.000 Wörter je Thema. Und falls du auch international tätig bist, kannst du zwischen den Sprachen Deutsch, Englisch und Spanisch wählen. Alle fachlichen Inhalte der Themen werden durch aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse untermauert, durch anerkannte wissenschaftliche Studien belegt, mit Tipps für die praktische Anwendung ergänzt und durch Tools und Übungen abgerundet. Mit den Inhalten der Mediathek haben alle Beteiligten eine außergewöhnliche Win-Win-Situation. Als Trainer, Berater oder Coach sparst du enorm viel Zeit für die Recherche und Aufbereitung von Seminar oder Trainingsthemen. Deine Teilnehmer haben größere Lernerfolge und profitieren von zukunftsorientierten Lernmethoden. Und deine Auftraggeber sparen Kosten, weil die Mitarbeitenden effizienter Lernen und an ihrem Arbeitsplatz produktiver sind. Mit der Mediathek steht dir eine wahre Schatztruhe zur Verfügung, aus der du dich bedienen kannst. Und welche großartigen Möglichkeiten dir darüber hinaus mit der Mediathek zur Verfügung stehen, erfährst du in den nachfolgenden Kurzvideos. Und so findest du die Mediathek: Logge dich im Mitgliederbereich auf www.afnb-mitglieder.com ein und wähle den Menüpunkt "Mediathek".

  • Das Learning Management System

    Deine perfekte Lösung, um mehr Zeit zur Entwicklung der Kompetenzen und Fähigkeiten deiner Kunden zu gewinnen und die reine Wissensvermittlung dem LMS zu übertragen. Das integrierte Learning Management System und die multimediale Mediathek sind perfekt aufeinander abgestimmt. In der Kombination bist du bestens aufgestellt, um alle Anforderungen, die an zukunftsorientiertes Lernen und Lehren gestellt werden optimal zu erfüllen. Ein wesentlicher Vorteil besteht darin, dass du das Learning Management System ohne Zusatzkosten nutzen kannst. Alleine dadurch sparst du pro Jahr mehrere Tausend Euro. Du kannst deine eigenen Kurse anlegen und mit eigenen Lerninhalten oder den multimedialen Dateien aus der Mediathek bestücken. Du kannst deine Kursteilnehmer und Teilnehmerinnen anlegen und für jeden einzelnen individuelle Lernpfade einrichten. Du kannst Prüfungen, Tests oder Umfragen in deine Kurse integrieren. Oder viele Prozesse automatisieren, wie zum Beispiel Einladungen, Teilnahmebestätigungen oder das Erstellen von Zertifikaten. Diese und viele weitere Funktionen stehen dir mit dem Learning Management System zur Verfügung. Neben all den Vorteilen, die du bereits kennengelernt hast, gibt es noch einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt. Du hast keinerlei Begrenzungen. Du hast keine Begrenzung bei der Anzahl der Kurse, die du anbieten möchtest. Du hast weiterhin keine Begrenzung bei der Anzahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die deine Kurse besuchen. Und du hast auch keine Begrenzung beim Speicherplatz für deine Lerninhalte. Diese und viele weitere Vorteile stehen dir mit dem Learning Management System zur Verfügung, mit dem du deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen auf Basis von künstlicher Intelligenz und modernsten Zukunftstechnologien ein einzigartiges und vor allem sehr effektives Lernerlebnis bieten kannst. Und in den folgenden Kurzvideos kannst du dir ausgewählte Anwendungen anschauen, die du mit dem Learning Management System durchführen kannst. Diese ausgewählten Anwendungen sind nur wenige Beispiele von vielen weiteren Möglichkeiten, die dir mit dem Learning Management System zur Verfügung stehen. Wir freuen uns darauf, dich dort wiederzusehen. Bis gleich. Und so findest du das Learning Management System: Gehe auf https://academy.neuromedia24.com/. Wenn dies dein erster Besuch ist, klicke bitte auf registrieren. Wir werden dann deine Registrierung prüfen und dich per Email informieren, wenn du freigeschaltet bis. Bist du bereits registriert dann klicke auf "Anmelden" und logge dich mit deinen Zugangsdaten ein.

  • Aufbau und Struktur der Themen

    Durch den einzigartigen Aufbau und die geniale Struktur der Mediathek, bist du mit einem Minimum an Zeit- und Arbeitsaufwand in der Lage, ein komplettes und individuelles Seminar oder Training zu erstellen. Dass dir die multimedialen Dateiformate der Themen in der Mediathek, perfekte Möglichkeiten bieten, um zukunftsorientierte Lernformate, wie zum Beispiel Micro-, Mobile-, Blended- oder Multimedia-Learning anbieten zu können, ist noch lange nicht alles. Wie wir gleich sehen werden, kannst du mit der Mediathek noch viel viel mehr erreichen. Trainings oder Seminare von der Stange sind out. Gefragt sind stattdessen Trainings und Seminare, die auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen deiner Kunden zugeschnitten sind. Machen wir ein konkretes Beispiel: Für ein Führungskräfteseminar wünscht sich ein Kunde nicht nur Inhalte über moderne Führungsstile, sondern auch Inhalte aus den Bereichen Kommunikation, Motivation, Veränderungsprozesse und Gesundheit. Darüber hinaus legt der Kunde großen Wert auf praktische Anwendungstipps zur Kompetenzentwicklung, die durch konkrete Übungen gefestigt werden sollen. Ausserdem ist es für ihn wichtig, dass die Inhalte des Seminars neurowissenschaftlich abgesichert sind und durch Studien belegt werden können. Ein solches Seminar zu konzipieren, erfordert normaler Weise einen enormen Aufwand an Zeit und Arbeit für die Recherche und Aufbereitung der Lerninhalte. Durch den einzigartigen Aufbau und die geniale Struktur der Mediathek, kannst du solche oder ähnliche Anforderungen deiner Kunden mühelos, und mit einem Bruchteil des normal üblichen Aufwandes an Zeit und Arbeit erreichen. Jedes Thema in der Mediathek beginnt zunächst mit einem kurzen Themenüberblick. Anschließend folgen fünf Kapitel, in denen unterschiedliche Aspekte des jeweiligen Themas behandelt werden. Jedes einzelne Kapitel ist eine in sich abgeschlossene Lerneinheit. Du kannst somit ganz nach belieben aus unterschiedlichen Themen, unterschiedliche Kapitel, wie in einem Baukastensystem zu einem neuen Seminar zusammenstellen. Es kommt aber noch besser. Jedes einzelne Kapitel besteht aus fünf Abschnitten, in denen die Inhalte des jeweiligen Kapitels aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Nach einer kurzen Einführung in das jeweilige Kapitel, beginnt es mit dem Abschnitt Biochemische Prozesse. Hier werden die vier wichtigsten Neurotransmitter behandelt, die für den Inhalt des Kapitels eine wichtige Rolle spielen. Zu jedem der vier Neurotransmitter gibt es eine kurze wissenschaftliche Erklärung über seine Funktion, also dass zum Beispiel Dopamin eine wichtige Rolle in unserem Belohnungssystem spielt, oder Oxytocin eine wichtige Rolle bei Bindung und Sympathie spielt. Und es gibt zu jedem der vier Neurotransmitter eine Erklärung, wie er im Kontext dieses Kapitels wirkt. Hochgerechnet auf fünf Kapitel hast du somit zu jedem Thema insgesamt zwanzig praxisorientierte Erklärungen über die Funktions- und Wirkungsweise der beteiligten Neurotransmitter. Da auch diese in sich abgeschlossen sind, kannst du sie ebenfalls wie einzelne Bausteine ganz nach deinen Vorstellungen zusammenstellen und in deinen Trainings einsetzen. Nach dem Abschnitt biochemische Prozesse folgt der Abschnitt beteiligte Gehirnareale. Hier werden die vier wichtigsten Gehirnareale dargestellt, die mit dem Inhalt des Kapitels im Zusammenhang stehen. Zu jedem der vier Gehirnareale gibt es auch hier eine kurze Information über seine Funktion, also dass zum Beispiel die Amygdala eine wichtige Rolle bei der Emotionsverarbeitung spielt, oder der präfrontale Cortex der Sitz des Verstandes ist. Und es gibt zu jedem der vier Gehirnareale eine Erklärung, was das jeweilige Areal im Zusammenhang mit diesem Kapitel bewirkt. Hochgerechnet auf fünf Kapitel hast du somit zu jedem Thema insgesamt zwanzig praxisorientierte Erklärungen über die Funktions und Wirkungsweise der beteiligten Gehirnareale. Wenn es also für dich oder deine Kunden wichtig ist, neurowissenschaftliche Erkenntnisse in dein Seminar oder Training zu integrieren, bietet dir jedes Thema der Mediathek eine Fülle von Möglichkeiten. Vielleicht ist es dir oder deinen Kunden aber auch wichtig, wissenschaftliche Studien als Beweis für bestimmte Erkenntnisse zu präsentieren. Wenn ja, dann erwarten dich in dem nächsten Kapitelabschnitt drei Studien. Jede der drei Studien ist in zwei Frageblöcke unterteilt. Erstens: Was wurde untersucht? Und zweitens: Welche konkreten Ergebnisse wurden erzielt? Je Thema stehen dir somit 3 Studien mal fünf Kapitel, also insgesamt fünfzehn Studien zur Verfügung, aus denen du die für dich interessantesten auswählen kannst. Der nächste Kapitelabschnitt dürfte bei fast allen deinen Trainings oder Seminaren eine wichtige Rolle spielen. Nämlich, praktische Tipps zur Kompetenzentwicklung. Zu jedem Kapitel haben wir vier wertvolle Tipps ausgearbeitet und sie ebenfalls in zwei Frageblöcke aufgeteilt. Erstens: Was ist die Eigenschaft der geforderten Kompetenz oder Fähigkeit? Und zweitens: Was kann ich tun, um diese Kompetenz oder Fähigkeit zu entwickeln? Bei fünf Kapiteln je Thema stehen dir somit insgesamt zwanzig praktische Anwendungstipps zur Verfügung, die du für die Entwicklung von Kompetenzen und Fähigkeiten deiner Teilnehmer nutzen kannst. Und im letzten Abschnitt eines jeden Kapitels findest du zwei Übungen, die du wunderbar nutzen kannst, um zum Beispiel die zuvor genannten praktischen Anwendungstipps zu trainieren. Jede Übung besteht aus drei Frageblöcken. Erstens: Was ist das Ziel der Übung? Zweitens: Welche Utensilien benötigst du für die Übung? Und drittens: Was sind die einzelnen Schritte der Übung. Zu jedem Thema stehen dir somit insgesamt zehn Übungen und Tools zur Verfügung, aus denen du auswählen kannst. Mit diesem Aufbau und dieser Struktur der Mediathek verfügst du über ein Höchstmaß an Flexibilität und Individualität. Mit einem Minimum an Zeit und Arbeit bist du in der Lage ein komplettes Training oder Seminar nach deinen Wünschen oder den Vorgaben deiner Kunden zu erstellen. Nutze diese Möglichkeiten und spare zukünftig enorm viel Zeit und Arbeit für die Recherche und die Aufbereitung von Seminarinhalten. Und so findest du die Mediathek: Logge dich im Mitgliederbereich auf www.afnb-mitglieder.com ein und wähle den Menüpunkt "Mediathek (Themen ab 08/2023)".

  • Multimedia Learning

    Nutze verschiedene Medienformate wie Videos, Hörbücher, Präsentationsfolien, eBooks und interaktive Elemente, um komplexe Konzepte leichter verständlich zu machen und das Lernengagement zu erhöhen. Um Lernprozesse erfolgreich zu gestalten, ist es erforderlich, dass die Lerninhalte hirngerecht zur Verfügung stehen. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist die Berücksichtigung von unterschiedlichen Lerntypen und Lernmethoden. Für manche ist es ausreichend wenn sie etwas lesen, um den Lerninhalt zu verstehen. Anderen hingegen fällt es leichter zu lernen, wenn sie sich den Lerninhalt in Form eines Hörbuches anhören, oder in Form eines Videos anschauen können. Um diesen Anforderungen für hirngerechtes Lernen gerecht zu werden, eignen sich die Inhalte der Mediathek hervorragend, da dir alle Lerninhalte in den fünf Dateiformaten Video, Audio, Powerpoint, eBook und Textdokumentation zur Verfügung stehen. Ein weiterer Vorteil der multimedial aufbereiteten Dateiformate ist, dass sie auch multisensorisches Lernen ermöglichen. So kannst du zum Beispiel den Text in einem eBook lesen und dir gleichzeitig die Audiodatei des gleichen Themas anhören, da die Inhalte perfekt aufeinander abgestimmt und eins zu eins identisch sind. Es gibt viele wissenschaftliche Studien, die belegen, dass durch multisensorisches Lernen der Lernerfolg enorm gesteigert wird. Mit den Inhalten der Mediathek bist du daher bestens aufgestellt, um unterschiedliche Lerntypen und Lernmethoden zu berücksichtigen und deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen auch multisensorisches Lernen zu ermöglichen. Und so findest du die Mediathek: Logge dich im Mitgliederbereich auf www.afnb-mitglieder.com ein und wähle den Menüpunkt "Mediathek".

  • Blended Learning

    Kombiniere die Flexibilität des digitalen Lernens mit den interaktiven Vorteilen des Präsenzseminars, um ein effektives und ausgewogenes Bildungserlebnis zu gewährleisten. Blended Learning, also die Kombination aus Online und Präsenzveranstaltung, zählt zu den führenden Trends im Bereich des zukunftsorientierten Lernens und Lehrens. In Kombination mit dem Learning Management System bietet dir dieses Format hervorragende Möglichkeiten, um mehr Zeit für die Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen bei deinen Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu gewinnen. Häufig bringen Seminarteilnehmer und Teilnehmerinnen unterschiedliche Vorkenntnisse mit. Manche verfügen bereits über sehr viel Vorwissen, und sind dann schnell gelangweilt. Andere hingegen verfügen nur über wenig oder gar kein Vorwissen, und sind dann oft überfordert. Nur für wenige ist der Ablauf wirklich ideal und zufriedenstellend. Diese Situation führt oft dazu, dass wir sehr viel Zeit in die Vermittlung von Grundlagenwissen und die Beantwortung von Standardfragen investieren müssen. Für das eigentlich Wichtige, nämlich die Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen, bleibt meist viel zu wenig Zeit. Mit dem Learning Management System hast du die Möglichkeit, Grundlagenwissen und Antworten auf Standardfragen bereits im Vorfeld deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen zur Verfügung zu stellen. Diejenigen, die bereits über viel Vorwissen verfügen, können die Lerninhalte sehr schnell bearbeiten. Und diejenigen, die nur wenig Vorwissen mitbringen, können die Lerninhalte so oft und so lange sie wollen wiederholen. Durch die Kombination aus Online Learning Management System und Präsenzveranstaltung ist sichergestellt, dass alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu Beginn deines Seminars auf dem gleichen Wissensstand sind und du dich somit voll und ganz auf die Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen konzentrieren kannst. Und so findest du das Learning Management System: Gehe auf https://academy.neuromedia24.com/. Wenn dies dein erster Besuch ist, klicke bitte auf registrieren. Wir werden dann deine Registrierung prüfen und dich per Email informieren, wenn du freigeschaltet bis. Bist du bereits registriert dann klicke auf "Anmelden" und logge dich mit deinen Zugangsdaten ein.

  • Mobile Learning

    Ermögliche deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen das Lernen wann und wo sie möchten - unabhängig von Raum und Zeit. Die traditionelle Form des Lernens, nämlich an bestimmten Orten zu festgelegten Zeiten zu lernen, verliert immer mehr an Bedeutung. Stattdessen gibt es einen eindeutigen Trend, dass Menschen Lernen möchten, wann und wo sie möchten - unabhängig von Zeit und Raum, wodurch sie wesentlich flexibler und unabhängiger sind. Um diesem Trend gerecht zu werden, eignen sich die multimedialen Dateiformate der Mediathek ebenfalls hervorragend. So kannst du zum Beispiel wenn du mit der Bahn unterwegs bist, dir die Lerninhalte auf deinem Laptop oder Tablet als Video anschauen. Wenn du mit dem Auto fährst, kannst du dir die Lerninhalte in Form von Audiodateien anhören. Und wenn du zum Beispiel gemütlich in einem Café sitzt, dann kannst du die Lerninhalte im eBook oder der Textdokumentation lesen. Durch die multimedialen Lerninhalte ermöglichst du deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen ein Zeit und Raumunabhängiges Lernen, und bietest ihnen somit ein Höchstmaß an Unabhängigkeit und Flexibilität. Und so findest du die Mediathek: Logge dich im Mitgliederbereich auf www.afnb-mitglieder.com ein und wähle den Menüpunkt "Mediathek".

  • Adaptive Learning

    Ermögliche eine personalisierte Lernerfahrung, die sich dynamisch an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Lernenden anpasst. Durch die Methode des adaptiven Lernens ermöglichst du deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine individuelle und personalisierte Lernerfahrung. Mit dem Learning Management System verfügst du über eine ideale Plattform, um auch diese Form des Lernens und Lehrens perfekt umzusetzen. Um die spezifischen Ziele und Bedürfnisse deiner Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu berücksichtigen, kannst du im Learning Management System individuelle Lernpfade anlegen. Darüber hinaus sind Lernende durch adaptives Lernen oft motivierter und engagierter, da sie weder überfordert noch unterfordert sind. Außerdem fördert adaptives Lernen die Selbständigkeit. Da die Lernenden die Kontrolle über ihren Lernfortschritt haben, können Sie eine größere Eigenverantwortung für ihr eigenes Lernen entwickeln. Dies waren nur wenige Anwendungsbeispiele, wie du Adaptives Lernen mit Hilfe des Learning Management Systems erfolgreich umsetzen kannst. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten und zahlreiche Studien haben belegt, das adaptives Lernen die Lernergebnisse enorm verbessert, da es den Lernenden neue Wege eröffnet, um ein tieferes Verständnis für die Lerninhalte zu entwickeln. Und so findest du das Learning Management System: Gehe auf https://academy.neuromedia24.com/. Wenn dies dein erster Besuch ist, klicke bitte auf registrieren. Wir werden dann deine Registrierung prüfen und dich per Email informieren, wenn du freigeschaltet bis. Bist du bereits registriert dann klicke auf "Anmelden" und logge dich mit deinen Zugangsdaten ein.

  • Social Learning

    Fördere die Kooperation und den Wissensaustausch zwischen deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Social Learning ist eine Methode, die in sozialen Kontexten stattfindet. Mit Hilfe des Learning Management Systems bietest du deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen die Möglichkeit miteinander zu diskutieren, zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen. So können zum Beispiel deine Teilnehmer und Teilnehmerinnen in Foren oder Diskussionsrunden Fragen stellen und gemeinsam an Problemlösungen arbeiten. Darüber hinaus bietet Social Learning in Verbindung mit dem Learning Management System die Möglichkeit, dass deine Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen. Außerdem können in einer sozialen Lernumgebung Soft Skills wie Kommunikation, Teamfähigkeit und Konfliktlösung gestärkt werden, was dazu beiträgt, dass deine Teilnehmer und Teilnehmerinnen wichtige Fähigkeiten entwickeln, die sie für den Erfolg in der Arbeitswelt benötigen. Alles in allem bietet dir das Learning Management System hervorragende Rahmenbedingungen, um soziales Lernen zu ermöglichen. Die zuvor genannten Beispiele waren nur wenige, ausgewählte Möglichkeiten und es gibt noch viele weitere Varianten des sozialen Lernens, die du mit dem Learning Management System realisieren kannst. Und so findest du das Learning Management System: Gehe auf https://academy.neuromedia24.com/. Wenn dies dein erster Besuch ist, klicke bitte auf registrieren. Wir werden dann deine Registrierung prüfen und dich per Email informieren, wenn du freigeschaltet bis. Bist du bereits registriert dann klicke auf "Anmelden" und logge dich mit deinen Zugangsdaten ein.

  • Micro Learning

    Nutze kleine und leicht konsumierbare Lerneinheiten, die die Aufmerksamkeit aufrecht erhalten und leicht in den Arbeitsalltag integrierbar sind. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Aufmerksamkeit der meisten Menschen nach spätestens zwanzig Minuten stark abfällt. Um hirngerechtes Lernen zu gewährleisten ist es daher notwendig, dass die zu lernenden Inhalte in kleinen, kurzen Lerneinheiten zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund ist jedes Thema der Mediathek in kurze und in sich abgeschlossene Kapitel unterteilt. Du kannst somit aus jedem Thema x-beliebige Kapitel abrufen, und sie quasi wie Lernbausteine verwenden und zu deinem eigenen individuellen Seminar zusammenstellen. Darüber hinaus haben kurze Lerneinheiten den Vorteil, dass sie bei deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen auch gut in einen vollen Terminkalender integriert werden können. Mit den für Micro Learning optimierten Inhalten aus der Mediathek bietest du deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen ein außergewöhnliches und zukunftsorientiertes Lernerlebnis. Und so findest du die Mediathek: Logge dich im Mitgliederbereich auf www.afnb-mitglieder.com ein und wähle den Menüpunkt "Mediathek".

  • Flexible Learning

    Ermögliche deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, ihr Lernprogramm nach ihrem eigenen Tempo, Zeitplan, Ortswahl und Lernstil zu gestalten. Flexibilität auf allen Ebenen ist eine der wichtigsten Anforderungen an zukunftsorientiertes Lernen und trägt zu deinem Erfolg als Trainer, Berater oder Coach, maßgeblich bei. Mit dem Learning Management System in Verbindung mit der Mediathek verfügst du über nahezu grenzenlose Möglichkeiten, um bei deinen Teilnehmern und Teilnehmerinnen diesen Trend zu gewährleisten. Sei es die Flexibilität unabhängig von Zeit und Raum zu lernen. Oder sei es die Flexibilität das Lerntempo und die Lernintensität selbst zu bestimmen. Oder sei es die Flexibilität die individuellen Ziele und Bedürfnisse der Lernenden stärker zu berücksichtigen. Mit dem Learning Management System bist du für alle Anforderungen, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an zukunftsorientiertes Lernen stellen, bestens vorbereitet. Und so findest du das Learning Management System: Gehe auf https://academy.neuromedia24.com/. Wenn dies dein erster Besuch ist, klicke bitte auf registrieren. Wir werden dann deine Registrierung prüfen und dich per Email informieren, wenn du freigeschaltet bis. Bist du bereits registriert dann klicke auf "Anmelden" und logge dich mit deinen Zugangsdaten ein.

  • Artificial intelligence

    Nutze künstliche Intelligenz und moderne Zukunftstechnologien, wie z.B. lebensechte Lernassistenten für deinen Erfolg. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bietet dir die Mediathek fast grenzenlose Möglichkeiten für zukunftsorientiertes Lernen und Lehren. Die zuvor genannten Beispiele sind nur wenige Anwendungsmöglichkeiten, die dir die Inhalte der Mediathek bietet. Es gibt viele weitere Möglichkeiten, wie du die Mediathek für deinen persönlichen und beruflichen Erfolg als Trainer, Berater oder Coach nutzen kannst. Wähle einfach unter der Vielzahl der Möglichkeiten diejenigen aus, die zu dir und deinen Schulungs- und Trainingskonzepten am besten passen. Nutze die Chancen der künstlichen Intelligenz und anderer Zukunftstechnologien und überzeuge deine Auftraggeber durch einzigartige Tools und Methoden. Und so findest du die Mediathek: Logge dich im Mitgliederbereich auf www.afnb-mitglieder.com ein und wähle den Menüpunkt "Mediathek".

  • Können subjektive Gedanken objektive Realität werden?

    Wünsche und motivationale Ziele beginnen als geistige Vorstellung eines erwünschten Zukunftszustandes im Bewusstsein eines Individuums. Können subjektive Gedanken objektive Realität werden? Einführung Wünsche und motivationale Ziele beginnen als geistige Vorstellung eines erwünschten Zukunftszustandes im Bewusstsein eines Individuums. Willentlich initiierte Handlungen transferieren diese geistige Vorstellung in eine materielle Manifestation. Es muss einen Mechanismus geben, der Willensimpuls genannt wird, der zwischen subjektiver und objektiver Realität vermittelt. Jedoch stoßen wir bei genauerer Betrachtung auf theoretische Hindernisse. Die Annahme von zwei exklusiven Realitätsarten, subjektiv und objektiv, lässt eigentlich keine Beeinflussung von subjektiven Impulsen auf objektive Gegebenheiten zu. Zudem ist das Verhältnis von Geist und Materie in aktuellen Theorien als zwei sich ausschließende Substanzen definiert. Diese Probleme deuten darauf hin, dass entweder keine willentliche Einflussnahme möglich ist oder unser Realitätsmodell bzw. Geist-Materie-Vorstellung unvollständig ist. Wenn wir von der Existenz und Wirksamkeit eines freien Willens ausgehen, müssen wir aktuelle Theorien modifizieren und erweitern. Die Neukonzeption muss die Existenz dualer Realitäten hinterfragen und die Geist-Materie-Unvereinbarkeit adressieren und erweitern, um den freien Willen integrieren zu können. Die Theorie der dualen Realitäten und ihr Widerspruch zur Existenz eines freien Willensimpulses wird als erstes betrachtet. Realitätsdualismus: Subjektive vs. objektive Realität Zwei Arten von Realitäten lassen sich beschreiben: die subjektive und die objektive Realität. Subjektive Realität existiert nur in der individuellen Vorstellung, während objektive Realität unabhängig vom Individuum und seinem Erleben existiert. Subjektive und objektive Realität unterscheiden sich durch ihre messtheoretischen Zugänge und das Ausmaß an Autonomie im Sinne von selbststeuerbar bzw. Determiniertheit durch Naturgesetze. Messtheoretischer Zugang zur subjektiven vs. objektiven Realität Eine Realität kann subjektiv oder objektiv gemessen werden. Subjektive Realität ist eine geistige Repräsentation der objektiven materiellen Welt und enthält individuelle Anteile, da Wahrnehmung konstruktiv-interpretativ ist. Objektive Realität wird durch motivfreies, passives Registrieren und Bestätigung durch andere Messungen definiert. Das Beispiel eines brennenden Hauses zeigt, dass objektive Fakten aus einer Dritten-Person-Perspektive gewonnen werden, während subjektive Erfahrungen aus der Ich-Perspektive stammen. Objektive Einschätzungen erfordern das Ausschalten von Motiven bei der Bestimmung der Faktenlage. Die Objektivität einer Situation basiert meist auf der Beobachtung mehrerer Individuen und dem Konsens ihrer möglichst motivfreien Wahrnehmungen. Die Personen innerhalb oder außerhalb des brennenden Hauses unterscheiden sich darin, dass letztere besser in der Lage sind, motivfrei die Situation zu betrachten. Im Alltag begegnen wir beiden Realitätsarten, wobei die objektive Realität als Repräsentant der Wirklichkeit angenommen wird, unter der Bedingung einer motivfreien Messung. Allerdings ist eine motivfreie Messung wahrscheinlich nur ein theoretischer Idealzustand und tatsächlich nicht vollständig erreichbar. Subjektive und objektive Realität sind durch die Art der Realitätsmessung voneinander zu unterscheiden: aktive, motivabhängige Konstruktion versus passives, motivloses Registrieren. Die Voraussetzung für wiederholte Messungen mit denselben Ergebnissen unter gleichen Bedingungen (direkte Replikation) ist die regelhafte Beschaffenheit der objektiven Welt. Dieses Prinzip der Determiniertheit wird im Folgenden erläutert. Determiniertheit der objektiven Realität Die objektive Realität ist durch deterministische Naturgesetze geprägt, die kausale und wahrscheinlichkeitsbedingte Regeln beinhalten. Klassische und relativistische Physik sowie Quantenphysik determinieren das Leben der Individuen in dieser Realität, wodurch keine Autonomie möglich ist. Genauigkeit von Vorhersagen in naturwissenschaftlichen Experimenten zeigt das Fehlen von Autonomie innerhalb der objektiven Realität. Technologische Innovationen in Energieerzeugung, Mobilität und Nachrichtentransfer basieren auf dieser regelhaften Struktur des Universums. Kausale Geschlossenheit gilt auch für Chemie, Biologie und Neurowissenschaften, die auf physikalischen Ursprüngen beruhen. Erklärungslücken werden auf unentdeckte Naturgesetze und Mängel in Datenerhebung und -verarbeitung zurückgeführt, gelten aber als prinzipiell beschreibbar und kausal determiniert. Menschen können in dieser Realität nicht autonom handeln oder Einfluss auf objektive Phänomene nehmen. Genuine Zufälligkeit in Quantentheorie durchbricht die Determiniertheit nicht, da es sich um echten, ontischen Zufall handelt, der nicht autonom beeinflusst werden kann. Autonome Handlungen basierend auf Willensimpulsen sind subjektive Phänomene ohne Einfluss auf objektive Realität. Erweiterung des Realitätsdualismus: Subjektiv, Objektiv und Sobjektiv Der strikte Dualismus zwischen subjektiver und objektiver Realität wird in Frage gestellt und eine Erweiterung in Form von "sobjektiven" Realitäten vorgeschlagen. Die Unvereinbarkeit der beiden Realitätsformen liegt in der Trennung aktiver, motivabhängiger, realitätskonstruierender Messungen (subjektiv) und passiver, motivunabhängiger, realitätsregistrierender Messungen (objektiv). Diese Dichotomie ist jedoch eine idealisierte Vereinfachung und beide Messarten sollten als Endpunkte eines Kontinuums betrachtet werden. Die Existenz einer objektiven Realität basiert auf der Annahme von passiv registrierenden Messungen. Naturwissenschaften streben danach, aktiv-konstruierende Einflüsse auszuschließen, um eine objektive Realitätsbeschreibung zu ermöglichen. Damit wird eine aktive, willentliche Einflussnahme auf die Realitätsgestaltung, die zentral ist für die motivationspsychologische Beschreibung der Wirkung von Intentionen theoretisch ausgeschlossen. Jedoch ist dieser Vorgang selbst aktiv realitätskonstruierend, da er eine passiv registrierende Messung etablieren will. Die Stabilität der naturwissenschaftlichen Realitätsbeschreibung beruht vermutlich daher weniger auf einer a priori objektiven Realität, sondern auf einer global geteilten und motivierten Vorstellung von Realität. Realitäten sind daher bedingt durch Überzeugungen und motivgeleitete Wahrnehmungen. Entlang dieser Annahme entsteht ein Realitätskontinuum, wobei subjektive und objektive Realität die extremen Endpunkte darstellen und unterschiedliche Mischungen dazwischen existieren. Sobjektive Realitäten ermöglichen Individuen, aktiv, spontan und autonom auf Realitätswerdung Einfluss zu nehmen und sind nicht nur deterministisch oder zufällig bestimmt. Die historische Entwicklung führte zu einer exklusiv dualistischen Realitätsbeschreibung, die jedoch hier durch die Einführung von sobjektiven Realitäten theoretisch und empirisch erweitert werden soll. Die Entstehung des Realitätsdualismus Die Idee eines Dualismus, der die Welt in geistige und materielle Realität teilt, geht auf Rene Descartes zurück, aber hat ihre Wurzeln in früheren philosophischen Ideen. Descartes' Dualismus trennt die geistige (res cogitans) von der materiellen Realität (res extensa), die nebeneinander existieren und über das Gehirn interagieren. Trotz dieser Annahme bleibt die Verbindungsstelle zwischen beiden Realitäten unklar. Die Entwicklung der Idee des Dualismus begann mit Francis Bacon, der die empirische Überprüfung von Realitätsannahmen einführte. Anschließend stellte Galileo fest, dass mathematische Regularitäten diese objektive Welt beschreiben. Newton baute auf dieser Idee auf, betonte jedoch, dass physikalische Gesetze nicht die letzten Ursachen für Naturphänomene sind. Diese neue Form der Naturbeschreibung führte zu einem Dualismus zwischen Geist und Materie, der eine unüberbrückbare Lücke zwischen beiden Bereichen offenbarte. Die meisten Vertreter der heutigen Naturwissenschaften reduzieren alle geistigen Operationen auf materielle Gehirnprozesse, was zu einem Weltbild führt, das kausale Geschlossenheit aller Phänomene suggeriert. Ein zentrales Argument gegen diesen Dualismus ist die Frage des freien Willens, der in einer deterministischen Realität nicht existieren kann. Um den freien Willen zu bewahren, könnte man die Annahme treffen, dass es eine Realität gibt, die den traditionellen Dualismus transzendiert – eine "sobjektive" Realität, in der geistige Überzeugungen von individuellen Wesen durch Wollen real werden können. Diese Realität kann jedoch nicht nach den klassischen Kriterien der Naturwissenschaft als objektiv bewiesen werden. Die Objektivierungshysterie der Naturwissenschaften könnte sich als dogmatische Vorgehensweise entpuppen, die uns eine objektive Realität vorgaukelt, die so real wie sie scheint, gar nicht ist. Es könnte genügen zu zeigen, dass etwas mehr als bloß subjektiv ist, um es als real zu definieren. Dies würde eine Neubewertung der axiomatischen Annahmen über Dualismus und Realität erfordern. Die Entstehung des Realitätsdualismus Der Realitätsdualismus geht auf René Descartes zurück, der geistige (res cogitans) von materieller Realität (res extensa) unterschied. Diese unvereinbaren Substanzen interagieren über das Gehirn. Francis Bacon entwickelte einige Jahrzehnte zuvor die Idee der empirischen Überprüfung von Realitätsannahmen, wodurch die objektive Realitätsbeschreibung und die naturwissenschaftlich-empirische Methode der Objektivierung begründet wurden. Galileo sah die Welt als wohlgeordnete Maschine, die mathematischen Gesetzen folgt. Newton verfeinerte diesen Ansatz, aber behauptete nicht, dass die physikalischen Gesetze die letzten Ursachen für Naturphänomene seien. Ab Galileo dominierte die Ansicht, dass die Natur mathematisch beschreibbaren mechanischen Regularitäten folgt und keine Intervention durch geistige Impulse benötigt. Dies führte zu einem Dualismus zwischen Geist und Materie. Die naturwissenschaftliche Sichtweise, die bis heute vorherrscht, reduziert geistige Operationen auf materielle Gehirnprozesse und schließt autonome, spontane und willentliche Einflussnahme auf physikalische Prozesse aus. Diese Ansicht ermöglichte große Fortschritte in Technik und Medizin, hat aber auch Kollateralschäden für das Leben des Individuums und die Umwelt verursacht. Ein solcher Kollateralschaden ist der freie Wille, der von Vertretern der Naturwissenschaften als subjektives Phänomen und objektiv nicht real angesehen wird. Der Dualismus geht von zwei Realitätsarten aus: einer subjektiven Realität der konstruierten Vorstellung und einer objektiven Realität der passiv registrierbaren Tatsachen. Eine alternative Annahme wäre die Existenz einer Realität, die den traditionellen Dualismus transzendiert und ein Zwischending zwischen subjektiver und objektiver Realität darstellt. Diese sogenannte sobjektive Realität würde es ermöglichen, dass bestimmte geistige Überzeugungen von Individuen durch Wollen real werden können. Allerdings kann diese Realität nicht nach den klassischen Kriterien der Naturwissenschaft als objektiv bewiesen werden. Man könnte argumentieren, dass absolute Objektivierung kein notwendiges Kriterium für eine echte Realität sein muss. Die Objektivierungshysterie der Naturwissenschaften könnte sich als dogmatische Vorgehensweise entpuppen, die eine pseudo-objektive Realität vorgaukelt. Die deterministische Form dieser Realität mit ihrer kausalen Geschlossenheit ist möglicherweise nur eine Folge einer axiomatischen Annahme, die auf dem Dualismus basiert. Freier Wille und Dualismus: Verbindungen erforschen Das "Problem des freien Willens" wird auf eine Dualität zurückgeführt, die als unvereinbar betrachtet wird. Das Argument der kausalen Geschlossenheit sowie die logische Unvereinbarkeit von Geist und Materie können gegen die Existenz des freien Willens angeführt werden: Wie kann ein Wille, der auf einer rein geistigen Ebene entsteht, eine davon unabhängige und unvereinbare materielle Realität beeinflussen? Geistige und materielle Substanzen sind unterschiedlich definiert und es fehlt ihnen ein verbindendes Element, das einen Transfer zwischen ihnen ermöglicht. In der Philosophie wurde diese Problematik intensiv diskutiert und als "Hard Problem of Consciousness" (Chalmers, 1995) und "Problem of Free Will" (Shariff et al, 2008) bekannt. Eine mögliche Lösung müsste eine Schnittstelle vorschlagen, die aus einer untrennbaren Verbindung von geistigen und materiellen Elementen besteht, um den Übergang zwischen beiden zu ermöglichen. Tatsächlich gibt es bereits solche Theorien, wie den dualen Aspekt-Monismus von Wolfgang Pauli und Carl Gustav Jung. Darüber hinaus geht der willentliche Impuls von einem autonomen Individuum spontan und nicht determiniert aus, beginnt in der Subjektivität der Person und überträgt sich dann auf die objektive Realität. Dieser Übergang vom Subjektiven zum Objektiven ist aus mess- und informationstheoretischer Sicht problematisch, da etwas Subjektives seinen Charakter verliert, sobald es sich objektiv manifestiert. Eine Lösung liegt in einer Zwischenrealität, die den dualistischen Gegensatz von Subjektivität und Objektivität überbrückt. Eine mess- und informationstheoretische Begründung wird im Folgenden näher erläutert und anschließend theoretisch auf die Vereinbarkeit von Geist und Materie angewendet. Subjektivität und Objektivität aus mess- und informationstheoretischer Perspektive Die bisherigen Argumente, mit denen versucht wurde, den unvereinbaren Gegensatz von freiem Willen und dualer Realitätsauffassung zu begründen, können überzeugend anhand mess- und informationstheoretischer Überlegungen formalisiert werden. Dazu müssen wir uns mit den Merkmalen der subjektiven und objektiven Realität auseinandersetzen und sie messtheoretisch erfassen. Objektivität setzt voraus, dass Messungen grundsätzlich passiv und motivfrei sein können. Diese Annahme wirkt sich auf die Möglichkeit einer willentlichen Einflussnahme und damit auf die Existenz des freien Willens aus. Die Zusammenhänge können formal abgeleitet werden, wobei mathematische Gleichungen verwendet werden. Durch genaue Analyse dieser Gleichungen lassen sich wertvolle Hinweise für die ebenfalls skizzierten Lösungsansätze ableiten. Merkmale der objektiven Realität Die objektive Realität bezieht sich auf die Dinge, die unabhängig von Erfahrungen existieren. Objektivität zeigt sich in der Möglichkeit, diese Realität durch Messungen zu bestätigen und zu kommunizieren. Der zentrale Aspekt der objektiven Realität ist die mess- oder beobachtungsunabhängige Existenz. Stabilität der Messergebnisse bei verschiedenen oder wiederholten Messungen ist ein Indikator für Objektivität. Der Königsweg zur Überprüfung einer objektiven Tatsache ist die direkte Replikation, also die unabhängige Wiederholung eines Messvorgangs unter gleichen Bedingungen. Bei Übereinstimmung mehrerer identischer Messungen und ihrer Ergebnisse spricht man von intersubjektiver Übereinstimmung. Die so erfasste Realität besitzt allerdings nur eine schwache Objektivität, da die wahre physikalische Grundlage durch das Prozedere der Übereinstimmung nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Objektive Realität ist durch ihre naturgesetzliche Ordnung und kausale Determiniertheit gekennzeichnet. Alle objektiven Dinge sind durch Naturgesetze miteinander verbunden, die ihre kausalen Wechselbeziehungen beschreiben. Die kausale Geschlossenheit verhindert, dass den Elementen und Vorgängen der objektiven Realität Bedeutung, Sinn oder Zielhaftigkeit zugeordnet werden können. Die Quantentheorie hat das klassisch-physikalische objektive Weltbild erweitert und ein Zufallsprinzip bei der Messung klassischer Zustände der objektiven Realität eingeführt. Die Vereinbarkeit der quantenmechanischen Erkenntnisse mit dem klassisch-physikalischen objektiven und deterministischen Weltbild bleibt jedoch weitgehend erhalten. Der Messvorgang erfolgt bei der objektiven Realität durch „Extraspektion“, bei der eine Messung von außen auf einem zu messenden System ausgeführt wird. Eine objektive Messung beeinflusst den Messgegenstand nicht und verzerrt das Ergebnis nicht. Die Trennung zwischen Messinstrument und Messgegenstand wird als "Non-Invasivität" einer Messung bezeichnet. Dies ermöglicht eine durch Wiederholung erreichbare Bestätigung und damit Objektivitätsüberprüfung. Messinstrumente registrieren passiv die unabhängig von ihnen existierende Realität und haben keinen eigenen Anteil am Messergebnis. Die Formel MI ≠ MO beschreibt die notwendige Separation von Messinstrument (MI) und Messobjekt (MO). Objektive Messungen ermöglichen eine passive Dokumentation von Gewichten, räumlichen Abständen und Geschwindigkeiten, wodurch unsere alltäglichen Messungen zuverlässige und objektive Ergebnisse liefern. Die Möglichkeit, passiv zu registrieren, ist eine Folge der erfahrungsunabhängigen Existenz einer Realität. Objektivität wird dadurch belegt, dass unterschiedliche, aber gleichartige Messungen unter gleichen Bedingungen immer das gleiche Resultat aufzeichnen. Die Merkmale der subjektiven Realität Subjektive Realität entsteht aus individuellen Erfahrungen und manifestiert sich in der Qualität des Erlebens. Diese Erlebensqualitäten, auch "Qualia" genannt, unterscheiden sich von quantitativen Messungen der objektiven Realität. Das Erleben hängt von den Motiven und Zielen des Individuums ab, die den Erfahrungen ihre individuelle Bedeutung verleihen. Subjektive Realität entwickelt sich entlang von Motivrelevanz und Zielabhängigkeit, die im Selbst begründet sind. Diese Realität besitzt eine maximale Einzigartigkeit und Individualität, die nicht direkt an andere Personen kommuniziert oder von Außenstehenden bestätigt werden kann. Die Nicht-Bestätigbarkeit führt dazu, dass man das subjektive Erleben nie in seiner Gültigkeit überprüfen kann. Subjektives Erleben ist immer eine konstruierte Form der Realität und daher durch einen aktiven Beitrag des jeweiligen Individuums bei der Wahrnehmung angereichert. Die Welt der subjektiven Erfahrungen entsteht aus dem Bezug zum eigenen Selbst, seinen Zielen und deren Sinn- und Bedeutungszuschreibungen bei der Wahrnehmung. Dies vollzieht sich messtheoretisch durch Introspektion. Bei einer rein subjektiven Messung verschmelzen das Messinstrument (MI) und das Messobjekt (MO) zu einer untrennbaren Einheit, sodass MI = MO gilt. Der Konstruktionscharakter des subjektiven Erlebens führt dazu, dass objektiv gleiche Gegebenheiten je nach Individuum unterschiedlich erlebt werden können. Diese Unterschiede sind in der Autonomie und der Nicht-Bestätigbarkeit der Qualia begründet. Kommunikation über subjektive Erfahrungen ist schwierig, daher werden objektive Messungen verwendet, um Konflikte und Widersprüche zu vermeiden. Um den motivationalen Impuls, der vom Individuum ausgeht und Einfluss auf die Umgebung ausübt, zu verstehen und formal beschreiben zu können, müssen Konzepte aus der Informationstheorie betrachtet werden. Die pragmatische Information Im Bereich der Informationstheorie gibt es unterschiedliche Definitionen für das Konstrukt "Information". Claude Shannon ist bekannt für die Quantifizierung der übertragenen Information bei einer Nachricht, wobei die kleinste Einheit das "Bit" ist. Allerdings erfasst diese Beschreibung nicht die Bedeutung und Wirkung von Informationen, die im Alltag relevant sind. Ernst von Weizsäcker führte daher eine Erweiterung des Informationsbegriffs ein, die die Wirkung (Pragmatik) von Informationen miteinschließt. In seiner Konzeption dienen Nachrichten in der Kommunikation dazu, beim Empfänger eine Veränderung zum Zwecke der Handlungsgenerierung zu erzielen. Die Definition der pragmatischen Information muss daher zwei Elemente enthalten: Eine Komponente, die das Absichtselement beschreibt (Erstmaligkeit, E), und eine weitere Komponente, die die Übertragung der Absicht vom Sender zum Empfänger formalisiert (Bestätigung, B). Erstmaligkeit umfasst den Teil einer Information, der vom Sender individuell und autonom erzeugt wird und für den Empfänger neuartig ist. Bestätigung hingegen ist der Informationsanteil, der von Sender und Empfänger im Vorhinein geteilt wird und die gemeinsame Basis ihrer Kommunikation bildet. B ist allgemeingültig, intersubjektiv übereinstimmend und zeitlich stabil. Bei der Kommunikation gibt es eine Wechselwirkung zwischen Erstmaligkeit und Bestätigung. Zu viel Erstmaligkeit kann zu Missverständnissen führen, während zu viel Bestätigung Redundanz erzeugt. Eine gelungene Kommunikation zeichnet sich durch ein ausgewogenes Verhältnis von E und B aus. Die subjektive Realität und die pragmatische Information in Beziehung zueinander Subjektive Realität und pragmatische Information sind eng miteinander verknüpft. Die subjektive Realität stellt den individuellen Erfahrungshintergrund und die Bedeutungszuschreibung bei der Interpretation von Informationen dar (= Erstmaligkeit). In der Kommunikation von Informationen ist es von zentraler Bedeutung, dass die subjektive Realität von Sender und Empfänger in ausreichendem Maße übereinstimmt. Die Bestätigung (B) stellt dabei die gemeinsame Basis dar, auf der Kommunikation erfolgreich verlaufen kann. Gleichzeitig ist es wichtig, Raum für Erstmaligkeit (E) zu lassen, um individuelle Perspektiven und Erfahrungen zu teilen und somit die eigene subjektive Realität und die der anderen zu erweitern. Pragmatische Information kann als Brücke zwischen subjektiver Realität und objektiver Realität betrachtet werden. Indem wir unsere subjektive Realität in Form von Information kommunizieren, tragen wir dazu bei, ein gemeinsames Verständnis der Welt und eine gemeinschaftliche Realität zu schaffen. Fazit Subjektive Realität und pragmatische Information sind zwei zentrale Konzepte, die uns dabei helfen, die Vielschichtigkeit unserer Erfahrungen und Kommunikationsprozesse besser zu verstehen. Die subjektive Realität bezieht sich auf die individuellen, qualitativen Aspekte unseres Erlebens, während pragmatische Information den Austausch von Bedeutungen und Absichten in der Kommunikation beschreibt. Ein ausgewogenes Verhältnis von Erstmaligkeit und Bestätigung ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation, die zur Erweiterung und Veränderung unserer subjektiven Realität beiträgt. In diesem Sinne ist das Verständnis der Zusammenhänge zwischen subjektiver Realität und pragmatischer Information von grundlegender Bedeutung für unser soziales Miteinander und unsere individuelle Entwicklung. Die Beziehung zwischen Erstmaligkeit und Bestätigung Die pragmatische Information, wie sie von von Weizsäcker beschrieben wird, beinhaltet zwei Schlüsselelemente, Erstmaligkeit (E) und Bestätigung (B), die multiplikativ und komplementär miteinander verknüpft sind. Dieses Konzept kann sowohl in der Kommunikation als auch in der Messung angewendet werden und bietet interessante Einblicke in die Unterschiede zwischen subjektiver und objektiver Realität. Diese Beziehung wird durch die folgende Formel zum Ausdruck gebracht: Ipragmatisch = E ○ B. Sie bedeutet, dass pragmatische Information sich aus dem multiplikativen und komplementären Produkt von Erstmaligkeit und Bestätigung zusammensetzt. In der Kommunikation ist die Erstmaligkeit das neue Element in einer Nachricht, während die Bestätigung das bekannte Element darstellt. Eine ideale Kommunikation enthält sowohl Neues als auch Bekanntes in einem ausgewogenen Verhältnis. Dies kann jedoch problematisch sein, wenn entweder die Erstmaligkeit oder die Bestätigung zu stark überwiegt oder extreme Werte annimmt, wodurch die pragmatische Information reduziert wird und weniger Wirkung beim Empfänger erzeugt. Dr. Walter von Lucadou hat das Konzept der pragmatischen Information auf die Messtheorie angewendet, indem er den Empfänger aus der Kommunikationssituation durch die materielle Umgebung ersetzt. Dieser Informationsaustausch zwischen Individuum und Umgebung wird als Messung bezeichnet. Willentliche Beeinflussung der materiellen Umgebung wäre demnach der Austausch von pragmatischer Information im Rahmen einer Messung. Subjektive Wahrnehmung entsteht, wenn das Selbst seine eigene Realität durch motivationale Faktoren konstruiert. Diese Konstruktion ist durch eine maximale Erstmaligkeit geprägt (E max) , die nicht bestätigt werden kann (B = 0). Objektive Messung hingegen ist durch passives Registrieren gekennzeichnet und erlaubt eine maximale Bestätigung (B max) ohne erstmalige, individuelle Beiträge (E = 0). Die Quantenphysik hat jedoch gezeigt, dass die Annahme einer messunabhängigen Realität nicht korrekt ist. Dies hat das objektive Weltbild der Physik erschüttert, aber nicht vollständig zerstört. Die Rolle der Messung bei der Realitätsentstehung und die Erhaltung der Objektivität sind weiterhin Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung und Diskussion. Abbildung 1: Ausmaß der pragmatischen Information in Abhängigkeit von E und B Zusammenfassend kann man sagen, dass die pragmatische Information und ihre beiden Elemente, Erstmaligkeit und Bestätigung, sowohl in der Kommunikation als auch in der Messung eine wichtige Rolle spielen. Sie bieten ein Verständnis für die Unterschiede zwischen subjektiver und objektiver Realität und zeigen, wie Individuen sowohl ihre eigene Realität konstruieren als auch die objektive Realität wahrnehmen und beeinflussen können. Die Anwendung der pragmatischen Information auf die Messtheorie liefert ein interessantes Modell für das Verständnis von Realitätskonstruktionen und deren Beeinflussung durch individuelle Motivationen und Absichten. Messung als pragmatischer Informationsprozess Von Weizsäckers Konzept der pragmatischen Information beschreibt den Willensimpuls zwischen Sender und Empfänger in Kommunikationskontexten. Um den Einfluss von subjektivem Wollen auf objektive Realität ähnlich zu beschreiben, ersetzen wir den Empfänger durch die materielle Umgebung. Dieser Informationsaustausch zwischen Individuum und Umgebung ist als Messung bekannt. Dr. Walter von Lucadou erweiterte das Konzept der pragmatischen Information in seinem Modell der pragmatischen Information (MPI), um parapsychologische Phänomene wie Telepathie und Psychokinese zu erklären. Das MPI basiert auf einer erweiterten Quantentheorie und fokussiert makroskopische Verschränkungskorrelationen zwischen Geist und Materie bei bewussten Beobachtungen. Subjektive Messung, also aktive Realitätskonstruktion (MI = MO), und objektive Messung, also passives Registrieren (MI ≠ MO), wurden formalisiert. Subjektive Wahrnehmung kreiert eine individuelle Realität, die als pragmatische Information mit maximalem Erstmaligkeitsanteil beschrieben werden kann. Dies führt zu einer Nicht-Kommunizierbarkeit von Qualia, einem charakteristischen Merkmal von Subjektivität. Objektive Realität wird als messunabhängig angesehen, und ihre Erfassung erfolgt durch passives Registrieren (MI ≠ MO). Objektive Messungen sind durch maximale Bestätigbarkeit gekennzeichnet, die aufgrund der Annahme einer messunabhängigen Grundlage und regelhafter Naturgesetze erreicht wird. Quantenphysik zeigte im 20. Jahrhundert, dass die Annahme einer messunabhängigen Realität nicht korrekt ist, und erschütterte das objektive Weltbild der Physik. Dennoch wurde das objektive Weltbild nicht vollständig zerstört. Die Rolle der Messung bei der Realitätsentstehung und die Rettung der Objektivität sind wichtige Erkenntnisse der Quantenphysik. Messung in der Quantenphysik und (zufällige) Objektivität Die Quantenphysik entstand 1900 durch Max Plancks Entdeckung der Quantisierung von Strahlungsenergie. Sie beschreibt das Verhalten von Photonen, Elektronen und anderen Kleinstphänomenen. Die Kopenhagener Deutung, unterstützt von Bohr, Heisenberg und Jordan, besagt, dass erst der Akt der Messung Realität erzeugt. Realität beginnt, wenn das Messinstrument ein Ergebnis anzeigt. Ein Elektron befindet sich vor einer Messung in einer Superposition. Die Wellengleichung, entdeckt von Erwin Schrödinger, beschreibt alle möglichen Ortszustände eines Elektrons. Durch Messung findet man das Elektron an einem der potentiellen Orte. Vor der Messung gibt es laut Kopenhagener Deutung keine Realität, sie wird erst durch Messung etabliert. Daher ist Messung in der Quantenphysik keine passive Registrierung, sondern das Erzeugen einer Realität aus vorher unbestimmten Möglichkeiten. Das Doppelspaltexperiment zeigt die erstaunliche Tatsache der Superposition und des Welle-Teilchen-Dualismus. Elektronen erzeugen ein Interferenzmuster, das auf ihre Wellennatur hindeutet. Führt man eine Messung durch, verschwindet das Interferenzmuster und das Elektron wird an einem der Spalte entdeckt. Realität entsteht also erst durch den Akt der Messung. Dies kommt einer subjektiven Realitätskonstruktion durch Messung sehr nahe. Die Objektivität von Messungen bleibt jedoch trotz konstruierender Messung erhalten, da jedes Messergebnis im Quantenkontext rein zufällig entsteht. Die Wahrscheinlichkeit, das Elektron an Spalt 1 oder 2 zu entdecken, ist jeweils 50%. Die Wahrscheinlichkeiten können nach Max Born aus der Wellengleichung errechnet werden. Die Quantenphysik hat unsere Vorstellung von objektiver Realität erschüttert – es gibt keine a priori Realität vor der Messung. Objektivität bei der Messung wird folglich nicht durch Trennung von MI und MO erreicht, da sie nicht möglich ist, sondern durch ontischen Quantenzufall, der willentliche Konstruktion bei der Messung verhindert. Kausale Geschlossenheit bleibt erhalten, ergänzt durch Unbestimmtheit und Berechenbarkeit von Wahrscheinlichkeiten. Es gibt alternative Interpretationen wie die Viele-Welten-Theorie von Hugh Everett oder die Theorie der verborgenen Parameter von David Bohm und Louis de Broglie. Allerdings bleibt die ontische Zufallsabhängigkeit des Messergebnisses erhalten. Das Messproblem in der Quantenphysik bleibt ungelöst. Das aus den Quantenformalismen abgeleitete und empirisch gut dokumentierte ontische Zufallsprinzip ist die theoretische Begründung für die Objektivität der physikalischen Realität und den Erhalt von Bmax in der physikalischen Forschung. Alle Ereignisse innerhalb dieser objektiven Realität entfalten sich in der Zeit entlang von Naturgesetzen und echtem Zufall. Eine Erweiterung des Realitätsdualismus Subjektiv-Objektiv: Die sobjektive Realität Der Realitätsdualismus Subjektiv-Objektiv besagt, dass es eine objektive Realität und eine subjektive Realität gibt. In der objektiven Realität sind Phänomene kausal determiniert, während in der subjektiven Realität freie Willensimpulse entstehen können. Die pragmatische Information offenbart jedoch, dass in beiden Realitäten die Existenz eines freien Willens nicht zulässig ist, da in beiden die pragmatische Information Null ist. Um den freien Willen in unser Realitätsverständnis zu integrieren, müssten wir den Realitätsdualismus überwinden. Eine Realität, in der freie Willensimpulse Einfluss auf die materielle Umwelt nehmen können, benötigt eine pragmatische Information größer Null. Diese sogenannte "sobjektive Realität" liegt zwischen der subjektiven und objektiven Realität und kann autonome Wirkung entfalten sowie der Umwelt mitgeteilt werden. Sobjektive Realität kann nicht vollständig objektiv nachgewiesen werden, ist aber auch nicht vollständig subjektiv. Sie stellt eine Art Kontinuum dar, in dem Phänomene existieren, die auf willentlichen Impulsen basieren und gewollte Realitätskonstruktionen darstellen. Sobjektive Realitätsaspekte sind weder individuell noch allgemein gültig, sondern „weitestgehend“ gültig. Die Unus-Mundus-Theorie von Wolfgang Pauli und Carl Gustav Jung bietet ein Modell, in dem eine Vorrealität die Grundlage für subjektive und objektive Realität bildet. In diesem Modell kann das objektive Sein und dessen subjektives Erleben durch gewollte Realitätskonstruktionen erzeugt werden, deren realitätsbildende Wirkung aber nie vollständig bewiesen, jedoch teilweise bestätigt werden kann. Der ontische Zufall kann in Abwesenheit eines wollenden Impulses diese Rolle übernehmen. Das Unus Mundus Modell der Realität von Pauli und Jung Das Unus Mundus Modell der Realität wurde entwickelt, um die Wechselwirkung von Geist und Materie zu beschreiben. Es konzentriert sich auf den psychophysischen Parallelismus und erklärt, wie geistige Impulse die materielle Welt verändern können. Es gibt zwei Hauptprobleme, die ein reiner Realitätsdualismus nicht lösen kann: 1) Die Entstehung von bewussten Erlebnisinhalten (Qualia) aus der materiellen Substanz des Gehirns und 2) die Wirkungsrichtung von Geist auf das Gehirn oder Materie. Diese Probleme werden von Philosophen wie Thomas Nagel, Joseph Levine und David Chalmers betont. Wolfgang Pauli, ein Quantenphysiker, und Carl Gustav Jung, ein Arzt und Psychotherapeut, entwickelten ein Modell, das diese Erklärungslücken schließt. Sie nannten es das Unus Mundus Modell (UMM) der Realität. Im UMM gehen sie davon aus, dass bewusstes Erleben (Geist) und materielle Umwelt (Materie) beide aus einer gemeinsamen Ursache, der sogenannten Unus Mundus, hervorgehen. Die Unus Mundus ist eine Form von Realität, die vor dem bewussten Erleben und vor der klassischen materiellen Realität existiert und dieser zugrunde liegt. Die Unus Mundus beinhaltet Vorformen von bewussten Erlebnisinhalten und vormaterielle Zustände. Diese bilden Möglichkeitsräume, sogenannte Potentialitäten, und werden als Potentialraum oder Preality bezeichnet. Im UMM werden zwei Arten von Prozessen unterschieden, die die Wechselwirkung von subjektivem Erleben und objektiv-materieller Realität beschreiben: strukturelle und induzierte Korrelation. Strukturelle Korrelation bezieht sich auf das passiv registrierende Bewusstsein, bei dem der Quantenzufall entscheidet, welche potenziellen Realitäten real werden. Dies entspricht dem Realitätsdualismus und liefert eine objektive Realität, die kausal geschlossen ist. Induzierte Korrelation hingegen beschreibt einen wollenden Einfluss eines Individuums, der in seinem bewussten Geist seinen Ausgang nimmt und die Entstehung einer bestimmten objektiven Realität erzeugen möchte. Der subjektive Willensimpuls überträgt sich dabei über die Unus Mundus in die objektive Realität. Da die Unus Mundus aus kombinierten Elementen mit vorgeistigen und vormateriellen Anteilen besteht, kann der geistig induzierte Willensimpuls an diese anknüpfen und die materiellen Aspekte beeinflussen. Die induzierte Korrelation ist eine willentliche Realitätskonstruktion und erreicht nicht den vollen Umfang von Objektivität aufgrund der reduzierten Bestätigbarkeit. Diese Realitäten werden daher als sobjektive Realitäten bezeichnet. Nach Pauli und Jung sind die Resultate einer induzierten Korrelation volatil und verschwinden im Quantenzufallsrauschen, sobald der willentliche Einfluss nachlässt. Sie sind jedoch für das Individuum, das sie erzeugt hat, von Bedeutung und können unter bestimmten Umständen auch für andere wahrnehmbar sein. Diese sobjektiven Realitäten können sich manifestieren, wenn genügend Personen auf eine gemeinsame Potentialität ausgerichtet sind, wie es beispielsweise in Gruppenphänomenen oder kulturellen Trends zu beobachten ist. Das Unus Mundus Modell bietet einen erweiterten Rahmen für das Verständnis von Geist-Materie-Interaktionen. Es zeigt auf, dass die physische und mentale Welt nicht voneinander getrennt sind, sondern ineinander verwoben und aus einer gemeinsamen Quelle entspringen. Dieses Modell öffnet Möglichkeiten für eine integrative Forschung in den Bereichen Philosophie, Psychologie und Physik und erlaubt es, bisher unerklärte Phänomene wie Synchronizität, Intuition und Kreativität besser zu verstehen. Die Theorie hat allerdings auch ihre Kritiker, die argumentieren, dass die Unus Mundus schwer fassbar und schwer zu erforschen ist, da sie jenseits der konventionellen physikalischen und psychologischen Realitäten liegt. Trotz dieser Kritik bietet das Unus Mundus Modell einen fruchtbaren Boden für Diskussionen und weitere Forschung, die das Verständnis von Geist und Materie vertiefen und erweitern können. Abbildung 2: Die Unus Mundus Theorie Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Unus Mundus Modell der Realität von Pauli und Jung ein bedeutender Beitrag zur Debatte über das Verhältnis von Geist und Materie ist. Es bietet eine alternative Perspektive auf die klassischen Dualismen und ermöglicht neue Einblicke in die Natur der Realität, indem es zeigt, dass Geist und Materie untrennbar miteinander verbunden sind und aus einer gemeinsamen Quelle, der Unus Mundus, hervorgehen. Während das Modell weiterhin diskutiert und erforscht wird, bleibt es ein faszinierendes und vielversprechendes Konzept für die Erforschung der Geheimnisse des menschlichen Geistes und der materiellen Welt, in der wir leben. Induzierte Korrelation als selbsterfüllende Prophezeiung Induzierte Korrelation in Pauli und Jungs Unus Mundus Modell (UMM) zeigt Parallelen zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Eine induzierte Korrelation entsteht, wenn eine motivgeleitete, bewusste Wahrnehmung eines Individuums auf eine mögliche zukünftige Realität gerichtet ist, wodurch die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass diese Realität eintritt. Emotionen und Überzeugungen spielen dabei eine zentrale Rolle bei der Realitätskonstruktion. Willentliche Impulse entstehen in Situationen, die für eine Person von Motivrelevanz gekennzeichnet sind. Diese Impulse sind motiv-geleitete Etablierungen von emotional repräsentierten Erwartungen bezüglich zukünftiger Realitäten. Die induzierte Korrelation beginnt mit einem willentlichen Impuls im Bewusstsein eines Individuums, der eine Aufforderung an den Potentialraum formuliert, eine bestimmte Realität wahrscheinlicher als der Zufall werden zu lassen. Emotionale Transgression bezeichnet den Kommunikationsprozess zwischen dem bewussten Selbst und dem unbewussten Potentialraum. Dabei ist die emotionale Überzeugung, die in einer sprachlichen Kodierung enthalten ist, das einzige Element, das die Grenze zum Unbewussten überschreiten kann. Diese emotionale Erwartung beeinflusst anschließend die Realitätskonstruktion. Es gibt zwei grundsätzliche emotionale Tendenzen bei Erwartungen über zukünftige Verläufe: Optimistische und pessimistische. Optimistische Erwartungen sind von Hoffnung geprägt, wohingegen pessimistische Erwartungen von Ängsten dominiert werden. Die in den Emotionen kodierten impliziten Überzeugungen aktivieren dann die entsprechenden Potentialitäten in der Unus Mundus und machen sie wahrscheinlicher. Das Unus Mundus Modell von Pauli und Jung legt nahe, dass bei willentlichen Impulsen verschiedene Aspekte zu beachten sind. Zum einen geht die Theorie davon aus, dass der Willensimpuls, der in der subjektiven Realität des Bewusstseins einer Person initiiert wird, sich nicht direkt in eine objektive Realisierung umsetzen lässt. Stattdessen kann sich der Willensimpuls nur über das Unbewusste materiell realisieren lassen. Das bedeutet, dass das Unbewusste in angemessener Form mit einbezogen werden muss. Diese Einbeziehung besteht in der Beachtung der emotionalen Transgression, die besagt, dass man die unbewussten Potentialitäten emotional adressieren muss. Dies geschieht bei motiv-relevanten Beobachtungen, in denen willentliche Impulse allein auftreten, automatisch. Daher ist es wichtig, genau zu analysieren, welche emotionale Überzeugung dem aktuellen Willensimpuls zugrunde liegt und diesen im Falle einer pessimistisch-ängstlichen Haltung zu korrigieren. Außerdem vollzieht sich der Transfer von der geistigen in die materielle Welt über die pragmatische Information, die besagt, dass willentlich induzierte Realitätskonstruktionen nur reduziert objektiv sind, also sogenannte sobjektive Realitäten darstellen. Die Komplementaritätsbeziehung von E und B in der Formel der pragmatischen Information zeigt, dass eine Objektivierung und Maximierung von B zu einem E von Null führt, wodurch der Einfluss des willentlichen Impulses verschwindet und der Quantenzufall dominiert. Daher sollte man Abstand davon nehmen, den Erfolg der eigenen Intention beim willentlichen Handeln zu dokumentieren, da dies die Effektivität zerstört und man seine Autonomie verliert, sich stattdessen vom Zufall abhängig macht. Die motivationspsychologischen Konsequenzen des Unus Mundus Modells von Pauli und Jung stimmen mit vielen Erkenntnissen aus der Praxis überein. Dennoch handelt es sich bisher nur um theoretische Darstellungen, die teilweise zirkulär wirkende Argumentationen enthalten. Um diese Theorien weiter zu untermauern, werden nun ausgewählte empirische Befunde vorgestellt und interpretiert. Empirische Belege für induzierte Korrelationen: Mikro-Psychokinese Induzierte Korrelationen im Unus Mundus Modell (UMM) betreffen die Veränderung von Quantenwahrscheinlichkeiten durch motivgeleitete, bewusste Beobachtungen. In der Parapsychologie wird dies als Mikro-Psychokinese (Mikro-Pk) bezeichnet. Untersuchungen dazu begannen mit Joseph Rhine in den 1940er Jahren und wurden in den 1970er Jahren von Helmut Schmidt durch quantenbasierte Zufallsgeneratoren (QRNGs) fortgesetzt. Ein typischer Versuchsaufbau nutzte QRNGs, um eine Zahlenkodierung zu erzeugen, die dann zu sensorischen Ereignissen führte, welche die Versuchsperson bewusst wahrnahm. Die Aufgabe bestand darin, die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bestimmter Ereignisse intentionell zu beeinflussen. Frühe Befunde zeigten, dass Versuchspersonen die Wahrscheinlichkeit für intentionskongruente Ausgänge beeinflussen konnten. Weitere Forschungen bestätigten intentionale Einflüsse auf den Quantenzufall, jedoch zeigten sich bei direkten Replikationsversuchen auch Nullbefunde. Einige Forscher argumentieren, dass Mikro-Pk-Effekte einer Objektivierung durch direkte Replikation entzogen scheinen. In einer Arbeitsgruppe an der LMU München wurden empirische Befunde zu induzierten Korrelationen untersucht, wobei die Rolle des Unbewussten, die emotionale Transgression und die Möglichkeit indirekter Bestätigung betrachtet wurden. Die vorgeschlagene Lösung des Dilemmas der Nicht-Objektivierbarkeit besteht darin, eine kontinuierliche Auffassung von Subjektivität versus Objektivität anzunehmen. Induzierte Korrelationen könnten mit reduzierter Objektivität nachgewiesen werden, die zwar nicht den maximalen Standards des naturwissenschaftlichen Nachweises entspricht, aber immer noch einen ausreichend hohen Bestätigungsgrad besitzt. Induzierte Korrelation bei Rauchern In dieser Studie wurden Raucher und Nichtraucher mittels eines Mikro-Pk Experiments verglichen. Den Teilnehmern wurden über einen QRNG Bilder mit Zigaretten oder neutrale Bilder gezeigt, um zu untersuchen, ob das Wollen von Rauchern Einfluss auf die Realität hat. Es wurde festgestellt, dass Raucher weniger Raucherbilder als erwartet sahen, während bei Nichtrauchern ein reiner Quantenzufall beobachtet wurde. Dieses Ergebnis deutete darauf hin, dass das Wollen der Raucher eine Realitätskonstruktion aus den möglichen Quantenpotentialitäten bewirken kann. In einer Replikationsstudie zeigte sich jedoch bei den Rauchern ein Nullbefund, was darauf hindeutet, dass die Ergebnisse der ersten Studie nur per Zufall zustande kamen. Um diese widersprüchlichen Interpretationen gegeneinander zu prüfen, wurden 10.000 Simulationen durchgeführt, die mögliche Effektverläufe über die beiden Studien hinweg künstlich erzeugten. Es zeigte sich, dass ein so ungewöhnlicher Effektverlauf per Zufall in weniger als 5% der Fälle auftreten kann. Dies bedeutet, dass man einen durch direkte Replikation nicht objektivierbaren Effekt der induzierten Korrelation bei Rauchern durch eine reduzierte Objektivität belegen kann. Das Ergebnis des willentlichen Impulses von Rauchern auf eine mit ihren emotionalen Überzeugungen korrespondierende Realitätswerdung lässt auf eine Realitätsform schließen, die zwischen einer rein subjektiven und einer vollkommen objektiven Realität liegt und die man daher als sobjektiv-real bezeichnen kann. Mit dieser Erkenntnis wird der Realitätsdualismus erweitert, indem neben einer Realitätsentwicklung, die (quasi)-deterministisch seit dem Urknall unser Sein bestimmt, auch ein individuelles und autonomes Wollen Realität entstehen lassen kann. Induzierte Korrelationen und die Rolle der Objektivität bei der Datenerhebung Eine Studienreihe untersuchte die Möglichkeit, eine positive Realität mit Hilfe einer induzierten Korrelation zu erzeugen und die Auswirkungen des Objektivitätsgrads der Datenerhebung auf die Nachweisbarkeit eines solchen Effekts. Probanden wurden auf positive und negative Bilder unter subliminalen und neutralen Bedingungen geprimt, um eine induzierte Korrelation in der Priming-Bedingung zu erzeugen. Die Ergebnisse der ersten Studie zeigten vorläufige Evidenz für eine induzierte Korrelation in der Priming-Bedingung, jedoch nicht in der Kontrollbedingung. Die Teilnehmer sahen mehr positive Bilder als per Zufall erwartet. Zwei nachfolgende Studien ergaben jedoch keine Abweichung vom Zufall in allen Bedingungen. Was die Nicht-Objektivierbarkeit des Phänomens unterstreicht. Um den Einfluss der Bestätigungsmaximierung auf induzierte Korrelationen zu überprüfen, wurde eine weitere Studie durchgeführt. Hier wurden neben objektiven Daten auch subjektive Erinnerungsdaten verwendet, um die Anzahl der gesehenen positiven Bilder zu erfassen. Es zeigte sich, dass die Verfügbarkeit von objektiven Daten dazu führte, dass der Quantenzufall die Realitätsgestaltung determinierte und kein Einfluss des Willens der Teilnehmer auftrat. Interessanterweise zeigten die subjektiven Daten eine gute Schätzung für die objektive Anzahl der gesehenen positiven Bilder. In der Teilgruppe, in der nur subjektive Daten zur Verfügung standen, da die objektiven Daten gelöscht wurden, zeigte sich sehr starke Evidenz für den Effekt einer induzierten Korrelation. Die Ergebnisse dieser Studien machen deutlich, dass der Wunsch nach einer positiven Realität unterstützt durch unbewusste Aktivierungen eine solche Realität wahrscheinlicher macht. Das Unus Mundus Modell erklärt, dass eine kausale Einwirkung durch einen bewusst initiierten Willensimpuls in der subjektiven Realität auf eine objektive materielle Realität über einen unbewussten Potentialraum erfolgt. Willensakte werden daher als aktive Realitätskonstruktionen durch motiv-geleitete Beobachtung verstanden. Solche Impulse können aber nicht durch Objektivierung final bestätigt werden. Die empirischen Befunde und theoretischen Ausführungen haben motivationspsychologische Implikationen für absichtsvolles Handeln. Eine Absicht sollte vorab auf ihre zugrundeliegende emotionale Überzeugung hin analysiert werden, um das Unbewusste mit einzubeziehen. Sobald eine gewünschte Realität erzeugt wurde, sollte die Effektivität der Absicht nicht objektiviert werden, um deren Wirksamkeit nicht zu zerstören. Sollten unerwünschte Absichten vorherrschen, sollte der Erfolg dieser Absichten objektiviert werden, um die Wirksamkeit des motivationalen Impulses zu zerstören. Die Organisation der Unus Mundus ist eine kollektive Realitätsebene, auf der individuelle Einflüsse reduziert werden müssen, um eine realitätskonstruierende Wirksamkeit zu erreichen. Motivationspsychologische Konsequenzen des Unus Mundus Modells, des Willensimpulses (induzierte Korrelation) und ihrer reduzierten Objektivierbarkeit Die Motivationspsychologie untersucht, wie bewusste Absichten in Handlungen übergehen und Handlungsziele erreicht werden. Traditionelle Theorien implizieren einen kausalen Mechanismus zwischen geistigen und materiellen Phänomenen, was jedoch nicht logisch konsistent ist, da sie den Transfer von subjektiven in objektive Realitäten ignorieren. Das Unus Mundus Modell bietet eine alternative Perspektive, die die Verbindung zwischen subjektiver und objektiver Realität ermöglicht. Nach diesem Modell wirkt ein bewusst initiierter Willensimpuls in der subjektiven Realität eines Individuums auf eine objektive materielle Realität durch einen unbewussten Potentialraum, der mit Quantenrealitäten gefüllt ist. Motiv-geleitete Messung ersetzt absichtsvolles Handeln und ermöglicht die Realisierung von möglichen Realitäten im Potentialraum. Hier sind einige Empfehlungen für absichtsvolles Handeln basierend auf dem Unus Mundus Modell: Analysieren Sie Ihre Absicht im Hinblick auf die zugrundeliegende emotionale Überzeugung. Emotionale Erwartungen beeinflussen, welche unbewussten Potenziale angesprochen werden. Vermeiden Sie die Verifizierung der Effektivität Ihrer Absicht, um ihre Wirksamkeit zu erhalten. Glauben Sie an die Wirkung Ihrer Absicht, ohne sie objektiv zu quantifizieren. Objektivieren Sie den ungewünschten Erfolg einer unerwünschten Absicht, um deren Wirksamkeit zu zerstören. Nutzen Sie die kollektive Natur der Unus Mundus, indem Sie sich mit anderen Individuen verbinden, die ähnliche Absichten haben. Beachten Sie jedoch das Objektivierungsverbot und schützen Sie sich vor gegenläufigen Absichtsträgern. Beziehen Sie bei spirituellen oder religiösen Überzeugungen nichtmenschliche Entitäten in Ihren Willensimpuls mit ein. Das Verständnis dieser Empfehlungen setzt die Kenntnis der theoretischen Grundlagen und empirischen Befunde voraus. Durch deren Verinnerlichung kann das Unus Mundus Modell dazu beitragen, absichtsvolles Handeln effektiver zu gestalten. (Un)Vereinbarkeit von Spiritualität/Religion und Naturwissenschaften Die Vereinbarkeit von Spiritualität bzw. Religion mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild ist ein interessanter metaphysischer Aspekt im Zusammenhang mit dem Unus Mundus Modell. Viele spirituelle und religiöse Strömungen gehen von wollenden Entitäten aus, die Realität erschaffen und mitgestalten. Dies steht im Gegensatz zur kausaldeterminierten, objektiven physikalischen Realität der Naturwissenschaften. In der naturwissenschaftlichen Beschreibung gibt es keinen Raum für autonome, willentliche Impulse. Naturgesetze, einschließlich der Quantenphysik, würden ihren Status verlieren, wenn solche willentlichen Einflüsse existierten. Somit sind spirituelle oder religiöse Auffassungen von permanent einflussnehmenden Entitäten unvereinbar mit dem naturwissenschaftlichen Realitätsbild. Die empirischen Befunde zum Unus Mundus Modell lassen jedoch eine alternative Interpretation der physikalischen Datenlage zu. Unsere Experimente zeigen, dass eine kausal geschlossene, objektive physikalische Realität eine Funktion der Objektivität der Messung ist. Bei einer reduziert objektiven und durch individuelle Überzeugungen verzerrten Messung zeigt sich Evidenz für ein realitätsgestaltendes Wollen. Es stellt sich die Frage, ob die kausale Geschlossenheit und der berechenbare Quantenzufall nicht durch eine passive Registrierung als objektiv real bestätigt werden, sondern die Fokussierung auf objektive Bestätigung diese als objektiv real suggeriert. Die Art der messtheoretischen Betrachtung erzeugt möglicherweise das Weltbild und seine empirischen Beweise. Bei weniger objektiver, aber empirisch überzeugender Betrachtung zeigen sich Einflüsse eines wollenden Geistes. Spiritualität/Religion und Naturwissenschaft beruhen möglicherweise auf unterschiedlichen Vorannahmen, die durch den angewandten Messvorgang gemacht werden und könnten somit miteinander vereinbar sein.

  • Denken für die Krise

    In den letzten Jahren ist unser Leben durch große Krisen nachhaltig verändert worden. Wenn man 15 Jahre zurückblickt, hätten viele von uns weder die Kreditkrise, noch die Eurokrise, den Brexit, die Corona-Pandemie oder den Ukrainekrieg erwartet. Selbst wenn es deutlich Anzeichen gibt, erwarten wir oft, dass unser Leben weiter seinen gewohnten Gang geht. Wir sind dann von der Dynamik von Krisen oft völlig überrascht. Bei unserem Livestream Day Of Science fragen wir uns, wie unsere Gehirne mit solchen Herausforderungen umgehen. Wo sind unsere Schwachstellen? Und wo können wir lernen uns zu verbessern? Inhaltsverzeichnis 1. Warum wir so häufig auf Routinen angewiesen sind 2. Das menschliche Verhalten in Krisensituationen 3. Prognosen und Entscheidungen 4. Wahrscheinlichkeiten Denken an die Krise Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind in einer fremden Stadt unterwegs. Plötzlich verspüren Sie Hunger, es wird Zeit etwas zu essen. Sie sehen ein Restaurant, gehen hinein und setzen sich an einen Tisch. Nach kurzer Zeit kommt eine Kellnerin und bringt Ihnen die Speisekarte. Die Gerichte sind Ihnen vielleicht nicht vertraut, aber Sie schaffen es trotzdem sich etwas Vielversprechendes auszusuchen. Sie halten nach der Kellnerin Ausschau, geben ihr ein Zeichen, sie kommt zurück und Sie bestellen Ihr Essen. Kurze Zeit später wird es an Ihren Tisch gebracht. Sie nehmen das Besteck, das bereitliegt, und essen den Teller leer. Dann kommt die Kellnerin zurück, räumt ab, Sie bestellen die Rechnung, bezahlen und gehen ihrer Wege. 1. Warum wir so häufig auf Routinen angewiesen sind Diese ganzen Details bei dem Restaurantbesuch folgen einem festen Skript, dabei ist es fast egal in welches Land Sie reisen. Auch in einem fremden Land bringt man nicht zuerst das Essen und dann die Speisekarte. Das Skript, dem wir alle in solchen Situationen folgen, haben wir von klein auf gelernt. Wenn wir in ein Restaurant gehen sind wir nicht etwa unsicher, was uns erwartet, sondern völlig routiniert. Wir müssen nicht wenn wir ins Restaurant kommen ganz intensiv darüber nachdenken, wie man mit so einer Situation umgeht. Wir haben eine Routine, und die hat sich seit unserer Kindheit immer mehr ausdifferenziert. Routinen helfen uns mit vielen Alltagsituationen, die immer wieder dem gleichen Schema folgen, sicher umzugehen, ohne unsere ganze Aufmerksamkeit zu absorbieren. Selbst für kompliziertere Situationen in Restaurants haben wir feste Routinen ausgebildet. Als wir das erste Mal zu einem Galadinner eingeladen waren, waren wir vielleicht überwältigt von dem vielen Besteck das vor uns lag, von den vielen Gläsern und Tellern. Inzwischen wissen wir, dass man das Besteck von außen nach innen benutzt und dass der Brotteller zur Linken der unsere ist und die Gläser zur Rechten. Wir haben für unzählige Alltagssituationen solche Routinen ausgebildet. Am eindrucksvollsten kann man dies beim Autofahren beobachten. Denken Sie an das erste Mal zurück als sie mit dem Fahrlehrer in ein Auto eingestiegen sind. Der Lehrer hat Ihnen alles erklärt, die Fußpedale, das Lenkrad, den Blinker, den Scheibenwischer, die Spiegel und die Handbremse. Trotz der wortreichen Erklärung des Fahrlehrers waren wir nicht gleich dazu in der Lage, seine Instruktionen in Handlungen umzusetzen. Es gab viel zu viele einzelne Dinge zu beachten. Wenn wir darüber nachgedacht haben welches Pedal welches ist, hatten wir schon wieder vergessen auf welcher Seite der Blinkhebel war. Der Grund für diese Überlastung ist, dass wir alle Details zunächst im Arbeitsgedächtnis behalten müssen, was aber nur eine eng begrenzte Speicherkapazität hat. Wenn wir die Details nicht sofort abrufen konnten, war unsere Aufmerksamkeit überlastet und wir mussten die einzelnen Schritte einzeln mühsam einstudieren. Mit ein wenig Erfahrung kehrte sich dies völlig um. Plötzlich fiel uns die Koordination und die Bedienung der ganzen Elemente sehr leicht. Als erfahrener Autofahrer können wir sogar ein angeregtes Gespräch mit dem Beifahrer haben, und trotzdem das Fahrzeug in Standardsituationen mühelos durch den Verkehr bewegen. Das Erlernen solcher neuen Routinen bis zu dem Punkt, wo sie keine Aufmerksamkeit mehr erfordern, nennt man auch „Automatisierung“. Die Automatisierung hat im Gehirn ihre Entsprechung. Wenn wir neue Handlungen zum ersten Mal ausführen sind vor allem Netzwerke des Neokortex daran beteiligt, die neuen Handlungsschritte zu koordinieren und umzusetzen. Mit der Zeit übernehmen aber Schleifen in den sogenannten Basalganglien, einer subkortikalen Hirnregion, mehr und mehr die Routinearbeiten, umso mehr je länger wir sie geübt haben. Wenn die Routinen erstmal automatisiert sind, können wir sie ganz mühelos abrufen. Allerdings funktionieren die Routinen nur in vergleichbaren Standardsituationen, wie die, in denen sie entstanden sind. Sobald im Straßenverkehr etwas Ungewöhnliches passiert, wenn uns etwa ein Geisterfahrer auf unserer Fahrbahnseite entgegenkommt, dann müssen wir das Gespräch mit dem Beifahrer abrupt unterbrechen und uns der Notsituation zuwenden. Wir haben keine Routinen, um diese Situation zu bewältigen. Wenn uns jeden Tag Geisterfahrer entgegenkommen würden, könnten wir auch mit dieser Situation mühelos umgehen. Wir können uns also auch auf Ausnahmesituationen vorbereiten, um im Notfall auch dafür schnell Routinen abrufen zu können. Solche Routinen haben viele Vorteile, aber es gibt auch ein paar Nachteile. Zum einen sind sie sehr starr. Wenn wir also unser Verhalten anpassen oder abändern müssen, dann müssen wir die entsprechenden Routinen erst mühsam umtrainieren. Besonders beeindruckend kann man dies in einem Video von Destin Sandlin, einem amerikanischen Wissenschaftsjournalisten vom Youtube Kanal „Smarter Every Day“, sehen (https://www.youtube.com/watch?v=MFzDaBzBlL0). Darin nimmt er sich der Fertigkeit des Radfahrens an. Wir alle können mühelos Fahrrad fahren und haben unsere Aufmerksamkeit dabei für andere Dinge frei, etwa uns mit Freunden zu unterhalten. Auf manchen Jahrmärkten gibt es jedoch umgebaute Fahrräder, die diese Routinen schnell umwerfen. Diese Umkehrfahrräder lenken nach rechts, wenn man den Lenker nach Links dreht, und umgekehrt. Auf dem Jahrmarkt gibt es Stände, wo man gegen eine kleine Teilnahmegebühr versuchen kann, mit so einem Fahrrad ein paar Meter zu fahren, um bei Erfolg einen Preis zu gewinnen. Die meisten Erwachsenen scheitern sehr schnell, als wären sie noch nie in ihrem Leben Fahrrad gefahren. Dabei ist alles offen erklärt, es gibt keine versteckten Geheimnisse. Alle Teilnehmer wissen, dass die Lenkrichtung umgedreht ist, und trotzdem können sie sich auch bei größter Konzentration nicht auf dem Fahrrad halten. Die alten, eingespielten Routinen sind im Weg. Destin Sandlin hatte sich in den Kopf gesetzt, dieses umgekehrte Fahrrad zu beherrschen und hat dafür hartnäckig trainiert. Er brauchte dafür 8 Monate regelmäßiges Training. Danach konnte er jedoch nur das Umkehrfahrrad fahren, und scheiterte bei normalen Rädern. Sein Sohn hingegen, der bereits Radfahren konnte, konnte innerhalb von zwei Wochen umlernen. Ein beeindruckender Beleg für die hohe Plastizität von kindlichen Gehirnen. Neben ihrer mangelnden Flexibilität haben Routinen noch einen weiteren Nachteil. Wir sollten nicht zu viel darüber nachdenken, wie wir etwas machen. Es ist nicht ratsam bei Tempo 200 auf der Autobahn sich plötzlich die Frage zu stellen, welches Pedal eigentlich genau was ist, oder wie man am besten einem Hindernis ausweicht. Denn wenn diese Routinen erstmal in den Basalganglien eingeschliffen sind, werden sie durch bewusste Aufmerksamkeit, also durch den Versuch darüber nachzudenken, gestört, und wir müssen den komplizierten Prozess wieder mit unseren überforderten neokortikalen Regionen abwickeln. Das ist übrigens die Grundlage für einen klassischen unfairen Trick beim Hochleistungssport. Fragen Sie ihren Gegner beim Tennis einmal, wie genau er seine fantastische Angabe macht. Diese ist im Verlauf des Trainings mühsam automatisiert worden. Wenn er jetzt darüber nachdenkt, stört er den Ablauf und die Angabe wird weit weniger beeindrucken. Dasselbe passiert auch virtuosen Profimusikern, wenn sie auf der Bühne mitten im Konzert darüber nachdenken, wie sie eigentlich genau die superschnellen Passagen spielen. Nachdenken ist in solchen Fällen also eher störend. Im Arbeitsleben begegnen uns solche Routinen an vielen Stellen. Nehmen wir das Beispiel eines Tischlers. Noch vor hundert Jahren begann jemand am Anfang seines Lebens als Lehrling dieses Handwerk Schritt für Schritt zu lernen. Er lernte die Funktion aller Werkzeuge und übte seine Handfertigkeit mühsam ein. Nachdem er einmal das Handwerk beherrschte, hat er für den Rest seines Berufslebens weitgehend dieselben Routinen und Fertigkeiten benutzt. Es gab natürlich kleine Änderungen, aber die Grundlage des Handwerks hat sich im Verlauf eines Berufslebens wenig geändert. Es gibt aber viele Berufe, die ganz anders gestaltet sind. Nehmen wir zum Beispiel die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die Probleme jedes Patienten sind ganz unterschiedlich gestaltet. Erst ein Herzinfarkt, dann eine Vergiftung, als nächstes ein Unfall. Manchmal sind die Patienten jung und gesund, dann wieder alt und krank. Wie schafft man es in diesem schier unbeherrschbaren Durcheinander trotzdem allen zu helfen? Die Antwort sind wieder Routinen. Aber hier sind die Routinen komplexer. In der Notfallmedizin gibt es komplexe Schablonen, nach denen die Fälle behandelt werden. Und in einem OP hat jeder eine spezifische, genau definierte Aufgabe, und die anderen Kollegen können sich darauf verlassen, dass diese Aufgabe genau umgesetzt wird. Wenn bei einem Notfall der behandelnde Arzt erst anfangen müsste, sich aus seiner Kenntnis des menschlichen Körpers abzuleiten, was jetzt zu tun wäre, würden einige Patienten sicherlich sterben, bevor der erste Schritt getan wäre. Schablonen helfen uns in komplexen Situationen schnell und adäquat zu handeln. Allerdings muss man aufpassen. Die Handlungen können nur so gut sein, wie die Routinen. Wenn man sich also etwas Falsches angewöhnt, dann sind wir auch mit Routinen ineffizient. Es ist gut, wenn wir uns im Arbeitsleben auf Routinen verlassen können. Wir merken oft gar nicht, wie die Erfahrung und die Routinen uns den Arbeitsalltag erleichtern, denn wir werden uns der automatisierten Schritte ja nicht bewusst. Als wir das erste Mal etwa ein neues Projekt starten wollten, waren so viele Details zu berücksichtigen. Je häufiger man dies macht, desto routinierter werden die Abläufe, und umso mehr Zeit bleibt uns, unsere bewussten Gedanken den wichtigeren, strategischen Aufgaben zuzuwenden. Bisweilen müssen Routinen natürlich trotzdem geändert werden, das ist die Basis jeder Innovation bis hin zum Change-Management. Allerdings sollte man bei jeder Änderung vorsichtig damit umgehen, dass man die Mitarbeiter ihrer Routinen beraubt. Nehmen wir ein vertrautes Beispiel, Updates in unserer Office-Software. Wir kommen morgens zu Arbeit, wollen zunächst einen wichtigen Brief an den Chef schreiben und anschließend eine Abrechnung in einer Tabellenkalkulation durchführen. Die IT hat jedoch nachts eine neue Softwareversion eingespielt. Natürlich ist es wichtig bei der Software mit der Zeit zu gehen, und Innovationen zu nutzen. Rechtschreibkorrekturen und Diktierfunktionen haben sich im Laufe der Jahre erheblich verbessert. Allerdings werden bei vielen Updates nicht nur sinnvolle Änderungen eingeführt, sondern die gesamte Benutzeroberfläche wird neu gestaltet, für den frischen „Look“. Und bisweilen ist nichts mehr, wie es war. Man muss also, anstatt sich auf den Inhalt des Briefes an den Chef zu konzentrieren, darüber nachdenken, wie man etwas auf der Benutzeroberfläche findet, weil es an einer anderen Stelle als bisher im Menu auftaucht. Es ist wie beim Autofahren, als würde man die Position der einzelnen Fußpedale vertauschen. Dies ist nicht nur mühsam, sondern birgt auch erhebliches Fehlerpotenzial. Wenn auf der Arbeit unsere Aufmerksamkeit bei der Software liegt, steht sie für die wirklich wichtigen Fragen nicht mehr zu Verfügung. Die Folge: Der Brief an den Chef findet vielleicht nicht den richtigen Ton, und in der Tabellenkalkulation hat man sich bei der Formel vertippt, weil man gedanklich mit der Benutzeroberfläche beschäftigt war. Es empfiehlt sich also eine gewisse „Achtsamkeit“ auf Routinen, und man sollte vermeiden sie ohne Not zu verändern. So hilfreich und wertvoll Routinen auch sind, leider stehen sie uns nicht in allen Bereichen des Lebens zu Verfügung. Es stellt sich also die Frage: Wie gehen wir mit neuen Situationen um, für die wir keine vorgefertigten, eingespielten Handlungs-muster haben? Das Gehirn hat ein spezielles Netzwerk im sogenannten anterioren cingulären Kortex, das in solchen Situationen eingreift und unser Verhalten organisiert. Wir müssen dann in den Modus des Problemlösens fallen und nach einer Lösung für die neue Situation suchen. Das ist jedoch sehr mühsam und kann uns bisweilen überfordern. 2. Das menschliche Verhalten in Krisensituationen Nehmen wir zum Beispiel die großen internationalen Krisen der letzten 15 Jahre. Wir hatten seit ca. 2007 zunächst eine globale Kreditkrise, dann ab 2009 über eine lange Zeit die Eurokrise. Bald danach begann im Jahr 2015 infolge des Syrienkonfliktes die europäische Migrationskrise, 2016 dann das Brexit Referendum mit anschließendem Austritt Großbritanniens aus der EU. Das allein wäre schon viel zu verarbeiten, es folgten jedoch noch die COVID-19 Pandemie, die politischen Unruhen in den USA und dann 2022 der Ukraine Krieg. Was solche Krisen auszeichnet, ist dass wir für sie in den meisten Fällen keine vor-gefertigten Handlungsroutinen haben, denn jede Situation ist hochkomplex und immer wieder neu. Die Menschheit hat natürlich schon vorher Wirtschaftskrisen, Währungskrisen, Pandemien und Kriege überstanden. Und doch ist jede Krise wieder anders, und heute haben wir auch andere Bewältigungsmethoden als früher. Bei der weltweiten Grippe von 1918 gab es noch keine Impfstoffe, keine Computer und keine Videokonferenzen. Jede Krise ist also auch ein Einzelfall. Aufgrund der vielen jüngsten Krisen könnte man den Eindruck bekommen, dass sich die Welt immer schneller verändert, und inzwischen sogar so sehr, dass es uns gar nicht möglich ist, kognitiv mitzuhalten. In einem faszinierenden Buch namens „Future Shock“ schilderte der US-Amerikaner Alvin Toffler diese zunehmende Geschwindigkeit, die uns überfordert. Wir leiden unter einem „Information Overload“, einer Überlastung durch zu viele Informationen. Im Informationszeitalter würden die Menschen laut Toffler vor allem von zuhause arbeiten, alte Industriezweige mit ungeschulten Arbeitern würden überflüssig, und das Wissen, das wir im Rahmen unserer Ausbildung erlernt haben ist schnell überholt. Das ist eine treffende Darstellung unserer modernen Welt. Allerdings gibt es einen Haken. Das Buch erschien bereits 1970. Also, vor über 50 Jahren fühlten sich Menschen durch die Dynamik der Veränderungen in der Welt bereits überfordert. Vielleicht ist unsere derzeitige Hochgeschwindigkeits-Welt also historisch gesehen gar nicht so einmalig? Trotzdem kann man viel daraus lernen, wie wir Menschen mit Krisen umgehen. Nehmen wir das Beispiel der COVID-19 Pandemie. Warum hat es so lange gedauert, bis die westlichen Industrieländer auf die Entwicklung reagiert haben, selbst als in Norditalien, quasi vor unserer eigenen Haustür, bedrohlich vorgeführt wurde, welche Gefahren damit verbunden waren? Eine gängige Erklärung ist, dass wir schon häufiger Warnsignale erlebt haben, ohne dass eine Bedrohung sich dann später für uns als relevant herausgestellt hat. Nehmen wir zum Beispiel die Krankheit Ebola, wo eine Ansteckung wesentlich gefährlicher ist als mit dem Coronavirus. Es gab in der Vergangenheit zahlreiche Ausbrüche, die es in den internationalen Medien auf die Schlagzeilen geschafft haben, die allerdings immer wieder eingedämmt wurden und meistens auf Zentralafrika beschränkt blieben. Auch bei den Coronaviren gab es in der Vergangenheit mit SARS und MERS-Erkrankungswellen in Asien, die uns trotz ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit nicht erreicht haben. Warum sollte es also dieses Mal anders sein? Hier sehen wir ein Phänomen, das man aus der Medizin von Intensivstationen kennt, die sogenannte „Alarmblindheit“. Wenn Patienten mit vielen lebenserhaltenden Geräten versorgt werden, die alle ihre eigenen Warntöne haben, dann besteht der Stationsalltag im Reagieren auf diese Alarme. Wenn jedoch der ganze Arbeitstag immer wieder mit solchen Signalen gefüllt ist, verlieren sie ihre Dringlichkeit, das Personal „habituiert“, es gewöhnt sich an die Ausnahmesituation. Habituation ist ein ganz grundlegender biologischer Lernprozess, eine abnehmende Reaktionsbereitschaft auf wiederholt erlebte Reize, vor allem wenn sie sich im Nachhinein als bedeutungslos herausgestellt haben. Ähnlich könnte es also auch mit den Pandemien sein, wenn über Jahre hinweg immer wieder bedrohliche Nachrichten in den Medien zu hören waren, über Ebola, SARS und MERS, diese Erkrankungen uns in unserem Alltag dann aber doch nicht erreicht haben. Interessanterweise scheint diese Habituation viele Menschen betroffen zu haben. Die Warnsignale wurden auch von vielen Ministerien nicht wahrgenommen, die eine langjährige Erfahrung haben sollten. Wir stehen also vor einem Dilemma. Wenn wir uns bei jedem Zeitungsbericht über Ebola, SARS oder MERS gleich in Isolation begeben hätten, wäre dies sicherlich eine Überreaktion gewesen. Andererseits wissen wir, dass Menschen bei Katastrophen auch oft zu spät reagieren und ihr Leben dabei ernsthaft in Gefahr bringen. Dies ist vielfach untersucht worden, und zwar am Beispiel von realen Katastrophensituationen. Es scheint zwei, entgegengesetzte Handlungs-tendenzen zu geben, wenn Menschen sich plötzlich einer Bedrohung ausgesetzt sehen. Die einen tun nichts, sie sind wie versteinert, sie leugnen die Situation vielleicht, man sagt auch sie „frieren ein“. Dies geht etwa aus Berichten zum Einschlag der Flugzeuge im World Trade Center in New York hervor. Viele Menschen sind einfach an ihren Schreibtischen sitzen geblieben und waren tatenlos, vermutlich weil sie schockiert waren oder über ihre Einschätzung der unerwarteten Katastrophe nachgedacht haben. Andere hingegen, haben gleich die Flucht ergriffen und sich auf den Weg aus dem Gebäude gemacht. In diesem Fall war das sicherlich eine sinnvolle Strategie. Auch wenn eine Tsunamiwelle auf einen zurollt, oder im Flugzeug Rauch aufsteigt, kann die schnelle Flucht eine sinnvolle Handlung sein. In diesem Fall führt die wahrgenommene Gefahr zu einer schnellen Auslösung einer Handlungsroutine, typischerweise der Flucht. In vielen Fällen ist jedoch dieser Handlungsimpuls sehr schädlich. Man denke an das tödliche Gedränge bei der Loveparade 2010 in Duisburg. Wären alle Menschen ruhig an ihren Plätzen geblieben, wäre es hierzu gar nicht gekommen. Ähnliches konnte man auch zu Beginn der COVID-19 Pandemie beobachten, als Menschen massenweise Waren horteten. Ein australischer Mann kaufte in einem Supermarkt für 10.000 Dollar Waren ein, wie etwa Toilettenpapier, und wollte diese dann nach ein paar Tagen zurückgeben. Sicherlich war das keine angepasste Reaktion. Wir scheinen also in einem Dilemma gefangen zu sein, zwischen den Optionen „zu viel nachdenken, zu wenig handeln“ und „zu wenig nachdenken, zu viel handeln“. Wenn Menschen eine Bedrohung ignorieren und weiter wie gewohnt ihrem Alltag nachgehen, spricht man auch von einer Normalitätstendenz, engl. „Normalcy Bias“. Wir können gar nicht glauben, dass in unserem Leben fundamentale Änderungen anstehen, etwa wenn Krieg unsere Existenz bedroht. 3. Prognosen und Entscheidungen Wir sehen also, dass unser Umgang mit Krisen auch immer etwas damit zu tun hat, welche Einschätzungen wir von komplexen Vorgängen in unserer Welt haben. Denn ein gutes Weltverständnis ist die Basis für die Vorhersage krisenhafter Ereignisse. Gerade bei komplexen Problemen ist die Klärung des „Richtig“ und „Falsch“ aber besonders schwierig. Die meisten Experten hatten zum Beispiel für den Sommer 2020 eine dramatische Fortsetzung der Pandemie vorhergesagt, allerdings waren die Fallzahlen in dem Zeitraum eher moderat und stiegen erst zum Herbst wieder dramatisch an. Auch der Krieg in der Ukraine kam für viele Menschen, auch für Politiker, überraschend, und das trotz der vielfältigen Warnsignale und öffentlichen Ankündigungen seitens des russischen Präsidenten. Man hielt die Drohungen nur für Rhetorik und Bluff, glaubte aber nicht, dass er die über 70-jährige Nachkriegsordnung stören würde. Wir sehen solche Prognosen sind auch für Profis schwierig, wie soll dann erst ein Laie eine gute Prognose abgeben? Man sieht hier, dass die meisten Modelle, die wir von komplexen Weltgeschehen haben, extrem vereinfacht und unterspezifiziert sind. Das hält Menschen trotzdem nicht davon ab, starke Meinungen dazu zu haben, ob „das mit dem Virus bald vorbei ist“, oder „Putin nur blufft“. Woher will man das so genau wissen, wenn schon die Experten keine zuverlässigen Prognosen geben können? Wir Menschen tun uns sehr schwer damit, komplexe Systeme und Prozesse zu verstehen und vorherzusagen. Im Fall sogenannter „chaotischer“ Prozesse weisen Mathematiker schon lange darauf hin, dass eine Vorhersage prinzipiell unmöglich ist. Aber auch in einfacheren Systemen, die nicht chaotisch sind, sind Verständnis und Vorhersagen sehr schwierig. Darauf hat unter anderem der deutsche Psychologe Dietrich Dörner in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“ eindrucksvoll hingewiesen. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren gab es ein breites Verständnis für die Grenzen unseres Denkens, wenn wir es mit realen komplexen Systemen zu tun haben. Vor allem der deutsche Kybernetiker Frederic Vester wies in seinen Vorträgen und Büchern auf die Notwendigkeit von „vernetztem Denken“ hin. Aber was bedeutet das genau? Das Gegenteil dazu ist „lineares Denken“. Damit meint man, dass man, wenn man eine Handlung plant das Denken meistens auf einen einzelnen Ursache-Wirkungszusammenhang fokussiert. Andere Nebeneffekte der Situation werden dabei ignoriert. Ein klassisches Beispiel findet sich in der Entwicklungshilfe. Wenn in einer Wüstenregion Wassermangel herrscht, ist der erste Impuls dem zu begegnen, indem man vor Ort Brunnen bohrt, womit die lokale Versorgung zunächst verbessert wird. Wenn dies jedoch im Umfeld bekannt wird, kann es zu Wanderbewegungen führen, so dass noch mehr Menschen zu versorgen sind. Es kann also die Versorgung hinterher, trotz der neuen Brunnen, schlechter sein als vorher. Das Problem hier ist das Denken in einfachen, linearen Ursache-Wirkungszusammenhängen. Dabei werden Nebenwirkungen und Fernwirkungen ignoriert. Daraus sollte natürlich nicht folgen, dass wir keine Entwicklungshilfe betreiben, sondern dass wir die komplexeren Auswirkungen unserer Handlungen mit berücksichtigen sollten. Doch gerade das ist sehr schwierig, wenn Vorhersagen in komplexen Systemen bisweilen nur begrenzt möglich sind. Besonders problematisch ist, dass wir oft blind sein können für wichtige Faktoren, die ein Geschehen beeinflussen. Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kommentierte in einer etwas kryptischen Aussage die unerwarteten Schwierigkeiten seiner Kriegsführung: „[…]wir wissen alle, es gibt die known knowns, also Dinge, wo wir wissen, dass wir sie wissen. Es gibt auch die known unknowns, das heißt also Dinge von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch unknown unknowns – das sind die, wo wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen. Und wenn man sich die Geschichte unseres Landes und anderer freier Staaten anschaut, ist es diese letzte Kategorie, die am schwierigsten ist.“ Was Rumsfeld mit den kryptisch klingenden unknown unknowns meint sind Fakten, die für unsere Handlungen relevant wären, die wir aber nicht wissen und die wir auch gar nicht im Blick hatten. Rumsfelds Aussagen wurden im Zusammenhang mit der US-amerikanischen Kriegsführung nach den Angriffen auf das World Trade Center getätigt. Damals gab es eine amerikanische Doktrin, eine Variante der Dominosteintheorie. Demnach war die Einschätzung, dass wenn es einem gelänge im mittleren Osten einem einzelnen Staat die Demokratie zu bringen, die anderen Staaten alle folgen würden. Das waren die erwarteten Wirkungen der Kriege. Allerdings stellte sich heraus, dass man viele Aspekte falsch eingeschätzt hatte. Besonders im Irak kämpften zahlreiche Splittergruppen um die Macht, und die Zeit nach dem Irakkrieg war von schweren Unruhen und Plünderungen geprägt. Und auch in Afghanistan sind die Demokratisierungsversuche erfolglos geblieben. Kein Wunder also, dass Donald Rumsfeld auf die unknown unknowns hinwies. Es gibt aber einen Haken. Die obige Rede erfolgte am 12. Februar 2002, das war also nach dem Afghanistankrieg, aber bereits vor dem Irakkrieg, der erst 2003 begann. Rumsfelds Wissen um die unknown unknowns, hat ihn also nicht davon abgehalten, bei einem weiteren Krieg in viele unerwartete und komplexe Nebenwirkungen zu geraten. Wir sehen, dass die Wissens-Handlungslücke sehr groß sein kann. Die oben beschriebenen unknown unknowns beziehen sich vor allem auf die Auswirkungen unserer Handlungen, wenn sich also Konsequenzen einstellen, die wir gar nicht erwartet haben. Es gibt aber auch in der anderen Richtung eine Blindheit, die auf zu einfaches, lineares Denken zurückgeht, wenn wir versuchen retrospektiv die Ursachen für bestimmte Ereignisse zu analysieren. Wenn wir zum obigen Beispiel der COVID-19 Pandemie zurückkehren, kann man im Nachhinein viele frühe Hinweise finden, die eine globale Ausweitung für wahrscheinlich machen. Schließlich verbreitet sich der Virus mit der Atemluft und ist hochgradig ansteckend. Warum hat man dann nicht früher reagiert? Hier zeigt sich eine wichtige kognitive Verzerrung, der sogenannte „hindsight bias“, auch Rückschaufehler genannt. Dabei wird im Rückblick nach einem Ereignis die Vorhersagbarkeit dieses Ereignisses überschätzt. Dabei kann uns im Nachhinein auch das Gedächtnis einen Streich spielen, indem es uns glauben lässt, wir hätten den Ausgang bereits vorher klar prognostiziert. Ein klassischer Anwendungsfall, wo der hindsight bias untersucht wird, sind Wahlen. So kann man Studienteilnehmer vor einer Wahl bitten, vorherzusagen, welchen Stimmenanteil eine bestimmte Partei bekommen wird. Eine Weile nach der Wahl fragt man die Probanden, sich an ihre damalige Prognose zu erinnern. Es stellt sich heraus, dass die erinnerte Vorhersage in der Regel in Richtung des tatsächlichen Outcomes verzerrt ist. Hatte jemand vor der Wahl 20% vorhergesagt, es waren dann aber 40%, gibt er an 30% vorhergesagt zu haben. Diese Differenz von 10% ist der Rückschaufehler. Einen ähnlichen Effekt kann man auch bei der COVID-19 Pandemie finden. Wenn wir also heute, im Nachhinein auf die Frühphase der Pandemie schauen, tun wir dies vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens über den Virus. Anfang 2020 hingegen, also zu Beginn der Pandemie, war hingegen noch nicht sehr viel bekannt und man hatte keine Erfahrung mit dem Ausbreitungsrisiko. Wir ignorieren in solchen Fällen auch oft, dass es viele vergleichbare Situationen und Hinweise gegeben hat, ohne, dass sie uns direkt betroffen haben. Wir haben oben bereits über Ebola, SARS und MERS gesprochen, die sich in Europa dann nicht ausgebreitet haben. Wir sehen hier wieder, wie schwierig es ist, bereits vor den Ereignissen, klare Prognosen abzugeben. Es kommt bei unserer Ursachensuche noch ein weiterer Effekt hinzu, und der hat wieder mit linearem Denken zu tun. Wir machen in der Regel auch bei komplexen Konstellationen für die Wirkungen einzelne Ursachen verantwortlich. In realen komplexen Systemen sind es jedoch meistens Bedingungsgefüge, die einen Effekt herbeiführen. Nehmen wir das Beispiel eines Waldbrandes. Ein Mann hat aus einem fahrenden Auto eine brennende Zigarette in einen Wald geworfen, wodurch ein Waldbrand entfacht wurde. Wir denken dann vermutlich, die klare Ursache für den Brand sei die verantwortungslose Handlung des Autofahrers. Allerdings ignorieren wir damit den Rest des Bedingungsgefüges. Denn eine brennende Zigarette wird nur einen trockenen, aber keinen feuchten, Waldboden entfachen. Die Handlung löste also nur im Zusammenhang mit einer Trockenperiode einen Brand aus. Es gibt jetzt also schon zwei Ursachen, die Zigarette und den trockenen Wald, und beide für sich allein genommen führen nicht zum Brand. In der Kausaltheorie gibt es eine Denkschablone mit Hilfe derer man solche komplexen Bedingungsgefüge untersuchen kann, die sogenannte „INUS-Bedingung“ des australischen Philosophen John Mackie. Auf den ersten Blick erscheint diese INUS-Analyse etwas kompliziert, aber man kann es schnell erfassen. Nehmen wir zunächst den „IN“ Teil der Analyse, es steht für insufficient but necessary, nicht hinreichend, aber notwendig auf Deutsch. Das klingt kompliziert, aber wenn wir es auf den Waldbrand übertragen wird es deutlich. Der trockene Waldboden und die brennende Zigarette ergeben nur zusammen die Wirkung des Waldbrandes, sie sind also einzeln beide nicht hinreichend, um den Brand auszulösen. Sie sind aber in diesem speziellen Wirkungsgefüge notwendig, weder ohne Zigarette noch ohne Trockenheit wäre der Brand entstanden. „IN“ sagt uns quasi: Beide Aspekte sind notwendig, damit eine Wirkung zustande kommt. Wenden wir uns dem zweiten Teil der INUS-Analyse, dem „US“ zu. Das steht für unnecessary but sufficient, also nicht notwendig aber hinreichend. Was Mackie damit berücksichtigen will, ist dass der Waldbrand ja auch anders als durch die Zigarette und den trockenen Waldboden hätte zustande kommen können. Es hätte ja auch ein Brandstifter mit Kerosin den Wald anstecken können, auch wenn der Boden weniger trocken gewesen wäre. Wir haben also bereits zwei Bedingungsgefüge, entweder Zigarette plus Trockenheit oder Brandstifter plus Kerosin. Jede einzelne dieser Bedingungen ist hinreichend, um den Brand auszulösen. Aber keine einzelne ist notwendig, denn es könnte ja entweder auf die eine oder die andere Weise zustande kommen. Kurz gesagt lehrt uns die INUS-Analyse, dass Wirkungen auf völlig verschiedene Weise zustande kommen können, aber dass in jedem Fall mehrere spezifische Bedingungen erfüllt sein müssen. Die INUS-Analyse zwingt uns zum systemischen Denken, indem sie uns klar macht, dass an einer Wirkung immer mehrere Faktoren beteiligt sind. Sie gibt einen Rahmen für ein Verständnis von „Multikausalität“. 4. Wahrscheinlichkeiten Ein verwandter Aspekt, der uns den Umgang mit Krisen erschwert, ist dass es Menschen sehr schwer fällt in Wahrscheinlichkeiten zu denken. Wir haben bereits gesehen, dass Vorhersagen in komplexen Systemen oft schwierig oder unmöglich sind. Oft ist das Beste, was wir bekommen können, eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Prinzipiell sind solche Wahrscheinlichkeiten allerdings immer mit Vorsicht zu genießen. Denn eine Wahrscheinlichkeit ist eine mathematisch-statistische Größe, die wir nur erhalten können, wenn wir entweder ein gutes probabilistisches Modell eines Systems haben (wie etwa in der physikalischen Chemie) oder wenn wir über viele vergleichbare Fälle eine Statistik geführt haben. Im Konzept der Wahrscheinlichkeit ist enthalten, dass wir etwas in der Regel nicht mit absoluter Sicherheit sagen können. Die Gründe für diese Unsicherheiten sind vielfältig. So kann etwa ein Physiker nicht genau vorhersagen, wann ein einzelnes Uran-238 Atom zerfallen wird, er kann nur eine Wahrscheinlichkeit in Form einer Halbwertszeit angeben. Diese Art von Unsicherheit ist möglicherweise in der Natur fest verankert, denn man kann auch mit noch so viel Kenntnis über ein einzelnes Atom die letzte Unsicherheit nicht beseitigen. Mit solchen Unsicherheiten haben wir es jedoch in unserem Alltag eher selten zu tun. Viel häufiger spiegelt eine Wahrscheinlichkeit wieder, dass wir über ein System nicht genug wissen. Wir können sagen, dass ein 55 bis 59-jähriger Mann eine ca. 0.1% Wahrscheinlichkeit hat an Darmkrebs zu erkranken. Allerdings wenn jemand zu einer Vorsorgeuntersuchung geht, und diese negativ ist, reduziert sich dieses Risiko erheblich. Denn durch die Untersuchung erfahren wir etwas über den Körper des Mannes und dadurch können wir die Wahrscheinlichkeiten ganz anders einschätzen. Wir sehen, Wahrscheinlichkeiten haben auch etwas mit unserem Unwissen zu tun. Menschen tun sich im Umgang mit solchen Wahrscheinlichkeiten sehr schwer. Dies belegten Daniel Kahneman und Amos Tversky bereits in den 1970er Jahren durch zahlreiche Studien. So halten wir Ereignisse für viel wahrscheinlicher, wenn wir sie uns gut vorstellen können (die sogenannte „Verfügbarkeitsheuristik“). Wenn also jemand in den Medien viele Filmsequenzen von COVID-19 Intensivstationen gesehen hat, sollte er danach eine Erkrankung für wahrscheinlicher halten, als hätte er die Aufnahmen nicht gesehen. Es gibt zahlreiche Denkfehler im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten. Nehmen wir ein Beispiel, dass sich eines Klischees bedient. Häufig stellt man sich Heavy-Metal Fans als langhaarig vor, auch wenn es natürlich viele Ausnahmen gibt. Ist es jetzt wahrscheinlicher, dass ein Mensch Heavy-Metal Fan ist, egal welcher Haarlänge, oder dass er ein Heavy-Metal Fan mit langen Haaren ist? Der erste Impuls ist hier oft zu sagen, dass der Prototyp, den man sich vorstellt, wahrscheinlicher ist, das ist jedoch falsch. Es gibt ja auch Heavy-Metal Fans mit kurzen Haaren, und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit eines langhaarigen Fans kleiner, als die eines Fans egal welcher Haarlänge. Diese und ähnliche statistische Denkfehler sind ausführlich auch in der populärwissenschaftlichen Literatur beschrieben worden. Im Zusammenhang mit Wahrscheinlichkeiten stellt sich jedoch nicht nur die Frage: Wie wahrscheinlich ist etwas? Sondern auch: Was sollen wir tun? Nehmen wir an, jemand habe die Entwicklung der Pandemie mathematisch modelliert, und gefunden, dass es zu 80% wahrscheinlich ist, dass die Infektionszahlen immer weiter zurückgehen werden und dass der Virus immer weniger gefährlich wird. Was ist aber mit der umgekehrten Wahrscheinlichkeit von 20%, dass die Infektionszahlen steigen oder dass der Virus gefährlicher wird (oder beides)? Wir neigen in solchen Situationen dazu, uns allein auf das wahrscheinlichste Szenario zu fokussieren, obwohl wir wissen sollten, dass wir auch einen „Plan B“ brauchen, falls dann doch der unwahrscheinlichere Verlauf eintritt. Beim Katastrophenschutz haben wir uns ja längst daran gewöhnt, dass wir auch für unwahrscheinliche Fälle Vorkehrungen treffen müssen. An der Hochwasserkatastrophe 2021 an der Ahr kann man viele dieser Faktoren am Werk sehen. Es gab zwar in den Tagen vor der Flut deutliche Prognosen, allerdings waren diese wie immer Wahrscheinlichkeitsaussagen, die mit großen Unsicherheiten behaftet waren. Hinterher wird natürlich klar, dass ein Aufruf zur Evakuierung der Ortschaften viele Todesfälle hätte verhindern können. Allerdings ist es im Nachhinein immer leicht zu behaupten, man habe den Ausgang im Vorfeld bereits wissen können, da greift der oben beschriebene Rückschaufehler zu. Wenn so viel Unsicherheit besteht, könnte die sehr drastische Maßnahme einer Räumung der Ortschaft sich im Nachhinein als falscher Alarm herausstellen. In vielen Fällen gab es ähnliche Vorhersagen im Vorfeld und es kam nicht zur Katastrophe. Es bedarf also immer einer Risikoabwägung. Der Wetterexperte Bernhard Mühr erklärte Anfang 2022 gegenüber der Welt: „Wir haben eine Warnflut, in der die eigentlichen extremen Warnungen leider untergehen können“. Niemand im Krisenstab scheint die Dringlichkeit erkannt zu haben, weder der Landrat, der mit seinem Hund noch Gassi ging. Ein Mitglied des Krisenstabes meinte das Ausmaß der Schäden erst erkannt zu haben, als er nach Hause ging. Die dringlichen Informationen aus dem Gebiet liefen bei den Betreffenden nicht zusammen. Mit mehr Vorbereitung und Vorplanung, hätte das sicherlich verbessert werden können. Dabei spielt aber auch die Schwierigkeit der Prognose eine Rolle, denn vorherzusagen ob bei dieser Wetterlage eine ganz bestimmte Brücke durch fortgespülten Schutt blockiert wird, ist sehr schwierig. Genau deshalb muss man also auch dann für eine Katastrophe gewappnet sein, wenn man sich nicht 100% sicher ist, dass sie eintreten wird. Die hier genannten kognitiven Faktoren betreffen aber nicht nur unseren Umgang mit Katastrophen. Wir können viele dieser Phänomene auch in unserem Arbeitsalltag beobachten. Wir sehen die Alarmblindheit, wenn die IT-Abteilung den Mitarbeitern immer wieder Hinweise auf mögliche Hackerangriffe verschickt, ohne dass diese bisher in ernster Form eingetreten sind. Die Folge: Man überliest die ständigen Emails, nimmt die Sicherheitsvorschriften nicht mehr so ernst, und setzt sich somit erst recht der Gefahr aus. Wir sehen lineares Denken, wenn wir eine jüngst eingestellte Führungskraft für die unbefriedigende Performance ihrer Abteilung verantwortlich machen, wobei jedoch in Wahrheit das von einer anderen Abteilung entwickelte Produkt am Markt nicht attraktiv ist und jede andere Führungskraft noch schlechte performt hätte. Wir sehen den nachlässigen Umgang mit dem nützlichen Routinewissen der Mitarbeiter, wenn die IT eine neue Softwareversion einführt, durch die alle Gewohnheiten erstmal neu gelernt werden müssen, und die Fehlerrate in der Lernphase sprunghaft ansteigt. Man sieht die Verfügbarkeitsheuristik, wenn man es sich selbst so gut in seiner Vorstellung ausmalen kann, dass die Kunden demnächst alle Roboter zuhause haben wollen oder ihren Kühlschrank ins Internet anschließen möchten. Wir sehen die Normalitätstendenz, wenn trotz deutlicher Signale, dass die Kunden Flachbildschirme wollen, man weiter vermeintlich hochwertige, aber eigentlich veraltete Röhrenbildschirme im Angebot hat. Und auch bei der deutschen Automobilindustrie hat man aus der Ferne den Eindruck, dass sie angesichts der Entwicklung am Automarkt in Richtung Elektromobilität und autonomes Fahren „einfriere“ und business as usual mache. Daraus leitet man eine gefühlte Wahrscheinlichkeit ab, dass es mit der deutschen Autoindustrie sicherlich bergab gehe. Aber vielleicht greift hier auch das Problem des mangelnden Wissens über diesen komplexen Industriezweig, denn deutsche Autobauer sind bei einigen dieser Zukunftstechniken weltweit führend. Ob so oder so, es lohnt sich auf jeden Fall auf die nächste Krise gut vorbereitet zu sein.

  • Neurosystemische Ansätze in Beratung und Coaching

    Handelt Neurobiologie von „Tatsachen“? Oder handelt sie nicht eher von Interpretationen von Tatsachen, die wiederum von theoretischen Konstrukten abhängen, d.h. von metaphysischen Vorentscheidungen, Vorannahmen, die z.T. gerade auch von Psychotherapeuten stammen, wenn es um den Bereich des Seelischen geht? Dies führt zu der hier notwendig werdenden Frage: Welche Art von Neurobiologie ist überhaupt geeignet, als Herausforderung für Psychotherapie zu fungieren? Inhaltsverzeichnis 1. System-Neurobiologie und das Bio-Psycho-Soziale Modell 2. Systemtheoretische Grundlagen sowie trainings- bzw. beratungsrelevante Theorien sozialer Systeme 3. Neurosystemische Modelle in der Praxis: Das Neurosystemische Panorama ​ Literatur- & Quellenverzeichnis Neurosystemische Ansätze in Beratung und Coaching Aber: handelt Neurobiologie denn überhaupt von „Tatsachen“? Oder handelt sie nicht eher von Interpretationen von Tatsachen, die wiederum von theoretischen Konstrukten abhängen, d.h. von metaphysischen Vorentscheidungen, Vorannahmen, die z.T. gerade auch von Psychotherapeuten stammen, wenn es um den Bereich des Seelischen geht? Dies führt zu der hier notwendig werdenden Frage: Welche Art von Neurobiologie ist überhaupt geeignet, als Herausforderung für Psychotherapie zu fungieren? [...] es handelt sich bei der Art von Neurobiologie, die hier als Partner auftreten kann - dies sei hier im Vorgriff gesagt - um nicht-reduktionistische System-Neurobiologie; d.h. eine rein molekulare Neurobiologie scheidet als Dialogpartner von vorne herein aus, da es wohl nicht möglich ist, mit der Betrachtung von GABA- und Acetylcholin-Molekülen allein die „Geheimnisse der Seele“ zu ergründen. Prof. Dr. med. Dr. phil. Hinderk M. Emrich: Neurowissenschaften als Herausforderung für die Psychotherapie. Vortrag am 23. April 2001, im Rahmen der 51. Lindauer Psychotherapiewochen 2001 1. System-Neurobiologie und das Bio-Psycho-Soziale Modell Mit dem Postulat einer nicht-reduktionistischen System-Neurobiologie und der gleichzeitigen Zurückweisung einer rein biologischen oder biologistischen Neurobiologie als möglichen Partner der Psychotherapien, formuliert Emrich programmatisch, was auch für die Übertragung neurowissenschaftliche Erkenntnisse ins Coaching, in die Beratung und ins Training Gültigkeit haben muss. Dies hat mehrere Gründe: Erstens streben wir fundierten Praxistransfer an, was auch eine hinlängliche wissenschaftstheoretische Redlichkeit beinhaltet. So müssen wir anerkennen, dass seit jeher psychologische Konstrukte mit neurobiologischen Konstrukten sich mischen, wenn wir von so etwas wie dem "Motivationssystem" sprechen. Schließlich ist Motivation keine biologische, sondern eine psychologische Kategorie, während die Ebene des neuronalen Korrelats der Domäne der Biologie zugehört. In ganz ähnlicher Weise überschreiten wir die Grenze vom biologischen ins soziale System, wenn wir etwa von einem „Bindungshormon Oxytocin“ sprechen und seine zentralnervösen Wirkungen auf Situationen in der Familie, im Arbeitsleben oder in anderen gesellschaftlichen Bezügen übertragen. Da wir bei diesem Unterfangen ständig im Grenzbereich zum Kategorienfehler operieren, decouvriert sich erkenntnistheoretische Naivität allzu leicht selbst, wenn diese Grenzüberschreitungen beim Praxistransfer nicht mitreflektiert und als epistemologisches Caveat an der sprachlichen Oberfläche markiert werden. Beispiele gibt es zuhauf. In der Summe tragen Sie dazu bei, dass Transferansätze wie Neurodidaktik oder Neuroleadership oft als "alter Wein in neuen Schläuchen "wahrgenommen werden. So erzeugt die Ersetzung von "Motivation" durch "Dopaminproduktion" keinen Mehrwert, der zu neuen Erkenntnissen oder gar neuen Handlungsoptionen führt. Ebenso unzulässig ist die Generalisierung von einzelnen Studienergebnissen – wie etwa den Befund, dass das subkortikale, mesolimbische Motivationssystem insbesondere auf Erwartungswert-Abweichungen, also auf positive oder negative Überraschungen reagiert, auf komplexe soziale Zusammenhänge wie das Entlohnungs- und Anreizsystem eines Unternehmens (Hütter & Marsch, 2014). Hier ist die reale menschliche Motivation multikausal überdeterminiert, so dass nicht nur völlig gegenteilige Aspekte wie das Bedürfnis nach Transparenz, Fairness, Vorhersagbarkeit mit einer Rolle spielen, sondern, dass jeweils auf Sicht entschieden werden muss: Man stellt Hypothesen auf, handelt vorläufig, beobachtet sorgsam, wie das soziale System eines Teams, einer Abteilung, oder des Gesamtunternehmens reagiert und passt dann nach guter systemischer, man könnte auch sagen: „agiler“ Manier das Anreizsystem wieder an. Wer dagegen aus wissenschaftlichen Befunden, die ja immer, da sie kontrolliert sein müssen, bestimmte Einzelaspekte herausgreifen und unter künstlichen Laborbedingungen gewonnen werden, direkte Handlungsempfehlungen für die Praxis ableitet, handelt meist nicht nur naiv, sondern produziert im besten Fall unhaltbare, im schlimmsten Fall schädliche Pseudoevidenzen (Hütter & van Kempen 2014, Hütter 2015). Nicht ohne Grund stoßen alle, die sich darum bemühen, agile Vorgehensmodelle in Unternehmen zum Leben zu erwecken, auf ähnliche Probleme. Ganz prominent rangieren dabei da Hang zu einer unzulässigen Komplexitätsreduktion, zum Schwarz-Weiß-Denken in Kategorien von “richtig und falsch”, “gut und schlecht” und zu monokausalen Wenn-Dann-Konstrukten an den vordersten Stellen. Hier kann eine systemtheoretisch fundierte Herangehensweise an den Praxistransfer aus den Neurowissenschaften nicht nur das eigene Renommee als Profi schützen, sondern auch die Verträglichkeit und Nützlichkeit unserer Arbeit in Training, Beratung und Coaching deutlich erhöhen. Zweitens, und das ist noch wichtiger als der eigene Ruf: neurowissenschaftliche Erkenntnisse werden erst dann so richtig nützlich, wenn wir uns daran gewöhnen, grundsätzlich an alle drei Systemebenen zu denken: die biologische, die psychische und die soziale Ebene. Eine Monokultur der Biologie führt leicht in plumpen Biologismus und redet dem "Mythos Determinismus" (Falkenburg 2012) nicht selten das Wort. Eine Monokultur des psychischen fördert den bei Mitarbeitenden und Führungskräften oft gleichermaßen unbeliebten "Psychokram", der durch mangelnde Anknüpfung an die hard facts der biologischen und sozialen (z.B. der rechtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen) Ebene gefühlig bis esoterisch wirken kann. Schließlich führt eine Monokultur des Systemischen leicht in eine Überbewertung organisationaler Veränderungen. So herrscht in Teilen der Beraterszene die Illusion, es müsse z.B. nur die veraltete Kulturtechnik des Managements durch neue, holokratische Strukturen ersetzt werden, um Unternehmungen zukunftsfähig zu machen. Diese Perspektive blendet die Gewordenheit psychischer Dispositionen – z.B. eine hohe Risikoaversion und eine geringe Unsicherheitstoleranz vieler Mitarbeiter:innen – weitgehend aus. Einige Protagonisten der Szene gehen sogar so weit, Konzepte wie "Personalentwicklung" oder “Mindset” als anmaßend und unanständig zu betrachten, da sie suggerieren, dass Menschen verändert müssten bzw. dass es an ihren Einstellungen liege, wenn Veränderung im Unternehmen nicht gelingt. Ein Mindestmaß an Realitätskontakt lässt es indes hinlänglich plausibel erscheinen, dass Veränderung – von der individuellen Weiterentwicklung bis hin zur digitalen Transformation von Unternehmen – am besten dann gelingt, wenn neben der Ebene der organisationalen Struktur auch die psychologische und die biologische Ebene gleichermaßen Berücksichtigung finden. Die folgenden Kapitel dieses Skripts wollen eine solche integrative Sichtweise vermitteln, die alle drei Systemebenen berücksichtigt: das biologische System, das psychische System und die sozialen Systeme. Eine wesentliche theoretische Grundlage bildet dabei das biopsychosoziale Modell Des amerikanischen Internisten, Psychiaters und Psychoanalytikers G.L. Engel. Das biopsychosoziale Modell Engel entwickelte sein biopsychosoziales Modell in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts als eine Alternative zu den klassischen medizinischen Krankheitsmodellen. Die damalige Zeit war geprägt von einer sich verschärfenden Kontroverse zwischen einem psychologisch, insbesondere behavioristisch ausgerichteten Lager, welches psychische Erkrankungen als Resultate von Lernprozessen betrachtete und einer biomedizinischen Strömung, die genetische und biochemische Faktoren in der Ätiopathogenese und Behandlung von Störungen in den Vordergrund stellte. Engel wurde bewusst, dass beide Schulen die möglichen Behandlungspotenziale durch einseitig verkürzte Blickwinkel nicht zur Gänze auszuschöpfen in der Lage waren. Das von ihm postulierte biopsychosoziale Modell betonte demgegenüber insbesondere die Interdependenz und das Fließgleichgewicht der Wechselwirkungen zwischen den drei Ebenen, welche ständig die jeweils andere Ebene positiv oder negativ beeinflussen können. In diesem Sinne ist das biopsychosoziale Modell an unser heutiges Systemverständnis gut anschlussfähig. Wir haben drei voneinander abgegrenzte Systeme, die jeweils ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten aufweisen, die sich aber gegenseitig beeinflussen. Diese Überlegungen lassen sich nahtlos aus dem medizinischen Bereich ins Coaching, in die Beratung und in die Organisationsentwicklung übertragen. Wie stark die drei Systeme aufeinander einwirken, sollen einige Befunde aus der Forschung verdeutlichen (einen guten Überblick geben Egle et al. (2020). Die Schnittstelle zwischen Biologie und Psychologie ist inzwischen gerade im Bereich der Psychoneuroimmunologie sehr gut erforscht. Insbesondere entzündliche Prozesse führen, z.B. über das sogenannte Zytokin-induzierte Sickness Behavior mit Unwohlsein Fatigue, amotivationalen Zuständen etc. zu depressiven Zuständen. Für einen Teil der manifesten Depressionen geht man heute von einer Verursachung durch unterschwellige inflammatorische Prozesse im Gehirn aus. Die Schnittstelle zwischen Psychologie und Biologie beschreibt zahlreiche gut dokumentierte Auswirkungen psychologischer Faktoren auf die körperliche Gesundheit. Prominent wird dabei das Stresslevel von Menschen, insbesondere über längere Zeiträume untersucht. Insbesondere der „allostatic load“, also die kumulative Last der Lebenszeiten, in denen ein Organismus aus der Homöostase zwischen Anspannung und Entspannung ausgelenkt war, ist zu einem wichtigen prädiktiven Faktor nicht nur der seelischen, sondern auch der körperlichen Gesundheit avanciert. So prädiziert in einer Metaanalyse von sechs prospektiven Längsschnittstudien (mittlere Verlaufsbeobachtung ca. 14 Jahre, annähernd 120.000 Proband:innen) ein um 27% erhöhtes relatives Risiko für das erstmalige Auftreten einer koronaren Herzkrankheit bei hohem im Vergleich zu niedrigem subjektiven Stresserleben (Richardson et al. 2012). Bei Personen mit vorbestehenden arteriosklerotischen Veränderungen erhöht starker Ärger das Risiko eines Myokardinfaktes in der folgenden Stunde um das Fünffache (Mostofsky et al. 2014). Langfristiger wirkt sich die allostatische Last beispielsweise über die Verkürzung der leukozytären Telomerlänge auf das biologische Alter aus (Mathur et al. 2016). Die Schnittstelle zwischen Biologie und der sozialen Sphäre betrifft beispielsweise die Auswirkungen von Erkrankungen auf das soziales Funktionsniveau in der Familie und im beruflichen Leben. So führen körperliche und seelische Erkrankungen oft in die Arbeitslosigkeit, Schmerzerkrankungen führen bisweilen durch die Immobilisierung zur Reduktion sozialer Kontakte und Krebserkrankungen führen bei 26 und 53% Betroffenen zu einem mindestens vorübergehenden Verlust der Arbeitsstelle (Mehnert 2011). Die Schnittstelle zwischen der sozialen Sphäre und der Biologie nimmt die Rückwirkungen der sozioökonomischen Lebensbedingungen von Menschen auf Körper und Gesundheit in den Blick. So ist beispielsweise Arbeitslosigkeit mit einem 63% erhöhten relativen Sterblichkeitsrisiko verbunden (Roelfs et al. 2011). Tragfähige Bindungsbeziehungen und gute soziale Unterstützung wirken bei diversen Erkrankungen protektiv (Garcy & Vagerö 2012) und im Krankheitsfall um bis zu 50% lebensverlängernd (Holt-Lunstad et al. 2010), während schlechte soziale Bindung die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines Herzinfarktes und das Versterben an einer kardiovaskulären Ursache erhöht (Barth et al. 2010). Die Schnittstelle zwischen Psychologie und dem sozialen Umfeld verweist unter anderem auf die gravierenden Auswirkungen des psychischen Wohlergehens bzw. psychischer Störungen auf das soziale Funktionsniveau und die Möglichkeit zur Teilhabe an sozioökonomischen Prozessen. So führen psychische Erkrankungen häufig zur Isolation, Abbrüchen in der Schullaufbahn und Einbrüchen in der beruflichen Leistungsfähigkeit. Die Schnittstelle zwischen sozialem Umfeld und psychischem Wohlergehen ist für uns als Trainer:innen, Berater:innen und Coaches besonders oft relevant. Gerade in Krisenzeiten und angesichts einer drohenden Rezession nehmen die Existenzängste zu. Besonders ein subjektiv empfundener niedriger sozioökonomischer Status geht mit chronischem Stresserleben einher (Baum et al 1999). Dieses erhöht die Vulnerabilität für eine Reihe von psychischen und somatischen Erkrankungen. Stress im Arbeitsumfeld erhöht, wie eine Metaanalyse zeigte (Madsen et al. 2017), in den veröffentlichten Studien das relative Risiko für eine Erstmanifestation einer klinischen Depression um 77%. Angesichts der jüngsten Kriegsereignisse in Europa seit zudem darauf verwiesen, dass Fluchtschicksale das Risiko für psychische Störungen bis hin zum Suizid deutlich steigern können (Patel et al 2017). Angesichts der hochgradigen Verwobenheit dieser drei Ebenen, in einem ständig in Bewegung befindlichen Mobile gegenseitiger Beeinflussungen erscheint es geradezu naiv, wie isoliert, man möchte sagen wie “un-systemisch”, wohlgemeinte Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit in Unternehmen oft konzipiert sind. So steht etwa die Rückenschule (biologisches System, das in Unternehmen in den Zuständigkeitsbereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements fällt) beziehungslos neben dem Seminar zur Stressbewältigung, zur Persönlichkeitsentwicklung oder zur Verbesserung der Kommunikation, und diese alle wiederum bleiben ohne jegliche Querverbindungen zur Prozessorganisation im Unternehmen, etwa zur SCRUM-Einführung im Projektbereich. So als würde beispielsweise das völlig veränderte Anforderungsprofil und die Notwendigkeit zur Übernahme von mehr Verantwortung in agilen Frameworks nicht zurückwirken auf die psychische Befindlichkeit und das körperliche Belastungsniveau – so als würde der Bewegungsmangel im Homeoffice, zumindest das Wegfallen einer täglichen Ortsveränderung nicht über den Hippocampus auf kognitive und psychische Funktionen zurückwirken und die gerade im agilen Umfeld erforderliche Flexibilität im Denken und Handeln beeinflussen. All diese hier nur angedeuteten Zusammenhänge sind freilich nicht als monokausale Notwendigkeiten, sondern immer nur als Möglichkeiten in einem filigranen systemischen Bedingungsgefüge zu verstehen. Wir müssen jedoch auf dieser Grundlage Hypothesen bilden und diese beobachtend und explorativ auf dem Schirm haben, um wirklich wirksam Lern- und Veränderungsprozesse in Unternehmen begleiten zu können. Dazu braucht es eine gewisse intellektuelle Tiefe und auch einen einigermaßen umfassend ausgebildeten systemtheoretischen Horizont. Dieser soll im folgenden Kapitel skizziert werden, um darauf aufbauend im letzten großen Abschnitt des Skripts ein neurosystemisches Model vorzustellen, das im Coaching, im Training und im Changemanagement zum Einsatz kommt. 2. Systemtheoretische Grundlagen sowie trainings- bzw. beratungsrelevante Theorien sozialer Systeme Achtung! Dieses Kapitel enthält immer wieder Bezüge zu den Neurowissenschaften, aber auch Grundlagen der Systemtheorie, die für alle möglichen Arten von Systemen - einschließlich der sozialen Systeme wie Familie, Team, Unternehmen, Gesellschaft gelten. Mit der Systemtheorie auf “Du und Du” zu stehen, hat sich nicht nur für die Beratungspraxis als wichtig erwiesen - es steigert vor allem auch Nutzen und Niveau bei der Anwendung neurowissenschaftlicher Befunde ganz erheblich! Unter dem Titel "Weiterbildungsszene Deutschland" veröffentlicht der managerSeminare Verlag fast jährlich Honorarentwicklungen, Stimmungsbilder und auch Methodenstudien zu den in unserer Branche häufig zur Anwendung kommenden praktischen Tools, aber auch den zugrundeliegenden Theorien. Dabei zeigt sich schon im Jahr 2014 (Quelle) ein Kopf-an-Kopf-Rennen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse mit den in Train the Trainer und Train the Coach Ausbildungen weitaus länger etablierten konstruktivistisch- systemtheoretischen Inhalten und Methoden. Dennoch hat das Gros der Kolleg:innen nur einen schemenhaften Überblick über systemtheoretische Fundamente. Dies ist gerade für Anwenderinnen und Anwender der Neurowissenschaften in unserer Branche besonders bedauerlich. Denn seit den Macy Konferenzen (1946-1953), denen wir, salopp gesprochen, von der Digitalisierung bis hin zu heutigen Biotech-Anwendungen die Hälfte der heutigen Welt verdanken, sind die Neurowissenschaften, die Kybernetik und die verschiedenen Systemtheorien auf’s Engste miteinander verwoben. Diese Verbindung wurde umso stärker, als die Neurobiologen Francisco Varela & Umberto Maturana 1980 mit ihrem Buch "Der Baum der Erkenntnis" den neurobiologischen Konstruktivismus und ihr Konzept der autopoietischen Systeme zum prägenden Einflussfaktor der Systemtheorie machten. Da in der systemtheoretischen Szene Deutschlands eine gewisse Luhmann-Monokultur vorherrscht, die in deutlichem Gegensatz zur Luhmann-Rezeption in anderen Teilen der Welt und auch in den aktuellen Gesellschaftswissenschaften steht, soll hier ein breites Spektrum an praxisrelevanten systemtheoretischen Konzepten dargestellt werden. So ergeben sich übertragbare Ideen, die bei einer Blickfeldverengung auf Luhmann nicht entstünden. Vor allem aber werden so Zusammenhänge deutlich, die die Anverwandlung systemtheoretischer Konzepte für die eigene Arbeit und auch ihre Integration in die eigenen neurowissenschaftlichen Reflexionen deutlich erleichtern können. Geschichte und Köpfe der Systemtheorie Ursprünge eines systemischen Denkens lassen sich in der Geschichte weit zurückverfolgen und vermutlich - mit etwas gutem Willen – schon bei antiken Philosophen auffinden. Zu den unmittelbareren Vorläufern sind die Feldtheorie von Kurt Lewin (1890-1947) und die Gestaltpsychologie Jean Piagets (1896-1980) zu rechnen. Konstitutive Beiträge lieferten die beiden Begründer des Strukturfunktionalismus, der polnische Mathematiker und Anthropologe Bronislaw Malinowski (* 1884 in Krakau, Polen, + 1942 in New Haven, USA) und der britische Psychologe, Ökonom und Sozialanthropologie Alfred Radcliffe-Brown (* 1881 in Birmingham, + 1955 in London). Malinowski, bekannt geworden durch sein 1922 erschienenes Hauptwerk „Argonauts of the Western Pacific“. An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea gilt er als Vater der Feldforschung. Er entwickelte das Konzept der teilnehmenden Beobachtung und ist insofern ein Vorläufer des Ethnologen Clifford Geertz (1926-2006). Schon Malinowski unterscheidet zwischen einem Beobachter erster und zweiter Ordnung, also, angewandt auf unsere Welt, einem Coach, der das Verhalten eines Klienten beobachtet und einem Supervisor, der den Beobachter beobachtet. Mit Alfred Radcliffe-Brown (The Andaman Islanders, 1922) rücken wir bereits sehr nahe an unseren neurobiologischen Interessenschwerpunkt heran. Schließlich war er es, der selbstregulierende biologische Systeme wie den menschlichen Körper mit seinen Organen als Vorlage für Funktionsmechanismen einer Gesellschaft heranzog. In seiner strukturfunktionalistischen Theorie wurden insbesondere gesellschaftliche Strukturen wie Rituale, Institutionen und "Entscheidungsorgane” als konstitutiv für die Funktionsfähigkeit und Stabilität Organisationen und Gesellschaften angesehen. In seinem Fokus auf Institutionen und "Organe" weist der Strukturfunktionalismus einen deutlichen Unterschied zur Denkungsart heutiger Systemtheorien auf, die weniger in dinglichen Elementen als in Prozessen denken. Während also Malinowski und Radcliffe-Browns Gedankenwelt das Augenmerk noch verstärkt auf die Beziehungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen legt und noch optimal mit den “Organigrammen” als “Anordnungsschema” der “Organe” einer “Organisation” kompatibel ist, verweist die Weiterentwicklung des Strukturfunktionalismus in Richtung Systemfunktionalismus, schon auf den heute weitaus gängigeren (aber in der Praxis immer noch sehr unzulänglich nachvollzogenen) Prozessblick. An der Schwelle zwischen den beiden Paradigmen steht ein großer Name: Der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Talcott Parsons (* 1902 in Colorado Springs, + 1979 in München). Mit seinem in den 50er Jahren des 20 Jahrhunderts entwickelten AGIL-Schema legte er die Grundlagen für einen das Zeitalter der Digitalisierung prägenden Zugang zur Arbeitsorganisation, nämlich den unterschiedlichen agilen Frameworks wie sie am prominentesten (aber bei weitem nicht erschöpfend) im SCRUM-Modell ihren Niederschlag finden. Im AGIL Schema ist bezeichnenderweise eben nicht mehr von Institutionen und “Organen”, sondern von Funktionen die Rede, die ein System erfüllen muss, um überlebensfähig zu sein. Damit ist das AGIL-Modell ein Meilenstein auf dem Weg zur modernen Theorie sozialer Systeme. Nicht auszudenken, welche Erfolge möglich wären, wenn Beratende sich dessen bewusst wären und das Instrumentarium des systemischen Denkens auf die Entwicklung agilitätsfreundlicher Ökosysteme zur Anwendung brächten! Schon vor der Definition des AGIL-Schemas (The Social System, 1951) wurde Parsons mit seiner voluntaristischen Handlungstheorie bekannt (The Structure of Social Action: A Study in Social Theory with Special Reference to a Group of Recent European Writers. 1937), deren Grundzüge im AGILen Bezugsrahmen noch deutlich erkennbar sind. Im Gegensatz zu Malinowski und Radcliffe-Brown sind nicht die Institutionen (“Organe”), sondern Handlungen Elemente des sozialen Systems. Damit ist - wie später noch radikaler bei Luhmann, Schon bei Talcott Parsons der Schwerpunkt von den Entitäten auf die Operationen eines Systems verschoben. Man kann sich vielleicht aus heutiger Perspektive überhaupt nicht mehr vorstellen, welche revolutionäre Sprengkraft hinter diesen Perspektivenwechsel steckt. Wer nicht mehr primär an Individuen oder Institutionen, sondern an Operationen denkt, ist in der Lage, Abläufe sozusagen ohne Ansicht der Person bzw. ohne Schuldzuweisung an versagende Individuen oder dysfunktionale Abteilungen zu denken. Der Blick wird frei auf die Prozesse, die im Zwischenraum zwischen den Stühlen stattfinden und oft die ungeschriebenen, aber nicht minder ergebniswirksamen Abläufe ausmachen. Daher rührt es, das auch heute noch die Einführung agiler Frameworks einen radikalen Shift in althergebrachten Denkgewohnheiten erfordert und dass das Scheitern vieler Transformationsprozesse durch das Fehlen genau dieses erfolgsentscheidenden Perspektivenwechsels gut erklärbar ist. Man benutzt das Vokabular aus dem agilen Begriffsraum die Zauberworte, deren Bedeutung man nicht versteht und wundert sich, dass der Zauber allzu schnell wieder verpufft. Das AGIL-Schema nach Talcott Parsons Das AGIL-Schema beschreibt vier Untersysteme eines übergeordneten Handlungssystems. Sie müssen die folgenden Funktionen erfüllen, damit das System überlebensfähig bleibt: · Adaptation (Anpassung): meint die Fähigkeit eines Systems, auf sich verändernde Umweltbedingungen - also beispielsweise auf neue Marktanforderungen, die Situation steigender Energiepreise etc - zu reagieren und sich entsprechend anzupassen. Es ist ein Verhaltenssystem und beruht auf Bedürfnissen, die befriedigt bzw. in Ausgleich gebraucht werden müssen. Ein makrostrukturelles Adaptation-System ist das Wirtschaftssystem. · Goal-Attainment (Zielverfolgung): meint die Fähigkeit eines Systems, sich immer wieder Ziele zu setzen, die Zielerreichung zu monitoren und wichtige Ziele zu erreichen oder anzupassen. Es handelt sich um ein persönliches System, das auf Motiven beruht. Ein makroskopisches Goal-Attainment-System ist das politische System. · Integration (Inklusion): meint die Fähigkeit eines Systems Zusammenhalt (Kohäsion) herzustellen und Integration zu ermöglichen. Die Integrationsfunktion konstituiert ein soziales System, das sich auf sozialen Rollen gründet. Ein makroskopisches Integrations-System ist das Gemeinwesen. · Latency / Latent Pattern Maintenance (Aufrechterhaltung): meint die Fähigkeit eines Systems, konstitutive Strukturen, Wertschöpfungsmuster etc. aufrecht zu erhalten. Latency bezieht sich auf ein kulturelles System, das auf Wertvorstellungen, Symbolen und Normen beruht. Ein makroskopisches Latency-System ist die Kultur einer Gesellschaft (oder - eine Größenordnung kleiner: einer Organisation). Entlang der Kette A-G-I-L nehmen die Neues ermöglichenden Kräfte ab und die Ordnung stiftenden Kräfte zu. Im übergeordneten Handlungssystem bilden die einzelnen Buchstaben Subsysteme mit jeweils eigenen Funktionen: Das AGIL-Schmema ist anhand der Dimensionen aktiv-passiv sowie instrumental-konsumatorisch untergliedert. Aktive Handlungstreiber sind die Funktionen der Anpassung und Zielerreichung (AG). Eher passiv-bewahrende Funktionen sind die Integration und die Latenz gegenüber Veränderungen (IL). Instrumental, also kein Selbstzweck, sondern Hilfsmittel zur Erfüllung anderer Zwecke sind die gegensätzlichen Funktionen der Anpassung und der (gegenüber der Anpassung zögerlichen) Latenz (AL). Konsumatorisch, also direkt Nutzen und Mehrwert stiftend, sind die Funktionen der Zielerreichung und der Integration (GI). Parsons hat damit Fundamente gebaut, ohne die nicht nur das agile Gedankengut undenkbar wäre, sondern auf denen auch unsere moderne Theorie sozialer Systeme in ganz wesentlichen Teilen aufbaut. Dabei nahm er insbesondere auch online bei der allgemeinen Systemtheorie des österreichischen Biologen Ludwig von Bertalanffy (* 1909 in Atzgersdorf, Österreich, + 1972 in Buffalo, USA, General System Theory. In Biologia Generalis 1/1949. S. 114 -129) teil. Als Pionier der allgemeinen Systemtheorie ist es seine geistige Leistung, Analogien in der grundsätzlichen Funktionsweise physikalischer, biologischer und soziale Systeme erkannt und diese in einem umfassenden Theoriegebäude vereint zu haben. Als Prinzipien, die von einer Klasse von Systemen auf andere übertragbar sind, identifizierte er Komplexität, Gleichgewicht, Rückkopplung und Selbstorganisation. Der humanistische Ansatz in der Systemtheorie. Selbstorganisation gehört freilich zu einem jener bis heute noch meist unverstandenen Schlagworte, die bisweilen – zum Schaden von Menschen und Projekten – mit "Selbstläufer "verwechselt werden. Was Selbstorganisation genauer bedeutet, erfahren wir von dem britischen Psychiater und Kybernetiker William Ross Ashby (* 1903 in London, + 1972 in Westons). In seiner berühmten Publikation „Design for a Brain. The Origin of Adaptive Behavior“ aus dem Jahr 1952 legt Ashby Grundzüge seiner Theorie nieder. Er entwickelt die wissenschaftlichen Grundlagen für das Prinzip der Homöostase als Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes in einem dynamischen System durch einen internen Regelungsprozess, der der Selbstorganisation des Systems nach den Prinzipien der Komplexität, Selbstreferenz, Redundanz und Autonomie zugrunde liegt. Dabei besagt Ashby’s Law (Law of Requisite Variety), für das er einer breiten Öffentlichkeit auch heute noch bekannt ist, dass die Fähigkeit eines Systems, Störungen auszugleichen mit der Handlungsvarietät des Systems zunimmt. In anderen Worten: je mehr Wahlmöglichkeiten sich ein System (zum Beispiel ein Unternehmen) schafft, umso besser kann es mit Störungen (zum Beispiel der Rezession) umgehen und desto eher hat es Einfluss auf angrenzenden Systeme (zum Beispiel den Markt und den Wettbewerb). Ashby's Ableitung des Selbstorganisationsprinzips aus der Sphäre der Biologie (“Design for a Brain”) zeigt, wie wichtig die Analyse lebender Systeme für die Entwicklung einer allgemeinen Systemtheorie war und welchen zentralen Beitrag zum Verstehen von Systemen unsere Beschäftigung mit den Neurowissenschaften leisten kann. Dieser Zusammenhang tritt noch deutlicher anhand des Beitrags der chilenischen Neurobiologen Francisco Varela (* 1946 in Santiago de Chile, + 2001 in Paris) und Umberto Maturana (* 14. September 1928 in Santiago de Chile; † 6. Mai 2021 in Santiago de Chile) zutage. In ihrem 1980 erschienenen Buch "Der Baum der Erkenntnis" treiben sie das Selbstorganisationsprinzip mit ihrem Autopoiesis-Konzept sozusagen auf die Spitze. Das griechische Wort Auto-Poiesis bedeutet wörtlich übersetzt Selbsterzeugung und bezeichnet die Fähigkeit von Systemen, sich durch eine geringe Anzahl von wiederholten Operationen selbst hervorzubringen und in ihrer Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten. “Die Erfahrung von jedem Ding ‚da draußen‘ wird auf eine spezifische Weise durch die menschliche Struktur konfiguriert, welche ‚das Ding‘, das in der Beschreibung entsteht, erst möglich macht. Diese Zirkularität (…) sagt uns, dass jeder Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt.“ Niklas Luhmann hat diesen Gedanken dahingehend weiter radikalisiert, dass er allen Gebilden, die nicht in der Lage sind, sich dergestalt selbst zu erzeugen und aufrechtzuerhalten den Systemcharakter abspricht. Demnach fallen nach Luhmann menschengemachte "Computersysteme" oder andere technische Systeme nicht unter den eigentlichen Systembegriff. Varela und Maturana sind zudem die Begründer des neurobiologischen Konstruktivismus, der für einen zentralen Aspekt dessen, was wir heute unter systemisch-konstruktivistischem Denken verstehen. Insbesondere mit Verweis auf die wenigen Millionen sensorischen Neuronen, die unser Gehirn mit der Außenwelt verbinden und auf die noch geringere Anzahl an motorischen Neuronen, mit der wir handelnd in die Welt hineinwirken, zeigen sie auf den riesigen “Wulst an Interneuronen”, die um den Faktor 100.000 überwiegen und letztlich eine Art von neuronalen Selbstgesprächen führen. Die Rede ist von der Selbstreferentialität des neuronalen Systems, das alle äußere Weltwahrnehmung letztlich als kontingente Konstruktion aufscheinen lässt. Dabei gerät auch der epistemologische Status des forschenden Beobachters als Ausgangspunkt der empirischen Forschung in Zweifel. Schließlich müssen blinde Flecken entstehen, wenn Gehirne zu beobachten vermeinen und damit - ganz im Sinne von George Spencer Brown’s (* 1923 in Grimsby, UK, + 2016 in Market Lavington, UK) Re-entry - die Interpunktionen, die sich aus dem Beobachtungssystem ins beobachtete System hineinkopieren (Brown’s Beobachterdilemma, das aus dem Prinzip der Unterscheidung hervorgeht, Laws of Form, 1969). Systemgrenzen spielen von der Biologie (Zellmembran) bis hin zum Großkonzern (Coroprate Identity) eine entscheidende, systemkonstituierende Rolle. Ganz im Sinne eines radikalen Konstruktivismus wird so auch der wissenschaftliche Diskurs von einer objektiven Tatsachenfeststellung zu einer Konstruktion, die immer auch anders hätte erfolgen können. Dementsprechend zurückhaltend verhalten sich die Vertreter der konstruktivistischen Richtung auch gegenüber den direkten Einwirkungsmöglichkeiten auf die Welt. Systeme sind nach dieser Auffassung eben nicht “manageable”, keinem “Engineering” zugänglich, sondern verhalten sich eben autopoietisch, das heißt: operational geschlossen nach eigenen inneren Gesetzen. Veränderung ist dabei allenfalls im Modus des Setzens von Störimpulsen möglich. Es sind diese von den System-Umwelten ausgehenden Störungen (“Perturbation”), die die innere Stabilität des Systems auslenken, möglicherweise sklerotisierte Strukturen wieder gängig machen und somit eine autonome Neuroganisation des Systems anregen können. Weitere wichtige Vertreter des radikalen Konstruktivismus sind Ernst von Glasersfeld (* 1917 in München, + 2010 in Leverett, USA, “Der radikale Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme, 1996”) Heinz von Foerster (* 1911 in Wien, + 2002 in Pescadero, USA, “Observing Systems”, 1981) und natürlich Paul Watzlawick (* 1921 in Villach, Österreich, + 2007 in Palo Alto, USA 1976, “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“). Von Glasersfeld führt das auch heute noch für die Beratung extrem wichtige Konzept der Viabilität, also der “Gangbarkeit”, “Brauchbarkeit”, man könnte auch sagen, der “Lebensdienlichkeit” in die systemische Welt ein. Sie ersetzt den Anspruch auf einen ontologischen Wahrheitsanspruch, wendet sich jedoch nicht gegen die Möglichkeit einer Falsifikation im Sinne des bedeutenden Wissenschaftstheoretikers Karl Popper (*1902 in Wien, 1994 in London, “Falsifikationismus”). Das Konzept der Viabilität findet sich - angewandt auf die Lebensfähigkeit von Organisationen - auch in Stafford Beer’s (*1926 in London, +2002 in Toronto) Viable System Model, mit dem er die Managementkybernetik begründete und damit unter anderem eine theoretische Grundlage für das heute einflussreiche St. Galler Modell Fredmund Maliks (*1944, Lustenau, Österreich) legte. Heinz von Foerster, von dem der berühmte Satz stammt, “Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners”, gilt als Sokrates des kybernetischen Denkens. Während die klassische Kybernetik nach Norbert Wiener (* 1894 in Columbia, USA, + 1964 in Stockholm, Schweden) als Erforschung der Mechanismen von Steuerung und Regelung in technischen, aber auch in biologischen Systemen Beobachtung erster Ordnung ist, führt von Förster in seiner Übertragung der Kybernetik in die sozialen Systeme den Beobachter 2. Ordnung ein, der wiederum den Beobachter und den Akt des Beobachtens beobachtet. Diese “Kybernetik 2. Ordnung” ist eine wesentliche Voraussetzung für die Luhmann’sche Systemtheorie. Paul Watzlawick schließlich ist der wohl bekannteste Vertreter der Palo-Alto-Gruppe, die am dortigen Mental Resarch Institute (MRI) forschten und - über die Psychotherapie großen Einfluss auf die systemische Beratungsszene auch in Europa nahm. Dazu trugen neben fachwissenschaftlichen Publikationen (z.B. Pragmatics of human communication. A study of international patterns, pathologies, and paradoxes, mit J. Beavin Bavelas, D. D. Jackson, 1967) in besonderem Maße populäre Bücher wie die berühmte Anleitung zum Unglücklichsein, 1983 bei. Inspiriert durch die Arbeiten des Anthropologen Gregory Bateson (*1904 in Grantchester, UK, + 1980 in San Francisco) forschte die Palo Alto Gruppe zunächst an Schizophrenie und schließlich - über die systemische Familientherapie - an Kommunikation im allgemeinen. Dabei kann der fortwirkende Einfluss von Bateson nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihm verdanken wir viele Konzepte, die heute aus der Kommunikationspsychologie nicht mehr wegzudenken sind: von den (ursprünglich als schizophrenogen gedachten) Doppelbindungen (double bind communication) über das Konzept der Metakommunikation bis hin zu der an Bertrand Russel und Alfred North Whiteheads angelehnten logischen Stufen des Lernens. Die Palo-Alto Gruppe hat das, was wir heute unter systemischem Coaching und systemischer Beratung verstehen, ganz wesentlich beeinflusst. Durch den engen Kontakt Paul Watzlawicks prägte die Arbeit am MRI ganz wesentlich das Mailänder Modell der systemischen Familientherapie von Mara Selvini Palazzoli (1916 - 1999). Palazzoli war unter anderem bekannt für ihre Arbeit mit paradoxen Interventionen, zum Beispiel in Form von Problemverschreibungen. In Mailand entstand auch, in Weiterentwicklung der Idee des Beobachters höherer Ordnung die Zwei-Kammer-Methode, in der Therapeut:in und Patient:in von Co-Therapierenden durch eine Einwegscheibe oder per Videoübertragung beobachtet werden, so dass das Therapieteam dann nach einer präfinalen Abstimmung eine möglichst passende Abschlussintervention entwickeln kann. Dank einer Weiterentwicklung durch den ​​norwegischen Sozialpsychiater Tom Andersen entstand die heute in Seminaren weit verbreitete Methode des Reflecting Team, in der Coach und Klient:in / Fallgeber:in am Ende den Reflexionen der “Co’s” lauschen und dann ihre Reaktionen in einen weiteren Reflexionsprozess einfließen lassen. Ebenso einflussreich wie die Mailänder Schule wirkte die US-amerikanische systemische Familientherapie über Virginia Satir (*1916 in Neillsville, Wisconsin, + 1988 in Kalifornien) auf das Geschehen in Europa ein. So gelten Satir’s Familienskulpturen und Familienkonstruktionen als Vorläufer der systemischen Aufstellungsarbeit und Satir’s Parts Party als Vorläufer der Teilearbeit, wie sie beispielsweise mit dem Konzept des „Inneren Teams“ durch den Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun aufgegriffen wurde. Da die in der Öffentlichkeit sehr bekannte “systemische Familienaufstellung” nach Bert Hellinger aufgrund ihrer phänomenologischen Orientierung und ihres direktiven Habitus inkompatibel mit dem konstruktivistischen Grundverständnis der heutigen Systemtheorie ist, wird die systemische Aufstellugnsarbeit in Deutschland insbesondere mit den Namen Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd verbunden. Weitere Einflüsse auf die deutsche “systemische Szene” gehen von der Schule von Milwaukee in Form der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie nach Insoo Kim Berg und Steve de Shazer aus. Sie sind inspiriert vom Gedanken des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, dass Problem und Lösung zwei unterschiedlichen Welten angehören. Ferner nutzen sie die vom Hypnotherapeuten Milton H. Erickson stammende Konzeption der Therapie als Lösungsprozess vom Problem (“Die Lösung ist die Lösung”). Als prominente Methoden der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie haben auch die Skalenfragen und die Wunderfrage aus Milwaukee unsere Seminarräume erreicht. Einen, wenn nicht den wichtigsten Brückenkopf der systemischen Szene in Deutschland bildet die Heidelberger Schule um den erst unlängst verstorbenen Helm Stierlin (*1926 in Mannheim, + 2021). In enger Zusammenarbeit mit der Palo Alto Gruppe und der Mailänder Schule verbreitete und entwickelten sie systemisch-konstruktivistische, hypnosystemisch-lösungsorientierte und narrativ- dekonstruktionistische Arbeitsweisen (Michel Foucault, *1926-1984) weiter und verbreiteten sie über den therapeutischen Kontext hinaus im systemischen Coaching und in der systemischen Organisationsberatung. Bekannte Vertreter der Heidelberger Schule sind neben Helm Stierlin Gunthard Weber, Fritz B. Simon, Gunther Schmidt, Jochen Schweitzer, Arnold Retzer und Hans Rudi Fischer. Einflussreiche Gründungen aus dem Heidelberger Systemiker-Kreis sind die Internationale Gesellschaft für systemische Therapie (IGST), der Carl Auer Verlag, Simon, Weber and Friends und das Wittener Institut für Familienunternehmen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Witten/Herdecke. Während die Heidelberger Schule insgesamt stärker auf die praktischen systemischen Methoden und Modelle im systemischen Coaching und in der systemischen Organisationsberatung einwirkt, sind zwei weitere Denkschulen als Metatheorien und als Folie für das Verständnis einer künftig sich fortentwickelnden Neurosystemik unabdingbar: 1. Die Theorie sozialer Systeme nach Niklas Luhmann 2. Die Synergetik von Hermann Haken in deren Tradition auch 3. die personenzentrierte Systemtheorie nach Jürgen Kriz anzusiedeln ist. 1. Die Theorie sozialer Systeme nach Niklas Luhmann Über Luhman (*1927 in Lüneburg, + 1998 in Oerlinghausen) ist viel gesagt und geschrieben worden. Die meisten Leser:innen dieses Skripts werden in ihren Trainer- und Coach-Ausbildungen intensiv mit dem Luhmann’schen Gedankengut in Kontakt gekommen sein. Deshalb hier nur ein kurzer Abriss wesentlicher Landmarken seiner sperrigen und oft doch so nützlichen Theorie. Wer Luhmann-Lücken hat oder auf vergnügliche Weise tiefer in die Thematik einsteigen will, dem sei das Buch “Luhmann leicht gemacht” von Margot Berghaus empfohlen. Hier die wichtigsten Kernpunkte: Nach Luhmann hat jedes System eine konstitutive Operationsform: 1. Biologische Systeme operieren durch Leben 2. Psychische Systeme operieren durch Bewusstseinsprozesse (Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Wollen, Aufmerksamkeit) 3. Soziale Systeme: operieren durch Kommunikation Bewusstsein und Leben sind nicht Teil sozialer Systeme, sondern ermöglichende Umwelt. Auch Menschen kommen in den sozialen Systemen Luhmanns nicht - beziehungsweise nur in der nachträglichen Beobachtung, vor. Die radikale Position Luhmanns lautet also: Menschen kommunizieren nicht, nur Kommunikation kommuniziert. Auch sind Menschen selbst keine Systeme – sie haben an den oben genannten Systemen Anteil. So besteht Kommunikation auch nicht aus Handlungen von Personen, sondern lässt sich nur aus der Beobachterperspektive nachträglich dergestalt beschreiben. Hierin unterscheidet sich Luhmann radikal von Talcott Parsons’ intentionaler Handlungstheorie, die Luhmanns Theorie sozialer Systeme den Weg bereitet hatte: Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen. Während die drei Makrosysteme ebenso wie die gesellschaftlichen Untersysteme sich jeweils in operativer Geschlossenheit autopoietisch selbst organisieren, bilden Sie füreinander Umwelten, die sich gegenseitig anregen und in einen Prozess der Co-Evolution eintreten können. Systeme bringen, wie schon von Foerster feststellte, emergente Eigenschaften hervor, die sich nicht als einfache Summenwirkung der Teile erklären lassen. Besonders bedeutsam für Coaching und Organisationsberatung ist das Luhmann’sche Kommunikationsmodell. In scharfer Abgrenzung zum allseits bekannten informationstheoretischen Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation (Claude Elwood Shannon, * 1916 in Petoskey, USA, + 2001 in Medford, USA und Warren Weaver, * 1894 in Reedsburg, USA, + 1978 in New Milford, USA; The Mathematical Theory of Communication, 1949) findet Kommunikation nicht als Übermittlung einer Nachricht über einen Kanal statt. Vielmehr beruht Kommunikation auf einer dreifachen Selektion: · Die Selektion der Information verweist auf die Tatsache, dass nur ein geringer Teil dessen, was potenziell Information sein könnte, auch als Information selektiert wird. Alles, woran der Autor dieses Skripts gerade nicht denkt, tritt nicht einmal als mögliche Information auf den Plan. · Die Selektion der Mitteilung bezeichnet den Selektionsschritt, in dem aus den vorhandenen Informationen etwas für die Mitteilung ausgewählt werden muss. Nicht alles, was der Autor gerade im Kopf hat, kann und will er sagen. Doch selbst wenn: noch ist keine Kommunikation zustande gekommen, auch wenn noch so viel gesagt oder geschrieben wurde. Nach Luhmann käme Kommunikation also zum Beispiel nur im Akt des Lesens dieses Skripts oder des Anhörens des zugehörigen Vertrages zustande, und auch nur dann, wenn der Inhalt als Kommunikationsangebot angenommen wird. Das nennt Luhmann · die Selektion des Verstehens. Dabei meint Verstehen noch nicht einmal das Verstehen des Inhaltes, sondern einfach das Verstehen und Annehmen der Tatsache, dass jemand etwas kommunizieren will. Luhmann denkt Kommunikation also vom Ergebnis her. Kommunikation ist nach Luhmann nicht dann erfolgreich, wenn jemand überzeugt ist, sondern einfach, wenn sie Anschlusskommunikation erzeugt. Erfolg entsteht, wenn aus der Kommunikation etwas erfolgt. Denn Kommunikation ist im sozialen System das, was Leben im biologischen und Liquidität im wirtschaftlichen System ist. Ohne Anschlusskommunikation stirbt die Kommunikation und mit ihr das soziale System. Insgesamt ist der Erfolg von Kommunikation unwahrscheinlich, da jeder Selektionsschritt auch anders hätte ausfallen können. Woher weiß ich, dass jemand die relevante Information ausgewählt oder mitgeteilt hat? Keiner der Beteiligten weiß es. Das erscheint suboptimal, doch genau diese “doppelte Kontingenz” bewirkt auch, dass alle Beteiligten im gleichen Boot sitzen. Wir können einander also entweder alle vertrauen oder alle misstrauen. Vertrauen aber, so Luhmann reduziert die Komplexität und damit auch die Transaktionskosten. Gerade durch ihre konsequente Hinlenkung des Augenmerks auf die Kommunikationsprozesse und die Kommunikationsmedien, ist die Luhmann’sche Theorie sozialer Systeme im Coaching und in der Organisationsberatung nach wie vor von hohem praktischen Nutzwert. Dennoch ist zu bedenken, dass sie Trainer Trainings und Coach Trainings leider oft bei Luhmann stehenbleiben und die Weiterentwicklung in der Systemtheorie kaum mitvollziehen. Eine wesentliche Weiterentwicklung ist die Synergetik und ihre Übertragung auf die Analyse komplexer, dynamischer Sozialsysteme. 2. Die Synergetik von Hermann Haken und die Personenzentrierte Systemtheorie nach Jürgen Kriz Die Synergetik wurde von Hermann Haken (*1927 in Leipzig) ursprünglich im Zusammenhang mit dem Laserlicht als Beispiel für Wechselwirkungen in einem komplexen, dynamischen Nichtgleichgewichtssystem entwickelt. Inzwischen wird sie auf Selbstorganisationsphänomene in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und Soziologie angewandt. Wichtige und heute in der Beratungspraxis gängige Konzepte, die der Synergetik entstammen, ist die Komplexitätsreduktion durch einige wenige Ordnungsparameter, das Versklavungsprinzip, und die Theorie der Phasenübergänge zwischen zwei Ordnungsmustern. Wer den Praxiswert dieser Begriffswelt erleben möchte, sei auf das sehr lesenswerte next practice-Buch von Peter Kruse (1955-2015) verwiesen. Von zunehmender Wichtigkeit wird - gerade angesichts der stagnationsfördernden Luhmann-Fixierung in der systemischen Beratungsszene - die auf der Synergetik fußende Personenzentrierte Systemtheorie von Jürgen Kriz (*1944 in Ehrhorn, Subjekt und Lebenswelt, 2017). Neben vielen praxisrelevanten und erfrischend neuen Aspekten, deren Darstellung hier den Rahmen sprengen würde, hat dieser Ansatz zwei Vorzüge, die ihn für die Praxis besonders vielversprechend machen: 1. Die Wiedereinführung des Menschen als Agenten systemischer Prozesse. Nach einer langen Luhmann’schen Winterpause kann Beratung wieder näher an die Lebenswelt unserer Klient:innen rücken. 2. Der Ansatz integriert ganzheitlich die nicht-linearen Interaktionen, nicht nur der üblicherweise berücksichtigten psychischen und interpersonellen Prozesse, sondern explizit auch der somatischen und kulturellen Einflüsse. 3. Außerdem berücksichtigt er systematisch die Komplementarität subjektiver und objektiver Befunde. Schließlich sind die sprachlichen Selbstbeschreibungen von Klient:innen durch die kulturelle Gewordenheit der Sprache geprägt, wodurch Denken und Selbstoffenbarung immer ein Stück weit durch kulturgeprägte Stereotypen (“wie spricht man über Gefühle”) verfälscht werden. Damit ist die Personenzentrierte Systemtheorie nicht nur mit dem eingangs als grundlegend beschriebenen Bio-Psycho-Sozialen Modell kompatibel, sie ist eine beratungstaugliche Weiterentwicklung dieses Denkens, die es um eine subjektive und objektive Perspektive sowie um das Konzept vielfacher Wechselwirkungen mit hohen Emergenzpotenzialen erweitert. 3. Neurosystemische Modelle in der Praxis: Das Neurosystemische Panorama Anhand des Neurosystemischen Panoramas® erfahren Sie in diesem Kapitel, wie Neurowissenschaften und Systemtheorie im Coaching, in der Beratung und Supervision oder in der Begleitung von Transformationsprozessen genutzt werden können. Die Beispiele stammen aus unserem Buch Klinkhammer, M., Hütter, F., Stoess, D., Wuest, L. (2018). Change happens - Veränderungen gehirngerecht gestalten - inkl. Arbeitshilfen online. 2., Auflage. Freiburg im Breisgau: Haufe-Lexware. Grafiken, Tabellen und Teile des Texts sind wörtlich aus dem publizierten Text übernommen und mit Seitenangaben zitiert. Verwendung der Grafiken mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Das Neurosystemische Panorama® Mit dem Neurosystemischen Panorama® stellen wir Ihnen ein Beobachtungs- und Analysewerkzeug zur Verfügung. Mit seiner Hilfe können Sie mit einer einheitlichen Struktur auf nicht-triviale biologische, psychische und soziale Systeme und deren Gesamtkonzept einer „Überlebenseinheit“ schauen. Sie können deren wechselseitiges Zusammenwirken herausarbeiten, das die jeweiligen Freiheitsgrade der anderen Systeme einschränkt, aber auch gleichzeitig ihr Weiterbestehen erst möglich macht. Denn ein System und seine Umwelten bilden eine „Überlebenseinheit“. Das Modell dient der Exploration des „Ist“ mit dem Ziel, auf Basis einer intensiven Beobachtung sowie der gelungenen Umwandlung von Irritationen in Informationen sukzessive wieder ein Gefühl der Kohärenz sowie das notwendige Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und denkbare Schritte für das weitere Vorgehen zu entwickeln (S.398 f.). Ziel des Modells ist es, gemeinsam mit den Kunden Informationen über das von ihm definierte System und dessen Umwelten zu erheben und diese anders als bisher einzuordnen. „Verstehen“ findet immer erst mal nur vor dem Hintergrund der eigenen, in der Vergangenheit subjektiv realitätsnah gezeichneten Landkarte der Kunden statt. Durch den strukturierten Beratungsprozess werden genau diese inneren Abbilder der Kundenrealität gemeinsam unter die Lupe genommen. Wir fragen, irritieren, überraschen, stören und verstören sogar manchmal. Wir prüfen die Antifragilität des Gesamtsystems. Aufmerksam und behutsam, denn wir wissen, dass manche Teile der „System-Umwelt-Überlebenseinheit“, insbesondere psychische Systeme, sehr fragil sein können (vgl. Taleb, 2013) (S.398). Ein System und seine relevanten Umwelten, an die es sich selbst anzubinden sucht, schränken wechselseitig ihre jeweiligen Freiheitsgrade ein. Das ist der Preis, den ein System für die Irritationen zahlt, die es als Feedback oder Feedforward von den für sie relevanten Umwelten erhält. Auf diese Irritationen, Störungen, Überraschungen oder „Challenges“ ist es zur Sicherung des eigenen Überlebens angewiesen. Einige Systeme scheuen Irritationen, schotten sich ab, beobachten weder sich selbst noch ihre Umwelten. Andere Systeme, sogenannte antifragile Systeme (Taleb, 2013) suchen nach Irritationen, um von ihnen zu profitieren. Selbstreguliert, also nach seinen eigenen Bewertungs- und Verarbeitungsmechanismen, wandelt ein System diese Irritationen in Informationen um. Informationen, die – wie Bateson ausführt – zu einem späteren Zeitpunkt einen Unterschied machen: entweder einen Unterschied in der sinnstiftenden Selbstkonstruktion der eigenen Systemidentität oder einen Unterschied in der sinnmachenden internen Selbstorganisation oder der Anbindung des Systems – oder aber auch in allen dreien. Durch wechselseitig vor- und rückwärts aufeinander wirkende, zeitgleich stattfindende Selbstkonstruktion, Selbstanbindung, Selbstorganisation und Selbstregulation sucht ein System sein Überleben zu sichern. Das alles haben wir im Neurosystemischen Panorama® zur Analyse biologischer, psychischer und sozialer Systeme nachzubilden versucht (S. 401). Die vier Dimensionen des Basismodells sind - wie unschwer erkennbar ist - vom der vier psychischen Grundbedürfnisse nach Seymour Epstein (Grawe 2004, S. 189) inspiriert. Das Neurosystemische Panorama® fokussiert vier Dimensionen der Entstehung und Aufrechterhaltung von Systemen: · Selbstkonstruktion: Wie und wozu konstruiert sich das System im Unterschied zu anderen System-Umweltdifferenzen? Wie hält es grenzbewahrend Unterschiede aufrecht? · Selbstanbindung: Welche inneren und äußeren Umwelten wählt es für die Aufrechterhaltung seiner Existenz? Was sind die passenden Beziehungsformen und Beziehungsqualitäten? · Selbstorganisation: Wie organisiert es sich im Innern, um basierend auf einer ihm eigenen Struktur automatisiert und energieeffizient Aktivität an Aktivität anschließen zu können? · Selbstregulation: Was sind die impliziten oder expliziten Voraussetzungen, die die Impulsgeber ursprünglich bei der Initiierung des Systems als Maß gebend für seine Tauglichkeit erachtet haben? Impulsgeber für ein lebendes (Kommunikations-)System können z.B. sein: Unternehmensgründer, Eltern, Projektsponsoren oder Stichwortgeber für eine zeitlich befristete, lebhafte Diskussion über „demokratische Unternehmen“ im Bahnabteil. Darüber hinaus gilt es zu erforschen, wie das System gegenwärtig auf Irritationen aus dem eigenen Innern bzw. aus den inneren und äußeren Umwelten achtet. Und anhand welcher gegenwärtigen Maßstäbe es diese Irritationen bewertet und zu systemintern relevanten Informationen verarbeitet, dabei berücksichtigend, dass die gegenwärtige Situation als Teil eines übergreifenden Musters, beginnend mit der Systeminitiierung und in die Zukunft verweisend, zu verstehen ist (Baumeister, Tierney, 2014)? Systeme erzeugen einerseits Systemstabilität durch eine ihnen eigene Operation der Aufrechterhaltung von Grenzen und Beziehungen, sowie durch selbst entwickelte Regeln und Programme. Genauso aber erzeugen sie andererseits Systemdynamik durch prinzipielle Systemoffenheit dank der systemeigenen Selbstregulationskompetenz, sich irritieren, verstören und stressen zu lassen. Neurosystemische Modelle neigen dazu, fraktale Strukturen zu entwickelt. Einige wenige Ordnungsparameter - wie hier die vier Dimensionen der Selbstkonstruktion (entsprechend dem Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz bei Grawe), der Selbstanbindung (entsprechend dem Bindungsbedürfnis), der Selbstorganisation (entsprechend dem Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle) und der Selbstregulation (entsprechend dem Bedürfnis nach Lustgewinnung und Unlustvermeidung) reduzieren Komplexität und schaffen Ordnungsmuster in der Beobachtung von Systemen. Setzen wir diese Ordnungsmuster auf unterschiedlichen Systemebenen ein - zum Beispiel auf der Ebene der (Neuro-)Biologie (z.B. mit Bezug auf die gesundheitlichen Auswirkungen von Veränderungen), auf der Ebene der individuellen psychischen Folgen (psychisches System), auf der Ebene von Teams und Projekten (Interaktionssysteme im Sinne von Parsons) oder der gesamten Organisation (soziale Systeme im Sinne von Luhmann), so ergeben sich über die Ebenen hinweg jeweils selbstähnliche Muster. Der rekursive Prozess der wiederholten Anwendung der vier Ordnungsparameter lässt zudem Beziehungen zwischen den Ebenen erkennen (“Wie spiegeln sich neuronale Prozesse im ‘social brain’ der Gesamtorganisation”...). In den folgenden Abschnitten finden Sie für die oben erläuterten Grundprinzipien jeweils die Ausprägung auf den beschriebenen Ebenen. Wir haben hierzu Fragenkataloge entwickelt, die Sie bei der Anwendung unterstützen sollen. Der biologische Systemaspekt Anwendungsperspektiven dieses Rasters ergeben sich aus den folgenden Fragen: Reflexionsfragen zum biodynamischen Aspekt Wesentliche Fragen zu Körper- und Ich-Repräsentationen: · Wie stark spüre ich meine Grenzen? / Spüre ich in meinem Körper eine Tendenz zur „Abgrenzung“ (Überlastungszeichen) – oder zur „Grenzöffnung “ (Stimulanz)? · Wie stark greift die Veränderung auf meinen Körper durch? / Wo will ich mich schützen? / Wo mir ganz bewusst etwas zumuten? · Wie schaffe ich es, den Durchlässigkeitsgrad meiner Grenzen situationsflexibel einzustellen? Wesentliche Fragen zum Social Brain: · Wie stark bin ich, wie stark sind wir, im Change-Prozess auf Resonanz von Kollegen, Führungskräften, Mitarbeitern angewiesen? · Wie schütze ich mich vor den Fallen des Social Brains (Denkfehler wie z.B. in-group bias, Ähnlichkeitspräferenz etc.)? · Wo möchte ich, wo möchten wir „reifer“ werden, um zu einer ausgewogenen Balance zwischen „Verantwortung “ und „Selbstverantwortung “ zu gelangen? Wesentliche Fragen zu den exekutiven Funktionen: · Für welche Aufgaben verfüge ich über mir bereits bekannte ggf. automatisierte Lösungsstrategien, für welche nicht? (Identifikation unbewusster Kompetenz) Für welche Aufgaben, zu denen ich bisher keine Vorerfahrungen habe, kann ich mir Lösungsstrategien aus anderen bewältigten Projekten ableiten (Ressourcen- transfer)? / Was kann ich von anderen Personen lernen (Wissenstransfer)? · Wo versuche ich Einfluss auf Unbeeinflussbares zu nehmen? / Wo unterschätze ich eigene Einflussmöglichkeiten? · Wie achte ich während des Change auf mich und sorge immer wieder für · Ruhepausen, um Stress abzubauen und geistige Kraft wiederzugewinnen? Wesentliche Fragen zu den Bewertungsfunktionen und körperlichen Intuitionssignalen: Wie bewerte ich die Veränderung in meinem emotionalen Gedächtnis und in meinem Körpergedächtnis? · Auf Basis meiner Vergangenheit: Welche ggf. mir bislang unbewussten positiven und negativen Erfahrungen beeinflussen meine Reaktionen auf das aktuelle Thema? · Im Hier und Jetzt: Was spüre ich angenehm/unangenehm in meinem Körper als Resonanzboden, wenn ich mir den Ablauf der anstehenden Veränderungen vorstelle? · Mit Blick auf die Zukunft: Welche aus der Vergangenheit verkörperten Bewertungen (somatische Marker) möchte ich in die Zukunft mitnehmen? / Welche möchte ich verabschieden? Der psychische Systemaspekt Die Anwendung der vier Systemaspekte im psychischen System ergibt das folgende Muster: Die folgenden Fragen zeigen, wie die Aspekte dabei helfen können, die individuelle psychische Verarbeitung von Veränderung oder eines im Coaching angestrebten Vorhabens zu explorieren und dabei die Landkarten der Beteiligten um neue Möglichkeiten zu erweitern. Reflexionsfragen zum psychodynamischen Aspekt Fragen zum psychischen Selbst-Konstrukt: · Wer bin ich heute? Wer will ich mit dem Change-Prozess werden? Wie will ich in Zukunft meine „Einzigartigkeit“ pflegen, ohne überheblich zu wirken? Wie will ich in Zukunft meine „Zugehörigkeit “ (Profession, Identität, etc.) betonen, ohne mich in der Masse zu verlieren? · Wo trage ich im Change-Prozess aktiv Risiken durch Übernahme von Rollen und Funktionen und wo lasse ich Dinge auch einfach mal ohne mich geschehen? Fragen zur Bindung: · Zu wem (Personen, Teams, Organisationen) baue ich Beziehungen auf, wo ab? · Wie „nah“ will ich im Change-Prozess zu wem gehen, ohne mich zu verlieren? · Wie „distanziert“ will ich im Change-Prozess bleiben, ohne kontaktlos zu wirken? Welche Bindung habe ich zu Andersartigen, um ein ausreichendes Maß an Diversität in Netzwerken und Kooperationen zu haben? · Was ist zukünftig die für die Beziehungspflege passende Mischung zwischen persönlichem und virtuellem Kontakt? Fragen zur Selbstwirksamkeitserwartung: · Welches Maß an Orientierung von außen und welches Maß an Eigenregie brauche ich in diesem Veränderungsprozess? · Wieviel „Sicherheit und Berechenbarkeit “ ist mir wichtig, ohne „stur und starr“ zu wirken? Wie „frei und flexibel“ will ich sein, ohne „unzuverlässig und willkürlich“ zu wirken? · Wie gewinne und erhalte ich die innere Stabilität und Flexibilität über: o fest stehende und sich entwickelnde Werte und Prinzipien, o gleiche oder beständig sich verändernde Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, • mein „inneres Team“ und seine Entwicklung, o meine Rückbindung an oder Emanzipation von meinem kulturellen, gesellschaftlichen, natürlichen und technischen Umfeld? · Wo im Veränderungsprozess nutzen mir meine bisherigen Selbstwirksamkeitsstrategien für wirkungsvolle Einflussnahme? Wo stehe ich mir damit selbst im Weg? Fragen zur Selbststeuerung: · Was spricht mich an, was irritiert mich am und im Veränderungsprozess bezüglich meiner Kriterien für Gelingen oder Misslingen, wie immer ich beides für mich definiere? · Wie steuere ich mich selbst im Prozess? o mit Blick auf die Vergangenheit: Wo will ich zum Gelingen aktiv beitragen und bereits erworbene Fähigkeiten nutzen? Was will ich aufgrund meiner Vorerfahrungen vermeiden bzw. vorsichtig angehen? Wo möchte ich an meiner Impulskontrolle arbeiten, um der Anziehungskraft automatisierter Aktionen zu widerstehen? o im Hier und Jetzt: Wie „Lust suchend“ will ich sein, ohne wählerisch zu wirken? Wie „Unlust vermeidend“ will ich mich zeigen, ohne desinteressiert zu wirken? o mit Blick auf die Zukunft: Was bin ich bereit für zukünftiges Gelingen zu investieren oder zu riskieren? Und worauf bin ich bereit, in weiser Vorausschau zu verzichten, um anschlussfähig zu bleiben? Wie gehe ich mit Unsicherheit und Ambivalenzen um. Der teamdynamische Systemaspekt Die nächste hochgradig praxisrelevante Systemebene ist die Ebene des Interaktionssystems in Teams, Projekten etc. Praxisrelevante Fragen für die Teamanalyse und zur Anregung zu Entwicklungsprozessen finden Sie in den folgenden Fragen: Reflexionsfragen für den teamdynamischen Aspekt Wesentliche Fragen zur Teamidentität: · Über welche gemeinsamen Ziele und Aufgaben im und nach dem Change definieren wir unsere Identität als Team? / Was macht uns dabei einzigartig in und zugehörig zur Organisation? · Zu welchem Beitrag verpflichtet sich jeder (zugehörig), auch wenn er bei der Veränderung droht zu verlieren statt zu gewinnen (einzigartig)? Wesentliche Fragen zur Anbindung des Teams: · Wer sind die für unseren co-kreativen Entwicklungsprozess relevanten Umwelten (Teammitglieder, interne und externe Kunden etc.)? · Welchen Wert legen wir bei der Auswahl unserer Teammitglieder und Schnittstellen- partner auf Ähnlichkeit bzw. auf Diversität? · Wie gestalten wir situations- und kontextbezogen unsere Beziehungen vor dem Hintergrund der neuen Rahmenbedingungen (Reorganisation, Ein-/Austritt von Teammitgliedern etc.)? Wesentliche Fragen zur selbstorganisierten Teamstruktur: · Welches Maß an innerer Komplexität ist historisch gewachsen? Wo müssen wir im Hin- blick auf den Change bewusst mehr Komplexität zulassen, wo Komplexität reduzieren? Wie organisieren wir uns selbst im Inneren über: o Rollen: Was erwarten wir von wem inhaltlich und teambezogen? Was heißt das für unsere Werte und Normen im Team? o Regeln: Welche geschriebenen und ungeschriebenen Richtlinien sehen wir für uns und unser Umfeld als handlungsweisend an? o Personen: Wem von uns schreiben wir angesichts von Kontext & Situation für uns passende Kommunikations- und Handlungskompetenz zu? o Teamkultur: Wie halten wir uns gegenseitig für ein gelingendes Miteinander ver- antwortlich, lassen uns in unserem System Raum und Zeit zur persönlichen Bedürf- nisbefriedigung, darauf vertrauend, dass dies auch förderlich für das Team ist? · Wie bleiben wir flexibel? Wesentliche Fragen zur Selbststeuerung des Teams: · Wovon lassen wir uns als Team irritieren, z.B. von Bedürfnisäußerungen einzelner Teammitglieder, Anforderungen der Organisation, von Kunden, Markt und Gesetz? Wie entwickeln wir eine „kollektive Achtsamkeit“ im Team, um das, was an uns heran- getragen wird oder sich als „window of opportunity “ auftut, aufmerksam zu bearbeiten? Wie steuern wir uns als Team und im Team im Veränderungsprozess? o mit Blick auf die Vergangenheit: Was nehmen wir dazu aus der Vergangenheit als Kompetenz mit? o im Hier und Jetzt: Was gibt uns im Hier und Jetzt Halt? o mit Blick auf die Zukunft: Welche unterschiedlichen Szenarien sind für uns denkbar? / An welchen Signalen erkennen wir Veränderungen, wie machen wir uns als Team zukunftssicher? · Wie ermöglichen wir uns und anderen Lernen? Organisatorische Systemaspekt Unsere Wanderung durch die für Coaching, Beratung und Transformation entscheidenden Systemebenen endet mit der organisationalen Perspektive. Die folgenden Fragen können Sie hierzu stellen, wenn Sie die Organisationsebene analysieren: Reflexionsfragen für den organisatorischen Aspekt Fragen zur Organisationsidentität: · Wozu sind wir da? (primäre Aufgabe) / Worin drückt sich Scheitern aus? (primäres Risiko) / Worin sehen wir unser „Alleinstellungsmerkmal “? / Was teilen wir mit anderen als Überlappungen? / Wo grenzen wir uns klar ab? · Welche Konfliktmanagementsysteme und Entscheidungsarchitekturen geben wir uns? Fragen zur Anbindung: · Wer sind die für unsere Organisation relevanten Kunden, Share- und Stakeholder etc.? / Wie „fest“ wollen wir unsere Beziehungen zu ihnen knüpfen, ohne „vereinnahmt“ zu werden? / Wie „lose“ wollen wir unsere Beziehungen gestalten, ohne „austauschbar “ zu werden? · Wie handeln wir unsere Beziehungen aus vor dem Hintergrund der eventuell neuen Rahmenbedingungen (Kultur, Gesetze, Markt etc.)? · Wie bleiben wir auch dauerhaft attraktiv für diese und weitere Umwelt Wesentliche Fragen zur Selbstorganisation: · Welches Maß an innerer Komplexität brauchen wir? / Was können wir verkraften? / Wie „geregelt und bestandssichernd “ wollen wir arbeiten, ohne „rigide und innovationsfeindlich “ zu werden? / Wie „regellos und Alternativen suchend“ wollen wir arbeiten, ohne „beliebig und chaotisch “ zu werden? · Wie organisieren wir uns selbst im Innern in Bezug auf unsere: o Kommunikationswege: Welche Verantwortungen und Befugnisse verorten wir an welchem Platz in unserer Organisation? o Programme: Welche impliziten und expliziten Richtlinien sehen wir für uns und unser Umfeld als handlungsweisend an? o Personen: Wem schreiben wir die für unsere Organisation geeignete Kommunikations- und Handlungskompetenz zu? o Kultur: Wie reflektieren und kommentieren wir unser Tun im Veränderungsprozess? · Wie ermöglichen wir individuelles und organisationales Lernen? Wesentliche Fragen zur Selbststeuerung: · Wovon lassen wir uns als Organisation irritieren? Wovon nicht? · Wie bauen wir Selbststeuerungsfähigkeit im System auf, um die Veränderung, das Problem, die Krise oder die Katastrophe erfolgreich zu bewältigen? o mit Blick auf die Vergangenheit: Was nehmen wir bezüglich unserer Risikobewer- tungen aus der Vergangenheit als Kompetenz mit? / Wovon verabschieden wir uns? o im Hier und Jetzt: Was üben wir im Hier und Jetzt neu ein, um die für uns passende Mischung zwischen Sensibilität, Anpassungsfähigkeit und Standhaftigkeit zu finden? o mit Blick auf die Zukunft: Welche Szenarien, welche Chancen und Risiken sind möglich? / Woran würden wir sie frühzeitig erkennen? / Wie stellen wir uns bereits heute voraus- schauend auf sie ein? / Wie gehen wir mit dem grundsätzlich Unvorhersehbaren um? Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass alle Aspekte auf allen Systemebenen jeweils polar angelegt sind. So ist es etwas im psychischen System weder gut noch schlecht, das Selbstkonstrukt eher nach Einzigartigkeit („Meine USP’s, meine Leistungen“) oder nach Zugehörigkeit („Mein Team, meine Familie“) zu organisieren. Die aktuelle Positionierung zwischen den Polen ist jedoch in unterschiedlichen Situationen gegebenenfalls unterschiedlich nützlich oder problemerzeugend. Daher lohnen sie der Reflexion, da sich so neue Handlungsmöglichkeiten auftun. Das COR-ESSENTIALS® Modell: Dimensionen • In Kontakt sein und wahrnehmen • Sinn geben und vertrauen • Abgrenzen und entscheiden • Experimentieren und anpassen • Struktur geben und Routinen entwickeln • Bilanzieren und reflektieren • Bewusst werden und kommunizieren Schließlich ist das auch das große WHY und der befreiende Aspekt der Beschäftigung mit der Systemtheorie: Sie schützt uns, dort wo wir aus einer rein biologischen Perspektive leicht in einen Determinismus zu rutschen drohen, vor der Problemhypnose durch die normative Kraft des Faktischen und erlaubt es uns, unsere Welt und unseren Möglichkeitsraum multiperspektivisch zu denken und so neu konzipieren zu lernen. Dafür – und wegen ihres hohen praktischen Nutzwertes - lohnt sich die neurosystemische Perspektive allemal. Literatur- und Quellenverzeichnis ​ Egle, Ulrich Tiber; Heim, Christine; Strauß, Bernhard; Känel, Roland von (Hg.) (2020): Psychosomatik - neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Ein Lehr- und Handbuch. W. Kohlhammer GmbH. 1. Auflage. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer (Medizin). Online verfügbar unter https://eref.thieme.de/ebooks/cs_13534154 Hütter, F., Marsch V. (2014). Mythos Hirnforschung. Training aktuell (06/14), 29–31. Hütter, F., van Kempen, A. (2014). Aber bitte mit System. Training aktuell (10/14), 18-21. Hütter, F. (2015). Wir Als-Ob-Philosophen. Praxis Kommunikation (01/15), 74–75. Hütter, F. (2015). Vom Teil zum Ganzen. Praxis Kommunikation (02/15), 73–74. Falkenburg, Brigitte (2012): Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. Egle, Ulrich Tiber; Heim, Christine; Strauß, Bernhard; Känel, Roland von (Hg.) (2020): Psychosomatik - neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Ein Lehr- und Handbuch. W. Kohlhammer GmbH. 1. Auflage. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer (Medizin). Der Klassiker: Engel GL (1977) The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science 196: 129–136. Maturana, Humberto R.; Varela, Francisco J. (2018): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. 7. Auflage. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch (Fischer-Taschenbuch, 17855). Berghaus, Margot (2022): Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. Köln, Wien: Böhlau Verlag (utb-studi-e-book Sozialwissenschaften, 2360). Luhmann: Ökologische Kommunikation. 1. Auflage. Westdeutscher Verlag: Opladen 1986, S. 269. Kruse, Peter (2020): next practice. Erfolgreiches Management von Instabilität. Veränderung durch Vernetzung. 1. Aufl. Offenbach: Gabal Verlag GmbH (Dein Business). Klinkhammer, M., Hütter, F., Stoess, D., Wuest, L. (2018). Change happens - Veränderungen gehirngerecht gestalten - inkl. Arbeitshilfen online. 2., Auflage. Freiburg im Breisgau: Haufe-Lexware.

  • Emotionen: der Schlüssel zum Unbewussten

    Wie wir mit unseren Emotionen unseren unbewussten Potentialraum nutzen können. Inhaltsverzeichnis 1. Einführung 2. Emotionen an der Schnittstelle zwischen Unbewusstem und Bewusstsein 3. Intuition und Emotion 4. Der Potentialraum - Jenseits von Raum und Zeit 5. Fazit ​ Literatur- & Quellenverzeichnis Emotionen der Schlüssel zum Unbewussten Wie wir mit unseren Emotionen unseren unbewusstsen Potentialraum nutzen können 1. Einführung Die zunehmende Komplexität unserer technischen und sozialen Umwelt stellt an unsere bewusste, rationale Informationsverarbeitung immer höhere Anforderungen. Komplexe Situationen, die durch eine Vielzahl von sich bedingenden und gegenseitig beeinflussenden und untereinander vernetzten Faktoren gekennzeichnet sind, die sich häufig auch noch dynamisch und unvorhersehbar verändern, überfordern unsere auf begrenzten Ressourcen basierenden bewussten, rational-kognitive Prozesse. Stellen Sie sich vor, wie kompliziert mittlerweile ein Computerkauf geworden ist oder manche soziale Interaktion im beruflichen und privaten Kontext. Um unter komplexen Bedingungen richtige Entscheidungen treffen zu können, benötigen wir eine möglichst umfassende und valide Informationsgrundlage. Diese liefert uns nicht unser bewusstes Informationsverarbeitungssystem, sondern unser Unbewusstes. In der vorliegenden Arbeit werden wir argumentieren, dass in uns ein Informationsreservoir schlummert, das aufgrund von früheren Erfahrungen eine enorme Expertise zur Verfügung stellen kann, welche wir oft ungenutzt lassen. Diese Informationsquelle kann man durch Zugang zu seinen Emotionen erschließen und mit angemessener Emotionsregulation auch für seine Zwecke steuern. Die Emotionen bilden das Bindeglied zwischen diesem unbewussten Potentialraum, der uns zielführende Möglichkeiten aufzeigt, und den bewussten Entscheidungsprozessen in unserem Selbst. Darüber hinaus werden wir sehen, dass der unbewusste Potentialraum möglicherweise auch Informationen enthält, die nicht nur auf unseren vergangenen Erfahrungen beruhen, sondern auch auf Erfahrungen über zukünftige Ereignisse, die noch gar nicht eingetreten sind, uns aber betreffen. Außerdem erscheint der unbewusste Potentialraum transindividuell oder kollektiv und enthält somit auch Informationen über die Erfahrungen anderer in unserer sozialen Umgebung, die wir für uns nutzbar machen können. Im ersten Teil dieser Arbeit wird das Konzept der „Emotion“ genauer erläutert und ihre Verortung an der Schnittstelle zwischen unseren unbewussten und dem bewussten Informationsverarbeitungsprozessen dargestellt.Im zweiten Teil werden wir anhand klassischer Theorien zur Intuition beschreiben, welche Rolle die Emotionen darin spielen und wie man sie gewinnbringend einsetzen kann, um gute intuitive Entscheidungen treffen zu können, und wie man förderliche Realitäten mit diesen erzeugen kann. Im dritten Teil werden wir zeigen, dass mit Hilfe der Emotionen auch zukünftige, völlig zufällige Ereignisse vorhergesehen werden können und dadurch auch negative Konsequenzen vermieden werden können. Außerdem können wir mit den Emotionen auch zufällige Ereignisse beeinflussen und Realitäten entstehen lassen, die unserer inneren emotionalen Haltung entsprechen. 2. Emotionen an der Schnittstelle zwischen Unbewusstem und Bewusstsein Um Emotionen als Bindeglied zwischen dem unbewussten Potentialraum und den bewussten Entscheidungsinstanzen unserer Psyche verstehen zu können, muss im Folgenden der psychologische Begriff der Emotion ausführlich dargestellt werden. Wir beginnen zuerst mit einer Beschreibung des Phänomens „Emotion“ und erläutern danach ihre spezifische Funktion an der Grenze zum Unbewussten zusammen mit ihren Auslösemechanismen. Phänomenologische Beschreibung der Emotionen In der Emotionspsychologie gibt es eine Vielzahl von teils sehr unterschiedlichen Definitionen für das psychologische Konzept der Emotion (vgl. Kleinginna & Kleinginna, 1981). Es lassen sich über die verschiedenen Autoren aber einige wesentliche phänomenologische Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Emotionen identifizieren. Emotionen können demnach anhand mehrerer Charakteristika beschrieben werden: Emotionen sind, phänomenologisch betrachtet, spezifische, qualitative und disjunkte Zustände wie z.B. Freude, Trauer, Ärger, Angst, Überraschung, Ekel und weiteren ähnlichen Zuständen. Disjunkt bedeutet, dass verschiedene solcher Zustände nicht zeitgleich auftreten können, sondern bestenfalls im schnellen Wechsel, der eine Mischung im Erleben suggeriert. Emotionen sind aktuelle Zustände von zeitlich kurzer Dauer (meist wenige Sekunden) und sie unterscheiden sich darin von emotionalen Dispositionen. Letztere sind dauerhafte Wesensmerkmale von Personen, die jemanden dazu prädisponieren, mit einer bestimmten emotionalen Reaktion über Situationen hinweg zu reagieren (z.B. Ängstlichkeit, Aggressivität). Emotionen sind „objektgerichtet“. Das bedeutet jede Emotion hat ein bestimmtes Thema. Bei Angst ist dies das Vorhandsein einer Bedrohung. Man hat Angst vor etwas. Bei Ärger ist dies die Blockade einer Zielhandlung. Man ärgert sich über ein Hindernis bei der Zielerreichung. Dieses Merkmal ist das bedeutendste, da Emotionen Hinweise darauf liefern mit welchem aktuellen Thema sich das Individuum gerade auseinandersetzt. Deshalb interessieren sich Psycholog:innen so sehr für Emotionen, weil sie Indizien liefern für die motivationalen Ursachen, die eine Person beschäftigen. Emotionen unterscheiden sich nach Qualität und Intensität. Angst und Langeweile sind beide qualitativ betrachtet negative Emotionen mit hoher bzw. niedriger Intensität. Außerdem zeichnen sich Personen in einem emotionalen Zustand durch ein charakteristisches Erleben, eine bestimmte physiologische Veränderung und eine emotionsspezifische Verhaltenstendenz aus. In der Emotionspsychologie wurde versucht, diese Definitionskriterien auf einige wenige Dimensionen zu reduzieren. In einem sehr frühen dimensionalen Ansatz postulierte Wundt (1910) drei Dimensionen anhand derer sich alle Emotionen in einer Art dreidimensionalen Raum einordnen lassen. Ähnliche Versuche stammen von Osgood et al. (1957) und Traxel und Heide (1961). Die aktuell am häufigsten verwendeten Dimensionen, auf die man sich in der Emotionspsychologie geeinigt hat, sind die Valenzdimension mit den Endpolen angenehm/positiv und unangenehm/negativ und die Arousaldimension (auch Erregungsdimension genannt) mit den Endpolen hoch erregend/hoch intensiv und gering erregend/gering intensiv. Jede Emotion kann anhand von Valenz und Arousal charakterisiert werden. Angst wäre demnach in diesem Schema extrem negativ und hoch erregend. Freude hingegen wäre extrem positiv und hoch erregend. Beide Dimensionen geben einen bestimmten Erlebensaspekt einer Emotion wieder. Die Valenzdimension ist bei der Kommunikation zwischen unbewussten Inhalten und bewusster Informationsverarbeitung und damit für intuitives Handeln und Realitätsgestaltung entscheidend. Ein weiteres Klassifikationsschema, welches auch die Grundlage für unser Verstehen der Funktionen von Emotionen bildet und von zentraler Bedeutung für alle weiteren Ausführungen ist, ist der Reaktionstrias von Lazarus (1991) (siehe Abb. 1). Lazarus hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Beschreibung der Emotionen anhand von drei Reaktionsformen vorgestellt. Demnach lassen sich drei reaktive Komponenten bei Emotionen unterscheiden: Die subjektive Komponente umfasst das Erleben der jeweiligen Emotion und kann auch als Gefühl bezeichnet werden. Die Art wie sich z.B. Angst subjektiv anfühlt, manifestiert sich in dieser Reaktionskomponente. Es ist die bewusste Wahrnehmung der zugrundliegenden emotionalen Reaktion. Die behaviorale Komponente beschreibt die Verhaltenstendenz, die mit einer bestimmten Emotion einhergeht. Bei Angst z. B. ist es die Fluchttendenz, also die behaviorale Vermeidung einer Bedrohung. Zu dieser Komponente gehört auch die Mimik, die eine im Gesichtsausdruck erkennbare und anderen signalisierte emotional-behaviorale Tendenz umfasst. Die physiologische Komponente schließlich beschreibt die körperlichen Reaktionen, die mit einer bestimmten Emotion auftreten. Sie manifestiert sich u.a. in einer Veränderung der Herzrate, des Blutdrucks und der Atemfrequenz. Anhand der physiologischen Parameter kann man Rückschlüsse auf die Intensität der zugrundeliegenden Emotion ziehen, während die Valenz sich in erster Linie im subjektiven Erleben und evtl. auch in der Verhaltenstendenz erkennen lässt. Emotionen äußern sich immer in diesen drei Reaktionskomponenten, allerdings bisweilen in unterschiedlicher Stärke. Es kann sein, dass eine Emotion sich deutlich im Verhalten manifestiert bei nur minimaler Beteiligung eines subjektiven Erlebens. In diesem Falle würde ein Individuum behavioral auf Grund einer Emotion reagieren (bei Angst z.B. fliehen), obwohl es sich seiner Angst kaum im Erleben bewusst ist. Es würde sich hier um eine primär unbewusste emotionale Reaktion handeln. Abbildung 1. Reaktionstrias von Lazarus Wir haben gesehen, dass Emotionen sich in unterschiedlichen Reaktionsformen ausdrücken. Es stellt sich nun die Frage, welche Funktionen diese einzelnen Komponenten des Reaktionstrias von Lazarus (1991) aus evolutionsbiologischer Sicht haben? Für die behaviorale und die physiologische Komponente ist die evolutionäre Funktion relativ leicht erkennbar. Der subjektiven Komponente eine biologische Funktion zuzuschreiben, fällt dabei ungleich schwerer. Wie wir später sehen werden ist die Fähigkeit zur Intuition eine mögliche Erklärung dafür, warum es das subjektive Erleben überhaupt gibt. Aber zuerst wollen wir uns umfassend dem Thema der Funktionalität von Emotionen zuwenden, bevor wir auf den letztgenannten Aspekt ausführlicher eingehen werden. Emotionen aus funktionalistischer Perspektive Die Frage nach der Funktion von Emotionen hat viele Autoren beschäftigt. Oft wirken emotionale Zustände chaotisch und irrational und scheinen daher keinen individuellen Nutzen zu haben oder eher schädlich zu sein. Wieso also hat die Evolution zur Herausbildung von emotionalen Reaktionen geführt? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Ohne Emotionen würden Sie jetzt nicht diesen Artikel lesen, sondern wären bereits tot. Sie wären über die nächste rote Ampel gelaufen oder hätten versucht im Tierpark in den Löwenkäfig zu klettern, um mit den Tieren dort zu spielen. In diesen Fällen hat Sie die Emotion „Angst“ davor abgehalten, solchen Unsinn zu machen, in dem sie Ihnen die potenzielle Bedrohung durch affektive Signale vor Augen geführt (oder sogar übertrieben hat) und bei Ihnen die geeigneten Verhaltenstendenzen zur Vermeidung der Bedrohung aktiviert hat. Evolutionspsychologisch betrachtet, stellen Emotionen nach Plutchik (1984) genetisch verankerte Stellungnahmen zur Situation eines Lebewesens in einer aktuellen Situation dar. Sie liefern damit eine schnelle, oft auch unbewusste Einschätzung einer Situation, die sich in der affektiven Qualität des Erlebens auch im Bewusstsein manifestiert, mit dem Ziel Verhaltensweisen zu initiieren, die eine phylogenetisch adäquate Antwort auf die situative Bewertung darstellen. Angst ist das Resultat einer Bedrohungseinschätzung mit der Folge, dass Fluchttendenzen aktiviert werden. Im Falle der roten Ampel ist das eine sinnvolle Strategie und führt zum automatischen Stehenbleiben an der Ampel. In anderen Situationen kann diese phylogenetische Strategie allerdings kontraproduktiv sein. Bei Prüfungsangst wird die Prüfung als Bedrohung erlebt und eine Vermeidungstendenz ausgelöst. Diese führt dazu, dass sich die Person nicht adäquat mit der Aufgabenbearbeitung auseinandersetzen kann, da sie ständig mit der Fluchttendenz kämpfen muss. Emotionen liefern damit Verhaltenstendenzen, die phylogenetisch angemessen sind, aber manchmal in aktuellen Situationen zu Komplikationen führen. Solche Verhaltensdilemmata sind die Ursache dafür, dass gerade negative Emotionen einen so schlechten Ruf haben. Tatsächlich sind sie aber nur ein wenig „old school“ und ihre hilfreichen Signale werden oft gar nicht oder falsch genutzt, aber dazu später mehr. Abbildung 2.: Verhaltenssysteme Emotionen lassen sich nach der funktionalistischen Perspektive in eine Hierarchie von verhaltenssteuernden Systemen einbetten, über die wir verfügen, um Verhalten zu initiieren und zu steuern. Allgemein geht man davon aus, dass Verhalten durch unbewusste, automatische oder bewusste, kontrollierbare psychische Mechanismen gesteuert werden können (siehe Abb. 2). Die am meisten unbewusste und automatische Form der Verhaltensregulation sind die Reflexe, wie z.B. der Patellarsehnenreflex oder auch Stolperreflex genannt. Hier führt eine spezifische Reizkonfiguration (Überdehnung der Patellarsehne) zu einem starren, automatischen Reaktionsmuster (nach vorne Schnellen des Fußes), das sich sehr schnell vollzieht. Der Totstellreflex bei Bedrohung wäre eine emotionsnahe Reflexreaktion. Der Vorteil dieser extrem unbewussten und automatischen Ebene der Verhaltenssteuerung ist, die Schnelligkeit der Reaktion. Ihr Nachteil besteht in der mangelnden Flexibilität, weil nur ein bestimmtes, starres Verhalten gezeigt werden kann unabhängig von evtl. Anforderung der Umwelt. Auf der bewussten Seite verfügen wir über die rationale, kontrollierte Verhaltenssteuerung (System 2). Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Reihe von kognitiven Prozessen bei der Analyse der Situation und der Verhaltensauswahl beteiligt sind. Diese Prozesse sind kontrollierbar und auch flexibel veränderbar. Das Verhalten ist in diesem Falle gut analytisch durchdacht und kann auch angepasst werden, bei Entdeckung weiterer relevanter Informationen. Es ist aber sehr langsam. Bei einer emotionsnahen, rationalen Verhaltenssteuerung würde man erst genau die Auslösesituation analysieren, und diese monitoren und damit das Verhalten steuern. Man kann jederzeit die Analyseprozesse verändern und neu adjustieren und damit auch das Verhalten abbrechen und verändern. Der Vorteil dieses Systems bei der Verhaltensteuerung besteht also in der enormen Flexibilität. Es hat allerdings den Nachteil der Langsamkeit. Die Evolution hat uns nun mit der emotionalen Verhaltenssteuerung ein System zur Verfügung gestellt, das sich zwischen der komplett unbewussten, automatischen und der bewusst, kontrollierten Verhaltenssteuerung an der Nahtstelle zwischen dem Unbewussten (System 1) und dem Bewusstsein (System 2) befindet und die Vorteile der beiden alternativen Systeme in sich vereinigt. Emotionen liefern eine schnelle, komprimierte Analyse der Situation (z.B. die Bewertung einer Bedrohung) und auf dessen Grundlage einen Verhaltensimpuls (z.B. die Tendenz Davonzulaufen), der eine Antwort auf die Situationsbewertung darstellt. Der Impuls legt kein starres Verhalten fest (z.B. legt er nicht die genaue Art des Fluchtverhaltens fest), sondern aktiviert nur eine Verhaltensklasse, die sich dann je nach Situation ausgestalten kann. Die Emotionen vereinigen damit die Schnelligkeit der Reflexe mit der weitgehenden Flexibilität des rationalen Systems und stellen daher eine optimale Ergänzung in Bezug auf Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit bei der Verhaltensteuerung dar. Emotionen erlauben uns schnell, z.T. auch unbewusst, und (teilweise) flexibel auf Umweltreize zu reagieren und fördern so unser Überleben. Ohne Emotionen könnten wir nur entweder schnell und unflexibel oder langsam und flexibel reagieren. Unterschiedliche neurobiologische Wege der Emotionsentstehung Emotionen sind also Bewertungsmechanismen von Situationen, die eine schnelle, flexible Verhaltensantwort hervorrufen und sie befinden sich an der Grenze von unbewussten und bewussten Prozessen. Sie stellen damit den Übergang von unbewusster zu bewusster Informationsverarbeitung bei der Verhaltensteuerung dar. Dieser Grenzbereich ist aber nicht klar umrissen, sondern stellt auch wiederum ein Kontinuum dar. Innerhalb der Emotionen gibt es bewusstere und unbewusstere Wege der Verhaltenssteuerung. Diese wurden von LeDoux (2001) auf neurobiologischer Ebene identifiziert. Bei der „high road“ der Emotionsentstehung wird ein emotionsauslösender Stimulus durch unseren Wahrnehmungsapparat identifiziert und die Aktivitätsmuster werden über den Thalamus, einer zentralen Schaltstelle zur Weiterleitung sensorischer Informationen im Gehirn, in den Cortex zur bewussten Verarbeitung der Situation projiziert. Von dort werden über den Hippocampus, einer Verbindungstelle zu subkortikalen Bereichen, die Amygdala und ähnliche Areale zur Auslösung von behavioralen, endokrinen und physiologischen emotionalen Reaktionen aktiviert. Die so erfolgte Emotionsauslösung ist also über bewusste Prozesse vermittelt. Ein Beispiel für eine Emotionsauslösung über die high road wäre die Entstehung von Angst bei Betrachtung des Symbols für Radioaktivität. Dieses Symbol muss in seiner Bedeutung erst in den kortikalen, assoziativen Arealen identifiziert werden, bevor es die Angstreaktionen über die Amygdala auslösen kann. Es ist immer noch ein schneller und z.T. automatischer Prozess, allerdings mit erheblicher Beteiligung bewusst, kognitiver Prozesse. Bei der „low road“ der Emotionsentstehung wird der Wahrnehmungsinhalt direkt vom Thalamus unter Ausschluss einer kortikalen Beteiligung in die Amygdala projiziert. Es handelt sich hier um eine vollständig unbewusste, emotionale Reaktionsauslösung, die innerhalb der ersten 40 m/sec, als einem minimalen Bruchteil einer Sekunde, entsteht. Öhman und Soares (1994) konnten die low road experimentell nachweisen. Sie zeigten Phobikern (Spinnen- und Schlangen Phobikern) Bilder am Computerbildschirm, in einer Bedingung aber so schnell (30 m/sec) und durch Maskierungsstimuli verdeckt, dass diese nicht bewusst wahrgenommen werden konnten. Diese subliminale Darbietung führte bei den Phobikern zu physiologischen Reaktionen, die nicht bei nicht-phobischen Kontrollpersonen oder auch nicht bei neutralen Bildern auftraten. Diese und andere Studien machen deutlich, dass auch unbewusst wahrgenommene Reize völlig ohne Bewusstseinsbeteiligung, starke emotionale, phobische Reaktionen auslösen können und wir durch emotionale Stimuli teilweise auch fremdgesteuert werden können, ohne dass wir uns der Gründe für unser emotionales Verhalten bewusst sind. Emotionen aus evolutionärer Perspektive In den vorangegangenen Abschnitten wurde deutlich, dass Emotionen aus drei Verhaltensreaktionen bestehen, dem subjektiven Erleben, den behavioralen Tendenzen und den physiologischen Veränderungen. Emotionen leiten unser Verhalten oft unter Ausschluss von bewussten Verarbeitungsprozessen um, um eine schnelle, aber flexible Verhaltensantwort auf Anpassungsprobleme zu ermöglichen. McDougall (1919/2001) ordnet daher die Emotionen den instinktiven Verhaltensreaktionen zu, deren zentraler Motor die emotionalen Aspekte sind. Die Emotion liefert der Instinktreaktion den biologisch angemessenen Impuls, z.B. bei Angst - Fluchtverhalten oder bei Ärger - Angriffsverhalten. Die durch die physiologischen Reaktionen bedingten körperlichen Veränderungen sollen dabei den Verhaltensimpuls unterstützen und in seiner Ausführung optimieren, indem sie u.a. Durchblutung der Muskulatur und Sauerstoffversorgung sicherstellen. Diesen beiden Komponenten des Reaktionstrias von Lazarus (1991) kommt damit eine klar definierbare evolutionäre Funktion des Verhaltens zu. Die Frage welche evolutionäre Funktion das subjektive Erleben, also das Empfinden der Emotion hat, bleibt allerdings rätselhaft. Warum muss man eine Emotion fühlen, wenn die emotionale Verhaltenstendenz allein z.T. auch völlig automatisch schon unser Verhalten in die richtige Richtung lenkt? Das Gefühl der Angst z.B. ist unangenehm und lenkt uns von der Situationswahrnehmung ab, indem sie unsere Sinnesempfindungen blockiert. Das Fluchtverhalten würde doch auch ohne subjektives Erleben eine Vermeidung der Bedrohung bewirken. Welchen Beitrag zur evolutionären Fitness hat also diese Form der Erfahrung? Auch darauf hat McDougall (1919/2001) eine Antwort: Er behauptet, die primäre Funktion des subjektiven Erlebens bestünde darin, das rational, bewusste Selbst eines Individuums darüber zu informieren, welche instinktiven, emotionalen Verhaltenstendenzen im Unbewussten momentan aktiv sind. Es handelt sich hier also um eine interne Signalfunktion, die das Individuum über die Vorgänge in seinem Unbewussten informiert. Hat man einen guten Zugang zu diesem emotionalen Empfinden, kann man dadurch Informationen aus dem Unbewussten abgreifen und diese ggf. für eine Verhaltensmodifikation auf bewusster Ebene nutzen. Im Kern stellt das subjektive Erleben der Emotion -auch als Gefühl bezeichnet- die Grundlage für intuitives Wahrnehmen und intuitive Verhaltensentscheidungen dar. Plutchik (1984) hat diese theoretischen Überlegungen weiter ausgearbeitet und acht Primäremotionen (wie z.B. Angst, Freude, Trauer, Ärger, Überraschung, Ekel, usw.) definiert, die den acht grundlegenden Bedürfnissen eines biologischen Organismus entsprechen (Vermeidung von Bedrohung, Fortpflanzung, Ausscheiden giftiger Substanzen, etc.). Das Vorhandensein der Primäremotionen stellt sicher, dass wir in der Lage sind allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die drei Facetten des Reaktionstrias greifen dabei ineinander, um diese biologischen Anforderungen zu erfüllen. Die evolutionäre Funktion der Emotionen konnte am Beispiel der Eifersucht sehr gut dokumentiert werden (Buss et al., 1992). Eifersucht dient evolutionär dazu, bei Gefahr des Verlustes des Partners an eine Konkurrentin / einen Konkurrenten, Reaktionen einzuleiten, die diese Gefährdung beseitigen. Interessanterweise zeigen sich bei den Situationen, die Eifersucht auslösen, Geschlechtsunterschiede, die wohl nur evolutionsbiologisch erklärt werden können. Bei einer Befragung von Versuchspersonen, was sie eher eifersüchtig machen würde: A) Ihr Partner hat Geschlechtsverkehr mit einer anderen Person Ihres Geschlecht oder B) Ihr Partner hat ein tiefe emotionale Beziehung zu einer anderen Person Ihres Geschlechts, wählten weibliche Befragte mit großer Mehrheit die Option B, während männliche Probanden sich eher für die Option A entschieden. Wie kann man sich das Zustandekommen dieser Geschlechtsunterschiede im Präferenzverhalten erklären? Evolutionär betrachtet, sind Frauen v.a. in Zeiten der Schwangerschaft und Kleinkindbetreuung auf die Versorgung durch die Ressourcen ihres Mannes angewiesen. Wendet er seine Ressourcen aufgrund einer emotionalen Bindung eher einer Geschlechtskonkurrentin zu, stehen diese nicht für die eigene Familie zur Verfügung, was deren Überleben gefährdet. Ein Fremdgehen (Option A) ist dabei weniger dramatisch, weil die Konsequenzen die Konkurrentin selbst betreffen. Bei Männern hingegen ist es wichtig, dass sie ihre Ressourcen dem Fortbestand ihrer eigenen Gene in ihren Kindern widmen. Hat die Partnerin Geschlechtsverkehr mit anderen, besteht die Gefahr, dass man sich unwissentlich um die Gene anderer kümmert, da man sich nicht sicher sein kann, von wem die Kinder der Partnerin tatsächlich stammen. Damit ist Option A eifersuchtsrelevanter für männliche Befragte. Die Geschlechtsunterschiede können eigentlich nur durch die dargestellten biologischen Mechanismen erklärt werden. Sie liefern damit einen indirekten Beleg für die evolutionäre Funktion von Emotionen. Entsprechend werden Verhaltensweisen, die zu einer Sicherung der Bindung an den Partner führen je nach Szenario und Geschlecht unterschiedlich aktiviert. Auch das intuitive Gespür dafür, wann welche Beziehungsgefährdung vorliegt, dürfte geschlechtsabhängig variieren. Frauen reagieren sensibler bei der Detektion emotionaler Untreue, Männer bei sexueller. Mimik - die interpersonale Funktion von Emotionen Eine zentrale Stellung innerhalb der emotionalen Reaktionen stellt aus evolutionärer Sicht das mimische Ausdrucksverhalten dar. Nach Ekman (1993) gehört die Mimik zu der behavioralen Reaktionsform im Reaktionstrias von Lazarus (1991). Es handelt sich hier aber um eine Art indirekte Form des Verhaltens. Die Funktion der Mimik besteht darin, dass sie sozialen Interaktionspartnern deutlich macht, welche emotionale Verhaltenstendenz eine wahrgenommene Person gerade in sich trägt. Dadurch wird die tatsächliche Ausführung einer emotionalen Reaktion im Verhalten unnötig. Dies spart Energie und vermeidet Verletzungen. Wenn zum Beispiel eine Person A durch eine andere Person B in seiner Zielerreichung blockiert fühlt, weil beide die gleiche Nahrungsquelle für sich beanspruchen, dann tritt bei A Ärger auf. Die Verhaltensantwort bei Ärger wäre ein Angriff auf Person B, um die Quelle der Zielblockade zu beseitigen. Alternativ kann Person A aber auch den Ärger in der Mimik seinem Gegenüber signalisieren und Person B dazu bringen, aufgrund eines erwarteten Angriffs freiwillig das Feld zu räumen. So wird durch die ärgerliche Mimik von A der gleiche Erfolg erzielt, nämlich eine Beseitigung der Zielblockade durch B, aber ohne, dass eine Gefahr der Verletzung oder ein erhöhter Energieaufwand nötig war. Mimik ist damit nichts anderes als eine ins Virtuelle verschobene Verhaltensweise, die reale Verhaltensinteraktionen bei sozialen Interaktionen unnötig werden lässt. Ekman konnte zeigen, dass der mimische Ausdruck für die Basisemotionen universell ist, d.h. emotionale mimische Signale also über Kulturen hinweg verstanden werden, wie eine Art Ursprache, und dass der mimische Ausdruck durch automatische, unbewusste Mimikprogramme, die spezifisch sind für jede Emotion, generiert werden. Es gibt also eine unwillkürliche, automatische Tendenz unsere Emotionen im Gesicht auszudrücken, die wir zwar nachfolgend kaschieren, aber nicht vollständig verhindern können. In einer Erweiterung dieser Theorie konnten Brinke et al. (2014) zeigen, dass wir auch über automatische, unbewusste Mimik-Detektionsprogramme verfügen. In zwei Studien sollten Personen, die bei einer Befragung logen oder die Wahrheit sagten, von den Studienteilnehmer:innen identifiziert werden. Die bewusste Entdeckungsleistung der Probanden, wer Lügner oder Nichtlügner sei, war nicht vom Zufall verschieden. In der ersten Studie zeigte sich sogar eine Tendenz, dass man eher auf Lügner hereinfiel und Nichtlügner eher der Lüge beschuldigt wurden, wenn man sie bewusst identifizieren musste. Unser bewusstes Lügen-Erkennungssystem schnitt also sehr schlecht ab. Bei reaktionszeitbasierten Aufgaben, in denen Fotos von den zu beurteilenden Personen zusammen mit Begriffen, wie Betrug, Lüge, Unwahrheit etc. dargeboten wurden, zeigt sich hingegen, dass Bilder von den Lügnern schneller zusammen mit lügenbezogenen Begriffen verarbeitet wurden, als Bilder von Nichtlügnern. Das bedeutet, dass das Unbewusste der Probanden durchaus eine Assoziation zwischen den zu beurteilenden Personen und ihren lügenrelevanten Attributen gebildet hatten und diese auch in einer indirekten Aufgabe zum Ausdruck bringen konnten. Wir sind also unbewusst in der Lage, Lügner korrekt intuitiv zu identifizieren und verfügen daher über automatische Detektionsprogramme, die wir durch entsprechende emotionale Signale uns auch zugänglich machen können. Zusammenfassend kann man also sagen, dass emotionale Reaktionen den Grenzbereich zwischen unbewusster und bewusster Informationsverarbeitung abdecken. Emotionen stellen evolutionär begründete Verhaltenstendenzen zur Bewältigung von Anpassungsproblemen dar. Die behaviorale Reaktion erfolgt nach einer automatischen Bewertung der Umgebungsreize weitgehend unbewusst, schnell und gleichzeitig relativ flexibel. Die physiologischen Veränderungen unterstützen das Verhalten für eine optimale Ausführung. Das subjektive Erleben der Emotion stellt ein Informationssignal aus dem Unbewussten dar, welches uns über die automatischen emotionalen Bewertungen und Handlungstendenzen informiert. Mit Hilfe des emotionalen Erlebens sind wir in der Lage auf eine Informationsbasis zuzugreifen, die unserem rationalen, bewussten Informationsverarbeitungssystem allein nicht zugänglich wäre. Damit wird die Grundlage für intuitive Entscheidungen gelegt. Diesen Aspekt der Emotion wollen wir im zweiten Teil dieser Arbeit genauer betrachten. 3. Intuition und Emotion Das subjektive Erleben ist die Komponente im Reaktionstrias von Lazarus (1991), die sich als einzige vollständig im Bewusstsein manifestiert. Es ist das gefühlsmäßige Wahrnehmen von ansonsten weitgehend unbewussten affektiven Informationsverarbeitungsprozessen von der Bewertung bis zur Verhaltenssteuerung. Man könnte das subjektive Erleben mit einer Boje im Meer vergleichen, welche die unterhalb der Meeresoberfläche befindlichen unbewussten Erfahrungen einer Person mit ihren oberhalb des Wasserspiegels befindlichen bewussten Wahrnehmungen verbindet. In diesem Sinne ist es die Sprache mit dem sich das Unbewusste dem Bewussten verständlich macht und über die auch das Bewusstsein das Unbewusste beeinflussen kann. Emotionen als Vermittler zwischen dem bewussten Selbst und seinem Unbewussten Um die Rolle des subjektiven emotionalen Erlebens als Vermittler zwischen unserem bewussten Selbst und seinen unbewussten Erfahrungen und Erinnerungen verstehen zu können, müssen wir uns als erstes die Eigenschaften unserer unbewussten und bewussten Informationsverarbeitung genauer ansehen. Zwei Informationsverarbeitungssysteme Kahneman (2012) unterscheidet in diesem Zusammenhang zwei hierarchisch angeordnete Systeme, die sich evolutionär nacheinander entwickelt und ausgestaltet haben und die Informationen auf qualitativ unterschiedliche Art repräsentieren und verarbeiten (siehe Abb. 3). Abbildung 3: System 1 und 2 nach Kahneman Das System 1 ist das evolutionär ältere System. Informationen werden in diesem System assoziativ und holistisch repräsentiert. Neue Informationen werden in alte Strukturen integriert und untereinander vernetzt. Es handelt sich hier um eine parallele Verarbeitung von Informationen und auch widersprüchliche Aspekte können nebeneinander bestehen. Die Verarbeitung von Information in diesem System erfolgt ohne Anstrengung und unkontrolliert, sie kann daher auch nicht flexibel gesteuert werden, sondern enkodiert, verknüpft und analysiert Repräsentationen unserer Erfahrungen in automatischer Form. Es handelt sich dabei um einen gigantischen Informationsspeicher, der alle Informationen insbesondere auch die, die von uns nicht bewusst wahrgenommen wird, aufnimmt und für uns dauerhaft verfügbar sein lässt. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist enorm und beträgt nach Schätzungen bis zu 11Mio Bits/s. Werden wir mit einer neuartigen Situation, einer neuen Aufgabe oder einer unbekannten Person konfrontiert, werden alle Aspekte holistisch verarbeitet und mit alten, ähnlichen Erfahrungen verglichen und Schlussfolgerungen gezogen, welche eine schnelle und umfassende Einschätzung erlauben. Auch subtilste Informationen, die unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle verbleiben werden im System 1 genutzt und verarbeitet. Je mehr Vorerfahrungen in einem Bereich existieren und daher je größer die Expertise in einem Kontext ist, umso effizienter ist das Analyseergebnis dieses Systems. Manche Autoren (Pothos & Busemeyer, 2022) vergleichen das System 1 mit einem Quantencomputer, der durch einen parallelen Verarbeitungsmodus in kurzer Zeit eine beinahe unbegrenzte Menge an Information simultan verarbeiten kann. Über den Abgleich mit bereits gespeicherten Erfahrungen werden aktuelle Erfahrungsinhalte eingeordnet und deren weitere Entwicklung in die Zukunft extrapoliert, um Vorhersagen zu ermöglichen. Das System 1 bildet damit einen Potentialraum der Wahrscheinlichkeiten für unterschiedliche zukünftige Entwicklungen von Situationen oder des Verhaltens von Personen zu berechnen erlaubt. Das System 2 ist ein evolutionär später entstandenes Informationsverarbeitungssystem. Es basiert auf bewussten, rationalen Prozessen, die ressourcenabhängig sind und daher über eine nur begrenzte Verarbeitungskapazität verfügen. Die Informationsverarbeitung in diesem System unterliegt der bewussten Kontrolle und verläuft sequenziell, d.h. es kann nur ein Prozess nach dem anderen durchgeführt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass in System 1 zwischen 6 bis 8 Inhalte, wie z.B. Wörter oder Zahlen, kurzfristig behalten und prozessiert werden können und die Verarbeitungsgeschwindigkeit bei ungefähr 60 Bits/s liegt. Aufgrund des Verarbeitungsengpasses muss man in diesem System auf Teilmengen der prinzipiell verfügbaren Information fokussieren, kann diese aber besonders detailliert verarbeiten. Neuartige Situationen, Aufgaben oder unbekannte Personen können in System 2 nur ausschnitthaft repräsentiert und beurteilt werden, allerdings mit hoher Detailtreue. Wenn wir auf der Grundlage von diesem System Entscheidungen oder Vorhersagen treffen wollen, handeln wir zwar rational, sind aber gleichzeitig hoch selektiv. Bei überschaubaren oder bekannten Kontexten ist dies die optimale Bearbeitungsstrategie, die allerdings versagen muss, wenn ein höheres Maß an Komplexität, Neuartigkeit und Dynamik in einer Situation dominieren. Für den letzteren Fall wäre das System 2 der ideale Ratgeber. Dieses kann aber aufgrund seiner unbewussten Qualität nicht direkt mit dem sprachlich-rationalen System 2 interagieren. Es verfügt aber über einen indirekten Draht zu unseren bewussten Entscheidungszentren: die emotionalen Signale, die über das subjektive Erleben vermittelt werden. Intuition Abbildung 4: Intuition als emotionales Signal aus dem Unbewussten Von Intuition spricht man, wenn man die Antwort auf eine Fragestellung oder ein Problem kennt, aber man weiß nicht warum (Topolinski, 2011, Zhang et al., 2016). Die aktuelle Intuitionsforschung geht davon aus, dass bei intuitiven Entscheidungen die Informationen und Analyseergebnisse des unbewussten Potentialraums im Systems 1 durch emotionale Signale zugänglich gemacht werden (siehe Abb. 4). Nehmen wir z.B. die Entscheidung für oder gegen den Kauf eines bestimmten Aktienpakets. Der Potentialraum weiß womöglich (bei Vorhandensein einer entsprechenden Expertise), ob ein solcher Kauf empfehlenswert ist oder nicht. Dies kommuniziert das System 1 über ein emotionales Erleben, ein Gefühl, das eine Person mit der potenziellen Investition verbindet. Ist das Gefühl positiv, bedeutet das eine Kaufempfehlung, ist es negativ, indiziert es eine Kaufvermeidung. Emotionen vermitteln also die relevanten Informationen zwischen System 1 und System 2 und üben damit eine interne Signalfunktion aus. Damit dieser intuitive Vorgang reibungslos verläuft und zum gewünschten Zielzustand führt muss man allerdings verschiedene Faktoren beachten, da bei einer fehlerhaften emotionalen Kommunikation einiges schief gehen kann. Der entscheidende Faktor: Emotionale Transgression Die emotionale Transgressionstheorie von Jakob et al. (2021) thematisiert die Prozesse der emotionalen Kommunikation zum Zwecke der intuitiven Entscheidungsfindung innerhalb eines Individuums. In dieser Theorie geht man davon aus, dass die Signalübertragung zwischen System 1 und 2 durch die Emotionen in zwei Richtungen erfolgt. Zum einen muss das Individuum eine Anfrage an den Potentialraum stellen, welche die für eine Entscheidung notwendigen Informationsstrukturen in System 1 abzurufen versucht. Die Anfrage muss als emotionale Nachricht kodiert sein, da nur dieses Element der Nachricht, nicht der semantische Inhalt, das System 1 erreicht, da dieses nur emotionale Inhalte versteht. Im Beispiel mit dem Aktienpaket kann die Anfrage entweder hoffnungsvoll-optimistisch oder ängstlich-resignativ emotional verpackt sein. Die hoffnungsvolle Anfrage würde lauten: Ich freue mich auf den Kauf eines Aktienpakets, das mein Vermögen weiter vermehren wird! Diese Anfrage enthält zwei Teile. Einen semantischen Teil, der die Wahl eines Aktienpakets betrifft, und einen emotionalen Teil, der eine Hoffnung ausdrückt nämlich die Erwartung einer Kapitalvermehrung. Nach der emotionalen Transgressionstheorie wird der emotionale Teil allein nun an den Potentialraum in System 1 transferiert und enthält die Botschaft an System 1 alle die Möglichkeiten rück zu melden, die der Vermögensvermehrung (von der man durch die hoffnungsvolle Anfrage überzeugt ist) dienlich sind. Das System 1 erfüllt also nur emotional kodierte Erwartungen. Entsprechend werden wiederum von System 1 als emotionale Signale an das System 2 alle Handlungsoptionen mit positivem Gefühl belegt, die dieses Ziel erfüllen, also positive Emotionen z. B. beim Kauf eines tatsächlich gewinnbringenden Pakets und negative Emotionen beim möglichen Kauf eines verlustreichen Aktienpakets. Eine ängstlich-resignative Anfrage würde in diesem Kontext so lauten: Lass mich bloß nicht das falsche Aktienpaket wählen! Der emotionale Teil der Anfrage enthält die Angst vor einem Misserfolg und damit die Erwartung eines Scheiterns. In diesem Fall würde das System 1 nur die emotional kodierte Erwartung verstehen, dass man ein falsches Aktienpaket wählt (Angst umfasst ja die Erwartung von Misserfolg). Das System 1 erfüllt nur diese emotional kodierte Erwartung. Entsprechend versteht System 1 dies als den gewünschten Zielzustand. Folglich signalisiert es alle Aktienkaufoptionen mit positivem Gefühl, die zu Verlust führen würden, und mit negativem Gefühl, die einen Gewinn erbringen würden. Die emotionale Interaktion im Sinne der intuitiven Entscheidungsfindung enthält also eine vorwärts Richtung (Anfrage) und eine rückwärts Richtung (Signal) zwischen System 2 und dem unbewussten Potentialraum in System 1. Intuition bedeutet also zum einen, einen guten Zugang zu seinen emotionalen Signalen aus dem Unbewussten zu haben, und zum anderen aber auch, die richtige emotionale Kodierung (implizite Erwartung) bei der Zielanfrage zu verwenden. Dieser zweite Aspekt wird in der aktuellen Intuitionsforschung vernachlässigt. Nur dann liefert unser Bauchgefühl die Hinweise, die eine für uns positive Entscheidungsfindung bewirken. Wir werden die emotionale Transgressionstheorie im Folgenden anhand unterschiedlicher Studien erläutern. Wenden wir uns zuerst Studien zu, die primär die rückwärts Richtung der emotionalen Signalübertragung thematisierten und lassen wir vorerst den Aspekt der Anfrage außer Acht. Betsch et al. (2001) zeigten Versuchspersonen in einem Experiment zur Intuition einen kurzen Videofilm, welcher eine Wiedersehensszene am Ankunftsterminal eines Flughafens wiedergab. Die Probanden hatten die Aufgabe, die Szene genau zu beobachten, weil danach Fragen dazu gestellt würden. Am unteren Rand der Filmdarbietung liefen während der Videopräsentation Aktienkurse erfundener Firmen von links nach rechts über den Bildschirm (ähnlich wie auf manchen Nachrichtenfernsehsendern). Es waren insgesamt fünf Firmen, deren Kurse rauf oder runter gingen über die Zeit. Die Firmen unterschieden sich im kumulativen Kursgewinn am Ende des Clips, den man sich aus den Kursanstiegen oder -abfällen berechnen hätte können. Die Probanden hatten allerdings für die bewusst-rationale Berechnung des kumulativen Kursgewinns von fünf Firmen abgesehen von der Komplexität einer solchen Aufgabe keine kognitive Kapazität verfügbar, da diese durch die Beobachtung des Geschehens im Film gebunden war. Die Aktienverläufe wurden aufgrund der Aufgabenstellung wahrscheinlich nur peripher und damit eher unbewusst vom System 1 verarbeitet, da System 2 eben mit der Beobachtung der Flughafenszene beschäftigt war. Es gab eine sehr gewinnbringende und eine sehr verlustreiche Firma und alles dazwischen. Überraschenderweise für die Versuchspersonen wurden sie danach zu den Aktienkursen der Firmen gefragt. Stellte man die Frage „Welche Firma hatte den besten Aktienkursgewinn?“, so konnte im Mittel die Stichprobe nicht überzufällig gute von schlechten Firmen unterscheiden. Stellt man allerdings die Frage anders, nämlich „Welche Firma magst Du am liebsten?“, so konnte die Mehrheit deutlich die Firma mit dem höchsten Aktienkurs benennen. Die Ergebnisse legen nahe, dass im System 1 alle relevanten Informationen bzgl. der Aktienkursverläufe unbewusst abgespeichert waren und diese über die emotionale Kodierung der Firmen (Mögen oder Nicht-Mögen) zugänglich war. Wenn man die Versuchspersonen nach diesem Gefühl entscheiden ließ, dann konnten Sie die entsprechende Information, die über das emotionale Signal aus System 1 vermittelt wurde, auch nutzen. Eine weitere Studie zur Nutzung emotionaler Signale bei der Entscheidungsfindung stammt von Bechara et al. (2005). Die Autoren führten mit den Versuchspersonen die Iowa Gambling Task durch. Es handelt sich hier um ein Verfahren, bei dem die Probanden frei Karten von einem von vier Stapeln wählen können. Was die Teilnehmer zu Beginn der Studie nicht wussten, war, dass zwei der Stapel „gute“ und die anderen beiden „schlechte“ Kartenstapel waren. Bei den guten waren 9 von 10 Karten mit einem Gewinn von 50$ dotiert und jede 10. Karte mit einem Verlust von 250$. Bei den schlechten waren 9 von 10 mit einem 100$ Gewinn und jede 10. mit einem 1250$ Verlust gekennzeichnet. Die Reihenfolge von Verlusten und Gewinnen war bei allen Stapeln komplett durchgemischt und damit unvorhersagbar. Die Versuchspersonen wählten 100 Mal jeweils eine Karte frei von den vier Stapeln. Dabei wurde auch die emotionale physiologische Reaktion immer vor dem Aufdecken der einzelnen Karte gemessen. Die optimale Strategie in diesem Spiel besteht darin, die guten Stapel zu identifizieren und hauptsächlich von diesen zu ziehen, da man damit den größten Nettogewinn machen würde. Bei einer Befragung zeigte sich, dass die Teilnehmer erst ab dem 80. Kartenzug bewusst sagen konnten, welcher Stapel gut und welcher schlecht sei. Ab dem 50. Durchgang hatten sie, nach ihren Angaben, eine Ahnung darüber. D.h. das System 2 brauchte mindestens 50 Durchgänge, um gute Entscheidungen treffen zu können. Bei der Auswertung der physiologischen Reaktion allerdings zeigte sich, dass die Teilnehmer, bei schlechten Stapeln einen höheren negativen Ausschlag hatten als bei guten und dieser Unterschied in der physiologischen Reaktion bereits ab dem 25. bis 30. Durchgang signifikant war. Das bedeutet, System 1 wusste aufgrund einer effizienteren Informationsverarbeitung bereits viel früher als das Bewusstsein welche Entscheidung gut für den Spieler war und konnte das über körperliche emotionale Signale rückmelden. Diese und viele andere Studien zeigen, dass wir über ein unbewusstes Informationsverarbeitungssystem verfügen, welches relevante Informationen für uns bereithält und die es uns über emotionale Signale mitteilt. Eine Offenheit für solche emotionalen Hinweisreize und den Mut sich auf diese zu verlassen, in Kombination mit einer guten Informationsgrundlage im Potentialraum des System 1 (Expertise) bilden damit eine wichtige Grundlage für angemessene intuitive Entscheidungen. Wenden wir uns nun dem zweiten Aspekt der emotionalen Transgression der „Anfrage“ an den Potentialraum zu. Wie oben erwähnt, muss die Anfrage emotional richtig kodiert sein, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Hoffnungsvoll-optimistische Anfragen bewirken eine Erfüllung der erwünschten Ziele entlang der semantischen Formulierung der Nachricht, während ängstlich-pessimistische Anfragen, das Gegenteil der intendierten Zielformulierung bewirken. Im Grunde genommen sind die Anfragen nichts anderes als selbsterfüllende Prophezeiungen, wobei die emotional kodierten impliziten Erwartungen den eigentlich realitätsbildenden Impuls an System 1 darstellen. Wir möchten dies an einem Beispiel aus der Forschung genauer erläutern. Phillips et al. (2001) entdeckten eine Form der selbsterfüllenden Prophezeiung, die sie als den „Baskerville Effekt“ bezeichneten. Dieser besagt im Prinzip, dass die Angst vor dem Tod, diesen auch herbeiführt. Untersucht wurde der Effekt in Kalifornien an weißen und asiatisch stämmigen Probanden. In China, Korea und Japan steht die Zahl 4 für Tod und Unglück. Die Aussprache des Wortes 4 hat auch in den entsprechenden Sprachen große Ähnlichkeit mit der Aussprache des Wortes „Tod“. Die Autoren analysierten die Anzahl der Sterbefälle an den verschiedenen Tagen der Monate. Es zeigte sich eine signifikante Häufung der Todesfälle an den 4. Tagen der Monate nur für asiatisch-stämmige Probanden. Die Autoren erklären diesen Effekt durch Stress, der in Erwartung eines Unglücks an diesen Tagen bei den asiatisch geprägten Personen in erhöhtem Maße auftritt und folglich die Sterbewahrscheinlichkeit erhöht. Die Erklärung gemäß der emotionalen Transgression ist tiefergehender. Sie erklärt das Zustandekommen des Effekts dadurch, dass asiatisch-stämmige Individuen an 4. Tagen eines Monats ängstlich versuchen Unglück zu vermeiden und entsprechende Anfragen an den Potentialraum stellen wie z.B. „Lass mir heute nichts passieren“ oder „Lass mich nicht sterben“. Der Potentialraum versteht nur die in der Angst kodiert Erwartung, dass der Tod nahe sei und kodiert entsprechende Situationen, die dies wahrscheinlich werden lassen mit positiven Emotionssignalen. Diese üben dann eine hohe Anziehungskraft aus mit den entsprechenden dramatischen Konsequenzen. Eine ungünstige Zielanfrage bewirkt damit den Zustand erst, den man eigentlich vermeiden wollte. Solche und ähnliche Studien untermauern die Bedeutung der emotionalen Anfrage an den Potentialraum. Wir sollten uns bemühen, hoffnungsvoll-optimistische Erwartungen an zukünftige Realitäten zu richten, damit diese erwartungskonformen möglichen Realitäten auch bei unseren intuitiven Entscheidungen eine höhere emotionale Attraktivität aufweisen und damit aus den vielen potenziellen Möglichkeiten durch unbewusste Präferenz mit größerer Wahrscheinlichkeit gewählt werden. Unser Wollen und unsere intuitiven Entscheidungen, die primär in unserem bewusst, rationalen System 2 ihren Ausgang nehmen, sind durch emotionale Wechselwirkung untrennbar mit dem Potentialraum (System 1) verbunden. Dieser folgt der Sprache der Emotionen, die sich im subjektiven Erlebensaspekt manifestiert und bei Anfragen die Erwartungen entsprechend einfärbt und bei Rückmeldungen die emotionalen Signale kodiert. Emotionale Intelligenz wäre nach diesem Modell die Fähigkeit, unsere subjektiven emotionalen Erwartungen positiv zu verändern und zu erkennen, wann ein positives Bauchgefühl (Signal aus System 1) auch wirklich etwas Positives für uns bedeutet. 4. Der Potentialraum - Jenseits von Raum und Zeit Der unbewusste Potentialraum in System 1 mit seiner riesigen Informationsmenge und ihrer assoziativen Vernetztheit bildet die wesentliche Grundlage für Intuition, die durch emotionale Transgression auf diese Elemente zugreifen und für ihre Entscheidungen nutzen kann. Die klassische Intuitionsforschung (Topolinski, 2011, Zhang et al., 2016) nimmt an, dass frühere v.a. unbewusste Erfahrungen und Informationsverarbeitungsprozesse (Expertise) zum Aufbau des Potentialraums führen. Die Vorhersage und Empfehlung von möglichen, zukünftigen Realitäten erfolgt nach dieser Sichtweise über die schlussfolgernde Extrapolation ausgehend von vorhandenen Wissenselementen. System 1 wird in klassischen Intuitionstheorien wie ein Computerprogramm zur Wettervorhersage verstanden, welches aus den vergangenen und gegenwärtigen physikalischen Bedingungen und gewissen Algorithmen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, eine Vorhersage macht. In den nächsten Abschnitten werden wir eine Theorie und einige empirische Befunde vorstellen, die zeigen, dass der Potentialraum viel mehr enthält als nur unsere eigenen vergangenen Erfahrungen und Wissensinhalte. Der Potentialraum in der Unus Mundus Theorie Der Physiknobelpreisträger Wolfgang Pauli hat zusammen mit Carl Gustav Jung, dem Begründer der Analytischen Psychologie, ein Modell entworfen, mit dem Ziel eine umfassende Beschreibung der Realität zu bieten. Nach dem Pauli-Jung-Modell (PJM) geht die objektive, materielle Welt und die subjektive, geistig-bewusste Welt aus einer gemeinsamen Grundlage der Unus Mundus hervor. Die Dualität von Geist und Materie oder Subjektivität und Objektivität ist nicht a priori gegeben, sondern entsteht immer wieder durch Messung, d.h. der Bewusstwerdung von Realität, aus der Unus Mundus heraus. Die Unus Mundus erweitert das System 1 von Kahneman (2012) und bildet einen unbewussten Potentialraum in dem alle unsere Erfahrungen, vergangene, gegenwärtige und zukünftige gleichzeitig präsent sind. Dies impliziert, dass alle klassischen Realitäten als physikalische Möglichkeiten oder Potentialitäten in der Unus Mundus physikalisch präexistent und geistig unbewusst sind und dass von den Möglichkeiten manche bei aktiver Bewusstmachung tatsächlich (klassisch) real werden. In der Unus Mundus gibt es keine zeitliche Dimension, sondern alle Potentialitäten, die in ihrer unbewussten Kodierung gleichzeitig vorhanden sind. Anders ausgedrückt, wir erleben unsere zukünftigen, vergangenen und aktuellen Realitäten als Möglichkeiten gleichzeitig in unserem unbewussten Potentialraum (System 1). Oder noch deutlicher ausgedrückt: Unser Unbewusstes kennt unsere Zukunft in ihrer potenziellen Form. Damit erweitert diese Theorie unser bisheriges Verständnis von System 1. Dieses enthält nicht nur vergangene Erfahrungen und sagt mit deren Hilfe die Realität vorher, wie in der aktuellen Intuitionsforschung vermutet, sondern es enthält Erfahrungen, die in der Zukunft liegen und auf die wir schon in der Gegenwart durch unsere Emotionen zugreifen können. Diese Realität, weil sie eine Vorform der Subjektivität und der Objektivität darstellt, bildet eine Daseinsform, die zwischen den beiden Realitätsarten liegt. Sie ist nicht komplett subjektiv, also nicht nur imaginär, aber auch nicht komplett objektiv, also nicht vollständig real. Man ordnet ihr daher das Attribut „sobjektive“ Realität zu (Maier et al., in press). Diese zukünftigen sobjektiven Realitäten können durch emotionale Transgression zugänglich und für intuitive Entscheidungen genutzt werden. Intuition kann damit auch emotional kodiertes Wissen aus der Zukunft nutzen und entsprechend handeln. Außerdem kann die emotionale Transgression durch entsprechende Anfragen an den Potentialraum, klassische, bewusste Realitäten beeinflussen und herbeiführen, die eigentlich objektiv betrachtet völlig zufällig auftreten sollten, wie z.B. einen Würfelwurf oder einen Lottogewinn. Das Wissen über die Zukunft und die antizipatorische Nutzung dieses Wissens und die Beeinflussbarkeit von zufälligen Ereignissen sind dramatische Konsequenzen dieses erweiterten Systems 1, die unsere Alltagsicht der Realität in Frage stellen. Wir werden im Folgenden empirische Studien beschreiben, die die intuitive Vorhersage der Zukunft und die Beeinflussung von zufälligen Realitäten nachweisen konnten. Den Emotionen im Sinne der emotionalen Transgression kommt dabei die entscheidende Rolle zu. Vorhersage der Zukunft - Feeling the Future In den letzten Jahrzehnten wurde eine Reihe von Studien durchgeführt, in denen emotionale physiologische Reaktion vor, während und nach der Darbietung von emotionalen Stimuli erhoben wurden. In einer zusammenfassenden Meta-Analyse von Mossbridge et al. (2012) wurde ein signifikanter Effekt der physiologischen Antizipation von zukünftigen, unvorhersagbaren (weil zufällig ausgewählten) emotionalen Reize nachgewiesen. In einer klassischen Versuchsordnung aus dieser Serie von Studien werden pro Durchgang zufällig ein emotionales oder ein neutrales Bild ausgewählt und auf dem Computerbildschirm dargeboten und zeitgleich die physiologische Reaktion der Versuchsteilnehmer erfasst. Wie erwartet zeigten sich höhere physiologische Reaktion während und nach der Darbietung emotionaler Bilder im Vergleich zu neutralen Bildern. Interessanterweise reagierten die Probenden aber auch schon bis zu vier Sekunden vor(!) der Bildpräsentation mit einer erhöhten physiologischen Reaktion. Eine valenzkonforme physiologische Reaktion erfolgte also schon vor der zufälligen Wahl eines emotionalen Bildes im Vergleich zur Wahl neutraler Bilder. Dies bedeutet, dass unser Unbewusstes (System 1) eine noch nicht festgelegte Bildauswahl bereits mehrere Sekunden vor der Auswahl emotional antizipieren und entsprechend physiologisch reagieren konnte. Dies kann durch klassische Realitätsmodelle nicht erklärt werden, da zufällig ausgewählte Bilder durch keine Form der schlussfolgernden Extrapolation aus vergangenen Erfahrungen abgeleitet werden können. Man muss also ein Realitätsmodell wie das PJM annehmen, indem zukünftige Realitäten dem Unbewussten auch schon vor ihrer Realitätswerdung bekannt und über emotionale Signale zugänglich sind. In einer weiteren Reihe von Versuchen konnten unterschiedliche Forschungsgruppen (Bem, 2011; Maier et al., 2014) zeigen, dass, wenn man den Versuchsteilnehmern die Möglichkeit gab, sich für eine Bilddarbietung zu entscheiden, wobei die jeweilige Verhaltensreaktion der Probanden erst nachträglich zufällig mit einem positiven oder negativen Bild assoziiert wurde, diese überzufällig in der Lage waren, negative Bilder zu vermeiden und positive Bilder aufzusuchen. Dazu musste aber das Unbewusste bereits während der Entscheidung wissen, mit welcher Entscheidungsoption welche Konsequenz verbunden war. Dies war aber während des Entscheidungsvorgangs noch gar nicht festgelegt, sondern wurde erst nach Reaktionswahl durch den Probanden zufällig einer positiven oder negativen Konsequenz zugeordnet. Die Tatsache, dass trotzdem vermehrt negative Bilder vermieden und positive Bilder gewählt wurden, legt den Schluss nahe, dass sie bereits bei der Entscheidungswahl über die zukünftigen Realisationen Bescheid wussten. Bei festgelegtem Zeitpfeil ist das klassisch betrachtet unmöglich, kann aber erklärt werden, wenn man wie im PJM annimmt, dass die zukünftigen Konsequenzen dem Individuum auch schon vorab durch Zugang zum Potentialraum, der auch die Zukunft kennt, bekannt sind. Diese und viele ähnliche Befunde deuten darauf hin, dass unser unbewusster Potentialraum nicht nur intuitive Entscheidungen auf der Grundlage von vergangenen Erfahrungen zu unseren Gunsten treffen kann, sondern auch Erfahrungen enthält, die in unserer Zukunft liegen, die wir aber unbewusst bereits erleben. Emotionale Signale von Realitäten aus der Zukunft können damit genauso wie vergangene Erfahrungen genutzt werden, um zukünftige positive Zustände zu erreichen und negative zu vermeiden. Manche Individuen berichten über Vorahnungen, die sich dann entsprechend zugetragen haben, und einige waren auch schon in der Lage, durch diese Vorahnungen Unglücksfälle oder andere negative Begebenheiten zu vermeiden. Es gibt Studien, die nachgewiesen haben, dass Flugzeuge, an dem Tag, an dem sie abstürzten, oder Züge, zu dem Zeitpunkt wo sie verunglücken, weniger Passagiere aufwiesen als zu vorherigen Kontrollzeiten. Dass dies keine Zufälle sind, sondern durch ein intuitives Wissen über zukünftige Ereignisse und ihre emotionale Wahrnehmung erreicht wurde, erscheint nach dem PJM wahrscheinlich. Es sei noch ein wichtiger Aspekt erwähnt. Die hier beschriebenen Mechanismen kommen durch die Vermittlung einer sobjektiven Realität im Potentialraum zustande. Unsere Forschung konnte zeigen, dass diese Effekte verschwinden, sobald man sie zu objektiveren versucht, da sie die sobjektive Grundlage ihrer Entstehung zerstört (Dechamps et al., 2021). Damit intuitives emotionales Antizipieren klassisch unvorhersagbarer Ereignisse robust auftreten kann, muss man daher jede Form der objektiven Bestätigung dieser Fähigkeit vermeiden (siehe auch Maier et al., in press). Solange wir diese Erfahrungen und ihre Konsequenzen in unserem subjektiven Erleben belassen und nicht objektiv dokumentieren, sind sie auch robust realisierbar. Die Beeinflussung des Zufalls Viele Ereignisse in unserem Leben treten zufällig auf und sie entziehen sich damit unserer Kontrolle. Denken Sie an einen Lottogewinn, einen Würfelwurf beim Brettspiel oder eine zufällige Begegnung, die ihr Leben verändert hat. Manche dieser Situationen haben im positiven wie im negativen Sinne einen schicksalhaften Charakter und wir können nach der klassischen Realitätssicht deren Eintreten weder herbeiführen noch verhindern. Das PJM geht davon aus, dass auch zufällige Ereignisse durch emotionale Grundhaltungen beeinflusst werden können. Alle Ereignisse, die eine mögliche Realisation darstellen, sind in unserem Potentialraum als subjektive Realitäten bereits vorhanden. Eine solche Potentialität kann z.B. das Erleben eines Lottogewinns oder das Scheitern bei diesem Gewinnspiel beinhalten. Beide Realitäten existieren als parallele Ereignisse im Potentialraum nebeneinander und beide erleben wir in unserem Unbewussten. Durch emotionale Erwartungen (hoffnungsvoll-optimistisch oder angstvoll-pessimistisch) können wir Anfragen an den Potentialraum stellen, die ähnlich den oben beschriebenen selbsterfüllenden Prophezeiungen eine emotionskongruente Realisierung bewirken. Positiv-optimistische Überzeugungen zum Verlauf bestimmter zufälliger Ereignisse führen dazu, dass die positive Erwartung eintrifft, negativ-pessimistische Haltungen, also Ängste vor etwas, führen dazu, dass diese Bedrohungserwartungen Realität werden. Die Beeinflussung des Zufalls durch Absichten und Erwartungen wurde in zahlreichen Studien untersucht (für einen Überblick siehe, Bosch et al., 2006). In einigen von diesen Studien wurden alternative Ereignisse durch einen Quantenzufall generiert, der nach der Quantenmechanik einen echten, ontische Zufallsprozess darstellt. Es zeigte sich meta-analytisch ein Effekt der Haltung bzw. Intention der Probanden. Im statistischen Mittel konnte der Zufall in Richtung der Absicht der Versuchsteilnehmer verändert werden. In einer dieser Studien (Dechamps et al., 2021) wählte ohne Zutun der Probanden ein quantenbasierter Zufallsgenerator in jedem Durchgang entweder ein positives oder ein negatives Bild. Die Probanden hatten die Absicht positive Bilder zu sehen und diese Intention wurde in der Experimentalbedingung durch subliminales Priming dieser hoffnungsvollen Haltung verstärkt. Es wurde also in einer Bedingung eine unbewusste positive Erwartungshaltung implementiert. In einer Kontrollbedingung wurde eine neutrale Haltung aktiviert. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe in der jeweiligen Erwartungshaltung passiv die Bilddarbietungen zu betrachten. Es zeigte sich in der ersten Studie (Dechamps et al., 2021, Studie 1) ein deutlicher Effekt der positiven Haltung in der Experimentalbedingung. Die Versuchspersonen sahen mehr positive Bilder als per Zufall erwartet, während in der Kontrollbedingung die Bilder völlig zufällig auftraten. Individuen scheinen also bei Vorhandensein einer positiven emotionalen Erwartung in der Lage zu sein, positive zukünftige Ereignisse mit größerer Wahrscheinlichkeit zu generieren als per Zufall erlaubt war. Zufällige Ereignisse sind damit nicht allein schicksalhafte Begebenheiten, denen wir unkontrollierbar ausgeliefert sind, sondern wir können mit Hilfe der richtigen emotionalen Grundhaltung für uns positive Realitäten konstruieren. Individuen sind also in der Lage klassische Realitäten aktiv mitzugestalten. Auf dieselbe Weise können sich aber auch negative Eistellungen immer wieder bestätigen. In einer weiteren Studie erhielten Personen mit klinisch relevanten Ängsten vom Quantenzufallsgenerator Aussagen präsentiert, die überzufällig häufig diese Ängste thematisierten (Jakob et al., 2020). Positive und negative emotionale Haltungen kreieren also gleichermaßen Realitäten, die diesen Erwartungen entsprechen und führen damit zu einer Bestätigung der Einstellung der Betroffenen. Dadurch verfestigen sich die emotionalen Grundmuster und werden zu adaptiven oder maladaptiven individuellen Lebensschicksalen. Um die ängstlich-pessimistische Realitätskonstruktion zu durchbrechen, muss man den betroffenen Individuen ihre dysfunktionale emotionale Überzeugung bewusst machen und durch eine positiv-optimistische Haltung ersetzen. Wie im Falle der Vorhersage zukünftiger Ereignisse konnte die Forschung zur Realitätskonstruktion durch Emotionen außerdem feststellen, dass die Effekte verschwinden, sobald man sie objektiviert (Dechamps et al., 2021, Studie 2 und 3; Maier et al., in press). Dies stellt eine weitere Option bei der Behandlung maladaptiver Überzeugungen dar. Sobald man den Probanden nachweist, dass sie selbst die negativen Realitäten erzeugen, reduziert sich ihr überzufällig häufiges Auftreten. Unser Geist ist gemäß dem PJM mittels der Emotionen in der Lage Realität mit zu konstruieren. Sofern die so erzeugten Realitäten dem Individuum förderlich sind, sollten man sie davon abhalten ihre diesbezüglichen Fähigkeiten sich selbst und anderen zu beweisen. Sie sollten an ihre Fähigkeiten glauben, sie aber nicht in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellen und damit auf die Ebene der Bestätigung heben. Bei dysfunktionalen Realitätskonstruktion sollte die Bestätigung der Selbstwirksamkeit in diesem Kontext betont und damit deren Effektivität gemindert werden. Gleichzeitig sollte eine emotionale Neuausrichtung eingeübt, diese aber mit Leichtigkeit vollzogen und ohne Bestätigungsdruck angewandt werden. 5. Fazit Emotionen lassen sich an der Schnittstelle zwischen bewusster und unbewusster Informationsverarbeitung lokalisieren. Sie stellen damit ein Bindeglied zwischen einer völlig automatischen und einer bewusst-rationalen Verarbeitung von Informationen und Verhaltenssteuerung dar. Emotionen liefern durch die behaviorale Komponente Verhaltensimpulse, die eine phylogenetische adäquate Antwort auf Anpassungsprobleme darstellen, unser Verhalten aber nicht vollständig determinieren, sondern eine bestimmte Richtung bahnen. Die physiologische Komponente unterstützt den Verhaltensimpuls durch angemessene körperliche Veränderungen. Der sobjektiven Komponente, d.h. dem Erlebensaspekt der Emotion, kommt die Rolle einer Signalübertragung zwischen den unbewussten und den bewussten Bereichen unserer Psyche zu. Emotionale Signale erlauben uns einen Zugang zu unserem unbewussten Potentialraum, einem Informationsspeicher, der über eine gewaltige Menge an entscheidungsrelevanten Informationen verfügt. Diese Informationen basieren auf vergangenen und zukünftigen Erfahrungen und stehen uns alle prinzipiell in der Gegenwart zu Verfügung. Wir können sie mit Hilfe des sobjektiven Erlebens für intuitive Entscheidungen, in komplexen, dynamischen und rational nicht vollständig analysierbaren Situationen und bei der Vorhersage zufälliger Ereignisse nutzen. Emotionen erlauben uns damit, auch zukünftige Ereignisse (berechenbare und zufällige) zu antizipieren und entsprechend zu handeln. Emotionale Überzeugungen und Erwartungshaltungen üben bei der Realitätskonstruktion einen wesentlichen Einfluss aus und sie können auch zufällige, klassisch nicht beeinflussbare Ereignisse in ihrer Auftretenswahrscheinlichkeit modifizieren. Um die Emotionen für den Informationsabruf und die Konstruktion von Realitäten adäquat nutzen zu können, muss man drei Faktoren beachten: 1) Seien Sie offen für Ihre emotionalen Signale, indem sie ihre rationale Verarbeitung zeitweise zurückstellen und auf ihr Bauchgefühl hören, 2) entwickeln sie außerdem eine positiv-optimistische Grundhaltung in Lebensbereichen, in denen sie positive Realitäten herbeiführen wollen und 3) vermeiden Sie eine Bestätigung der Wirksamkeit ihrer positiven Haltung bei der Realitätskonstruktion, da sie ansonsten ihre diesbezügliche Selbstwirksamkeit untergraben. Sollten Sie diese drei Faktoren beachten steht einer glücklichen, erfüllten Lebensführung nichts mehr im Wege. Literatur- und Quellenverzeichnis ​ Bechara, A., Damasio, H., Tranel, D., & Damasio, A. R. (2005). The Iowa Gambling Task and the somatic marker hypothesis: Some questions and answers. Trends in Cognitive Sciences, 9, 159–162; discussion 162–164. Bem, D. J. (2011). Feeling the future: Experimental evidence for anomalous retroactive influences on cognition and affect. Journal of Personality and Social Psychology, 100(3), 407–425. Betsch, T., Plessner, H., Schwieren, C., & Gutig, R. (2001). I Like it but I Don't Know Why: A Value-Account Approach to Implicit Attitude Formation. Personality and Social Psychology Bulletin, 27(2), 242–253. Buss, D. M., Larsen, R. J., Westen, D., & Semmelroth, J. (1992). Sex differences in jealousy: Evolution, physiology, and psychology. Psychological Science, 3, 251-255. Dechamps, M. C., Maier, M. A., Pflitsch, M., & Duggan, M. (2021). Observer dependent biases of quantum randomness: Effect stability and replicability. 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  • Gelingende soziale Interaktionen

    Das Potenzial neuronaler Plastizität gezielt nutzen, um effektiver zusammenzuarbeiten. Inhaltsverzeichnis 1. Wieso gelingende soziale Beziehungen wichtig sind 2. Die Macht der Empathie 3. Handeln wir rational? 4. Was passiert im Gehirn, wenn man unter Stress steht? 5. Unsere traumatisierte und resiliente Gesellschaft 6. Der konstruktive Umgang mit Konflikten 7. Fazit ​ Literatur- & Quellenverzeichnis Gelingende soziale Interaktionen Das Potenzial neuronaler Plastizität gezielt nutzen, um effektiver zusammenzuarbeiten Gelingende soziale Interaktionen sind die Basis für produktive Zusammenarbeit. Welche Faktoren tragen zum Gelingen von soziale Interaktionen bei, welche Risiken sollte man kennen? Welche Interventionen kann man nutzen, um Stress zu reduzieren und Konflikte effektiv zu lösen? Erkenntnisse aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Forschung bieten hier nützliche Einsichten. Sie zeigen, wie man das Potenzial neuronaler Plastizität gezielt nutzen kann, um harmonische und produktive Zusammenarbeit zu fördern. 1. Wieso gelingende soziale Beziehungen wichtig sind Was macht ein glückliches und gesundes Leben aus? Zu dieser Frage gibt es unzählige Antworten. Vielleicht ist es ein schöner Sonnenuntergang, ein gutes Essen oder ein gemütliches zu Hause. Auf diese Frage gibt es nicht die eine richtige Antwort. Und doch zeigt sich in der Forschung immer wieder, dass ein zentraler Faktor für Glück und Gesundheit gelingende soziale Beziehungen sind. Seit den Anfängen der Menschheit waren Menschen in Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften organisiert. Durch Kooperation und gemeinsam errungene Fortschritte in Technik, Medizin und Wissenschaft gelingt es der Menschheit, sich erfolgreich an verschiedene Umgebungen anzupassen. Zahlreiche Forscher gehen davon aus, dass moderne Gesellschaften auf Kooperationen und gelingenden sozialen Beziehungen aufbauen. Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass das Gefühl von sozialer Verbundenheit glücklich macht, Stress reguliert und einen wesentlichen Beitrag zur mentalen und physischen Gesundheit leistet. Die positiven Effekte von gelingenden Beziehungen sind nicht nur im privaten Umfeld relevant, sie sind auch am Arbeitsplatz zentral. So zeigen Studien immer wieder, dass Menschen, die sich in ihrem Arbeitsumfeld wohl fühlen, produktiver und gesünder sind (Bogacz und Klimecki, 2017). Der Beitrag von gelingenden sozialen Beziehungen für ein gesundes Leben wird besonders deutlich, wenn man sich eine Metaanalyse von Holt-Lunstad und Kollegen aus dem Jahr 2010 ansieht. Eine Metaanalyse ist eine Analyse, bei der Forscher die Daten aus vielen Studien zusammenfassen, um zu testen, ob Effekte robust sind. Diese Metaanalyse fasste 148 Studien zu den Risikofaktoren für Sterblichkeit zusammen. Sie zeigt, dass gelingende Beziehungen einer der wichtigsten Prädiktoren für ein langes Leben sind. Umgekehrt kann man auch sagen, dass Einsamkeit einer der wichtigsten Risikofaktoren für einen früheren Tod ist. Damit liegt Einsamkeit zusammen mit anderen Risikofaktoren, wie Rauchen und exzessivem Alkoholkonsum ganz vorne und noch vor anderen Risikofaktoren, wie Bewegungsmangel oder Übergewicht. Bedeutsame soziale Beziehungen tragen also nicht nur zu Glück bei, sondern auch zu Gesundheit und damit zu einem längeren Leben. 2. Die Macht der Empathie „Empathie bringt uns zusammen, und zwar in einem ruhigen und friedlichen Zustand.“ Stephen Hawking Eine wesentliche Fähigkeit, die dazu beiträgt, dass Beziehungen zwischen Menschen gelingen, ist Empathie. Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer Personen zu erkennen, ähnliche Gefühle zu empfinden und unsere Handlungen basierend auf dieser Information auszurichten. Diese Fähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen und zu teilen, wird ergänzt durch die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Perspektivenübernahme geschieht dann, wenn wir die Gedanken, Absichten und Vorlieben anderer Personen kognitiv verstehen. Aus der neurowissenschaftlichen Forschung wissen wir, dass bei Empathie und Perspektivenübernahme unterschiedliche Gehirnregionen aktiv sind (Klimecki & Singer, 2013). Aus der neurowissenschaftlichen Forschung wissen wir auch, dass bei Empathie zu einem Großteil die gleichen Gehirnregionen aktiviert werden, die auch beim eigenen Erleben dieser Gefühle aktiv sind (Klimecki und Singer, 2013). Konkret sind zum Beispiel sowohl beim direkten Empfinden von Schmerz, als auch bei Empathie für Schmerz, die anteriore Insula und der anteriore mittlere cinguläre Cortex aktiv. Die Insula ist ein Bereich des Gehirns, in dem nicht nur Schmerzsignale, sondern auch Körpersignale, wie zum Beispiel Hitze, Kälte, oder "Bauchgefühle", verarbeitet werden. Bei Empathie werden also die Gehirnareale reaktiviert, in denen körperliche Empfindungen abgespeichert sind - das Gefühl anderer wird quasi durch Simulation nachempfunden. Bei der Perspektivenübernahme hingegen sind kognitive Areale des Gehirns im Bereich der temporalen und frontalen Regionen beteiligt. Diese Regionen sind zentral dafür, dass die Gedanken anderer verstanden werden. Es handelt sich also bei Empathie (emotional) und Perspektivenübernahme (kognitiv) um zwei unterschiedliche Prozesse. Ein Beispiel kann das illustrieren: Ich bin in einem Café mit einer Freundin verabredet. Während ich warte, bekomme ich auf meinem Handy eine sehr witzige Nachricht geschickt. Ich beschließe, diese Nachricht unbedingt sofort mit meiner Freundin zu teilen, denn das wird sie sicher auch lustig finden. Das kann ich aufgrund von Perspektivenübernahme schließen, denn ich kenne ihren Sinn für (schwarzen) Humor. Als meine Freundin das Café betritt, sieht sie traurig aus. Bei ihrem Anblick nimmt auch mein Gesicht unmittelbar einen traurigen Ausdruck an. Parallel dazu werden in meinem Gehirn die Areale aktiv, die aktiv sind, wenn ich selbst traurig bin. Mein Gehirn simuliert bzw. reaktiviert also das Gefühl der Trauer. Das Gefühl der Trauer kann ich in meinem Körper spüren. Es schnürt mir fast die Kehle zu. Diese empathische Reaktion geschieht ganz schnell und automatisch. Natürlich werde ich jetzt nicht zur lustigen Nachricht auf dem Handy greifen und heiter rufen: “Schau mal, was ich eben für eine Nachricht bekommen habe. Ist das nicht irre lustig?“. Stattdessen drücke ich meine Freundin erst mal und frage: “Was ist passiert?“ Empathie ist also das Teilen von Gefühlen anderer Menschen. Empathie kann man für positive und negative Emotionen empfinden. Man kann sich mitfreuen, mittrauern und mitleiden. Wenn man empathisch auf das Leid anderer Menschen reagiert, kann das zu zwei Reaktionen führen: entweder zu empathischem Stress oder zu Mitgefühl (Klimecki und Singer, 2012). Wenn man zu stark mit anderen mitleidet, kann das empathischen Stress auslösen. Empathischer Stress geht einher mit negativen Gefühlen und dem Wunsch, sich aus der Situation zurückzuziehen. Dies ist auch sinnvoll, denn zu viel empathischer Stress kann regelrecht krank machen und zu Burnout führen (Klimecki und Singer, 2013). Dies ist für viele Berufe relevant. Gerade die aktuelle Pandemie hat aufgezeigt, wie sehr emotionale Belastungen an den Kräften des medizinischen Personals zehren. Auch in anderen Berufen gibt es viele Stressoren, die durch empathisches Mitleiden zu Burnout führen können. Vor allem zwischenmenschliche Konflikte lösen Stress aus. Das kann langfristig krank und unglücklich machen. Auf die Effekte von Stress und Konflikten gehe ich später näher ein. Lange Zeit galt die Maxime (und mancherorts gilt sie noch immer), dass man Stress abblocken soll, also das Leid anderer (und auch sein eigenes) am besten gar nicht erst an sich heranlassen sollte. Aus der Forschung weiß man mittlerweile allerdings, dass diese Methode genau das Gegenteil bewirkt. Menschen, die versuchen, Stressoren zu unterdrücken, haben stärkere körperliche Anzeichen von Stress, als Menschen, die Stress akzeptieren. In diesem Sinne ist Mitgefühl eine durchaus vielversprechende Alternative zu herkömmlichen Methoden der Stressregulation. Mitgefühl erlaubt es, mit dem Leid anderer in Kontakt zu sein, es nachzuspüren und auch zu einem gewissen Grad mitzuleiden. Zusätzlich zeichnet sich Mitgefühl (Englisch: "compassion") durch ein Gefühl von Fürsorge und Wohlwollen der leidenden Person gegenüber aus und durch den Wunsch, der leidenden Person zu helfen. Mitgefühl ist nicht unbedingt die erste, automatische Reaktion auf Leid. Es kann allerdings sinnvoll sein, Mitgefühl zu kultivieren, denn es fördert die Ressourcen der mitfühlenden Person und das Hilfeverhalten. Gerade weil Mitgefühl nicht unbedingt die erste spontane Reaktion auf das Leid anderer ist, ist es wichtig zu wissen, dass dieses Gefühl trainierbar ist - auch im Erwachsenenalter. Die Plastizität von Mitgefühl und Mitleid In meinen Studien habe ich gezeigt, dass meditationsbasierte Mitgefühlstrainings von wenigen Tagen zu einem Anstieg an positiven Gefühlen, wie Wärme und Wohlwollen, führen (Klimecki et al., 2013). Diese Effekte sind sogar bei einer Konfrontation mit stressigen Situationen präsent. Mitgefühlstraining führt darüber hinaus auch zu einer Veränderung von Gehirnfunktionen. Konkret kann Mitgefühlstraining die Aktivität von Gehirnarealen stärken, die für positive Gefühle, soziale Bindungen und das Erlernen neuer Fähigkeiten wichtig sind, wie das Striatum und der mittlere orbitofrontale Cortex. Diese Gehirnaktivität ist anders als die Aktivität, die Forscher normalerweise bei empathischem Mitleid beobachten – die anteriore Insula und der anteriore mittlere cinguläre Cortex. Emotionale Reaktionen auf Leid und die damit verbundenen Gehirnaktivitäten sind übrigens nicht nur in eine Richtung veränderbar. So habe ich in einer weiteren Studie gezeigt (Klimecki et al., 2014), dass schon eine Woche Training im empathischen Mitleiden dazu führt, dass Menschen mehr negative Gefühle empfinden, wenn sie mit dem Leid anderer konfrontiert sind. Darüber hinaus zeigt sich auch eine Verallgemeinerung dieser negativen Gefühle auf Alltagssituationen – das Mitleid führt also zu einem allgemeinen Anstieg negativer Gefühle, unabhängig von der Situation. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass schon nach einem kurzen Mitleidstraining die Aktivität in Gehirnregionen ansteigt, die charakteristisch für empathisches Mitleid sind – also die Insula und der anteriore cinguläre Cortex. Die starken negativen Gefühle nach dem Mitleidstraining können übrigens durch ein anschließendes Mitgefühlstraining wieder auf das Ausgangsniveau gebracht werden. Wie erwartet erhöht auch hier das Mitgefühlstraining positive Emotionen und damit verbundene Aktivierungen im Striatum und im mittleren orbitofrontalen Cortex. Diese beiden Gehirnregionen sind wichtig für positive Emotionen und ein Gefühl der Verbundenheit. Die wichtigsten Botschaften aus dieser Forschung sind: Erstens, man kann sich auch als Erwachsener verändern. Das gilt sowohl für die Reaktion auf das Leid anderer, als auch für andere Aspekte, wie zum Beispiel die Persönlichkeit (ja, sogar Persönlichkeit lässt sich verändern). Zweitens macht es einen Unterschied, wie man auf das Leid anderer reagiert. Man kann empathisch mitleiden, was mit starken negativen Emotionen einhergeht und mittelfristig das Risiko für Burnout erhöht. Man kann auch Mitgefühl empfinden. Hierbei spürt man mit dem Leid anderer mit und hat zusätzlich Gefühle von Wohlwollen und Fürsorge. Mit den erhöhten Gefühlen von Wohlwollen steigt auch die Aktivität in den dafür relevanten Gehirnregionen. Diese Form von Empathie für Leid stärkt die Resilienz, also die Fähigkeit unbeschadet durch Krisen zu kommen. Mitgefühl hilft aber nicht nur der mitfühlenden Person - es hat auch einen Einfluss auf das Hilfeverhalten. Die Effekte von Mitgefühlstraining auf soziales Verhalten Empathie und Mitgefühl spielen eine zentrale Rolle bei sozialem Verhalten (Klimecki, 2019). So weiß man aus der psychologischen Forschung mittlerweile ganz gut, dass Empathie und Mitgefühl mit Hilfeverhalten zusammenhängen. Wenn man Empathie auslöst, zum Beispiel durch kurze Filme, steigert das altruistisches Verhalten (Klimecki et al., 2016a). Je mehr Empathie ausgelöst wird, desto höher ist übrigens das Hilfeverhalten. Kein Wunder also, dass Organisationen, die auf Spenden angewiesen sind, Werbematerial verwenden, das Empathie auslöst. Auch empathisches Mitleid regt manchmal Hilfeverhalten an (nämlich, dann, wenn man damit sein eigenes Leid lindern kann). Ob man durch ein gezieltes Trainieren von Mitgefühl altruistisches Verhalten steigern kann, haben wir vor einigen Jahren mit einem Computerspiel getestet, bei dem Spieler einer unbekannten Person helfen können (Leiberg et al., 2011). Die Hälfte der Teilnehmer dieser Studie nahm an einem Meditationstraining zu Mitgefühl teil, die andere Hälfte der Teilnehmer an einem Gedächtnistraining. Wir testeten vor und nach dem Training das altruistische Verhalten im Computerspiel. Die Ergebnisse zeigen, dass Mitgefühlstraining, nicht aber Gedächtnistraining, zu einem Anstieg des Hilfeverhaltens führt. Zudem zeigen die Daten, dass das altruistische Verhalten umso mehr ansteigt, je mehr Teilnehmer Mitgefühlsmeditation üben. Diese erste Studie zu den Effekten von Mitgefühlstraining auf Hilfeverhalten wurde mehrfach in anderen Laboren und mit anderen Methoden repliziert. Mittlerweile zeigen Metaanalysen, dass Meditationstraining zu mehr Hilfeverhalten und zu weniger aggressivem Verhalten führt (z.B. Donald et al., 2019). Das ist vielversprechend. Parallel zu den Studien zu Meditationseffekten auf zwischenmenschliches Verhalten gibt es zunehmend Studien, die testen, wie sich Meditationstraining auf Beziehungen zwischen Gruppen auswirkt. Darauf gehe ich später näher ein. Zusammenfassend kann man festhalten, dass verschiedene Reaktionen auf Leid – also Mitgefühl oder Mitleid – starke Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden und das Verhalten gegenüber anderen haben. Um handlungsfähig zu bleiben ist es wichtig, zunächst einmal die eigenen Ressourcen zu stärken. Es ist mit dem Mitgefühl ein wenig so wie mit dem Sauerstoff bei einem Notfall im Flugzeug: um anderen helfen zu können, ist es wichtig, dass man zuerst dafür sorgt, dass die eigene Sauerstoffzufuhr gesichert ist. In diesem Fall ist der Sauerstoff Mitgefühl, da es hilft, Ressourcen zu stärken und Resilienz aufzubauen. Erst im nächsten Schritt kümmert man sich um die Sauerstoffzufuhr anderer (= Hilfeverhalten). Mitleid und Mitgefühl sind also zwei Gefühle, die Handlungen beeinflussen. Sie bilden hierbei allerdings keine Ausnahme. Emotionen sind fast immer ein wesentlicher Motor für Handlungen. 3. Handeln wir rational? “Probleme, bei denen viel auf dem Spiel steht, gehen höchstwahrscheinlich mit starken Emotionen und starken Handlungsimpulsen einher.“ (Daniel Kahneman, 2011) Auch wenn man sich vielleicht wünschen würde, bei wichtigen Entscheidungen rational zu handeln – die Wahrscheinlichkeit hierfür ist gering. Laut Daniel Kahneman (2011) hat das menschliche Gehirn zwei Gangarten, in denen es operiert: zum einen schnell und intuitiv und zum anderen langsam und reflektiert. Das ist auch gut so, denn der schnelle Mechanismus kann in Sekundenschnelle vor Gefahren schützen. Vielleicht ist Ihnen das auch schon passiert: Sie gehen im Wald spazieren und plötzlich schrecken Sie vor etwas zurück. Ihr Körper reagiert mit einer deutlichen schutzsuchenden Bewegung, bevor Sie überhaupt bewusst wahrnehmen können, um was es sich handelt. Erst nachdem Sie sich wegbewegt haben, nehmen Sie wahr, dass dort wo Sie eben noch gestanden haben, eine Schlange ist. Was ist passiert? Der Anblick dessen, was sich später als Schlange herausstellt, ist durch ihren Thalamus geleitet worden. Der Thalamus ist eine Region die tief im Gehirn liegt und die wir Menschen evolutionsbiologisch mit sehr vielen andere Lebewesen teilen. Vom Thalamus wird die Information aus Ihren Augen zum einen an den visuellen Cortex weitergeleitet, also den hinteren Teil des Gehirns, der ganz genau verarbeitet, was die Augen wahrnehmen. Von dort wird die Information zu den frontalen (vorderen) Teilen des Gehirns weitergeleitet. Dort wird das Gesehene bewusst wahrgenommen und interpretiert. Parallel, und viel schneller, ist das Signal, dass es sich hierbei um etwas Gefährliches handeln könnte, vom Thalamus an die benachbarte Amygdala geleitet worden, und von dort aus an Ihre Muskeln und Ihre inneren Organe. Dieses schnelle Signal führt dazu, dass das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. Energie wird aus dem Verdauungstrakt abgezogen und in die Muskeln gelenkt (zum Wegrennen). Die Pupillen werden erweitert (für besseres Sehen) und die Atmung wird schneller (für eine bessere Sauerstoffzufuhr). Bevor also die bewusste Wahrnehmung der Schlange überhaupt in den vorderen Teilen des Gehirns stattfinden konnte, hat Ihr Körper Sie in Sicherheit gebracht. Das Gehirn ist also optimiert darauf, relevante Ereignisse mithilfe des Thalamus und der Amygdala schnell und effizient zu verarbeiten. Ist das nicht wunderbar? Übrigens verarbeitet die Amygdala nicht nur unangenehme und potenziell gefährliche Ereignisse mit hoher Priorität, sondern auch Ereignisse, die angenehm sind (Sander et al., 2003). Vielleicht kennen Sie solche oder so ähnliche schnelle Reaktionen Ihres Körpers auch beim Autofahren, oder wenn Sie sich vor herabfallenden Gegenständen (bei mir oft aus dem Küchenschrank) wegducken. Diese schnellen, emotionalen Reaktionen sind nicht nur bei physischen Gefahren präsent, dieses System ist fester Bestandteil des menschlichen Gehirns. Das bedeutet, dass das Warnsystem des Gehirns auch in sozialen Situationen aktiviert werden kann. Es kann also sein, dass Sie ein Meeting betreten und instinktiv (d.h. basierend auf dem schnellen Verarbeitungsweg) eine Abwehr- oder Angriffshaltung einnehmen. Dieser instinktive Weg ist nicht immer falsch. Er basiert auf den gespeicherten Erfahrungen und der schnellen Integration von körperlichen Signalen. Manchmal ist es jedoch wichtig, die erste, instinktive Handlung zu korrigieren. Nicht immer wird es sich im Wald oder im Meeting um eine Schlange handeln und nicht immer ist Angriff oder Abwehr in sozialen Situationen die beste Wahl. 4. Was passiert im Gehirn, wenn man unter Stress steht? Aus neurowissenschaftlicher Forschung weiß man also, dass Stress nützlich ist, um schnelle körperliche Reaktionen in Gang zu setzten. Problematisch wird es jedoch, wenn das Stresssystem auf Dauer aktiviert ist, oder in den falschen (sozialen) Situationen zu starken Reaktionen von Angriff, Flucht, oder Abwehr führt. Unter den täglichen Stressoren sind zwischenmenschliche Probleme das häufigste Problem. Was ja auch Sinn ergibt, denn gelingende Beziehungen zu anderen Menschen sind zentral für ein glückliches, gesundes und langes Leben. Die Arbeitswelt bildet im Bezug auf Stress keine Ausnahme: Der größte Stressor am Arbeitsplatz sind zwischenmenschliche Konflikte. Solche Konflikte führen nicht nur zu einer schlechteren Arbeitsleistung, sie sind oft die Ursache für psychische und körperliche Krankheiten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit fallen Ihnen Beispiele in der Arbeitswelt ein, bei denen es zu (eigentlich unnötigen) Konflikten kommt. Ich möchte Sie bitten, sich einen dieser zwischenmenschlichen Konflikte am Arbeitsplatz kurz konkret vorzustellen. Wer sind die beteiligten Personen? Was für Gefühle sind vorhanden? Welches Verhalten ist präsent? Taucht dieser Stressor immer wieder auf? Kehren wir zurück zur Wissenschaft. Was passiert im Gehirn, wenn man dauerhaft gestresst ist? Ein 2009 erschienener Übersichtsartikel der US-amerikanischen Neurowissenschaftlerin Amy Arnsten von der Yale Universität gibt hier wertvolle Einblicke. Arnsten beschreibt hierin, wie selbst milder chronischer Stress zu einem schnellen und dramatischen Rückgang an kognitiven Fähigkeiten im präfrontalen Cortex führt. Der präfrontale Cortex ist so wichtig, weil er zentrale Funktionen der Handlungssteuerung hat. Konkret sind unter Stress präfrontale Gehirnfunktionen eingeschränkt, die Emotionen regulieren, unangemessene Handlungen unterdrücken, und die Aufmerksamkeit lenken. Anstelle kontrollierter, bedachter Handlungen, springt nun das von der Amygdala gesteuerte schnelle System für Angriff, Abwehr und Flucht an. Dieses System beruht auf emotionalen Gewohnheiten und erlernten Assoziationen. Nicht nur im privaten Umfeld, auch am Arbeitsplatz kann sich das zum Beispiel in unkontrollierten Wutausbrüchen mit Schreien und Heulen äußern, in abfälligen Kommentaren („Du bist nicht gut genug.“) oder in Burnout, Rückzug oder Kündigungen. Habe ich alles schon erlebt (und Sie vielleicht auch?). Die Auswirkung des präfrontalen Cortex auf Racheverhalten Arnstens Übersichtsartikel basiert größtenteils auf Einsichten aus Tierstudien. Vor ein paar Jahren habe ich Studien durchgeführt, um besser zu verstehen, wie Gehirnfunktionen und Sozialverhalten bei Menschen zusammen hängen (Klimecki et al., 2016b; 2018). Dieses Mal wollte ich im Labor jedoch nicht Hilfeverhalten testen, sondern untersuchen, wie sich die Provokation von Wut auf das (anti)soziale Verhalten von Menschen auswirkt. Ich wollte im Labor Einsichten über Konfliktverhalten und deren neuronale Grundlagen gewinnen. Um die Gehirnaktivität von Probanden zu messen, arbeite ich mit funktioneller Magnetresonanztomografie. Während dieser Messung liegen Probanden in einem engen Scanner. Da ist es schwierig, Alltagskonflikte am Arbeitsplatz zu verwenden. Also konzipierte ich ein Computerspiel, bei dem es um die Verteilung von Geld zwischen Mitspielern geht. In einer Runde des Spiels werden alle Probanden mit einem fairen und einem unfairen Spieler konfrontiert. Der faire Spieler wählt stets Verteilungen, bei denen der Gewinn aller Mitspieler (also auch des Probanden) maximiert wird. Der unfaire Spieler wählt immer Verteilungen, bei denen der Proband möglichst wenig oder gar nichts bekommt. Zudem sendet der faire Spieler dem Probanden nette Botschaften, während der unfaire Spieler unfreundliche Botschaften sendet. Diese Manipulation löst bei den Probanden zuverlässig Wut aus. Sie führt auch dazu, dass Probanden sich in der nächsten Runde des Spiels am unfairen Spieler rächen, indem sie unfaire Geldverteilungen und fiese Botschaften wählen. Zwei Resultate aus diesen Studien sind wichtig. Erstens zeigt sich, dass Probanden, die im Alltag mehr Mitgefühl und Perspektivenübernahme praktizieren und weniger empathischen Stress durch Mitleid empfinden, den unfairen Spieler weniger bestrafen. Zweitens zeigt sich auf der Ebene der Gehirnaktivität, dass die Probanden, die während der Provokation durch den unfairen Spieler eine höhere Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex haben, den unfairen Spieler später weniger bestrafen. Mit anderen Worten: wenn die Region im präfrontalen Cortex, die für Emotionsregulation relevant ist, während der Provokationsphase aktiver ist, rächen sich Menschen später weniger. Es lohnt sich also, die Aktivität der präfrontalen Cortex durch Stressreduktion so gut wie möglich zu erhalten. Wie beeinflusst Stress das Sozialverhalten? Mich hat auch interessiert, wie sich Stress auf das (un)soziale Verhalten von Menschen auswirkt. Um dies zu testen, habe ich mit meinem Team Probanden in das Labor eingeladen und sie das oben beschriebene Spiel mit dem fairen und unfairen anderen Mitspieler spielen lassen (Deza-Araujo et al., 2021). Vor dem Spiel wurde die Hälfte der Probanden von uns kurz gestresst, die andere Hälfte nicht. Konkret sah das so aus, dass die gestressten Probanden eine Hand in kaltes Wasser tauchten, während wir sie filmten und ein streng drein schauender Experimentator sie beobachtete. Wir sagten den Probanden, dass wir den Film später einem Evaluationskomitee vorlegen würden. (Erst nach dem Experiment haben wir die Probanden darüber aufgeklärt, dass wir die Filmaufnahme natürlich umgehend gelöscht hatten.) Diese Prozedur mit kaltem Wasser, Filmaufnahme und strengem Experimentator dauert drei Minuten, wobei Probanden die Hand aus dem Wasser nehmen können, wann sie wollen. Aus der Forschung weiß man nämlich, dass allein schon von anderen beobachtet zu werden, ein sehr starker sozialer Stressor ist. Wie Sie vielleicht schon gehört haben, haben die meisten Menschen mehr Angst davor, einen öffentlichen Vortrag zu geben, als zu sterben. Doch zurück zum Experiment: die nicht gestressten Probanden wurden gebeten, ihre Hand drei Minuten lang in lauwarmes Wasser zu halten. Sie wurden nicht gefilmt und niemand war während dieser drei Minuten im Raum anwesend. Um den Effekt der Stressmanipulation zu messen, haben wir anhand von regelmäßigen Speichelproben die Cortisolwerte der Probanden erhoben. Cortisol ist das Stresshormon, das wesentlich für die schnellen körperlichen Reaktionen bei Flucht und Angriff verantwortlich ist. Wie erwartet zeigen Probanden in der Stressbedingung erhöhte Cortisolwerte im Vergleich zu den nicht gestressten Probanden. Im Anschluss an diese Manipulation spielten alle Probanden das oben beschriebene Computerspiel, bei dem es um die Verteilung von Geld mit fairen und unfairen Mitspielern geht. Wie erwartet, bestraften die gestressten Probanden den unfairen Spieler im Vergleich zu den nicht gestressten Probanden viel stärker. Dabei sagte der durch den Stressor hervorgerufene Anstieg an Cortisolwerten im Speichel vorher, wie stark Probanden später den unfairen Spieler bestraften. Je mehr Cortisol durch den Stressor ausgeschüttet wurde, desto stärker fiel die Bestrafung aus! Bezogen auf soziale Interaktionen außerhalb des Labors bedeuten diese Ergebnisse, dass auch Stressoren, die nichts mit einer konkreten sozialen Interaktion zu tun haben, das spätere Sozialverhalten beeinflussen können. Es kann also sein, dass ein Mitarbeiter, der nach einem Vortrag gestresst ist, anschließend einem ungeliebten Kollegen so richtig eins reinwürgt. Umgekehrt wird ein Mitarbeiter, der den Vortrag gelassen nimmt, das schwierige Verhalten seiner Kollegen wahrscheinlich milde weglächeln. Schlafentzug ist auch Stress Ein möglichst stressfreies Umfeld zu gestalten, kann sich also für Firmen lohnen. Nicht zuletzt in dem Wissen, dass Menschen für gewöhnlich ohnehin (zu) vielen Stressoren ausgesetzt sind. Nehmen wir einmal das Beispiel von jungen Eltern. Eine Freundin von mir hat als Mantra eine Postkarte, auf der steht: “Kleinkinder haben ist wie ein Festival: Lärm, Schlafentzug und ständig kotzt einer.“ Weil ich diese Form von massivem Schlafentzug als junge Mutter aus erster Hand kenne, haben wir getestet, welche Effekte Schlafentzug auf das Cortisollevel von Paaren hat, wenn diese sich streiten (Cernadas Curotto et al., 2021). Paare, die an unserer Studie teilgenommen haben, wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt: entweder der Gruppe mit einer Nacht komplettem Schlafentzug, oder der Gruppe, die ganz normal eine Nacht zu Hause schlafen durfte. Am nächsten Morgen gaben wir den Paaren ein Frühstück, nahmen regelmäßig Speichelproben, um die Cortisolwerte zu messen, erfassten die Stimmung, und ließen die Paare im Labor streiten. Aus früheren Forschungsarbeiten weiß man nämlich, dass Streiten im Labor fast so gut wie zu Hause funktioniert. Auch in unseren Studien scheinen Paare nach ein paar Minuten zu vergessen, dass sie im Labor sind und streiten sich recht ungehemmt über sehr persönliche Themen. In diesem Experiment fanden wir heraus, dass die Paare, die unter Schlafentzug litten, eine höhere Cortisolreaktion auf den Streit zeigen, als die Paare, die normal geschlafen hatten. Je größer dieser Cortisolanstieg war, desto unzufriedener waren Paare mit Schlafentzug tendenziell mit dem Streitgespräch. Zudem berichteten Paare, die nicht geschlafen hatten, weniger positive Emotionen als Paare, die normal geschlafen hatten. Positive Emotionen sind für soziale Interaktionen, aber auch für Gesundheit und Kreativität ganz zentral. Dazu folgt später mehr. Zusammengefasst zeigt sich, dass auch nur eine schlaflose Nacht dazu führt, dass Stressreaktionen ansteigen, die Zufriedenheit mit Streitgesprächen sinkt und positive Emotionen abnehmen. Aus praktischen und vor allem ethischen Gründen haben wir in dieser Studie mit nur einer Nacht komplettem Schlafentzug gearbeitet. Junge Eltern wissen aus eigener Erfahrung, wie viel heftiger die Folgen von realem Schlafentzug über Wochen, Monate, oder gar Jahre sein können. Stress lass nach… Wenn man also optimale Grundlagen dafür schaffen möchte, dass soziale Interaktionen, sei es Verhandlungen, oder auch Partnerschaften, so richtig in die Hose gehen, scheint es durchaus sinnvoll sein, andere maximal zu stressen und dem anderen so wenig Schlaf wie möglich zu gönnen. Ich habe sogar Manager getroffen, die solche Maßnahmen gezielt vor Verhandlungen einsetzten, um andere zu zermürben. Aber mal im Ernst: würden Sie mit jemandem, der Sie absichtlich stresst, gerne dauerhaft zusammen arbeiten oder gar zusammen leben wollen? Ich jedenfalls nicht. Umgekehrt haben Sie vielleicht auch schon einmal das Potenzial dessen erlebt, was möglich ist, wenn Stress abgebaut wird und andere Ihren Schlaf achten. Ein guter Freund von mir, der ein international angesehener Mediator ist, macht es sich zur obersten Priorität, dass die Parteien nach Möglichkeit ausgeschlafen zur ersten Sitzung kommen. Er wählt die Orte für die Mediationen so aus, dass ein möglichst stressfreies äußeres Umfeld geschaffen wird, zum Beispiel durch ein ruhiges Hotel inmitten der Natur. Zusätzlich nutzt er seine freundliche und ruhige Präsenz, um eine Atmosphäre des Vertrauens und der Zuversicht zu schaffen. Denn was für die äußere Umgebung gilt, gilt auch für die Kommunikation. Aus der Forschung wissen wir, dass „blaming and shaming“ (also Schuldzuweisungen und die Beschämung anderer) dazu beitragen, dass Konflikte eskalieren (Halperin, 2016). Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn Schuldzuweisungen und die Botschaft, dass jemand ein schlechter Mensch ist, führen im Gehirn zu Stress, was wiederum den Reflex für Angriff oder Flucht auslöst. Wie viel produktiver ist es da, wenn man Gefühle von Zusammenhalt, Optimismus, und Hoffnung verbreitet? Zum Beispiel in dem man vermittelt, wie sehr man das Gegenüber im Grundsatz und wegen konkreter Stärken schätzt und dann konkrete eigene Bedürfnisse anspricht. Laut psychologischer Forschung sind Botschaften, die Hoffnung, positive Emotionen und Gefühle von Zugehörigkeit stärken, beste Voraussetzungen für gelingende soziale Interaktionen. Stressoren gibt es nämlich schon genug in der Welt. 5. Unsere traumatisierte und resiliente Gesellschaft Mein Blick auf die Welt (und damit meine ich vor allem auf andere Menschen, die ich nicht kenne, zum Beispiel die Teilnehmer meiner Kurse) hat sich vor ein paar Jahren grundlegend gewandelt. Nämlich als ich verstanden habe, dass wir in einer durch und durch traumatisierten Gesellschaft leben. Trauma wird definiert als Erfahrung, die so belastend ist, dass sich Betroffene hilflos, verängstigt, überwältigt oder zutiefst unsicher fühlen. Trauma ist keine exotische Erfahrung, die nur wenige Menschen machen, es ist weit verbreitet. Ein Übersichtsartikel aus den USA zeigt, dass ca. 90 % der US-Bevölkerung traumatisiert sind (Kilpatrick et al., 2013). Manche Forscher (und dazu gehöre ich auch) gehen sogar davon aus, dass eigentlich alle Menschen traumatisiert sind und die meisten sogar mehrfach. Nehmen wir als Beispiel für traumatische Erfahrungen die Covid-19 Pandemie. Diese Pandemie stellt jeden Menschen auf diesem Planeten ständig vor neue Herausforderungen. Diese Herausforderungen zeigen sich zum Beispiel als Einsamkeit oder Krankheit, als Verlust von geliebten Menschen, als Spaltung der Gesellschaft, als Einschränkungen im sozialen und öffentlichen Leben, oder in der Bedrohung von wirtschaftlichen Existenzen. Nicht bei allen Menschen, die von einem Ereignis überwältigt (d.h. traumatisiert) sind, hat dies spürbare Auswirkungen auf den Alltag. Das ist eigentlich ein erstaunlich gutes Zeichen und deutet darauf hin, dass Menschen ziemlich robust sind. Es wird davon ausgegangen, dass ca. 8-20 % der traumatisierten Menschen posttraumatische Belastungsstörung entwickeln (Kilpatrick et al., 2013). Posttraumatische Belastungsstörungen zeichnen sich durch wiederkehrende Erinnerungen und Angstträume, durch vermeidendes Verhalten und eine emotionale Stumpfheit gegenüber der anderen Menschen und der Umgebung aus. Besonders häufige Zeichen von posttraumatischen Belastungsstörungen sind Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Wachsamkeit oder ausgeprägte Schreckhaftigkeit. Dies alles sind Symptome von zu viel Stress im Körper (und zu wenig Aktivität des präfrontalen Cortex). Die Auslöser von traumatischen Erfahrungen können vielfältig sein. Es muss sich dabei nicht unbedingt um Naturkatastrophen, schwere Unfälle, Pandemien, oder ernsthafte physische, sexuelle, oder psychische Gewalt handeln. Auch Formen der Diskriminierung und der strukturellen Unterdrückung können traumatisch sein. Konkret bedeutet das, dass auch Diskriminierungen, fehlende Integration und noch so “kleine“ unangemessene Kommentare traumatisch sein können. Die kanadische Psychotherapeutin und Professorin Monnica Williams zeigte in ihren Studien, dass die Anhäufung von diskriminierenden Stressfaktoren (dazu gehören z.B. intergenerationelle Traumata und Mikroaggressionen) zur Entwicklung von post-traumatischen Belastungsstörungen führen können (Williams et al., 2021). Im Englischen gibt es dafür einen Ausdruck “Death by a thousand paper cuts“. Ein einzelner Papierschnitt mag nicht schlimm sein, aber wenn die Papierschnitte sich häufen, kann dies bedrohlich werden. Beziehen wir die Erkenntnis, dass wir wahrscheinlich alle mehrfach traumatisiert sind (ich zähle jedenfalls dazu), auf Konflikte am Arbeitsplatz. Der Traumaexperte Thomas Hübl sagte neulich sinngemäß: wenn am Arbeitsplatz Konflikte aufbrechen, dann sind das nicht einfach nur Konflikte am Arbeitsplatz. Man kann sich das vielmehr so vorstellen, dass jeder seine Lunchbox an Traumata mitbringt und dann haben alle zusammen Lunch (also Konflikte). Trotz des theoretischen Wissens um die enorme Verbreitung von Traumata, geht es mir jedes Mal unter die Haut, wenn ich ganz konkret erfahre, wie traumatisiert Menschen sind, denen ich begegne. Die Statistiken zu kennen und die konkrete Verletztheit meines Gegenübers zu spüren, haben mich tief bewegt. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mir bei jeder Person und Gruppe, mit der ich arbeite, vergegenwärtige, dass dort wahrscheinlich ganz viele (unbewusste) Traumata sind. Das motiviert mich, besonders achtsam und sorgfältig mit meinem Gegenüber umzugehen und nach bester Möglichkeit, eine Atmosphäre der Sicherheit zu schaffen. Zu einer solchen Atmosphäre gehört die Reduktion von Stressoren, sowie das gezielte Fördern von Empathie, Mitgefühl und positiven Emotionen, wie Freude, Zugehörigkeit und Zufriedenheit. 6. Der konstruktive Umgang mit Konflikten “Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Fähigkeit, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu bewältigen“ Ronald Reagan(1982) Wenn es darum geht, gelingende soziale Interaktionen zu fördern, stehen zahlreiche Interventionen zur Verfügung. Ratgeber zu dem Thema gibt es jedenfalls viele. Die wenigsten der empfohlenen Interventionen sind allerdings wissenschaftlich getestet. Selbst bei den getesteten Interventionen ist die Datenlage oft erschreckend dünn. Meist beruhen die Strategien, die zur Lösung von Konflikten zur Anwendung kommen, auf Erfahrungen. Das ist im Kontext von internationalen Konflikten, bei denen die Vereinten Nationen einschreiten, nicht anders, als bei Streitigkeiten in der Geschäftswelt. Erfahrungen sind unglaublich wertvoll. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass die Empfehlungen nicht immer so funktionieren, wie man sich das erhoffen würde. Was nötig ist, sind rigorose wissenschaftliche Studien, die testen, wann welche Interventionen sinnvoll sind. Um dazu beizutragen, diese Lücke zu schließen, untersuche ich mit meinem Team seit 2015 den kausalen Einfluss von Interventionen auf soziale Interaktionen. Um Aussagen über die Wirkung und die Wirkmechanismen zu treffen, nutzen wir die gleichen strengen Versuchsanordnungen, die in der medizinischen Forschung beim Testen und Zulassen von Medikamenten zur Anwendung kommen. Schließlich können - auch unbewaffnete - Konflikte verheerende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit und Unversehrtheit haben. Wieso es sich lohnt, sich (gemeinsam) eine rosige Zukunft auszumalen Eine der ersten Interventionen, die wir getestet haben, ist das Denken an die Zukunft. Die historische Grundlage hierfür geht zurück auf die Vereinbarungen von Camp-David, die unter Präsident Jimmy Carter zwischen dem ägyptischen Präsidenten Sadat und dem israelischen Ministerpräsidenten Begin im Jahr 1978 geschlossen wurden. Die Tatsache, dass Camp-David ein recht informeller Ort in der Natur ist, hat wahrscheinlich auch einen wesentlichen Beitrag zur Stressreduktion geleistet. Berichte besagen jedenfalls, dass Jimmy Carter nach mehrtägigen Verhandlungen ohne Einigung dazu überging, Enkelkinder in die Diskussion einzuführen. Gemeinsam überlegten die drei Präsidenten also, was für eine Welt sie sich für ihre Enkelkinder wünschen. Dies gilt als Wendepunkt in den Verhandlungen. Später an diesem Tag unterzeichneten Begin, Sadat und Carter das Abkommen von Camp-David, in dem der seit 1948 andauernde Kriegszustand zwischen Ägypten und Israel für beendet erklärt wurde. Für diese historische Einigung erhielten Sadat und Begin später den Friedensnobelpreis. Was war passiert? Es scheint, dass Jimmy Carter durch die Erwähnung von Enkelkindern den Fokus von der Gegenwart auf die Zukunft verschoben hat... Mein Team und ich wollten wissen, ob das Denken an die Zukunft tatsächlich eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme sein kann, um prosoziales Verhalten zu fördern. Um das zu testen, führten wir ein Experiment durch, bei dem die Teilnehmer zufällig einer von zwei Bedingungen zugeordnet wurden (Cernadas Curotto et al., 2022). Die Hälfte der Teilnehmer wurde darum gebeten, eine Minute lang an die Zukunft zu denken. Die andere Hälfte der Teilnehmer wurde darum gebeten, eine Minute lang Tiere aufzuzählen. Anschließend spielten alle Teilnehmer ein Computerspiel mit Schatzsuche. Uns Forscher interessierte jedoch weniger, wie viele Schätze die Teilnehmer in der knappen Zeit erreichten. Wir erfassten, wie oft Teilnehmer anderen, unbekannten Spielern halfen. Tatsächlich zeigte dieses Experiment, dass Teilnehmer, die vorher für nur eine Minute an die Zukunft gedacht hatten, anderen mehr halfen, als Teilnehmer, die zuvor an Tiere gedacht hatten. An die Zukunft zu denken, um prosoziales Verhalten zu steigern, bewährt sich also auch im Labor. Dies ist eine einfache und wirkungsvolle Methode, die man einsetzen kann, um den Fokus von Stressoren abzuziehen und auf die Zukunft zu richten. Dabei empfiehlt es sich, die Gedanken möglichst auf positive Aspekte in der Zukunft zu legen – laden Sie andere ruhig ein, sich die bestmögliche Zukunft auszumalen. Unsere Forschung zeigt nämlich auch, dass gerade positive zukunftsorientierte Gedanken mit prosozialem Verhalten zusammen hängen (Cernadas Curotto et al., 2022). Überhaupt erweist es sich als sinnvoll, positive Emotionen so stark wie möglich zu fördern. Positive Emotionen fördern die Resilienz, Kreativität, Zusammenhalt, Problemlösung, Gesundheit, Erfolg und, und, und. Meine US-amerikanische Kollegin Barbara Fredrickson drückte es bei einer Konferenz in Kalifornien neulich so aus: Alle Emotionen sind wichtig, aber positive Emotionen sind besonders wichtig. Kann Meditationstraining dazu beitragen, unsere sozialen Beziehungen zu stärken? Wie oben erwähnt, gibt es mittlerweile Meta-Analysen, die belegen, dass Meditationstraining prosoziales Verhalten fördert, aggressives Verhalten senkt, und Resilienz stärkt. Darüber hinaus belegen Studien, dass Meditationstraining Stress senkt – nicht umsonst heißt eines der bekanntesten Meditationsprogramme "Mindfulness Based Stress Reduction", kurz MBSR. Meine Forschung hat belegt, dass selbst kurzes Meditationstraining positive Emotionen und damit einhergehende Aktivitäten im Gehirn fördert und das sogar bei stressigen Ereignissen. Die positiven Effekte von Meditation auf Resilienz sind mittlerweile auch durch eine Metaanalyse nachgewiesen worden. Wie aber sieht es mit den Effekten von Meditation bei zwischenmenschlichen Konflikten oder gar Gruppenkonflikten aus? In diesem Bereich ist die Datenlage tatsächlich noch recht dünn. Erste Studien sind allerdings vielversprechend. Sie zeigen, dass Meditationstraining dazu beitragen kann, das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern zu verbessern und implizite Vorurteile gegenüber anderen Gruppen abzubauen. Lange Zeit fehlte es allerdings an streng kontrollierten Studien, die kausale Aussagen erlauben. Um diese Lücke zu füllen, habe ich zusammen mit meiner Doktorandin Patricia Cernadas Curotto die Auswirkungen von Meditationstraining auf verschiedene Konflikte untersucht. Wir haben getestet, wie sich Meditationstraining auf zwischenmenschliche Konflikte (vor allem am Arbeitsplatz) auswirkt, wie sich Meditationstraining auf Paarbeziehungen auswirkt und wie sich Meditationstraining auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auswirkt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass einige Wochen Mitgefühlstraining mithilfe von Meditation sowohl im zwischenmenschlichen Bereich, als auch bei Gruppenkonflikten dazu beitragen, die Beziehungen zu anderen zu verbessern. Und das, obwohl es in keinem unserer Trainings um die Konflikte ging. Die Effekte des Meditationstrainings auf schwierige Beziehungen beruhen allein auf dem Transfer des Gelernten. Dies unterstreicht das Potenzial von Meditationstrainings, unsere Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Meditationstraining ist allerdings nicht jedermanns Sache und auch keine Lösung für alle Probleme. Deswegen haben wir auch andere Interventionen, wie zum Beispiel Mediation, untersucht. Welchen Effekt hat Mediation? Obwohl Mediation seit geraumer Zeit genutzt wird, gab es bis vor kurzem noch keine Studien zum kausalen Einfluss von Mediation auf Konflikte, oder gar auf Veränderungen in neuronaler Aktivität. Um auch diese wichtige Lücke in der Forschung zu schließen, untersuchten mein Doktorand François Bogacz, der selbst ein erfahrener Mediator ist, und ich, den Einfluss von Mediation auf Konflikte (Bogacz et al., 2020). Wir wollten mit unserer Forschung zum ersten Mal die kausalen Effekte dieser Intervention bei echten zwischenmenschlichen Konflikten testen. Wir überlegten zunächst, Konflikte im Arbeitsumfeld zu testen. Schnell sahen wir hiervon jedoch aus ethischen Gründen ab (wegen der Abhängigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern). Aus der Literatur wussten wir, dass Paarkonflikte auch im Labor funktionierten. Also luden wir Paare ein, sich im Labor über einen ungelösten Konflikt zu streiten. Und wieder schienen die Paare, die an unseren Studien teilnahmen, nach einigen Minuten völlig zu vergessen, dass sie im Labor waren und stritten sich zum Teil heftig über sehr private Themen. Die teilnehmenden Paare wurden zufällig einer von zwei Bedingungen zugeordnet: einem Streit mit Mediator und einem Streit ohne Mediator. Beim Streit ohne Mediator hatten wir noch eine stumme dritte Person im Raum. So kontrollierten wir nicht nur für die Anzahl von anwesenden Personen (das Paar plus eine weitere Person), sondern konnten auch bei einer heftigen Eskalation eingreifen. Dies war auch einmal nötig (wie erwartet in der Bedingung ohne Mediation). Was also waren die Effekte von Mediation? Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Mediation im Vergleich zur Kontrollbedingung zu mehr Einigungen führte. Zudem führte Mediation zu einer höheren Zufriedenheit mit dem Inhalt und dem Verlauf des Streitgesprächs. Als Nächstes stellten wir uns die Frage, ob Mediation darüber hinaus auch einen Einfluss auf Gehirnfunktionen haben kann. Kann es sein, dass Paare, die sich mit Mediator streiten, nach dem Streit beim Anblick ihres Partners mehr Aktivität in Gehirnarealen zeigen, die mit positiven Emotionen, wie Liebe zusammenhängen? Dieser Frage gingen meine Studenten Halima Rafi, François Bogacz und ich nach, indem wir abermals Paare zum Streiten mit oder ohne Mediator ins Labor einluden (Rafi et al., 2020). Dieses Mal erfassten wir mittels funktioneller Magnetresonanztomografie vor und nach dem Streit die Aktivität des Gehirns, während Versuchspersonen Fotos vom ihrem Partner sahen. Auch in dieser Studie zeigte sich, dass Mediation die Lösung von Konflikten verbessert und die Zufriedenheit mit dem Inhalt und dem Verlauf des Konfliktgesprächs im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöht. Bezogen auf die Gehirnaktivität bestätigt unsere Studie, dass beim Sehen des romantischen Partners vor dem Streit erhöhte Aktivierungen in einem Netzwerk beobachtet werden, das schon aus früheren Studien zu romantischer Liebe bekannt ist. Dieses Netzwerk umfasst unter anderem das Striatum, den orbitofrontalen Cortex, die Insula, den Thalamus und die Amygdala. Über beide Bedingungen hinweg (also mit und ohne Mediator) führte der Konflikt dazu, dass neuronale Aktivierungen in diesem Netzwerk zurückgingen. Dies war vor allem im Striatum, der Insula, und dem Thalamus der Fall. Über beide Gruppen hinweg zeigte sich zudem, dass Studienteilnehmer, die zufriedener mit der Konfliktlösung waren, beim Betrachten des Partners auch nach dem Konflikt noch eine erhöhte Aktivität im nucleus accumbens zeigten. Der nucleus accumbens ist eine Region des Striatums (das kennen wir schon aus den Studien zu Mitgefühlsmeditation), die für positive Emotionen und Belohnung zentral ist. Zudem hatten Teilnehmer in der Mediationsbedingung bei der Betrachtung ihres Partners eine tendenziell höhere Aktivität im nucleus accumbens als Teilnehmer, die sich ohne Mediator gestritten hatten. Diese Studie liefert einen ersten Hinweis darauf, dass Mediation dadurch wirken kann, dass sie die Aktivität in Gehirnarealen stärkt, die mit positiven Emotionen zusammenhängen. Es sind noch viele weitere Studien nötig, um die kausalen Effekte von Interventionen besser zu verstehen. Die oben beschriebenen Studien geben erste wertvolle Hinweise darauf, dass ein gezieltes Stärken von positiven Emotionen (und der damit verbundenen neuronalen Aktivität) ein effizienter Weg sein kann, um Konflikte konstruktiver zu lösen. Dies kann durch Denken an die Zukunft, Mediation, oder Meditation geschehen. Kooperation und Inklusion gezielt zu fördern, ist in der heutigen Gesellschaft besonders wichtig. Denn wir leben in einer Welt, die nicht nur von Stress und Konflikten geprägt ist, sondern auch von Vielfalt und sozialem Fortschritt. Um in der Praxis umzusetzen, was wissenschaftliche Studien zeigen, gebe ich Trainings für Führungskräfte und Teams. In diesen Trainings erlebe ich immer wieder das enorme Potenzial, die Kraft, die Freude und die Energie, die in Menschen und in sozialen Beziehungen stecken. Wenn diese Energie freigesetzt wird, trägt das wesentlich dazu bei, dass Systeme inklusiver, kreativer und produktiver werden. 7. Fazit Fassen wir also noch einmal die wichtigsten Punkte zusammen. Soziale Beziehungen sind nicht nur wichtig, sie sind überlebenswichtig. Wenn sie gelingen, tragen soziale Beziehungen zu einem gesunden, langen, und glücklichen Leben bei. Am Arbeitsplatz trägt ein sicheres, positives soziales Umfeld dazu bei, die Zufriedenheit, Gesundheit und Produktivität von Mitarbeitern zu fördern. Die Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken anderer zu verstehen (Empathie und Perspektivenübernahme) trägt entscheidend zum Gelingen von sozialen Beziehungen bei. Bei der Konfrontation mit schwierigen Situationen fördert Mitgefühl Hilfeverhalten, Resilienz, wohlwollende Emotionen und die damit verbundene Gehirnaktivität. Das Stärken von einem Gefühl der Sicherheit und von positiven Gefühlen ist wichtig, weil wir in einer gestressten und traumatisierten Gesellschaft leben. Stress und Traumata bewirken einen Rückgang in Funktionen, die vom präfrontalen Cortex gesteuert werden, wie Emotionsregulation. Präfrontale Funktionen sind wichtig zur Regulation von Sozialverhalten, auch zur Kontrolle von aggressivem Verhalten. Das Schaffen von sicheren, positiven Umgebungen trägt zu einer Förderung von gelingenden sozialen Beziehungen bei. Einige Interventionen können nachweislich dabei helfen: - Kurzfristig kann man an eine (rosige) Zukunft denken - Mittelfristig kann man mithilfe von Meditationstrainings Mitgefühl kultivieren. Diese Trainings können soziale Beziehungen selbst bei bestehenden zwischenmenschlichen Beziehungen und Gruppenkonflikten verbessern. Alternativ kann man sich einen Mediator zur Hilfe holen – das fördert nicht nur produktive Lösungen von Streit, sondern auch Gehirnaktivitäten, die mit positiven Gefühlen zusammen hängen. Literatur- und Quellenverzeichnis ​ Arnsten (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature reviews neuroscience. Bogacz & Klimecki (2017). How do emotions impact conflicts? A neuroscientific perspective. In: Approaches to Conflict: Theoretical, Interpersonal, and Discursive Dynamics. Bogacz et al. (2020). Mediators have a beneficial impact on conflict resolution in romantic couples. Humanities & Social Sciences Communications. Cernadas Curotto et al. (2021). Quarreling after a sleepless night: preliminary evidence of the impact of sleep deprivation on interpersonal conflict. Affective Science. Cernadas Curotto et al. (2022). Back to the future: a way to increase prosocial behaviour. Under consideration. Deza-Araujo et al. (2021) Increased cortisol after the socially evaluated cold-pressor task predicts later punishment in healthy males. preprint doi: https://psyarxiv.com/4d6g3/ Donald et al. (2019). Does your mindfulness benefit others? A systematic review and meta-analysis of the link between mindfulness and prosocial behaviour. British journal of psychology. Halperin (2016). Emotions in conflict: Inhibitors and facilitators of peace making. Holt-Lundstad et al. (2010). Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS One. Kahneman (2011). Schnelles Denken, Langsames Denken. Kilpatrick et al. (2013). National estimates of exposure to traumatic events and PTSD prevalence using DSM‐IV and DSM‐5 criteria. Journal of traumatic stress. Klimecki (2019). The role of empathy and compassion in conflict resolution. Emotion Review. Klimecki et al. (2013). Functional neural plasticity and associated changes in positive affect after compassion training. Cerebral Cortex. Klimecki et al. (2014). Differential Pattern of Functional Brain Plasticity after Compassion and Empathy Training. Social, Cognitive and Affective Neuroscience. Klimecki et al. (2016a). Empathy promotes altruistic behavior in economic interactions. Scientific Reports. Klimecki et al. (2016b). The impact of emotions and empathy-related traits on punishment behavior: Introduction and Validation of the Inequality Game. PLoS One. Klimecki et al. (2018). Distinct brain areas involved in anger versus punishment during social interactions. Scientific Reports. Klimecki & Singer (2012). Empathic distress fatigue rather than compassion fatigue? Integrating findings from empathy research in psychology and social neuroscience. In Pathological altruism. Klimecki & Singer (2013). Empathy from the perspective of social neuroscience. In: Handbook of Human Affective Neuroscience. Leiberg et al. (2011). Short-term compassion training increases prosocial behavior in a newly developed prosocial game. PLoS One. Rafi et al. (2020) Impact of Couple Conflict and Mediation on How Romantic Partners Are Seen. Cortex. Sander et al. (2003). The human amygdala: an evolved system for relevance detection. Reviews in the Neurosciences. Williams et al. (2021). Posttraumatic stress disorder and racial trauma. PTSD Research Quarterly.

  • Wie sich das Gehirn auf eine gewünschte Zukunft bahnen lässt

    Durch die Arbeit mit inneren Bildern können wir unsere körperliche Gesundheit im Sinne der Selbstheilung verbessern, aber auch unsere Lebensumstände entscheidend verändern. Die geistige Ausrichtung spielt dabei die zentrale Rolle. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Bahnungseffekte im Allgemeinen 3. Bahnung in der Kommunikation 4. Bahnung für die Gesundheit - der Körper folgt dem Geist 5. Die Bahnung des Gehirns auf eine erwünschte Zukunft ​ Literatur- & Quellenverzeichnis Wie sich das Gehirn auf eine Zukunft bahnen lässt​ Verändert sich der Geist, verändert sich die Welt ​ ​ ​ 1. Vorwort ​ Durch die Arbeit mit inneren Bildern können wir unsere körperliche Gesundheit im Sinne der Selbstheilung verbessern, aber auch unsere Lebensumstände entscheidend verändern. Die geistige Ausrichtung spielt dabei die zentrale Rolle. Im Folgenden wird Ihnen ein Prozess vorgestellt, bei dem unterschiedliche Aspekte der Aufmerksamkeit trainiert und hintereinander angewendet werden, um diese Ziele effektiv erreichen zu können. Welche Rolle spielt die neurologische Bahnung des Gehirns in unserem Leben? Welchen Effekt erzeugt sie in Bezug auf die Wahrnehmung unserer Mitmenschen und der uns umgebenden Realität? Welchen Einfluss hat sie auf die zwischenmenschliche Kommunikation? Wie lassen sich Bahnungseffekte bewusst erzeugen und welche Rolle spielt der Fokus der Aufmerksamkeit dabei? Wie können wir durch das Generieren innerer Bilder sogar unsere Körperphysiologie verändern und Organfunktionen beeinflussen, die sich üblicherweise unserer bewussten Kontrolle entziehen? Was ist das Geheimnis erfolgreicher Visualisierungstechniken, die helfen, Lebensziele einfacher zu erreichen? Diese Themen behandelt das folgende Skript. ​​ ​ ​ ​ 2. Bahnungseffekte im Allgemeinen ​ Unter Bahnung versteht man die bewusste oder unterbewusste Lenkung neurologischer Verarbeitungsprozesse in eine bestimmte Richtung. Durch Aktivierung neuronaler Netzwerke kommt es in der Folge zu entsprechenden kognitiven Prozessen oder reaktiven Verhaltensweisen, mitunter sogar zu körperphysiologischen Veränderungen. Der Begriff der Bahnung wird häufig mit „Priming“ gleichgesetzt, wird jedoch in diesem Skript mehrdeutig verwendet und geht dabei über den Effekt des Primings hinaus. Priming ist dabei zweifelsohne eine Form der Bahnung, dessen Funktionsweise zu Beginn dargestellt wird. 2.1 Priming Priming beschreibt einen Effekt, bei dem kognitive Prozesse wie die Beurteilung oder die subjektive Wahrnehmung einer gegenwärtigen Erfahrung durch eine vorangegangene Erfahrung beeinflusst wird. Am leichtesten lässt sich dieser Effekt anhand eines Beispiels erörtern. Um Priming-Effekte zu erzeugen beziehungsweise zu messen, macht man folgendes Experiment: Man gibt Probanden eine Liste von Wörtern und bittet sie, sich diese einzuprägen. Diese Wort-Liste enthält unter anderem die Wörter „Kuchen“, „Ziege“ und „Hemd“. Wenn man danach in einem zweiten, zeitlich ver-setzten und scheinbar unabhängigen Experiment die Teilnehmer bittet, völlig frei zu den Worten „Süßspeise“, „Tier“ und „Kleidungsstück“ zu assoziieren, werden die obigen Worte signifikant häufiger verwendet als bei Teilnehmern, die nicht davor durch die Wort-Liste gepriemt wurden. Dieser Effekt findet auch dann statt, wenn die Probanden sich bewusst gar nicht mehr an die Worte der Wort-Liste erinnern können. Das Priming lässt sich als eine Art „anglühen“ eines betreffenden neuronalen Netzwerkes verstehen. Neuronen, die auf diese Weise (durch die Wortliste) voraktiviert wurden, sprich noch „glühen“, lassen sich schneller und leichter aktivieren als andere Neuronengruppen. Durch solch eine Bahnung werden gewisse Denkoperationen unterbewusst beeinflusst und auf mehr oder weniger vorhersehbare Weise wahrscheinlicher. Untersuchungen zur obigen Methode der „zwei unabhängigen Experimente“ zeigen, dass auch die Wahrnehmung und Beurteilung anderer Menschen davon beeinflusst werden kann, welche Erfahrung wir unmittelbar vor der jeweiligen Beurteilung machen. Lesen wir etwa die Biografie von Nelson Mandela und seinem erfolgreichen politischen Kampf gegen die Apartheid, beurteilen wir die Rolle von Politikern im Allgemeinen als bedeutsamer und stehen ihr positiver gegenüber, wie nach der Lektüre eines Buches über politische Korruption. Jede Erfahrung, die wir als Menschen machen, bildet sich in Form eines neuronalen Netzwerkes im Gehirn ab. Wird dieses aktiviert, werden andere Netzwerke, die im Sinne des assoziativen Gedächtnisses mit dieser Erfahrung in Verbindung stehen, mitaktiviert. Priming ist ein Prozess, der völlig unwillkürlich funktioniert und man kann sich ihm nicht entziehen. Man kann sich lediglich seiner Auswirkung bewusstwerden, aber unterdrücken lässt er sich nicht. Das Priming führt unwillkürlich zu einer Aktivierung des assoziativen Gedächtnisses. Sobald man irgendeine Information erhält, egal ob akustisch, visuell oder durch einen anderen Sinneskanal, setzt sich das assoziative Gedächtnis in Bewegung und aktiviert sämtliche Inhalte, die im Zusammenhang mit dieser Information in der Vergangenheit in Erfahrung gebracht wurden. Die Aktivierung der assoziierten Inhalte läuft dabei unterhalb der Wahrnehmung ab. Folgendes Beispiel veranschaulicht diesen Effekt gut. Lesen Sie die beiden folgenden Kurzgeschichten und achten Sie auf die inneren Bilder, die dabei in Ihrem Geiste entstehen: Geschichte 1: Anna P. lebt in einer großen Stadt. Sie begibt sich zur Entspannung heute ganz gezielt in den größten und als grüne Oase bekannten Erholungspark. Dort angekommen sucht sie eine ganz bestimmte Bank auf. Lesen Sie nun die 2. Geschichte: Geschichte 2: Anna P. lebt in einer großen Stadt. Sie begibt sich aus beruflichen Gründen heute ganz gezielt in das Finanzzentrum der Stadt. Dort angekommen sucht sie eine ganz bestimmte Bank auf. Die meisten Leser erleben beim Lesen der ersten Geschichte das Auftauchen einer Parkbank, wenn sie das Wort „Bank“ lesen, während dasselbe Wort in der zweiten Geschichte meistens das innere Bild eines Finanzinstituts entstehen lässt. Dasselbe Wort löst also unterschiedliche Assoziationen aus, je nachdem auf welche Weise das Gehirn zuvor geprimt wurde. Hört man die Worte „grüne Oase“, „Entspannung“ und „Erholungspark“, wird das assoziative Gedächtnis augenblicklich auf die Reise geschickt und aktiviert sämtliche Erfahrungen, die im Zusammenhang mit diesen Begriffen bereits gesammelt wurden. Unwillkürlich und unterhalb der Wahrnehmung assoziiert das Gehirn beim Lesen des Wortes „Erholungspark“ womöglich ein paar Bäume, vielleicht einen kleinen Teich mit Schwänen, eine von geschwungenen Wegen durchzogene Wiese und eine dazu passende Sitzbank. Da all diese Dinge, wie eben auch die Sitzbank neurologisch mit „angeglüht“ werden und die betreffenden Neuronen daher bereits erregt sind, erscheint im Geiste augenblicklich eine Sitzbank, sobald man das Wort „Bank“ liest. Diese unterbewusst ablaufenden Denkoperationen sind sehr bedeutungsvoll für das menschliche Denken, da sie eine sehr schnelle Verarbeitung von Inhalten und ein schnelles Erfassen von Sachverhalten ermöglichen. Andererseits können Bahnungseffekte aber auch zu Verzerrungen der Wahrnehmung führen und Fehlurteile begünstigen. Ein Bespiel hierfür ist der sogenannte „Halo-Effekt“, dem ebenfalls eine Bahnung zu Grunde liegt. ​ 2.2 Der Halo-Effekt „Halo“ bedeutet auf Griechisch „Lichthof“ und wird zu Deutsch oft mit „Heiligenschein“ übersetzt. Der Halo-Effekt beschreibt den Umstand, dass ein ganz bestimmtes Merkmal einer Person, eines Gegenstandes oder einer Situation so heraussticht, dass es andere Merkmale überstrahlt und dadurch das eigene Urteilsvermögen trübt. Sehr gut untersucht wurde dieser Bahnungseffekt im Rahmen der subjektiv empfundenen Attraktivität von Menschen, wo gutaussehenden Individuen generell eine höhere Kompetenz zugeschrieben wird, als weniger attraktiven Personen. Im Gegenzug dazu kann etwa eine höchst unangenehme Stimme eines Vortragenden, den wunderbaren Inhalt des Vortrags überstrahlen und das eigene Urteil in eine negative Richtung prägen. Zum Teil lässt sich dieser Effekt mit dem Prozess der kognitiven Leichtigkeit erklären, wo das Erleben von positiven Gefühlen dazu führt, dass man präsentierten Inhalten mehr vertraut und weniger kritisch ist, wohingegen negative Emotionen als kognitive Beanspruchung erlebt werden und das Gegenteil bewirken. Darüber hinaus liegt dem „Halo-Effekt“ aber ein weiterer Effekt zu Grunde, den man den „Primacy-Effekt“ oder „Primär-Effekt“ nennt. Dieser besagt, dass die Reihenfolge, in der Inhalte eines Sachverhaltes präsentiert werden, einen Unterschied in der Bewertung derselben macht. Dies lässt sich anhand eines Beispiels illustrieren. Im folgenden Versuch bittet man Menschen auf einer Skala von 0 bis 10 zu beurteilen, ob sie die folgenden Personen als eher sympathisch oder weniger sympathisch bezeichnen würden: Philipp: intelligent, fleißig, impulsiv, kritisch, eigensinnig, neidisch Michael: neidisch, eigensinnig, kritisch, impulsiv, fleißig, intelligent Die beiden Personen werden den Probanden dieses Versuches in der Regel mit einem gewissen zeitlichen Abstand präsentiert, um die Chance zu verringern, dass die Befragten die Offensichtlichkeit des Versuches erkennen, dass nämlich beiden Personen die exakt selben Charaktermerkmale zugeschrieben werden, allerdings in einer unterschiedlichen Reihenfolge. Die allermeisten der Befragten beurteilen Philipp dabei als signifikant sympathischer als Michael, weil die zuerst genannten Eigenschaften durch den Haloeffekt die danach angeführten Merkmale überstrahlen. Auch hier wird das Gehirn bereits in eine bestimmte Richtung gebahnt und eine Assoziationskette in Gang gesetzt, die das eigene Urteil vorab färbt. Die Funktionsweise des assoziativen Gedächtnisses erlaubt uns also einerseits Sachverhalte sehr schnell zu erfassen und befähigt uns zu raschen Urteilen, andererseits sind diese unbewussten Denkoperationen aber auch die Wurzel vieler Vorurteile. ​ 2.3 Vorurteile – die negativen Auswirkungen von Bahnungseffekten Der Priming-Effekt funktioniert nur dann, wenn bereits neuronale Netzwerke vorliegen, die geprimt werden können. Der Grund dafür ist die Funktionsweise des assoziativen Gedächtnisses. Wenn man sich an die Zeit des 11. Septembers 2001 zurückerinnert, dann waren die Monate und Jahre nach dem Terrorakt von medialen Berichten geprägt, in denen fast täglich Bilder von Terroristen gezeigt wurden. Auf den Bildschirmen der Fernsehgeräte sah man fast ausschließlich Männer aus dem arabischen Raum, deren Stereotyp vor allem durch deren Bärte, schwarze Haare und dunkle Augen auffiel. Vielen Menschen quer durch Europa ist es in der Folge beim Anblick eines ähnlich aussehenden Mannes in der U-Bahn so ergangen, dass sie augenblicklich an einen Terroristen dachten und diesem Menschen wohl eher skeptisch, wenn nicht gar ängstlich oder feindselig gegenüberstanden. Und wie viele Menschen haben ihre innere Reaktion wohl erkannt oder sich zum Teil sogar dafür kritisiert? Die Gehirne jener Menschen, die die Nachrichten regelmäßig verfolgten, wurden so oft auf diese Verbindung zwischen Terroristen und arabisch aussehenden Menschen konditioniert und geprimt, dass diese Assoziationen augenblicklich zu Tage traten. Das Auftreten vorverurteilender Gedanken lässt sich zwar nicht unterdrücken, aber zumindest durch Selbstbeobachtung erkennen und dadurch entschärfen. Durch Selbstreflexion können diese automatisch auftretenden Denkoperationen kritisch hinterfragt und reaktionäre Verhaltensweisen unterdrückt und moduliert werden. Aber dass sie stattfinden, lässt sich nicht verhindern. Bekannterweise lassen sich Vorurteile wiederum dahingehend abbauen, indem neuartige und gegenteilige Erfahrungen mit einem Stereotyp gemacht werden. Diese Erfahrungen verändern abermals die eigene Wahrnehmung, weil jede Erfahrung neue neuro-logische Bahnen legt – in die eine, wie in die andere Richtung. Wäre es folglich denkbar, dass sich Priming-Effekte bewusst erzeugen und nutzen lassen, um die eigene Wahrnehmung und somit auch Urteile gegenüber anderen Menschen oder bestimmten Situationen in eine positive Richtung zu lenken? Kann man das eigene Gehirn auf eine gewünschte Weise bahnen, in dem man bestimmte Geisteshaltungen trainiert und somit Bahnungseffekte konstruktiv einsetzt? Die folgenden drei Kapitel beschreiben praxisnahe Einsatzgebiete und umfassen die Themen „Kommunikation“, „Beeinflussbarkeit der eigenen Körperphysiologie“ und „das Erreichen von Lebenszielen“. ​ ​ ​ ​ 3. Bahnung in der Kommunikation ​ ​ Kommunikation ist in privaten wie in beruflichen Kontexten eines der zentralsten Themen, die unser menschliches Dasein bestimmen. Die Art der Kommunikation entscheidet häufig über das Gelingen oder Misslingen von menschlichen Beziehungen. Darüber hinaus gehören zwischenmenschliche Konflikte nachweislich zu den größten Stressfaktoren im Leben der meisten Menschen. Um Konflikte in der Kommunikation zu reduzieren bzw. die Kommunikation generell effektiver, im Sinne eines gewünschten Outcomes zu gestalten, sollen hier zwei praktische Methoden vorgestellt werden, die das Gehirn sowohl des Senders als auch des Empfängers in eine gewünschte Richtung bahnen können. 3.1 Wie sich das eigene Gehirn auf eine mitfühlende Kommunikation bahnen lässt Aus der buddhistischen Tradition ist seit Jahrtausenden eine mentale Praxis bekannt, die man als Mitgefühls-Training bezeichnet – die Metta-Meditation, oder die Meditation der liebenden Güte. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse rund um die Forschungsarbeiten von Tanja Singer haben gezeigt, dass ein Training von Mitgefühl bestimmte Gehirnareale aktiviert, das sowohl die innere Haltung gegenüber Mitmenschen verändert, als auch zu prosozialem Verhalten führt. Wichtig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass Mitgefühl nicht mit Empathie gleichgesetzt werden darf, denn es zeigte sich, dass zwischen beiden Geisteshaltungen entscheidende neurobiologische Unterschiede bestehen. Während Mitgefühl, als der innere Wunsch, dass es anderen wohl ergehen möge, einen positiven Affekt erzeugt und die Kommunikation mit unseren Mitmenschen erleichtern kann, führt das reine Erleben von Empathie (das In-Resonanz-Gehen mit dem Leid anderer) ohne gleichzeitig empfundenes Mitgefühl zu negativem Affekt und erzeugt Stress. Der neurophysiologische Mechanismus, der hinter dem Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl steckt, hat mit der Aktivierung der Schmerzzentren und anderen Gehirnregionen zu tun und lässt sich kurz zusammenfassend so darstellen: Wenn Menschen emotionalen Schmerz empfinden, dann kommt es zu einer Aktivierung in Bereichen des anterioren Gyrus cinguli (ACC) und der anterioren Insula, welche als emotionale Schmerzzentren gesehen werden. Sozialer Ausschluss etwa aktiviert diese beiden Gehirnareale umso stärker, je intensiver die Probanden diesen negativen Stress erleben. Die gleichen Gehirnareale werden interessanter Weise ebenfalls aktiviert, wenn man andere Menschen sieht, die von physischem oder emotionalem Schmerz betroffen sind. Wenn man also im Rahmen empathischer Wahrnehmung andere Menschen leiden sieht, dann leidet auch das eigene Gehirn und „empfindet“ Schmerzen, da es zur Aktivierung dieses Schmerz-Empathie-Netzwerkes kommt. Dies geht mit dem Erleben negativer Emotionen einher und stellt somit eine aversive Erfahrung dar. Wenn einfühlende Resonanz mit dem Leid anderer Menschen wiederholt stark negative Emotionen auslöst, kann dies auf Dauer erheblichen Stress verursachen und sogar zur Entwicklung von Burnout beitragen. Menschen in helfenden, medizinisch-pflegenden Berufen, aber auch im Coaching sind hier im Besonderen gefährdet. Die positive Nachricht der Mitgefühls-Forschung ist jedoch, dass wenn empathisches Erleben mit Mitgefühl kombiniert wird, werden neben den emotionalen Schmerzzentren zusätzliche Gehirnareale aktiviert, die mit positiven Emotionen und prosozialem Verhalten assoziiert sind. Dieses „Mitgefühls-Netzwerk“ umspannt unter anderem den medialen orbitofrontalen Kortex, Teile des Striatums und den anterioren Gyrus cinguli. Gemeinsam formen diese Regionen ein Netzwerk, das mit positiven Emotionen, Zugehörigkeit und Liebe sowie Belohnung in Verbindung gebracht wird. Mitgefühl erzeugt im Gegensatz zur reinen Empathie also einen positiven Affekt und führt zu neuronaler Aktivität, die Stress im Umgang mit Mitmenschen reduziert. Durch ein regelmäßiges Training von Mitgefühl wird das eigene Gehirn auf eine positive und wertschätzende Wahrnehmung der Mitmenschen gebahnt, was konfliktfreiere Kommunikation deutlich erleichtert. Wie sieht solch ein Mitgefühlstraining in der Praxis aus? Durch ein Training des Mitgefühls macht man sich zunächst die Tatsache bewusst, dass jeder Mensch Momente des Leidens erlebt und übt sich in der Haltung, dem Gegenüber wohlwollende Gedanken und Gefühle zu senden. Man vergegenwärtigt sich den Umstand, den der Dalai Lama als eine, alle Menschen verbindende Tatsache beschreibt: Nämlich, dass jeder Mensch den Wunsch in sich trägt, glücklich zu sein und Leid von sich fernzuhalten. Sich diesen Gedanken immer wieder zu vergegenwärtigen, bahnt die Wahrnehmung unserer Mitmenschen bereits in eine mitfühlende Richtung und erzeugt einen spürbar verbindenden Effekt, der das Verständnis für die Erlebniswelt des Gegenübers erhöht. Auf diese Weise kann man gerade im Umgang mit Menschen, die man als sehr herausfordernd erlebt, das eigene Gehirn auf konstruktive Weise bahnen. Zu diesem Zwecke kann man folgende Mitgefühlsübung regelmäßig praktizieren: 3.2 Metta-Meditation Machen Sie sich zunächst bewusst, dass alle Wesen dieser Welt Momente des Leidens erleben. Schenken Sie nun Ihre Aufmerksamkeit zuerst sich selbst und richten Sie folgende Worte im Sinne des Selbstmitgefühls an sich: Möge ich glücklich und zufrieden sein. Möge ich sicher und geborgen sein. Möge ich gesund sein. Möge ich mit Leichtigkeit leben. Spüren Sie, wie sich Ihr Herz dabei öffnet und sich mehr und mehr Wohlwollen in Ihrem Inneren ausbreitet. Denken Sie nun an einen besonderen Menschen, der Ihnen am Herzen liegt, und senden Sie ihm dieselben Wünsche: Mögest du glücklich und zufrieden sein. Mögest du sicher und geborgen sein. Mögest du gesund sein. Mögest du mit Leichtigkeit leben. Sie können nun einen Schritt weitergehen und diese Wünsche einer Person senden, der Sie neutral gegenüberstehen. Wenn Ihnen dies gelingt, dann können Sie versuchen, diese Wünsche einem Menschen zuzusenden, mit dem Sie gerade ein Problem oder einen Konflikt haben. Sie können diese Wünsche noch weiter ausdehnen und schließlich auf die gesamte Menschheit ausweiten: Mögen alle Menschen glücklich und zufrieden sein. Mögen alle Menschen sicher und geborgen sein. Mögen alle Menschen gesund sein. Mögen alle Menschen mit Leichtigkeit leben. Wenn wir diese Geisteshaltung kultivieren und beispielsweise zu Beginn des Tages für etwa fünf bis zehn Minuten praktizieren, bahnen wir das Gehirn auf eine mitfühlende Haltung gegenüber jenen Menschen, die uns am bevorstehenden Tag begegnen werden. Wir trainieren das Gehirn, um destruktive Verhaltensweisen von Mitmenschen, die uns tendenziell irritieren und regelmäßig zu Konflikten führen, als Folge innerer Leidenszustände zu erkennen und erleben durch regelmäßiges Üben eine mitfühlende Haltung als innere Reaktion. Dabei ist es entscheidend, diese Sätze nicht nur innerlich auszusprechen, sondern sie wirklich zu fühlen. Dafür ist es wichtig, Formulierungen zu finden, mit denen man emotional resoniert. Nicht für jeden mag der eine oder andere Wortlaut stimmig sein und sowohl beim eigenen Training des Mitgefühls, als auch bei der Vermittlung dieser Methode gegenüber einem Klienten ist es wichtig, individuell passende Formulierungen zu finden, um das gewünschte Gefühl zu erzeugen. Auf diese Weise können wir die eigene Wahrnehmung auf konstruktive Weise bahnen, um die Kommunikation mit unseren Mitmenschen zu erleichtern. Es gibt aber auch Methoden in der Kommunikation, die helfen, das Denken des Gegenübers zu bahnen und die es erleichtern, gewünschte Resultate in der Kommunikation zu erzeugen. Solch eine Methode ist beispielsweise die, aus der Hypnose-Arbeit bekannte Etablierung des „Yes-Set“. 3.3 Das „Yes-Set“ – Wie sich das Gehirn des Gegenübers bahnen lässt Die Etablierung des Yes-Set kann man als eine Form der Bahnung verstehen, welche ermöglicht, unterbewusste Denkoperationen des Gegenübers zu erzeugen, die dabei helfen, Widerstände zu reduzieren und eigene Botschaften erfolgreicher anzubringen. Weiter oben im Skript wurde bereits auf den Effekt der kognitiven Leichtigkeit eingegangen, der besagt, dass Informationen vom Gehirn umso leichter aufgenommen und akzeptiert werden, je flüssiger sie verarbeitet werden und je angenehmer die dabei empfundenen Emotionen sind. Aus der Arbeit mit dem Unterbewusstsein hat sich gezeigt, dass es sehr effektvoll ist, im Rahmen der Kommunikation drei Dinge zu sagen, die das Gegenüber auf jeden Fall bejahen kann, bevor man eine gewünschte Botschaft anbringt. Das Prinzip ist folgendes: Wenn man drei Dinge hintereinander hört, die man innerlich als wahr bestätigen kann, dann ist man dazu geneigt, die nächstfolgende Information ebenfalls zu glauben. Drei wahre Aussagen erzeugen ein Gefühl von Kohärenz und Vertrauen, was zu innerer Zustimmung und einem positiven Gefühl führt. Durch das Erleben kognitiver Leichtigkeit, „schaltet das Gehirn auf Empfangsmodus“. Ein Beispiel dafür könnte so aussehen: Ein aufgebrachter Kunde richtet sich mit einer Beschwerde an Sie, weil das Geschäft nicht so gelaufen ist, wie er sich das gewünscht hat. Anstatt dem Kunden reflexartig mit Gegenargumenten zu begegnen, bedeutet die Etablierung des Yes-Set, dass man zunächst drei Dinge anspricht, die die Erlebniswelt des Kunden widerspiegeln. Dies könnte etwa so lauten: (1) „Sie sind offenbar enttäuscht, wie das Geschäft verlaufen ist, (2) das verstehe ich, denn ich denke, Sie haben sich erhofft, dass ... (dieses oder jenes) eintritt (3) und wünschen sich, dass es jetzt zu einem guten Ende kommt.“ Nach diesen drei Spiegelungen kommt nun die Botschaft: „Wir werden eine Lösung finden. Ich habe mir folgendes überlegt...“ Durch ein Bestätigen der Erlebniswelt des Gegenübers, lässt sich dessen Gehirn auf Empfangsmodus bahnen und er öffnet sich für Ihre Botschaft. Behauptet man andererseits im ungünstigsten Falle Dinge, die das Erleben des Gegenübers nicht spiegeln und von diesem anders empfunden werden, sinkt die Bereitschaft, nachfolgende Informationen zu akzeptieren, was häufig zu vermeidbaren Konflikten in der Kommunikation führt. Betrachtet man solche Effekte in der Sprachwahl genauer, lässt sich erkennen, dass letztlich alles was im Rahmen von Kommunikation gesagt wird, die Denkoperationen der Beteiligten IMMER in eine bestimmte Richtung bahnt. Wenn man dies verinnerlicht und professionell auf seine Wortwahl achtet, kann man erstaunliche Möglichkeiten von Bahnungseffekten in der Kommunikation erleben. 4. Bahnung für die Gesundheit - der Körper folgt dem Geist ​ Ganz allgemein lässt sich Bahnung als ein Prozess verstehen, bei dem bestimmte Assoziationsketten im Gehirn in Gang gebracht werden, die in konsekutive Denkoperationen münden. Die Auswirkungen dieser kognitiven Prozesse bleiben allerdings nicht auf die Gedankenwelt beschränkt, sondern können direkte Reaktionen des Körpers und somit Veränderungen der Körperphysiologie zur Folge haben. Das Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie hat mittlerweile belegt, dass sich durch das bewusste Erzeugen mentaler Bilder autonome Körperfunktionen beeinflussen lassen, die sich normalerweise der willentlichen Beeinflussung entziehen. ​ 4.1 Innere Bilder aktivieren innere Organe Die allermeisten Organfunktionen werden vom autonomen Nervensystem (ANS) gesteuert und dieses entzieht sich prinzipiell der willkürlichen Kontrolle. Während das willkürliche Nervensystem die Muskulatur des Rumpfes und der Extremitäten steuert und dabei der willentlichen Kontrolle unterliegt, reguliert das ANS scheinbar unbeeinflussbar und unwillkürlich die Funktionen der inneren Organe. Das ANS ist mit der Aufgabe betraut, den Körper immer an die jeweilige Situation anzupassen, in der er sich gerade befindet. Der Körper muss bekanntlich sehr unterschiedliche Dinge leisten, je nachdem ob man gerade eine Runde joggen geht, oder bei einem ausgedehnten Abendessen sitzt. Um sowohl den Blutdruck, die Herz- und Atemfrequenz, die Aktivität der Verdauungsorgane und der Schweißdrüsen, aber auch die Funktionen des Immunsystems ständig an die gegebenen Situationen anzupassen, besteht das ANS aus den zwei bekannten funktionellen Gegenspielern – dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Auch wenn deren Nervenfasern nicht direkt der willentlichen Ansteuerung unterworfen sind, so reagieren sie doch sehr sensibel auf innere, also mentale Bilder und lassen sich dadurch auch bewusst ansteuern. Sie haben bereits selbst die Erfahrung gemacht, dass Sie Ihre Bauchspeicheldrüse oder die Schweiß- und Speicheldrüsen nicht auf Befehl aktivieren können. Über das Erzeugen mentaler Bilder ist dies jedoch möglich. Um es selbst zu erleben, machen Sie hierfür folgende Übung, um sich von der Wirksamkeit innerer Bilder und deren Wirkung auf autonome Zellfunktionen selbst zu überzeugen: 4.2 Die Zitronenübung Schließen Sie für einen Moment Ihre Augen und stellen Sie sich vor, dass Sie eine große, saftig-gelbe Zitrone in einer Ihrer Hände halten. Spüren Sie in die Vorstellung hinein, wie schwer diese Zitrone wiegt, wenn Sie Ihre Hand ganz locker nach oben und nach unten schwenken. Spüren Sie nach, wie sich diese glatte Oberfläche anfühlen würde und welche Temperatur sie hat. Führen Sie jetzt die Zitrone zu Ihrer Nase und riechen Sie daran. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie würden in Ihre Küche gehen und diese Zitrone auf ein Schneidbrett legen. Schneiden Sie jetzt mit einem scharfen Küchenmesser die Zitrone in zwei Hälften. Vielleicht können Sie wahrnehmen, wie etwas von dem säurigen Zitronensaft aus den Schnittflächen herausspritzt und auf das Schneidbrett läuft. Jetzt führen Sie beide Hälften mit den feuchten Schnittflächen noch einmal an Ihre Nase und riechen Sie diesen noch viel intensiveren Geruch der Zitronensäure. Jetzt schließen Sie in der Vorstellung Ihre Augen, öffnen Sie den Mund und pressen den gesamten Inhalt beider Hälften in Ihren Mund. Spüren Sie diesen sauren Geschmack und wie sich Ihre Gesichtsmuskulatur vor lauter Säure zu einer Grimmasse verzieht. Konnten Sie spüren, wie es im Bereich der Speicheldrüsen begonnen hat zu kribbeln, beziehungsweise Speichel begonnen hat zu fließen? Wenn solch ein mentales „Bild“ mit allen Sinnen im Geiste erzeugt wird, erleben die meisten Menschen eine deutliche Körperreaktion in Form von Speichelproduktion. Dieses Beispiel ist sehr plakativ und innerlich relativ leicht umsetzbar. Doch auf die gleiche Weise, nämlich durch das Generieren innerer Bilder, lassen sich deutlich mehr Organfunktionen beeinflussen, als allgemein bekannt. Auch wenn die exakten Mechanismen nicht geklärt sind, wie genau der Körper innere Bilder in Zellfunktionen übersetzt, so möchte ich im Folgenden ein Erklärungsmodell ins Feld führen, das als nachvollziehbare Arbeitshypothese dienen soll. Das Gehirn empfängt über die Sinnesorgane stets sämtliche Informationen darüber, was gerade in der dreidimensionalen Realität erlebt wird und zeichnet über die neuronale Verarbeitung ein neurologisches Abbild der gemachten äußeren Erfahrung. Zusätzlich werden die inneren kognitiven und emotionalen Reaktionen darauf verarbeitet. All diese Informationen werden einerseits auf neuronalem Weg über elektrische Impulse und andererseits auf humoralem Weg über das Hormonsystem an die Körperzellen verschiedenster Organsysteme weitergeleitet. Diese Körperzellen reagieren mit entsprechenden Zellfunktionen, um sich an das Erlebte zu adaptieren. Vereinfacht lässt sich sagen, dass der Körper in jeder Sekunde des Lebens abgleicht, ob er an die gerade erlebte Situation angepasst ist oder nicht. Und wenn seine physiologische Funktionsweise nicht den aktuellen Anforderungen entspricht, beginnt er sich anzupassen. Würde er dies nicht tun, würde der Organismus nicht sehr lange überleben. Ein paar Beispiele verdeutlichen dies am besten. Stellen Sie sich vor, Sie begeben sich auf eine Bergtour ins Hochgebirge. Registriert Ihr Körper dabei, dass der Sauerstoffpartialdruck im Blut abfällt, dann beginnen die Nieren vermehrt Erythropoetin zu produzieren, also jenen Botenstoff, der das Knochenmark zur vermehrten Bildung von roten Blutkörperchen anregt, um mehr Sauerstoff transportieren zu können und den aktuellen Sauerstoffbedarf zu decken. Wieder anders verhält sich der Körper, wenn Sie beispielsweise eine Speise zubereiten und gerade Zwiebel in Ihrer Bratpfanne anrösten. Dieser Vorgang wird von Ihren Sinnesorganen an das Gehirn weitergeleitet und Sie riechen den Duft der Zwiebeln und hören das Brutzeln in der Pfanne, während Ihre Gedanken schon um das bevorstehende Mahl kreisen. Zu diesem Zeitpunkt beginnt oft der Magen zu knurren, da er vermehrt Magensäure produziert und die Peristaltik anwirft. Gleichzeitig beginnen Verdauungssäfte in der Bauchspeicheldrüse zu fließen, sodass die Verdauung des Speisebreies augenblicklich beginnen kann, sobald Sie den ersten Bissen machen. Ohne diese Anpassungsreaktion würde der Speisebrei unverdaut in den Dickdarm weiterbefördert werden und dort zu Blähungen und Durchfall führen. Der Körper reagiert also stets auf die Anforderungen des gegenwärtigen Moments und passt seine Zellfunktionen daran an. Der Mensch hat nun die erstaunliche Fähigkeit durch seine Vorstellungskraft, innere Bilder so real werden zu lassen, dass der Körper nicht zwischen Realität und Vorstellung unterscheiden kann. Wenn man die Augen schließt, den Blick nach innen wendet und sich ein Erlebnis mit allen Sinnen vorstellt, dann wird eine innere Erfahrung erzeugt, die messbare Veränderungen der Körperphysiologie, im Sinne einer Anpassungsreaktion zur Folge hat. Aus meiner Erfahrung mit medizinischer Hypnose kann ich berichten, dass sich viele autonome Körperfunktionen auf diese Weise beeinflussen lassen. Wissenschaftlich sehr gut erforscht ist die Beeinflussbarkeit des Verdauungssystems durch die Bauchgerichtete Hypnosetherapie. Gerade bei Menschen mit Reizdarmsyndrom, die an Symptomen wie unregelmäßigem Stuhlgang, Bauchschmerzen, Blähungen und teilweise akut einsetzenden Durchfallattacken leiden, wurden nachweislich deutliche Verbesserungen der Darmfunktionen nachgewiesen. Die in Studien untersuchten Patienten erhielten eine dreimonatige Bauchhypnose-Therapie mit acht bis zwölf, wöchentlich stattfindenden Sitzungen. Während der Sitzungen lernen die Patienten, in einen entspannten Trance-Zustand zu gehen und innere Bilder in sich entstehen zu lassen, die sich direkt auf die Darmtätigkeit auswirken. Neurowissenschaftliche Untersuchungen mittels fMRI konnten dabei zeigen, dass die beim Reizdarmsyndrom bestehende Hypersensibilität der Nervenfasern im Bereich der Darmschleimhaut und die damit einhergehende erhöhte Aktivität der Schmerzzentren durch die Hypnose deutlich reduziert wurden. Aber auch die Stuhlkonsistenz- und Stuhlfrequenz normalisiert sich in den meisten Fällen. Um spezifische Körperfunktionen beeinflussen zu können, spielt einerseits die passende Wahl der inneren Bilder eine entscheidende Rolle, andererseits auch die, auf die Veränderung der betreffenden Funktionen ausgerichteten Suggestionen. So wie das Bild einer Zitrone die Speicheldrüsen aktiviert, dienen wieder andere Bilder dazu, etwa den Blutdruck zu modulieren. Auch die Häufigkeit von Migräneanfallen lässt sich durch die regelmäßige Anwendung von Selbsthypnose durch Autosuggestion verringern. Eine besonders effektive und schnell wirksame Methode den Parasympathikus zu aktivieren und einen generellen Entspannungszustand zu erreichen, ist eine spezielle Atemtechnik, bei der man gleichmäßig und ruhig fünf Sekunden lang ein und fünf Sekunden lang ausatmet. Wenn man gleichzeitig zu diesem verlangsamten Atemzyklus ein emotional positiv besetztes Bild im Geiste erzeugt, lassen sich nachweislich Stress reduzierende Effekte im Körper erzeugen und der Blutdruck senken. Diese Übung lässt sich leicht erlernen und ist im Alltag überall und jederzeit umsetzbar. Sie ist im Coaching wunderbar geeignet, um Klienten eine wirkungsvolle Stressreduktionstechnik anzubieten und sowohl den Blutdruck, als auch die Herzfrequenz zu reduzieren. Machen Sie hierfür folgende Übung: 4.3 Atemübung zur Stressreduktion Setzen Sie sich aufrecht hin und schließen Sie Ihre Augen oder lassen Sie Ihren Blick ins Leere gleiten. Richten Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Atmung und lassen Sie diese etwas ruhiger und tiefer werden. Atmen Sie etwa fünf Sekunden lang ein und fünf Sekunden lang aus. Sie können auch ein bisschen länger ausatmen, als Sie einatmen. Achten Sie darauf, dass die Atmung ohne Anstrengung fließt und Sie über die gesamte Länge der Ein­ und Ausatmung den gleichen Atemfluss aufrechterhalten. Nehmen Sie ganz bewusst wahr, wie Ein­ und Ausatmung am Wendepunkt ineinander übergehen, und achten Sie darauf, keine Atempause zu machen, sodass ein kontinuierlicher Kreislauf entsteht. Machen Sie das einige Atemzüge oder ein paar Minuten lang, bis Sie spüren, dass Ihr Geist ruhiger wird. Wenn das der Fall ist, denken Sie an etwas, das Ihnen ein schönes und warmes Herzensgefühl vermittelt. Dies kann ein geliebter Mensch sein, zu dem Sie eine besondere Herzensbindung haben, aber auch ein schöner Ort oder ein Haustier, das Ihnen lieb geworden ist. Was immer es ist, es soll eine deutlich spürbare und schöne Emotion in Ihnen auslösen. Wenn sich dieses Gefühl einstellt, dann atmen Sie es in Ihrer Vorstellung durch Ihre Herzgegend oder Ihren Bauchraum ein und aus. Lassen Sie dieses Gefühl wie ein Licht oder eine schöne Farbe sich mehr und mehr in Ihrem Körper ausbreiten. Wenn wir im Alltag unseren Routinetätigkeiten nachgehen, läuft die Atmung meist unregelmäßig und nach einem ungeordneten Muster. Der Herzrhythmus geht dabei seine eigenen Wege und auch der Blutdruck sowie andere oszillierende Systeme wie die Hormonzyklen arbeiten in ihrem eigenen Takt. Diesen Zustand bezeichnet man als Inkohärenz, da die unterschiedlichen Körperrhythmen nicht untereinander koordiniert arbeiten. Durch die oben beschriebene Atemübung wechselt der Körper in den regenerierenden Zustand der Kohärenz, in welchem sich verschiedene biologische Rhythmen aufeinander einschwingen. Während dieser Atemübung lehnt sich der Herzschlag an den Atemrhythmus an und die beiden beginnen, in einem geordne-ten Verhältnis zueinander zu arbeiten. In der Medizin nennt man diese Koppelung von Herzschlag und Atemrhythmus die „respiratorische Sinusarrhythmie“. Sie tritt sonst nur in den Tiefschlafphasen auf, also jenen Momenten, in denen der Körper maximal regeneriert. Geschieht diese Phasenkoppelung in einem Atemzyklus von zehn Sekunden, indem wir fünf Sekunden lang ein- und fünf Sekunden lang ausatmen, beginnt auch der Blutdruck, sich in einem geordneten Verhältnis zum Atem- und Herzrhythmus anzupassen. Schwingen sich all diese Systeme im Körper aufeinander ein, bezeichnet man dies als Kohärenz. Die folgende Abbildung zeigt diesen eindrucksvollen Effekt. Man sieht, wie Herzschlag, Blutdruck und Atmung zunächst in unterschiedlichen Rhythmen und Frequenzen arbeiten. Die vertikal gestrichelte Linie zeigt den Beginn der Atmung im Fünf-Sekunden-Rhythmus an, welche augenblicklich die drei Systeme synchronisiert. (Quelle: Buch „Denke, was dein Herz fühlt“ – Wolf-Dieter Nagl. Grafik zur Verfügung gestellt vom HeartMath Institut) Wenn der Körper in diesen kohärenten Zustand übergeht, kommt es zu einer ausgeprägten Regeneration des Körper-Geist-Systems, die sich in dem optimalen Gasaustausch in den Lungen und der Senkung des Blutdrucks, aber auch der Beruhigung der Gedanken widerspiegelt. Mit der ruhigen Atmung in dieser speziellen Frequenz werden die Körperrhythmen harmonisiert und der Parasympathikus bei jedem Ausatmen aktiviert. 4.4 Der Geist als Fitnesstrainer Es können aber nicht nur autonome Organfunktionen über innere Bilder beeinflusst werden. Es hat sich gezeigt, dass sich sogar Bewegungsabläufe wie Klavierspielen ausschließlich im Geiste erlernen lassen und das Gehirn nur durch mental eingeübte Fingerübungen entsprechende Netzwerke und Synapsen im Gehirn ausbildet. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang etwa die Studie von Pascual-Leone, bei der Probanden zwei Stunden täglich über fünf Tage lang eine bestimmte Tonfolge am Klavier spielen mussten. Diese Übung umfasste alle fünf Finger und wurde nur mit einer Hand durchgeführt. Die eine Gruppe wurde angeleitet, die Fingerübung tatsächlich, also physisch am Klavier zu spielen, während die andere Gruppe sie lediglich im Geiste durchexerzierte, ohne dabei einen einzigen Finger zu bewegen. Dabei wurde mittels transkranieller Magnet-Stimulations- und Kartierungstechnik die Aktivität jener motorischen Cortexareale untersucht, welche die Beuge- und Streckmuskeln der betreffenden Finger aktivieren. Den Probanden wurde eine Kontrollgruppe gegenübergestellt, die keinerlei Fingerübungen durchführten und deren motorische Cortexareale ebenfalls vor und nach den fünf Tagen vermessen wurden. Die Studie ergab, dass es in beiden Gruppen, also in der mentalen wie auch in der physischen, zur gleichen Größenzunahme jener kortikalen Regionen kam, welche die betreffenden Muskelgruppen repräsentierten. Erstaunlicher Weise führte in der Mentalgruppe allein die Vorstellung der Fingerübung, also das Durchspielen der Tonfolge im Geiste, zu einer deutlichen Verbesserung der Spieltechnik, wenn auch etwas geringer als in der Gruppe jener, die physisch geübt hatten. Erlaubte man der mentalen Trainingsgruppe am Ende der Studie noch zwei Stunden lang auch noch physisch ihre Fingerübungen zu machen, zeigten sie schließlich sogar die gleiche Fingerfertigkeit und Fehlerquote beim Spielen der Tonfolge wie die physische Gruppe. Es gelang ihnen also sehr erfolgreich, ihr Gehirn entsprechend auf die bevorstehende Aufgabe zu bahnen. Diese Ergebnisse sind nicht nur von akademischem Interesse, denn sie können auch bewusst für körperliche Heilungsprozesse eingesetzt werden. In einer 2014 veröffentlichten Studie wurde 18 gesunden Männern zwischen 20 und 30 Jahren für drei Wochen lang ein zirkulärer Unterarmgips angelegt, um die Versorgung einer Unterarmfraktur zu simulieren, die normalerweise mit Muskelschwund und entsprechenden Bewegungseinschränkungen des Handgelenks einhergeht. Es wurden zwei gleichgroße Gruppen zu jeweils neun Probanden gebildet – eine mentale Trainingsgruppe und eine Kontrollgruppe. Die Mentalgruppe erhielt ein 60-minütiges Training, wo sie lernten, sich sämtliche Bewegungen und die damit einhergehenden Empfindungen der nicht eingegipsten Hand einzuprägen und diese dann mental mit der eingegipsten Hand im Geiste durchzuführen. Danach wurden sie aufgefordert, diese Bewegungen täglich für 15 Minuten lang mental zu trainieren, ohne die Muskeln tatsächlich zu bewegen. Die Kontrollgruppe erhielt keine Anweisung. Getestet wurde der Bewegungsumfang des Handgelenks mittels Goniometer vor und nach den drei Wochen Gipsversorgung. Das Ergebnis war, dass nach Gipsabnahme am Ende der Studie die Mentalgruppe eine signifikant geringere Bewegungseinschränkung zeigte als die Kontrollgruppe. Es wird vermutet, dass durch das mentale Training die neuronale Repräsentation der motorischen Abläufe nicht verloren ging. Laut den Studienleitern dürften hier auch die Basalganglien, die unter mentalem Training weiter angesteuert werden eine zentrale Rolle spielen. Noch erstaunlicher war das Ergebnis einer Studie mit 30 Personen, bei der Probanden über zwölf Wochen lang, täglich für Minuten den abduzierenden (spreizenden) Muskel ihres kleinen Fingers trainieren mussten. Auch hier wurde sowohl eine physische als auch eine mentale Trainingsgruppe gebildet und mit einer Kontrollgruppe, die keinerlei Training absolvierte, verglichen. Gemessen wurde die Muskelkraft zu Beginn und am Ende der Studie. Hierbei kam es in der körperlichen Trainingsgruppe zu einem Kräftezuwachs von 53,2% des betreffenden Muskels, was ein durchaus erwartbarer Effekt war. Überraschend war das Ergebnis der Imaginationsgruppe, die ebenfalls einen deutlichen Kraftzuwachs zu verzeichnen hatten, und zwar von 35% - nur durch Vorstellungskraft. Mittels Magnetresonanztomographie wurde die Muskelmasse des Kleinfingerabduktors überprüft, die bei der physischen Gruppe um 8% zunahm, während sie in der Mental- und Kontrollgruppe unverändert blieb. Das geistige Muskeltraining führte somit zwar nicht zu einer Größenzunahme des Muskels, aber immerhin zu einer deutlichen Zunahme der Muskelkraft. EEG-Messungen, deren Elektroden direkt oberhalb des kontralateralen, supplementär motorischen Cortex angebracht wurden, zeigten, dass es sowohl in der physischen wie auch in der mentalen Gruppe zu einer deutlichen Steigerung der Potentialaktivitäten kam. Dieser Befund legt nahe, dass der Kräftezuwachs in der Mentalgruppe durch neuronale Adaptationsprozesse generiert wurde. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Arbeit mit inneren Bildern und der bewusste Einsatz der Vorstellungskraft messbare Spuren in der Körperphysiologie hinterlässt und positive Effekte auf die Gesundheit erzeugen kann. Sehen wir uns nun, wie die geistige Ausrichtung auch hilft, gewünschte Lebensziele leichter zu erreichen. ​ 5. Die Bahnung des Gehirns auf eine erwünschte Zukunft Wohin auch immer der Mensch seine Aufmerksamkeit richtet, sie bestimmt sein Leben – und zwar in die positive wie in die negative Richtung. Die Aufmerksamkeit folgt einem einfachen Prinzip: Sie vermehrt und verstärkt, worauf man sie richtet. Aus diesem Grund ist es hilfreich, den Fokus regelmäßig auf die Innenwelt zu lenken und zu überprüfen, womit man sich jeden Tag mental beschäftigt. Häufig werden im Geiste Worst-Case-Szenarien generiert und viele Menschen beschäftigen sich hauptsächlich mit den Dingen, die sie nicht wollen und abzuwehren versuchen. Erfolgsversprechender ist es allerdings, die wünschenswerten Erfahrungen und Handlungsweisen im Geiste durchzuspielen und die damit assoziierten Netzwerke im Gehirn vermehrt zu aktivieren. Solch eine Geisteshaltung muss allerdings aktiv trainiert werden und vollzieht sich nicht automatisch, da das Gehirn aus evolutionären Gründen eine Negativitätstendenz aufweist. Das bedeutet, dass das Gehirn die natürliche Neigung hat, negative oder bedrohliche Szenarien vermehrt in den Fokus zu nehmen, um durch entsprechendes Gewahrsein möglichen Gefahren zu entgehen. Zu Beginn des Skriptums wurde bereits auf den Priming-Effekt eingegangen, der veranschaulicht, wie Gedankenprozesse sowohl die subjektive Wahrnehmung, als auch die Bewertung der Realität beeinflussen. Durch mentales Training lässt sich dieser Effekt bewusst einsetzen, um das Gehirn auf eine gewünschte Zukunft „vorzubahnen“. Im Geiste eintrainierte Denkoperationen können somit die eigene Wahrnehmung verändern. Ein Beispiel hierfür ist das oben beschriebene Kultivieren einer mitfühlenden Haltung gegenüber seinen Mitmenschen, was zu einer veränderten Wahrnehmung und Bewertung derselben führt. Durch Imagination mit allen Sinnen lassen sich im Geiste aber auch lebhafte „Erfahrungen“ generieren, die zu neuronalen Verknüpfungen führen und neurologische Bahnen legen, die sich im Alltag als konkrete Handlungen abrufen lassen. Sehen wir uns nun an, wie sich das Gehirn konkret auf gewünschte Ereignisse und Lebensumstände bahnen lässt, um das Leben und die Zukunft von innen heraus zu gestalten. 5.1 Den inneren Kompass ausrichten Ob es einem bewusst ist oder nicht: Das Unterbewusstsein hat beim morgendlichen Erwachen bereits ein vages Bild und eine betreffende Einstellung zu dem, vor uns liegenden Tag und diese wirkt sich auf den Verlauf des Tagesgeschehens aus. Wenige Menschen wählen diese Einstellung bewusst. Sie ist somit dem Zufall unterworfen, je nachdem, mit welchem emotionalen Bein man aufsteht. In der Folge wirkt auch der Verlauf des Tages häufig wie eine unwillkürliche Abfolge zufälliger Ereignisse, denen man als Reakteur hinterherläuft, anstatt ihnen als Akteur gestaltend vorauszugehen. Es ist ähnlich wie mit dem Lautstärkeregler einer Stereoanlage. Dieser ist immer auf irgendeine Position eingestellt, ob die Anlage nun läuft oder nicht. So haben auch wir stets eine innere Einstellung zum bevorstehenden Tag, ob bewusst oder unbewusst. Wenn wir diese Einstellung aktiv wählen, in dem wir sie vor Tagesbeginn im Geiste kultivieren, dann können wir sowohl auf das innere Erleben als auch auf den Verlauf des Tages Einfluss nehmen. Die Imaginationskraft des Gehirns ermöglicht es, im Geiste Erfahrungen zu machen und Verhaltensweisen einzuüben, die sich später im Alltagsgeschehen abrufen lassen. Letztlich ist dies nichts anderes als gelebte Neurophysiologie. Denn wir können nur ein Verhalten an den Tag legen, für das es im Gehirn ein entsprechendes Netzwerk gibt. Diese neuronalen Netzwerke bilden sich bekanntlich durch Erfahrungen. Diese lassen sich auch im Geiste machen, denn für das Gehirn macht es nur einen graduellen Unterschied, ob wir Erfahrungen tatsächlich machen oder sie uns nur im Geiste vorstellen. So kann man durch mentales Training sowohl das emotionale Befinden als auch die Qualität der Gedanken sowie entsprechendes Handeln auf den bevorstehenden Tag einstellen und beispielsweise geplante private oder berufliche Gespräche vorab mental durchgehen. Wenn man morgens eine bewusste Entscheidung trifft, untertags genauso zu agieren, wie man es sich vorgenommen hat, dann wird einen das Unterbewusstsein untertags immer wieder an dieses Vorhaben erinnern. Eine sehr effektive Praxis, das eigene Gehirn auf den bevorstehenden Tag zu bahnen, ist die folgende Übung. Man sollte sich dafür etwa fünf bis zehn Minuten am Morgen oder Abend des bevorstehenden Tages Zeit nehmen: 5.2 Einstellung auf den Tag Schließen Sie für einen Moment Ihre Augen und konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung. Lassen Sie auf diese Weise den Geist zur Ruhe kommen. Lassen Sie vor Ihrer inneren Leinwand nun Ihren bevorstehenden Tag auftauchen. Scannen Sie ihn in seiner zeitlichen Abfolge zunächst im Schnelldurchlauf von morgens bis abends durch. Sie wissen, welche Fixpunkte auf Sie warten. Schauen Sie, ob speziell herausfordernde Situationen auftauchen. Überprüfen Sie, welche emotionalen Knöpfe diese Situationen in der Regel bei Ihnen drücken und wie Sie üblicherweise agieren und reagieren. Jetzt stellen Sie sich vor, wie Sie diese Situation gerne erleben möchten und mit welcher inneren Haltung Sie ihr begegnen wollen. Welche Gedanken möchten Sie dort haben? Welche Gefühle wollen Sie in sich tragen? Wie verhalten Sie sich dann? Spüren Sie hinein, wie es sich anfühlt, wenn Sie diese Situation genauso erleben, wie Sie sie gerne erleben möchten. Wenn Ihnen dies gelingt, dann überprüfen Sie noch einmal, was genau dazu geführt hat, diese Situation jetzt auf diese neue Art zu erleben. Beobachten Sie Ihren eigenen Anteil daran. Gehen Sie jetzt diese Situation so oft durch, bis Sie spüren, dass Sie es wirklich erleben und Sie diese Erfahrung verinnerlicht haben. Nun können Sie denselben Vorgang mit anderen Situationen des Tages wiederholen. Kehren Sie danach wieder langsam in diesen Raum zurück und starten Sie Ihren Tag. Treffen Sie abschließend noch für sich die Entscheidung, diesen inneren Plan heute genauso umzusetzen, wie Sie ihn innerlich erlebt haben. Ein zentraler Punkt bei dieser Praxis ist es, die vorgestellten Situationen mit möglichst vielen Sinnen zu durchleben und die damit einhergehende Emotion tatsächlich zu fühlen. Das bloße visuelle Imaginieren reicht nicht aus, um einen nachhaltigen Effekt zu erzeugen. Erst, wenn sich eine betreffende Emotion einstellt, die uns im Sinne eines Biofeedbacks signalisiert, dass dieses mentale Erleben auch im Körper als Erfahrung angekommen ist, kann man davon ausgehen, dass diese Visualisierung als innere Erfahrung abgespeichert wurde. 5.3 Mind over matter? - Wie mächtig ist der Geist? Spannend ist in diesem Zusammenhang, inwieweit mentale Ausrichtung und geistige Fokussierung auch einen Effekt bei der Umsetzung von Lebenszielen erzeugen kann, die nicht ausschließlich vom eigenen Handeln abhängen, also das sogenannte „Manifestieren“ materieller Ziele miteinschließen. Die folgende Betrachtung lässt sich naturgemäß nicht in neurowissenschaftliche Erklärungsmodelle gießen, sondern hat mehr theoretischen und erfahrungsbasierten Charakter, ohne dadurch seine praktische Relevanz im Coaching zu verlieren. Denn die regelmäßigen Erfolgsgeschichten von Menschen, die mit Visionboards arbeiten sind nicht von der Hand zu weisen, weshalb diese auch zu einem weit verbreiteten Coaching-Tool geworden sind. Daher möchte ich diese Technik, die in den Rahmen der mentalen Ausrichtung und Bahnung des eigenen Gehirns sehr gut passt, hier näher beleuchten und eine vertiefende Betrachtung anbieten. Aus meiner Sicht ist es auch hier so, dass reine Visualisierungen nicht denselben Effekt erzeugen, wie wenn die angestrebten Ziele innerlich mit mehreren Sinneskanälen „erlebt“ werden. In den vielen Jahren der Beschäftigung mit diesem Thema und der praktischen Anwendung mentaler Fokussierung haben sich für mich zwei zentrale Elemente der Aufmerksamkeit herauskristallisiert, die wesentlich sein dürften, damit geistige Ausrichtung von Erfolg gekrönt ist. Das Geheimnis besteht darin, ein ideales Gleichgewicht zwischen Fokussierung und Defokussierung der Aufmerksamkeit zu etablieren, sowie eine ausgewogene Balance zwischen dem Setzen eines Impulses und dem Loslassen desselben. Dies betrifft sowohl die Wirkung imaginativer Techniken auf physiologische Prozesse, sprich Organfunktionen, als auch das Erreichen von Lebenszielen. Wenn wir die Elemente der Fokussierung (Ausrichten auf ein Ziel) und der Defokussierung der Aufmerksamkeit (Loslassen des Ziels) in ein Gleichgewicht bringen, lassen sich viele Vorhaben leichter realisieren und dann sind oft erstaunliche Veränderungen möglich. Aus dieser Erkenntnis ist ein Modell für erfolgreiche Visualisierungen entstanden, dessen praktische Anwendung ich hier vorstellen möchte. 5.4 Der Zirkel von Fokussierung und Defokussierung – ein „Schöpfungsakt des Bewusstseins“ Im Zentrum dieses Modells steht wie gesagt das Gleichgewicht von Fokussierung und Defokussierung der Aufmerksamkeit. Aus neurophysiologischer Sicht kann die Aufmerksamkeit einen fixierenden, also konvergenten, auf eine Sache ausgerichteten Fokus-Charakter annehmen oder einen offenen, divergenten, der zwischen vielen Wahrnehmungsobjekten wechselt. Nach den Forschungen von Richard Davidson, einem renommierten Neurowissenschaftler auf dem Gebiet der Meditationsforschung, dürften Teile des parietalen Cortex als eine Art Ruder fungieren, welche die Aufmerksamkeit auf ein jeweiliges Objekt lenken, während der präfrontale Cortex (PFC), und hier vor allem der anteriore cinguläre Cortex (ACC) die Aufmerksamkeit auf diesem Objekt stabilisiert. Ein enger, konvergenter Fokus führt zum Bewusstseinszustand der stabilen Konzentriertheit, während ein divergenter, also offener Fokus im Sinne einer Defokussierung ein Loslassen bedeutet. Wenn wir im Rahmen der Visualisierung diese beiden Elemente der Aufmerksamkeit in abwechselnder Reihenfolge zur Anwendung bringen, dann steht uns ein wirkungsvoller Mechanismus zur Verfügung, um Lebensziele anzusteuern und Lebensumstände auf eine gewünschte Art und Weise zu verändern. Sehen wir uns nun an, wie diese mentale Praxis konkret aussieht. In einem ersten Schritt der Defokussierung richtet man die Aufmerksamkeit nach innen und geht in einen offenen, nicht zielgerichteten Aufmerksamkeitsfokus. In der Meditationsforschung spricht man hierbei von einem offenen Gewahrsein, bei welchem man sämtliche Inhalte, die gerade ins Bewusstsein steigen mit wahrnehmender und annehmender Haltung beobachtet. Dadurch kommen die Gedanken zur Ruhe und Impulse, die aus dem Inneren aufsteigen, werden bewusster. Da die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die äußere Welt gerichtet ist, wird das innere Erleben verstärkt. Nun kann man eine offene Frage an das Unterbewusstsein richten, die in etwa so lautet: „Was wünsche ich mir (bezüglich meines Lebenszieles) wirklich?“. Durch den offenen Fokus tauchen oft auch überraschende Antworten aus dem Unterbewusstsein auf, die uns die wahren Wünsche und Vorstellungen des betreffenden Ziels offenbaren. Wenn diese Wünsche klar, sprich bewusst geworden sind, folgt nun der zweite Schritt – die Fokussierung. Im zweiten Schritt geht es darum, die Aufmerksamkeit auf das erwünschte Ziel auszurichten, zu bündeln und sich mit allen Sinnen vorzustellen, wie es sich anfühlt, dieses bereits zu erleben. Auch hier ist die Einbeziehung von so vielen Sinneskanälen wie möglich von Bedeutung, um eine plastische innere Erfahrung zu erzeugen. Dieser Visualisierungsschritt bedarf einer klaren und konzentrierten Ausrichtung und einer stabilen Konzentration, die sich beispielsweise durch Achtsamkeitsmeditation trainieren lässt. Dieser Schritt der konkreten Visualisierung sollte so lange dauern, bis sich ein Gefühl von Freude oder Dankbarkeit einstellt. Das Aufkommen solch eines Gefühls signalisiert wie oben beschrieben als Feedback des Körpers, dass diese Erfahrung verinnerlicht wurde. Nehmen wir als Beispiel für die praktische Umsetzung eines solchen Visualisierungsschrittes den Wunsch nach Veränderung Ihrer Wohnsituation und das Manifestieren Ihrer Traumwohnung. Gehen Sie etwa so vor: 5.5 Fokussierung auf das erwünschte Ziel Stellen Sie sich Ihren gewünschten Wohnraum mit allen möglichen Details vor. Nutzen Sie hierfür alle Sinneskanäle, um in das spürbare Erleben zu kommen, wie es sich anfühlt, dort bereits zu wohnen. Wie groß sind die Räume, die Sie umgeben? Welche Atmosphäre und Temperatur können Sie dort spüren? Welche Geräusche können Sie wahrnehmen und wie fühlt sich der Boden unter Ihren Füßen an? Wie groß sind die Rahmen Ihrer Fenster und wie hell das Licht, das durch sie hereinstrahlt? Was gedenken Sie in den unterschiedlichen Räumen zu tun? Nehmen Sie sich einen Moment, um auch diese Handlungen im Geiste ganz genau durchzuspielen. Bauen Sie eine Art Beziehung zu diesen Räumen auf und verleihen Sie ihnen spürbares Leben, indem Sie sie auf Ihre gewünschte Art und Weise einrichten. Gehen Sie in die Vorstellung hinein, wie es dort riecht und welches Wohlgefühl Sie dort erleben. Danach folgt der letzte Schritt. Dieser besteht wiederum in einer Defokussierung der Aufmerksamkeit, bei der es darum geht, in einem Gefühl des Vertrauens, die imaginierte Vision vollständig loszulassen und nicht mehr daran zu denken. Dabei hilft die Vorstellung, wie bei einem E-Mail auf „absenden“ zu drücken und sie somit vollständig loszulassen. Diesen letzten Schritt betrachte ich aus zweierlei Hinsicht als sehr bedeutsam. Zum einen wird dadurch das Unterbewusstsein auf die Reise geschickt, eine Lösung für das Erreichen des Zieles auszuarbeiten, was häufig zu unerwarteten und oft viel kreativeren Ansätzen führt, als dies der bewusst denkende Verstand sich auszumalen vermag. Dies zeigt sich häufig im Auftreten von sogenannten Geistesblitzen, die umso leichter entstehen, je mehr Offenheit, sprich entspannte Defokussierung im Geiste vorherrscht. Zum anderen öffnet sich durch den „Akt“ des Loslassens die Wahrnehmung für Möglichkeiten, an die erst gar nicht gedacht wurde. Genau an diesem Punkt wird die Limitation von üblichen Visualisierungstechniken offenkundig. Wir Menschen können uns bekanntlich nur Dinge vorstellen, die wir bereits kennen, beziehungsweise lassen sich lediglich Kombinationen von Komponenten einst gemachter Erfahrungen im Geiste zusammensetzen. So können wir uns ein goldenes Pferd mit Flügeln vorstellen, da wir die einzelnen Elemente dieser Vorstellung bereits kennen. Erfahrungen, die allerdings noch nie erlebt wurden, können somit nicht visualisiert werden. Um sich also für Erfahrungen zu öffnen, die gänzlich neuen Charakter besitzen, ist es sinnvoll, den Geist nicht zu stark zu fokussieren und in einem offenen Gewahrsein zu verbleiben. Denn im Zustand der Überfokussierung neigen wir dazu, neuartige Optionen links und rechts des Wegesrandes zu übersehen, da die ausgeprägte Ausrichtung auf ein erdachtes Ziel den Wahrnehmungshorizont verkleinert und beschränkt. Zusammenfassend sind es diese beiden Elemente der Aufmerksamkeit und mentaler Ausrichtung auf erwünschte Lebensumstände, die mir in den Jahren der Anwendung mentaler Fokussierung als zentral erscheinen. Persönlich als auch im Coaching-Setting mit Klienten hat sich diese Form der Visualisierung als sehr hilfreich und wirkungsvoll gezeigt. Nicht nur betreffend die Lebensthemen in der Coaching-Arbeit mit Klienten, sondern auch in der Arbeit mit Patienten im Gesundheitsbereich hat sich eine Balance zwischen Fokussierung und Defokussierung als entscheidend erwiesen. Auch in der Hypnosearbeit, die die Veränderung sowohl psychischer als auch körperlicher Symptome zum Ziel hat, scheint eine klare Ausrichtung des Geistes genauso entscheidend zu sein, wie ein loslassendes Vertrauen in das Erreichen des erwünschten Zieles. Wenn beispielsweise Patienten mit zu starker Fokussierung beziehungsweise Willenskraft an ihr Ziel herangehen, ein psychisches oder körperliches Leiden zu lindern, wird das Veränderungspotenzial des Unterbewusstseins meist begrenzt und die Folge ist eine zu verkrampfte innere Haltung. Andererseits führen ein mangelndes Zielbewusstsein und eine zu schwache Fokussierung dazu, dass Ziele nicht mit dem nötigen Nachdruck verfolgt werden. Das erfolgreiche Umsetzen eines Ziels braucht daher ein gutes Gleichgewicht aus dem Setzen und Loslassen eines Impulses. Dies betrifft sowohl die mentale Ausrichtung im Inneren, als auch das Handeln im Außen. Als Coach und Berater betrachte ich es als wesentliche Aufgabe, die Klienten einerseits im Prozess der Bewusstmachung erwünschter Ziele zu unterstützen, andererseits auf das Vermei-den einer Überfokussierung der Klienten zu achten und hierfür Techniken zu vermitteln, den Geist sowohl zu fokussieren, als auch wieder zu entspannen. Dann sind oftmals Veränderungen möglich, die sowohl Coaches als auch Klienten überraschen. Literatur- und Quellenverzeichnis ​ C., Lamm. Meta-analytic evidence for common and distinct neural networks associated with directly experienced pain and empathy for pain. NeuroImage. 2011, Bd. 54(3), S. 2492–2502. O., Klimecki. Empathic distress fatigue rather than compassion fatigue? 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  • Lernen im Schlaf - Traum oder Wirklichkeit?

    Das Erlernen neuer Informationen im Schlaf war bis vor wenigen Jahren ausschließlich Charakteren in Science-Fiction Romanen vorbehalten. Neueste Befunde aus der Schlafforschung zeigen nun auf, dass, unter bestimmten Voraussetzungen, tatsächlich komplett neue Gedächtnisspuren im Schlaf experimentell aufgebaut werden können. Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort 2. Definition von Schlaf 3. Schlaf messen und klassifizieren 4. Warum schlafen wir? 5. Gedächtniskonsolidierung 6. Manipulation der Gedächtniskonsolidierung im Schlaf 7. Hypnopädie - Traum oder Wirklichkeit Literatur- und Quellenverzeichnis Lernen im Schlaf​ Traum oder Wirklichkeit ​ 1. Vorwort ​ Es ist seit langem bekannt, dass Schlaf einen positiven Effekt auf unser Gedächtnis hat. Während wir schlafen werden neue Gedächtnisinhalte vor interferierenden Einflüssen geschützt und mittels einer Kaskade an schlafspezifischen Prozessen konsolidiert. Nach mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnten intensiver Bemühungen im Bereich der Schlaf und Gedächtnisforschung, hat man heute eine relativ konkrete Vorstellung wie Gedächtniskonsolidierung im Schlaf stattfindet. Laut einer gängigen Hypothese werden im Schlaf neu eingespeicherte Informationen immer und immer wieder reaktiviert um in der Folge sukzessive in bereits bestehende und stabile Gedächtnisnetzwerke transferiert und integriert zu werden. Seit einigen Jahren ist zudem bekannt, dass man eben diesen Kernprozess der Gedächtnisreaktivierung und somit schlafassoziierte Gedächtniskonsolidierung mittels der experimentellen Darbietung von sog. Kontextreizen im Tiefschlaf experimentell anstoßen kann. Eine Methodik die unter dem Begriff der gezielten Gedächtnisreaktivierung (Target Memory Reactivation, TMR) bekannt und mittlerweile oftmals repliziert worden ist. Mittels TMR lassen sich demnach Gedächtniseinträge fördern, welche zuvor tagsüber eingespeichert wurden. Diese Befunde haben den in vielen Romanen und Filmen skizzierten Traum der Hypnopädie, dem Erlernen komplett neuer Information im Schlaf neu befeuert. Bis vor wenigen Jahren schien Hypnopädie jedoch nur in Science-Fiction Romanen und wissenschaftlich nicht validierten Werbeangeboten möglich zu ein. Kürzlich erschienene Befunde, welche die hochdynamische Veränderung corticaler Aktivität im Schlaf bei der Einspeisung neuer Informationen berücksichtigen, haben nun erste konkrete Hinweise darauf gegeben, dass Lernen im Schlaf keine bloße Science-Fiction ist, sondern unter gewissen Rahmenbedingungen tatsächlich möglich ist. ​ 2. Definition von Schlaf ​ Was eigentlich ist Schlaf ? Welche Merkmale unterscheiden Schlaf von anderen Bewusstseinszuständen wie z.B. Wachheit oder gar einem komatösen Zustand? Veränderung von Bewusstsein und Wahrnehmung Während wir schlafen erfahren wir eine Veränderung bis hin zu einem kompletten Verlust unseres Bewusstseins. Je nach Schlaftiefe, sind wir uns selbst nicht bewusst darüber, dass wir momentan schlafen. Zudem kommt es zu einer erheblichen Reduktion der bewussten Wahrnehmung von Dingen, die um uns herum passieren sowie zu einer Verminderung der Antwortbereitschaft unseres Gehirns auf Umgebungsreize. Dennoch schaltet unser Gehirn im Schlaf nicht komplett ab. Vielmehr zeichnet unser Gehirn auch während wir schlummern periodisch Umgebungsinformationen mit auf. So können wir beispielsweise selbst in tieferen Schlafstadien noch zwischen einer uns bekannten und einer uns unbekannten Stimme differenzieren. Reduktion des Muskeltonus Ein weiteres, wesentliches Merkmal von Schlaf ist ein stark herabgesetzter Muskeltonus und daraus resultierende körperlicher Inaktivität. Im Schlaf, insbesondere im sogenannten REM Schlaf, erschlaffen große Teile unserer Willkürmuskulatur nahezu vollständig. Wir sind also zeitweise wie gelähmt. Unwillkürliche Muskeln wie der Herzmuskel oder die Atemmuskulatur sind von der Lähmung selbstredend unbetroffen. Die Atonie im REM Schlaf verhindert, dass wir geträumte Bewegungen nicht ausagieren. Üblicherweise bleibt die Muskellähmung komplett unbemerkt, da diese erst nach dem Einschlafen eintritt und beim Erwachen unmittelbar aufgehoben ist. Ab und an kann es jedoch zu einer sog. Schlafparalyse kommen. Dabei tritt die Lähmung bereits während des Einschlafens auf oder hält nach dem Erwachen für einige Zeit an. Dies ist für den Betroffenen in der Regel eine äußerst unangenehme Erfahrung. In sehr seltenen Fällen kann die Lähmung der willkürlichen Muskulatur im Schlaf aussetzen. Je nach Ausprägung spricht man hierbei von einer REM-Schlaf Verhaltensstörung. Schlaf ist schnell reversibel und wiederkehrend Schlaf kann auf natürliche Weise quasi unmittelbar unterbrochen werden. Die meisten von uns nutzen diese Eigenschaft jeden Morgen, um sich mittels eines Weckers aus ihrem Schlaf reißen zu lassen. Die Lautstärke eines akustischen Reizes, welche mindestens benötigt wird, um eine schlafende Person aufzuwecken, verändert sich über die Nacht hinweg mehrmals. Sie ist abhängig vom Schlafstadium, bzw. der Schlaftiefe, in der sich eine Person derzeit befindet. Schlaf ist zudem wiederkehrend. Wir Menschen sind tagsüber wach und schlafen in der Nacht. Unser Wach- / Schlafverhalten folgt einem zirkadianen Rhythmus (24-Stunden Rhythmus). Der Taktgeber unseres Aktivitäts- / Inaktivitätszyklus liegt im Nucleus suprachiasmaticus im Hypothalamus. Tatsächlich ist die Periodendauer unseres zirkadianen Rhythmus nicht exakt (also wie der Name sagt, eben nur in etwa) 24 Stunden lang, sondern etwas länger. Unter absolut konstanten Bedingungen (dauerhafte Dunkelheit, gleichbleibende Temperatur, …) wiederholt sich unser Wach- / Schlafverhalten in etwa alle 24.25 Stunden. Unter Realbedingungen erfährt unser innerer Rhythmus allerdings täglich eine Art Feinabstimmung, so dass er genau 24 Stunden beträgt. Einer der stärksten und zuverlässigsten Zeitgeber für diese Adjustierung ist das Tageslicht (bzw. die Sonne). ​ 3. Schlaf messen und klassifizieren ​ Polysomnographie Schlaf lässt sich objektiv mittels verschiedener physiologischer Parameter sowie subjektiv mittels Selbstbeurteilung erfassen. Der Goldstandard in wissenschaftlichen und klinischen Schlaflaboren zur Quantifizierung von Schlaf ist die sogenannte Polysomnographie. Bei einer Polysomnographie werden parallel verschiedene physiologischer Parameter erfasst. Fester Bestandteil einer jeden Polysomnographie ist die Elektroenzephalographie (EEG, Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns), die Elektromyographie (EMG, Messung des Muskeltonus) sowie die Elektrookulographie (EOG, Messung der horizontalen und vertikalen Augenbewegung). Ferner werden, insbesondere zur diagnostischen Abklärung verschiedener Schlafstörungen, oftmals der Atemfluss und die Atemanstrengung, der Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut sowie die Körperlage während des Schlafes aufgezeichnet. Schlafstadien Bis ins 19.Jahrhundert haben sich Ärzte, Physiologen, Psychologen, Biologen und andere Naturwissenschaftler hauptsächlich auf die äußere Beobachtung des Schlafverhaltens einer Person beschränkt. So hat beispielsweise bereits Ernst Kohlschütter 1863 feststellen können, dass über die Nacht hinweg unterschiedliche Schalldruckpegel nötig sind, um eine Person zu erwecken. Seit der Verfügbarkeit der ersten EEG-Systeme in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, konnte Schlaf auf eine ganze andere, neue Art untersucht werden. Loomis und Kollegen konnten bereits 1935 feststellen, dass sich elektrische Potentiale im Gehirn während des Schlafes immer wieder verändern und dass bestimmte „Muster“ immer wieder auftreten. Dies bestätigte die Ergebnisse von Kohlschütter, dass Schlaf kein gleichbleibender physiologischer Zustand, sondern vielmehr in unterschiedliche Stadien unterteilbar ist. Im Jahr 1953 gelang den beiden Forschern Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman die bahnbrechende Entdeckung zweier völlig unterschiedlicher Arten von Augenbewegungen im Schlaf. Phasen mit sehr schnellen Augenbewegungen, sog. “rapid eye movements” (REM) und Phasen ohne solche Augenbewegungen, genannt “non-rapid eye movement“ (NREM). Dies grobe Unterteilung des Schlafs in NREM und REM-Phasen hat bis heute bestand, wobei NREM Schlaf heute in weitere Substadien unterteilt wird. Seit 2007 wird Schlaf international nach dem “AASM Manual for the Scoring of Sleep and Associated Events” der Amerikanischen Akademie für Schlafmedizin (AASM) klassifiziert. Gemäß dieses Regelwerks wird Schlaf in die Stadien Wach, N1, N2, N3 (“Tiefschlaf ”) und REM unterteilt, wobei diese Einteilung in 30 Sekunden Einheiten vorgenommen wird und im Wesentlichen auf der spektralen Zusammensetzung des EEG-Signals beruht. So wird für Stadium N2 beispielsweise gefordert, dass sog. Schlafspindeln vorliegen müssen und für Stadium N3, dass mehr als 20% einer 30s-Epoche von sogenannter slow‑wave activity (SWA) dominiert ist. Schlafspindeln und deren zeitliche Interaktion mit langsamen Tiefschlafwellen, den Grundbausteinen der SWA, scheinen eine wesentliche Rolle bei der Konsolidierung neuer Gedächtnisspuren im Schlaf zu spielen. 4. Warum schlafen wir? Jeder Mensch verbringt ein Drittel seines Lebens im Schlaf. Ein Zustand, in welchem er unbewusst und wie oben erwähnt teilweise nahezu vollständig paralysiert ist. Augenscheinlich stellen wir im Land der Träume ein leichtes Opfer dar, verdienen kein Geld, pflanzen uns nicht fort und kümmern uns nicht um unseren Nachwuchs oder unser soziales Umfeld. Warum also hat ein solcher Zustand die Evolution überlebt? Warum also schlafen wir überhaupt? „It is against the logic of natural selection to sacrifice such important activities unless sleep serves equally or more important functions”. Tatsächlich scheint Schlaf universell zu sein. Alle Lebewesen, die seit jeher hinsichtlich der Frage ob und wie sie schlafen untersucht wurden, weisen irgendeine Form von Schlaf auf. Ferner gibt es unzählige Berichte, dass chronischer Schlafmangel mit negativen gesundheitlichen Konsequenzen assoziiert ist. So gibt es Berichte, dass zu wenig Schlaf u.a. kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt, unsere Stimmung trübt sowie unsere Immunantwort schwächt. In einer bis heute sehr einflussreichen Serie an Studien, hat die Gruppe um Allan Rechtschaffen zudem in Tierversuchen zeigen können, dass eine bestimmte Art der totalen Schlafdeprivation über mehrere Wochen bei Ratten sogar zum Tode führen kann. Geht man davon aus, dass Schlaf eine Art universales Verhaltensmuster darstellt und dass man nicht auf Schlaf ohne gesundheitsschädliche Konsequenzen verzichten kann, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass Schlaf eine essenzielle Funktionen bedienen muss. Obwohl sich Wissenschaftler verschiedenster Forschungsrichtungen bis heute uneins über die Frage nach der Kernfunktion von Schlaf sind, gibt es mittlerweile gute Hinweise darauf, dass im Schlaf eine ganze Reihe an Prozessen ablaufen, welche äußerst positive (evtl. sogar wesentliche) Auswirkungen auf das Funktionieren unseres Organismus haben. Ein solcher Prozess, welcher im Folgenden genauer beleuchtet werden soll, ist die Transformation neuer, labiler Gedächtnisspuren in stabile Gedächtniseinträge. 5. Gedächtniskonsolidierung ​ Unser Gedächtnis erlaubt es uns neue Informationen aufzunehmen und abgespeicherte Erinnerungen abzurufen. Unser Gedächtnis bestimmt somit maßgeblich unser Verhalten sowie unsere Identität. Ohne Gedächtnis könnten wir uns nicht an Veränderungen der Umwelt anpassen und wären ohne jeglichen Bezug zur (eigenen) Vergangenheit, d.h. wir wären stets im Dasein gefangen. Entsprechend der Bedeutung des Gedächtnissystems auf unser Ich, gibt es wenig überraschend unzählige Lehrbücher, welche detailliert verschiedene psychologische, elektrophysiologische, molekulare und strukturelle Aspekte der Gedächtnisbildung beleuchten. Wir wollen uns hier einem spezifischen, aber sehr wesentlichen Teilaspekt für ein funktionierendes und plastisches Gedächtnissystem widmen: dem Konzept der Gedächtniskonsolidierung (auf Systemebene). Gedächtnissysteme Ähnlich wie Schlaf stellt auch unser Gedächtnissystem keine Entität dar, sondern besteht aus einer Reihe an Subsystemen, welche wiederum prozessorientiert bestimmten Gehirnstrukturen zugeordnet werden können. Nach einer gängigen Taxonomie wird das Gedächtnissystem in zwei übergeordnete Systeme untergliedert. Das deklarative Gedächtnissystem und das nicht-deklarative Gedächtnissystem, wobei diese Unterscheidung hauptsächlich darauf basiert, ob der mediale Temporallappen (im Speziellen der Hippocampus) am Gedächtnisprozess beteiligt ist. Das deklarative Subsystem basiert auf einem intakten Hippocampus und wird daher auch als hippocampus-abhängiges Gedächtnissystem bezeichnet. Es umfasst semantische (Faktenwissen) und episodische Inhalte (inkludiert z.B. die zeitliche Abfolge von Ereignissen). Solche Inhalte können in der Regel relativ schnell eingespeichert und bewusst abgerufen werden. Das non-deklarative System umfasst verschiedene, unbewusste Lernkapazitäten, wie z.B. prozedurale Fähigkeiten (Fahrrad fahren, Tennis spielen etc.), Priming, konditionierte Reaktionen und Reflexe. Solche Inhalte werden oftmals sukzessive über Zeit / Wiederholungen erlernt und galten lange Zeit als komplett unabhängig von Strukturen im medialen Temporallappen. Neuere Befunde deuten allerdings darauf hin, dass, zumindest während früher Phasen des Erlernens neuer Fähigkeiten, hippocampale Bereiche involviert sein können. Schlaf scheint im Besonderen für deklarative, also für hippocampus-abhängige Gedächtnisinhalte eine wichtige Rolle zu spielen. Nichtsdestotrotz gibt es durchaus auch eine Vielzahl von Studien, die aufzeigen, dass auch prozedurale Fähigkeiten von Schlaf profitieren können. Und zwar Insbesondere dann, wenn der Hippocampus bei den ersten Trainings involviert ist. Dieses Manuskript fokussiert vornehmlich auf die Rolle von Schlaf in der Förderung deklarativer Inhalte. Gedächtnisprozesse Ein vollständiger Gedächtnisprozess besteht aus den drei Teilprozessen Enkodieren (das Erlernen neuer Informationen), Konsolidieren (das Festigen neuer Informationen) und letztlich dem Gedächtnisabruf. Die Enkodierung neuer Informationen basiert auf einer komplexen Kaskade molekularer, biochemischer, zellulärer und systemischer Veränderungen von Neuronen(-gruppen). Ein Teilmechanismus von Lernen ist die aktivitätsabhängige synaptische Veränderung durch Langzeitpotenzierung. Der Abruf einer Gedächtnisspur basiert u.a. auf der Aktivierung der abzurufenden Gedächtnisspur (Erinnerung). Kann diese ausreichend spezifisch aktiviert werden, kann auf die Erinnerung zugegriffen werden. Eine Aktivierung kann z.B. durch (un-)bewusste Hinweisreize ausgelöst werden. Unter Konsolidierung werden eine Reihe an Prozessen verstanden, welche der Enkodierung nachfolgen, um frische Gedächtnisspuren in stabile und langfristig abrufbare Gedächtniseinträge zu überführen. Konsolidierung - Wie alles begann Der Begriff der Konsolidierung geht auf den Göttinger Professor Georg Müller und seinen Student Alfons Pilzecker, welche im Jahr 1900 im Beitrag “Lehre vom Gedächtnis” die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten zwischen 1892 und 1900 beschrieben. Müller und Pilzecker stellten über mehrere Versuchsreihen fest, dass die Abrufleistung einer zuvor erlernten Wortpaarliste A durch nachfolgendes Lernen einer weiteren, neuen Wortpaarliste B beeinträchtigt wird, obwohl der eigentliche Lernvorgang von Liste A äußerlich komplett abgeschlossen schien. Diese Ergebnisse waren für die damalige Zeit relativ verblüffend. Das Erlernen von Liste B hat die Erinnerungsleistung von einer zuvor erlernten Liste A durch eine Art rückwirkende Hemmung geschwächt. In einer weiteren Versuchsreihe konnten Müller und Pilzecker nachweisen, dass diese rückwirkende Hemmung umso stärker ist je kürzer das Lernen von Liste B dem Lernvorgang von Liste A folgt. Oder umgekehrt, der Einfluss von nachfolgendem Lernen nimmt mit der Zeit, die zwischen Lernen von Liste A und dem Erlernen von Liste B liegt, ab. Müller und Pilzecker schlussfolgerten, dass “Vorgänge, welche zur Herstellung von Assoziationen einer gelesenen Silbenreihe dienen, auch noch nach dem Lesen der Silbenreihe eine gewisse Zeit hindurch andauerten, ..”. Demnach ist die Formierung einer neuen Gedächtnisspur nicht unmittelbar mit dem Lernprozess abgeschlossen. Müller und Pilzecker beobachteten in vielen ihrer insgesamt 40 Versuchsreihen, dass unmittelbar nach dem Lernen, für etwa 10 Minuten, sog. Perseverationstendenzen verstärkt auftreten. Als Perseverationstendenzen beschrieben sie den Effekt, dass kürzlich eingespeicherte Informationen automatisch immer wieder nach dem Lernen ins Bewusstsein kommen (“nachklingen”) und somit andere fortlaufende Gedankenströme unterbrechen. Müller & Pilzecker argumentierten daher, dass “… diese Perseverationstendenzen im Sinne einer “Konsolidierung” der Silbenassoziationen wirken.”. Das Konzept der Konsolidierung hat bis heute bestand. Tatsächlich wurde der von Müller und Pilzecker geprägte Begriff auch ins Englische (consolidation) übernommen. Heute weiß man, dass eine neu eingespeicherte Gedächtnisspur zunächst sehr fragil ist, d.h. sie ist anfällig durch weitere Informationen “überschrieben” zu werden. Im Umkehrschluss ist eine konsolidierte Gedächtnisspur stabil (nicht so leicht zu zerstören) und existiert über einen längeren Zeitraum (“Langzeitgedächtnis”). Arten der Konsolidierung Heute geht man davon aus, dass Gedächtniskonsolidierung auf mehreren Ebenen und in verschiedenen zeitlichen Dimensionen abläuft. Es werden prinzipiell zwei Arten der Konsolidierung unterschieden: Synaptische Konsolidierung und Systemische Konsolidierung. Synaptische Konsolidierung ist eine vergleichsweise schnelle, auf Zell-Ebene stattfindende Konsolidierung. Hierbei kommt es zu lokalen plastischen Veränderungen. Die synaptischen Verbindungen der an der Speicherung einer Gedächtnisspur beteiligten Neuronengruppen (man spricht hier auch von einem Engramm) werden gestärkt und/oder umstrukturiert (z.B. durch einen Anstieg der synaptischen Verbindungen). Synaptische Konsolidierung resultiert demnach in einer ersten Stabilisierung und führt somit zu einer effizienteren Kommunikation der am Gedächtnisprozess beteiligten Zellen. Diese Prozesse starten mit oder unmittelbar nach dem Enkodieren und benötigen vermutlich nur einige Minuten bis wenige Stunden, bis sie abgeschlossen sind. Durch diese schnelle Art der Konsolidierung werden neue Gedächtnisspuren kurze Zeit nach dem Einspeichern resistent gegenüber Prozesse, welche die Gedächtnisstabilisierung (sowie weitere Konsolidierungsprozesse) schädigen können. Aufbauend auf dieser ersten, schnell stattfindenden synaptischen Konsolidierung, findet eine weitaus langsamere Art der Konsolidierung statt. Eine Konsolidierung auf Systemebene. Hierbei werden neue Gedächtniseinträge sukzessive reorganisiert. Dabei werden neue Gedächtniseinträge von temporären Speicherregionen in einen Langzeitspeicher transferiert und dort in bereits bestehende Gedächtnissysteme integriert. Systemische Konsolidierung dauert vermutlich Tage bis Wochen oder gar Monate/Jahre. Tatsächlich wird heute vermutet, dass die Konsolidierung auf Systemebene eventuell niemals komplett abgeschlossen ist. Dieses Manuskript fokussiert in der Folge vornehmlich auf die Gedächtniskonsolidierung auf Systemebene. Das Stabilitäts-Plastizitäts-Dilemma Wie bereits angemerkt, wird eine frisch eingespeicherte Gedächtnisspur mittels Gedächtniskonsolidierung von einem anfänglich labilen in einen stabilen Zustand überführt. Bis eine neue Spur allerdings konsolidiert wurde, ist diese allerdings sehr anfällig insbesondere durch interferierende Informationen überschrieben zu werden. Daher stellt sich die Frage wie wir uns kontinuierlich neues Wissen angeeignet können, ohne dabei gleichzeitig bestehende Erinnerung zu überschreiben. Unser Gehirn ist ein stark vernetztes und parallel arbeitendes System. Arbeiten im Bereich der künstlichen neuronalen Netze haben aufgezeigt, dass solche Systeme zum einen plastische Veränderungen zulassen müssen, zum anderen aber ein gewisses Ausmaß an Stabilität benötigen, um Wissen erhalten zu können. Dies führt zu einem Stabilitäts-Plastizitäts-Dilemma. Ein zu stabiles System verhindert, dass neue Informationen aufgenommen und in bereits bestehendes Wissen integriert werden können. Zu viel Plastizität hingegen führt sehr rasch zu massivem Vergessen. Ein Ansatz wie unser Gehirn dieses Dilemma zu lösen vermag ist die Idee, dass Gedächtnisbildung in einem 2-Stufen Prozess mittels zweier komplementärer Gedächtnissysteme realisiert wird. Dieser Ansatz wird gemeinhin unter dem Begriff des 2-Prozess Modells der Gedächtniskonsolidierung beschrieben. Das 2-Prozess Modell der Gedächtnisbildung Die Grundidee des 2-Prozess Modells ist folgende. Unser Gedächtnis besteht aus zwei komplementären Gedächtnissystemen. Dem Hippocampus, einem sehr schnell lernenden System, welches Informationen nur temporär speichern kann und dem Neocortex, einem langsam lernenden System, welches Wissen langfristig abspeichern kann. Der Hippocampus stellt demnach eine Art Gedächtnisbuffer dar, der Neocortex den Speicherort unseres langzeitlich abrufbaren Wissens. Beim Enkodieren speichern wir neue Inhalte parallel in beide Systeme ein. Im langsam lernenden neocorticalen System werden zunächst lediglich die einzelnen Module eines Engramms (Module, die den Gedächtniseintrag im Verbund speichern) aktiviert. Die einzelnen Module sind dabei allerdings aufgrund der langsamen Lernrate noch nicht (fest) miteinander verbunden. Im schnell lernenden Hippocampus wird hingegen unmittelbar eine komplette komprimierte Version, der noch unfertigen corticalen Repräsentation kodiert. Der Hippocampus speichert demnach eine Art Abbild der noch nicht miteinander verknüpften corticalen Module der Gedächtnisspur ab. Da die Gedächtnisspur im Neocortex noch nicht komplettiert ist, bzw. die einzelnen Teile nur lose miteinander verknüpft sind, ist die Gedächtnisspur anfänglich stark abhängig von der hippocampalen Repräsentation derselben. Sobald der Lernvorgang abgeschlossen ist wird die komprimierte Gedächtniseintragung im Hippocampus spontan reaktiviert. D.h., jene Neuronengruppen, welche das corticale Abbild abgespeichert haben, werden im Kollektiv immer wieder aktiv. Dieses sog. neuronale Replay führt dazu, dass bei jeder dieser Reaktivierungen auch gleichzeitig die entsprechenden corticalen Module aktiviert werden was wiederum dazu führt, dass die Gedächtnisspur im langsam lernenden Langzeitspeicher sukzessive gestärkt wird (hier kommen dann Prozesse der synaptischen Konsolidierung zum Tragen). Der Hippocampus fungiert also als eine Art Trainer für das langsam lernende System. Über die Zeit hinweg werden die Verbindungen der corticalen Module des Engramms zunehmend gestärkt bis sie letztlich komplett verbunden sind und keinen weiteren Anstoß durch die hippocampalen Reaktivierungen benötigen. Der neocorticale Gedächtniseintrag ist nun unabhängig von der hippocampalen Spur geworden. Wird nun die nur kurzlebige hippocampale Spur überschrieben, kann die Erinnerung aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden. Ebendiese Reorganisation der Spur von der anfänglichen hippocampalen Abhängigkeit hin zu einer unabhängigen, stabilen und langfristig abrufbaren corticalen Spur wird als Systemkonsolidierung bezeichnet. Aktive Systemkonsolidierung im Schlaf Die Kernmechanismen der Systemkonsolidierung nach dem 2-Prozessmodell sind i) die Reaktivierung hippocampaler Neuronengruppen, welche beim Lernen beteiligt waren und auf diese Weise das langsam-lernende System sukzessive aufbauen und ii) eine sich daraus ergebende, graduelle Transformation der anfänglich hippocampus-abhängigen Spur hin zu einer hippocampus-unabhängigen Gedächtnisrepräsentation. Spannenderweise gibt es mittlerweile viele Studien, welche nahezulegen, dass eben genau diese zwei Prozesse sehr effizient im Schlaf in Form einer aktiven Systemkonsolidierung stattfinden können. Im Gegensatz zu den Gedächtnisprozessen Enkodierung und Abruf, welche hauptsächlich während der Wachheit stattfinden, scheint der Prozess der Konsolidierung, zumindest für bestimmte Gedächtnisspuren, also hauptsächlich, während wir vor uns hin schlummern stattzufinden. Hauptsächlich heißt allerdings nicht exklusiv. Ziemlich sicher finden auch Konsolidierungsprozesse nach dem Lernen während der Wachheit statt. Allerdings gibt es eine Reihe an Rahmenbedingungen, welche Schlaf besonders maßgeschneidert für die Gedächtniskonsolidierung machen. Dazu später mehr. Belege für hippocampale Reaktivierungsprozesse im Schlaf aus Tierstudien Replay Prozesse von hippocampalen Neuronengruppen im Schlaf sind einer der propagierten Kernmechanismen der Hypothese einer aktiv im Schlaf stattfindenden Gedächtniskonsolidierung. Die meisten Studien zu Reaktivierungsphänomenen im Hippocampus basieren auf Tierstudien (zumeist an Ratten und Mäusen), welche Feuerraten von sog. hippocampalen Platzzellen untersucht haben. Hippocampale Platz- oder Ortszellen sind bestimmte Zellen im Hippocampus (oftmals in der CA1 / CA3 Region), welche immer dann vermehrt feuern, wenn sich das Tier an einer bestimmten Stelle in seiner Umgebung befindet. Diese Zellen dienen also als eine Art Orientierungs- oder Navigationssystem . John O’Keefe (zusammen mit dem Ehepaar Moser) 5 hat für seine langjährige Forschungsarbeit zu diesen Zellen 2014 den Nobelpreis für Medizin / Physiologie erhalten. Platzzellen wurden mittlerweile in einer Vielzahl an Spezies, u.a. auch bei Menschen gefunden. 1994 haben Wilson und McNaughton in einer bis heute sehr einflussreichen Studie Spike-Kreuzkorrelationen (ein Maß für die Co-Aktivität von Neuronen) von mehreren Dutzend Zellen aus der CA1 Region des Hippocampus in insgesamt drei Bedingungen untersucht. Während Ratten eine visuell räumliche Aufgabe erlernten sowie im Schlaf vor (Kontrollbedingung) als auch nach dem Lernvorgang. Dabei hat sich gezeigt, dass beim Erlernen der Aufgabe bestimmte Zellkombinationen eine erhöhte Co-Aktivität aufweisen und dass auch ebendiese Zellkombinationen im anschließenden, nicht aber im vorangegangen Schlaf, wiederum in sehr ähnlicher Weise zusammen aktiv sind. Es kommt also im Schlaf, und zwar im speziellen Tiefschlaf, nach dem Erlernen neuer Informationen zu einer Reaktivierung von hippocampalen Entladungsmustern, welche spezifisch am Lernvorgang beteiligt waren. Tatsächlich kommt es nicht nur zu einer Reaktivierung gleichzeitig aktiver Neuronen, vielmehr wird die genaue zeitliche Abfolge der Aktivierungsmuster im Schlaf nachgebildet. Feuern beispielsweise die Neurone A, B, C, D in eben dieser Reihenfolge, wenn eine Ratte einen Gang durchläuft an dessen Ende eine Futterbelohnung wartet, kommt es im anschließenden Schlaf zum Replay genau dieser Aktivitätssequenz (A-B-C-D-A-B-C-D, …). Interessanter Weise wird die Sequenz im Schlaf jedoch um ca. das 20- fache zeitlich komprimiert wiedergespielt. Ein Lernvorgang, der während der Wachheit 20 Minuten dauert, wird im Schlaf in derselben Zeit also 20-mal durchlaufen. Reaktivierungserscheinungen treten im Schlaf bevorzugt während sog. hippocampaler Sharp-Wave ripple Komplexe (SPWRs) auf. SPWRs sind transiente, schnelle Feldpotentiale, welche durch Zellen in der CA3 Region des Hippocampus initiiert werden. Sie bestehen aus einer negativen "sharp wave" Komponente (CA1 stratum radiatum) und kurzen, schnellen bursts von "ripple oscillations" mit einer Frequenz zwischen 150-250Hz. SPWRs treten insbesondere im NREM Schlaf (bzw. zumeist im SWS) sowie in ruhigen Wachphasen auf. SPWRs konnten mittlerweile in verschiedenen Spezies, u.a. auch beim Menschen, nachgewiesen werden und gelten heute als elektrophysiologisches Korrelat für Replay-Phänomene. Girardeau und Kollegen konnten 2009 zeigen, dass SPWRs (und somit hippocampale Reaktivierungen) eine kausale Rolle in der Schlaf-assoziierten Gedächtniskonsolidierung spielen. In ihrer Studie durften Ratten nach dem Erlernen einer visuell-räumlichen Gedächtnisaufgabe schlafen. Während des Schlafs nach dem Lernen wurden SPWRs in Echtzeit detektiert und mittels einer spezifischen Elektrostimulation selektiv unterdrückt. Diese SPWRs Suppression hatte zur Folge, dass im Vergleich zu entsprechenden Kontrollbedingungen, die Konsolidierung gestört wurde und somit die Abrufleistung der Tiere deutlich schlechter war als bei ungestört ablaufender Konsolidierung (keine SPWRs Suppression). Belege für hippocampale Reaktivierungsprozesse im Schlaf aus Studien am Menschen Nebst den angeführten Tierstudien, die es erlauben hippocampale Platzzellaktivität direkt mittels implantierter Tiefenelektroden aufzuzeichnen, werden hippocampale Reaktivierungserscheinungen bei Menschen üblicherweise auf einem höheren Abstraktionsniveau und weitaus weniger invasiv mittels bildgebender Verfahren ((M)EEG, fMRT, PET) erfasst. Exemplarisch sei hier eine wegweisende Studie von Peigneux et al. zu nennen. In dieser Studie wurde die regionale zerebrale Durchblutung als Schätzmaß für neuronale Aktivität mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) erfasst während Probanden lernten durch eine virtuelle Stadt zu navigieren sowie während die Probanden im Anschluss an die Aufgabe schliefen. Es hat sich gezeigt, dass bei der Durchführung dieser Lernaufgabe während der Wachheit der Hippocampus aktiviert wurde und dass ebenjene Regionen im nachfolgenden Schlaf erneut verstärkt aktiv waren. Ferner konnten Peigneux et al. zeigen, dass die Stärke der hippocampalen Reaktivität im Schlaf positiv mit dem Ausmaß der Leistungsveränderung in der Gedächtnisaufgabe von vor zu nach dem Schlaf korrelierte. Probanden, welche eine besonders deutliche hippocampale Reaktivierung aufzeigten, zeigten auch die stärksten Leistungszuwächse. Gedächtnisreorganisation Der zweite Kernmechanismus der Hypothese einer aktiv im Schlaf stattfindenden Gedächtniskonsolidierung ist, dass neue Gedächtniseinträge im Schlaf einer strukturellen Reorganisation unterzogen werden. Hierbei wird angenommen, dass neue Erinnerungen durch einen hippocampalen-corticalen Informationstransfer graduell vom hippocampalen Gedächtnisbuffersystem in corticale Langzeitgedächtnissysteme transferiert werden. Die Erkenntnis, dass der Hippocampus eine wesentliche Gehirnstruktur für die initiale aber nur temporäre Speicherung einer neuen Gedächtnisspur spielt, stammt insbesondere aus Läsionsstudien. Schädigungen / Resektionen des Hippocampus führen oftmals zu einer graduell verlaufenden retrograden Amnesie. Das heißt, Ereignisse, welche lange vor der Schädigung / Entfernung des Hippocampus stattgefunden haben, können i.d.R. besser erinnert werden als sehr neue Gedächtniseinträge. Dies wird auch als Ribot’s Gesetz bezeichnet. Im Gegenzug konnte gezeigt werden, dass eine Störung des Informationstransfers vom Hippocampus zu extra-hippocampalen (z.B. corticalen) Regionen, bzw. Läsionen im medialen präfrontalen Cortex (mPFC), den langzeitlichen Gedächtnisaufbau verhindern oder gar bereits konsolidierte Gedächtniseinträge zerstören kann. Laut einem Modell von Frankland & Bontempi (2005) übernimmt der mPFC im Verlauf des Konsolidierungsprozesses die Aufgabe des Hippocampus hinsichtlich der Integration der verschiedenen an der Gedächtnisspur beteiligten corticalen Module. Demnach fungiert der mPFC als eine Art Hub, der die mittlerweile untereinander gut verknüpften corticalen Module ansteuern und über reziproke Verbindungen mit sensorischen, motorischen und limbischen Systemen verbinden kann. Der hippocampale-corticale Informationsaustausch während des Schlafs Man nimmt generell an, dass der Informationsfluss zwischen Cortex und Hippocampus während der Wachheit insbesondere in top-down Richtung stattfindet. Das heißt sensorische Eingangsinformationen werden primär von corticalen Arealen in Richtung (CA3-Region) Hippocampus verschaltet. Während der Wachheit liegt ein vergleichsweise hoher Acetylcholin Spiegel (ACh) im Hippocampus vor, welcher den Transfer vom Hippocampus zu extra-hippocampalen Regionen stark inhibiert. Auf diese Weise werden Feedbackschleifen temporär unterdrückt und das (hippocampale) Enkodieren neuer Information kann ohne interferierender Einflüsse bereits gespeicherter (corticaler) Informationen geschehen. Im (Tief-)schlaf ist der ACh-Spiegel dagegen auf ein Minimum reduziert und erlaubt somit einen hippocampalen-corticalen Informationstransfer von der CA3 Region (mittels dort ausgelöster Reaktivierungen) zu anderen Regionen und somit eine Systemkonsolidierung via eines hippocampalen-neocorticalen Dialoges. Sharp-Wave Ripples, Schlafspindeln und Langsame Oszillationen - Konzert der drei Tenöre Derzeit nimmt man an, dass der hippocampale-corticale Informationsaustausch im Schlaf mittels einer zeitlich sehr genau ausgerichteten Interaktion verschiedener elektrophysiologischer Muster realisiert wird. Nebst den bereits beschriebenen hippocampalen SPWRs, scheinen insbesondere Schlafspindeln und langsame Tiefschlafwellen hierbei eine Schlüsselrolle zu spielen. Schlafspindeln sind transiente (0.5-3s) Aktivitätsbursts mit einer Frequenz von ca. 11-16Hz, welche charakteristisch für Schlafstadium N2 sind, durchaus aber auch im Tiefschlaf auftreten. Generiert werden diese Feldpotentiale durch intrinsische Eigenschaften und Interaktionen von GABAergen Neuronen im Nukleus Reticularis des Thalamus und exzitatorischen thalamo-cortikalen Relaiszellen. Schlafspindeln kommt eine Schlüsselrolle in der schlafabhängigen Gedächtniskonsolidierung zu, da sie Langzeitpotenzierung und somit plastische Veränderungen in kortikalen Pyramidalzellen auslösen können. Spannender Weise konnte wiederholt gezeigt werden, dass Schlafspindeln und hippocampale SPWRs in einer sehr hohen zeitlichen Abstimmung auftreten. So treten Schlafspindeln nicht nur zeitlich überlagert mit SPWRs auf, vielmehr gruppieren Schlafspindeln SPWRs in ihre (vermutlich) exzitatorischen Phasen. Man nimmt derzeit somit an, dass Schlafspindeln das Auftreten, bzw. die Stärke von SPWRs (und somit hippocampaler Reaktivierungsprozesse) so takten, dass diese genau dann auftreten, wenn Schlafspindeln plastische Veränderungen in corticalen Neuronen auslösen können. Neben diesen eher mechanistischen / physiologischen Hinweisen, gibt es noch eine große Vielzahl an Studien, welche einen korrelativen Zusammenhang zwischen Schlafspindeln und der Konsolidierung frischer Gedächtnisinhalte im Schlaf nahelegen. So steigt beispielsweise die Auftretenshäufigkeit sowie die Intensität von Schlafspindeln in der Nacht nach dem Lernen von deklarativen Inhalten an, wobei dieser Anstieg positiv mit dem Ausmaß der Gedächtnisverbesserung über Nacht korreliert. Spindel-SPWR-Verschachtelungen scheinen demnach der elektrophysiologische Behälter zu sein, in welchen hippocampale Informationen in corticale Bereiche transferiert werden. Neben Schlafspindeln und hippocampalen SPWRs kommt den sog. langsamen Oszillationen oder Tiefschlafwellen, welche charakteristisch für Schlafstadium N3 sind, eine Kernrolle in der aktiven Systemkonsolidierung zu. Tiefschlafwellen haben beim Menschen eine durchschnittliche Frequenz von 0.8Hz und werden rein cortical generiert. Tiefschlafwellen sind sog. Wanderwellen, die sich von ihrem corticalen Ursprungsort in Richtung anderer Regionen, u.a. bis hin zum Hippocampus, ausbreiten können. Jede langsamen Oszillation besteht aus zwei Phasen. Einer Phase der Hyperpolarisation (“down-state”), in welcher corticale Neurone großteils inaktiv sind und einer Phase der Depolarisation (“up-state”), in welcher eine hohe Rate an corticaler Aktivität vorliegt. Langsamen Oszillationen beeinflussen nicht nur die Aktivität verschiedenster Frequenzbänder im Cortex, vielmehr üben sie über efferente Pfade (z.B. vom Neocortex über den enthorinalen Cortex zum Hippocampus) auch eine top-down Kontrolle auf thalamo-cortikale Schlafspindeln und hippocampale SPWRs aus. So ist die Aktivität von Schlafspindeln und SPWRs während der Hyperpolarisationsphase langsamer Oszillationen stark unterdrückt und während des corticalen “up-states" deutlich erhöht. Tiefschlafwellen dirigieren im Sinne eines Chorleiters den hippocampalen-corticalen Informationsaustausch demnach so, dass dieser genau dann stattfindet, wenn corticale Neurone (insbesondere jene, die am corticalen Engramm beteiligt sind) depolarisiert sind und folglich einen niedriger Schwellenwert für plastische Veränderungen vorliegt. Ähnlich wie die Aktivität von Schlafspindeln steigt auch die Amplitude der langsamen Oszillationen nach dem Lernen einer deklarativen Gedächtnisaufgabe im Vergleich zu einer Kontrollaufgabe an. In einer eigenen Studie konnten wir diese Befunde erweitern und zeigen, dass ein solcher Anstieg positiv mit der Gedächtnisveränderung über Nacht assoziiert ist. Versuchspersonen, welche die stärksten Zuwachsraten in der Amplitude von Tiefschlafwellen von einer Kontrollnacht zur Nacht nach dem Lernen einer Wortpaaraufgabe aufzeigten, zeigten auch den stärksten Leistungszuwachs über Nacht auf. Während dieser Zusammenhang sowohl für die Amplitude des up-states wie auch für jene des down-states gefunden wurde, zeigte sich, dass nur die Länge des up-states, nicht aber jene des down-states positiv mit der Leistungsveränderungen über Nacht korreliert. Das heißt, je länger das Zeitfenster für den hippocampalen-corticalen Informationstransfer geöffnet ist, desto effektiver kann der Konsolidierungsprozess ablaufen. Grafik Neben diesen korrelativen Befunden wurde zudem ein kausaler Effekt von Tiefschlafwellen auf die Gedächtniskonsolidierung im Schlaf berichtet. Zuerst waren es Marshall und Kollegen, die gezeigt haben, dass sich Tiefschlafwellen mittels transkranieller Elektrostimulation experimentell induzieren lassen. Die Elektrostimulation hat dabei nicht nur die Aktivität in den fokussierten langsamen Frequenzbändern erhöht, sondern auch die Aktivität im Frequenzband der Schlafspindeln. Hypothesenkonform hat die Stimulation auf Verhaltensebene eine verbesserte schlafabhängige Gedächtniskonsolidierung herbeigeführt. Ganz ähnliche Befunde konnte Ngo et al. (2013) mittels sog. auditorischer closed-loop Stimulation erzeugen. Dabei wird das EEG der Probanden in Echtzeit analysiert und sobald eine Hyperpolarisationsphase erkannt wird, wird von der Software etwa 0.5s später (und somit während des Vorliegen eines corticalen up-states) ein kurzes Klickgeräusch dargeboten. Auch auf diese Weise lassen sich Tiefschlafwellen (und parallel dazu Schlafspindeln) anstoßen und dadurch die positiven Effekte von Schlaf auf unser Gedächtnis steigern. 6. Manipulation der Gedächtniskonsolidierung im Schlaf Die berichteten Erkenntnisse über die Kernrolle von spontanen Gedächtnisreaktivierungsprozessen im Schlaf für die schlaf-assoziierte Gedächtniskonsolidierung haben vor einigen Jahren die Idee zum Vorschein gebracht, gezielt experimentell Gedächtnisreaktivierungen im Schlaf anzustoßen, um auf diese Weise die Konsolidierung der reaktivierten Inhalte zu fördern. In der Fachliteratur wird diese Manipulation als Target Memory Reactivation (TMR) bezeichnet. Grundlage dieser Idee sind Befunde u.a. aus unserem Labor in welchen gezeigt werden konnte, dass unser Gehirn selbst in tieferen Schlafstadien sensorische Information aufzeichnet und diese detailliert verarbeiten kann. Realisiert wird die experimentelle Induktion von Gedächtnisreaktivierungen im Schlaf mittels sog. Kontextreize. Kontextinformationen Godden und Baddeley konnten 1975 zeigen, dass Versuchspersonen eine bessere Abrufleistung in einer Gedächtnisaufgabe aufweisen, wenn Enkodieren und Abruf im selben Kontext stattgefunden hat. In ihrer Studie lernte eine Gruppe eine Gedächtnisaufgabe an Land, die andere mit Taucherausrüstung unter Wasser. Erfolgte der Abruf der Landgruppe an Land war ihre Abrufleistung besser, als wenn der Gedächtnisabruf unter Wasser stattfand. Bei der Tauchgruppe war genau das Gegenteil der Fall. Erfolgte der Abruf unter Wasser war die Leistung besser, als wenn der Gedächtnistest an Land durchgeführt wurde. Diese Befunde deuten darauf hin, dass wir neben der eigentlich zu enkodierenden Information implizit auch Informationen über den Kontext der Lernsituation mit abspeichern. Ist diese Kontextinformation beim Abruf zugänglich, scheint auch der Zugriff auf die damit verbundene Information erleichtert zu sein. Target Memory Reactivation TMR nutzt den skizzierten Umstand des kontextuellen Gedächtnis aus. Dabei wird bei TMR Protokollen die eigentlich zu erlernende Information gemeinsam mit einem bestimmten Kontextreiz dargeboten. Beispielsweise wird während des Lernens ein bestimmter Duft im Hintergrund präsentiert oder die einzelnen Informationen werden mit Tönen gepaart einstudiert. Im Schlaf nach dem Lernvorgang wird dann der gesetzte Kontextreiz erneut dargeboten. Durch die Darbietung der Kontextinformation soll die damit verknüpfte Gedächtnisspur im Schlaf dann reaktiviert und somit die Konsolidierung derselben verbessert werden. Mittlerweile gibt es tatsächlich eine gute Befundlage, dass TMR prinzipiell funktioniert. Begonnen hat alles mit einer Studie von Rasch und Kollegen aus dem Jahr 2007. In dieser Studie lernten Versuchspersonen vor dem Zubettgehen eine Art Memory-Spiel auswendig. Während des Lernens wurde ihnen gleichzeitig (als Kontextreiz) der Duft einer Rose über einen Olfaktometer dargeboten. Wurde dieser Duft im anschließenden SWS (Tiefschlaf) wieder dargeboten, führte dies zu einer deutlichen Steigerung der Gedächtnisleistung. Interessanter Weise zeigte sich in einer Reihe an Kontrollexperimenten, dass dieser Leistungszuwachs ausschließlich dann beobachtet werden konnte, wenn der Rosenduft, während dem Lernen & während des Tiefschlafs dargeboten wurde. Eine Darbietung des Rosendufts im Tiefschlaf allein, also ohne Darbietung des Dufts während des Lernens war hingegen nicht effektiv. Ebenso war der Effekt spezifisch für eine Darbietung im Tiefschlaf. Eine Darbietung während der Wachheit oder in anderen Schlafstadien hatte keinen Einfluss auf die Gedächtnisleistung der Probanden. Die Verwendung von Gerüchen als Kontextreiz hat den Vorteil, dass olfaktorische Reize im Schlaf kaum Weckreaktionen hervorrufen. Olfaktorische Reize werden nicht über den Thalamus (wie andere sensorische Informationen), sondern direkt an die entsprechenden Zielregionen (u.a. den Hippocampus) geleitet. Allerdings haben Gerüche auch einen entscheidenden Nachteil. Sie sind verhältnismäßig langsam / träge. So kann man in der Regel nur, ein ganzes Set an neu erlernten Informationen mit demselben Kontextreiz verbinden, nicht aber einzelne Gedächtnisspuren. Um der spannenden Frage nachzugehen, ob sich mittels TMR auch tatsächlich die Konsolidierung spezifischer (einzelner) Gedächtniseinträge beeinflussen lassen, haben Rudoy et al. (2009) transiente, akustische Reize mit dem zu lernenden Material gepaart. Dabei lernten Probanden Objekt-Lokationsassoziationen (50 Bilder sind einer bestimmtem Lokation auf einem Schachbrett zugeordnet). Bei der Präsentation eines jeden Bildes über der dazugehörigen Lokation wurde gleichzeitig ein dazugehöriges Geräusch dargeboten. Bei dem Bild einer Katze beispielsweise ein “Miau“- Ton, bei der Darbietung einer Teekanne hingegen ein Pfeifgeräusch etc. In einem anschließenden Mittagsschlaf wurden den Probanden die Geräusche von jeweils der Hälfte dieser Bilder im Schlaf wieder dargeboten um auf diese Weise die Reaktivierung / Konsolidierung dieser Items zu begünstigen. Die Probanden wachten durch die Präsentation der akustischen Reize nicht auf (wurde im EEG kontrolliert). Des Weiteren berichteten die Probanden auf Nachfrage nach dem Schlaf, dass sie die Stimulation nicht bemerkt haben. Wie vorhergesagt, zeigte sich, dass die Stimulation die Gedächtnisleistung für eben jene, im Schlaf wieder dargebotenen Reize, verbessert hat. Diese Befunde haben TMR natürlich schlagartig nicht nur innerhalb der Schlaf- und Gedächtnisforschung, sondern auch in populärwissenschaftlichen Medien zu einem “hot topic” katapultiert hat. Die Möglichkeit in eigentlich im verborgenen stattfindende Prozesse eingreifen zu können hat selbstverständlich den Traum nach der Möglichkeit neue Fähigkeiten im Schlaf zu erlernen befeuert. Bis dato wurde TMR allerdings für eher alltagsfremde Bereiche (wie dem oben erwähnten Memory-Spiel) verwendet. Schreiner und Rasch haben dann schließlich 2015 aufgezeigt, dass TMR sehr wohl auch dafür verwendet werden kann das Erlernen einer neuen Sprache zu fördern. Anstelle des zuvor verwendeten Memory-Spiels haben Schreiner’s Probanden vor dem Zubettgehen Dänisch-Deutsch Vokabeln einstudiert. Alle Teilnehmer waren der deutschen Sprache mächtig, hatten aber keine Dänisch Kenntnisse. Um Kontextreize zu kreieren, welche für die spätere TMR im Schlaf eingesetzt werden konnten, wurden den Teilnehmern die deutschen Wörter visuell dargeboten, die dänische Übersetzung hingegen via Lautsprecher präsentiert. Ähnlich wie bei den zuvor berichteten Studien wurden den Teilnehmern in der Nacht nach dem Lernen, genauer in den NREM Schlafphasen, die zuvor erlernten dänischen Wörter erneut vorgespielt. In Einklang mit vorherigen Studien konnten dadurch die Dänisch Kenntnisse der Probanden, im Vergleich zu einer Nacht ohne TMR, signifikant gesteigert werden. Löst TMR wirklich hippocampales Replay im Schlaf aus? Trotz der mehrfach replizierten Verhaltenseffekte ist es natürlich wichtig festzustellen, ob der TMR-Effekt tatsächlich auf einer Induktion von Gedächtnisreaktivierungen basiert. Und genau dies legen eine Reihe an Befunden nahe. Beispielsweise konnte man in Kernspin Studien zeigen, dass die Darbietung von Kontextreizen im Tiefschlaf eine hippocampale Aktivierung sowie eine erhöhte hippocampale-corticale Konnektivität hervorruft. In EEG-Studien konnte man zudem zeigen, dass die Präsentation von Kontextreizen genau jene elektrophysiologischen Muster aktiviert, welche wir im oberen Teil im Rahmen der Systemkonsolidierung besprochen haben. So konnte u.a. eine Zunahme der Aktivität langsamer Tiefschlafwellen und Schlafspindeln festgestellt werden. Zu guter Letzt konnten Fuentemilla et al. (2013) zeigen, dass TMR nur funktioniert so lange zumindest ein unilateral intakter Hippocampus vorliegt. Patienten mit bilateral geschädigten Hippocampi zeigen keinen TMR-Effekt. Diese Ergebnisse deuten demnach stark darauf hin, dass die erneute Darbietung eines zuvor enkodierten Kontextreizes im Schlaf hippocampale Strukturen (re-) aktiviert und auf diese Weise die Konsolidierung der getriggerten Einträge anstößt. 7. Hypnopädie - Traum oder Wirklichkeit? ​ TMR kommt dem Traum des Lernens im Schlaf sicherlich schon sehr nahe, allerdings lassen sich auf diese Weise nur Gedächtnisinhalte beeinflussen, welche bereits zuvor während der Wachheit erfolgreich enkodiert wurden. “Once upon a time, […] there was a little boy called Reuben […]. [O]ne evening, by an oversight, his father [...] happened to leave the radio turned on […]. While the child was asleep, a broadcast program from London suddenly started to come through; and the next morning, [...] [l]ittle Reuben woke up repeating word for word a long lecture by that curious old writer, […]. The principle of sleep-teaching, or hypnopaedia, had been discovered.” (Huxley, 1932, p.19, ff.) Das Erlernen komplett neuer, komplexer Informationen im Schlaf ist seit je her der Traum vieler Menschen (insbesondere aller Schüler und Studenten). Gibt man die Begriffe “sleep learning” oder “hypnopedia” bei einer Suchmaschine wie Google ein, wird man unzählige Videos und andere Angebote finden, die einem suggerieren, dass es kaum etwas einfacheres gibt als von heute auf morgen z.B. Arabisch zu erlernen. Leider gab es bis vor wenigen Jahren keine wissenschaftlich haltbaren Befunde, dass Hypnopädie in irgendeiner Form möglich ist. Einen ersten fundierten Hinweis darauf, dass zumindest einfache konditionierte Reaktionen im Schlaf erlernt werden können, dass also tatsächlich komplett neue Gedächtnisspuren im Schlaf experimentell aufgebaut werden können, stammt von Arzi und Kollegen aus dem Jahr 2012. Hierbei wurde den teilnehmenden Probanden im Schlaf über einen Olfaktometer zwei verschiedene Gerüche präsentiert. Ein angenehmer Geruch (Shampoo) oder ein sehr unangenehmer Geruch (verrotteter Fisch). Gemessen wurde jeweils, wie tief ein Proband während der Geruchsdarbietung eingeatmet hat (“Sniff-Antwort”). Nicht sehr überraschend weiß man aus Vorstudien, dass man bei einer Geruchsdarbietung eine Sniff-Antwort zeigt und dass diese bei angenehmen Gerüchen stärker ausfällt als bei unangenehmen Gerüchen. Arzi und Kollegen haben die beiden Gerüche dann den Teilnehmern im Rahmen eines Konditionierungsparadigmas während der Nacht dargeboten. Dabei wurde jeweils vor der Geruchsdarbietung ein kurzer Ton abgespielt. Für den angenehmen Geruch Ton A, für den unangenehmen Geruch Ton B. In der Wachheit führt ein solches Protokoll dazu, dass man nach einigen Wiederholungen eine konditionierte Reaktion aufbaut. Ab diesem Zeitpunkt atmet man automatisch bei Darbietung des konditionierten Tones ein, auch wenn in Folge gar kein Geruch dargeboten wird. Es hat sich also eine Gedächtnisspur aufgebaut. Die Hypothese der Autoren war folgende. Wenn neue Informationen im Schlaf erlernt werden können, dann lässt sich eine differenzielle Sniff-Antwort auf angenehme und unangenehme Gerüche im Schlaf konditionieren. Tatsächlich zeigten die Teilnehmer auch im Schlaf eine stärkere Sniff-Antwort auf die angenehmen Gerüche. Weiters und das ist das eigentlich faszinierende, konnten die Teilnehmer im NREM und REM Schlaf erfolgreich konditioniert werden. Nach einigen Wiederholungen zeigten die Probanden im Schlaf auf die alleinige Darbietung von Ton A (ohne Geruchspräsentation) eine stärkere Sniff-Antwort als auf Ton B. Damit haben Arzi und Kollegen den Beweis dafür geliefert, dass Menschen im Schlaf Umgebungsinformationen aufnehmen und daraus komplett neue Gedächtnisspuren formen können. In einer weiteren Studie haben Arzi und Kollegen untersucht, ob die im Schlaf neu aufgebauten Erinnerungen nachfolgendes Verhalten während der Wachheit beeinflussen können. Hierfür haben sie Raucher, welche allesamt gewillt waren, sich das Rauchen zu entwöhnen, mit einem ähnlichen Konditionierungsprotokoll wie in der vorherigen Studie stimuliert. Dieses Mal wurde der Geruch von Zigarettenrauch mit unangenehmen Gerüchen wie verrottetem Fisch oder einer Ammoniumsulfidlösung gepaart. Eine Gruppe erfuhr die Konditionierung während der Wachheit, eine andere Gruppe durchlief das Protokoll, während sie schliefen. Verglichen die Autoren den durchschnittlichen Zigarettenkonsum sieben Tage vor im Vergleich zu nach der Konditionierung, stellte sich heraus, dass Probanden, welche im Schlaf konditioniert wurden eine fast doppelt so starke Reduktion ihres Zigarettenkonsum aufzeigten als Probanden der wachen Kontrollgruppe. Die Ergebnisse von Arzi und Kollegen sind zweifellos beeindruckend. Allerdings ist das Erlernen einer konditionierten Reaktion natürlich nicht mit der Komplexität des Erlernens einer neuen Sprache o.ä. zu vergleichen. Seit einer Studie von Züst und Kollegen aus dem Jahr 2019 kann allerdings neue Hoffnung geschöpft werden, dass auch komplexe Informationen wie Wortpaarassoziationen im Schlaf enkodiert werden können. Züst et al. hatten folgende Hypothese. Wenn die Wortdarbietungen im Schlaf zeitlich genauso getaktet dargeboten werden, dass jeweils das zweite Wort eines Wortpaares auf eine Depolarisationsphase einer langsamen Tiefschlafwelle trifft, in welcher wie beschrieben große Teile des Cortex aktiv sind und das Niveau für plastische Veränderungen vergleichsweise niedrig ist, könnte der Aufbau einer Wortpaar-Assoziation potenziell gelingen. Die Autoren kreierten 40 Wortpaare, welche jeweils aus einem Pseudowort und einer dazugehörigen deutschen “Übersetzung” bestanden, z.B. tofer-Haus. Die deutschen Wörter waren jeweils so gewählt, dass sie entweder deutlich kleiner als ein Schuhkarton waren (wie Euromünze) oder aber deutlich größer (wie Haus). Die einzelnen Wortpaare wurden dann im NREM Schlaf so präsentiert, dass das zweite Wort 1.075s nach dem ersten Wort präsentiert wurde. Die Idee dahinter ist, dass ein akustischer Reiz, hier das erste Wort eines Paares, oftmals eine isolierte langsame Tiefschlafwelle evoziiert, einen sog. K-Komplex. Ein K-Komplex startet wenige 100ms nach der akustischen Stimulation mit einer Hyperpolarisationsphase, welche von einer etwas längeren Depolarisationsphase gefolgt wird. Wartet man beispielsweise 1.075s nach Präsentation des ersten Wortes ab bevor das zweite Wort eines Paares präsentiert wird, hat man demnach eine erhöhte Wahrscheinlichkeit das zweite Wort während einer corticalen Depolarisationsphase darzubieten. Um zu überprüfen ob neue Wortpaarassoziationen im Schlaf aufgebaut werden konnten, wurde den Probanden nach dem Aufstehen jeweils das Pseudowort (z.B. tofer) dargeboten und sie hatten zu entscheiden, ob das dazugehörige deutsche Wort (hier Haus) größer oder kleiner als ein Schuhkarton ist. Können die Probanden diese Entscheidung signifikant besser als Zufallsniveau (50%) treffen, ist dies ein Nachweis dafür, dass implizit im Schlaf neue semantische Assoziationen gebildet wurden. Tatsächlich bestätigten die Studienergebnisse die Hypothesen der Autoren. Insgesamt waren die Studienteilnehmer nach dem Aufstehen in der Lage überzufällig viele Pseudowörter richtigerweise gemäß ihrer zugewiesenen Größe einordnen zu können. Ferner konnten die Autoren aufzeigen, dass richtig eingestufte Wortassoziationen öfter während eines corticalen up-state präsentiert wurden als falsch eingestufte Items. Ob und inwieweit diese Ergebnisse repliziert oder erweitert werden können bleibt abzuwarten. Ebenso bleibt offen, ob die Ausbildung erster Gedächtnisspuren im Schlaf einen Vorteil für nachgeschaltete Lernvorgänge während der Wachheit mit sich bringt. Wir sind gespannt auf die Zukunft! ​Literatur- und Quellenverzeichnis ​ Kohlschütter, E., Messungen der Festigkeit des Schlafes. 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  • Achtsamkeit - Umgang mit schwierigen Gefühlen, Schmerz und Stress

    Neurowissenschaftliche Erkenntnisse, wie achtsamer Umgang mit schwierigen Gefühlen, Schmerz und Stress unser Leben positiv beeinflussen und gestalten kann. Inhaltsverzeichnis 1. Achtsamkeit: Ihre Anwendung und Wirkung 2. Wurzeln der Achtsamkeit in der Buddhistischen Psychologie 3. Schmerz 4. Schwierige Gefühle 5. Mitgefühl 6. Zusammenfassung Literatur- und Quellenverzeichnis Achtsamkeit​ Achtsamer Umgang mit schwierigen Gefühlen, Schmerz und Stress ​​ 1. Einleitung: Achtsamkeit, ihre Anwendung und Wirkung Achtsamkeit wird typischerweise verstanden als das ‚Gewahrsein, das entsteht, wenn wir absichtsvoll und nicht-verurteilend aufmerksam sind für die Erfahrungen im gegenwärtigen Moment‘. Achtsamkeitspraxis hat in den letzten drei Jahrzehnten zunehmend Anwendung in verschiedenen klinischen und gesellschaftlichen Bereichen gefunden. So wird die durch Akzeptanz gekennzeichnete Haltung der Achtsamkeit im Rahmen klinischer Programme zur Verbesserung der psychischen Gesundheit gelehrt, in Schulen wird den Kindern vermittelt, wie sie durch Achtsamkeitsübungen ihre Aufmerksamkeitsfähigkeit, den Umgang mit Prüfungsängsten oder Stress verbessern können. Und auch Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern und Führungskräften Achtsamkeitstrainings zur Verbesserung der Selbstregulation, der Konzentrationsfähigkeit, Kreativität oder sozialer Kompetenzen (siehe Manuskript zu den Regionalmeetings 2020). Auch die Forschung beschäftigt sich zunehmend mit den Effekten von Achtsamkeitsübungen auf die Gesundheit, auf Leistungsparameter, das Sozialverhalten und auf das Nervensystem. Natürlich sind in dem noch jungen Forschungsfeld die Studienergebnisse gemischt. Es gibt aber eine stetig steigende Anzahl von Studien, die positive Effekte auf eine breite Reihe von Variablen zeigt. Studien zeigen z.B. positive Wirkungen auf die Gesundheit. So wurde z.B. eine verbesserte Funktion des Immunsystems nachgewiesen, reduzierte Blutdruckwerte, und reduzierter Cortisolspiegel. Bei gesunden Teilnehmern kommt es oft zu einer Erhöhung des psychischen Wohlbefindens und zur Stressreduktion. Ein Review zur Erfassung der Effekte von Meditation auf eine Reihe psychologischer Variablen bei nicht-klinischen Stichproben fasst zusammen, dass sich mittlere bis große Effekte auf emotionale und Beziehungs-Variablen zeigten und mittlere Effekte auf Aufmerksamkeits-Maße. Gerade in Bezug auf die Aufmerksamkeit sind die Ergebnisse verschiedener Studien aber widersprüchlich. So zeigte sich in einem jüngeren Übersichtsartikel zum Effekt von 8-wöchigen Achtsamkeitstrainings wie MBSR oder MBCT auf die Aufmerksamkeit und andere kognitive Funktionen, dass die derzeitigen Studien nicht die Annahme stützen, dass MBSR/MBCT Kurse die Aufmerksamkeitsleistung erhöhen. Dort zeigten sich hingegen Hinweise darauf, dass die mentale Flexibilität erhöht werden könnte. Auch die Effekte auf die Kreativität sind gemischt. Hier liegt es nahe, dass genau betrachtet werden muss, welche Achtsamkeitsübungen geübt werden und welche Bereiche der Kreativität verbessert werden sollen. Bei der sonst oft gemischten Studienlage kristallisiert sich aber heraus, dass der Bereich, in dem die solidesten Befunde gezeigt werden konnten, der Bereich der psychischen Gesundheit ist. Hier fanden die vorliegenden Studien, dass Achtsamkeitsmeditation zu einer Anzahl positiver Effekte bei psychiatrischen, psychosomatischen und stress-bezogenen Erkrankungen führt. Sie wird deshalb zunehmend in psychotherapeutische Programme integriert. Achtsamkeitsbasierte Interventionen werden unter anderem erfolgreich zur Rückfallprophylaxe bei wiederkehrenden depressiven Episoden eingesetzt, in der Behandlung bei Substanzabhängigkeit und bei Schmerzen. Eine jüngere Metaanalyse unterstreicht, dass man zum derzeitigen Zeitpunkt davon ausgehen kann, dass Achtsamkeit bei diesen Erkrankungen hilft; meist in vergleichbarem Maße wie andere gängige psychotherapeutische Verfahren. Achtsamkeit wird darüber hinaus auch nachweislich erfolgreich zur Reduktion von Stress und zur Behandlung von Angststörungen eingesetzt. 2. Wurzeln der Achtsamkeit in der Buddhistischen Psychologie Wieso wirkt Achtsamkeit gerade hier am stärksten? Gemein ist diesen Anwendungsbereichen, dass die Achtsamkeit hier zu einem geänderten Umgang mit schwierigen Erfahrungen (körperliche und emotionale Schmerzen bzw. schwierige Gefühle) beiträgt. Eine besonders gute Wirkung auf diese Bereiche erscheint nicht überraschend, wenn man auf die Wurzeln der Achtsamkeitspraxis schaut. Ihren Ursprung nehmen die Achtsamkeitsübungen, so wie sie heute in den modernen Kursen vermittelt werden, in der Buddhistischen Psychologie. Laut der Überlieferungen lehrte der Buddha den Weg aus dem Leiden, wie dies z.B. in den vier edlen Wahrheiten formuliert ist. Der Buddha beschrieb, dass alles Leben immer auch Leiden beinhaltet: Geburt, Tod, Krankheit, Alter und viele Veränderungen im Leben, sowie auch Schmerz gehen mit Leiden einher (1. Edle Wahrheit). Bedingt wird dieses Leiden durch unsere inneren Reaktionen auf Geschehnisse. Wir reagieren mit Anhaftung an die Dinge, die wir als angenehm empfinden; wir wollen, dass sie andauern und wollen mehr davon haben. Die Dinge, die wir als nicht angenehm empfinden, lehnen wir ab; wir vermeiden sie und lehnen uns innerlich gegen sie auf. Dieses Anhaften und Vermeiden ist es, womit wir das Leid selbst anfeuern (2. Edle Wahrheit). Wir sehen nicht ein, dass alle Erfahrungen im Leben vergänglich sind und nehmen sie viel persönlicher, als sie tatsächlich sind. Es gibt jedoch einen Weg aus diesem Leiden (3. Edle Wahrheit). Indem wir Einsicht in die inneren Reaktionen nehmen und lernen, sie zu unterlassen, feuern wir das Leid nicht länger selbst an. In seinen Lehrreden beschreibt der Buddha den Praxisweg aus dem Leid (4. Edle Wahrheit). Dieser beinhaltet neben einer ethischen Lebenshaltung (rechte Rede, rechte Ansicht, rechte Absicht, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechtes Bemühen) auch rechte Konzentration und rechte Achtsamkeit. Dies führt zu innerer Freiheit und der Einsicht in die Natur der Existenz. Gemäß der Buddhistischen Psychologie ist der Weg aus dem Leid (dukkha) also eine der zentralen Intentionen der Praxis. Somit passt es gut, dass die Bereiche, auf die die Achtsamkeitspraxis nach dem derzeitigen Stand der Forschung am zuverlässigsten wirkt, der Umgang mit schwierigen Erfahrungen ist. In diesem Vortrag und Manuskript wollen wir uns damit beschäftigen, wie achtsamer Umgang mit schwierigen Erfahrungen praktisch aussehen kann und wollen uns dies an den Bereichen körperliche Schmerzen, schwierige Gefühle und Stress ansehen. Ich möchte in Bezug auf diese drei Bereiche klinische Wirkeffekte nennen, praktische Herangehensweisen beschreiben und Befunden aus der neurowissenschaftlichen Forschung heranziehen, um zu betrachten, welche neuronalen Mechanismen mit diesen Effekten korrespondieren. Das Rational für die praktischen Übungen zum Umgang mit schwierigen Erfahrungen ist für die drei Bereiche gleich. Ich möchte es zunächst für den Umgang mit Schmerzen darstellen und später auf die anderen Anwendungsbereiche erweitern. 3. Schmerz Überblick: Prävalenz und Folgen Chronische Schmerzen kommen sehr häufig vor: ca. 20% der Weltbevölkerung leiden an chronischen Schmerzen. Rückenschmerzen kommen mit 27% aller Schmerzen besonders häufig vor. Über 60% der deutschen Bevölkerung berichtet, innerhalb eines Jahres Rückenschmerzen gehabt zu haben. Chronische Schmerzen gehen mit hohem Leidensdruck einher; Patienten mit chronischen Schmerzen sind oftmals in ihrem Arbeits- und Sozialleben eingeschränkt und leiden häufig zudem unter Ängsten und Depressionen. Chronische Schmerzen sind nicht nur für die Patienten selbst eine Belastung, sondern auch für ihre direkte Umgebung und die Gesellschaft. Allein die Kosten in Zusammenhang mit Rückenschmerzen werden in Deutschland auf jährlich 45 Milliarden Euro beziffert. Ungefähr die Hälfte davon entfallen auf direkte Kosten für die Behandlung, die andere Hälfte sind indirekte Kosten durch Arbeitsausfall. Leider ist die Behandlung von chronischen Schmerzen komplex und führt trotz aufwendiger und multidisziplinarer Behandlungen, in denen invasive, medikamentöse, physiologische und psychologische Verfahren kombiniert werden, oftmals nicht zum gewünschten Ergebnis. Laut einem wichtigen Übersichtsartikel betrug die durchschnittliche Schmerzlinderung jeglicher Behandlungsverfahren lediglich 30% – und dies nur in der Hälfte aller Fälle. Des Weiteren ging die Schmerzlinderung oftmals ohne Funktionsverbesserung einher. Das am häufigsten angewendete psychologische Verfahren bei chronischen Schmerzen ist die kognitive Verhaltenstherapie, in der unter anderem geübt wird, Denk- und Verhaltensweisen zu verändern. Das Ziel ist, die Schmerzen durch verändertes Verhalten zu lindern und auch trotz verbleibender Schmerzen ein erfülltes und weniger eingeschränktes Leben zu führen. Eine neuere Form psychologischer Verfahren sind die achtsamkeitsbasierten Methoden. In Ansätzen werden diese mittlerweile auch in verhaltenstherapeutische Behandlungskonzepte integriert. Der achtsame Umgang mit Schmerzen ist natürlich nicht nur für Menschen interessant, die unter chronischen Schmerzen leiden. Es gibt im Alltag genügend Möglichkeiten für den acht-samen Umgang mit akuten Schmerzen, zum Beispiel beim Zahnarzt. Neben der Anwendung auf körperliche Schmerzen lassen sich die Prinzipien im weiteren Sinne auch auf den Umgang mit emotionalem Schmerz übertragen. Die Metapher der zwei Pfeile Schmerz hat zum einen eine sensorische Komponente: der Schmerz vom gestoßenen Zeh zum Beispiel fühlt sich vielleicht eher pochend an, während der Schmerz vom zu heißen Tee sich eher brennend anfühlt. Zum anderen hat Schmerz eine emotionale Komponente. Diese wird durch unsere innere Haltung dem Schmerz gegenüber mit beeinflusst. Wie stark wir unter einem Schmerz leiden, hängt zum Teil davon ab, wie wir mit ihm in Beziehung treten. Und oft machen wir es uns durch unsere inneren Reaktionen selbst schwer. In buddhistischen Schriften finden wir eine ganz ähnliche Beschreibung des Schmerzempfindens; hier wird (in der Sallatha Sutta, Samyutta Nikaya 36.6) für die Schmerzempfindung die Metapher eines Pfeils verwendet, der uns trifft. Nun haben wir üblicherweise die Tendenz, auf diesen Schmerzreiz innerlich zu reagieren, ihn abzulehnen, uns zu sträuben und Widerstand dagegen aufzubauen. Die Metapher spricht hier von einem zweiten Pfeil, der noch hinterhergeschossen wird. Es heißt, der Buddha habe folgende Worte der Lehre an die Mönche gerichtet: „Wird da, ihr Mönche, der unbelehrte gewöhnliche Mensch von einem Wehgefühl getroffen, dann ist er traurig, beklommen, er jammert, schlägt sich stöhnend an die Brust, gerät in Verwirrung. So empfindet er zwei Gefühle: ein körperliches und ein gemüthaftes. Gleichwie, ihr Mönche, wenn da ein Mann von einem Pfeil angeschossen würde, und er würde dann noch von einem zweiten Pfeil angeschossen. Da würde dieser Mensch, ihr Mönche, die Gefühle von zwei Pfeilen empfinden.“ Diese Lehrsätze weisen darauf hin, dass wir diese beiden Schmerzkomponenten (die beiden Pfeile) in unserem Erleben vermischt wahrnehmen. Durch Achtsamkeitspraxis können wir lernen, die sensorische und die emotionale Komponente – die Beurteilung des bzw. den Widerstand gegen den Schmerz – zu unterscheiden. Weiterhin können wir lernen, unseren Widerstand gegen die Schmerzempfindung zu verringern und uns der schmerzhaften Erfahrung stattdessen in einer achtsamen Haltung zuzuwenden. Das heißt, ihr mit offener Neugier zu begegnen, sie aufmerksam zu betrachten und zu erkunden, und sie dabei so anzunehmen, wie sie ist. Es ist interessant, dass die Unterscheidung zwischen dem sensorischen Aspekt einer Schmerzempfindung auf der einen Seite und der Bewertung bzw. dem affektiven (gemüthaften) Aspekt der Empfindung auf der anderen Seite eine neurophysiologische Entsprechung hat; beide Aspekte werden nämlich in verschiedenen Hirnregionen repräsentiert. Wir haben in einer Studie mit bildgebenden Verfahren entdeckt, dass eine Schmerzbewältigung durch Achtsamkeit mit einem besonderen Veränderungsmuster in der Aktivierung der betreffenden Hirnregionen einhergeht. Achtsamkeit im Umgang mit Schmerzen Wie begegnet man also konkret in einer Achtsamkeitsmeditation auftauchenden Schmerzen? Folgende Ausführung ist eine beispielhafte Schilderung: Achtsam dem Schmerz zu begegnen bedeutet dann, sich dem Schmerz urteilsfrei zuzuwenden, anstatt – wie wir es sonst meist ganz automatisch tun – sich von ihm abzuwenden. Es geht dabei darum, sich den Empfindungen liebevoll, sanft und im eigenen Tempo anzunähern. Sich ihnen sachte zuzuwenden und sich dabei innerlich offen und weich werden zu lassen. Dazu be-darf es einer liebevollen inneren Begleitung unserer selbst, so, als würden wir uns selbst bei der Hand nehmen und dabei begleiten, uns den Dingen zu stellen, die da sind. Wir öffnen uns der Realität dieses Moments – wie sie eben gerade ist. Wir nähern uns also auf diese Weise innerlich mit unserer Aufmerksamkeit dem Schmerz an und spüren zum Beispiel: In welchen Bereichen des Körpers ist die Schmerzempfindung anwesend? In welchen Bereichen ist sie nicht zu spüren? Fühlt sich der Schmerz in verschiedenen Bereichen unterschiedlich an? Welche Qualität haben die Empfindungen? Sind sie eher dumpf, stechend, pochend, brennend, oder haben sie eine ganz andere Qualität? Auf diese Weise bringen wir unserem Erleben eine Qualität der Neugier und Offenheit entgegen. Der Atem kann ein wichtiger Begleiter sein, wenn wir uns dem Schmerz zuwenden. Er kann uns als Stütze dienen, während wir uns zu den schwierigen Empfindungen vortasten; und zu der wir zurückkehren können, wenn die Schmerzempfindungen uns zu überwältigen scheinen. Manchmal kann es helfen, sich vorzustellen, dass wir in die schmerzende Körperstelle „hineinatmen“ bzw. dass wir innerlich mit dem Atem einen weiten Raum um die Schmerzen herum schaffen. So kann es einfacher fallen, die Aufmerksamkeit auf die Schmerzempfindung zu lenken, und zugleich werden Weichheit und Entspannung in die Gegend der Schmerzen eingeladen. Wenn wir beginnen, uns nicht länger vom Erleben abzuwenden, sondern uns ihm zu stellen und zuzuwenden, können wir nun in eine andere, dynamischere Beziehung mit dem Schmerz treten, wo wir uns früher von ihm haben beherrschen lassen. Wir müssen uns nicht länger vom Schmerz mitreißen lassen oder aus dem Schmerz heraus reagieren, sondern kommen in eine Beziehung, die durch mehr Selbstbestimmtheit gekennzeichnet ist. Dabei werden wir uns auch der Reaktionen des eigenen Geistes gewahr. Dort kommt sicherlich früher oder später innerer Widerstand auf: Die Empfindungen werden – meist unbewusst – abgelehnt, die Tendenz, sich abzulenken und mit anderen, als angenehmer empfundenen Dingen zu beschäftigen, wird stärker. Oder aber der Geist kreist um die negativen Aspekte der Empfindung und brütet darüber, „suhlt“ sich vielleicht in seinem Leid. Diesen Reaktionen des Geistes versucht man sich bei der Achtsamkeitsübung gewahr zu werden, ohne ihnen weiter nachzugehen. Es geht auch darum, die eigenen inneren Widerstände wertfrei zu betrachten und sich selbst und dem eigenen Erleben im Angesicht dieser Wider-stände mit Mitgefühl zu begegnen, anstatt sich dafür zu verurteilen. Wichtig bei den Achtsamkeitsübungen im Umgang mit Schmerz ist immer auch, sich ausgiebig in freundlichem Selbstmitgefühl zu üben. Das bezieht sich zum einen darauf, sich angesichts des Schmerzes mit liebevoller Zuwendung zu begegnen. Zum anderen bedeutet es, sich innerlich immer nur so viel Schmerz auszusetzen, wie es sich im gegebenen Moment richtig anfühlt. Es ist meist möglich, sich vom Schmerz innerlich auch wieder zu distanzieren, wenn man merkt, dass er einen überwältigt, und auf andere Umgangsweisen zurückzugreifen: sich vielleicht abzulenken und anderen Empfindungen, z.B. dem Atem, zuzuwenden. Oder aber, bewusst Verhaltensweisen zu wählen, die die Schmerzen geringer werden lassen, wie z.B. die Körperhaltung zu verändern. Wichtig ist hier aber, dass diese anderen Strategien bewusst gewählt werden und nicht automatisch, da wir hier einen anderen Umgang mit Schmerz einüben wollen. Durch das neugierige, offene Wahrnehmen kann die Erfahrung von Anicca, von Vergänglichkeit, gemacht werden. Unsere Wahrnehmung tendiert manches Mal dazu, Dinge als beständig, als statisch wahrzunehmen, wo sie doch eigentlich in dauernder Veränderung sind. Durch das geduldige, achtsame Betrachten der Schmerzempfindung erkennen wir, dass der Schmerz – von dem wir vielleicht dachten, er sei immer auf die gleiche Art und Weise und im gleichen Maße anwesend – sich permanent wandelt: mal ist er dumpfer, mal spitzer, mal brennender; mal ist er stärker, mal schwächer. So kann die Erfahrung gemacht werden, dass alles – das Leidvolle ebenso wie das Freudvolle – kommt und geht. Sich mit Achtsamkeit dem Erleben zuzuwenden bedeutet nicht nur, dass wir uns dessen bewusst werden, was wir spüren, sondern auch der Tatsache, dass wir spüren. So entsteht ein präsentes Gewahrsein aller Empfindungen. Das Gewahrsein ist der Teil in uns, der schaut, der wahrnimmt. Das Erleben des Schmerzes taucht im Raum des Gewahrseins auf. Und manchmal gelingt es – meist mit fortgeschrittener Achtsamkeitspraxis –, in diesem Gewahrsein zu ruhen. In der Achtsamkeitspraxis versuchen wir, das Erleben des Schmerzes in dem weiten, offenen Raum des Gewahrseins liebevoll und geduldig halten. Dann entsteht vielleicht auch ein Erleben, dass das Gewahrsein an sich keine Schmerzen hat. Und wir können spüren, dass wir nicht mit dem Schmerz identisch sind – sondern dass die Erfahrung des Schmerzes kommen und gehen kann, während das Gewahrsein fortbesteht. Wichtig ist dabei jedoch, dass wir uns durch diese De-Identifikation nicht vom Erleben des Schmerzes abspalten. Es geht nicht darum, den Schmerz zu verdrängen, sondern darum, ihn innerhalb eines größeren Gewahrseins zu halten. Ein Repertoire an verschiedenen Strategien In achtsamkeitsbasierten Verfahren wird auch vermittelt, dass es nicht nur eine einzige, „richtige“ Art gibt, mit Schmerzen umzugehen, sondern ganz verschiedene Möglichkeiten. Es kann hilfreich sein, sich ein Repertoire an unterschiedlichen Strategien anzueignen, um dann je nach Situation und Schmerzempfinden flexibel eine davon auswählen zu können. Sich dem Schmerz achtsam zuzuwenden, neugierig, offen und mit Selbstmitgefühl, ist eine Möglichkeit, Ablenkung eine andere: Man atmet z.B. konzentriert ein und aus und lenkt die volle Aufmerksamkeit auf die Atemempfindung. Eine weitere Möglichkeit ist es, sich gezielt zu entspannen, indem man die Atmung verlangsamt oder ein warmes Bad nimmt. Man kann aber auch das Gewahrsein auf die Bereiche im eigenen Körper richten, die schmerzfrei sind, oder aber bewusst Veränderungen herbeiführen, die den Schmerz lindern, zum Beispiel die Haltung des Körpers verändern, oder gegebenenfalls Medikamente einnehmen. Achtsamkeitspraxis kann dabei helfen, genau zu beobachten und be-wusst zu entscheiden, was uns im gegenwärtigen Augenblick gut tut. Dies gelingt am besten, wenn man ein gutes Körpergewahrsein hat, und wenn man Erfahrungen gesammelt hat, was dem eigenen Befinden und dem eigenen Körper gut tut. Es wird angestrebt, im eigenen Verhalten flexibel zu werden, und nicht in neue starre und eventuell schmerzhafte Gewohnheiten zu verfallen. In der nachfolgenden Meditationsanleitung schlagen wir verschiedene Arten des Umgangs mit Schmerz zum eigenen Experimentieren vor. Meditation zum Umgang mit Schmerzen Diese Meditation dient dazu, verschiedene Arten des Umgangs mit Schmerzen auszuprobieren und damit zu experimentieren. Die Übung ist inspiriert von Übungen von Nancy Bardacke und Jon Kabat-Zinn. Sie besteht aus mehreren Phasen, die vom Ablauf identisch sind, und in denen jeweils eine andere innere Haltung Schmerzen gegenüber ausprobiert wird. Wenn Sie Schmerzen haben, können Sie in dieser Übung mit Ihren Schmerzen arbeiten. Falls Sie selbst keine Schmerzen haben, können Sie sich für diese Meditation selbst leichte Schmerzen zufügen, um den Umgang mit Schmerz in einer möglichst realistischen Situation ausprobieren zu können. Sie können dafür Ihre Hand in Eiswasser halten. Bereiten Sie also eine ausreichende Menge Eiswürfel vor, tun Sie sie in eine Schüssel und füllen Sie kaltes Wasser hinzu. Legen Sie ein Handtuch unter, und legen Sie ein zweites Handtuch zum Abtrocknen der Hand bereit, damit Sie sich dann während der Übung ganz auf die Meditation konzentrieren können. Tauchen Sie Ihre Hand nicht länger als 2 Minuten in das Eiswasser ein, um Gewebeschäden zu vermeiden. Sie können dafür eine Uhr oder einen Timer verwenden. Halten Sie also jeweils eine Hand für die Dauer einer der Phasen ins Eiswasser und probieren Sie eine der Meditationen aus. Nehmen Sie sich im Anschluss Zeit, um nachzuspüren; bleiben Sie dabei mit den Empfindungen Ihres Körpers, Ihrem Atem und Ihren Emotionen im Kontakt. Ein entscheidender Teil der Übung ist es auch, in den Zwischenphasen – in denen keine Schmerzen spürbar sind – ebenfalls mit dem Gewahrsein ganz präsent zu sein und das Erleben ganz bewusst wahrzunehmen. Es ist leicht, diese Momente zu verpassen, etwa, weil wir innerlich bereits die nächste Welle von Schmerzen vorwegnehmen. Aber das wäre schade! Denn wenn wir präsent bleiben, können wir diese leichteren und entspannenden Momente vielleicht sogar genießen. Meditation Setzen Sie sich aufrecht und gleichzeitig entspannt auf ein Sitzkissen, eine gefaltete Decke oder einen Stuhl. Nehmen Sie sich nun einen Moment Zeit, ganz bewusst durch Ihren gesamten Körper zu spüren. Erspüren Sie auch den Fluss der Atmung – wie der Atem ganz von selbst in den Körper hineinströmt und dann wieder aus ihm herausfließt. Lenken Sie dann Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu den Empfindungen, die Sie jetzt gerade wahrnehmen – ganz offen, ohne sie zu bewerten; spüren Sie einfach interessiert und neu-gierig hin. Phase: Widerstand Häufig sind wir es gewohnt, unangenehmen Empfindungen mit Widerstand zu begegnen: wir möchten sie nicht haben und wehren uns innerlich gegen sie. Diese Haltung wollen wir zunächst ausprobieren. Gehen Sie also für diese Phase absichtsvoll innerlich in den Widerstand gegen die Schmerzempfindungen. Sie können sich selbst sagen: „Wie schrecklich diese Empfindungen sind, fürchterlich unangenehm, eklig. Und ich armer Mensch muss diesen Schmerz aushalten! Wie ungerecht! Wird das wohl nie enden? Ich kann es fast nicht aushalten.“ Und spüren Sie im Anschluss für einen Moment nach. Kennen Sie diesen Umgang mit Schmerz? Vielleicht in einer ähnlichen Form? Phase: Konzentration (Atemempfindungen) In der zweiten Phase wollen wir eine andere Strategie ausprobieren – eine konzentrative Form der Meditation – und wollen die Aufmerksamkeit ganz bei den Atemempfindungen halten. Spüren Sie dafür die Empfindungen, die mit dem natürlichen Ein- und Ausströmen des Atems im Körper einhergehen – vielleicht das ruhige Heben und Senken des Brustkorbes oder der Bauchdecke; vielleicht die etwas kühlere Empfindung, wenn der Atem in die Nase einströmt, und die etwas Wärmere, wenn er wieder aus der Nase ausströmt. Wann immer die Schmerzempfindungen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versuchen, richten Sie die Aufmerksamkeit ganz bestimmt und stetig zurück zu den Atemempfindungen. Spüren Sie dann den Empfindungen wieder für einen Moment nach. Wie haben Sie den Schmerz oder die intensiven Empfindungen erlebt? Und spüren Sie dann auch zu den Empfindungen im jetzigen Moment. Phase: Achtsamkeit und Neugier Anstatt sich – wie wir das häufig tun – von den Schmerzempfindungen abzuwenden, wenden Sie sich ihnen nun zu. Spüren Sie ganz hinein: Wie fühlt es sich an? Ohne die Empfindungen zu verurteilen oder zu bewerten – einfach nur spüren. Möglichst neugierig. Vielleicht entdecken Sie etwas, was Sie zuvor noch nicht wahrgenommen haben. Welche Qualität hat diese Empfindung? Und wie verändert sie sich vielleicht, wenn Sie mit dieser Offenheit, Sanftheit und Akzeptanz dabei bleiben und die Empfindung freundlich in Ihrem Gewahrsein halten? Begegnen Sie sich in dieser Übung mit Freundlichkeit. Wenn es Ihnen zu viel werden sollte, dann kommen Sie zum Gewahrsein des Atems oder zu anderen Empfindungen zurück. Spüren Sie dann der Erfahrung aus dieser Phase nach. Reflektieren Sie vielleicht kurz darüber, wie sich die Erfahrung von denjenigen der anderen Phasen unterschieden hat. Und kommen Sie dann auch wieder zu den Empfindungen im Hier und Jetzt. Phase: Selbstmitgefühl Wenden Sie sich dafür innerlich sich selbst mit einer sehr liebevollen, sanften und mitfühlenden Haltung zu. Sie können sich vorstellen, wie Sie sich selbst im Angesicht dieser Schmerzen ganz liebevoll halten, so wie eine Mutter ihr kleines Kind hält und beruhigt. Vielleicht möchten Sie auch innerlich gute Wünsche für sich selbst aussprechen: „Möge ich mir selbst in diesem Schmerz mit Liebe begegnen.“ Oder: „Möge ich in Frieden mit diesen Empfindungen sein.“ Spüren Sie auch dieser Übung nach. Verweilen Sie einfach noch einen Moment. Welche Empfindungen sind jetzt spürbar? Phase: Uns dem in unserem Erleben zuwenden, das schmerzfrei ist Spüren Sie in Ihren Körper hinein, in die Bereiche Ihres Körpers, in denen in diesem Moment kein Schmerz wahrnehmbar ist. Verweilen Sie dort, und falls Sie abschweifen, richten Sie sich erneut dorthin aus. Und während Sie so spüren: Vielleicht können Sie auch Ihr Gewahrsein bewusst erleben. Das Gewahrsein in uns ist das, was in diesem Moment schaut; das in uns, was sich bewusst ist, dass es gerade erlebt. Das Gewahrsein hat natürlicherweise keinen Schmerz. Sondern es nimmt wahr, dass Schmerzen gegenwärtig sind. Vielleicht gelingt es Ihnen – vielleicht auch nur für einen kurzen Moment – in diesem Gewahrsein oder in diesem Bewusstsein zu verweilen. Sitzen Sie für die folgende Zeit einfach in Stille, spüren Sie diesem Teil der Übung nach, und seien Sie in Kontakt mit den Empfindungen im Hier und Jetzt. Zum Abschluss dieser Übung zum Experimentieren mit Schmerzen nehmen Sie sich nochmal Zeit, um zu reflektieren. Vielleicht haben Sie bei dieser Übung etwas über sich oder über Ihren Umgang mit Schmerzen gelernt. Haben Sie vielleicht etwas erlebt, das Sie überrascht hat? Haben Sie vielleicht Muster in Ihrem persönlichen Umgang mit Schmerz entdecken können? Austausch in der Dyade: Tauschen Sie sich mit der/m Ihnen zufällig zugeteilten Partner/in über Ihre Erfahrung mit der Übung aus: was haben Sie bemerkt? Gab es Unterschiede zwischen den Phasen? Was hat Sie überrascht? Was hat es möglicherweise mit dem Erleben in Ihrem Alltag zu tun? Facetten der Achtsamkeitspraxis Die obige Beschreibung und die praktische Übung verdeutlichen, dass der achtsame Umgang mit (körperlichen oder emotionalen) Schmerzen komplex ist. Was in der subjektiven Erfahrung als eine bestimmte innere Ausrichtung erlebbar ist, kann bei theoretischer Betrachtung in verschiedene Facetten unterteilt werden: 1. das Spüren der sensorischen Aspekten der Wahrnehmung 2. die nicht-wertende Haltung (Unterlassen der Deutung) 3. das nicht-Identifizieren mit den Schmerzen 4. die liebevoll-mitfühlende Haltung Wir sind in der neurowissenschaftlichen Forschung weit davon entfernt, die neuronalen Entsprechungen dieser Facetten benennen zu können und mit Sicherheit lassen sie sich auch nicht 1-zu-1 abbilden. Dennoch gibt es inzwischen erste Studien, die sich mit diesen Aspekten beschäftigen und von ihnen möchte ich weiter unten einige vorstellen. Wirksamkeit der Achtsamkeitsübungen bei Schmerzen: Klinische Studien Eine steigende Anzahl von Studien belegt, dass das Schmerzempfinden durch Achtsamkeit verändert wer-den kann. Bereits Anfang der 80er Jahre führten Jon Kabat-Zinn und seine Kollegen eine Reihe von Studien durch, in denen die Effekte des MBSR-Programms bei Patienten mit verschiedenen Arten von chronischen Schmerzen untersucht wurden. In einer ersten Studie mit 90 Patienten hatten die Teilnehmer nach dem Kurs weniger Schmerzen, waren weniger auf Schmerzmedikamente angewiesen und weniger in ihren Alltagsaktivitäten eingeschränkt. Des Weiteren hatten sie ein höheres Selbstwertgefühl und fühlten sich weniger ängst-lich und depressiv. Diese Studie wurde erweitert, und es zeigte sich, dass die Mehrheit der Patienten auch vier Jahre nach der Intervention noch Achtsamkeit praktizierte. Obwohl die Schmerzen vier Jahre nach der Intervention wieder auf das Niveau vor der Intervention angestiegen waren, blieben die positiven Effekte auf Körper und Psyche erhalten. Seit damals wurden in einer ganzen Reihe weiterer Studien die Effekte achtsamkeitsbasierter Interventionen bei Patienten mit verschiedenen Arten von chronischen Schmerzen untersucht, die in verschiedenen Metaanalysen zusammengefasst sind. Eine Analyse von Veehof und Kollegen aus dem Jahr 2016 schließt 25 randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 1285 chronischen Schmerzpatienten ein. Es zeigten sich, dass achtsamkeits- und akzeptanzbasierte Verfahren bei Patienten mit chronischen Schmerzen positive Effekte auf die Schmerzintensität und auf schmerzbezogene Variablen wie Depression, Ängstlichkeit, Beeinträchtigung und Lebensqualität haben. Diese Effekte waren klein bis mittelgroß. Auch in Nacherhebungen einige Zeit nach der Intervention zeigten sich noch kleine positive Effekte auf die Schmerzintensität und die Beeinträchtigung durch die Krankheit. Ähnlich fasst eine Studie von Hilton und Kollegen 38 Studien zusam-men und schließt, dass es positive Effekte auf Schmerz, depressive Symptome und ebensqualität gibt. Achtsamkeits- und akzeptanzbasierte Interventionen scheinen zwar kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ver-fahren nicht überlegen zu sein, können aber durchaus gute Alternativen darstellen. Sie verbessern Schmerzsymptomatik für eine breite Reihe verschiedener Schmerzen, wie Fibromyalgie, Kopfschmerzen, Reizdarmsyndrom und chronische Rückenschmerzen. Allerdings ist die Datenlage nicht komplett eindeutig. So kommen jüngere Metaanalysen und Review-Artikel zum Teil auch zu dem Schluss, dass eine gute Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Programme nicht auf alle Variablen bescheinigt werden kann. Ein aktuelles Review zu den Effekten von Mindfulness-Based Cognitive Therapy bei chronischen Schmerzen, das acht Studien in die Analyse einbezog, konnte z.B. einen kurzzeitigen Effekt auf die depressive Stimmung, aber keine Verbesserung der Schmerzintensität oder -akzeptanz finden. Aufgrund der oft noch schlechten methodischen Qualität der Studien wird zudem betont, dass weitere Studien erforderlich sind, um klarere Aussagen treffen zu können. Neuronale Mechanismen der Schmerzmodulation Es gibt inzwischen einige Studien, die sich mit der Frage befasst haben, welche neuronalen Mechanismen der Schmerzmodulation durch Achtsamkeit zugrunde liegen. Die meisten dieser Studien wurden mit gesunden Probanden und akuten, experimentell zugefügten Schmerzen durchgeführt. Wir haben in einer Querschnittsstudie 34 gesunde Probanden untersucht; die Hälfte von ihnen waren erfahrene Achtsamkeitsmeditierende mit einer durchschnittlichen Meditationserfahrung von fast 6.000 Stunden, die andere Hälfte hatte keine vorherige Meditationserfahrung, entsprach den Meditierenden jedoch bezüglich Alter, Bildung, Geschlecht etc. Die Probanden wurden in den Kernspintomographen gelegt, um Aufnahmen der Hirnaktivierung zu machen. Ihnen wurden dann mittels elektrischer Stimulation Schmerzen am rechten Unterarm zugeführt; die Stärke hatten sie zuvor selbst so einstellen können, dass sie sie als leicht schmerz-haft empfanden. Die Probanden wurden gebeten, den Reizen mit verschiedenen inneren Haltungen zu begegnen: in einem Zustand der Achtsamkeitsmeditation und in einem neutralen, alltagsüblichen Zustand. Im Anschluss an die verschiedenen Phasen sollten die Probanden einschätzen, als wie unangenehm und wie stark sie die Schmerzen empfanden und wieviel Angst sie davor hatten. Abbildung 1: Subjektive Bewertungen über Schmerz (a) Intensität, (b) Unangenehme, und (c) antizipierende Angst von erfahrenen Meditierenden und Kontrollpersonen im Zustand der Achtsamkeit (Mindfulness) und im alltagsüblichen Zustand (Baseline). Es zeigte sich, dass die erfahrenen Meditierenden im Zustand der Achtsamkeit die Schmerzreize als signifikant weniger unangenehm erlebten, und dass sie deutlich weniger Angst vor den Schmerzen hatten, während sie die Stärke der Reize nicht anders wahrnahmen als die Kontrollgruppe. Im Gehirn der Achtsamkeitsmeditierenden war eine interessante Veränderung zu sehen: Während Areale, die für die sensorische Verarbeitung des Reizes zuständig sind – nämlich die sogenannte posteriore Insula und der sekundäre somatosensorische Kortex – stärker aktiviert waren, nahm die Aktivierung in seitlich-präfrontalen Arealen ab, in de-nen eine kognitive Bewertung und Kontrolle des Schmerzes stattfindet. Abbildung 2: Hirnaktivierung währender der Baseline (blau) und Achtsamkeitsbedingung (grün) bei erfahre-nen Achtsamkeitsmeditierenden (MP) und nicht-meditationserfahrenen Kontrollpersonen (CT) ährend sie elektrische Schocks erhalten. Rote Aktivierungen: Aktivierung ist stärker bei den Meditierenden; blaue Flecken: Aktivierung ist stärker bei den Kontrollpersonen. Dieses Muster der Hirnaktivierung unterscheidet sich deutlich von anderen kognitiven Strategien zur Schmerzregulation, die üblicherweise ein gegenteiliges Muster zeigen: Wenn Probanden z.B. glauben, der Schmerz sei nicht so schlimm, weil sie Kontrolle darüber haben, sieht man eine erhöhte Aktivierung in den seitlich-präfrontalen Regionen, während die Aktivierung in den sensorischen Arealen abnimmt. Während die gefundene Aktivierung im deutlichen Kontrast zu anderen Strategien der Schmerzmodulation steht, ist sie im Einklang mit dem Zustand der Achtsamkeit. Die erhöhte Aktivierung im Zustand der Achtsamkeit in sensori-schen Hirnarealen entspricht dem deutlichen Erleben der Sinnesempfindung des Schmerzes. In Bezug auf die oben erwähnten Facetten der Achtsamkeit entspricht das der 1. Facette: Hinwenden zu den sensorischen Aspekten der Wahrnehmung. Die Verringerung der Aktivierung in Regionen, die für die Bewertung und Umdeutung des Schmerzerlebens zuständig sind, scheint im Einklang mit der offenen, nicht-wertenden Haltung der Achtsamkeit zu stehen und könnte der 2. oben beschriebenen Facette entsprechen. Über sehr ähnliche Ergebnisse berichteten auch Kollegen. Grant und Kollegen analysierten z.B. bei Zen-Meditierenden die funk-tionelle Konnektivität, also gemeinsame Aktivierungsmuster und fanden eine Entkoppelung zwischen schmerzverarbeitenden Regionen (Insula, Thalamus, SII) und Regionen, die eine sensorisch-affektiven Deutung (appraisal) der Schmerzen vornehmen (siehe Abbildung untere Reihe). Die Muster der Hirnaktivierung verbildlichen somit gut den achtsamen Zustand und sind im Einklang mit der oben beschriebenen Metapher der zwei Pfeile. Im Gegensatz zu diesen Studien mit erfahrenen Meditierenden zeigen Studien mit Anfängern ein deutlich anderes Muster der Hirnaktivierung (siehe Abbildung mittlere Reihe), nämlich eine Zunahme der Aktivierung in Regionen, die mit der kognitiven Kontrolle (rostraler anteriorer cingulärer Kortex, rACC) bzw Uminterpretation der Sinnesempfindungen zu tun haben (orbitofrontaler Kortex, OFC), und eine Verringerung der Hirnaktivität in den Arealen, die die sensorische Komponente des Schmerzes repräsentieren (Thalamus: ein Knotenpunkt aufsteigender Schmerzinformation aus dem Rückenmark). Dies könnte damit zusammenhängen, dass Anfänger der Achtsamkeitspraxis zunächst verstärkt kognitive Bewertung und Kontrolle einsetzen, um Schmerzen zu regulieren, bevor sie in weiter fortgeschrittenen Stadien der Praxis Akzeptanz gegenüber den Empfindungen erlangen. Auch interessant sind Befunde zur Achtsamkeit als Persönlichkeitsmerkmal (dispositionelle Achtsamkeit). Unabhängig von Meditationserfahrung können Menschen achtsamer oder weniger achtsam sein. Dies wir mittels Achtsamkeitsfragebögen erfasst. Zeidan und Kollegen untersuchten die Hirnaktivierung von Men-schen mit unterschiedlichem Ausmaß an dispositioneller Achtsamkeit als Reaktion auf Hitzeschmerz. Sie fanden, dass diejenigen, die hohe Achtsamkeitswerte berichteten, höhere Deaktivierungen in posterioren midline Strukturen des Default Mode Netzwerkes zeigten, nämlich im Precuneus und posterioren cingulären Cortex (siehe Abbildung obere Reihe). Das Default Mode Netzwerk wird mit selbstbezogenen Verarbeitungen in Zusammenhang gebracht. Die Autoren spekulieren daher, dass diese reduzierte Aktivierung damit zu tun haben könnte, dass Personen mit höheren Achtsamkeitswerten die Schmerzerfahrung weniger persönlich verarbeiten. Somit passt dieser Befund möglicherweise zur 3. oben formulierten Komponente. Diese Spekulation bleibt zu überprüfen. Abbildung 3: Hirnaktivierungen (in rot-orange-gelb) und -deaktivierungen (in blau) als Antwort auf Schmerzreize in Zusammenhang mit dispositioneller Achtsamkeit (obere Reihe) nach kurzem Achtsamkeitstraining (mittlere Reihe) und bei Meditierenden mit umfangreicher Erfahrung (untere Reihe). ​​ 4. Schwierige Gefühle Auf eine ähnliche Art wie körperlichen Schmerzen, kann man auch emotionalen Schmerzen mit Achtsamkeit begegnen, also allen schwierigen Gefühlen, wie Trauer, Angst, Stressempfinden, Depressivität, etc. Da wir uns im letzten Regionalmeeting viel mit dem achtsamen Umgang mit Stress beschäftigt haben (kann im dazugehörigen Manuskript nachgelesen werden) und es auch nochmal Thema beim Quizabend am 16.09.2021 sein wird, möchte ich an dieser Stelle nicht noch einmal auf Stress eingehen, sondern will mich auf das Thema Depression beziehen. Die klinische Erfahrung und Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat gezeigt, dass Achtsamkeit sehr erfolgreich zur Behandlung und Rückfallprophylaxe bei Depressionen einge-setzt werden kann. Wir haben kürzlich eine neurowissenschaftliche Studie veröffentlicht, die sich die neuro-nalen Mechanismen der Symptomverbesserung bei einer kurzen Achtsamkeitsintervention angesehen hat, die ich unten vorstellen möchte. Depression: Symptome und Prävalenz Laut WHO leiden weltweit über 264 Mio. Menschen an Depressionen. In Deutschland liegt die 12-Monats-Prävalenz affektiver Störungen in der Altersgruppe der 18–65-jährigen bei 12%, die Lebenszeitprävalenz bei 19 %. Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Mit der zweiten Welle der Pandemie sind die Zahlen nochmal deutlich angestiegen, so dass in internationalen Studie z.T. die Rede davon ist, dass jede dritte Person an Depressionen leidet. Die Krankheit reduziert die Lebensqualität der Betroffenen dramatisch und ist außerdem mit enormen Kosten für die Gesellschaft verbunden. Laut WHO stellt Depression die häufigste Ursache für Invalidität dar und liefert einen der größten Beiträge zur globalen Krankheitslast. Die Hauptsymptome der Depression sind gedrückte, depressive Stimmung, Interessenverlust und Freudlosigkeit und Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit. Zusatzsymptome können sein: verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Gefühle von Minderwertigkeit, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken oder -handlungen, Schlafstörungen und verminderter Appetit. Achtsamkeit im Umgang mit Depression Aus der Symptombeschreibung wird deutlich, dass Achtsamkeit eine sinnvolle Behandlungsmöglichkeit der Depression darstellen könnte. In der Tat haben sich achtsamkeitsbasierte Programm als effektiv bei Depressionen erwiesen. Während Achtsamkeitskurse für Depressionen zunächst als Rückfallprophylaxe bei gegenwärtig nicht-depressiven Patienten genutzt wurde, zeigen neuere Studien, dass auch akut Depressive von Achtsamkeitsinterventionen profitieren können. Hier kommt der Achtsamkeitspraxis vor allem die Rolle zu, einen anderen Umgang mit gegenwärtig schwierigen Emotionen und Kognitionen zu finden. Mindfulness-Based Cognitive Therapy ist eine evidenzbasierte psychotherapeutische Intervention, die aus-gewählte Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie bei Depression mit der klinischen Anwendung von Achtsamkeitsmeditation kombiniert. MBCT Kurse bestehen aus acht wöchentlichen Gruppensitzungen, einem ganztägigen Tag der Stille und individuellen Hausaufgaben (Achtsamkeitsübungen und Reflexionen) zwischen den Sitzungen. Inzwischen haben verschiedene Meta-Analysen die Effektivität von MBCT untersucht und stellen ihr eine gute Effektivität zur Reduktion von depressiven Symptomen aus. Hofmann und Kollegen fanden einen großen Effekt für die Reduktion depressiver Symptome in einer Mischung unterschiedlicher klinischer Störungen. Piet und Hougaard, die den Effekt von MBCT für die Rückfallprävention bei wiederkehrenden Depressionen in Remission untersuchten, fanden eine Reduktion des Risikos auf einen Rückfall von 43% für Patienten mit drei oder mehr bisherigen Episoden und fanden, dass MBCT vergleichbare Effekte mit antidepressiver Medikation (zur Rückfallprophylaxe) zeigt. Kuyken und Kollegen fanden, dass MBCT gerade bei schwereren Krankheitsgraden vor Behandlung anderen Verfahren überlegen war. Postulierte Mechanismen Durch Achtsamkeitsübungen, wie den Bodyscan, einfache Yogaübungen und längere Sitzmeditation lernen die Patienten, des Flusses von Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen (auch der intensiven und unangenehmen) gewahr zu werden und sich ihnen urteilsfrei zuzuwenden. Es wird angenommen, dass das regelmäßige Achtsamkeitstraining dabei hilft, die Aufmerksamkeit zu erhöhen und gleichzeitig der beobachteten Erfahrung eine akzeptierende Haltung entgegenzubringen. Diese Fähigkeiten ermöglichen das sogenannte ‚decentering‘. Darunter versteht man die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle als vorübergehende Geschehnisse im Geist zu beobachten, anstatt sie als Teile des eigenen Selbst zu verstehen, die zwingender-weise wahr sind. Es geht also um die Fähigkeit einer Person, sich von ihren Gedanken und Gefühlen zu distanzieren und diese objektiv zu betrachten. In Verbindung mit den Elementen aus der kognitiven Verhaltenstherapie, nämlich z.B. Psychoedukation über die Rolle der Gedanken für Depression, kommen die Patienten also zunehmen in die Lage, der automatischen Aktivierung gewohnheitsmäßiger dysfunktionaler Glaubenssätze und Gedanken (wie Grübeleien) bewusst zu werden, sich zu dis-identifizieren und damit aus die-sen dysfunktionalen Prozessen auszusteigen. Zusammen sollen a) das Bewusstwerden der automatischen dysfunktionalen Prozesse, b) das De-zentrieren, c) das Meta-Gewahrsein der Gedanken und Gefühle und d) die nicht-verurteilende, mitfühlende Haltung die Patienten davor bewahren, in einem Teufelskreis depressionserzeugender Gedanken und Ge-fühle hängen zu bleiben, die in eine neue depressive Episode führen können. Frühere Forschung hat Veränderungen in der Fähigkeit zum decentering als wichtige vermittelnde Variable für den Behandlungserfolg bei depressiven Patienten beschrieben. Ein Reviewartikel, der alle Studien zusammen trug, die sich mit den Wirkmechanismen der Behandlung durch MBCT beschäftigte, kam zu dem Ergebnis, dass außerdem die folgenden Variablen wichtige vermittelnde Wirkfaktoren darstellen: verstärkte Achtsamkeit (als Persönlichkeitsvariable), die Reduktion von Grübeln (rumination) und sich sorgen (worry), sowie erhöhtes Selbstmitgefühl und Meta-Bewusstsein (Meta-Awareness). Neurowissenschaftliche Korrelate einer Symptomverbesserung durch Achtsamkeit In einer Studie mit dem Kernspintomographen haben wir vor kurzem untersucht, welche Veränderungen sich in Hirnregionen bei Menschen mit chronischen oder wiederkehrenden Depressionen ergeben, wenn sie in einer akut depressiven Phase eine kurze Achtsamkeitsintervention durchlaufen. Die Studie fand an der FU Berlin statt und wurde von meinem Kollegen Thorsten Barnhofer geleitet. Thorsten Barnhofer hat in einer größeren klinischen Studie 74 Patienten zufällig einer 2-wöchigen Achtsamkeitsintervention oder einer Kontrollgruppe zugewiesen. In der Achtsamkeitsintervention wurde (wie oben beschrieben) die Fähigkeit trainiert, die Aufmerksamkeit zu regulieren und mit der Erfahrung aus einer ‚dezentrierten‘ (dis-identifizierten) Perspektive und mit Offenheit und Akzeptanz umzugehen. Die Intervention bestand aus wöchentlichen Treffen mit einer Psychotherapeutin (insgesamt drei Treffen), in denen die Achtsamkeitspraxis und das zugrunde liegende Rational vermittelt wurden, sowie Erfahrungen mit der Praxis besprochen wurden. Täglich übten die Teilnehmer der Achtsamkeitsgruppe zweimal für 25 min Meditationen. Die Kontrollgruppe war eine Psychoedukations- und Ruhebedingung, während der die Teilnehmer sich neben den Treffen mit der Psychotherapeutin (anstatt der Achtsamkeitsübungen) ausruhten (um Stress zu reduzieren, der Depressionen auslösen kann). Die Patienten in der Achtsamkeitsbedingung zeigten deutliche und signifikant bessere Symptomreduktionen, reduzierte Tendenz zum Grübeln und verringerte kognitive Reaktivität auf negative Gefühle. Von 16 Patienten aus der Achtsamkeitsgruppe und von 22 Patienten aus der Kontrollgruppe wurden zusätz-lich im Kernspintomographen Aufnahmen der Hirnaktivierung vor und nach den Interventionen gemacht, um eine Veränderung der Antwort des Gehirns auf emotionale Reize zu erfassen. Im Scanner bekamen sie Fo-tos mit emotionalen Gesichtsausdrücken zu sehen, nämlich fröhliche, neutrale und wütende Ausdrücke (sie-he Abbildung). Es handelt sich dabei um ein häufig verwendetes Paradigma, um eine Verarbeitung emotio-naler Reize zu erfassen. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, die dargestellte Emotion mittels Knopf-druck der passenden von zwei auf dem Bildschirm genannten Emotionen per rechtem oder linkem Knopf-druck zuzuordnen (sog. affect labeling). Die Auswertung der Daten zeigte, dass sich die Hirnaktivierung als Antwort auf die negativen emotionalen Reize (also wütende Gesichtsausdrücke) im Anschluss an die Achtsamkeitsintervention veränderte, in der Kontrollbedingung hingegen nicht. Es zeigte sich in der Achtsamkeitsbedingung eine reduzierte Aktivierung im rechten dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC) (siehe Abbildung). Abbildung 4: Hirnaktivierung im rechten dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC) ist in der Achtsamkeitsgruppe nach der Intervention reduziert, wenn negative emotionale Reize (wütende Gesichtsausdrücke) per Knopfdruck benannt werden. Da wir aus der größeren klinischen Studie von denselben Patienten die Fragebogenwerte für die Symptomveränderung vor und nach der Intervention hatten, sowie die Werte auf zwei weiteren Fragebögen, war es uns möglich, den Zusammenhang zwischen diesen Veränderungen und den Veränderungen der Hirnaktivierungen zu analysieren. Interessanterweise waren die Veränderungen der Hirnaktivierung deutlich korreliert mit der Reduktion der depressiven Symptome sowie reduziertem Brooding (Grübeln) und erhöhtem Decentering (siehe Abbildung). Diese Korrelationen deuten darauf hin, dass es sich bei der Veränderung der Hirnaktivierung im DLPFC um eine für das subjektiven Erleben der Patienten sehr relevanten Befund handelt. Abbildung 5: Korrelation der veränderten Hirnaktivierung im rechten DLPFC in der Achtsamkeitsgruppe (‚mean beta estimate‘) mit der Veränderung in den depressiven Symptomen (BDI-II), einer Fragebogenskala für Brooding und einem Fragebogen für Decentering. Wie bereits oben erläutert, ist der DLPFC an der Regulation von Emotionen wesentlich beteiligt. Dort ermög-licht er ein sogenanntes Reappraisal (also das Umdeuten) bzw auch ein Unterdrücken negativer Gefühle. Gerade in der rechten Hemisphäre wurde der DLPFC der Funktion zugeordnet, Aufmerksamkeitsmodulation bei emotionalen Beurteilungen vorzunehmen. Eine reduzierte Aktivierung des rechten DLPFC nach dem Achtsamkeitstraining könnte anzeigen, dass die Patienten gelernt haben, nicht in ein Umdeuten, gedankliches Bearbeiten oder Unterdrücken negativer emotionaler Stimuli einzusteigen. Tatsächlich ist aus früheren Studien bekannt, dass depressive Patienten den DLPFC während der Emotionsverarbeitung zwar deutlich stärker, aber weniger effektiv aktivieren. Wir vermuten daher, dass die Patienten nach der Achtsamkeitsintervention die Emotionen effektiver regulieren können, ohne auf eine überhöhte DLPFC Aktivierung und damit einhergehende Tendenz, Emotionen übermäßig zu bearbeiten/unterdrücken/umzudeuten (die bei Depressionen häufig zu einer Verschlechterung der Symptomatik durch Grübeln führen) zurückzugreifen. Dazu passt gut der Befund, dass diese Veränderung im Gehirn mit der Verbesserung im decentering einher geht, also mit der Fähigkeit, sich nicht mit den Empfindungen zu identifizieren, sondern sie aus einem inneren Abstand heraus betrachten zu können, sowie mit einer Verminderung der Tendenz, über die Gefühle zu grübeln und mit einer Symptomreduktion. Was eine Zuordnung dieser Befunde zu den oben genannten 4 Aspekten angeht, so passt die reduzierte Tendenz zum Umdeuten/Elaborieren gut zur 2. Komponente der nicht-wertenden Haltung. Reduzierte DLPFC Aktivierung könnte auch in diesem Fall also ein Korrelat dieser veränderten Herangehensweise an schwierige Erfahrungen darstellen. Eine erhöhte Kapazität zum De-centering entspricht der 3. Komponente, dem nicht-identifiziert sein mit den schwierigen Erfahrungen. Die RAIN Meditation Nach Michele McDonald / Tara Brach R - Recognize A - Allow I - Investigate N - Non-Identification / Nurture 5. Mitgefühl Während die Befunde der bisher beschriebenen Studien gut zu den Komponenten 1, 2 und 3 passen, stellt die Komponente 4, also die liebevoll-mitfühlende Haltung, eine noch etwas andere Ausrichtung dar. In den Buddhistischen Schriften wird das Mitgefühl als eine der vier Brahmaviharas aufgeführt. Brahmavihara wird übersetzt mit den ‚himmlischen/göttlichen Verweilzuständen‘ oder den ‚Unermesslichen‘ und beinhaltet neben dem Mitgefühl auch die Mitfreude, den Gleichmut und die liebende Güte. Es handelt sich dabei um Geisteshaltungen, die man anderen Wesen gegenüber kultivieren sollte. Die vier Brahmaviharas stehen in enger Beziehung zueinander und beschreiben verschiedene Facetten einer auf einer freundschaftlichen Form der Liebe basierenden Verbundenheit mit allen Wesen. Meditationslehrer sprechen von Achtsamkeit und Mitgefühl als von den zwei Flügeln des Vogels der Weis-heit. Beide sind auf dem Weg zu Befreiung notwendig und ergänzen einander. Mitgefühl wird zwar typi-scherweise als Bestandteil der Achtsamkeitspraxis in den gängigen achtsamkeitsbasierten Stressreduktions-kursen gelehrt. Ihr kommt dort jedoch kein zentraler Stellenwert zu. Es wurden daher in den letzten Jahren auch für den sekulären und klinischen Kontext spezielle Kurse zur Kultivierung des Mitgefühls bzw. Selbst-mitgefühls entwickelt, nämlich das Mindfulness-Based Compassionate Living (MBCL) Programm und das Mindful Self Compassion (MSC) Training oder auch die Compassion Focused Therapy im klinischen Be-reich. Selbstmitgefühl kann dabei als eine Art der Ausrichtung der Haltung des Mitgefühls verstanden werden, nämlich auf sich selbst. Die Selbstmitgefühlspause ist eine Übung aus dem MSC Kurs und beinhaltet erstens das Bewusstwerden und Anerkennen des Leidens, zum zweiten das Verständnis, dass Leid Teil des gemeinsamen Menschseins ist und drittens ein liebevolles Umsorgen bzw. Mitgefühl. Die psychologische und neurowissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahren neben der Achtsamkeit auch zunehmend das Mitgefühl in den Blick gerückt. Es gibt inzwischen sogar die ersten Pilotstudien, die sich mit den neuronalen Korrelaten des Selbstmitgefühls beschäftigen. Jedoch ist bei den wenigen Studien zum Selbstmitgefühl die Befundlage noch nicht einfach zu interpretieren, weshalb ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen möchte. Etwas besser erforscht ist der Bereich des Mitgefühls für andere. Bezüglich der neurowissenschaftlichen Korrelate des Mitgefühls ist die Forschung von Tania Singer, Olga Klimecki und Kollegen wegweisend. Sie haben Studien vorgelegt, um die am Mitfühlen beteiligten Hirnregionen zu erkunden und beschreiben, welche Hirnregionen in ihrer Funktion gestärkt werden, wenn Mitgefühl durch entsprechende Meditationstrainings, v.a. loving kindness Meditation, trainiert wird. Selbstmitgefühlspause (nach Neff & Germer,2011) Wenn wir gestresst sind, merken wir das oft in unserem Körper durch Druck, Anspannung, oder Unwohlsein. Spüren Sie, ob Sie in diesem Moment an einer bestimmten Körperstelle Stress wahrnehmen können. Wo ist er am deutlichsten spürbar? Spüren Sie den Stress an der Stelle, wo er sich als Körperempfindung bemerk-bar macht. Vielleicht möchten Sie sogar fürsorglich eine Hand auf diese Körperstelle legen. Sagen Sie dann zu sich selbst: Das ist ein wirklich stressiger Moment. Ich spüre, dass der Körper sich gestresst fühlt.‘ Wir alle haben diese Momente in unserem Leben. Legen Sie nun die Hände auf das Herz, spüren Sie die Wärme und den sanften Druck Ihrer Hände auf Ih-rem Brustkorb. Oder wählen Sie eine umsorgende Berührung, die Ihnen guttut. Möge ich mir selbst das Mitgefühl geben, das ich brauche.‘ Möge ich gut für mich sorgen.‘ Möge ich in Frieden sein.‘ Unterschied zwischen empathischem Stress und Mitgefühl Klimecki und Singer (sowie auch viele andere Forscher) betonen, dass es einen wesentlichen Unterschied verschiedener Arten der Empathie gibt. Unter Empathie wird verstanden, dass die Emotion einer anderen Person geteilt wird und man sich dessen bewusst ist, dass die andere Person die Quelle des eigenen affektiven Zustandes ist. Man kann also sowohl mit angenehmen als auch mit unangenehmen Emotionen empathisch sein. Wenn es um das empathische Erleben von Leid geht, muss eine wichtige Unterscheidung getroffen werden, nämlich die zwischen ‚empathischem Stress (empathic distress)‘ und ‚Mitgefühl (compassion)‘. (In anderen Arbeiten werden z.T. andere Termini für diese beiden Zustände verwendet.). Beim empathischen Stress wird das Leid des anderen so stark geteilt, dass das Erleben negativer Emotionen überwältigend wer-den kann und zum Rückzug führen kann. Menschen in helfenden Berufen haben ein erhöhtes Risiko für empathischen Stress, der auch mit erhöhten Burnout Raten einher geht. Die geteilte Erfahrung des Leids mit anderen kann anstatt zu empathischem Stress aber auch zu Mitgefühl führen. Mitgefühl ist charakterisiert durch ein Gefühl der Wärme, Barmherzigkeit, Anteilnahme und Sorge um eine andere Person, gekoppelt mit einer starken Motivation, den Zustand der Person zu verbessern. Neuronale Korrelate In einer interessanten Studie zur Untersuchung der neuronalen Korrelate dieser beiden Arten, mit dem Leid anderer umzugehen, trainierten Klimecki und Kollegen eine Gruppe von 25 Versuchsteilnehmerinnen zu-nächst in Empathie und dann in Mitgefühl. Für die Empathie sollten die Teilnehmerinnen mit dem Leid fühlen, als wäre es ihr eigenes. Beim Mitgefühlstraining wurden liebende Güte Meditationen geübt. Eine Vergleichsgruppe aus 28 Versuchsteilnehmerinnen erhielt in der gleichen Zeit jeweils ein Gedächtnistraining. Im Kernspintomographen wurde den Teilnehmerinnen im Anschluss an jede Trainingsphase Filmclips mit leidenden Menschen gezeigt (aus Nachrichten oder Dokumentationen) und die Hirnaktivierungen erfasst. Das Empathietraining, aber nicht das Gedächtnistraining, führte zu höherem negativen Affekt. Der negative Affekt wurde dabei nicht nur in Bezug auf die Filmclips mit leidenden Menschen berichtet, sondern trat auch als Reaktion auf neutrale Filmclips aus, d.h. er schien sich auf andere Situationen zu übertragen. Im Gehirn zeigten sich stärkere Aktivierungen in der anterioren Insula und dem anterioren mid-cingulären Cortex. In diesen Hirnregionen wurde bereits in früheren Studien Aktivierung bei der Empathie für den Schmerz anderer gefunden. Ganz andere Befunde zeigten sich hingegen nach dem Mitgefühlstraining: Dieses konnte die Zunahme an negativem Affekt reduzieren. Es zeigte sich hingegen eine Zunahme an positivem Affekt. Und auch hier wurde beobachtet, dass das Erleben des positiven Affektes sich auf andere, neutrale Situationen übertrug. Im Gehirn wurde ein Netzwerk stärker aktiviert, das Regionen des ventralen Stria-tum, pregenualen anterioren cingulären Cortex und dem medialen orbitofrontalen Cortex enthielt. Die in dieser Studie mit Empathie und Mitgefühl assoziierten Netzwerke, stimmen mit Netzwerken überein, die aus der psychologischen und neurowissenschaftlichen Forschung bekannt sind. Demnach gibt es zwei unterschiedliche Systeme: Das eine System (‚threat and social disconnection‘) steht mit dem Gefühl des sozialen Getrenntseins in Verbindung, mit Stress und aggressivem Verhalten, und das andere (‚reward and social connection‘) mit Belohnung, Mitgefühl, sozialer Verbundenheit und Hilfeverhalten. Die beiden wirken als Gegenspieler. Das System zum ‚Reward and social connection‘ ist im Gehirn repräsentiert durch verstärkte Aktivierung in Regionen wie dem ventralen medialen prefrontalen Cortex und dem ventralen Striatum; also Regionen, die in der Studie von Klimecki und Kollegen im Anschluss an das Mitgefühlstraining stärker aktiviert waren. Diese Netzwerke werden auch durch Belohnung aktiviert. Demgegenüber steht die Erfahrung des ‚Threat and social disconnection‘ (z.B. durch sozialen Ausschluss) in Zusammenhang mit Aktivierungen in bedrohungssensitiven Hirnregionen, nämlich der anterioren Insula und dem anterioren cingulären Cortex. Diese sind auch relevant, um die affektive Komponente schmerzhafter oder unangenehmer Erfahrungen zu bearbeiten. In der Studie von Klimecki und Kollegen waren Aktivierungen hier nach dem Empathietraining verstärkt. Abbildung 6: Unterschiedliche Plastizität in Netzwerken, die mit Mitgefühl (in grün: medialer orbitofrontaler Cortex (mOFC), subgenualer anteriorer cingulärer Cortex (sgACC), Striatum (Str), ventrale tegmentale Region (VTA)/substantia Nigra (SN)) und empathischem Stress (in blau: anteriore Insula (AI), anteriorer mittlerer cingulärer Cortex (aMCC); in blau) in Verbindung stehen. (Quelle: Klimecki, 2015) Diese Befunde verdeutlichen: Aktivierungen in diesen Hirnregionen und damit einhergehende Empfindungen sind trainierbar, d.h. sie können durch Übung verstärkt werden. Verhaltenskorrelate von Mitgefühl und empathischem Stress Verhaltensstudien bestätigen, dass Mitgefühl mit helfendem und verzeihendem Verhalten in Verbindung steht, während empathischer Stress Hilfeverhalten reduziert und mit zunehmend aggressivem Verhalten in Verbindung gebracht wird. In einem Experiment von Klimecki et al. zeigte sich, dass Personen mit höheren dispositionellen Mitgefühlswerten in einem extra dafür konzipierten Videospiel einer anderen Person, die zuvor ungerecht gehandelt hatte, eher verzeihendes Verhalten entgegen brachten, während diejenigen mit stärkeren empathischen Stress eher aggressives Verhalten zeigten. Und Mitgefühlstraining führt zu höherem Hilfeverhalten, wie sich zum Beispiel in einem anderen, dafür konzipierten Computerspiel zeigte, dem Zürich Prosocial Game, sowie auch in einer lebensnahmen, experimentellen Situation, in der Personen nach einem Mitgefühlstraining einer Person mit Krücken eher einen Sitzplatz anboten. Neben dem offensichtlichen Effekt, dass verstärktes Mitgefühl und der daraus resultierende Wunsch zu helfen, die Welt ein Stück besser macht, hat es auch positive Effekte auf die Gesundheit des Mitfühlenden. Es wird vermutet, dass diese Effekte über die Erhöhung der ‚reward und social connection‘ Systeme vermittelt werden. Liebende Güte (Metta) Meditation Für die liebende Güte Meditation kommen Sie in eine sehr bequeme und entspannte Körperhaltung. Spüren Sie nun den Atemfluss. Nehmen Sie gerne zunächst einen tiefen, vollständigen Atemzug bis in den Bauch und lassen Sie den Atem dann auch wieder langsam, tief und vollständig ausströmen. Dann darf der Atem einfach natürlich weiterfließen. Nehmen Sie sich auch einen Moment Zeit, sich offen und freundlich dem eigenen Körper zuzuwenden. Welche Empfindungen zeigen sich hier gerade? Und welche Gefühle, welche Emotionen, bemerken Sie gerade? Alles darf sich so zeigen, wie es ist. Wir wollen uns einfach offen und freundlich hinwenden; bewusst darüber werden. Sehen Sie nun, ob Sie sich innerlich mit der Intention verbinden können, sich selbst und anderen wohlwollende Wünsche entgegenzubringen. Wir wollen zunächst damit beginnen, einer geliebten Person liebevolle Wünsche auszudrücken. Wählen Sie sich dafür jemanden aus, den/die Sie als unterstützend erleben; der/die leicht warme, liebevolle Empfindungen bei Ihnen auslöst. Es muss nicht jemand sein, den Sie persönlich kennen – es könnte auch eine inspirierende Persönlichkeit sein oder auch ein Tier. Und wählen Sie sich dann zwei oder drei gute Wünsche aus, die Sie dieser Person zukommen lassen möchten. Das können klassische Sätze sein wie: ‚Mögest Du glücklich sein! Mögest Du gesund sein! Mögest Du zufrieden sein! Mögest Du mit Leichtigkeit leben! Oder andere Sätze, die sich für Sie stimmig anfühlen. Und beginnen Sie dann damit, diese Sätze innerlich im eigenen Tempo zu wiederholen. Vielleicht möchten Sie sie mit dem Atemfluss verbinden, oder den Atem einfach frei fließen lassen. ‚Mögest Du glücklich sein. Mögest Du zufrieden sein. Mögest Du mit Leichtigkeit leben.‘ Manche Menschen finden es hilfreich, sich dies bildlich vorzustellen: sich bildlich die Person glücklich, zufrieden, mit Leichtigkeit vor’s innere Auge zu rufen. Wann immer Sie bemerken, dass der Geist davongewandert ist, bringen Sie ihn geduldig und stetig zurück zu den Sätzen. Wenn Widerstände auftauchen, dann ist das in Ordnung – sie dürfen sich zeigen. Wir können ihrer freundlich bewusstwerden, und dann zur Übung zurückkehren. Für die nächste Zeit der Meditation lassen Sie uns nun die Übung verändern und uns selbst die guten Wünsche entgegenbringen. Beginnen Sie nun damit, die guten Wünsche für sich selbst zu sprechen: ‚Möge ich glücklich sein. Möge ich zufrieden sein. Möge ich mit Leichtigkeit leben.‘ Spüren Sie ganz in die Bedeutung der Sätze hinein. Wenn die Bedeutung der Wünsche verblasst, bleiben Sie einfach weiter dabei; darauf vertrauend, dass sie auch wiederkehren wird. Und beenden Sie dann das Wiederholen der Sätze. Spüren Sie nun ganz offen zu den Empfindungen, die gerade spürbar sind. Wenn Sie Empfindungen von Wärme, von Liebe spüren, erlauben Sie sich, diese ganz auszukosten. Und wenn es schwierige Empfindungen sind, dann können wir sehen, ob wir uns auch diesen liebevoll und fürsorglich zuwenden können. Dehnen Sie die Aufmerksamkeit dann auch wieder in den ganzen Körper aus. Wie fühlt sich der Körper jetzt an? Wie fließt der Atem? Führen Sie dann langsam Bewegung zurück in den Körper; machen Sie noch eine Bewegung, die sich jetzt wohlig anfühlt. Vielleicht möchten Sie auch versuchen, sich über den Tag hinweg ab und an die Haltung der liebenden Güte zu erinnern. In klassischen Mitgefühlsmeditationen wird der Kreis der Empfänger der guten Wünsche dann auch auf eine sogenannte ‚neutrale Person‘ erweitert, also jemand der weder starke positive noch negative Empfindungen auslöst, sowie auch auf eine schwierige Person, d.h. jemanden, mit dem wir vielleicht gerade einen Konflikt haben. Und schließlich erweitert man den Kreis der Empfänger der guten Wünsche auf alle fühlenden We-sen. 6. Zusammenfassung Die Erforschung der Effekte und (neuronalen) Mechanismen der Achtsamkeit steckt noch in den Kinderschuhen; viele Fragen sind noch offen. Dennoch wird durch die vorliegenden Arbeiten und die klinische Erfahrung deutlich: Achtsamkeitspraxis hat das Potential, Menschen zu helfen, auf andere Weise mit schwierigen und schmerzhaften Erfahrungen, wie Schmerz und Depression, in Kontakt zu sein und weniger unter diesen Erfahrungen zu leiden. Wie wir in der Schmerzmeditation erfahren haben, beinhaltet Achtsamkeitspraxis unterschiedliche Komponenten. Wir haben für diesen Vortrag vier herausgestellt: 1. Das Spüren der sensorischen Aspekten der Wahrnehmung 2. Die nicht-wertende Haltung (Unterlassen der Deutung) 3. Das nicht-Identifizieren mit den Schmerzen 4. Die liebevoll-mitfühlende Haltung Ich habe eine Reihe von neurowissenschaftlichen Studien vorgestellt, um mögliche Verknüpfungen aufzuzeigen, die man zwischen den Befunden und den vier hier genannten Aspekten der Achtsamkeit herstellen könnte. Das Spüren der sensorischen Aspekte der Wahrnehmung: Beim achtsamen Umgang mit Schmerzen erhöht sich die Aktivierung in Arealen, die für die sensorische Verarbeitung des Reizes zuständig sind – nämlich z.B. die posteriore Insula und der sekundäre somatosensorische Kortex. Die nicht-wertende Haltung (Unterlassung der Deutung): Beim achtsamen Umgang mit Schmerzen, sowie auch in der Emotionsverarbeitung nach dem Achtsamkeitskurs bei Depressiven reduziert sich Aktivierung in Regionen, die für das Reappraisal zuständig sind, nämlich im dorsolateralen präfrontalen Cortex. Das nicht-Identifizieren mit dem Schmerzen: Achtsamere Menschen zeigen geringere Aktivierungen in Regionen des Default Mode Netzwerks, nämlich dem posterioren cingulären Cortex und Precuneus, die mit selbstbezogenen Verarbeitungen in Verbindung gebracht werden. In Bezug auf Depression ist de-centering eine wichtige Fähigkeit, die den Erfolg auf die Symptomreduktion ermöglicht. Die liebevoll-mitfühlende Haltung: Training in Mitgefühl führt zu erhöhten Aktivierungen im ventralen medialen orbitofrontalen Cortex und dem Striatum. Dabei handelt es sich um Regionen, die mit dem social connection and Reward System korrespondieren und mit den verbesserten Gesundheitseffekten dieser Haltung in Zusammenhang gebracht wurde. Die hier dargestellten Zusammenhänge sind als Vorschläge zu verstehen und werden sich sicherlich in folgenden Studien relativieren. Unabhängig vom klinischen Einsatz der Achtsamkeitspraxis zum Schmerzmanagement und zum Umgang mit Depressionen ist der achtsame Umgang mit körperlichen, wie emotionalen Schmerzen ein wesentliches Element auf dem vom Buddha beschriebenen Weg zur inneren Befreiung, indem er es uns ermöglicht, uns unserer Widerstände und Anhaftungen bewusst zu werden und sie loszulassen. ​​Literatur- und Quellenverzeichnis ​ Kabat-Zinn, J. Full Catastrophe Living. (Delta Publishing, 1990). Black, D.S. & Slavich, G. M. Mindfulness meditation and the immune system: a systematic review of randomized controlled trials. Ann N Y Acad Sci. 2016 June ; 1373(1) 13–24. 1373, 13–24 (2016). de la Fuente, M., Franco, C. & Salvator, M. Reduction of blood pressure in a group of hypertensive teachers through a program of mindfulness meditation. Behav. Psychol. Conduct. 18, 533–552 (2010). Carlson, L. E., Speca, M., Faris, P. & Patel, K. D. 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  • Konflikte in Lernprozesse bringen und daran wachsen

    Wie können menschliche Ressourcen und die unternehmerische Weitsicht gefördert werden? Inhaltsverzeichnis 1. Im Zentrum steht der Mensch 2. Das menschliche Gehirn: Eine kurze Einführung 3. Verhaltenspsychologische Grundlagenmodelle 4. Auswirkungen der bewussten und unbewussten Ebenen auf das tägliche Leben und auf das Lernen 5. Wie werden Lernprozesse markant verstärkt? 6. Umgang mit Druck- und Stresssituationen 7. Konfliktlösungs- und Führungsmethoden 8. Bedeutung des Vertrauens bei der Konfliktlösung Literatur- und Quellenverzeichnis Konflikte in Lernprozesse bringen und daran wachsen​ Wie können menschliche Ressourcen und die unternehmerische Weitsicht gefördert werden? Systemischer Ansatz Mein folgender Vortrag wird zur Hauptsache durch meine dreissigjährige Erfahrung als Unternehmensberater, Seminarleiter und Coach als auch durch meine ebenso lange Hochschultätigkeit in Lehre und Forschung getragen sein. Ich werde in den bevorstehenden brutto vier Stunden (inkl. kurzer Pausen) bemüht sein, Methoden und Modelle, die sich in der Praxis bewährt haben und zu nachhaltigem Erfolgen in der Anwendung geführt haben, darzustellen und zu erläutern. Mir war es immer wichtig (und ist es nach wie vor), dass meine Arbeit als Unternehmensberater, Seminarleiter und Coach, aber auch als Hochschullehrer, nicht nur auf einer wissenschaftlichen Disziplin basiert, sondern dass Erkenntnissen aus einer Mehrzahl von wissenschaftlichen Disziplinen die Basis für die von mir (mit)entwickelten Methoden und Modellen darstellen. Durch mein grosses Privileg mich in meinen diversen Ausbildungen und praktischen Tätigkeiten in Wirtschaft und Lehre mit verschiedenen Disziplinen auseinandergesetzt zu haben, kann ich in diesem Systemischen Ansatz die Fachrichtungen Ökonomie und Wirtschaftswissenschaften, Leadership und Management, Technik und Mathematik, Medizin, (Neuro-)Biologie und Evolution, Soziologie und Teamentwicklung, Psychologie und Pädagogik, als auch Methodik und Didaktik gut zusammenbringen und für die Entwicklung meiner Methoden und Modelle nutzen. Wo mir notwendiges Wissen fehlt, gelingt es mir gut auf sinnvolle, passende, wissenschaftlich fundierte und aktuelle Literatur zuzugreifen, geeignete Seminare, Workshops oder Symposien zu besuchen oder in meinem Netzwerk mit erfahrenen Beraterkollegen oder Hochschullehrern und -Forschern in Austausch zu gehen. So verstehe ich für mich lebenslanges Lernen. Hierauf basierend entwickle und vermittle ich wissenschaftlich fundierten Methoden für eine nachhaltigere Wirkung in praktischen Führungs- und Arbeitsaufgaben. Heraklit behauptete schon «VIELE DINGE ZU WISSEN, DEDEUTET NICHT, SIE ZU VERSTEHEN», womit ich zu einhundert Prozent einverstanden bin. Demzufolge ist es notwendig, die Mechanismen, die Strukturen und die kausalen Zusammenhänge in den Dingen zu verstehen, was den wissenschaftlichen Prinzipien entspricht. Ebenso gehe ich mit Albert Einstein überein, der getragen durch seine große Weisheit und jahrelange Erfahrung sagte: «WENN DU ES EINEM SECHSJÄHRIGEN KIND NICHT ERKLÄREN KANNST, HAST DU ES SELBST NICHT VERSTANDEN». Diese Überzeugung nehme ich immer wieder zum Anlass, um auch komplexe Zusammenhänge in möglichst einfachen und gut verständlichen Bildern und Metaphern darzustellen. Bei Bedarf und auf Wunsch begebe ich mich mit Kundinnen und Kunden als auch mit Studierenden und Kolleginnen und Kollegen aber auch gerne in die Tiefe der Themen und Theorien. Der Mensch in Wechselwirkung mit seinem Umfeld Hier die bildliche Darstellung des vorher schon angesprochenen Systemischen Ansatzes. Für die nachfolgenden Thema setze ich bewusst den Menschen und seine menschliche Interaktion mit seinem Umfeld ins Zentrum des Geschehens. Die neuropsychologische Untersuchungsebenen und das Bio-Psycho-Sozial-Modell Definition der Teildisziplinen der Neurowissenschaften nach Lutz Jäncke: Neurobiologie: Beschäftigt sich mit den molekularen und zellbiologischen Grundlagen der Neurowissenschaften Teildisziplinen sind Biochemie, Molekularbiologie, Genetik, Epigenetik, Histologie, Anatomie und die Zellbiologie Arbeitet oft mit Tiermodellen Neurophysiologie: Gilt als zentrale Disziplin der Neurowissenschaften und untersucht die Aktivität der Nervenzellen Gilt als zentral, da die Aktivität der Neuronen allgemein als «Sprache der Nervenzellen» aufgefasst wird Teildisziplinen sind Elektrophysiologie, Neuropharmakologie, Neuroendokrinologie und Toxikologie Arbeitet oft mit Tiermodellen oder mit physiologischen Präparaten Wird auch beim Menschen angewendet; es werden u. a. elektroenzephalografische und elektromyografische Methoden zur Registrierung menschlicher Funktionen eingesetzt Kognitive Neurowissenschaften: Befasst sich mit den neuronalen Mechanismen, die kognitiven und psychischen Funktionen zugrunde liegen Arbeitet vorwiegend humanbiologisch und interessiert sich deshalb in erster Linie für das menschliche Gehirn und dessen Kontrolle von psychischen Funktionen Tiermodelle werden eingeschränkt herangezogen Klinisch-medizinische Disziplinen: Beschäftigen sich mit der Pathogenese, Diagnose und Therapie der Gehirnerkrankungen beim Menschen Teildisziplinen sind Neurologie, Neuropathologie, Neurochirurgie, Neuroradiologie, biologische Psychiatrie und klinische Neuropsychologie Neuropsychologie: Teildisziplin der Psychologie und der Neurowissenschaften Ziel ist es, Verhalten und Erleben aufgrund physiologischer Prozesse zu beschreiben und zu erklären Arbeitet am Menschen und mit Tiermodellen Methoden sind Läsions- und Interventionsstudien (Arzneimittel, TMS etc.), Registrierung von Hirnaktivitäten während des Durchführens von psychischen Tätigkeiten Aufgrund der vielfältigen verwendeten Methoden wird neurowissenschaftliche Forschung von Wissenschaftlern aus vielen verschiedenen Disziplinen wie etwa Physiologie, Psychologie, Medizin, Biologie, Informatik (mit Informationstechnik, Robotik, Künstlicher Intelligenz (AI)), Mathematik oder Ökonomie betrieben. Ebenso haben die Neurowissenschaften in besonderem Masse auch Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften, die Betriebswirtschaft und die Sozialwissenschaften. So entwickelten sich aus der Symbiose der jeweiligen Disziplinen mit den Neurowissenschaften die Teildisziplinen wie etwa das Neuromarketing, das Neurosales, die Neuroökonomie das Neuro-Leadership und weitere mehr. 1. Im Zentrum steht der Mensch ICH-DU-WIR-Regulation ICH-PLUS Hohe Selbstregulation, authentisch, ethisch und moralisch korrekt, offen und ehrlich, verlässlich, vertrauenswürdig, selbstsicher, positive Haltung, lösungsorientiert, positive Fehlerkultur – stehen zu ihren Fehlern und lernen daraus, positive Attribution, offen für neue Erfahrungen, wissen was sie wollen und können bzw. auch nicht wollen und nicht können, können sich sehr gut selbst einschätzen etc. ICH-MINUS Geringe Selbstregulation, misstrauisch, vermitteln keine Vertrauenswürdigkeit und ganz allgemein ein Gegensatz zu ICH-PLUS ICH-PLUS bzw. ICH-MINUS verstehen sich als zwei Gegenpole. Jeder befindet sich irgendwo dazwischen. DU-PLUS Das Gegenüber erhält Vertrauen, man baut auf sie bzw. ihn, man unterstützt und fördert sie bzw. ihn, man ist offen und ehrlich zu ihr bzw. ihm, weitere Eigenschaften von DU-PLUS werden später im Vortrag verdeutlicht. DU-MINUS Das Gegenüber erhält kein Vertrauen, Misstrauen bestimmt die Atmosphäre, man ist nicht bereit das Gegenüber zu unterstützen, man ist nicht offen und ehrlich zu ihr bzw. ihn, weitere Eigenschaften von DU-MINUS werden später im Vortrag verdeutlicht. Auch die Haltungen DU-PLUS und DU-MINUS verstehen sich als zwei Gegenpole. Jede Person lebt in ihrer Haltung einer jeden anderen Person gegenüber irgendwo dazwischen. Wo, hängt sehr vom Gegenüber und den bisherigen Erfahrungen mit der Person zusammen. WIR-PLUS Voraussetzung für ein WIR-PLUS sind ein jeweils gelebtes ICH-PLUS und DU-PLUS in beide Richtungen, was auf der WIR-Ebene zu einem WIR-PLUS (we-ness; vgl. TeamPerform von PerformEnhancement GmbH) und in der Form der Zusammenarbeit zu einem «MITEINANDER» oder gar «FÜREINANDER» führt. WIR-MINUS Befinden sich entweder das ICH oder das DU oder gar beide in einem MINUS, so führt dies auf der WIR-Ebene immer zu einem WIR-MINUS und in der Form der Zusammenarbeit zum einem gleichgültigen «NEBENEINANDER» oder einem destruktiven «GEGENEINANDER». ICH-DU-WIR-Regulation Die interpersonelle Beziehung wird durch die verbale, paraverbale als auch nonverbale Kommunikation gelebt. Dies gilt auch für die intrapersonelle Beziehung – Kommunikation mit sich selbst. Formen der Zusammenarbeit bzw. des Zusammenseins Die vier Beziehungsebenen Für-Einander: Freiwillige und fürsorgliche Kooperation auf Augenhöhe; Steigerung zum Mit-Einander. Sachbezogene und positiv emotionsgetragenes Bindung. Mit-Einander: Sinnvolle und zielorientierte Kooperation. Primär sachbezogen Bindung. Neben-Einander: Gewisser Zwang zur Kooperation. Gleichgültige Bindung. Gegen-Einander: Keine Kooperation. Destruktive Bindung. Mit hoher Selbstregulation gewappnet für die VUCA-Welt ICH-PLUS bedeutet, über eine hohe Selbstregulation zu verfügen! Nach Freisler und Gresser wird Selbstregulation wie folge definiert: Die Selbstregulation wird als ein bewusstes und unbewusstes Steuern von psychischen Vorgängen beschrieben. Das sind unsere Gedanken, Emotionen, Aufmerksamkeit und Impulse sowie die daraus folgenden Handlungen. Darauf basierend empfehlen Freisler und Gresser folgende Aktivitäten und Haltungen: 1. Verstärken Sie Positives und entwickeln ein Bewusstsein dafür: lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Positives machen Sie sich Erfolge und Stärken bewusst öffnen Sie sich für neue Erfahrungen nehmen Sie auch kleine Veränderungen wahr trainieren Sie Ihre Achtsamkeit teilen Sie Genuss und Freude mit anderen erzeugen Sie Dankbarkeit pflegen Sie positive Beziehungen und nutzen Sie Humor und Hoffnung als positive Nährstoffe 2. Gehen Sie Veränderungen aktiv an: entwickeln Sie konstruktive Strategien (Coping gegen Stress) ergreifen Sie Chancen nutzen Sie Fehler als Lernfelder lernen Sie Denkfallen zu erkennen und nutzen Sie aktiv die Gedanken-STOPP-Strategie lassen Sie neue Bewertungen zu entwickeln Sie ein flexibles Mindset finden Sie Ihren Sinn im Leben und in Ihren Aufgaben tun Sie Gutes, auch für andere (Altruist II – wir später erklärt) nehmen Sie soziale Unterstützung an aktivieren Sie Ihren gesunden Hormoncocktail mit Bewegung und Entspannung 3. Eine hohe Selbstregulation zeichnet sich nach Deci und Ryan auch durch folgende Eigenschaften aus: Selbst entscheiden, eigene Werte und Motive leben, selbstbestimmt handeln Kompetenz: Sich selbstwirksam erleben, Herausforderungen annehmen und bewältigen, Stärken und Fähigkeiten einsetzen Beziehung: Mit anderen Menschen verbunden sein, soziale Unterstützung, zugehörig sein VUCA Acronym für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. In deutscher Sprache (VUKA) Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz (Mehrdeutigkeit). VUCA (World, Welt) bezeichnet die weltweit unsicheren Rahmenbedingungen, die durch die Globalisierung, multilateralen Welten (unter Multilateralismus wird die Zusammenarbeit mehrerer Staaten bei der Lösung von politischen, gesellschaftlichen oder technischen Problemen verstanden, die grenzübergreifend sind), die Digitalisierung (Industrie 4.0) und neu auch durch die Pandemie (durch Covid-19 und deren Mutationen) entstanden sind. Das Selbstregulationsrezept für Eilige Hier die Ziele zum Thema Selbstregulation und Führung, wobei unter Führung nicht nur die hierarchische Führung (top - down) zu verstehen ist, sondern auch die laterale Führung (Führung von Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe, z.B. als Projektleiter) und ganz allgemein die (positive) Einflussnahme auf andere Menschen (z.B. in der kollegialen Beratung, Eltern zu Kindern, Erwachsene zu Minderjährigen etc.) Beobachten statt beurteilen! Fragen statt interpretieren! Einbeziehen statt mitleiden! Immer mal wieder distanzieren! Stärken einsetzen statt Schwächen hervorheben! Positives verstärken statt auf Negatives fokussieren! Ressourcen aktivieren statt Hindernisse vergrößern! In Lösungen denken statt in der Problemtrance verharren! 2. Das menschliche Gehirn: Eine kurze Einführung Relevante Gehirnregionen zu den Themen Konflikte und Lernen In der Folge werden uns bei den Themen Konflikte und Lernen vor allem die Gehirnregionen Großhirn (hier im Speziellen „Gelerntes abspeichern“), verantwortlich für Bewusstsein des Menschen, Wille, Gedächtnis, Kreativität, Informationsverarbeitungsprozesse, Steuerungsprozesse, Sehzentrum, Hörzentrum, Sprachzentrum sowie Entscheidungszentrum, der Hirnstamm (hier im Speziellen „Stressreaktionen bei Konflikten“), verantwortlich für die Befriedigung von Grundbedürfnissen des Menschen und das Limbische System (hier im Speziellen „Verstärkung von Lernprozessen, Reaktionssteuerung bei Konflikten und damit Stress“), verantwortlich für die Steuerung und Kontrolle der Gefühle und hat Einfluss auf Gedächtnis und Lernen. Hypothalamus, Amygdala und Nucleus accumbens In der Folge werden und aus dem Limbischen System bezüglich Lernen vor allem die Regionen bzw. Strukturen Hypothalamus, Amygdala und Nucleus accumbens von Interesse sein. ​ 3. Verhaltenspsychologische Grundlagenmodelle Das verhaltenspsycholgische Eisbergmodell ​Das verhaltenspsycholgische Eisbergmodell ist als Metapher zu verstehen und besteht aus den vier Ebenen: Tun / Verhalten (als einzige Ebene über der Wasseroberfläche und damit sichtbar) Können / Skills Wollen / Mind Set Persönlichkeit / Potenzial Die Ebenen eins und zwei gehören gemeinsam zur übergeordneten „rationalen Ebene“, die Ebenen drei und vier sind der übergeordneten „emotionalen Ebene“ zuzuweisen. Über die sichtbare Ebene eins kommuniziert der Mensch mit seinem Umfeld und mit anderen Personen. Das „TUN“ auf der ersten Ebene startet mit dem Funktionieren des Gehirns und endet mit dem Exitus des Individuums. Mit dem vorgeburtlichen „Hirnstart“ geht auch das bewusst und/oder unbewusst gesteuerte TUN los und steuert ab dann unser Verhalten in allen Situationen. Durch diesen Umstand kann man die Aussage „man kann nicht nicht TUN“ treffen. Hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass man auch „nicht nicht kommunizieren“ kann, was nach Kommunikationsmodell von Paul Watzlawick als das erste Kommunikationsaxiom gilt. Um qualifiziert TUN zu können, benötigt der Mensch Können und Erfahrungen (Skills). Um Skills aufzubauen muss der Mensch bzw. sein Gehirn etwas TUN. Hieraus erschließt sich die Aussage „TUN ist Lernen und Lernen ist TUN“. Durch den Umstand, dass das TUN ständig tut, kann man schließen, dass der Mensch auch „nicht nicht Lernen“ kann. Folglich lernt das Gehirn unaufhörlich (bewusst und/oder unbewusst) und steht damit ständig in einer neuroplastischen Veränderung. Damit der Mensch ins „TUN“ kommt, reicht es nicht, wenn man nur „kann“; auch das „Wollen“ ist eine Voraussetzung dafür. Eine interessante Wechselwirkung zwischen Wollen und Können ist dadurch gegeben, dass Menschen die Wollen, deutlich besser Lernen bzw. Skills erwerben (Studien sprechen von einem Faktor von sechs bis zehn Mal effektiverem und effizienteren Lernen, wenn das Wollen gegeben ist), was sich auch mit meinen langjährigen Erfahrungen und mit meinen Befragungen in empirischen Studien deckt. Logisch erklärbar ist dieses Phänomen durch folgenden schlüssigen Zusammenhang: Wer eine Tätigkeit gerne durchführt (hohes Wollen), tut dies in der Regel häufiger und wer eine Tätigkeit häufig durchführt, lernt dies immer besser durchzuführen (tun ist lernen, lernen ist tun), was wiederum das Wollen weiter steigert; eine effektive und effiziente Lernspirale. Dies kann man bei guten Fachleuten, Leistungssportler etc. gut beobachten. Bei der vierten Ebene des Eisbergmodells handelt es sich um die Persönlichkeit, worin die persönlichen Potenziale zuzuweisen sind. Alle Menschen haben verschiedene Potenziale (Stärken und Schwächen), woraus sich ergibt, dass nicht alle Menschen im gleichen Masse für eine bestimmte Tätigkeit (TUN) geeignet sind. Hieraus ergibt sich die Erkenntnis: Der richtige Mensch am richtigen Tätigkeitsort! Wer dort eingesetzt wird, wo er seine Stärken hat, ist erfolgreicher, deutlich zufriedener und performt besser. Von der Ebene eins zur Ebene vier verlangsamen sich Veränderungen. Alle Ebenen beeinflussen sich gegenseitig (wie oben bereits teilweise dargestellt) und Veränderungen laufen in der Regel von der Ebene eins zur Ebene vier (Prägung). Alle vier Ebenen des Eisbergmodells lassen sich verschiedenen Regionen im Gehirn und ihren Wechselwirkungen untereinander zuweisen. Damit lässt sich das kognitiv erstellte und empirisch validierte psychologische Verhaltensmodell, neurobiologische und neurophysiologische „bestätigen“. Nervenzellen und Lernen ​Wenn „TUN Lernen ist“, wo wird das Gelernte gespeichert und wie? Lernen manifestiert sich neurobiologisch im Gehirn durch die synaptische Verknüpfung von Nervenzellen in verschiedenen Gedächtnisregionen des Gehirns. Das permanente Lernen (aber auch Vergessen) und die damit verursachten fortlaufenden anatomischen Veränderungen unseres Gehirns werden als neuroplastische Plastizität bezeichnet. Darunter versteht man die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganze Hirnareale, sich zwecks Optimierung laufender (Lern-)Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern. Je nach betrachtetem System spricht man dabei zum Beispiel von synaptischer Plastizität oder kortikaler Plastizität. Eine Nervenzelle, auch Neuron genannt, ist eine auf Erregungsleitung und Erregungsübertragung spezialisierte Zelle, die als Zelltyp bei Menschen (und damit in nahezu allen vielzelligen Tieren) vorkommt. Die Gesamtheit aller Nervenzellen eines Menschen oder Tieres bildet zusammen mit den Gliazellen das Nervensystem. Eine typische Säugetier-Nervenzelle (damit auch die des Menschen) hat einen Zellkörper und Zellfortsätze zweierlei Art: Die Dendriten und den Neuriten bzw. das Axon. Die verästelten Dendriten nehmen vornehmlich Erregung von anderen Zellen auf. Der von Gliazellen umhüllte Neurit eines Neurons kann über einen Meter lang sein und dient zunächst der Fortleitung einer Erregung dieser Zelle in die Nähe anderer Zellen. Dabei wird eine elektrische Spannungsänderung über den Fortsatz weitergeleitet, indem kurzzeitige Ionenströme durch besondere Kanäle in der Zellmembran zugelassen werden. Die Axon-Enden stehen über Synapsen, an denen die Erregung selten unmittelbar elektrisch weitergegeben, sondern meist mittels Botenstoffen (Neurotransmittern) chemisch übertragen wird, in Kontakt zu anderen Nervenzellen, Muskelzellen (neuromuskuläre Endplatte) oder zu Drüsenzellen. Einige Nervenzellen können auch Signalstoffe in die Blutbahn abgeben, z. B. modifizierte Neuronen im Nebennierenmark oder im Hypothalamus als Sekretion von Neurohormonen. Schätzungen nach besteht das menschliche Gehirn bei einer Masse von rund anderthalb Kilogramm aus rund hundert Milliarden Nervenzellen und etwa ähnlich vielen Gliazellen. Gliazelle ist ein Sammelbegriff für Zellen im Nervengewebe, die sich strukturell und funktionell von den Nervenzellen (Neuronen) abgrenzen lassen. Nach heutigen Erkenntnissen bilden Gliazellen nicht nur ein Stützgerüst für Nervenzellen, sondern sorgen auch durch ihre Umhüllung für deren elektrische Isolation und damit einer schnelleren Weiterleitung des Signals im Axon der Nervenzelle. Weiterhin sind Gliazellen maßgeblich an Stofftransport und Flüssigkeitsaustausch sowie an der Aufrechterhaltung der Homöostase (bezeichnet einen Gleichgewichtszustand eines offenen dynamischen Systems) im Gehirn beteiligt. Darüber hinaus wirken sie auch im Prozess der Informationsverarbeitung, -speicherung und -weiterleitung mit. Nervenzellen haben im Durchschnitt rund fünfzehntausend Dendriten. Bei rund 100‘000‘000 Hirnzellen kann unser Gehirn damit eine astronomisch hohe Anzahl von Verknüpfungskonstellationen einnehmen, was für die überragende Leistungsfähigkeit und Flexibilität unseres Gehirns spricht. Reifung des Gehirns – Differenzierung der Dendriten ​Dendriten differenzieren sich im Verlauf der postnatalen Entwicklung zusehends. Mit zunehmendem Alter nimmt die Dendritisierung immer mehr zu und sind die Folge eines fortlaufenden Lernprozesses, sowohl bei bewusstem als auch bei unbewusstem Lernen. Reifung des Gehirns – Myelinisierung ​Zeitlicher Ablauf der wesentlichen reifungsbedingten Veränderungen des menschlichen Gehirns. In der embryonalen Phase erfolgen die Neurulation, die Zellproliferation und die Migration. Vor der Geburt beginnen auch die Synaptogenese und die Myelinisierung. Die Synaptogenese bezeichnet die Entstehung oder Bildung neuer Synapsen an einer Nervenzelle. Die Synaptogenese ist zusammen mit der Synapseneliminierung Grundlage für die lebenslange Plastizität des Gehirns (Lernen und Vergessen). Der Verlauf der Synaptogenese ist für verschiedene Gebiete unterschiedlich. Dargestellt sind in der Grafik die Verläufe für den sensomotorischen Kortex, für den parietalen Assoziations- und den Präfrontalkortex, der sehr spät den Höhepunkt der Synaptogenese erreicht. Alle Hirngebiete weisen allerdings nach dem Höhepunkt der Synaptogenese deutliche Reduktionen der Synapsendichte auf. Reifung des Gehirns – Myelinisierung ​Die drei Hirnschnitte zeigen die zunehmende Myelinisierung bei Kindern im Alter von 1 bis ca. 9 Monaten. In der Abbildung ist zu erkennen, dass mit zunehmendem Alter das Gehirn immer dunkler wird. Je dunkler die Grautönung, desto geringer ist der Anteil der grauen Substanz. Damit einhergehend nimmt das relative Volumen der weißen Substanz zu. Die einzelnen Hirngebiete reifen beim Älterwerden jedoch unterschiedlich schnell. Der Motorkortex, Teile des Parietallappens, der primäre visuelle Kortex und der Frontalpol weisen schon recht früh einen Verlust des relativen Volumens der grauen Substanz auf. Bei anderen Hirngebieten dagegen stellt sich der relative Verlust der grauen Substanz erst später ein, typischerweise im lateralen Frontalkortex und in den perisylvischen Hirngebieten. Als Graue Substanz (GS) oder lateinisch Substantia grisea bezeichnet man Anteile des Zentralnervensystems, die vornehmlich Nervenzellkörper (Perikaryen) enthalten und beispielsweise Kerne bzw. Kerngebiete darstellen. Diese werden der Weißen Substanz gegenübergestellt als jenen Anteilen, die vornehmlich aus Leitungsbahnen bzw. Nervenfasern bestehen und somit Nervenzellfortsätze enthalten. Deren schon makroskopisch sichtbare weiße Färbung entsteht durch umhüllende Gliazellen bzw. die Myelinscheiden der Nervenfasern. Die Graue Substanz ist eine wesentliche Komponente des Zentralnervensystems und enthält kennzeichnend die Nervenzellkörper, daneben aber auch Neuropilem (Dendrite und sowohl myelinisierte als auch unmyelinisierte Axone) sowie Gliazellen und ebenso Kapillaren. Die Graue Substanz ist von der Weißen Substanz insoweit zu unterscheiden, als die Graue Substanz zahlreiche Zellkörper und relativ wenige myelinisierte Axone enthält. Die weiße Substanz besteht zum größten Teil aus langen und myelinisierten Axonen und relativ wenigen Zellkörpern. Die Bezeichnung „grau“ kommt daher, dass diese Bereiche im Formalin fixierten Präparat eine graue Farbe haben. Im lebenden Gewebe ist die Graue Substanz eher rosa. Umgangssprachlich spricht man häufig von den „grauen Zellen“. Im Rückenmark liegt die Graue Substanz zentral und bildet ein schmetterlingsähnliches Gebilde mit einem Vorder- und Hinterhorn. Im Bereich des Brust- und Lendenabschnittes kann man auch noch ein Intermediärhorn unterscheiden, in dem die Wurzelzellen des Sympathikus liegen. Die graue Substanz ist im Rückenmark vollständig von Weißer Substanz umgeben. In großen Bereichen des Gehirns dagegen liegt die graue Substanz zum überwiegenden Teil außen, die weiße umhüllend. Diese Bereiche bezeichnet man als Rinde (Cortex). Einen Cortex besitzen das Großhirn (Telencephalon, siehe auch Großhirnrinde) und das Kleinhirn (Cerebellum). In den übrigen Gehirnabschnitten ist Graue Substanz in die Weiße Substanz oder eine Formatio reticularis eingebettet. Umschriebene Gebiete Grauer Substanz bezeichnet man als Kerne oder Kerngebiete (Nuclei). Untersuchungen, die Intelligenztestwerte mit Schichtaufnahmen vom Volumen der grauen bzw. weißen Substanz in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns verglichen, entdecken eine Korrelation zwischen höheren Intelligenzwerten und mehr grauer Substanz in einigen speziellen Arealen, die mit Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache in Zusammenhang gebracht werden (Haier, 2004). Morphologische Veränderung bei den synaptischen Verbindungen ​Synapsen werden beim Lernen nicht nur verstärkt, sondern können sich anschließend auch strukturell verändern. Nachdem neue Rezeptoren in die postsynaptische Membran eingebaut wurden, schwillt dieser Teil der Synapse an, um sich schließlich zweizuteilen. Anschließend spaltet sich auch der präsynaptische Teil auf – eine neue Synapse entsteht. Der gesamte Vorgang dauert etwas mehr als 60 Minuten. Das Gehirn speichert Ereignisse, indem es die Synapsen zwischen aktivierten Nervenzellen verstärkt. Bei der normalen synaptischen Übertragung bewirkt ein ankommendes Aktionspotenzial die Freisetzung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt. In der postsynaptischen Membran befinden sich so genannte AMPA- und NMDA-Rezeptoren, die durch den Neurotransmitter aktiviert werden. Lernen & Gedächtnis ​Jeden Tag strömt eine gigantische Vielfalt von Reizen auf uns ein – doch nur ein Bruchteil davon hinterlässt längerfristige Spuren in unserem Gedächtnis. Wie aus Reizen Erinnerungen werden erklärt das Mehr-Speicher-Modell. Sensorisches Gedächtnis: Bedeutung: Reizregistrierung und Informationsaufnahme Art: bioelektrisch Kapazität: unbegrenzt Dauer: max. 1,5 Sek. Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsgedächtnis): Bedeutung: Be- bzw. Verarbeitung der Information Art: bioelektrisch Kapazität: sehr gering Dauer: max. 1 Min. Langzeitgedächtnis (Wissensgedächtnis): Bedeutung: Speichert alles Wissen eines Menschen Art: biochemisch Kapazität: unbegrenzt Dauer: unbegrenzt Schematische Gliederung des Langzeitgedächtnisses ​Das Langzeitgedächtnis wird wie folgt gegliedert: Deklarativ (bewusst) Episodisches Gedächtnis: Erfahrungen Personen Zeit Raum Ereignisse Semantisches Gedächtnis: Fakten Wissen Nondeklarativ (unbewusst) Fertigkeiten: Handlungen Regeln Priming: Bahnung Perzeptuelles Gedächtnis: Wahrnehmung ohne Anbindung an das Wissen Konditionierung: Konditionierungen Die unterschiedlichen Gedächtnissysteme können etwas detaillierter wie folgt dargestellt werden: Sensorischer Speicher (Ultrakurzzeitgedächtnis) Ikonischer Speicher (visuell) Echoischer Speicher (auditorisch) Kurzzeitgedächtnis Arbeitsgedächtnis Zentrale Exekutive Subsystem: phonologische Schleife, visuell-räumlicher Notizblock, episodischer Puffer Langzeitgedächtnis (deklaratives System) Episodisches Gedächtnis Semantisches Gedächtnis ​Langzeitgedächtnis (implizites System) Perzeptuelles Gedächtnis Prozedurales Wissen Lernen und Gedächtnisorte ​Die Grafik auf der Folien 23 zeigt aufgrund einiger Bespiele, wo was im Gehirn verarbeitet und abgespeichert wird, wobei nach linker und rechter Gehirnhälfte unterteilt wird. Die rechte Gehirnhälfte steuert mehr die Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle. Diese Gehirnhälfte wird durch Metaphern aktiviert, durch die beim Zuhörer eigene, dazu passende Bilder, Symbole, Melodien oder Gerüche entstehen können. Das Rohmaterial der Gedanken, die aufblitzenden Ideen, die Bilder, ja alle Sinneseindrücke werden rechts bearbeitet. Die rechte Hirnhälfte greift meist auf Fantasie und Vorstellungskraft zurück, hat das große Ganze im Blick und setzt sich mit Symbolen, Bildern, Risikobereitschaft und Impulsivität auseinander. Die linke Gehirnhälfte ist verantwortlich für Sprache, Lesen, Rechnen, Logik, Regeln, Gesetze, Konzentration auf einen Punkt, Analyse, Detail, Wissenschaft, Einzelheiten, Zeitempfinden, Linearität. Die linke Gehirnhälfte ist also für alles zuständig, was im allgemeinen Verständnis als Denken bezeichnet wird. Sie denkt in Sprache, in Begriffen, sie denkt logisch, analytisch. Der lange Weg zur Erinnerung ​Wann setzt sich ein Ereignis im Gedächtnis fest? Jedes Reizereignis durchwandert eine Reihe verschiedener Verarbeitungsebenen im Gehirn – von der ersten Wahrnehmung bis hin zur rationalen Bewertung. Jede dieser Ebenen verfügt über ein relativ eigenständiges Gedächtnissystem. Jedoch bleibt das Ereignis nur dann als Erinnerung hängen, wenn es einen gewissen Neuigkeitswert besitzt, sich also von bereits abgespeicherten Inhalten unterscheidet. So wird ein Stöckchen holender Hund vermutlich kaum besondere Spuren in unserem Gedächtnis hinterlassen, sein Klavier spielender Artgenosse (als Beispiel) aber schon. Anhand dieses Beispiels werden hier die neurobiologischen Funktionalitäten und Arbeitsweisen der verschiedenen Gedächtnisse dargestellt. Emotionales Gedächtnis: Das Bild des klavierspielenden Hundes erreicht zunächst als grobe „Skizze“ über den Thalamus die Amygdala, das Emotionszentrum des Gehirns. Dieses prüft, ob das Geschehen emotionsauslösende Reize enthält. Ist es etwa amüsant, wird der Eindruck in eine „Gefühlsdatenbank“ aufgenommen. Das kann passieren, noch bevor wir die Situation bewusst wahrnehmen. Von ihr bleibt schließlich nur die Emotion im Gedächtnis haften. Sensorisches Gedächtnis: Die nächste Station sind die Sinnesareale. Sie halten zunächst die sensorischen „Rohdaten“ fest, die das Gehirn dann über die so genannte ventrale Bahn zu Objekten zusammensetzt und über die dorsale Bahn im Raum verortet. Das sensorische Gedächtnis kann enorm viele Reize speichern, allerdings gehen sie schnell wieder verloren. Vom gesamten Ereignis bleibt nur eine Momentaufnahme in der Erinnerung haften, deren obere zwei Drittel detaillierter erscheinen als das untere Drittel. Kurzzeitgedächtnis: Nun gleicht das Gehirn das Bild des klavierspielenden Hundes mit „visuellen Verknüpfungsnetzwerken“ im Temporallappen ab, in denen bereits zusammen gesehene Objekte gemeinsam abgespeichert sind – etwa ein Hund mit Knochen und Futternapf oder ein Klavier mit Noten und Hocker. Teile des Frontallappens erhalten das Bild dazu kurzzeitig aufrecht. Da diese über wenig Speicherkapazität verfügen, wird allein derjenige Ausschnitt der Situation weiterverarbeitet, den wir durch Aufmerksamkeit „auswählen“. Um ein unerwartetes Ereignis wie einen klavierspielenden Hund rational bewerten zu können, müssen die bisher visuell repräsentierten Objekte zunächst mittels im Temporallappen gespeicherter „semantischer Verknüpfungsnetzwerke“ sprachlich kodiert werden. Neuronale Schleifen zwischen auditivem Kortex und Frontallappen halten die Wörter anschließend präsent. Wegen der geringen Speicherkapazität des Frontallappens bleiben von der Situation jedoch lediglich einige wenige Wörter haften. Episodisches Gedächtnis: Das Kurzzeitgedächtnis hält die Erinnerung an den klavierspielenden Hund durch permanentes Feuern der entsprechenden Neurone im Kortex aufrecht. Um das Ereignis längerfristig abzuspeichern, werden neue Verbindungen zwischen bisher unverknüpften Bereichen sowohl innerhalb als auch zwischen den visuellen und semantischen Netzwerken angelegt – eine „multimodale“ Erinnerung entsteht. Die Neuverknüpfung erfolgt zunächst vorübergehend über den Hippocampus. Autobiografisches Gedächtnis: Werden die indirekt über den Hippocampus verknüpften Neurone häufig gleichzeitig aktiv, bilden sich im Kortex direkte Verbindungen aus – die Erinnerung ist konsolidiert. Bei Menschen gibt es eine Besonderheit: Wir speichern im Temporallappen auch Wissen über uns selbst und verknüpfen es mit den visuellen und semantischen Netzwerken. Mit Hilfe des linken Frontallappens können wir dieses Selbstwissen durchforsten, wobei die früher aufgezeichneten Bilder und Wörter mit aktiviert werden. Wir reisen mental zum vergangenen Ereignis zurück. Lernen / Gedächtnis und Emotion / Mind Set ​Schematische Darstellung der neurophysiologischen Mechanismen bei emotionaler Erregung. Was Motiviert? Intrinsische Motive, die man „aus sich heraus“ entwickelt (wie etwa Neugier), förderten den Lernerfolg mehr als extrinsische - etwa der Wunsch nach Lob und Anerkennung. So lautet eine alte Lehrmeinung. Die Studienlage ist jedoch uneindeutig: Prestige oder Geld können ebenso zum Lernen anreizen, auch wenn es nur „Mittel zum Zweck ist“ ist. Hilft Musik? Extravertierte Menschen kommen mit Hintergrundmusik im Schnitt besser zurecht als introvertierte Menschen. Insgesamt ist die Beschallung aber eher hinderlich. Den anregenden Effekt macht die Ablenkung oft zunichte. Gesang können wir dabei schlechter ausblenden als Instrumentalmusik. Lernen / Gedächtnis und Emotion / Mind Set ​Wie später in Vortrag vertieft dargestellt, beeinflussen unsere Emotionen unseren Lernerfolg – und damit auch die dazugehörigen neurobiologischen Prozesse – entscheidend. Die einfachsten emotionalen Zustände sind primäre Emotionen. Um diese zu beschreiben wird am häufigsten das Modell von Plutchik angewendet. Nach diesem Modell sind die acht grundlegenden Emotionen Furcht, Ärger, Freude, Traurigkeit, Akzeptieren/Vertrauen, Ekel, Überraschung und Aufmerksamkeit. Alle anderen Emotionen sind Mischungen und Kombinationen von gleichzeitig auftretenden Emotionen. Lernen / Gedächtnis und Emotion / Mind Set ​Auf der in Folie 27 dargestellten Emotionsskala, die auf den Arbeiten von Abraham-Hicks beruht, ist aufgrund der anstehenden Emotion zu erkennen, wie Emotionen dazu beitragen, ob ein Lernprozess gefördert (auf der Aufwärtsspirale) oder eingebremst (auf der Abwärtsspirale) wird. Kommunikation: Ursache und Wirkung auf das Lernen ​Wenn wir nach dem Eisbergmodell davon ausgehen, dass TUN Lernen ist und das TUN über die Kommunikation in Wechselwirkung mit dem Umfeld und mit anderen Menschen steht, so lohnt ein kurzer Blick auf die Grundlagen der Kommunikation und deren Zusammenhang mit dem bzw. deren Beziehung zum Eisbergmodell. Das Vier-Seiten-Modell (auch Nachrichtenquadrat, Kommunikationsquadrat oder Vier-Ohren-Modell) von Friedemann Schulz von Thun ist ein Modell der Kommunikationspsychologie, mit dem eine Nachricht unter vier Aspekten oder Ebenen beschrieben wird: Sachinhalt, Selbstkundgebung, Beziehung und Appell. Diese Ebenen werden auch als „vier Seiten einer Nachricht“ bezeichnet. Das Modell dient zur Beschreibung von Kommunikation, die durch Missverständnisse gestört sein kann. Mit dem Vier-Seiten-Modell kombiniert Schulz von Thun zwei psychologische und sprachtheoretische Analysen. Paul Watzlawick postulierte, dass jede Aussage unter einem Inhaltsaspekt und einem Beziehungsaspekt verstanden werden könne (zweites Axiom). Der Sprachtheoretiker Karl Bühler beschrieb im Organon-Modell sprachliche Zeichen anhand dreier semantischer Funktionen: Ausdruck, Appell und Darstellung. Solche Modelle sind in der Linguistik auch als Modelle der Sprachfunktionen geläufig. Das übergeordnete Ziel bei „Vier Ebenen-Modell der Kommunikation“ besteht darin, zu beobachten, zu beschreiben und zu modellieren, wie zwei Menschen sich durch ihre Kommunikation zueinander in Beziehung setzen. Dabei wendet Schulz von Thun sich den Äußerungen (den „Nachrichten“) zu. Diese können aus vier unterschiedlichen Richtungen angesehen und unter vier unterschiedlichen Annahmen gedeutet werden – dies sind die vier Aspekte oder Ebenen, die Schulz von Thun als „Seiten einer Nachricht“ bezeichnet: Sachebene (Worüber spricht sie/er?) Auf die Sache bezogener Aspekt - die beschriebene Sache. („Sachinhalt“, „Worüber ich informiere“) Selbstkundgebung (Was offenbart sie/er über sich?) Auf den Sprecher/Sender bezogener Aspekt - dasjenige, was anhand der Nachricht über den Sprecher deutlich wird. („Selbstoffenbarung“, „Was ich von mir selbst kundgebe“) Beziehungsseite (Wie steht sie/er zu mir?) Auf die Beziehung bezogener Aspekt - was an der Art der Nachricht über die Beziehung offenbart wird. („Beziehung“, „Was ich von dir halte oder wie wir zueinanderstehen“) Appellseite (Was will sie/er von mir?) Auf die beabsichtigte Wirkung bezogener Aspekt - dasjenige, zu dem der Empfänger veranlasst werden soll. („Appell“, „Wozu ich dich veranlassen möchte“) Auf diese Weise kann die „Nachricht als Gegenstand der Kommunikationsdiagnose“ verwendet werden. Störungen und Konflikte kommen zustande, wenn Sender und Empfänger die vier Ebenen unterschiedlich deuten und gewichten. Das führt zu Missverständnissen und in der Folge zu Konflikten. Ein bekanntes, von Schulz von Thun in seinem Hauptwerk „Miteinander reden“ zuerst verwendetes Beispiel ist ein Paar im Auto vor der Ampel. Die Frau sitzt am Steuer, und der Mann sagt „Du, die Ampel ist grün!“ Die Frau antwortet: „Fährst du oder fahre ich?“ Die Äußerung kann in dieser Situation auf den vier Ebenen folgendermaßen verstanden werden: Als Hinweis auf die Ampel, die gerade auf Grün geschaltet hat (Sachebene); als Aufforderung, loszufahren (Appell-Ebene), als Absicht des Beifahrers, der Frau am Steuer zu helfen, oder auch als Demonstration der Überlegenheit des Beifahrers über die Frau (Beziehungsebene); als Hinweis darauf, dass der Beifahrer es eilig hat und ungeduldig ist (Selbstkundgebung). So kann der Beifahrer das Gewicht der Nachricht auf den Appell gelegt haben. Die Fahrerin könnte die Aussage des Beifahrers dagegen als Herabsetzung oder Bevormundung auffassen. Hierbei spricht man von der „Macht des Empfängers“ einer Nachricht, da der Empfänger grossen Interpretationsspielraum im Auslegen einer Nachricht hat. Mit sinnvollen und wirksamen Rückkopplungsmethoden kann man diesem „Missverstehen“ einer Nachricht teilweise entgegenwirken, wie dies z.B. im Funkverkehr eingesetzt wird. In Bezug auf den Hörer und seine Gewohnheiten erweitert Schulz von Thun das Vier-Seiten-Modell zu einem „Vier-Ohren-Modell“. Je ein Ohr steht für die Deutung einer der Aspekte: Das „Sach-Ohr“, das „Beziehungs-Ohr“, das „Selbstoffenbarungs-Ohr“ und das „Appell-Ohr“. Bezüglich „Lernen“ hinterlässt jede Nachricht seine Wirkung (egal ob bei Sender oder Empfänger der Nachricht), da die Kommunikation in Wechselwirkung mit dem TUN/Verhalten (egal ob bewusst oder unbewusst) steht und diese Ebene 1 wiederum das Lernen (egal ob willentlich oder unwillentlich) und damit fortlaufend eine Veränderung der Skills oder des Könnens (Ebene 2) verursacht (TUN ist Lernen!). In diesem Sinne hat auch das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation eine Bedeutung für das Lernen als auch für Konflikte (wenn Kommunikation misslingt); hiermit zeigt sich auch eine Wechselwirkung zwischen Lernen und Konflikte. Kommunikation: Ursache und Wirkung im Eisbergmodell ​ Nach Schulz von Thun hat jede Nachricht einen Auslöser beim Sender und hinterlässt eine Wirkung beim Empfänger. In einem Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen wechselt die Rolle von Sender und Empfänger ständig hin und her, verändert aber nichts an dem oben aufgeführtem Prinzip. Der Auslöser und die Wirkung einer jeden einzelnen Nachricht/Botschaft/Aussage in einem Gespräch switcht damit ständig hin und her. Um die Ursache und Wirkung einer Nachricht darzustellen, eignet sich als ergänzendes neues Modell die Kombination des Vier-Seiten-Modell der Kommunikation mit dem Vier-Ebenen-Modell des Verhaltenseisbergmodells. Hiermit kann man gut darstellen, dass eine Nachricht beim Sender einen Auslöser auf einer der vier Ebenen eins bis vier oder in einer Kombination der vier Ebenen des Eisbergmodells hat. Ebenso gilt die für die Wirkung der Nachricht beim Empfänger; jede Nachricht zeigt seine Wirkung auf einer der vier Ebenen oder auf einer Kombination der vier Ebenen des Eisbergmodells. Nachrichten benötigen für den Transfer vom Sender zum Empfänger, neben der physischen Übertragbarkeit der Nachricht (Luft für den erregten Schall durch die Stimmbänder und den Empfang über die Ohren, Sicht für Zeichengebung und Körpersprach, Telefon, Internet etc.; nach dem 7-Ebenen-Prinzip der technischen Kommunikationslehre), immer eine Codierung (auf der Seite des Senders) und eine De-Codierung (auf der Seite des Empfängers. Codierung und De-Codierung müssen kompatibel sein, denn ansonsten funktioniert die Kommunikation nicht oder wird beim Empfänger missverstanden. Die Codierung kann verbal (Sprache), paraverbal (Betonungen, Pausen, Interpunktion etc. in der Sprache) oder nonverbal (Körpersprache, visuelle Zeichen, olfaktorische oder sensorische Einflüsse, Geräusche etc.) sein. Wir Menschen bedienen uns in der Regel der Sprache, aber auch hiervon gibt es schon rund sechstausend auf unserer Erde. Daher muss man sich doch hin und wieder der Zeichensprache bedienen. Kommunikation läuft sowohl auf der bewussten als auch auf der unbewussten Ebene ab. Die unbewusste Ebene ist immer aktiv (daher kann man „nicht nicht Kommunizieren“), die bewusste Ebene kann der Mensch steuern bzw. ein- und ausschalten. Auf mittlere und lange Frist kann man die immer wieder erlebten Wirkungen der Nachrichten beim Empfänger unter bestimmten Voraussetzungen als unbewusste „Prägung“ verstehen. Die Prägung hinterlässt auf allen vier Ebenen des Eisbergmodells seine Spuren und läuft immer in der Reihenfolge Kommunikation => Verhalte/Tun => Skills/Können => Mind Set/Wollen => Potenzial/Persönlichkeit, also von oben nach unten ab. Prägung nennt man in der Verhaltensbiologie eine irreversible Form des Lernens: Während eines meist relativ kurzen, genetisch festgelegten Zeitabschnitts (sensible Phase) wird die Reaktion auf einen bestimmten Reiz der Umwelt derart dauerhaft ins Verhaltensrepertoire aufgenommen, dass diese Reaktion nach erfolgter Prägung wie angeboren erscheint. Im Rahmen der Instinkttheorie wird das Phänomen Prägung gedeutet als die Aneignung der Reaktion auf einen Schlüsselreiz. Das englische Wort für Prägung („imprinting“) wird heute in der Genetik auch für eine Sonderform der Expression von Genen benutzt (=> Genomische Prägung), die davon abhängen kann, von welchem Elternteil das Allel stammt, also in einem gänzlich anderen Zusammenhang als im Bereich der Verhaltensbiologie. Lernen durch Prägung findet statt, ohne dass Belohnung oder Bestrafung eine Rolle spielen. Lernen durch Prägung unterscheidet sich daher fundamental von einer Lernform wie dem Lernen durch Erfahrung oder einer Problemlösung durch Versuch und Irrtum. Diese Formen des Lernens behandeln wir später in diesem Vortrag bzw. in diesen Unterlagen. Vorab aber mal so viel: Auch diese Formen des (oft bewussten) Lernens laufen nach der Theorie des Eisbergmodells in der Reihenfolge Kommunikation => Verhalte/Tun => Skills/Können => Mind Set/Wollen => Potenzial/Persönlichkeit ab und hinterlassen damit auf jeder Ebene ihre (Lern-)Spuren bzw. ihre (Lern-)Resultate. Über die verschiedenen Gedächtnisformen und die neurobiologischen und neurophysiologisch Lernprozesse trägt so das Gelernte auch neurobiologisch bzw. neuroanatomisch seine Resultate im Gehirn (siehe weiter oben in den Unterlagen). Prägung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie nur in einer bestimmten Zeitspanne stattfinden kann, die daher als sensible Lebensphase bezeichnet wird. Prägung ist also nicht nachholbar. In welchem Alter diese Phase nachweisbar ist und wie lange sie dauert, kann je nach Individuum oder auch Tierart sehr unterschiedlich sein. Prägung ist unwiderruflich; das durch sie Gelernte wird besonders schnell und effektiv gelernt und auf Lebenszeit behalten; zumindest werden die durch Prägung erworbenen Auslöser (Schlüsselreize) auf Dauer bevorzugt. Durch Prägung werden stets nur eng begrenzte Merkmale gelernt, also zum Beispiel eine bestimmte Reaktion auf ein bestimmtes Objekt der Umwelt oder eine bestimmte, klar gegen andere Verhaltensweisen abgrenzbare Verhaltensweise. Prägung kann in einer Zeitspanne stattfinden, in der die geprägte Verhaltensweise noch nicht vollzogen werden kann. Das Funktionieren der Kommunikation ist auch der Schlüsse für das ICH-PLUS – DU-PLUS – WIR-PLUS – Prinzips (siehe Folie 6). Das PLUS beim ICH, DU und WIR wird nur eintreten, wenn die Kommunikation unter den Menschen gut funktioniert und positiv geprägt ist; andernfalls könnte alles ins MINUS fallen, was zu Konflikten und damit einhergehenden Stimmungs-, Emotions- und Lerneinschränkungen bei allen Beteiligten führen kann. Hierbei spielt auch die geistige Ebene (siehe hierzu später Folie 85) eine Rolle, welche durch die Einstellung gegenüber sich selbst, zu anderen Personen im Kommunikationsvorgang und zu seinem Umfeld bestimmt wird. Hierzu gehören z.B. die positive oder negative Unterstellung anderen und mir selbst gegenüber (DU-PLUS oder -MINUS und/oder ICH-PLUS oder -MINUS), die eigenen Erwartungen, die Lösungs- oder Problemorientierung in der Kollaboration (WIR-PLUS oder -MINUS) und die Funktionsrolle von mir selbst oder meines Gegenübers. ​ ​Formen der Führung bzw. des Leaderships im Kontext zum Eisbergmodell Anhand der psychologischen, methodischen als auch neurobiologischen Erkenntnisse aus dem Eisbergmodell, können vier Formen geeigneter, sinnvoller und nachhaltig wirksamer Führung (Leadership) entwickelt werden. Die Methoden hinter diesen Formen des Leaderships eignen sich ganz besonders in Zeiten des Wandels (VUCA-Welt, Digitalisierung, Industrie 4.0, holokratische Führung, agile Unternehmen etc.) und entfalten auch darin ihre grosse und nachhaltige Wirkung. Die Zuteilung der Führungs- bzw. Leadership-Methoden erfolgen in Anlehnung an das Eisbergmodell wie folgt: Ebene (Tun/Verhalten): – (Selbst-)Vorgabe von Zielen, Timelines, Prozessen, Ressourcen (Finanzen, Technik, Infrastruktur, Mitteln etc.), Organisation der Kollaboration, Einbindung von Supportern etc. Ebene (Können/Skills): – kurzfristiges Entwickeln des Könnens bzw. der Skills mittels geeigneter Beratung und langfristige entwicklung des Könnens bzw. der Skills mittels sinnvoller und nachhaltiger Schulung/Trainings Ebene (Wollen/Mind Set): – mit geeigneten Coaching- und (in der Regel) Fragemethoden sich selbst und/oder andere Menschen ins «Wollen» bringen. Ebene (Potenzial/Persönlichkeit): – ist die richtige Person am richtigen Ort (auf mich und andere bezogen)? Passt das Potenzial zu dem was zu tun ist und zu dem erwünschten Verhalten oder besteht hier eine grosse Diskrepanz. Menschen fühlen sich dort wohl und performen dort, wo sie ihre Stärken einbringen können und nicht dort, wo Ihre Schwächen eine Behinderung im Tun und Verhalten erzeugen. Performanceformel aus dem Eisbergmodell In der Folge wird dargestellt, dass Menschen, die performen (gute und/oder Leistungsfähigkeit an den Tag legen) selten bis nie negativen Stress (zerstörerischer Distress) empfinden. Das Gegen ist der Fall: Menschen, die performen empfinden Motivation und befinden sich meist in einem positiven Stressempfinden (Eustress). Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts an der Universität Zürich, welches sich mit Stress bei der Arbeit und im Alltag beschäftigt, wurde basieren auf dem Eisbergmodell eine Performance-Formel entwickelt. Hierfür wurde jedem der vier Ebenen des Eisbergmodells ein geeignetes Verb vergeben (wovon zwei bereits im Eisbergmodell beinhaltet sind): Ebene (Tun/Verhalten): Ebene (Können/Skills): Ebene (Wollen/Mind Set): Ebene (Potenzial/Persönlichkeit): Hieraus entwickelte sich dann die Performanceformel (oder von der Gegenseite aus betrachtet auch Stressformel): Performance bzw. Leistungserbringung = DÜRFEN x KÖNNEN x WOLLEN x HABEN Hierbei ist der maximale Wert eines jeden Multiplikators (Dürfen/Können/Wollen/Haben) jeweils 1 bzw. 100%. Als diagnostischen Instrument kann man durch den Einsatz dieser Formel mittels Bewertung der einzelnen Multiplikatoren (Dürfen/Können/Wollen/Haben) erkennen, warum eine Person die gesetzten Performance-Ziele nicht erreiche bzw. Stress empfindet. Es eignet sich somit als eine Form der Standortbestimmung. Hiermit ist gut und präzise zu erkennen, auf welcher Ebene des Eisbergs man mit Massnahmen ansetzten muss und welche Methoden (und damit auch mit welcher Form der Führung in (Selbst-)Leadership-Prozessen) man geeigneter Weise einsetzen sollte, um die Situation zum Besseren zu wenden, die Performance zu steigern und/oder das Stressempfinden zu reduzieren. Der nachhaltige Erfolg des Vorgehens mit der Performanceformel zeigt sich auch immer wieder in der täglichen Tätigkeit als Unternehmensberater und Coach und bestätigt sich ebenso regelmässig durch Auswertung von fortlaufend durchgeführten Befragungen und Persönlichkeitstests (APE – Akilas-Persönlichkeitseinschätzung; entwickelt durch Haller; in sieben Modulen basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgebaut; einsetzbar als Standortbestimmung für Coachings, individuelle Entwicklungsmassnahmen, Teamentwicklung, Selektion etc. im beruflichen und privaten Kontext). Bewusste und unbewusste Ebenen im Eisbergmodell Wo läuft was bewusst und was unbewusst ab. Bezogen auf das Eisbergmodell kann man hierfür eine Linie diagonal über das Eisbergmodell ziehen, die verdeutlichen soll, dass je weiter man im Eisbergmodell herunterkommt (von Ebene 1 zu Ebene 4), desto mehr läuft im Unbewussten ab. Selbst auf der Tun- und Verhaltens-Eben läuft vieles durch unser Gehirn für uns unbewusst gesteuert ab (mehr als auf der Grafik in Folie 32 dargestellt), so z.B. ein Grossteil der nonverbale Körpersprach, Mimik als auch z.B. paraverbale Seufzer, Sprachpausen oder Sprachstotterer in Momenten emotionaler Erregung. Auch auf der Skills-Ebene liegt vieles im Unbewussten; wir können (unbewusst erlernt, wie z.B. Nutzung von Sprachregeln (Grammatik), Laufen, Schwimmen, Fahrradfahren und andere motorische Fähigkeiten) mehr, als dass uns bewusst ist. 4. Auswirkungen der bewussten und unbewussten Ebenen auf das tägliche Leben und auf das Lernen ​ Bewusste und unbewusste Ebenen beim Lernen Mit dem in der Folie 34 dargestelltem 4-Felder-Modell (als Metapher zu verstehen), kann man ansatzweise die Lernmechanismen auf der bewussten und unbewussten Eben verstehen: Die beiden unteren Felder stellen dar, was bei uns (d.h. wo unser Gehirn Prozesse außerhalb unseres Bewusstseins steuert); die beiden oberen Felder stellen dar, was bei uns (oder zumindest das, was wir uns hierzu einbilden; es gibt viele von uns vermeintlich bewusst gesteuerte Prozessen, die alles andere als von uns bewusst kontrolliert sind; die aktuelle Forschung beschäftigt sich intensiv mit dieser Thematik; dies ist aber ein anderes Thema und soll an dieser Stelle nicht vertieft beleuchtet werden). Die beiden rechten Felder repräsentieren Themen/Handlungen, die wir ; die beiden linken Felder Themen/Handlungen, die wir . Wir gehen für die weiterführende Erklärung des Modells von folgendem Beispiel aus: Für eine von uns angestrebte Aufgabe (beruflich oder privat), wollen/sollen wir eine für uns neue Sprache erlernen; z.B. Chinesisch oder präziser Mandarin. Bis anhin war vielen von uns gar nicht bewusst, dass wir Mandarin nicht sprechen, da wir es nie nutzen (Volksspruch: was ich nicht weiss, macht mich nicht heiß). Daher kümmert uns dieses Feld unten rechts im Modell relativ wenig, obwohl der Grossteil des menschlichen Gesamtwissens diesem Feld zuzuweisen ist. Da wir auf diese uns nicht eigenen Fähigkeiten nie zugreifen müssen, interessieren sie uns auch nicht. Es sei dann, sie sind plötzlich doch gefragt, wodurch uns dieses Nichtkönnen „bewusst“ wird (Bewusstwerdung). Auch Sachen, die wir bereits (falsch) Können aber tief in unserem Unbewusstsein liegen (z.B. gewisse Ticks und Marotten oder der uns nicht bewusste immer gleiche Grammatikfehler) können uns durch die Bewusstwerdung „bewusst“ werden. Bewusstgewordene und nicht gekonnte Themen können wir grundsätzlich auf zwei Ebenen ins „Können“ bringen. Am Beispiel des Mandarinlernens geschieht die einerseits auf der bewussten Ebene mit Einsatz unseres Verstands durch aktives Erlernen von chinesischen Wörtern, Grammatik, Schrift, Satzbildung etc. und wir sprechen dann von kognitivem oder bewusstem Lernen. Aus unseren Schulerfahrungen wissen wir alle, dass diese Form des Lernens sehr streng, mühselig und aufwendig sein kann. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass wir auf dieser Ebene zu einem gegebenen Zeitpunkt nur einen Gedanken erfassen und bearbeiten können (singletasking). Es gibt nun aber auch die Möglichkeit, Mandarin bei einer chinesischen Familie und ohne Kontakt mit Anderssprachigen zu erlernen. Hierbei behilft man sich anfangs der Zeichensprache, lernt aber schnell durch „Versuch und Fehler“ einzelne Wort, dann ganze Satzbildungen und zu guter Letzt auch die Sprache. Diese Form der Überführung von Nichtkönnen ins Können bezeichnet man als intuitives oder unbewusstes Lernen, da wir hierfür zum Grossteil nicht bewusste Lernstrukturen unseres Gehirns zugreifen müssen. Der Vorteil dieser Form des Lernens: Es laufen auf der unbewussten Ebene sehr viele Prozesse parallel, wodurch die Lerneffizienz grösser ist als beim kognitiven Lernen. Es können sich aber auch mehr Fehler einschleichen, die einem nicht bewusst sind. Wir alle – und besonders Kleinkinder – lernen unaufhörlich auf dieser unbewussten Ebene (man kann nicht nicht Lernen), ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist vielmehr: Lernt ES das richtige? Aber wer soll beurteilen, war richtig und was falsch ist? Kindern lernen intuitiv durch „trial and error“ als auch durch Kopieren anderer Menschen (meist von Menschen mit nahem Bezug, wie z.B. Mutter oder Vater, Geschwister) laufen, rennen, Sprachen, soziale Verhaltensweisen etc. ohne, dass sie Anfangs die bewusste Ebene des Lernens für ihre Lernprozesse einsetzen können. Erst mit dem Älterwerden entwickelt das Gehirn auch die Fähigkeit, kognitiv zu lernen. Ein interessantes Phänomen, welches auch in diesem Bereich die erstaunliche Leistungsfähigkeit des Gehirns zeigt, ist der Automatismus des kognitiv Erlernten. Wiederholt man kognitiv und bewusst erlerntes häufig und erfolgreich, so stellt sich eine gewisse Routine ein und das Erlernte rutscht von der bewussten in die unbewusste Ebene. Dies ist z.B. der Fall bei Fahrradfahren, Schwimmen, Autofahren aber auch beim Einsatz von gelernten Methoden in der Führung, bei der Erziehung, bei sozialen Interaktionen und weiteren routinierten Aufgaben. Der Vorteil hiervon ist, dass sich nicht mehr unser Singletasking-Gehirn-System (bewusste Ebene) um die Prozesse und Abläufe kümmert, sondern unser Multitasking-Gehirn-System (unbewusste Ebene) und damit Raum für neue Aufgaben in unserem bewussten System schafft. Nur so ist es zu erklären, dass sich ein routinierter Autofahrer, parallel zu den komplexen Prozessen bei Führen eines Fahrzeuges, intensiv zu einem schwierigen Thema mit seinem Mitfahrer unterhalten kann. Beim bewussten bzw. kognitiven Lernen läuft das intuitive bzw. unbewusste Lernen stets mit (es hört nicht auf zu lernen). Umgekehrt ist dies nicht der Fall. Bewusste vs. unbewusste Ebene: Die wichtigsten Gedächtnisformen Das menschliche Gedächtnis lässt sich grob in zwei Systeme aufteilen: ein deklaratives (auch »explizites«) und ein nichtdeklaratives, implizites. Während erstere bewusst gelernte und abrufbare Fakte enthält (von der Präambel des Grundgesetzes bis zur Handy-PIN), sind in letzterem unbewusste Verknüpfungen und Fertigkeiten abgelegt. Beide Gedächtnisformen sind funktional und anatomisch weitgehend getrennt voneinander. Der Hippocampus im mittleren Schläfenlappen gilt als Zentrum des bewussten Lernens. Nichtdeklarativer Wissenserwerb beansprucht dagegen weiter verteilte Hirnareale, darunter die Amygdala, den Nucleus accumbens, die Basalganglien, den prämotorischen und den präfrontalen Kortex im Stirnhirn sowie Teile des Parietalkortex. Ob Schuhe binden, Auto fahren oder schwimmen: Sobald wir die Abläufe automatisiert haben, bedürfen sie keiner bewussten Kontrolle mehr. Explizit Gelerntes kann also ins implizite Gedächtnis übergehen. Das gilt vor allem für die Bewegungskoordination. Umgekehrt wird semantisches Wissen (zum Beispiel: „Palma ist die Hauptstadt von Mallorca“) zwar bewusst gelernt, verändert sich beim erneuten Abruf jedoch oft unbemerkt und erhält neue Nuancen (etwa nach dem Inselurlaub eine emotional besonders positive Note). Viele Forschungen zeigten zudem, wie anfällig das menschliche Gedächtnis für Verzerrungen ist – zum Glück, sonst erschiene uns mancher Urlaub rückblickend kaum so romantisch. Der Dialog zwischen Bewusstsein und Unbewusstem: Verstand und emotionales Erfahrungsgedächtnis Antonio Damasio stellte die Theorie auf, dass die emotionalen Erfahrungen im Menschen „verkörperlicht“ sind und so unser Verhalten bei Entscheidungen beeinflussen. Diese körperlichen Signale werden als somatische Marker bezeichnet. Innerhalb von Millisekunden sendet der Körper ein „STOPP oder GO“, also sowohl positive, bejahende als auch negative, vermeidende Handlungsimpulse aus. Diese Körperempfindungen werden z.B. als „Kribbeln im Bauch“, „Kloß im Hals“, „ein Gefühl der Größe“, „Leichtigkeit“ oder „freier Kopf“ wahrgenommen. Zwei, die immer mal wieder im Konflikt stehen: die langfristige und vernünftige Bewertung aus dem Verstand (bewusst) und die Bewertung aus dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis, das kurzfristig und am Wohlbefinden orientiert ist (unbewusst). Hieraus ergeben sich zwei Bewertungssysteme – unsere (neuro)biologische Grundausstattung. Hierzu gehören: Verstand Bewusstsein Logisches Denken Zukünftiges Handeln, gute Strategien entwickeln Vernünftig Langsames Arbeitstempo Kommunikation erfolgt über die Sprache, z.B. präzise Argumente Die Bewertung erfolgt mit richtig oder falsch Selbstzwang: Wir tun etwas und zwingen uns dazu, auch wenn wir das nicht wollen (suboptimal) Hohes Energieniveau Emotionales Erfahrungsgedächtnis Unbewusstes / Instinkte Ererbtes Wissen (Gene), persönliche Erfahrungen Hier & Jetzt, im Augenblick, Wohlfühlen Extrem individuell, „innerer Schweinehund“ Sehr schnell und spontan Kommunikation erfolgt über „somatische Marker“, z.B. diffuse Gefühle und Emotionen Die Bewertung erfolgt über „Mag ich“ oder „Mag ich nicht“ Intuition: Wir tun etwas und es fühlt sich gut an Energiesparend Der Dialog zwischen bewusster und unbewusster Ebene In Wechselbeziehung: Das „heisse” und das „kühle” System in unserem Gehirn Unser emotionales Gehirn (heisses System) liegt im Inneren des Grosshirns und wird auch als Gefühlshirn bezeichnet. Es hat eine zentrale Bedeutung für unser Gedächtnis und unser Lernvermögen. Das limbische System ist der Ursprung unserer Gefühle und mit dem sogenannten „Belohnungszentrum“ bestückt. Dieses ist ein Angriffspunkt für die euphorisierende und damit suchtfördernde Wirkung von Drogen wie Opiaten oder auch von Schokolade und Extremsport. Sofort wird bewertet: Positiv, negativ oder neutral. Das läuft alles blitzschnell ab. Das limbische System reagiert unmittelbar! Merkmale unseres „heissen” emotionalen Systems (limbisches System): Schnellere Gehirntätigkeit (Millisekunden) Unwillkürlich, automatisch, ständig aktiv Intuitiv (Assoziationsnetzwerke) Impulsiv, von Gefühlen getrieben Ausführung von Routinetätigkeiten Leitfaden für Handlungen Verwalter der mentalen Weltmodelle Dauerstress aktiviert das heisse System Das kühle System wird durch starken Stress geschwächt Der Dialog zwischen bewusster und unbewusster Ebene In Wechselbeziehung: Das „heisse” und das „kühle” System in unserem Gehirn Der präfrontale Kortex (kühles System) ist ein mächtiger Teil des Gehirns, der aber sehr schnell an Grenzen stösst, wenn er mit zu vielen Informationen gleichzeitig zugeschüttet wird. Und dies ist bereits der Fall, wenn zwei Sachen auf einmal zu entscheiden, zu lernen oder zu durchdenken sind. Dieser Teil des Gehirns kommt hervorragend mit Einzelaufgaben klar, das ist seine Kernkompetenz. Merkmale unseres „kühlen” kognitiven Systems (präfrontaler Kortex): Langsamere Gehirntätigkeit Willentlich Anstrengend Ort der Selbstbeherrschung Gewinnt manchmal Oberhand bei Routinetätigkeiten Kann emotional bedingte Impulse zum Schweigen bringen In der Lage, neue Modelle zu lernen Pläne schmieden Der Dialog zwischen bewusster und unbewusster Ebene ​Vom Trampelpfad zur breiten Autobahn Erinnern Sie sich, als Sie Ihren Führerschein gemacht haben? Kuppeln, schalten, Fuß vom Gas, bremsen. Jede Aktivität musste zuerst bewusst ausgeführt werden. Nach einer Stunde Autofahrt waren Sie anfangs vermutlich hundemüde. Mit einigen Jahren Erfahrung ändert sich das. Warum? Je häufiger wir eine Tätigkeit ausführen, desto stärker verwandelt sie sich in eine automatische Gewohnheit (Routine). Diese wandert dann vom kühlen, kognitiven System in das heiße, emotionale System. Vom schmalen Trampelpfad entwickeln sich die neuronalen Netzwerke zu einer breiten Autobahn. Für unser tägliches Leben ist dieser „Autopilot” essenziell. Sonst wären wir bei einfachen Tätigkeiten, wie gehen, Geschirr spülen oder aufräumen, schnell erschöpft. Unser Gehirn ist ein Energiesparmodell. Es ist stets bemüht, möglichst mit geringem Ressourcenaufwand zu arbeiten und hält Energie für den Notfall bereit. Es sucht permanent nach Erfahrungen/ Bildern/Worten/Ereignissen, die es gemacht hat, um diese zu nutzen – übrigens auch ein Grund, weshalb wir Meister im Interpretieren sind. Üben, üben, üben und nochmals üben Denkweisen und Verhalten zu verändern, braucht Training, um im Gehirn von „oben“ (bewusst) nach „unten“ (unbewusst) zu wandern. Irgendwann sind diese dann selbstverständlich und laufen automatisch ab. Deshalb lassen sich tiefsitzende Denk- und Verhaltensmuster – und damit auch die Bewertung von Reizen und Erfahrungen – nicht einfach mal schnell „wegzaubern“. Und das ist auch gut so. Denn diese Netzwerke entwickeln sich u. a. durch unsere Prägungen, die Erziehung und unsere Erfahrungen. Sie sind Teil unserer Persönlichkeit. Können wir uns auf unser heißes, emotionales System – und damit auch auf unsere Intuition – verlassen, wird der Geist frei und beweglich. Ein Phänomen, welches wir alle kennen: Fährt meine heisses emotionales System hoch (ich bin jetzt auf 180; ein Ausdruck, den man auch aus dem Alltag kennt), so reduzierte sich die Leistungsfähigkeit meines kühlen rationalen Systems. Wir alle kenne dieses Phänomen aus Prüfungssituationen (gestern konnte ich doch noch alles und jetzt fällte es mir nicht mehr ein!), als Lampenfiber, nach freudigen, traurigen oder erschreckenden Ereignissen (z.B. nach Unfallsituationen muss man erste wieder zur Ruhe kommen) oder ganz allgemein Stressreaktionen. Umgekehrt ist es ebenso: Arbeite ich hochkonzentriert unter Einsatz meines kühlen rationalen Systems an der Planung eines Projekts, so fährt mein heisses emotionales System „in den Keller“. Mit einer Wippe als Metapher kann man dieses Phänomen darstellen (siehe Folie 39) und mit einem simplen Kalkulationsmodell kann man die Situation auch nachvollziehen. Man geht davon aus, dass die Summe zwischen emotional und rational einem Wert von 200 entspricht. Lieben beide Werte auf 100, so ist man emotional und rational im Gleichgewicht und die Wippe liegt schön horizontal. Erregt man sich emotional und ist dann auf 180, so reduziert sich unsere rationale Leistungsfähigkeit auf 20 (Stellung der Wippe auf der Folie 39). Selbstreflexion zum Thema bewusste und unbewusste Ebene: In welchen Situationen kocht mein „heisses“ System über und der „Raketenantrieb“ wird aktiviert? Was sind meine „Hot Spots“? Wie reagiere ich in diesen Situationen? Wie wirkt sich das auf mich aus? Wie wirkt sich das auf mein Umfeld/Team aus? Wie kann ich meine Systeme gut regulieren? Was will ich verändern? Der Dialog zwischen bewusster und unbewusster Ebene Beide Systeme gewinnbringend nutzen – so schaffen Sie es und arbeiten damit an Ihrem ICH-PLUS (Selbstregulation): Seien Sie sich Ihrer Erfolge bewusst. Welche Herausforderungen haben Sie schon bewältigt? Welche Stärken haben Sie dabei eingesetzt? Schreiben Sie auf, was Sie an Zielen und Aufgaben im Kopf haben. Dies dient der Psychohygiene und Sie bekommen den Kopf frei. Visualisieren Sie Ihr Ziel, so als ob Sie es schon erreicht haben (emotionales Aufladen der Ziele). Das gibt Energie und Motivation. Wandeln Sie destruktive Gedanken. Legen Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Positive und nutzen Sie die Chancen, die in Fehlern stecken (positive Fehlerkultur). Wenn Sie nicht abschalten können, setzen Sie sich für einen bestimmten Zeitraum auf einen „Grübelstuhl”. Hier können Sie überlegen, zweifeln und Ihren Gedanken freien Lauf lassen. Finden Sie für sich Rituale, mit denen Sie anstehende Aufgaben, Sorgen oder Belastendes am Abend vorübergehend „parken”. Dies kann eine imaginäre Schublade, ein Gefäss oder etwas anderes sein. Praktizieren Sie Dankbarkeit. Fragen Sie sich, für was Sie dankbar sind - im Kleinen und im Grossen. Eine dankbare Einstellung macht uns gesünder, zufriedener und hilft beim Erreichen langfristiger Ziele. Trainieren Sie Achtsamkeit. Bauen Sie dies in Ihren Alltag ein. Atmen, gehen, Tee trinken - jede Tätigkeit kann zu einer Achtsamkeitsübung werden. Bewusste und unbewusste Ebene und die menschlichen Ressourcen Eine gute Selbstregulation (DU-PLUS) geht mit dem Aktivieren unserer Ressourcen einher. Um für sich zu erkennen, was wir zum Erreichen eines Ziels brauchen, ist es hilfreich, sich seiner inneren und äusseren Ressourcen bewusst zu sein. Hierzu gehören neben der eigenen Stärken, Erfahrungen und Einstellungen bzw. Haltungen auch: Unterstützung durch Familie und Freunde Energie und Leidenschaft Vertrauen und Zuversicht Soziale Fähigkeiten Ein Mentor, der erreichbar ist Einflussmöglichkeiten Gesundheit Finanzielle Mittel Intelligenz Ausdauer, Durchhaltevermögen Kommunikationsfähigkeit Fachwissen Verbindungen, Netzwerke Emotionale Selbstregulation Vergangene Erfahrungen etc. In der Kollaboration kann man die Ressourcen der beteiligten Personen durch kooperatives Handeln und wertschätzendem und respektvollem Umgang gegenseitige weiter auf- und ausbauen (WIR-PLUS => Mit- und Für-Einander). Zerstört oder reduziert werden die Ressourcen bei allen beteiligten, wenn man sich in eine negative Konfrontation begibt (WIR-MINUS => Gegen-Einander) Aufmerksamkeit steuern und mental fit sein Unsere Aufmerksamkeit spielt in Bezug auf unsere Wahrnehmung eine große Rolle. Die gerichtete (gleich selektive) Aufmerksamkeit beschreibt, wie wir relevante Informationen aus unserer Umwelt aufnehmen bzw. ausblenden. Es ist die Fähigkeit, zielgerichtet einer Aufgabe nachzugehen, ohne sich von internen oder externen Reizen ablenken zu lassen. Wir kontrollieren unseren „Input“ und können uns so viel besser konzentrieren. Was ist der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration? Aufmerksamkeit: „Wohin richten wir unsere Aufmerksamkeit?“ Konzentration: „Wie lange bleiben wir dabei und mit welcher Intensität?“ (Das eine bedingt das andere) Gerichtete und ungerichtete Aufmerksamkeit Der Mehrprozessbetrieb oder das Märchen von Multitasking. In unserem Gehirn laufen ständig viele Prozesse gleichzeitig ab, beinahe alle davon unbewusst. Führen wir jedoch zwei Aufgaben zeitüberlappend und bewusst aus, wird es schwierig. Aufmerksamkeit steuern und mental fit sein Üben Sie Singletasking Beenden Sie eine Tätigkeit, halten Sie kurz inne (auch wenn innere Impulse Sie antreiben) und starten Sie dann mit der neuen Aktivität. Notieren Sie bei Störungen in Stichworten den Bearbeitungsstand. Dann sind Sie wieder schneller im Thema. Reduzieren Sie Störungen Schaffen Sie sich eine „Büroampel“ an oder stellen Sie ein „Stopp-Schild“ auf, wenn Sie komplexe Aufgaben bearbeiten. Nutzen Sie Kommunikationsmedien die „Do not disturb“ Funktion, um konzentriert arbeiten zu können. Stimmen Sie sich mit Ihrem Team ab und finden Sie Wege, wie jedes Teammitglied „störungsfreie Zeiten“ hat. Die menschlichen Ressourcen Achten Sie bei Ihrer Arbeit als auch im Privatleben auf Ihre Ressourcen und seine Sie sich bewusst, was Ihre Ressourcen reduziert und was sie stärkt. Erhöhter Energieverbrauch (Ressourcenreduktion) Versuch von Multitasking PC-Arbeit Telefonate Video-Sitzungen (Zoom, MS Teams etc.) Ständige Unterbrechungen E-Mail Flut Soziale Medien um Übermaß Meetings Grübeleien Störende Gerüche Laute Geräusche Unordnung Ablenkungen Unerledigte Aufgaben u.a.m. Speicher aufladen (Ressourcenaufbau) Schlaf Entspannungsmöglichkeiten Rituale Bewusster Atemzug Pflanzen & Natur Frische Luft Körper- und Bewegungsübungen Genuss-Spaziergang Bewusst Tee oder Wasser trinken Stille, Ruheräume Klangdusche, wohltuende Düfte Barfuß laufen Kerze, Feuer beobachten Füße massieren u.a.m ​ 5. Wie werden Lernprozesse markant verstärkt? Fördern durch Fordern – Das „out of the box“-Phänomen „Out of the box“ in Serie gleich FLOW Gehen wir bei einem Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt von gegebenen (bereits erlernten) Kompetenzen bzw. Fähigkeiten aus, so können wir grundsätzlich drei verschiede Varianten betrachten, wie wir diese gegebenen Kompetenzen bzw. Fähigkeiten in eine Aufgabe/Anforderung miteinbringen können: Überforderung Übersteigen die Anforderungen/Aufgaben meine Kompetenzen und Fähigkeiten deutlich, so erleben wir eine klare Überforderung, die zu Ängsten, Unzufriedenheit, Frust, Ohnmachtsgefühlen, Hilflosigkeit und Stressempfinden führt oder führen kann (je nach meiner Haltung hierzu). Meine Kompetenzen und Fähigkeiten werden auf Zeit reduziert, da ich sie nicht passend zum Einsatz bringen kann. Unterforderung Sind meine Kompetenzen und Fähigkeiten weit grösser, als dass es vorgegebene Anforderungen und Aufgaben erfordern, erlebe ich Unterforderung und damit einhergehende Langeweile, Frustration uns letztendlich auch Stressempfinden. Auch hierbei werden meine Kompetenzen und Fähigkeiten auf Zeit reduziert, da ich sie nicht passend zum Einsatz bringen kann. Anforderung auf Wachstumskurs / Herausforderung Liegen die zu erledigenden Anforderungen und Aufgaben leicht über meinen Fähigkeiten und Kompetenzen (Lernpsychologen sprechen hier als Metapher von einem „Plus 10 Effekt”), und kann die Anforderungen und Aufgaben in der mir zur Verfügung stehenden Zeit zu einer Lösung führen, so erlebe ich einen grossen Lerneffekt und Zufriedenheitseffekt. Dies liegt am „out of the box”-Effekt: Die „box” repräsentiert hierbei unsere Komfortzone, in der wir uns wohl und gemütlich fühlen. Treibt uns nun eine treibende Kraft (durch innere Motivation oder durch angemessenen Druck von aussen) aus dieser Box und mit Überwindung meines „inneren Schweinehunds” verlasse ich die Box (dies geschieht z.B. durch Aha-Effekte nach längerem Überlegen), so erfahre ich über Aktivierung des Nucleus accumbens (Glückszentrum unseres Gehirns) im Limbischen System zwei Effekte: Einerseits erlebe ich Zufriedenheits- und Glücksgefühle, andererseits lerne ich aus dem eben Erlebten ganz intensiv (deutlich mehr als unter Normalumständen). Das sind demzufolge Momente hoher Zufriedenheit und hoher Lerneffekte. Dies entspricht der wohl allen wohlbekannte und mit Sicherheit zutreffenden Aussage: Fördern durch Fordern! Ohne Forderung und Überwindung des „inneren Schweinehunds” fällte es schwer oder ist es gar unmöglich sich selbst oder andere zu fördern und in Entwicklungsprozesse zu bringen. Nur wie geschieht das am besten? Das wird uns in der Folge noch beschäftigen und hierauf wollen wir Antworten suchen und finden. Folgt innerhalb eines Zeitrahmens dem einen „out of the box”-Effekt diverse weitere „out of the box”-Effekte (also „out of the box”-Effekte in Serie), so sprechen wir von einem FLOW-Zustand, den der ungarische Verhaltenspsychologe Csikszentmihalyi erstmals beschrieben hatte. Der FLOW-Zustand ist damit ein Moment hoher Zufriedenheit und Glück, gepaart mit effizientem Lernen und hoher Performance. Was will man mehr!? Schlussfolgerung Führung (auch Selbstführung), Coachen und Beraten heißt sicherzustellen, dass Personen spürbar gefordert sind (out-of-the-box) => Fördern durch Fordern Erfolgserlebnisse haben / Glückseffekte erleben an ihren Aufgaben wachsen und damit in einen stetigen Lernprozess kommen (immer wieder FLOW-Phasen) Lernen und Zufriedenheit / Out-of-the-Box Das Out-of-the-Box-Modell kann auch mit der Metapher eines Trichters betrachten (Folie 47: Betrachtung des Trichters von oben (der Ausfluss ist nicht zentral), Folie 48: Betrachtung des Trichters von der Seite), in dem sich eine Kugel befindet, die in Bewegung gehalten wird und je nach Intensität der Bewegung verschiede Zonen erreichen kann. Je höher die Energie, welche in die Kugel gegeben wird, desto höher steigt sie im Trichter und kann bei zu hoher Energie oben herausgeschleudert werden (Burnout); mit weniger kinetischer Energie sinkt die Kugel im Trichter und kann im ungünstigsten Fall sogar unten hinausfallen (Boreout). Die verschiedenen Zonen lassen sich wie folgt interpretieren: Lern-Zone / Wachstums-Zone / Risiko-Zone / Mut-Zone FLOW / Selbstvertrauen wächst / Neue Erfahrungen / Selbstsicherheit steigt / Neue Fähigkeiten Komfort-Zone Gewohnheit / Sicherheit / Kontrolle / Routinen Akzeptanz-Zone Beginnende Reduktion von Gewohnheit / Sicherheit / Kontrolle / Routinen Frustations-Zone Beinahe Verlust von Gewohnheit / Sicherheit / Kontrolle / Routinen Panik-Zone Lähmende Angst / Ohnmachtsgefühl / Hilfslosigkeit / Kontrollaussetzer Todes-Zone (entweder unten Herausfallen oder ober Herausschleudern der Kugel) Kontrollverlust / Leichtsinn / Übermut / Selbstüberschätzung Lernen und Zufriedenheit / Out-of-the-Box Hier noch einmal die Interpretation der verschiedenen Zonen im Trichter mit der rotierenden Kugel: Lern-Zone / Wachstums-Zone / Risiko-Zone / Mut-Zone FLOW / Selbstvertrauen wächst / Neue Erfahrungen / Selbstsicherheit steigt / Neue Fähigkeiten Komfort-Zone Gewohnheit / Sicherheit / Kontrolle / Routinen Akzeptanz-Zone Beginnende Reduktion von Gewohnheit / Sicherheit / Kontrolle / Routinen Frustrations-Zone Beinahe Verlust von Gewohnheit / Sicherheit / Kontrolle / Routinen Panik-Zone Lähmende Angst / Ohnmachtsgefühl / Hilfslosigkeit / Kontrollaussetzer Todes-Zone (entweder unten Herausfallen oder ober Herausschleudern der Kugel) Kontrollverlust / Leichtsinn / Übermut / Selbstüberschätzung Ergänzend hierzu an dieser Stelle noch ein paar Faustregeln zum Thema Lernen: ​Faustregel Nummer 1: Wer lernen will, muss auswählen. Das Wichtige vom Unwichtigen trennen, sich aufs Wesentliche konzentrieren – das ist der erste Schritt zum Lernerfolg. Statt immer mehr Details anzusammeln und sich im wahrsten Sinn zu verzetteln, ist Mut zur Lücke gefragt. Wie viel Stoff genug ist, hängt von vielen Faktoren ab – etwa von der verfügbaren Zeit und der eigenen Begabung. Orientieren Sie sich am besten an anderen, die das gleiche Lernziel verfolgen wie Sie (das ist übrigens ein nützlicher Nebeneffekt von Studienzirkeln und Lerngruppen). Faustregel Nummer 2: Wer lernen will, muss verknüpfen. Nichts, was wir uns neu aneignen, steht isoliert für sich. Jedes Datum, jede Vokabel, jede wissenschaftliche Theorie und jeder Tanzschritt fügen sich ein in das, was wir schon kennen oder beherrschen. Wie in einem riesigen Netzwerk knüpfen wir beim Lernen Beziehungen zwischen Dingen (assoziatives Lernen), die zunächst nichts miteinander zu tun hatten. Und weil dem Ideenreichtum hierbei kaum Grenzen gesetzt sind, ist unser Gedächtnis potenziell unerschöpflich. Der Fundus an vorhandenem Wissen entscheidet mit darüber, ob und wie Neues hängen bleibt: So können Menschen, die bereits viel gelernt haben, weitere Inhalte meist leichter behalten; sie haben schlicht mehr Anknüpfungspunkte. Auch für das Gedächtnis gilt: Wer hat, dem wird gegeben! Faustregel Nummer 3: Wer lernen will, muss vergessen. Selbst Gedächtniskünstler vergessen viel. Ausmisten ist für das Gehirn unvermeidlich, wenn es neue Informationen aufnimmt, denn das Gedächtnis ist keine starre Datenbank, sondern ein lebendiges Netzwerk. Aktuelles verdrängt darin Altes, Erinnerungen verblassen, kehren zurück und werden bei jedem Abruf etwas anders gespeichert. Um dieses ständige Reorganisieren des Wissens zu unterstützen, sind zwischen lernintensiven Phasen regelmäßige Pausen und Müßiggang angebracht. Auch im Schlaf wirft unser Gedächtnis Ballast ab. Faustregel Nummer 4: Wer lernen will, muss fühlen. Emotionen sind mit Lernprozessen eng verwoben. Es kann uns nicht nur ziemlich wurmen, wenn wir wieder eine Telefonnummer vergessen haben oder uns das spanische Wort für Briefmarke (sello oder estampilla) nicht einfällt. Mancher entwickelt regelrecht Angst davor, sein Gedächtnis könnte ihn im Stich lassen – und blockiert dann umso eher. Um dem Blackout vorzubeugen, gilt es, möglichst positive Gefühle mit dem Gelernten zu verbinden. Das mag bei Paragrafen oder binomischen Formeln mitunter schwerfallen, doch es gibt fast immer einen Weg, sich das Lernen angenehm zu machen: Etwa spielerisch als Quiz, gemeinsam mit anderen oder indem man sich den praktischen Nutzen vor Augen führt. Spaß und Aha-Erlebnisse sind häufig unterschätzte Zutaten für den bekömmlichen Lerncocktail. Schnüren wir das Wichtigste zum Schluss noch einmal handlich zusammen: Reproduzieren bringt mehr als passives Durchnehmen. Auch wenn es Mühe kostet, es lohnt sich: Eigene Erklärungen suchen, Zusammenhänge nachvollziehbar machen, mit anderen darüber reden! Emotional geht’s leichter. Wer mit Freude lernt, profitiert davon oft mehr als von ausgeklügelter Didaktik. Leider lässt unser Bildungssystem dies immer noch zu häufig außer Acht. Gelernt ist noch nicht erinnert. Um an erworbenes Wissen heranzukommen, sollte man den Ernstfall schon beim Lernen proben. Üben Sie, auch bei Stress konzentriert zu bleiben. Und wenn das alles nichts nützt, tragen Sie es am besten mit Humor. Wissen ist zwar bekanntlich Macht, aber nichts wissen macht … na, Sie wissen schon. Leistungsbereitschaft & Leistungsfähigkeit ​Setzt man Spitzenleistung als Anspruch und möchte immer wieder FLOW-Zustände erreichen, so gelten folgende Herausforderungen: Anforderungen über Normal Immer wieder „Out of the Box“ und den „inneren Schweinehund” überwinden „Out of the Box“ auch in Sachen Kreativität Ein Schritt mehr, anders, höher, besser als es meinen aktuellen Fähigkeiten und Kompetenzen entspricht („Plus 10 Effekt”) Pain and Pleasure / Fordern kann auch schmerzen aber umso lindernder wirkt das Glück nach der Zielerreichung und der Schmerz ist bald vergessen Überschreitungen von Begrenzungen und gedachten (eingebildeten) Rahmenbedingungen Lernprozesse mit positiven Emotionen koppeln Wichtig hierbei: Spitzenleistung hat damit zu tun, dass die einzelne Person seine Möglichkeiten immer wieder übersteigt, also bestehende Rahmen sprengt. Offenbar ist der Auslöser hierfür stärker eine Frage der Einstellung/Haltung (mental/Mind Set) als der objektiven Fähigkeiten (rational). Der Glückseffekt wird nach Sprengung des Rahmens immer erreicht, wobei sich der Anspruch fortlaufend steigert (Box wird grösser). FLOW = "out of the box" in Serie! Motivation wird schrittweise gefördert. Leistungsbereitschaft & Leistungsfähigkeit ​FLOW und äußere / innere Motivation Den Out-of-the-Box-Effekt (Glück, Zufriedenheit und hoher Lerneffekt) wird sowohl durch innere als auch äußere (sinnvoller Druck von aussen) Motivation erreicht Das gleiche gilt für das Erreichen von FLOW-Zuständen Beide Motivationsarten sind daher wichtig Spitzenleistungen erfordern aber innere Motivationskomponenten (intrinsische Motivation) Gehirn und Limbisches System ​Das limbische System spielt bei der Emotionsregulation und damit auch bei Lernprozessen eine wichtige Rolle. Daher lohnt sich ein kurzer Blick in dieses System. Das limbische System besteht aus verschiedenen Hirngebieten, denen gemeinsam ist, dass sie evolutionär gesehen alt und überwiegend in emotionale Kontrollprozesse eingebunden sind. Da Emotionen für das Gedächtnis von besonderer Bedeutung sind, sind limbische Strukturen auch für die Kontrolle des Gedächtnisses wesentlich. Zusammengefasst kann es als ein System aufgefasst werden, das den Organismus in die Lage versetzt, seine Bedürfnisse (angezeigt durch Emotionen) mit der gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Umwelt in Einklang zu bringen. Zum limbischen System, in dem einige Strukturen kreisförmig angeordnet sind, gehören folgende Hirngebiete (siehe Folie 51): Amygdala Hippocampus Fornix Cingulum (Gyrus cinguli) Corpora mamillare Septum Bulbus olfactorius. Zum mesolimbischen System (also in der Mitte liegend) werden folgende Strukturen gezählt: accumbens präfrontaler Assoziationskortex (hier besonders der Orbitofrontalkortex und der ventromediale Präfrontalkortex). Die mesolimbischen Bahnen bestehen aus dopaminergen Faserprojektionen (Neurotransmitter zur Signalübertragung ist Dopamin) vom ventralen Tegmentum (im Mittelhirn) in den Kortex und in die limbischen Strukturen. Insbesondere der Nucleus accumbens wird als wichtiges Gebiet für die Vermittlung von Belohnung aufgefasst. Gelegentlich wird diese Struktur auch als Belohnungs- oder Glückszentrum bezeichnet. Gehirn und Limbisches System ​Kurz zum limbischen System zusammengefasst: Das limbische System besteht aus der Amygdala, dem Hippocampus, der Fornix, dem Cingulum (Gyrus cinguli), den Corpora mamillare, dem Septum und dem Bulbus olfactorius. Zum mesolimbischen System werden Nucleus accumbens und präfrontaler Assoziationskortex (hier besonders der Orbitofrontalkortex und der ventromediale Präfrontalkortex) gezählt. Gehirn und Limbisches System ​Belohnungssystem Auf Folie 53 ist linke die schematische Darstellung des Belohnungssystems im menschlichen Gehirn. Es arbeitet mit dem Neurotransmitter Dopamin, der im Hippocampus das Lernen beschleunigt und im präfrontalen Cortex die Kapazität der Informationsverarbeitung (Arbeitsgedächtnis) steigert. Dopamin bewirkt zudem im Nucleus accumbens eine Aktivierung von Neuronen, die Endorphine im Frontalhirn freisetzen, was mit positiven Emotionen einhergeht und Lernprozesse noch zusätzlich intensiviert. Der Nucleus accumbens ist eine Kernstruktur im unteren (basalen) Vorderhirn, die im bauchseitigen (ventralen) Teil der Basalganglien die Verbindungsstelle zwischen Putamen und Nucleus caudatus (den beiden Bestandteilen des Corpus striatum) bildet. Er besteht aus einer Schalenregion („shell“) sowie einer Kernregion („core“). Der Nucleus accumbens spielt eine zentrale Rolle im mesolimbischen System, dem „Belohnungssystem“ des Gehirns, sowie bei der Entstehung von Sucht. Das mesolimbische System fördert durch Glücksgefühle das Verstärken bestimmter Verhaltensmuster, die mit Belohnung in Verbindung stehen. Rechts auf der Folie 53 ist auf einer Magnetresonanztomographie (MRI) die Aktivierung des Nucleus accumbens nach der Verabreichung einer zuckerhaltigen Flüssigkeit nach eine